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Full text of "Germania"

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HANDBOUND 
AT THE 



UNIVFRSITY OF 
TORONTO PRESS 




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GERMANIA. 



YIERTELJAHRSSCIIRIFT 



FÜR 



DEUTSCHE ALTERTHUMSKUNDE. 



HERAUSGEGEBEN 



FRANZ PFEIFFER 



VIERTER JAHRGANG. 




#/*7. 



WIEN. 

VERLAG VON TEXDLER & COMP. 

POiZELBKRfiEh & FROMME. 

1859. 



3ooS 
(3¥ 






INHALT. 



Seite. 

Der Koseiigartu. Von Kai'l Haitscli 1 

Ortsnamen auf -arnn, -arin. Von Ignaz Petters 34 

Zur schwäbischen Sagenkunde. III. Bodman. Von Ludwig Uliland 35 

Zu den vier Dialogen von Hans Sachs. Von E, L. Roch holz 97 

Zur Gudrun, Von Franz Gärtner 106 

Zu Reinhard Fuchs. Von C. Höfler 109 

Ins Gras beißen. Von I. V. Zingerle • 112 

Konrad von Würzburg. Erwiderung. Von Heinrich Denzinger 113 

Die deutschen Appellativnamen. I. Von Wilhelm Wackernagel 129 

Haus, Kleid, Leib. Von L. Tobler 160 

Über Hartmann von Aue. Von Franz Pfeiffer. 1. Zum Erek . , 185 

Gedicht auf den Zauberer Virgilius. Von Karl Bartsch 237 

Zur Legende vom h. Nicolaus. Von Demselben 241 

Bruchstück einer Passion des XII. Jahrh. Von Demselben . . 245 

Über den Zauberer Virgilius. Von K. L. Roth 257 

Zum Titurel. Von Franz Pfeiffer 298 

Zur Räthsellitteratur. Von Karl Bartsch . . . 308 

Nibelungen. Handschrift k. Der Nibelunger Liet. Von Adolf Holtzmann . .315 
Künzelsauer Fronleichnamspiel aus dem Jahre 1479. Im Auszuge mitgetheilt 

von Hermann Werner 338 

Zwei Lieder auf Albrecht Achilles. Von Karl Bartsch 361 

Kleine Mittheilungen. Von Felix Liebrecht: 

1. Brautlauf . . ■ 371 

2. Zu Reinhart Fuchs . '. 371 

3. Eine englische Priamel ,. • . . . 373 

4. Eine schwedische Maistange 374 

5. Das Grab und seine Länge 374 

Über deutsche Ortsnamen. Von Ignaz Petters: 

1. Ortsnamen mit dem Stamme tegar 376 

2. Ortsnamen mit huvil 376 

Die Insel der Nerthus. Ein historisch-antiquarischer Versuch. Von Karl Maack385 
Der deutsche Parzival, der Conte del Graal und Chrestiens Fortsetzer. Von 

Alfred Rochat 414 



IV INHALT. 

Zum Nibelungenliede. Von Friedririi Zarncke: Seilt 

1. Kuore und -rike 421 

2. Zu Lachmauns Ausgabe der Klage ... • 431 

3. Zu Laclimanns Varianten 433 

4. Weiteres zu meinen „Beiträgen" • 435 

Sante Margareten marter, herausgegeben von Karl Bart. seh . 440 

Zu der Thüring. Chronik des Johann Rotiie. Von Reinliold Becbstein. . . 469 
RosenblüLs Disputaz eines Freilieits mit einem Juden. Von Keinhold Köhler . 480 
Zur Gudrun. Von Wiiheim Ludwig Hol 1 and 4.39 



LITTERATUR. 

K e e e ii s i o n e n : 
Heinrich Fischer, NibcluugcMiicd oder Nibelungenlieder V Von Franz Stark . . 115 
Deutsche Kechtssprichwörter, gcsainini^It und erläutert von .1. 11. Hillcbraiid. 

Von Demselben • 117 

Vier Dialoge von Hans Sach.'^, herausgegeben von R. Köhler. Von Fedor Bech 117 
Fr. Schönvverth, aus der Oberpfalz. 1. 2. Theil. Von I. V. Zingerle . . .123 
K. Simrock, die Nibelungenstrophe und ihr Ursprung. Von K. Bartsch . . . 124 
Neidhart von Reuenthal, herausgegeben von M. Haupt. Von K. Bartsch . . 247 
Der Spiegel deutscher Leute, herausgegeben von Julius Ficker. Von H. Siegel 25] 
J. Ficker, über die Eutstehungszeit des Sachsenspiegels etc. Von Demselben 251 
Jahrbuch für romanische und englische Litteratur, herausgegeben von F. Wolf 

und A. Ebert. Von K, Bartsch 377 

Die Edda, herausgegeben von H. Lüning. Von Franz Stark 383 

Speculum ecclesiae, altdeutsch, herausgegeben von J. Kelle. Von Fedor Bech . 493 
La vie de la vierge Marie de Maitre Wace, suivie de la vie de S. George (publie 

par Victor Luzarche). Von K. Bartsch 601 



Im Verlage der Unterzeichneten ist soeben erschienen : 

GERMANIA. 

VIEETELJAHRSSCHRIFT 

FÜK DEUTSCHE ALTERTHUMSKUNDE. 



HERAUSGEGEBKN 
VON 



FßANZ PFEIFFER. 



VIERTER JAIIRGAiNG. 

ERSTES HEFT 



INHALT: Der Rosengarten. Von Karl Bart. seh. — Ort.snamen auf - ariui , - arin. 
Von Ign, Petters. — Zur schwäbischen Sagenkunde. III. Bodman. Von Ludwig 
Uhland. — Zu den vier Dialogen von Hans Sachs. Von E. L. Rochholz. — 
Zur Gudrun. Von Franz Gärtner. — Zu Reinhard Fuchs. Von C. Höfler. — 
Ins Gras beißen. Von I. V. Zingerle. — Konrad von Würzburg. Erwiderung. 
Von Heinrich Denziuger. — Litteratur : Receusionen von Bartsch, Bech, 
Stark und Zingerle. 



Die Germania, die mit dem gegenwärtigen Hefte ihren vierten 
Jahrgang beginnt , hat in den drei Jahren ihres Bestehens auf dem 
Gebiete der altdeutschen Litteratur immer festern Boden gewonnen 
und allmälich einen ansehnlichen Leserkreis um sich versammelt. Sie 
darf mit um so größerer Befriedigung darauf hindeuten, als die Aus- 
sichten bei Gründung des Unternehmens keineswegs ermuthigend 
waren. Denn wenn auch allgemein zugegeben wurde, daß der Betrieb 
der deutschen Philologie, wie er im Laufe der letzten Jahrzehnte 
sich gestaltet hatte, ein verkehrter, und daß eine Umkehr auf dieser 
Bahn dringend nöthig sei, so schien doch auf der einen Seite die 
unverholene Abneigung gegen jeden Widerspruch und jede Neuerung 
zu mächtig und fest gewurzelt, auf der andern die Gleichgültigkeit 
und Missachtung dieser Studien zu weit gediehen, als daß ein Unter- 
nehmen, das sich die Befreiung der deutschen Alterthums Wissenschaft 
von den, ihren Aufschwung hemmenden Fesseln und ihre Wieder- 
belebung und Verbreitung in weitere Kreise zur Aufgabe machte, 
auf sichern Erfolg rechnen durfte. 



In der That hat es, theils an besorgten, theils an warnenden 
Stimmen nielit gefehlt, die da meinten, ein neues Organ könne neben 
dem schon bestidienden nicht emporkommen, oder es werde schwer 
haheii , die ertorderliehe Anzahl tüchtiger Mitarbeiter zu gewinnen 
u. s. w. Zum Glück haben sich alle diese Weissagungen als trüge- 
risch bewiesen. Es hat sich vielmehr in ei'freulicher Weise heraus- 
gestellt, einmal, daß der Sinn für Unabhängigkeit und freie Forschung 
in der gelehrten Welt gottlob noch nicht gänzlich erstorben ist, und 
dann, daß es den Gebildeten unseres Volkes an Empfänglichkeit für 
die Ei-kenntniss der Vorzeit keineswegs fehlt, daß die Liebe zu 
unserm Alterthum nur geschlummert hat und deshalb der Wieder- 
erweckung fähig ist, sobald man ihr in rechter Weise entgegen 
zu kommen sich bemühen mag. 

Die Leser haben bald erkannt, daß die in der Ankündigung der 
Germania dargelegten Grundsätze nicht wie so häufig bloße, als Lock- 
speise hingeworfene Worte sind, sondern daß der Herausgeber redlich 
bemüht ist, seine Versprechungen auch zu halten und durch die 
That zu erfüllen. Derselbe ist indess weit entfernt, sich das Gelingen 
als sein Verdienst anzurechnen; denn, obwohl an selbstloser, aiif- 
opfernder Liebe zur Wissenschaft hinter Keinen zurücktretend, ist 
er sich doch nur zu deutlich bewusst, daß er ohne die entgegenkom- 
mende und ausdauernde Theilnahme und Unterstützung Anderer 
nichts vermocht hätte. Diese ist ihm, was er mit dankbarem Herzen 
anerkennt, in reichem Maße zu Theil geworden. Männer von aner- 
kanntem Namen, Jacob Grimm und Ludwig U hl and voran, haben 
die reifen Früchte ihres Geistes und ihrer Gelehrsamkeit, eine große 
Anzahl jüngerer Gelehrten die Erstlinge ihres Fleisses und Strebens 
in der Germania niedergelegt, und keiner der im Prospectus genann- 
ten Zweige der Altertliumskunde ist unberücksichtigt geblieben : die 
Sprache, der Glaube, das Recht, die Sitte, die Litteratur und ihre 
Geschichte, alle haben in größeren Abhandlungen oder kleineren 
Aufsätzen Beleuchtung, Aufklärung und Bereicherung erfahren. An 
Manigfaltigkeit, Reichthum und Gediegenheit des Inhalts werden sich 
die drei ersten Jahrgänge der Germania jedem ähnlichen Unterneh- 
men kühn an die Seite stellen dürfen. 

Aus dem reichen Inhalt mögen hier nur einige der größern und 
wichtigern Aufsätze namhaft gemacht werden. 

Sprach- und Namenforschung. Über die zusammengesetzten 
Zahlen. - Q ist hv. — Die Schrift des H. Wolf De Orthographia 



Germanica. — Über das deutsche Duodecimal-System. — Regiert die 
Präposition mit den Accusativ? — Deutsche Namen des Katers. 

— Zur und su. — Participium pra^sentis bei Krankheiten. — Über 
die Eigennamen im Parzival. — Über einen Fall der Attraction. — 
Das Großhundert bei den Gothen. — Min im Vocativ. — Über 
germanische Personennamen 1 — 14. — Die alid. Pr8eterit:i. — Der 
deutsche Instrumentalis. — Beiträge zur Kenntniss der thüring. Mund- 
art im 15. Jhd. 

Mythologie, Sitten- und Sagenkunde. Zur schwäbischen 
Sagenkunde. 1. Die Pfalzgrafen von Tübingen, 2. Dietrich von 
Bern. — Die Trojasage der Franken. — Das altd. Sonnenlehen. — 
Zur Mythologie und Sittenkunde in Pommern. — Die Heimath der 
Eckensr.ge. — Die Ruthe kü.isen. — Die Personennamen Tirols in 
Beziehung auf deutsche Sage und Litt. -Geschichte. — Eomaer und 
Heming. — Die Sage vom Schwanritter. — Zwei Gespielen. — Die 
Sonnenwende im deutschen Volksglauben. — Zur deutschen Helden- 
sage. I. Sigmund und Sigeferd. — Rath der Nachtigall. — Die dank- 
baren Todten und der gute Gerhard, — Die Nibelungensage. 

Alterthümer, Recht, Geschichte. Der Gunzenle, — Über 
das Alter des Germanennamens in der Litteratur. — Der Bukarester 
Runenring. — Hlid. Scelp. Drep. 

Litteraturgeschichte. Kaspar von der Roen. — Über das 
Bernische Geschlecht der Boner. - — Beiträge zur Novellenkunde, — 
Über die Quelle des deutschen Alexanderliedes, — Das Beowulflied. 

— Zu Isidor. — Der Dichter des Annoliedes, — Herboit von Fritzhir 
und Benoit de Sainte-More, — Über Bernhard Freidank. — Job. 
Lauremberg. — Über Hugo's von Trimberg Leb"n und Schriften. — 
Alberic von Besancon. — K. Heinrichs IV. Lieder. — Über Garel 
vom blühenden Thal von dem Pleier. — Über Gottfried von Straß- 
burg. — Wolfram von Escheubach und Chrestiens von Troyes. — 
Konrad von Würzburg. — Wolfrain von Eschenbach und Guiot von 
Provins. 

Denkmäler, Textkritik, Metrik. Die alten Glossare. — 
Ein Spiel von St. Georg. — Bruchstücke des Nibelungenlieds. — 
Die metrischen Regeln des H. Hesler und Nie. von Jeroschin. — 
Wernher vom Niederrhein und der wilde Mann. — Das Märe vom 
Feldbauer. — Lachmanns mhd. Metrik. — Der Strophenbau in der 
deutschen Lyrik. — Über Muspilli, — Zu den altdeutschen Gesprä- 
chen. — Lieder Herz. Joh. I. von ßrabant. — Der Weinschwelg. 



Sprüche deutscher Mystiker. — Über ein geistliches Schauspiel des 
15. Jhd. — Meistergesänge des 15. Jhd. — Predigtmärlein. — Die 
Prager Hs. der „Erlösung", u. s. w. 

Beiträge haben bis jetzt geliefert: 
J. Kachlkchner, K. Bartsch, F. Bech, R. Bechstein, K. W. Boüteewek, 
J. DiKMER, ü. K. Frommann, K. Goedeke, B. Greife, F. K. Geieshabee, 
J. Grimm, A. Hoefer, C. Hofmann, Hoffmann von Falleesleben , W. L. 
Holland, A. Holtzmann, K. Janicke, J. Kelle, A. v. Keller, R. Köhlee, 
H. KuEz, F. Liebrecht, H. F. Massmann, K. Maurer, W. Menzel, W. MtJLLEE, 
R. V. Raumer, M. Rieger, A. Rochat, E. L. Rochholz, M. Rodler, K. L. 
Roth, A. Schulz (San-Marte), C. F. v. Staelin, F. Staek, M. v. SitJELEE, 
A. ToBLER , L. Uhland , Th. Vernaleken , W. Wackernagel , F. Zaencke, 

I. V. Zingeele. 

Dieser große Kreis von Mitarbeitern ist in stäter Erweiterung 
begriffen , eine Reihe gediegener Abhandlungen liegt bereits in den 
Händen des Herausgebers und es darf die Versicherung gegeben 
werden, daß der neue Jahrgang in keiner Weise hinter seinen Vor- 
gängern zurückbleiben wird. 

Es ergeht daher an alle Freunde des deutschen Alterthums die 
Bitte, das Unternehmen, das jetzt schon in mehr als einem Betracht 
als der Mittelpunkt der altdeutschen Litteratur und Sprachforschung 
betrachtet werden darf, auch fernerhin zu unterstützen durch zahl- 
reiche Betheiligung und Verbreitung der Zeitschrift in weitere Kreise. 



Von der Germania erscheinen jährlich vier Hefte von je 8 Druck- 
bogen, im Formate und in der Ausstattung dieser Ankündigung. 

Der Preis des Heftes ist 25 Sgr. oder 1 fl. 25 kr. öst. W. oder 
1 fl. 32 kr. rhein. 

Alle deutschen Buchhandlungen des In- und Auslandes nehmen 
Bestellungen an. 

WIEN, im April 1859. 

Tendier & Comp. 

(Pvtzelberger & Fromme.) 



Druck von Friedrich Manz iu Wien. 



DEE EOSENGAETE 



HERAUSGEGEBEN 
VON 

KARL BARTSC^H. 



Die Pommei'sfelder Papierhanclsclirift des vierzehnten Jahrhun- 
derts in 4. (nr. 2798) enthält auf Bl. 101 — 128 eine Bearbeitung des 
Rosengartens , die von den bisher bekannten Rccensionen abweicht, 
und weil nicht umfangreich, sich zum Abdrucke in dieser Zeitschrift 
wohl eignet. Sie folgt unmittelbar nach dem Luarin , der auf 
Bl. 11 — 101 steht, und den ich im Anzeiger für Kunde der deutschen 
Vorzeit, 1858, Sp. 5 — 7, besprochen habe. Von der Handschrift 
hat Bethmann in Haupts Zeitschrift 5, 370 kurze Nachricht gegeben 
und den Inhalt verzeichnet. Die Überschrift lautet : hie liehet sich 
ane der rosen garte. Die letzten neun Blätter des Gedichtes sind 
verbunden und gehören in folgende Ordnung: 127, 121, 122, 123, 
124, 125, 126, 120, 128. Der Schluß fehlt. Sämmtliche Stücke der 
Handschrift sind in Thüringen geschrieben, einige auch in Thüringen 
verfasst. Der Rosengarten zeigt in dieser Bearbeitung keine Spur 
thüringischer Heimath. Aber eine Hinneigung zum Niederdeutschen 
ist nicht zu verkennen : der eine Reim blöt (:= bloz) : röi 779, 80 
weist sogar auf ein niederdeutsches Original, wenn die Stelle unver- 
dorben ist. Außerdem zeigt sich ein paarmal im Reime nieder- 
deutsches e für i in legen (zu ligen) : erwegen 515, 16. ane gesegen : 
irioegen 645, 46. Ferner i für ie in hi : hü 783, 84 ; auch der Reim 
lieht : nieht 691, 92. 821, 22 oder Uht : niht gehört dahin; endlieh 
für u in son : da von 559, 60, wenn ich den mangelnden Reim 
richtig ergänzt habe. Aber auffallend ist es, in so wenigen Reimen 
Niederdeutsches oder Hinneigung zum Niederdeutschen wahrzuneh- 
men; die übrigen Reime können ebensogut hochdeutsch sein. Kein 

GEIIMANIA IV. J 



2 KARL BARTSCH 

einziger freilich, der nicht auch niederdeutsch sein könnte. Die son- 
stigen Reiniungenauigkeiten beweisen weder für noch gegen nieder- 
deutsche Abkunft. Für VoIJcer : sioer 603, 4 könnte man leicht str 
lesen, aber G25, 26 steht auch Walther : wer im Reime, min : M 
(— hie) 587, 88 ist wolil nur fehlerhafte Überlieferung; vgl. D 1630 
bis 32. Nicht selten reimt ä : a, gegän : man 169, 70. man : hdn 
27, 28. 481, 82 : gdn 31, 32. ; hestan 415, 16. 500, Ol. 721, 22. 
844, 45. hestan : an 87, 88. clan : getan IIb, 76. nndirtän : marcman 
270, 71. Von consonantischen Ungenauigkeiten begegnet am häu- 
figsten m : w; dan : lohesam 361, 62. hdn : lohesam 395, 6. man : nam 
541, 2. an : lohesam 515, 6. 838, 9. samt : geioant 215, 6; 258, 9. 
; lant 241, 2. 263, 4. ; Hildehrant 286, 7. 337, 8. 842, 3. ; ivtgant 
322, 3. : hant 427, 8. Außerdem nocli die folgenden : degen : gegeben 
411,2. : gehen 413, 4. 417,8. : lehen 435, G. 451,2. hreit : Dletleip 
223, 4. gut : sliic 773, 4, 809, 10. heval : man 675, 6; und bei 
doppelter Consonanz geioant : dranc 763, 4. irclanc : hant 641, 2. 
dranc : loant 805, 6. kint : Kerlinc 65, 6. 

Einigemal zeigt sich iin Reime Abwerfung eines e nach langer 
Wurzelsilbe am Ende des Wortes : daz rtch : lohelich 239, 40. ; Die- 
terich 331, 2. 705, 6; ferner im Plural die arm : härm 495, 6. 
erweite wigant : lant 251, 2; im Präter. schwacher Verba hrächt : 
gedacht 467, 8; und im Adverbium vast : glast 615, 6. Dazu ver- 
gleiche man die gekürzten Dative an dem Hin : gestn 15, 16. 
manegem loigant : di lant 108, 9. hi dem Ein : mm 400, Ol. 408, 9. 
von Tenemarc : starc 529, 30. mit swi schilt : Kriemhilt 561, 2. 
w?.er für maere steht in männlicher Cäsur 30. Diese Verkürzungen, 
von denen, die Dative auch bei niederdeutschen Dichtern häufig, die 
übrigen Fälle selten vorkommen (vgl. Anm. zum Crane 754), gehören 
einem oberdeutschen Bearbeiter vom Ende des dreizehnten oder 
Anfang des vierzehnten Jahrhunderts. Diese Umarbeitung des nieder- 
deutschen Originales macht es auch erklärlich , daß nur so wenig 
sichere Spuren des Niederdeutschen übrig geblieben sind. Mit der 
gegebenen Zeitbestimmung trifft eine andere metrische Eigenthüm- 
lichkeit überein , die im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts schon 
vorbereitet, erst gegen das Ende des Zeitraums zu allgemeinerer 
Geltung kommt. In der klingenden Cäsur braucht der Dichter ur- 
sprünglich stumpfe Reime (zweisilbige Wörter mit kurzem Wurzel- 
vocal) , die durch Verlängerung des Wurzelvocals zu klingenden 
werden; so vor t in gesniten 16t, striten 642, reten 751; vor s in 



DER ROSENGARTE. ö 

rese 445, i-esen 412, 488; vor g in geiregen 343, siegen 446, GIO, 
612, wenn man nicht hier überall umstellt 7nit siegen tingeviigen ; 
zage 779 ; vielleicht auch vor m in samet 280^, wo man indess besser 
zesamene liest. Ein paarmal habe ich gegen die Hs. geändert, vgl. 
491. 762. Diese unorganische Verlängerung begegnet ebenso bei 
ober- wie bei niederdeutschen Dichtern jener Zeit. 

Was die Behandlung des Verses und der Strophe betriift, so 
war an eine consequente Durchführung nicht zu denken, zumal, da 
aus der Beschaffenheit der Handschrift nicht zu erkennen war, in 
wieweit der Dichter noch die Eigenheiten der alten epischen Strophe 
kannte oder befolgte. Die Hs. giebt gar keine Strophenabtheilung; 
ich habe demgemäß auch nicht abgesetzt, sondern wo ich Strophen 
zu erkennen glaubte, sie nur durch einen großen Anfangsbuchstaben 
bezeichnet. Die im Drucke bezeichneten Absätze finden sich auch 
in der Handschrift. Ich zweifle nicht, daß das ganze Gedicht ur- 
sprünglich strophisch abgefasst war, aber in der unvollständigen Form, 
in der diese Hs. es überliefert, Avar die Strophe nicht herzustellen. 
Fraglich ist, ob der Dichter der achten Halbzeile vier Hebungen 
gab, oder nur drei nach jüngerer Weise. Wo es ohne schwierige 
Änderung des Textes thunlich war, habe ich vier Hebungen ange- 
nommen; freilich musste ich auch oft genug in zweiter, vierter, 
sechster Halbzeile vier Hebungen stehen lassen. Einigemal zeigen 
sich Reime in der Cäsur^ theils vollkommene, wie 505 — 508. 561. 
562. 651. 652, theils unvollkommene, wie gewinne : stimme 469, 70. 
gegangen : lange 473, 4. cronen : schone (besser crone) 852, 3. Viel- 
leicht ist auch 735, 36 Inreim anzunehmen, indem man irholgen für 
irzornet schreibt (doch vgl. C 1798, 99) und 266, 67 würde der 
Inreim schone : hone (:=: kiiene) zu den niederdeutschen Nachklängen 
gehören. Inreim findet sich auch 111, 12 bei weiblichem Ausreim; 
doch liest man lieber 

ich wil iu beide nennen die ich liän erkorn, 

ir muget si wol erkennen, die degen hochgeborn. 

Der Dichter braucht einige Reime, die unhöfisch sind. Neben 
erlaubten rührenden Reimen , wie geseit : unverseit 272 , 3. wesen : 
geivesen 278, 9, hat er schiet : schiet 543, 4. weder : iveder 801, 2. 

In der Strophenabtheilung, die ich angedeutet, fällt mit dem 
Schlüsse der Strophe fast immer der Schluß des Satzes zusammen 

1* 



4 KAKL BAKTrfClI 

(nur in 404, 405 geht der Sinn in die folgende Strophe liinüber); 
auch hat die aclite Halbzeile meist vier Hebungen. Einige Strophen 
sind unvollständig, resp. einige haben zwei Zeilen zu viel. 

Die Darstellung der Sage in der Pomniersfelder Bearbeitung 
weicht, wie ich schon bemerkte, von den bisher bekannten in man- 
chen Stücken ab. Sie zeigt dieselbe Unvollständigkeit und Nach- 
lässigkeit der Überlieferung, die sich auch im Texte kund gibt. 
Am meisten stimmt sie mit der Recension D bei W. Grimm, nament- 
lich in den zwölf Kämpfern auf beiden Seiten. Bei der Aufzählung 
der rheinischen Helden, D 169—186, stimmt die Reihenfolge der 
ersten fünf genau mit P 61 — 66, die übrigen folgen in etwas ver- 
änderter Ordnung, auch mit ABC stimmen die vier ersten; die 
Abweichungen in den übrigen Namen sehe man bei W. Grinnn 
S. IX fg. Auch die Namen von Dietrichs Helden, die P 113 — 132 
aufgeführt werden, stimmen zu D 281—292 (vgl. 619-632); die 
Abweichungen der andern Recensionen siehe bei Grimm S. XIV fg. 
Die Vertheilung der Kämpfer P 301 — 332 ist ebenfalls wie in D 
1039 — 1078, aber unvollständig, denn statt zwölf Paare zu nennen, 
zählt der Bearbeiter nur neun auf; es fehlen Walther und Volker 
auf Seite Gibichs, Ilsan und Dietrich von Griechen unter Dietrichs 
Helden ; letzterem ist in D bei der Vertheilung wie auch nachher 
im ^yirklichen Kampfe Herbart zugetheilt ; auch nach P kämpft Her- 
wart, wie er hier heißt, mit Dietrich von Griechen, bei der \'erthei- 
iung aber fällt ihm Hertinc zu, ein Irrthum, der durch eine nach 
327 anzunehmende Lücke von vier Zeilen zu erklären ist. Ein Paar 
von den Kämpfern, die in D den übrigen Einzelkämpfen voraus- 
gehen und nachher nochmals kämpfen, Reinolt und Sigestab, wez'- 
den auch in P bei der Aufzählung (67 116) erwähnt, treten aber 
gar nicht handelnd auf; der Kampf, den sie bestehen, fehlt ganz — 
ein neuer Beweis für die Unvollständigkeit der Überlieferung in P. 
Die einzelnen Kämpfe stimmen sonst genau mit D, nur Volker und 
Ilsan, Herwart und Dietrich von Griechen, Walther und Hertinc 
stehen anders als in D eingereiht. Wie diese Kämpfe zu den übri- 
gen Bearbeitungen stimmen, siehe bei Grimm XL fg. Nächster 
Zusammenhang zwischen D und P kann demnach nicht geleugnet 
werden, doch thäte man Unrecht, P als einen bloßen Auszug oder 
eine Überarbeitung von D zu bezeichnen. Ich will im Folgenden 
die wesentlichen Abweichungen beider Recensionen, sowie einzelne 
Übereinstimmungen namentlich mit C bemerken. 



J^ER ROSENGAKTE. 5 

Gleich der Eingang zeigt einige Verschiedenheit. Ein paar 
Zeilen stimmen wörtlich, D 27 — 30 rr: P 1 — 4; aber P ist dm-ch 
Miss verstand entstellt, es muß gelesen werden ein kilnec was gesez- 
zen ze Burgonden ricJi. In der Schilderung des Gartens trifft P mit 
A in der Erwähnung der Fahne zusammen. Verschieden von D, 
wo Gibich einen Boten an Etzel sendet, erfährt dieser in P von dem 
Rosengarten durchs Gerücht und entschließt sich freiwillig zur Fahrt 
nach Worms, In D sucht Etzel den Dietrich auf, in P besendet er 
ihn und Hildebrand. Klarer als in D tritt das Verhältniss des Briefes 
hervor, der nicht an Etzel, sondern an Dieterich gesendet ist (vgl. 
W. Grimm XXVI). Im Einzelnen stimmen wieder D 71, 72 nr 
P 23, 24; D 79, 80 zi P 29, 30; D 82 =: P 31 ; D 83, 84 z= 
P 33, 34; D 97—100 = P 35-38; D 105—108 = P 47—50; 
D 161, 1G2 zu P 55, 5ß, wo aber, statt hundert kemendten in D, 
nur fünfzig erwähnt werden, D 169 — 174 zz P 61 — 66 u. s. w. 
Alphart, den P 261 nennt, ist nach D 205 auch in P 97 herzustellen; 
dagegen fehlen die Zwischenreden von Eckehart und Heime, ferner 
das Auftreten von Amelolt und Uote, die in D hier eingeschoben 
werden. Wohl ursprünglicher als in D schließt sich in P sogleich 
die Fahrt zum Mönch Ilsan an; auch daß Dietrich und Hildebrand 
allein und ohne Gefolge , das D , wenngleich ohne Anführung von 
einzelnen Namen, kennt, nach Isenburg reiten, scheint ältere und ein- 
fachere Fassung. Abweichend von D ist auch die Dauer der Fahrt; 
in D konunen sie am fünften, in P erst am vierzehnten Morgen zu 
Ilsan. Die Verwünschungen der Mönche hinter dem abziehenden 
Ilsan , die alle Recensionen kennen, fehlen in P allein. Den Spott 
Wolfharts über den mitgebrachten Mönch, sowie die Versöhnung 
beider durch Hildebrand, hat P mit C D gemein. Die Ankunft der 
Helden an Etzels Hofe, ihr Empfang bei Horche, ihre Ausrüstung 
und ihr Abschiednehmen fehlt in P, wo das Heer, das 14,000 Mann 
stark ist, in zwanzig Tagen, wie in D, nach Worms konnnt und 
Lager aufschlägt. Auch Ilsans Kampf mit dem Fergen fehlt, was 
zu A B stimmt. Die Sendung Rüdigers ist in P 254 — 285 kurz 
behandelt; mit D gemein hat P 286 ff., daß Hildebrand zu Gibich 
gesendet wird, um die Kämpfer zu vertheilen. Die dazwischen fal- 
lende Begegnung Reinolts und Sigestabs fehlt in P ganz. Die Ein- 
mischung Wolfharts und Hildebrands Antwort ist P 337 — 344 eigen- 
thümlich , so wie auch im folgenden 345 — 364 P allein steht. Erst 
bei 367 treffen D und P wieder zusammen. 



6 KARL BARTSCH 

Wir kommen nunmehr zu den einzelnen Kämpfen. 

1. Hagen und Wolfhart ist P 3G5 — 392 mit C D gemein, im 
Einzelnen stimmt P ebenso zu C als zu D. In P siegt keiner von 
Beiden , sondern die gleichkämpfenden werden durch Kriemhilt 
getrennt. 

2. Asprian und Witich, allen vier Darstellungen mit P gemein- 
sam. In allen wesentlichen Stücken stimmt P 393 — 462 mit D ; 
auch in P stellt Witich die Bedingung, daß ihn Rüdiger waffne, 
aber ohne daß von einer Sühne zwischen beiden die Rede ist. 
Einige Verse sind in P zu bessern ; 394 lies 

von Trongen Hagen, umbe den ist mir entriuwen leit 

— D 1288; in P 449 ist nach D 1253 hcdsperc für arspel zu 
lesen. 

3. Strütän und Heime, hier stimmt P 463 — 492 ziemlich genau 
mit D. 

4. Den Kampf zwischen Stütfuz und Dietleib haben P und D 
allein, im Wesentlichen und auch in einzelnen Versen übereinstim- 
mend. Die fehlenden Halbzeilen in P 507^ 508 werden nach D 
1137, 38 zu ergänzen sein (vgl. auch P 535). 

diu sper si zebrächen, ir krachen daz was hei, 
ir zorn si beide rächen, die recken also snel. 

Den Namen von Dietleibs Schwerte hat uns P 509 allein, wenn 
auch entstellt, erhalten ; nach den Zeugnissen in W^. Grimms Helden- 
sage 16. 280 heißt es Welsnnc. 

5. Günther und Frute, ebenfalls nur in D und in P 517 — 544, 
aber in P wieder ungleich kürzer. Den Zug, daß Frute von Gün- 
ther seines Erbes beraubt ist, kennt P gar nicht. Einzelne Verse 
stimmen zu C, wo Gvmther den Kampf mit Amelung besteht, C 1597, 
98 = P 520, 22; C 1600, Ol r= P 523, 24. 

6. Gernot und Rüdiger; ein Kampf, den P 545 — 562 mit C D 
gemein hat, mit größerer Hinneigung zu D. Vers 546 ist nach D 
1452 zu ändern : die tuont im den tot. Zwei Zeilen hat P mit C 
gemeinsam (vgl. W. Grimm S. LIII), C 1554, 55 zi P 547, 48. 
Die Zwischenscene, in der Kriemhild die Jungfrau schlägt, kennt P 
nicht, weil sie auch von jenem Zuge der Milde Rüdigers nichts 
weiß. 



DER ROSENGARTE. 7 

7. Herwart und Dietrich von Criechen, nur in P 563—582 und 
in D, wo es der achte Kampf ist. Daß Herwart getödtet wird, geht 
aus P nicht hervor, aber es scheint eine Strophe am Schlüsse zu 
fehlen (vgl. P 582 mit D 1558). 

8. Volker und Ilsan, hat P 583 — 624 mit C D gemeinsam. Den 
Namen von Ilsans Schwerte Rose (P 590. 618^, den sonst Otnits 
und Dietrichs Schwerter führen , hat P allein. Das Herumwalzen 
Ilsans in den Rosen, das in C fehlt, haben P und D, aber in P 
mangelt das Zwiegespräch des Mönches mit Kriemhilden. Einzelne 
Verse stimmen auch hier mit C, C 1466 — 68 ^ P 583—585; 
C 1470, 71 = P 587, 88; C 1474 z= P 589; C 1477 = P 591 ; 
C 1486 = P 595; C 1488 = P 598 ; C 1494, 95 = P 607, 08; 
C 1504, 05 = P 611, 12; C 1511 = P 609. Daß Kriemhild die 
Kämpfer scheidet, ist in P nicht gesagt, hier entflieht Volker zu den 
Frauen ; doch fehlt nach 624 etwas, wenigstens eine halbe Strophe. 

9. Walther und Hcrtinc , in D der siebente Kampf, den nur D 
und P iiaben. Nach beiden Darstellungen bleibt der Erfolg des 
Kampfes unentschieden , aber die Worte stimmen fast gar nicht 
überein. 

10. Den Kampf Siegfrieds mit Dietrich haben alle vier Recen- 
sionen, A B C D, und P 649—828, wo der Schluß fehlt. Die Ein- 
leitung stimmt zu A B ( W. Grimm S. XLIV) , der übrige Verlauf 
im Wesentlichen zu C D. V^iele Verse hat P mit D gemeinsam, 
aber auch mit C; vgl. C 1657—59 mit P 652—654; (J 1664—68 
— p 661—64; C 1670—72 = P 667—69; C 1676, 77 = P 670, 
72; C 1687. 1767 =r P 722; C 1691 = P 684; C 1696—99 zz 
P 693—96; C 1718-23 = P 699—704; C 1728, 29 = P 705, 6; 
C 1744, 45 r= P 675, 6; C 1748, 49 m P 711, 12; C 1784—93 
= P 725—34; C 1798, 99 = P 735, 36; C 1802—07 = P 737-42; 
C 1808—11 = P 651—654 u. s. w. 

11. Gibich und Hildebrand, in allen Redactionen. In P fehlt der 
Anfang des Kampfes; eigenthümlich ist dieser Bearbeitung der Zug, 
daß Etzel auf Dietrichs Rath dem König Gibich sein Reich lässt. 

Eine kritische Ausgabe des Pommersfelder Textes zu geben, 
lag nicht in meiner Absicht, ich halte mich daher, unbekümmert um 
die ursprüngliche Mundart, an den thüringischen Text der Hand- 
schrift ; nur einige sprachliche und metrische Berichtigungen rühren 
von mir her. 

ROSTOCK, November 1858. 



8 KARL BARTSCH 

Ein konic was gesezzen zu borge edel und rieh, 

der was creheizen Gibeche: daz wizzet sicherlich. 

der hatte einn rösengarten dirzogen bi dem Rin : 

[her jach] swer ime den zubreche, des diner wolde her sin. 
5 Wer aber daz her dem selben mit strite gesiget an, 

der solde im mit dinste wesen undirtän. 

des [garten] hüten zwelf recken bederve unde gut, 

edel unde riebe unde da bi hoch gemüt. 

Di hatten eine vanen di was so breit, 
10 da durch ginc ein strich, der was einer eile breit. 

anderhalp ein strich, der was von silber wiz. 

ir sullet rechte merken, dar ane lac grozer vliz. 

Do worden dem konic Etzel di mere kunt getan: 

do samte sich der forste und gewan virzen tüsent man. 
15 also her wolde riten zu Wormz an den Rin : 

dö konde kunig Gibeche liberez niht gesin. 

Etzel tetez kunt dem Bernere, nach deme sant er ze hant, 

her bat in mit im riten : im was ein brief gesant. 

Ditherich und Hildebrant quamen zu hove gegän: 
20 si enphinc konic Etzel unde manic beder man. 

Her bat si mit im riten zu Wormez an den Rin, 

des wolde her sicherliche sin diner ummer sin. 

do gewerte in her Ditherich und meister Hildebrant: 

si gingen balde dannen da her di recken vant. 
25 Her Ditherich von Berne in siuen sal ginc : 

üf stunden di recken, wie schöne man in enphinc ! 

her sprach 'nu sitzet stille, min vil werden man, 

und höret gröze mere der ich üch vil zu sagen hän. 

Hört ir heren alle, mir ist ein brief gesant, 
30 daz nie so wundirliche mer sint kumen in die lant.' 

her hiz sinn scribere balde vor in gan. 

'nu höret, lieben herren unde ouch vil werden man. 

Ich wil hi vor bitten, daz ninian von uns ge : 

nu leset ane, meister, waz an dem brieve ste.' 



2. geyhich, immer. 3. eynen. 4. wer. 5. den. 8. rieh. 10. stric. 13. eytiel' 
14. wohl do besaute sich der fürste mit vierzeu t. m. 16. libors. 20. kong 
eczit. 24. danne. 30. mere. 31. sinen. 33. ayinaiit. 34. de b^u^e ste. 



DER ROSENGARTE. 

35 'Si Iczet lieh sere grüzen min [juncjfrou Krimliilt, 
her Diterich von Berne^ daz ir üwcrn schilt 

füret zu Wormez an den Rin, 

helt trotz, ab ir torret: so sprach daz megetin.' 
Ditherich von Borne htz den boten sagen, 

40 Var iimme torste ich in nicht dar tragen? 
leset ane, meister, wer da si di meit, 
di mir inpoten hat irn trutz, alse ir mir hat geseit.' 
'Ir vater heizet Gibeche und ist ein kunic rieh.' 
'den selben ich wol dirkenne' sprach dö her Diterich. 

45 'ir brüder heizet Günther [und] der ander Gernot: 
leset ane, raeister, waz uns di meit enpöt.' 
'Do vleiz sich min vrouwe, wil si ein kint was, 
sie hatte einen garten, dar inne ein grünez gras, 
mit müren und mit zinnen, einr halben mile breit: 

50 hei waz der anger rösen unde schöner blümen treit. 
Iz get in den garten wunderlichez wilt, 
ich wene daz in rösen so schön ni wordc gespilt. 
des [garten] hüten zwelf recken der aller künsten man, 
daz man in der werkle ir gelich nicht vinden kan. 

55 Funfzic kemenaten, als uns der brief nu seit, 
heizet dar in büwcn di minnecliche meit. 
si mac iz wol volbrengen, sist ein kunginne rieh.' 
'nu leset uns von den zwolven' sprach dö herre Diterich. 
Dö sprach der scribere 'ich wils üch nicht vordagen, 

60 wolt ir ir namen hören, ich kans üch wol gesagen. 

der erste heizet Gibeche und ist mis [allen] wol bekant: 
von dem mer biz an den Rin ime dinen wite laut. 
Der ander sin son Günther, [der ist] ein degen unvorzeit, 
daz dritte sin son Gernöt, von dem man wundir seit. 

65 daz virde daz ist Hagene, Alriänis kint, 

daz vunfte daz ist Walther, geborn von Kerlinc. 



35. iuncfrouwe. 36. Herre her. 37. füret noch ziir vorigen Zeile. 40. Wa- 
ruine torste ich in niclit dar füren Ich torste in noch wol dar tragen. Vielleicht 
ist zu lesen war uinbe torste ich in niht dar füeren unde tragen. 42. iren. also 
mir. 43. 45. Ire. 44. da. 47. wile daz sy. 49. o.yner. 52. ynic. worden. 
54. ire glichen. 57. vorbrengen. sy ist eyn kuneginne. 59. da. G5. Hagin. 
alloriauis. 



10 KARL BARTSCH 

Daz sechste daz ist Reinolt, ein clegen eislich, 
daz sibende daz ist Stutfüz, ein degen freislich : 
derst undir sinen ongcn einr dünnen eile breit. 

70 daz achte daz ist Ilazvart, ein degen unvorzeit. 
Daz niinde daz ist ein rise, der heizet Asprian, 
der treit zwei swert in einer scheiden, da met her vechten kan. 
daz zende daz ist ein rese, her heizet Strütan, 
dem sint di Prüzen an daz mer dorch vorchten imdirtÄn. 

75 Daz elfte daz ist Volker von Altesheim genant, 

vrowen Krim bilden s wester son, vor einen vedeler bekant. 
Der zwelfte daz ist Sifrit geborn von Niderlant, 
der treit der zwelf swerte ein, daz ist Palnumc genant: 
her ist euch mangem recken in strite wol bekant. 

80 daz sint die zwelfe von dem Rin, di habe ich üch hie genant.' 
'Wes ist in nü zu mute adr wes hänt si gedacht, 
daz si so mangen recken hän zu samen brächt? 
vrou Herche bi dem Rin gewan ni so mangen degen : 
sagä ane, scribere^ wes sullen die zwelfe phlegen?' 

85 'Ir sult zwelf kisen die ir zwelfen sint gelich.' 

^waz suln die da schaffen?' sprach do her Diterich. 

'do sal er iclicher den andern bestän : 

ir habet sin ummer ere, gesegent die uwer den zwelfen an.' 

'War urame sul wir vechte?' sprach do her Diterich. 

90 'ich gehorte bi minen geziten ni botschaft so wundirlich.' 
'swer dort geseget, herre, der müz gewert sin, 
in küsse di meit Krimhilt und gitm ein rosen crenzelin.' 
'Nu küsse si der tüfel' sprach Wolfhart, 
'raac ich mich behviten, ich kume nunimer an die vart. 

95 iz höret manger gerne von den rosen sagen, 

er mochte liber da heime ein [aide] rüsen vor ein schapel tragen.' 
'Du wilt daz man dir vlehe' sprach Wolfhart, 
'du wolles ader enwolles, du müst an di vart." 



69. Eyner dune eile] lies dümelle Pfeiffer. 7 1 . asspan. 7 2. do met. 74. biz an. 
76. vrouwen Kiimhilde. vii ist vus vor. genant. 78. palinut. 79. manchm. 
81. adir wez haben. 82. manchen riehen recken. 83. vrouwe. gewan nach 
de)- Cäsur. 85. ircu. 86. sullen. 88. geseyge dy uwern zcwolffe De eren 
zcwelfen an. 89. worvme sulle. 90. geherte. ny nach der Cäsur. 91. geseyget. 
92, kussz. gebit yinc. 97. vle. 98. wolles addir wolle. 



DER ROSENGARTE. 11 

her sprach 4ch vare gerne mit mim hern svvar ich sol. 
100 ich hübe gern hi heirae, ich enpöre ir kussens wol. 

Doch sage ich rieh vor war, swi mir dort geschieht, 

ich enpere gerne ir kussens, ader ir kamphis nicht.' 

Do sprach zu sirae herren der aide Hildebrant 

'wir suUen boten sende wit in di lant, 
105 daz wir ouch zwölfe kisen di iren sint gelich.' 

'so suln wirz nicht sümen' sprach dö herre Diterich. 

Do liz er wite senden boten in di lant 

nach den künen Wolfingen und nach manegem wiganl. 

si qua,men dar vil schire : dö ginc [der aide] Hildebrant 
110 vor hern Diterichen und sprach zu im zuhaut 

'Ich hän beide dirkorn, di wil ich ücli nennen, 

si sint degen höchgeborn, ir muget si wol irkennen. 

ich sage dir vor war, ich wel [selbe] der erste sin. 

daz ander sistu selbe, vil liber herre min. 
115 Daz dritte si Wolfhart, ein sneller jungelinc, 

daz virde si Segestap, der kumet an den rinc. 

daz fünfte [si] von Tenemarken ein kunec der heizet Fnlt, 

daz sechste si Rudier, ein degen hoch gemüt. 

Daz sibende si Hertinc ein konec von Rüzen lant, 
120 und ist von vrouAven Heichen her zu uns gesant. 

daz achte daz si Heime, derst so recht üz irwegen, 

daz uünde daz si Witeche, ein freislicher degen. 

Daz zende si von Crichen der schone Diterich, 



125 Der elfte si von Stiren Ditleip ein sneller degen, 

der helt wil ouch striten die wile her hat daz leben, 
also hän wir elve so rechte lobelich.' 
'wä vinde wir den zwelften?', sprach dö herrre Diterich. 
'Der ist uns leider zu verre' sprach meister Hildebrant, 

130 'iedoch wil ich suchen da ich bi wilen vant, 
er ichn da heime lize, den monch Hsän : 
und ratet i'z, herre, er müz üz sime clöster gän. 



99. myme liern wor. 100. enpere irs. 101. gschit : nit. 102. ires kam- 
phis. 106. sullen. 108. deme. mancheme. 117. kunig. 120. Hes der ist. 
heychen. 121. hachte. der ist. 122. wichich. 131. ich in. Ilsam gewöhn- 
lich. 



12 KARL BARTSCH 

Do sprach von Bern her Diterich 'und mochte iz werden Wcir, 
her hat in sinie chjster gelegen wol zwenzic jur. 

135 sold ich en gote enpherren, dem her sich hat gegeben, 
ich hete sin unimer sunde, vorstörte ich im sin leben.' 
'Wizzct ir' sprach Hildebrant 'waz üch niiu bruder swur, 
do min bruder Ilsan in sin closter vür? 
er gelobte üch eine reise und swurs üch einen eit, 

140 er woldc üch sin ummcr zu einer hervart bereit.' 
^Sö wil ich nilch im riten' sprach dö her Diterich. 
do liz er sin ros brengen der recke lobelich. 
in dem virzenden morgen, [imd] ein liitzel da vor, 
dö quamen si geriten zu Isenborc vor daz tor. 

145 Dö clophet an di phorten meister Hildebrant: 
Diteiich von Berne (piam nach im gerant. 
her fürte selbe sinen schilt und was ein forste her: 
wan her unde Hildebrant, den zwen volgte niman mer, 
Plildebrant clopht an die phorten : 'balde ht mich in, 

150 ich wil in descme closter ein predeger bruder sin.' 
'warte vor di phorten, warte wer da si.' 
'da vor holt ein alder man, der hat am schihle wolfe dri.' 
'Wäfen' sprach der monech 'daz ist [min bruder] Hildebrant. 
waz Schildes vürt der ander, hastü daz icht bekant?' 

155 'daz ist ein starker junger man, der fürt einen lowen, 
ich gehört vor deseme hvise niman so vil gedrowen, 
noch bi minen geziten niman so torsteclich.' 
'her mac iz wol volbrenge, iz ist von Bern her Diterich.' 
Dö ginc kein der phorten der monich Ilsan, 

160 gewäpent in di ringe, di slappen trüc her an, 
ober sin bein gesniten zwo dicke gräwe hosen. 
her ginc kein der phorten : her wolde die mere selbe losen. 
'Benedicite, bruder' sprach meister Hildebrant. 
'nu füret dich der tüvel' sprach [bruder] Ilsan zu hant, 

165 'daz du [nu] järlanc wilt riten undir [dines] strites dach, 
du sezes [vil] baz da heirae und hettes din gut gemach. 



13G. hettp. 139. er geloubete. swur iz vch. 140. umraer fehlt ; vgl. 174. 
143. da wer. 145. cloyphet. 147. selber immer. 148. volgete nymant. 
149. cleyphet. laz. 152. der hat an sinie schilde schöner wulffe liii. 153. woffen. 
156. huz. gedrainven. 161. zcw. 



DER EOSENGARTE. 13 

'Icli tote, ab man mich lize,' sprach meistcr Hildcbrant. 
'ich wil nach rösen riten, man Init nach mir gesant, 
ein edel kuniginne, icli wil zir hochzit.' 

170 '\z schinet wol^ her brüder min, daz ir ein aldir ture sit.' 
'Die rede lä Avir blibe' sprach meister Hildebrant, 
'ich wil dich laze wizzen, war umme min herre ist her gerant. 
her mant dich einer reise, du swüre im einen eit, 
du woldes ume ummer sin zu einer hervart bereit.' 

175 Du antwort im in zorne der monich Ilsän 
'ich weiz wol die gelobede, di ich han getan, 
hi in diseme lande wel ich ein hervart var: 
wil her zu verre riten, ich kanz wol bewar.' 
'Volge uns balde' sprach do her Diterich, 

180 'lezes du uns [alj eine, daz were unweidclich.' 

'herre, ich volge üch gerne,' sprach do monech Ilsan, 
'ich blibe gerne hi heime, woldct ir mis irlan.' 
'Wolde wir dis habe irlan, so hete wir deser reise enporn.' 
'vorne lif min houbet tiiscnt blaten geschorn, 

185 ich sage üch, herre von Borne, her muz gar manhaft sin, 
der mit mir sal vechten: her let mir wol daz crenzelin.' 
'Ich wil dis wol geloube,' sprach do her Dieterich, 

'daz man den Wolfingen des siges dort jach. 
190 nu volge dise reise und habe vorbaz gut gemach.' 
'Ich wil lieh einez rate' sprach brüder Ilsitn, 
'heizet die samenunge alle vor üch gan, 
swi mir dort gelinge, daz si mich wider enphän. 

195 Do quam di samenunge und di brüderschaft: 

si wünschten im alle heiles und sinr geselleschaft. 
do sprach zur samenunge von Bern her Diterich 
'neniet irn niht widere, ich vorburne. üch sicherlich.' 
Do sprachen di monche alle 'daz ist im unvorseit. 



169. knnegin. zcu irre. 171. laz. 173. swirs. 174. woldes vme sin. zcii 
eyncr. 176. gelebede. ISO. Iczzes du. 182. wolt. 184. do sprach ilsain der 
monich vorn etc. etira swie vorne uf min houbet sin tiiacnt blaten geschorn. 
gescheru. 185. mauhaftig sy. 186. lezzet. 189. v/olffinge. 197. zcu der. 
198. wider. 



14 KARL BARTSCH 

200 daz irn uns enpherrct, daz si gotc gecleit. 

nü hat dit clöster des mannes ummer fromen : 

her si lebende odir tot, her ist uns willekomen.' 

'So ben ich bereite' sprach brüder Ilsän, 

'ich truwe wol daz mich iman torrc [vrolichen] bestfin.' 

205 In dem virzenden morgen, do erlüchte der tac, 
du quämen si zu Berne da manic recke lac: 
sunder Wolf hart eine in eime fenstcr stünt 
und warte vremder mere, also lüte dicke tünt. 
Her lulp sich zu den recken, zu eime her dö sprach 



210 



'du salt nicht lenger slafe, min herre hat ein monich bracht, 
mich hat michel wunder, wes her da mete ha gedacht.' 
'Spotcs du?' sprach Witeche. 'nein, vornira min wort, 
wilt dus nicht gloube, so söcht en al dort.' 

215 junge unde aide di herren alle samt 

iclicher suchte selbe ein * * gewant. 
Dorch die borcphorten was in allen gäch, 
sunder Wolfhart eine, der sleich in alles nfich. 
do si in enphingen, si sprachen alle glich 

220 'sit willekome von Berne hci-re her Diterich. 
Wir solden üch enpha,hcn, meister Hildebrant: 
waz woldet ir des monches gefürt in daz lant?' 
'waz wizzet ir, her monich?' sprach [der küne] Wolfliart. 
'berichtet lich und büzet unde vart üwer vart. 

225 Ich wil mit keime monche rüme dese lant.' 

'lä dir in nicht vorsmahen' sprach meister Hildebrant. 
'wer ist der recke junge?' sprach brüder Ilsan. 
'hern laze mich mit gemache, ich wil in an den backen slan.' 
'Daz lobe ich' sprach Wolf hart. kein ime trat her zorneclich. 

230 'du bist gar ungefüge,' sprach do her Diterich. 
'weste ich wer her were,' sprach der monich dö, 
'der mit siner hochfart strebet also ho.' 
'Wolt irs mir geloube, her wirt üch wol bekant, 
herst Wolfhart Amesiges kint,' sprach meister Hildebrant. 



203. bereyt. 205. her luclito. 207. Sundern. alleyne. 208. tun. 
213. witich. myne. 215. jung vn alt. 218. Sundirn. alleyne. 220. willekom. 
221. enphan. 22G. vor sman. 228. her. 231..woste. da. 234. her ist. 



DER ROSENGAETE. 15 

235 'nu nirizo dich got goseine' sprach brüder Ilsan. 

^veter, icli nicht mcr zoi'nc, ich wil mich zornes irhui.' 
'DI rede lä wir blibe' sprach mcister Hildebrant. 
Svlr sullen uns bereiten zu Wormez an daz Laut, 
wir sullen uns nicht sünie, ir helde lobelich.' 

240 do quamen si In zwenzig tagen zu AVonnez an daz rieh. 
Do si quamen an den Ein, si dirl)eizten üf daz laut, 
ir gezelt si üf slügen die herren alle sant. 
Etzel der vil riebe quam mit Ditei'iche dar, 
her fürte mit Im zu strite eine vil breite schar. 

245 Do sprach der konic Etzel 'gedenke an, Hildebrant, 
ich hän brächt vierzen tüsent Hünen In daz lant: 
üz den saltu kisen zwelf der künsten man, 
daz man in der werkle Ir gelich nicht vinden kan.' 
[dl die zwelf von dem Rine turren wol bestän.] 

250 Her sprach 'ich hän zwelf recken brächt in daz lant, 
die kunnen cle decken, erweite wigant.' 
do sprach der konIc Etzel zu herren Diterich 
'wir sullen einen boten haben zu der mcit minneclich.' 
Do sprach der von Berne, dei- was unvorzelt, 

255 'so sende wir Rudegeren, der eren cronen treit.' 
do sprach der margreve 'ich habe le hören sagen, 
swen man zu frouwen sendet, der sulle liche cleider traaeu.' 
Do liz der konic Etzel bereite ein rieh gewant, 
Iz was mit edelm gesteine beslagen alle sant. 

2G0 alse der margreve leit an dl riehen cleit, 

her und der junge Alfart riten über die beide breit. 
Do si quamen zu dem garten, sl dirbeizten vif daz lant, 
dl ros si zeiner linden heften beide sant. 
ober den schonen juncfrouwen swebete * * 

265 sl grüzten den margreven gar vil tugentlich. 

Do sprach ein meit schone ^[l>elt] ir sit uns unbekant, 



236. weterc ich. 237. lazo. 243. quam nach der Cusur. 245. an 
du getruvver H. 246. recken vn hune. 247. vz den allen, zwelffe der aller k. 
248. irn glichen. 251. denken. viT sint vzzerwelte. 252. hern. 253. eyn. 
255. der der eren. 257. trage. 258. richc. 259. daz achte man an tusent 
marg. iz waz. etc. samt. 260. Also. rych. 263. zcu cyner. heyften. samt. 
264. frouwen? 



16 KARL BARTSCH 

seit uns, rittcr künc, wer hiit ücli herc gesant?' 

Do sprach der margreve gar vil tugentlicli 

'ich dine von den Hünen Ezel dem konege rieh 

270 und miuer frouvven Herchen bin ich undirtän: 
ich heize von Bechelären der milde marcman.' 
'Helt, von dinen tugenden ist mir vil geseit, 
wiltu der [zwelf] koneges tochter ein, di ist dir unvorseit.' 
gnädcl, edele kunigin' sprach der [milde] marcman, 

275 'di wal hat got und di schone met er valschcit widirtan.' 
Orlob nam der margreve um einen mitten tac, 
dö dachte her zu Berne dCi manic recke lac. 
do wolden si der mere lenger nicht gewesen, 
'ich bin hüte ime paradise gewesen. 

280 Ir hcrren alle samet, sint ich recht sal jen, 

der kamph wil in dem garten vor fünf hundert meiden gesehen, 
so ist der vrouwen Krimhilt di gewalt gegeben, 
sweme si daz bescheidet, der behelt wol sin leben. 
Des sint zu varn gereite, ir degen hochgemut, 

285 und lazet üch nicht vordringen : daz dunket mich gut.' 
Do sprach der kunic Etzel 'gedenke an, Hildebrant, 
rit zu dem kunege Gibeche und zu den recken allen sant. 
bit in daz her der nenne sine zweit' degen : 
so salt du dich mit zweiten hin kegen wegen.' 

290 Orlob nam do Hildebrant unnn einen mitten tac, 
her gächt zum rosingarten da manic recke lac. 
do enphingen in Walther [und] Sifrit von Niderlant, 
do enphingens in gemeine, den alden Hildebrant. 
[niman siner züchte an im do vorgaz.] 

295 Do sprach der kunic Gibeche 'bis wilkora, Hildebrant, 
sagä an offenlichen, wer hat dich here gesant?' 
do sprach meister Hildebrant gar vil tugentlich 
'daz hat kunic Etzel und ouch von Bern her Dieterich. 
Si beten daz ir in nennet üwer zwelf degen, 



269. do vil kouige. 27 5. error valschet vndirtan. 278. nilit langer äne 
Wesen? 279. in de. 280. Irn hern. samt. 281. gesche. 284. Daz. gcreite 
fehlt. 286. au dy tniwe H. 287. allen samt. 289. heym keyn. 290. da. vITic. 
291. zcu de. do. 292. siuerid. 293. enphingen sy. 294. nymant. im do fehlt. 
295. willekom. 296. ane. 



DER ROSENG ARTE. 17 

300 so sal ich mich mit z weifen hin gegen wegen.' 
dö sprach kunec Gibeche 'ich wil der erste sin 
vechten in dem garten vor der schönen tohter min. 
So bin ich in der maze vor hundert järn bekant.' 
'so wil ich dich bestän' sprach meister Hildebrant. 

305 'wer bestet mir Guntheren?' [her sprach] en bestet Frut, 

ein konec von Tenemarke 

'Wer bestet mir sinen brüder, der heizet Gernot? 

swaz der ie vacht mit recken, die lägen [alle] vor im tot.' 

'sint ich üch der mere wol bescheiden hän, 

310 den bestet von Bechelären der milde mavkman.' 
'Wer bestet mi Heinen den wütenden man?' 
[her sprach] 'en bestet Wolfhart, derst euch ein degen freissam.' 
'Wer bestet mir einen resen, her heizet Aspriän ? 
der treit zwei swert in einer scheiden, da mete her vechten kan. 

315 her vicht in dem garten und ist gar unvorzeit.' 

[her sprach] 'den bestet Witeche der Memingen treit.' 
[her sprach] 'Wer bestet einen resen, der heizet Striltän? 
dem sint die Prüzen an daz mer dorch forchten undirtän. 
den hän ich in mime hove wol siben jär irzogen.' 

320 [her sprach] 'den bestet Heime, der hat vir ellebogen.' 
[her sprach] 'Wer bestet Stütfuzen, derst gar ein wigant, 
her liat sechs und sechzc Wolfingen ane gesiget allesant. 
derst undir sinen ougen einr dünnen eile breit.' 
[her sprach] 'den bestet von Stiren der starke Ditleip.' 

325 [her sprach] 'Wer bestet mer Herwarten, derst gar ein küner man, 
herst grimmic sines mütes : wie wol her vechten kan ! 
der vicht in derae garten mit ellenthafter hant.' 
[her sprach] 'den bestet Hertinc ein konec von Rüzenlant.' 
[her sprach] 'Wer bestet mer Sivriden geborn von Niderlant? 

330 der treit der zwelf swerte ein, dast Palmunc genant, 

der hat gevochten mit beiden und Crichen in manegcm rieh.' 



300. keyn. 301. selber der erste. 302. Ich wil ouch vechten. vor] vö. 
303. iaren. 306. konig von tenemarg. 308. geuacht 311. mye. 312. der ist. 
316. meygen. 317. den h. 318. biz an. 321. der ist. 322. sechzeige, samt. 
323. der ist. eyner duüe eile] lies düraelle Pfeiffer. 324. steyrin. we.' 325. der 
ist. 326. her ist. 327. elent- 328. konig. 329. m^ siueriden. 330. daz ist 
palmut. 331. vnd mit crichem in mancheme. 

GERMANIA IV O 



18 KARL BARTSCH 

'ist her kuno, claz tut im not: den bestet von Bern her Diterich.' 
Orlop nam du llildebrant unim einen mitten tac, 
do gächte her zu Berne da, nianic recke lac. 

335 do enphingens in mit züchten den aklen grisen man. 

Svolt got west unser iclich, wer morne den andern solt bestän.' 
'Habet i mich nicht gewogen' [sprach Wolfhart] ome Hildebrant, 
so wizzet daz ich höre: daz wizzet allesant. 
er ir an mich vechtet in dem grünen cle, 

340 er wolde ich hehiie schroten, daz an dem oren tete we.' 
'Ja truwen .... sprach meister Hildebrant, 

'ich habe dich gewogen in dem grünen cle : 

der kan ouch helme scrote, daz an dem oren tut we.' 

345 Do richte man zu tische : ein ende nam der tac. 

der Berner saz zu tische: wie [wol] man der recken phlac! 
do beitten si mit sorgen daz in quam der tac: 
ein iclich küne recke des lebens sich gar dirwac. 

Als die sunne begonde schine, do blis nianz herhorn 
350 vor Gibeche dem kunege rieh und vor den forsten üz erkorn, 

und swer den schal dirhorte ubr al daz her breit: 

do worden di von dem Rin zu strite schiere bereit. 

Di drabeten üfz gevilde, vinster wart der melm. 

do sach man bi den von dem Rin vll raangen gezirten heim. 
355 ir rosse unde ir Schilde hattens guten fliz. 



Schilt harnas wapenrocke vor Ezel dem konege rieh : 
üf machten sich di recken und ouch [von Berne] her Dieterich, 
und swer den schal hörte ubr al daz her breit: 
360 dö worden di von den Hünen zu strite schire bereit. 
Si zogen vrolichen üf die beide hin dan, 
dö sach man bi dem von Berne mangen recken lobesam. 
frou Horche di milde sante di Hünen in di not : 
schilt harnas wapenrocke wären al von gokle rot. 

333. da. vrne. 334. goch hör do. 335. euphingen sy. 336. wolde got 
woste u. iclicher. solde. 337. ye. 338. samt. 340. 44. oru. 348. icliclier kune. 
349. Also, mau daz. 350. forsten lobesam. 351. vbir. 354. manchen. 
355. yrc ros. hatten sy. 356. 64. woppenrocke. 359. vbir. 362. manchen. 
363. frouwe. sante nach der Cäsur. 364. alle. 



DER ROSENGARTE. 19 

365 1/0 die lierren quamen so nahe daz ein den andern sacli an, 
di ros lifen in den garten : dö sweic ein iclich man. 
do hatte sieh gewci,pent Hagen imd quam dort her geraut : 
einen silberwizen schilt fürte der degen an der hant. 
Her fürte üf dem helme zwei guldine liorn : 

370 dö drabete her in den garten und rif mit grözem zorn 
'\\a ist nü Hildebrant, der getrüwer man, 
saga mer di mere, wer sal mich be^tan?' 
Vor der schar reit Hildebrant. 'wä ist nü Wolfhart?' 
der hilt bi dem von Berne, her was wol bewart 

375 undir einem baner rieh, daz was von golde rot: 
j6 her an alle vorhte drabte der helt in die not. 
Sin heim was gesteinet, her gap lichten schin, 
sin ros ginc in sprungen, wiz sam ein hermelin. 
si lizen zusamne löfen : also is uns geseit. 

380 di ros stizen sich zu tode under den recken unvorzeit. 
Ir snelle half in vonn rossen, undr Schilde si sich bogen : 
gar zornecliche zwei scharpfe swert si zogen, 
dö streten si mit ein ander di unvorzeiten degen : 
al di den strit an sähen, di beten sich beider gar dirwegen. 

385 Si slügen daz di schilde von ein andir vlogen, 
dö si dö krefteclichen di swert mit zorne zogen, 
si wunten beide ein ander, dazs säzen üf daz lant: 
von wunden und von müde intwichen in di schilde von der hant. 
Dö si gerasten ein wile, si liefen zusamen mit siegen : 

390 ur kein wolde dem andern den strit ni gegeben, 
üf stünt di schöne Krimhilt, si schit di zwene man. 
man wiste den künen Hagen von der beide dan. 

\)ö rif der kunic Gibeche 'Aspriän dir si gekleit. 



von Trongen Hagen unde den 



395 du bist der sterkisten ein so ich in irgen hän. 
dar an saltü gedenke, recke lobesam.' 

vor 365 Primi hagin vnde wolfhart. 365, quomen. eyne. sahen. 368. sil- 
bern. 369. heim, guldin. 370. groszeme. 37 6. drabete. 379. lofFen. iz. 
381. von den. vndir dy. 382. -lieh. zc\xe.j vor der Cäsur. scharffe. 383. dy 
zcweneu.d. 384. alle dy dys. ane. hatten, ir beyder. 388. müden. 389. eyne. 
390. den. 392. hageu vor der Cäsur. vor 393 Secnndi aspriani vn witich. 
394. von Cragen. 

2* 



20 KARL BARTSCH 

Aspriän leit an ein brunno, den heim her üf bant: 
also quam her in den garten der groze wigant. 
Svi nü Witeche trüt geselle min ! 

400 descn hän ich dir behalden hie bi dem Rin. 
Sestu dort einen resen, der heizet Aspriän, 
mit dem saltu stritc und salt en bestän,' 
do sprach der helt Witeche 'ir muget mir sagen, 
weder hän ich üch den vater ader üwer kint dirslagen, 

405 Daz ir mich wolt Vorräten wider den tuvelischen man ? 
wes saget i mich dem konege und heten en selbe bestän?' 
'neinä helt Witeche trut geselle min, 
j6 dankent diz die vrouwen hie bi dem Rin.' 
Do sprach Witich 'Hildebrant^ ich wil dir sagen, 

410 waz mocht mich lop gehelfe, wordich zu tode irslagen?' 
do sprach der kunic Etzel 'nicht Witich, küner degen, 
und geseges du den grözen rcsen, ein lant wil ich dir gegeben.' 
'Ich vechte nicht' sprach Witeche ein unvorzagter degen, 
'erslüge mich der rese, daz lant müst ich üch wedir geben.' 

415 swaz man ouch rette, her wolde sin nicht bestän, 
biz ume müsten vlehen alle des konges man. 
Do sprach der voit von Berne 'nicht Witich, küner degen, 
geseges du den grözen resen, min libez ros wil ich dir geben,' 
'trüwen' sprach do Witeche, 'wurde mir Schimnunc undirtän, 

420 wern der resen zwene, ich wolde si dar umme bestän. 
Ich wilz an niman läze wen an meister Hildebrant: 
geleibt mer der, so bin ich gwis und vecht mit ellenthafter hant.' 
do sprach meister Hildebrant 'Ditrich herre min, 
w^olt ir löse min trüwe, so wil ich borge sin. 

425 So wil sich Witich strites alrest hi dirwegen.' 

'ich löse dich' sprach Diterich der unvorzeiter degen, 
'ich vechte nicht' sprach Witeche : 'daz wizzet allesant, 
michn wäpen von Bechlären des milden Rudegeres hant.' 
Abc stcic der margreve, her wäpent in zuhant. 



397. an sich cyn bruiige, 398, her quam. 401. eyu. hezzet, 403. hilde- 
brant ir mngit. sage, 404. dein. 405. wollet. 406. ie. hetten en selber, 
407, ueyn. 410, mich ir lob, 411, die beiden Halbzeilen umgestellt. 413. vn- 
vorzcater. 414. dir] dirrc? 416. vleu. 418. gegeben. 420. dor vmme. 
421. nymaudcn. 422. gewiz. vechten. 427. samt. 428. mich woppen den 
von bechelarin. rudegers. 



DER EOSENGARTE. 21 

430 den heim im üf daz houbet vaste dö gebant, 

deu schilt im üf di ai-me 'got müze din ummer phlegen.' 
alrest ginc in den garten Witeche der degen. 
D6 quam her Aspriän, her hatte ein freislichen ganc, 
her was ober dem gortel zweiger cläfter lanc. 

435 do sprach Witich 'herre got, hilf mir armen degen, 
daz ich vor deseme rasen behalde min leben.' 
Si lifen zusamne mit siegen, sich hüb ein groz gedemer, 
als zwelf smede mit ir smiten Mern kumen mit ir hemern: 
der rese mit zwen swerten lief vaste Witegen an, 

440 daz Witich müste wichen zu ende des garten dan. 

*Trü\:en' sprach dö Hildebrant, 'du wiches lesterlich hin dan : 
Schimmunc mac mime herren noch lenger bi bestän.' 
daz erhörte Witeche, an den risen lief her zuhant, 
her traf in mit Mimunge unde slüc im abe die hant. 

445 Dö slüc en der rese, daz her vil üf di knie, 
mit ungefügen siegen der rise en nicht vorlie. 
üf spranc der helt Witeche, sin snellekeit dran schein, 
her lif abir an den resen unde slüc im abe ein bein, 
und slüc im abe ein arspel, als wir hören sagen, 

450 daz kein ros mocht so starc gesin, daz iz mochte irtragen. 
Uf stünt di schöne Krimhilt ^Witech, gip mer den degen.' 
her tet als hez niht hörte, biz her im nam daz leben, 
alrest stünt her üf höher 'vrou, wes hat ir gegert? 
wollet ir den resen, des sit ir von mir gewert.' 

455 Her ginc üz dem garten, sin swert was blütec an di hant. 
^gewert mich von Berne und vil getrüwer Hildebrant.' 
abe steic Diterich, daz ros nam her in di hant. 
her sprach 'nu nim hin, Witeche, küner wigant.' 
Uf daz ros saz Witeche, der degen lobelich, 

460 mit frölichem mute, her was menlich. 

'nu sal mir niman drouwen mit ellenthafter hant, 

ich trüwe im wol intrinne.' des lachte meister Hildebrant. 



434. obir den. 438. also, ireu smitten. iren. 439. harte W. an vaste. 
441. Witich du w. lesterliche. 442. hern. 443. her horte. 446. vor liz. 
447. dar an. 449. also. 451. sy sjorach witich. 452. also hez nicht en horte. 
453. hör. her sprach vrouwe. gebet. 454. wolt. 455. biz an. 461. nymant 
drauwen. 



22 KARL BARTSCH 

Do sprach der knnic Gibeche ^di si gecleit, Strutjui, 
umme Aspriänes tut, den ich vorlorn han. 

465 nu saltu mich rechen und den brüder din: 

des wil ich sicherlichen din diner unnner mere sin.' 
Uf stünt mit zorne Strütan, sin harnas man im brächt, 
her wäpnde sich vil balde, also her hatte gedacht. 
her wolde den sige gewinne, her ginc über di beide dan ; 

470 her rif mit grozer stimme Hiklebrant der wise man. 
'Wä nü geselle Heime, denk an di trüwe din, 
sestu einen resen, derst Hertinc von dem Rin. 
der komet dort her gegangen und wil in den strit: 
nu süme dich nicht lange, iz ist kumen dir di zit. 

475 Du Salt mit ime vechten mit ellenthafter haut.' 
'nu löne dir der von Berne , getrüwer Hildebrant. 
ich wänt min were vorgezzen : so bin ich genant.' 
her ginc in den garten^ her trüc einn grünn schilt an der haut. 
Da dorch ein strich von golde : da bi was her bewart : 

480 her fürte üf sirae helme ein bunten lepart. 
do quam geriten Strütän ein ungefüger man : 
an in lief do Heime, also ich vornumen hän. 
Si striten mit ein ander, dem risen niht gelanc, 
daz blüt allenthalben üf die blümen spranc. 

485 si striten mit ein ander ein vil lange stunt, 
daz si zu beiden siten sere worden wunt. 
Daz swert warf Heime umme, in einer kurzen zit 
stach her durch den resen: zugangen was ir stiit. 
Krimhilt was gesezzen, biz der [groze] schade was getan : 

490 do vil von der swere der ungefüge man. 

Heime ginc enwedere da her di Hünen vant, 
si inphingen liplichen den unvurzeiten wigant. 

JJö sprach der kunic Gibeche '[wa nü] Stütfüz ein jungelinc, 
wäpen dich vil balde und trit [ze strite] an den rinc' 
495 der fürte an sime helme ein silberwizen härm : 

her drabet üf daz gevilde : groz wären im di arm. 



vor 463 Tercij strutanj vnde heymee. 463. ai fehlt. 466. m^re fehlt. 
469. seyg. 471. gedenke. 472. der ist hertig. 476. der fehlt, vor. 47 7. woute. 
478. eynen grünen. 480. bunchen lowart. 487. vme. 491. en wedir. do. vor 
493 Quarti stutfus vnde dytheloib. 493. wu. 495. silbern, haru. 496. warn. 



DER EOSENGARTE. 23 

Hilclcbrant der aide rif ubir lant 

'wa nü von 8tiren Ditleip ein küner wigant ! 

sestu einen recken ? den saltü bestän.' 
500 'daz erget im hrite zu leide' sprach der unvorzeite man. 

Ditleip drabt in den garten, sin baner was von golde rot, 

ein panter von Stiren fürt der helt in die not. 

sin heim der was gesteinet, sin manheit schein dar an, 

im was lip daz mann meinte und reit unzagelichen dan. 
505 Di sper se begonden neigen, si riten ein ander an, 

si wolden ir craft bezeigen di zwcne küne man. 

di sper si [beide] zubrachen 

ir zorn si beide rächen 

Ditleip liz vallen di Weisenuge gut 
510 dem recken durch die stelin wat, daz dar nach schöz daz blüt. 

Ditleip der junge slüc im einen slac, 

daz im daz houbt ziu- erden viel : zugangen was sin tac. 

Ditleip in den steireif den füz balde swanc, 

in grimmegem zorne vif sin ros her spranc. 
515 do drabte her üz dem garten_, den resen liz her legen, 

der kunic sach im leide, her hete sich seges gar irwegen. 

JL/6 sprach der kunic Gibeche '[Günther] lä dir geclaget sin, 

Günther, Stütfuzcs tot [und] di groze swere min. 

gedenke, son lieber, hilte wol dar an.' 
520 do begonden alle trüren des koniges din.stman. 

Ane leit der konic Günther ein stelin gewant, 

den heim her ilf daz houbet faste do gebaut : 

den schilt vor di arme üf sin ros her saz. 

von golde ein lichte crone, sin gezimier was daz. 
525 Her fregte tugentlichen Ver sal mich bestan ?' 

do rif under di Hünen Hildebrant der wise man 

'wä nü von Tenemarken unvorzeiter Früt? 

sestu jenen recken, den konic hochgemut? 



498. 501. dytheleyb. 502. fürte. 504. man en meynet. vnvozzcaclichen dar. 
505. sy. 508. irn. 509. fo'es Weisungen. 510. stelen. 511. s\ug vor der Cäsnr. 
512. zcu der. 513. steyreyf. 516. hatte, vor 517 Qiiinti gunthcr vnde frut, 
517. laz. 518. gunther/eAZ^. stutfuz. 519. über son. 521. steylin. 524. ein 
geczuiner. 



24 KARL BARTSCH 

Mit dem saltii striten, der ist ein degen starc.' 
530 'der vortribe ouch mich' sprach Früt von Tenemarc. 

do drabte her von der menge, der degen hochgemut, 

her fürte daz morin houbet an sime schilde gut. 

Daz panier in der bände da stünt daz houbet an : 

do riten si zusamne die zwene küne man. 
535 di sper si beide zustächen, ir sehnst der was hei, 

iz wart irbeizet schire von den zwen recken sneL 

Do wart von in beiden crefteclich gestriten, 

si slügen üf ein ander, Gunthere nicht gelanc, 
540 daz blüt allenthalben üf di erden spranc. 

Uf stünt di schöne Krirahilt und schit di zwene man, 
Günther unde Früten : ir strit ein ende nam. 
die konigin den herten strit undir in beiden schit. 
der eine Avas ir brüder: dar umme si di recken schit. 

545 Y)d sprach der konic Gibeche 'wa nü helt Gernot? 

dines brüder wunden di trüren in den tot. 

di Salt du nu rechen, degen unvorzeit, 

wan man von dime strite singet unde seit.' 

Guntheres wäpen fürte Gernot an, 
550 vil gar tugentliche wäpen her sich began. 

als her quam in den garten, der forste wol bekant, 

do rief under di Hünen der aide Hildebrant. 

'Wä nü von Bechelären der milde raarcman? 

set ir jenen recken? den sult ir bestän.' 
555 her drabete von der menge, also man im gebot, 

gein dem jungen konege, der was geheizen Gernot. 

Di sper si beide zustächen mit ellenthafter hant, 

ir zorn was ungerochen, di swert si zogen zuhant. 

der margreve slüc im ein und ein dem jungen koneges son. 
560 zu den selben stunden intwichen her began da von. 

Do rante über di beide der margreve mit sim schilt: 

do schit die recken beide die kuneginne Kiimhilt. 



533. stuut ouch daz. 536. ir beizten, den fehlt. 537. creyfteclich. 
542. frut. 543. daz dy, 7iach schit folgt Also in korczer zeit, vor 545 Sexti 
gernot vn rudeger. 548. st^te. 551. also. 553. beclarin. 558. zcogen sy. 
560, da, von fehlt. 561. sime. 



DER ROSENGÄRTE. 25 

Do sprach der konic Gibeche 'Herwart, iz kumet an dich, 

nii rieh Gernödes wunden, di sere rüwent mich. 
565 die saltu nü rechen, degen unvorzeit: 

mir ist von diner manheit gröz wundir geseit.' 

Herwart quam in den garten, an sime schilde was 

von golde dri rösen : dö stünt her in daz gras. 

Svä nü von Berne Hildebrant, sege mir, degen halt, 
570 wer sal mit mir vechten adir wie ist her gestalt?' 

Lüte rif dö Hildebrant 'wä nü Diterich 

der junge von Crichen, ein recke lobelich? 

sestu einen recken, dtist der küne Herwart, 

mit dem saltu striten : du bist lenger nicht gespart.' 
575 Als er quam in den garten der recke lobesam. 

Herwart der küne lif den recken an. 

si striten mit ein ander den garten hin zu tal. 

Herwart trüc ein guten heim : iedoch gewan her den val. 

Mit scharten liz da vallen striche unvorzeit 
580 dem recken durch di stehelin wät, deiz [so] tüvelischen sneit. 

der selbe helt küne slüc im üf den val, 

daz jener recke müste vallen hin zu tal. 

iJit ist min brüder Ilsän' sprach meister Hildebrant, 

%it siner gräwen cappen, der türe wigant. 
585 her helt sich zu lange, her sal her vor gän 

und sal sich läzen schouwe. daz ist wol getan.' 

Dö sprach der monich Ilsän 'lieber brüder min, 

swer mit mir sal striten, ich bin bereit hi.' 

her trüc ein gräwe cappen über sin recht gewant, 
590 daz scharfe swert Rösen trüc her blöz in der hant. 

'Wer sal mit mir vechten? der kome balde her, 

oder ich tu dem konege grözliche swer 

an den lichten rösen und an dem cle sin' 

also redete Ilsän 'mit den fazen min.' 
595 Dö walzet in den rösen der monich Ilsän 

mit siner gräwen cappen: in torst niman bestän. 



564. dy da, hesser die rüwent sgre mich. 573. daz ist. 574. nicht gestalt. 
575. Also. 580.dyizso. tw 583 0ctaui ilsamvndevolker. 583. ilsame/c. 585. lande. 
588. nach hy folgt noch gar an alle vorchte. her in den garten: es reimte also ur- 
sprünglich Ine: gie. 589. eynegrauwe. ubir. rechte. 596. grauwen. torste nymant. 



26 KARL ßAKTSCII 

du trat (li rosin iiidcr der iiionicli unvorzeit: 

daz sacli di schone Kriinhilt. iz was ir von licrzcn Icit. 

Mit trvibegen ougen si sprach 'lieber vater niin, 

600 dise grozc schamheit hit üch gechigit sin, 

daz deser monich walzet mit siner cappen wit. 
nu küs uns einen balde der in beste mit strit.' 
Do sprach der konic Gibeche 'dir si gecleit, VolkC'r, 
dise groze schamheit und unser herze swer. 

605 gedenke, degen kune, wslge hüt din leben, 

[und] daz riche zu Alzheim si dir zu eigen gegeben.' 
Her vor ginc Volker ein degen unvorzeit, 
der fürte an sime Schilde eine vedeln gemeit. 
dö mocht sin nicht irbeiten der monich Ilsän, 

610 mit ungefügen siegen lief her Volkeren an. 

Do ensümte sich nicht langer der küne spilman, 
mit ungefügen siegen lief her den monich an. 
do wart von in beiden krefteclich gestriten, 
si sliigen üf ein ander mit grirameclichen siten. 

615 Man sach ubr eine mile ein lichtvarwez glast, 

daz üz ir beider helme ginc : ez gestriten ni helt so vast. 

zulest der küne Ilsän an Volkeren lief, 

her slüc em mit Rosen ein wunden also tief. 

Her slüc in üf den helmen, daz er müste üf die knie 

620 vor den monich vallen : iz was im gschen nie. 

iif spranc der helt Volker, her was ein sneller degen, 
her lief aber den monich an mit ungefügen siegen. 
Wi grimmiclich sich werte der monich Ilsän ! 
her treip in under di vrouwen den künen spilman. 

625 JJö sprach der konic Gibeche 'dir si gecleit, Walther, 
und beite hi niht lenger und richte dich zu wer.' 

Walther drabt in den garten 

'wä ist nü von Berne der aide Hildebrant? 
^^'er sal mit mir vechten? der ist mir unbekant.' 

630 [mit] 'Hertinc von Küzen, den ich üch habe genant.' 



G02. knz. 607. 608. vertauscht. 609. mochte. 610. lief her den monich 
au, aws 612. 612. lange. 614. seten. 615. vbir. glaust. 616.gest'te. 618. en. 
eine wunden. 619. heim. 622. an den monich. 623. sich do werte, vor 625 
Noni herting vii walter. 627. drabete. 630. h. hy genant. 



DER ROSENGARTE. 27 

Hei'tiuc der küue drabete vast dort her, 
her fürte an siner hende ein armdickez sper. 
Her dächt 'nü sal ich vechtens liüte werden sat.' 
her fürte üf sirae hehiie von golde ein michel rat. 

635 ir striten wart michel und starc .... 
daz ir ielicher mit den rossen belac. 
Do di forsten üf sprangen zusamen in daz gras, 
mich wundert daz ir keiner vorm andern ie genas, 
si striten mit hekles handen, di swert si hocli zogen, 

640 daz des füres flammen kein den kü'ten flogen. 
Si slügen durch di schikle, daz iz hlte irclanc 
und daz si beide striten mit ellenthafter liant. 
si vächten mit ein ander ein vil hange stunt, 
daz si zu beiden siten worden sere wunt. 

645 Ir kein konde dem andern mit stiite ane gesegen, 
si hatten sich mit strite also sere irwegen : 
üf stünt di schone Krimhilt und schit di zwene man. 
do müste ir ielicher von der beide zu sim fründe dan. 

JL/o hatten die herren vil nach gar gestreden, 
650 dö bete von Berne Diteiich sinen strit [gar] vormeden. 

Sivrit der horntne der quam üf den plan. 

Sva ist nü der mine der mich sal bestan ? 

Adr vorcht her sich so sere adr truwet er niht genesen? 

ja sohle wer von rechte di ersten sin gewesen. 
655 des habet ir mich vorsümet, daz ich der leste bin. 

swie stille ich gebäre, her enkumet sin nimmer hin.' 

Do sprach der aide Hildebrant 'her Ditrich, hört ir daz? 

mich straft min herre Sivrit und ist üch gar ä'ehaz. 

gedenket, liber herre, hüte sundir nit, 
660 ir höchgelobeter forste, waz eren an üch lit.' 

D6 sprach her Diterich '[Hildebrant], lä dtn spotten sin, 

ich weiz nirgen vir recken so küne bt dem Rin, 

ich wolde e met en vechten wen mit dem tüvelischen man : 



G31. vaste. 635. üfdentac? 636. iclich. 638. vordem. 642. elent- 
hanter. 643. vochten. 645. den. gesigen. 648. von der heyde vor der Cä- 
sfir. syme. vor 649 Decimi dytherich vü syuerid. 649. vil nach vor der Güsur. 
hern. gestriten. 650. do hatte dytherich von Berne. Sinen. 651. hornyn. 
653. adir vorch. adir. 654. w\ 655. daz habet. 656. gebar, knmet. 657. dy- 
therich. 



28 KARL BARTSCH 

wer sal mit ume striten den kein swert gesniden kan?' 

665 'Trüwcn' sprach dö Hildebrant '[den bestät] kein zagehafter man, 
her si vor im an angest, daz herm nicht geschaden kan. 
bestet en aber ein bederman, daz wizzet sicherlich, 
her slet im groze wunden : daz wizzet, herre Ditertch.' 
'Ich wil mit ime nicht vechten.' vome garten reiter zu hant. 

670 'du werde nie mins herren kint' sprach do Hildebrant. 

du verschämter Diterich 

daz du mich nu lesters und di recken lobelich.' 
Do sprach dö her Diterich 'du redest übel mete. 
ir set vil gerne, deich mit dem tüvel strete. 

675 waz mohte xich gehelfe, werde hi min lip vorlorn, 
sal ich mit im vechten? ja ist her lüter hörn.' 
'Kennestu' sprach der von Berne, 'daz mich dir min vater beval ? 
da bi stünt manic beide und manic dütscher man. 
nu wenstu, ab ich sterbe, dir blibe min lant: 

680 du geretis mer iz nimmer zum besten, meister Hildebrant." 
Hildebrant der aide [zornec] von Diteriche gie : 
den Berner al eine sten al dort lie. 
dem alden vilen di zere obir sinen hart, 
'ich wene ir habet geweinet, veter' sprach Wolfhart. 

685 'Iz lit leider obele' sprach meister Hildebrant, 
'mit eren queme ich gerne wedir hen zu lant. 
wi rümenz hi mit schänden, so müz iz uns irgan, 
und tar der helt von Berne Sivrides nicht bestän.' 
^Des Avirt gut rät' sprach Wolfhart, 'vorcht sich her Diterich, 

690 man gebe mir sine brunge und mache si mir glich, 
sin vil gut swert Sachsen und sinen heim licht: 
Sivrit der küne komt von mir ungestreten nicht.' 
'Swic!' sprach der aide, 'du bist im ungelich, 
iz müz irzornet werden von Bern her Diterich. 

695 so bin ich lichte der erste der üf dem grase lit: 
horstu Sachsen clinge, so kom mir in zit.' 



664. gpsnitcn. 665. nach man folgt daz wizzet herre her dytherich, 
Wiederholung von 668. 667. eyn abir. die zweiten Vershiilften von 667. 668 
vertauscht. 668. herre her. 669. von dem. besser er reit. 670. wordiz. Die 
zweite Halbzeile von mir ergänzt. 671. do vorschomt'. 674. daz ich. strit. 
678. dutzer. 679. wenestu. 680. zcu dem besten vor der Cäsur. 681. ging. 
682. Der. liz. 685. obel. 687. also. 692. komet. L 



DER ROSENGAKTE. 29 

Do ginc vil balde danncn meister Hildebrant, 

da her sinen herren hern Diterichen vant. 

'nu wol dan' sprach der aide, 'ir stt doch ungesimt : 
700 gein wer dorch di küle nider in den grünt.' 

Si riten mit ein ander ilf ein grünez gras, 

da beidenthalben liten und gebcrge was. 

'nu bakle von rosse' sprach meister Hildebrant. 

her spranc von dem sinen, her gab iz im in di hant. 
705 'Nu saget üf üwer trüwe, sit iz her Diterich, 

dem sin vater Berne liz und sin andir rieh? 

[dem sin vater beide lant und lüte liz?' 

dö sprach der von Berne ] 

'mir beval Ditraar min vater sin erbe und sin lant.' 
710 'ir sit sin nicht, ir liget' sprach meister Hildebrant. 

'Sich glicht nicht dem von Berne kein arger schale : 

ir sit sin nicht, ir liget, ir sit ein wechselbalc.' 

Ditrich trat üf hoher und sach sinn meister an: 

der aide begonde zorne kein dem jungen man. 
715 [Her sprach] 'Ich wil ücli vorsuchen ab ich üch irzorne mac' 

do slüc her sime herren einen backenslac. 

mit Wolfditriches Sachsen slüc her im einen slac 

ader mit Ecken swerte, daz sin meister vor im lac. 

Dö Wolfliart daz irhorte, daz daz swert irclanc, 
720 mit swerte und mit schilde die liten her nider spranc. 

'so, herre von Berne, ir slät ein alden man 

und turt vor schonen vrouwen eines recken nicht bestän?' 

'Nu hin' sprach her Diterich, 'is mac nicht wesen rät. 

brcnge mir min ros balde, daz dort gebunden stät, 
725 und rit zu dime veteren : mac her nicht genesen, 

so müz man mich ime garten di rosen lazen lesen.' 

Wolf hart quam geloufen ober den alden zuhaut. 

'tobes du, tüvel?' sprach meister Hildebrant. 

'ich tobe nicht, vetir herre, iz ist so jemerlich: 
730 mich hat zu dir gesendet von Berne her Diterich. 

Und lezet dich fragen, ab du niht müst genesen, 



697. von daune. 702. beydentalben. 704. spracli von den. 711. slag. 
713. Dythei-ich. hör. sinen. 717. eyn. 718. adir. 722. Eyns. 723. iz. 
726. in den. 727. obir. 729. her. 



30 KARL BARTSCH 

so niüz man in im garten di rosen läze lesen. 

'Wolfhart rit enwidere, sagä im icli si tot: 

so hebet sich in dem garten ah-est angest unde not.' 
735 Ditrieh wart irzornet, von Wolfliart her dö reit: 

her mochte im nicht gevolgen ubir di lieide breit. 

Ditrieh saz an di ])hortcn. 'tu üf und hl mich in. 

wa ist Sivrit der wilde, der küne helt liornin? 

Dorch den so müz ersterben min meister Hiklebrant: 
740 ja Tvel ich mit im stritcn und were her ein steinen want.' 

do mute den von Berne, daz man en nicht in liz, 

mit sinen füzen beiden di phorten her üf stiz. 

In den selben stunden was euch Wolfhart komen 

und hatte ouch dem vcteren daz schone ros genomcn. 
745 her sprach 'herre Diterich, tut üch sorgen bilz, 

iz zeraet nicht forsten, daz si striten zu füz. 

Uwer vater hat seiden met kcmphen so gestriten: 

kein sinen vianden quam her ie geriten.' 

Diterich was bereit, in den satel her spranc : ' 

750 des Seite ime Krimhilt mit den vrouwen danc. 

Zu samen si do reten die zwenc beide glich 

Sivrit der hornin und ouch [von Benie] her Diterich. 

mit ritter mannes creften und ouch mit ritterschaft 

brach Sifrit der hornin üf den Bernor den schaft. 
755 Also tet der Bernor sines Schaftes ort, 

daz si beide lagen hindern rossen dort. 

sich hüben grimmege siege, di slügen di zwene man : 

nü hebet sich umme di rosen alrest ein striten an. 

Iz wart umme rosen ni kamph so engestlich, 
760 do der hornin Sifrit vacht und auch [von Berne] her Diterich. 

si wären beide küne, ir kein den andern flöch, 

di ros sach man gebogene, di herren man dannen zoch. 

Di slügen durch di Schilde üf lichtez ir gewant, 

daz der stälringe vil van in dranc. 
765 spannen breite scheveren zu stucke sich dö cloben, 



732. in dem. 733. rcyt. wider. 735. irbolgen? (: gevolgen). 735. 37. Dy- 
theiiih. 737. livz. 744. loteren. 745. lierre her. 748. vinden. 749. her do 
sprang. 7 54. Brachte. 756. Hinder den. 7 02. gebogen, hern. denne. 
7 64. daz dy. 765. rcjl. Eneit 201, 13. 315, 9, Lesarten. Lanz. 447 6. Herh. 
9907. Pfeiffer. 



DEE ROSENG ARTE. 31 

daz si den schonen vrouwen iindir di oiigen stoben 
Von den lichten Schilden. do weinte manic wip, 
daz di recken beide so quelten iren lip. 
si waren beide küne und so gar unvorzeit, 

770 daz keiner dem andern wolde entwiche füzes breit. 
Swä si ein wile stünden, da floz des blütes bach^ 
daz man vor eren füzen daz gras nicht ensach. 
Sifrit der was küne, sin wapin starc gut : 
üfe in mit grimme vif Diterichen her slüc. 

775 Ditrich müste entwichen zu ende des garten dan: 

daz sach der küne Wolfhart, daz was im leide getan, 
her rif mit lüter stimme 'phi herre Diterich, 
waz sol üwer name so hoch unde ouch so lobelich ? 
Ir vechtet sam ein zage, daz is an eren blot. 

780 durch got set an di vrouwen, der mundel lüchtent rot.' 
also von Wolfharte die rede do geschach, 
der edel voit von Berne dorch helmes fenster sach. 
Di vil schone vrouwen sazen nä dar bi. 
der edel voit von Berne slüc Sifriden M di kni. 

785 daz sach der küne Wolfhart, her gesach im so libe nie. 
her sprach Pierre Diterich, danc habet ie. 
. . . . . . slat abir einen dar, 

läzet en nicht üf stan, so werdet ir siges gar.' 

üf spranc der küne Sifrit, her was ein sneller degen, 

790 her lif ab den von Berne an mit ungefügen siegen. 
Do rif in den garten Sifrides vater Segemunt 
'und werdit ir gelästert Sifrit, an deser stunt, 
komet ir in daz alder, waz sult ir zeinem man, 
ab üch der voit von Berne hüte gesiget an?' 

795 Do Sifrit daz irhorte, daz im sin vater rief, 
met ungefügen siegen her den Berner ane lief. 
Palmungen warf her umme in der hant 
und slüc üf Diteriches heim, daz iz sere irclanc. 
Her slüc Diterichen durch bruns-e und durch schilt: 



770. den. wolde entwiche vor der Cäsiir. Eyues fuzes. 771. eyne. 
775. Daz dytlierich. 777. herre her. 778. lebelich, 77 9. daz ez. bloz. 
780. mimdeliu. 781. wolfliart. 783. bye. 784. slug nach der Cäsur. 786. her. 
787. eyo. 788. werdit. 790. au steht nach abir. 793. zcu eyne. 796. her 
fehlt. 7 97. nach haut folgt met crefteu daz waz. 



32 KARL BARTSCH 

800 des irlaclite bi den vrouwen di scliöne Krimhilt. 

si treben ein den andern um üf der beide "wedir, 

einer slüc desen ber, so treip in deser bin wedir. 

Do in der berten schildc von swertes ort nicbt bieben, 

ein ander si mit swerten mit zorne urame treben. 
805 zu beiden banden se slügen, manc ling war von in dranc. 

si konde niman scbeide : manic vrouwe ir bende want. 

Ditrieb müste wicben von engestlicben siegen. 

wol ber kante Sifrit, den zirlicben degen. 

oucb forcbte ber Palmungen sin wäpin starc gut: 
810 undir wilen Ditericb mit listen wider slüc. 

Also die recken beide mit grozen noten streten, 

do quam zu dem garten Hildebrant gereten. 

ber spracb zu Wolfbarte 'wi strit ber Ditericb, 



815 'Daz tut ber leider ubele' spracb Wolfbart an der stunt, 
'nu ist der belt von Berne dorcb Eken brunge wunt: 
ber kan en nicbt vorscbröten, sin lip und oucb sin born. 
nu rücbe der von Berne : ist im oucb nocb nicbt zorn. 
So erzornet er nummer mere' spracb sieb Wolfbart, . 

820 'nocb is docb sines libes wenic iner gespart. 

daz blüt durcb ringe flüzet und dorcb den beim liebt: 
wel ber nii nibt zorne, so gezornet ber nummer nicbt.' 
'Nu rufe durcb den garten' spracb meister Hildebrant, 
nu ist docb din stimme den lüten wol bekant. 

825 sage dem von Berne, man babe micb begraben : 

so müz Sifrit der wilde groze angest vor im baben. 

Do rif in den garten der tobende Wolfhart 

'nvi müze iz got irbarmen, deich ie geborn wart.' 

Hier fehlen mehrere Blätter. 

ber betwanc Hildebranden, daz ber von im flocb. 
830 'wi nii Hildebrant, vil getrüwer degen? 

erslet dich konic Gebecbe, ein ander recke müz vechten pblegen.' 



801.treyben. yme. 802.Eyne. wcdirfehlt. 803. orten nicht blibeu. 804. keyn 
eyn. vme. 805. sy. manig. 806. nymant. 807. Dytherich miiste. engelichen. 
812. geriten. 815. vbel. 818. rudi. \m fehlt. r«eZZe?cÄ< nu rüche der von Borne : 
ist im nü noch niht zorn; vgl. 822. 820. iz. 821. durch den hchn fluzset. 
826. groz. 828. muz, daz ich. 830. \i\ fehlt. 831. geybich truwen. 



DER ROSENGAETE. 33 

Ein wort wart bewiset, daz Salmon dö sprach, 
'swer den alden kezzel rüret, vehet räm zeliant.' 
hine spranc Hildebrant, her lief in den cle, 

835 her slüc den konic Gibeche daz her lüte schrei owe. 
Her slüc en durch di brunge und durch den stelen hüt, 
daz von im üf di erden must flizen daz blüt. 
do sprächen di schonen vromven 'iz stet üch übel an, 
juncfrouwe, wolt ir läzen vorderben den konic lobesara. 

840 Daz ist ein gröze schände, daz wizze riche Crist, 
daz ir nicht gedenket daz her üwer vater ist.' 
üf stünt di schone Krirahilt, [si sprach] 'getrüwer Hildebrant, 
lä mir lebe min vater: ir habet geseget allesant.' 
Lüte rief do Hildebrant Hvast nü ein junger man, 

845 der met mir suUe vechten? den wel ich alrest bestän. 
ich kum nimmer von der beide bi der trüwe min, 
mirn gebe Ditrich di hulde : ich tet weder di hulde sin.' 
D6 lachte der voit von Berne, her was wol bekant, 
her sprach 'nu habe hulde,. getrüwer Hildebrant.' 

850 D6 ginc der konic Gibeche gar vil tugentlich 
vor den konic Etzel und vor liern Dieterich. 
her nain abe sin cronen mit siner werden hant, 
üf gab konc Gibich schone beide borge unde lant. 
Do sprach der konic Etzel 'nü rät, her Dieterich, 

855 wie ich hie met gebäre.' do sprach der forste rieh 
'ir sult imc wedir gebe beide borge und lant, 

j her sal üch ummer dine mit siner werden hant.' 

'Des wel ich volgen gerne. konic Gibich rieh, 
habe din lant also e vor dich geweldiclich, 

860 und dine mer trüweliche 



832. beweyt. 833. vet. zehant] dar nach? 835. gebeycb. 837. miiste. 
839. juncfrouwe steht vor \z stet, vorderben vor der Cäsur. 843. laz. 844. vvo 
ist. iunger starker man. 845. sille. 84B. kume. 847. Mir gebe danne dytherich 
dy hulde. dy ich. 851. vud vor den von berne her dytherich. 852. sine. 
853. kouig. 860. getruwelich. 



GEILUANIA IV. 



34 IGNAZ PETTERS, ORTSNAMEN AUF - ARUN, - ARIN. 

ORTSNAMEN AUF - ARUN, - ARIN. 

Försteraann hat im altdeutschen Namenbuch 2, 90 Ortsnamen 
wie Pergaren, Brunnaron u. s. w. unter einen Stamm ÄRA gestellt, 
für welchen ahd, aro aquila und erin. pavimentum zur Erklärung 
dienen soll. Die achtzehn beigesetzten Ortsnamen sind aber mit | 
manchen andern als Plurale von Substantiven auf - dri (goth. - areis, 
lat. - arius) zu betrachten, die den Bewohner des Ortes entweder 
nach irgend einem Handwerk oder Geschäft oder irgend einer natür- 
lichen Beschaffenheit seiner Ansiedlung bezeichnen. Ersteres gilt 
für Cuopharen (Chüfarin, jetzt Kuffarn; kuofa, dolium), Huotarn (jetzt 
Hütern), Muotarun (jetzt Mautern; goth. mötareis) , Sciltarun (jetzt 
Schiltern; scütdri entweder scutarius oder pictor), Wincliarn (?), 
Zangaren, Zainarin , dann für die anderwärts eingereihten Goldaimn 
(j. Goldern), Satalariin (j. Sattling nach Analogie der zahllosen 
Ortsnamen auf • ing), Bceftilari (j. Scheftlarn); letzteres gilt für Per - 
garen, Bramaren (wohl zu brdma^ rubus), Brunnaron (oder vielleicht 
zu hninna, hrunja ein hrunndri?) , Forstarun, Hornarun, Lindarn, 
Seioarin , Talarin, Werdarin , Winkelarn, für Priikkarn , Puhelarn 
(Bruckern und Büchlern) und Tannara (Tandern). Von den Sp. 90 
aufgeführten Namen bleibt nur Muvarun übrig, für dessen Erklärung 
vielleicht moioe manica vorgeschlagen werden kann. 

Die aufgeführten Ortsnamen, entweder Nominative auf - a (- i 
in Sceftilari wie hrucki neben hruckd als Acc. Graff 4, 1149) oder 
Dative auf - in, - un, - on , - en und - n bei Abfall der Präposition, 
lassen sich durch eine bedeutende Anzahl anderer aus bairischen 
und österreichischen Urkunden vermehren ; aus dem Schenkungsbuch 
von St. Peter (im Notizenblatt 1856) habe ich mir angemerkt: Le- 
ivarn (leo, hleo), Steinaran, Scouhanarin, Galganara, Tragara, Cilarin, 
Nuuarin, Zidilaran, Stocharan, Scovflaren. 

Slavischer Ortsnamen dieser Art giebt es eine große Zahl. Fa- 
miliennamen, wie: Berger, Brunner, Forster, Mauth-n-er, Schilter, 
Thaler, Winkler, Pichler (für Püchler), Tanner, Steiner, Zeidler sind 
in ungezählter Menge vorhanden; schon im 11. und 12. Jahrhundert 
treten sie als nähere Bestimmung zu Personennamen auf, z. B. Per- 
man chouvare, Adalpreht chuhilari wie lat. Wizili aurarius^ Pezili 
cellarius (Notiz. 1856); Pott hat in seinem weitläufigen Werke über 
Personennamen viele solcher Namen besprochen. 

PRAG. IGNAZ PETTERS. 



LUDWIG UHLAND, BODMAN. 35 

ZUE SCHWÄBISCHEN SAGENKÜNDE. 



VON 

LUDWIG UHLAND. 



3. BODMAN. 

Li der nordwestlichen Bucht des Uberlinger Sees spiegelt sich, 
am linken Ufer hingestreckt, der Marktflecken Bodman mit dem 
hinter ihm ansteigenden Waldgebirg, auf dessen Vorsprüngen das 
von alten Linden umgebene Kapellenhaus des Frauenbergs und die 
schroffen, jetzt Altbodman genannten Burgtrümmer sich erheben. 
Von diesem Gestad aus wird nicht mehr weithin über den Bodensee 
und über alemannische Gaue gewaltet, aber den Erforscher vater- 
ländischen Alterthums zieht gerade das an, einen vom Heerwege 
der Gegenwart abgelegenem, verschatteten Ort in seiner einstigen 
Bedeutung für Geschichte und Öagenkunde wieder aufleuchten zu 
lassen. 

Die Geschichte von Bodman soll hier eben nur soweit erörtert 
werden, als es zum Verständniss der sagenhaften Überlieferungen, 
die sich an ihr aufgerankt haben, erforderlich ist und die vorerst 
verfügbaren Hülfsmittel ausreichen '). Sie theilt sich in zwei noch 
wenig vermittelte Zeiträume , den älteren , der die Königspfalz und 
ihre gräflichen Inhaber betrifft, und einen späteren, w^elchem das 
seit der Mitte des 12. Jhd. bis auf diese Tage dort ansäßige Adels- 
geschlecht zufällt. 

Bodman erscheint zuerst in der zweiten Hälfte des 8. Jhd. als 
Sitz königlicher Statthalter in Alemannien, dann in Urkunden des 
9. u. 10. Jhd., sowie in andern diese Zeit angehenden Geschicht- 
quellen, als Hof (curtis, c. regis j)ublica, regia), Weiler (villa, v. regia), 



'j Schätzbare Mittheilungen aus dortigem Familienarchiv, auf die ich mich im 
Folgenden näher beziehen werde, verdanke ich der Güte des Freiherrn Joh. Sigmund 
von Bodmanu; hierunter auch eine handschriftliche Zusammenstellung der älteren 
Hausgeschichte von Hrn. Dr. Müller, sowie die Aufzeichnungen und Urkundenauszüge 
des Hi-n. Oberamtraanns Mattes zu Überlingen, der zugleich persönlich mir förder- 
samst an Hand gieng. Freundliche Nachweise gab mir außerdem Hr. Pfarrer O. F. H. 
Schönhuth, in dessen ,Ritterburgen des Höbgau's', Hft. 4, Konst. 1834, Bodman eigens 
geschichtlich behandelt ist. Der seltene Cod. trad. mon. S. Galli stand mir nicht 
zu Gebot. 

3* 



36 LUDWIG UHLAND 

mit darin oder dabei befindlicher Königspfalz (Potamico pcdatio, i^al. 
regio). Dass letztere nicht auf dem schmalen Grate des Frauenbergs 
oder dem etwas geräumigem Burgstall von Altbodman, überhaupt 
nicht auf den Berggipfeln stand, ergibt die Vergleichung andrer 
Pfalzen aus karolingischer und späterer Zeit, die gewöhnlich, wie 
es einem vielbesuchten Königshofe zukam , an bequemer und zu- 
gänglicher Stelle aufgebaut waren. Zu Bodman eignet sich dafür 
besonders der unweit der Kirche an den See stoßende, altaufge- 
mauerte Hofraum mit seiner stattlichen Linde. Von der Lage im 
Thalgrund ist wohl auch dem Ort und von diesem in der Folge dem 
ganzen See der Name geworden (Beil. 1). Zwar beherrscht Bod- 
man nicht die glänzende Breite des Schwabenmeers, aber die von 
den Königen häufig besuchte und ihren Statthaltern zum Sitze der 
Verwaltung dienende Reichspfalz machte den Ort einst namenkundig 
und seine Belegenheit war im Knoten der Gebiete jener bedeutend- 
sten alemannischen Geschlechter, welche der fränkische Machthaber, 
nach dem Sturze des Volksherzogthums, zu versöhnen oder im Zaume 
zu halten bedacht sein musste. Im jenseitigen Überlingen, Ihurninga, 
saß schon 613 ein Alemannenherzog Cunzo , Gönner des h. Gallus; 
von der Berchtoldsbaar bis südöstlich im Linz- und Argengau be- 
gütert und mit Grafschaftsrechten versehen war der altherzogliche 
Stamm, dessen Abkömmling Gerold, Karls des Großen Schwager, 
Bannerträger und Heerführer, sagenberühmt als Erwerber des Vor- 
streitrechtes der Schwaben , gefallen im Kampfe wider die Avaren, 
in der Reichenau bestattet worden ist '^) ; das oberschwäbische Alt- 
dorf war Heimathaus der Weife, die, gleich den Linzgauern, nach 
Bodman mehrfach herübergreifen ; südlich aus Rätien stammten die 
Burkharde, die den schwäbischen Herzogsstuhl neu aufrichteten. So 
kam es denn auch, dass die wichtigsten Thatsachen der Geschichte 
Alemanniens von der Mitte des 8. , bis in das erste Viertel des 10. 
Jhd. an die Pfalz Bodman und ihre nächste Umgebung sich knüpfen ^). 

^) Hermanni Aug. chron. (Mon. G. 7, 101. vgl. 2, 240): 799 — Geroldus etc. 
signifer et consiliarius Karoli pius et religiosus, contra Hunos pugnans, occubuit, 
Augiaeque, quam multis auxerat donis et praedüs, sepultus est. 

^) Selbst uoch auf merowingische Zeit schien es zu weisen, dass an einem Fels 
des Frauenbergs ein Mondbild entdeckt wurde, demjenigen entsprechend, das einst 
König Dagobert als Grenzzeichen auf dem Felsgipfel bei Mondstein im Rheinthal 
einhauen lassen (vgl. Schwabs Bodensee, 2. Ausg. 2, 84); Urk. Kaiser Friedrichs I. 
vom 27. Nov. 1155 (Dümge, reg. bad. p. 139: ubi in vertice i-upis similitudo lunae 
jussu Dageherti Regis ipso praesente smlpta cemitur, ad discernendos terminos Burgun- 



BODMAN. 37 

Unter König Pipin, Karls Vater, führten Warin und Rudhard^ 
Gaugrafen der Seegegend , Beide wahrscheinlich von weifischem 
Stamme, die Verwaltung des ganzen Alemanniens ^). Sie waren mit 
dem Kloster St. Gallen über Güterbesitz in Streit gerathen und als 
der Abt Otmar sie zum zweitenmal am Hofe des Königs verklagen 
wollte, schickten sie ihm Kriegsleute nach, die ihn gebunden zurück- 
führten, und stellten ihn selbst, eines sträflichen Umgangs ange- 
schuldigt, vor Gericht. Er rief Gott zum Zeugen seiner Unschuld 
an, weigerte sich aber, menschlichen Richtern Rede zu stehen, und 
ward hierauf, wie es scheint nach richterlichem Beschluss, in die 
Pfalz bei Bodman eingekerkert und sogar einige Tage lang ohne 
Nahrung gelassen ^). Nachher wirkte Gozbert, ein angesehener Mann, 
von den Grafen aus , dass sie ihm den Gefangenen übergaben , und 
hielt ihn auf der Rheininsel Stein unter Obhut. Dort starb Otmar 
bald hernach , zu Ende des Jahrs 759 , und sein Leichnam wurde 
daselbst beigesetzt, zehen Jahre später jedoch nach St. Gallen ab- 
geholt. Otmars durch viele Wunder und durch die Heiligsprechung 
bestätigtes Märterthum wurde dem Kloster zur Quelle reicher Be- 
gabungen und zur Waffe gegen seine mächtigsten Widersacher. 

Eines dieser Wunder, ein Seebild, mag hier seine Stelle finden: 
Zehen Jahre nach Otmars Tode wurden die Brüder von St. Gallen 
durch ein Gesicht vom Herrn ermahnt, den Leichnam in ihr Kloster 
heimzuführen. Eilfe von ihnen kamen Nachts auf die Rheininsel, 
öfi'neten das Grab und fanden denselben gänzlich unverdorben, nur 
dass der äußerste Theil des einen , vom Wasser bespülten Fußes 
missfärbig und geschwunden erschien. Sie legten die Leiche auf 
das Schiff, zündeten Wachskerzen an und stellten eine zum Haupte, 
die andere zu den Füßen. Eifrigst ruderton sie dahin , als Regen 
und Winde mit solcher Gewalt hervorbrachen, dass die Schiffenden 



diae et curiensis Rhetlae (vgl. TIrk. v. 890, Neiig. nr. 596: iisque ad Manen, Arx, 
Gesch. d. Kant. St. Gallen 1, 11. 87). 

■■) Walafr. Strab. vita S. Galli 2, 15 (bei Goldast I, 168): C'omües vero quidam 
Warmas et Ruodhartus, qid fotius tunc Alamanniae curam administrabant etc. Vgl. 
Ej. vita S. Otmari c. 4 (Mon. G. 2, 43). Stalin 1, 241 f. 

^) Walafr. vita S. Otm. c. 4 (1. c.) : Virum etiam Dei Otmarum, cum pro hac re 
üerum prmcipem adire vellet, missis clanculum post eum militibus, vinculis ini actum 
j)er vhn reduci fecerunt etc. c. 6: Concilio autem iniqiie inchoato iniquius terminato, 
vir Dei Otmai-us apud villara Potainum palatio inclusas est. Quo cum nullus intrare 
vel coUoqui cum eo permitteretur, aliquot dies absgue corporalis sustentaculo victus trans- 
egit etc. 



38 LUDWIG UHLAND 

kaum Rettung zu linden hofften. Aber durch göttliche Fügung 
Mengen die aufgestürmten Wogen ringsum über ihnen, ohne den Lauf 
des Schifflcins zu hemmen ; wohin es kam, wurden die schwellenden 
Fluten von ihm niedergedrückt, die Wassermassen, Regengüsse, 
Windeswirbel umgürteten das Fahrzeug auf nicht geringe Entfernung 
wie ein Zaun, so dass nicht ein Regentropfe in dasselbe fiel. Selbst 
die zu Haupt und Füßen des heiligen Abtes aufgestellten Kerzen 
leuchteten beständig fort. Als die Brüder dann, vom angestrengten 
Rudern ermüdet, zur Imbisstunde sich niedergesetzt hatten und der 
Speise nun auch der erquickende Trank sich mischen sollte, gab 
der Diener zu verstehen, dass nur der Inhalt einer kleinen Flasche 
(quod in ßascone parvo servcibatur) übrig sei , wovon kaum Jedem 
etwas, mehr zu kosten, als zu trinken gereicht werden könne. Sie 
ließen das Wenige unter Alle friedlich vertheilen und wunderbar 
begann in dem kleinen Gefässe der Vorrath so zu wachsen, dass er 
durch anhaltendes Ausströmen sich um nichts zu mindern schien, 
bis die Trinkenden selbst des Becherfüllens genug hatten (quoadus- 
que bibentes poculorum copia vincerentur) und dem Spender alles 
Guten dankbar lobsangen (S. Otmari vita auct. Walafr. c. 7 — 9, 
Mon. G. 2, 44). Die geistlichen Berichterstatter, der berühmte 
Reichenauer Abt Walafrid und der sanctgallische Schüler Ecke- 
hard IV. in leoninischen Versen auf den h. Otmar, schildern gleich 
lebhaft und feierlich den gewaltigen Seesturm und die stillbrennenden 
Kerzen vor dem Todten, der nur zu schlummern scheint, die rüstige 
Ruderarbeit der Klosterbrüder und die wunderbare Trankspende ®). 
Später gab man diesem letztern, an den Olkrug der Witwe gemah- 
nenden Wunder die lehrsame Wendung: so lange die Brüder zu 
St. Gallen unter Otmars Verwaltung mäßig gelebt, sei dem Fässchen 
niemals der Wein ausgegangen, obgleich sie sich häufig daran erhei- 
tert, aber nach Bedürfniss und zu ehrbarer Labung, nicht zu straf- 
barer Üppigkeit ; hievon sei auch wohl , zur Bezeichnung einer un- 
versieglichen Fülle, das Sprichwort von St. Otmars Lägel entstanden 
(Grus. 1, 310: proverbium de sancti Othmari lagaena). Abgebildet 
wri'd der Heilige mit dem Buch in der einen und dem Fässchen in 
der andern Hand '). 

®) Ekkeh. IV. Rhytmi de S. Otm., Mon. G. 2, 55: Vina coronantur, epotaque non 
minuuntur, \ miscet pincerna pleno magis utre phalerna. Vgl. Ebd. Bened. ad mens. 233. 

') So in einem schönen Holzschnitzbilde der Sammlung in der St. Lorenzkapelle 
zu Rotweil (Verzeichn. derselb. 1857, S. 18), aus der alten Pfarrkirche zu Wurm- 



BODMAN. 39 

Unmittelbar auf Bodman zu Pipins Zeit bezieht sich eine Glocken- 
sage, aus der um Mitte des 9. Jhd. verfassten Lebensbeschreibung 
Hariolfs, des Stifters der Abtei Elwangen : Auf dem Hofe des Königs 
Pipin am Bodensee (apud curiam Pippini regis iuxta mare quod Po- 
domiis dicifiir) befand sich ein Mann Namens Grimold. Er war in 
einer Nacht außen , um mit andern Wächtern die Pferde zu hüten, 
und als er, nach Ablauf seiner Hütezeit, eingeschlafen war, vernahm 
er Glockenklang; sich umschauend erblickt er einen lichtgekleideten 
Jüngling, den er anredet: 'wo ist, Herr, dieses so süße Geläute von 
Glocken, das ich höre (iste tmnitiis tarn dulcis campanarimi , quem 
audio)T Jener spricht: ^zu Elwangen.' Grimold erwacht und denkt 
ängstlich nach , wo dieser Ort sein möge. Nun ist auf demselben 
Hof ein Bruder Hariolfs, Franco, der bemerkt, wie Grimold sich 
von Tag zu Tage mehr umgewandelt hat, und ihn befragt, ob er 
wohl Mönch werden wolle? Auf Grimolds Erwiderung: wenn er 
nur den geeigneten Ort wüsste ! bezeichnet ihm Franco den neuer- 
lich von Hariolf angebauten Ort Elwangen, sehnsüchtig begibt Gri- 
mold sich auf den Weg dahin und wird zum Mönche geweiht (Mon. 
G. 12, 13). Diesem frommen Idyll, einem Gegenstücke zu der Schiff- 
fahrt im Sturme, spürt man den Eindruck an, den, bei leiser Bewe- 
gung der Luft und des Sees , aus unbekannter Ferne herüberkom- 
mender Glockenklang in der ahnungsvollen Seele wirken kann und 
den man sich besonders mächtig in jener Zeit zu denken hat, als 
die Begeisterung für das Klosterleben in ihrem Aufschwung begriffen 
und der Wohllaut der Glockenstimme noch ein neuer, nicht überall 
verbreiteter war. Pipin , in dessen Dienste Grimold zu Bodman 
stand, hatte auf Bitten des Abtes Otmar zum Schmucke des Stiftes 
St. Gallen eine Glocke, vermuthlich die erste daselbst, gespendet^). 
Dass Karl der Große jemals in der Pfalz Bodman verweilt, 
oder doch derselben in einer Urkunde namentlich gedacht habe, 
lässt sich nicht nachweisen. Von ihm und Isambard, dem aller Lehen 
beraubten Sohne des Otmarfeindes Warin, gab es zwar im 9. Jhd. 



lingen in der Baar, wo St. Gallen schon am Ende des 8. Jhd. begütert war (Ver- 
gabung Warins von 797 , bei Neug. nr. 125) und auch später noch den Kirchensatz 
hatte (v. Arx, Gesch. d. Kant. St. Gallen 1, 464). 

*) Vita S. Galli, IIb. 2, cap. 11 (Mon. G. 2, 23): Inter caetera quoque suae muni- 
ficentiae donaria rogante abbate nnum campanum ad sancti loci dedit ornatum, quod 
ad iisque nostrae aetatis tempora in coenobio eodem jyro memoria beneficiorum ei^os per- 
mamit. Pipin kam auch selbst nach St. Gallen, ebd. : ipse qui aderat etc. 



40 LUDWIG UHLAND 

eine muntere Jagdmare, aber diese Wisendjagd ergieng nicht am 
See , sondern im Walde bei Achen ®). Romanhaft ist die bekannte 
Leidensgeschichte der Kaiserin Hildegard, Karls alemannischer G-e- 
mahlin, der, als treue Begleiterin im Elend, ein Fräulein von Böd- 
men beigegeben wird'"). Vielfach genannt ist dagegen die Pfalz, 
der Hof Bodman als Aufenthalt oder auch sonst in Urkunden der 
nachfolgenden karolingischen Könige: Ludwigs des Frommen, Lud- 
wigs des Deutschen, Karls des Dicken, Arnulfs, Ludwigs des Kindes, 
Kunrads L Doch werden erst unter Arnulf die Ereignisse hieher 
wieder belangreich. 

Damals war Bodman Amtsstätte der Kammerboten, d. h. Ver- 
walter des Kronguts in Schwaben, einmal auch Richter genannt, der 
Brüder Erchanger und Berchtold, deren Abstammung nicht gemeldet 
wird "). Die Könige selbst aber vergabten Zubehöre von Bodman 
an den Konstanzer Bischof Salomon, worüber die Kammerboten ihm 
aufsäßig wurden , wie , nach der Bemerkung des Erzählers , Warin 
und Rudhard einst dem Abte Otmar "^). Salomon musste sich vor 
ihnen in einem AValdkirchlein des Turbenthals verbergen und sandte 
von da Boten an den Hof des Königs Arnulf, der sofort den Bischof 
und die Kamraerboten nach Mainz beschied. Letztere wurden bis 
zur Aburtheilung in Ingelheim eingekerkert, jedoch auf Fürbitte des 
Klägers selbst wieder freigelassen und, nach beschworenem Frieden, 
in ihre vorige Amtsgewalt eingesetzt. Kunrad L, der, nach Abgang 



s) Monachi Sangall. gesta Karoli lib. 2, cap. 8 (Mon. G. 2 , 751 f. vgl. 2, 613. 
615. 30.3. 1, 444): bei Neugart lassen sich Warin und Isanbard, als Thurgaugrafen, 
mit gleichnamigem Nachwuchs, durch eine Reihe von Urkunden verfolgen. 

'") Bruschii Monast. Germ, centur. prima, Ingoist. 1551 fol. 26'' sq. (mit Beru- 
fung auf alte Klosterannalen zu Kempten): Hüdeyardls adhinxit sihi ulae et fortu- 
narum suarum fidam sociam. uirginem quandani Rosinarn de Bödmen cum qiui exul 
Romam adiit etc. cum socia sua Bodmana etc. (In Frischlins 'Hildegardis magna': 
Rosina Podmica.) Vgl. Grus. 1, 317. Massmann, Kaiserchron. 3, 909 tf. 

") Ekkehardi IV. cas. S. Galli, Mon. G. 2, 83: Nondum adhuc illo tempore Suetiu 
in ducatum erat redacta; sed fisco regio peculiariter parebat , sicut hodie et Francia; 
procurahant amhas camerae, quos sie vocahant, nuntii etc. Sneviam autem Pertolt 
et Erchinger fraires. 2, 85 (K. Kunrad spricht) : iudices mei. 

'^) Ekkeh. 1. c: Huic (Salom.) etc. cum aliquae Potamum, camerae nun- 
tiorum iuris oppidum, pertinentiae a regibtis darentur , sicut Werinhere et Ruod- 
hart domnum Olmarum, sie ipsi insequi conati sunt et ipsum. — Auf der ausführlichen 
Erzählung Eckehards (Mon. 2, 83 — 88) beruht auch, was von der Geschichte dieser 
Kammerboten hier nachfolgt, soweit nicht auf anderwärtige Quellen besonders ver- 
wiesen wird. 



BODMAN. 41 

der Karolinge vom Mannsstamm, 911 zum Reichsoberhaupte gewählt 
worden, befand sich an Weihnachten desselben Jahrs zu Konstanz 
und St. Gallen, auch wurde von ihm den 11. Jan. 912 zu Bodman 
im Königshof eine Urkunde ausgestellt, worin er, unter Vermittlung 
des Bischofs Salomon und mehrerer Grafen, zuvorderst Erchangers, 
die Vergabung eines Besitzes im Kleckgau an das Kloster St. Gallen 
vollzieht '^). Dieser königliche Besuch am Bodensee diente gleich- 
wohl nicht zum Frieden. Früher schon hatte der Bischof gegen die 
Kammerboten den Reichthum vmd Glanz St. Gallons, dessen Abt er 
zugleich war, hoch gepriesen, dort habe er Hirten, vor denen sie 
die Hüte ziehen und die Häupter neigen würden ; bei der überaus 
fröhlichen Christfeier im Kloster ward dem Bischof nunmehr das 
Vergnügen , diese Täuschung der gräflichen Brüder ins Werk zu 
setzen. Zwar suchte König Kunrad sie zu beschwichtigen, aber er 
selbst verletzte sie noch empfindlicher. In der Kapelle und vor dem 
Altare des heilig gesprochenen Otniars bekannte der König sich, als 
Stammverwandten der Bedränger desselben, der Mitschuld verfallen 
und spendete zur Sühne dafür nicht bloß Tücher, Gold und Silber, 
sondern übergab auch auf den Altar des Heiligen und in die Hand 
des Klostervogts mittelst besiegelter Urkunde sämmtliche um den 
schon durch Karl (den Dicken) dem h. Otmar vergabten Ort Stamm- 
heim *) gelegene Besitzungen , welche bisher noch der königlichen 
Kammer angehört hatten. Als die Brüder doch wenigstens die längst 
von ihnen über Stammheim erbaute Burg, ihr erworbenes Eigenthum, 
in Anspruch nahmen, sprach der König: die Burg werden sie nicht 
ohne Schaden der Einwohnerschaft behalten können und wenn sie 
dieser Unbill zufügen, würden sie seiner Gnade verlustig sein. Nach 
Kunrads Abreise schreitet der Bischof mit dem Vogt, alemannischem 
Rechte gemäß , zu dreitägiger Besitzergreifung und vereidet die 
Dienstleute des Kronguts dem h. Otmar ''). Die Burgwache jedoch 



'^) Neug. nr. 680: — interventu et admonitione fidel issimi Salomonis episcopi, 
comitum quoque Erchangarii et Chuonrandi, Vodulric i , Hugonis etc. Actum Po- 
tamis curte regia etc. Vgl. Stalin 1, 268, Anm. 1. 

*) Urk. K. Karls vom 23. Nov. 880, bei Neug. Nr. 570. Rcatperti Cas. S. Galli, 
Mon. G. 2, 73. 

'■*) Mon. G. 2, 86: Invad.it loca lege Alamannica cum advocato episcopus, 
tribus diebus, uti ius erat, homines fisci iuramentis sancto Otmaro vendicantes. Die 
geschriebene lex Alamannorum gedenkt keines solchen Verfahrens. Ausdrücke wie: 
secundum legem alamannicam u. dgl. bedeuten überhaupt schwäbisches Gewohnheits- 
recht, den Landbrauch (Stalin 2, 672); so gilt auch für den schwäbischen Vorstreit 



42 LUDWIG UHLAND 

bedroht dieselben, wenn sie nicht im Gehorsam bleiben, imd be- 
schützt sie gewaltsam , wogegen die Grafen keine Abhülfe schaffen. 
Ein heftiger Ausbruch der Feindschaft ist angezeigt, doch ruft das 
nächste Jahr, als schon auch der Zwist mit dem Könige begonnen 
hat, die alemannische Wehrkraft auf ein andres Feld. Mit wenigen 
Worten berichten die Jahrbücher eine ruhmvolle Kriegsthat: 913 
fielen, wie schon in früheren Jahren, die Ungern in Alemannien ein, 
auf ihrer Rückkehr durch Baiern wurden sie von den Brüdern Erch- 
anger und Berchtold und dem Grafen (des Argengaus) Ulrich , mit 
Hülfe des Neffen der erstem, des Baiernherzogs Arnolf, am Innstrom 
angegriffen und vertilgt, formelhaft : bis auf dreißig Maim ; in dem- 
selben Jahre ward Erchanger mit dem König ausgesöhnt , welcher 
dessen Schwester, die Wittwe Liupolds (des bairischen Markgrafen), 
und Mutter Arnolfs, als Friedenspfand, zur Ehe nahm '^). Dennoch 
kam es schon 914, bei einer Begegnung der Kammerboten mit dem 
Bischof Salomon , zum bittern Wortwechsel, Liutfrid, ein junger 
Schwestersohn der Grafen, zog schlagfertig das Schwert, und die 
Oheime drängten ihn zwar vom Bischof zurück, führten aber diesen, 
schmählich behandelt, als Gefangenen auf Diepoldsburg, wo Erchan- 
gers Gemahlin Berchta haushielt. Umständlich wird erzählt, wie die 
unheilahnende P^rau den Kirchenfürsten ehrerbietigst empfängt und 
beherbergt, auch bald darauf seine Befreiung und festliche Einholung 
(mit dem Gesangrufe: heil herro, heil lieho! vgl. Mon. G. 2, 87, n. 91) 
erfolgt. König Kunrad kam selbst nach Alemannien, nahm seinen 
Schwager Erchanger gefangen und verwies ihn des Landes. Als 
bald darauf Burkhard, aus dem rätischen Grafengeschlechte , das in 
Folge seines Strebens nach der Herzogswürde vertrieben war, sich 
feindlich erhob, belagerte der König 915 die Burg Twiel , kehrte 
jedoch, weil der Sachsenherzog Heinrich in Franken eingefallen war, 
dahin zurück. Sofort erschien auch der verbannte Erchanger wieder 



lex alemannica (Bertholdi annal. a. 1075, Mon. G 7, 278). Zur dreitägigen Be.sitz- 
nahme vgl. Rechtsalt. 190, 6. 557, 6. 

'^) Ann. Sangall. maior. ad a. 913, Mon. G. 1 , 77 : Agareni Alamanmani intra- 
vei^unt. Erchanger et PercJüolt fraler ejus et Udalriciis comes , auxiliante Ulis nepote 
eorum Arnolf o optima duce Baioariorum, totum exercitum eoi-um iuxta Ine fluvium peni- 
tiis occiderunt nisi 30 viros. Ann. alam. ad a. 913, Mon. G. 1, 56: Discordia coepta 
est inter regem et Erchangerum. TJngri in Alamanniam ; qidhus per Baioariani rede- 
untihus Arnolfus filius Liupoldi et Ih-changerus cum Perchtoldo et Uadalrico cum eis 
pugnaverunt et eos sujjerarunt. Ipso anno Erchanger cum rege pacißcatus est, cuiiis 
sororem, Liupoldi relictam, rex tamquam pacis obsidem in matrimonium accepit. 



BODMAN. 43 

in der Heimat, bekämpfte in Gemeinschaft mit Bm'khard und Berch- 
told seine andersgesinnten Landsleute, besiegte sie bei Walaicis 
(nächst Bodman) und ward ihr Herzog '^). Der König berief wegen 
dieser Vorgänge zuerst eine Fürstensprache nach Mainz, sodann, 
20. Sept. 916, eine Versammlung der Bischöfe nach Hohenaltheim 
im Rieü, woselbst Erchanger und seine Genossen zur Niederlegung 
der Waifen und lebenslänglicher Klosterbuße verurtheilt wurden, die 
Vollziehung gieng jedoch weiter und am 21. Jan. 917 wurden Erch- 
anger, Berchtold und Liutfrid, auf königlichen Befehl, zu Aldingen 
(wohl demjenigen der Berchtoldsbaar) enthauptet. Burkhard hin- 
gegen ward nunmehr von den schwäbischen Großen , ohne Wider- 
spruch des Königs, zum Herzog der Alemannen bestellt, der erste 
einer neuen, durch Jahrhunderte fortgehenden Herzogsreihe ^^). Jene 
dem Altar des h. Otmars gehässige Burg zu Stammheim ließ der 
König, so großen Unheils wegen, zerstören und sandte jährlich seinen 
Kopfzins in Wachs, als Nachkomme der Peiniger des Heiligen, zum 
Grabe desselben; Kunrad starb schon 918, nachdem er, wie es hieß, 
aus dem Kampfe mit Arnolf, dem unversöhnten Neffen und vorma- 
ligen IMitstreiter der Kammerboten, eine Wunde heimgebracht hatte *^). 
Bischof Salomon aber begab sich auf eine Pilgerfahrt nach Rom, 
um den päbstlichen Sündenerlass dafür zu erflehen, dass um seinet- 
willen jene Drei hingerichtet worden. Die Pfalz Bodman wird als 
Aufenthalt der Könige fortan nicht mehr genannt. 

Das mächtige Kirchenthum der Seegegend , mit dem Bischofs- 
sitze Konstanz und den großen Abteien Reichenau und St. Gallen, 
äußerte seinen Einfluß auch darin, dass die ohnedies ausschließlich 
in den Händen der Klosterleute haftende Geschichtschreibung vor- 
herrschend ein geistliches und so auch die sich ihr ansetzende Sage 
meist ein legendenhaftes Gepräge trägt. So verstand es sich, dass, 
obgleich in einem Streit um zeitliche Güter, auf den h. Otmar das 
lautere Licht, auf seine Gegner der tiefste Schatten fiel. Was sodann 
die Geschichte der Kammerboten betrifft, so sind die Hauptquellen 
für dieselbe zweifacher Art, einestheils kurze Aufzeichnungen der 
älteren Jahrbücher , die mit wenigen , aber sichern Strichen den 
Ungernkampf der alemannischen Grafen, ihre Auflehnung und ihren 

'*) Über diese Kämpfe: Ann. alam. a. 914. 915, Mon. G. 1, 56. 
") Die Belegstellen zur Verurtheilung und Hinrichtung bei Stalin 1, 271 f. 
Über Burkhard und sein Geschlecht ebd. 1, 267. 272. 415. 428. 

'*) Widuk. 1, 25 (Mon. G. 5, 428). Vgl. Hahn, Reichshist. 2, 9. 



44 LUDWIG UHLAND 

Untergang anmerken "'); anderntheils der umständliche, liundert Jahre 
nach den Ereignissen geschriebene Bericht des sanctgallischen Ecke- 
hards IV. Sein Werk ist wesentlich und ausgesprochen Kloster- 
geschichte, das Heldenthum der Kammerboten bleibt unbeachtet und 
die Darstellung ihres Endes ist unverträglich mit den gleichzeitigen 
Zeugnissen (Stalin 1, 269. 272. 422). Der Härterer und Schutz- 
heilige Otmar ist zur einheitlichen, unsichtbaren Macht geworden, 
die über den Geschicken seines Klosters und der Bedränger des- 
selben waltet, der Frevel Warins und Rudhards wird von den in 
ihre Fußstapfen tretenden Erchanger und Berchtold mitgebüüt, durch 
König Kunrad aber, den Stammverwandten jener älteren Statthalter, 
gesühnt und noch ein jugendlicher Weifensohn aus Eckehards eigener 
Zeit, Heinrich, wird für die Verweigerung eines von seinem Vater 
Rudolf zu gleicher Sühne dem Heiligen gestifteten Bergwerkzinses 
dadurch bestraft, dass er am St. Otmarsabend auf der Gemsenjagd 
in Tirol durch einen Felssturz umkommt (Mon. G. 2, 87 f.). Bei 
allem dem erweist sich Eckehard wieder billig und einsichtig, er 
verhehlt nicht, so hoch er den Bischof Salomon stellt, dass die Kö- 
nige an denselben Güter hingaben, die zu Bodman und damit zun) 
Rechtsgebiete der Kammerboten gehörten , dass der Bischof sich an 
ihrer Beschämung durch seinen unzeitigen Scherz weidete (senon 
gaudehaf) und dass sie eben damals durch eine neue Vergabung 
Kunrads zum Schaden der königlichen Kammer tief gekränkt wur- 
den ^°), endlich dass Salomon sich selbst anklagte, die Ursache ihres 
gewaltsamen Todes gewesen zu sein. Uberdem weiß Eckehard, was 
von beiden Seiten verschuldet ward, unter einen allgemeinern ge- 
schichtlichen Gesichtspunkt zu fassen : Franken und Schwaben seien 
dazumal gleichmäßig nicht unter Herzoge, sondern unter die könig- 
liche Kammer gestellt gewesen und von sogenannten Kammerboten 
verwaltet worden, dem Amtsbereiche der letzteren habe jedoch beiden 
Orts die königliche Freigebigkeit gegen die Bischöfe Vieles ent- 

'^) Annal. alani. sagen zum Jahre 916 (Mon. G. 1, 56) rund heraus: Erchanger, 
Perchtolt et Liutfrid occiduntur dolose. 

'''') Mon. G. 2, 85: carpuntur iterum cordibus fratres Uli saepe diel! pro damno 
regii fisci; vgl. ebd. 2, 86: homines fisci. In einigen Kaiserurkunden wird auch 
ausdrücklich das Kammergut von Bodman genannt; Urk. Ludwigs d. Fr. von 839 
Diimge, Reg. Bad. Anh. nr. 3): suh jure fisci nostri vocaliulo polimiacua etc. 
Actum hodomä jmlatio regio. Bestätigungsurk. Karls d. Dick, von 886 (ebd. nr. 13): 
sub jure fisci vocahulo potamicus etc. Actum potama palatio. Urk. Ottos I. von 
947 (ebd. nr. 2'^): fisci vocalulo potamicus. 



BODMAN. 45 

zogen , wodurch gegenseitige Missgimst und Feindschaft erwachsen 
sei. Diese Bischöfe sind Hatto zu Mainz (früher Abt von Reichenau) 
inid Salomon zu Konstanz, zwei einflussreiche, unter sich eng be- 
freundete Männer, deren Macht und Besitz die Könige mehrten, auf 
Kosten und zur Hemmung der Kronbeamten, die, zumal wenn sie 
in ihren Bezirken heimisch und begütert waren, die Herstellung der 
eingegangenen Herzogthümer befürchten ließen. Bezüglich auf Hatto 
bemerkt der Geschichtschreiber noch, dass die Kammerboten in 
Franken, Adalbert und Wernher, neben den gegen die Könige selbst 
angezettelten Freveln, oftmals den Erzbischof zu verderben getrachtet 
haben ; wie aber Adalbert durch Arglist aus der Stadt Bamberg ge- 
lockt und sofort enthauptet worden sei, könne ungeschrieben bleiben, 
weil es allgemeii:i gesagt und gesungen werde (quoniam vulgo con- 
cinnatur et canitur). In der hierauf folgenden Erzählung von Salo- 
mon und den schwäbischen Grafen sind die Handelnden und die 
Hergänge mit so ausgeprägten Zügen ernster und scherzhafter, mil- 
der und strenger, selbst roher Art geschildert, in so anschauliche 
Gruppen und lebendigen Redewechsel gebracht, dass sie schon nahezu 
fertig einer epischen Wiedergabe sich darbieten und ebenso einer 
Reihe kräftiger Handzeichnungen gerecht wären. Gleichwohl ist 
nicht anzunehmen, dass Eckehard, wie er der fränkischen Volkslieder 
von Adalbert gedenkt, so nun auch schwäbische von den bodman- 
schen Kammerboten gekannt und benützt habe, ohne doch solcher 
zu erwähnen. Er, der Überarbeiter des Waltharius, ist kein Ver- 
ächter des Volksgesangs , er wundert sich , dass gewisse Lebens- 
beschreiber des h. Ulrichs Manches verschwiegen haben, was von 
demselben im Volke gesagt und gesungen werde '^'), und er verwirft 
auch nicht das Zeugniss jener Lieder von Adalbert, obgleich sie 
gewiss nicht bischöflich lauteten. Seine Gewährschaft bezeichnet er 
im Vorwort und noch an andern Stellen : er habe aufgeschrieben, 
was er von den Vätern, d. h. von altern Klostergeistlichen, gehört '^'^); 
er berichtet zwar aus mündlicher Überlieferung, aber aus solcher, 
wie sie im Kloster selbst fortgepflanzt war. Klösterlich ist die 



^') Mon. G. 2, 109; Sed plura eos, quae de eo concinnantui- vulgo et canun- 
tur tacuisse, quum infima quedain eins magna fecerint, aetiam miramur. 

^'^) Ebd. 2, 77: temptantes quidem et nos, ea quae a patribus audivimus etc. 
edisserere. 2, 107: De sando TJodalrico autem, qualiter nohiscum egent, dicta 
patrum quedam audivimus , quae quidem in vita eius, vel tercio iam sc7-ipta, non 
invenimus etc. ut ipse patribus narrabai etc. patribus ille dixerat. 



46 LUDWIG UHLAND 

offenbare Hintansetzung des weltlichen Bcstandtheils und die Erhe- 
bung des Bischofs Salomon zum Helden der Begebnisse; der ]\Iünd- 
lichkeit ist es beizumessen, dass die reichgestaltete Darstellung sich 
auf den Grenzen der Geschichte und der Sage bewegt. 

Mit Bezug auf eine Urkunde des Königs Arnulf von 896 wird 
eines Grafen Ulrich gedacht, der auf der Pfalz zu Bodman gesessen ^^). 
Der Name Ulrich war im Geschlechte der Grafen vom Argen- und 
Linzgau, besonders dem Aste von Buchhorn^ langehin erblich und 
der älteste dieser Ulriche soll, nach einer sagenhaften Erzälilung der 
im 12. Jhd. verfassten Chronik von Petershausen, mit Bodman und 
Bregenz, Überlingen und Buchhorn zugleich ausgestattet gewesen 
sein '^^). Wieder in der schon bemerkten, von Kunrad am 11. Jan. 
912 im Königshofe Bodman ausgestellten Schenkungsurkunde (S. 5) 
wird neben dem Grafen Erchanger ein Graf Udalrich genannt, sei 
es eben der, welchen die Handfeste von 896 meint, oder ein jüngerer 
Namensgenosse. Nahe gibt es sich aber, den 912 mit Erchanger in 
der Urkunde zusammenstehenden Grafen Udalrich für denselben an- 
zusehen, der im folgenden Jahre 913 mit Erchanger und Berchtold 
die Ungern bekämpft "^), sowie für den gleichen, von dem Eckehard 
Folgendes erzählt (Mon. G. 2, 119 f.): 

Graf Udalrich, vom Stamme Karls, erhält an seinem Wohnsitze 
Buchhorn Botschaft, dass die Ungern in Baiern, wo er begütert ist, 
einfallen, er greift sie mit seinen Kampfgenossen an , wird aber be- 
siegt und nach Ungerland als Gefangener abgeführt. Um seine Ge- 
mahlin Wendilgard , Enkeltochter Königs Heinrich I., wird , als das 
Gez'ücht den Grafen todt sagt, vergeblich geworben, sie zieht sich 



^^) G. Ohem, der gegen Ende des 15. Jhd. eine Chronik von Reiclienan schiieb, 
gibt darin einen deutschen Auszug der Urk. v. 27. Apr. 896 und sagt zur Einleitung 
desselben u. A. : von Graufe Ulrichen der zu Bödmen vff des Kaisers Schloß siezende, 
ohne dass bestimmt zu ersehen ist, ob auch dies in dem nicht mehr bekannten lat. 
Texte ausgesprochen war. (Nach gefl. Mittheilung Stalins aus der in der k. Handbihl. 
zu Stuttgart befindlichen Hds. S. 135.). 

^') Mone, Quellensamml. 1, 119: Dedit quippe (imp.) eis Potamum et Briijan- 
tiam, Ubirlingin et Buochorn etc. Über die Argen- und Linzgauer Ulriche s. Stalin 
1, 243. 328 f. 559. 

^•'^) Anm. 15. Auch auf einer von König Kunrad 912 zu Ulm gehaltenen Raths- 
versammlung waren die Grafen Erchanger, Udalrich, Perchtold (ebenso Liutfrid) 
anwesend, vollständig die Namen der drei alemannischen Ungernkämpfer des nächst- 
folgenden Jahrs (Urk. v. 5. März 912 ^ad Feldun', in Büttners Franconia 2, 59 ff., 
vgl. Stalin 1, 268). 



BODMAN. 47 

nach St Gallen zurück, wo sie neben der Klausnerin Wiborad sich 
ein Wohngen)ach erbaut und um der Seele ihres todtgeglaubten 
Mannes willen den Klosterbrüdern und den Armen viele Wohlthaten 
erweist, nachher auch vom Bischof Salomon, mit Gutheißen der Kir- 
chenversammlung, den Schleier nimmt und sich in strengen Ver- 
schluss begibt. Zum vierten Jahrtag ihres Gatten kommt sie nach 
Buchhorn und theilt, wie gewöhnlich, Almosen aus. Udalrich, der 
Gefangenschaft entronnen, befindet sieh unkenntlich unter den andern 
Zerlumpten und ruft die Grätin um ein Gewand an; sie verweist 
ihm sein freches Betteln, gibt ihm aber, mit Zeichen des Unwillens, 
ein Kleid. Da fasst er zugleich mit diesem ihre Hand , zieht die 
Geberin an sich und küsst sie. Seine langen Haare auf den Nacken 
zurückwerfend, ruft er den Leuten, die ihn mit Backenstreichen be- 
drohen , zu : 'haltet ein mit Schlägen , deren ich viele gelitten , und 
erkennet euern Udalrich!' Erstaunt hören die Kriegsmänner ihres 
Herrn Stimme, erkennen unter den Locken sein Angesicht und be- 
grüßen ihn laut, wozu das Gefolge glückwünschend einstimmt. Wen- 
dilgard hat sich , als ob sie eine Schmach erfahren , in der Bestür- 
zung niedergesetzt : 'jetzt erst fühl' ich meinen Udalrich todt, da ich 
von Jemand solche Gewalt erdulden musste.' Als aber Udalrich ihr, 
um sie aufzurichten, seine mit einer vormals wohlbekannten Wunde 
gezeichnete Hand darreicht , da spricht sie , wie vom Schlaf erwa- 
chend : 'mein Herr ists, von allen Menschen der liebste! Heil dir, 
Herr, für immer Heil, Holdester!' Küsse folgen und Umarmung. 
Nachdem er gekleidet ist, gehen sie zur Kirche, wo die Geistlichen, 
die auf diesen Tag zahlreich sich versammelt, den Lobgesang an- 
stimmen und das Volk einfällt, auch Messen für den Lebenden, nicht 
für den Todten, freudig gefeiert werden. Auf dem Gang zur Kirche 
hat Udalrich gefragt und erfahren, wer der Grätin den Schleier auf 
das Haupt gesetzt habe. Bei einberufener Kirchenversammlung for- 
dert er seine Gattin zurück, der Bischof nimmt ihr den Schleier ab 
und dieser Avird in die Schreine der Kirche niedergelegt, damit sie 
denselben, wenn der Mann vor ihr sterbe, als Wittwe wieder anlege. 
Sie werden neu vermählt und aus dieser frühe wieder getrennten 
Ehe stammt ein Sohn , der aus dem Schöße der todten Mutter ge- 
schnitten und davon der Ungeborne zugenannt wird ''^). Er war 



^'') Mon. G. 2, 120: Solehant autem fratres eum cognominare ingenitum. Über 
Ungeborne vgl. Myth. 361 f. Stalin 3, 47. 



48 LUDWIG UHLAND 

voraus schon von den Eltern dem li. Gallus gelobt *«nd nun legt 
ihn der trauernde Vater auf den Altar des Heiligen , unter Mitgabe 
von Ländereien und Zehnten. Im Kloster aufgewachsen, wird Burk- 
hard der Ungeborne frühzeitig ein angesehener Abt desselben. 

Es sind eben die klösterlichen Beziehungen, wodurch diese Kunde 
sich in Eckehards Buch eignete. Über den Kampf, in welchem der 
Graf gefangen ward, ist nichts Bestimmteres gesagt. Der Zeit nach 
würde der Ungerneinfall von 915, auch noch der von 917 (Mon. 
G. 1, ()8. 614 f.), zutreffen, nicht mehr der sechs Jahre nach Salo- 
mons Tod ergangene von 926. Wichtig ist jedoch gerade dieser 
dem Geschichtschreiber St. Gallens, denn damals brachen die Ungern 
in das Kloster selbst ein, der Abt Engilbert hatte, ein Riese des 
Herrn (Mon. G. 2, 104: velut Domini gigas), mit den kräftigsten Brü- 
dern, den Harnisch angethan und die Klausnerin Wiborad erlitt den 
Märterertod ; die Jahrbücher sagen : dazumal haben die Schutzhei- 
ligen Gallus und Otmar mit selbstthätiger Kraft ihr Eigengut siegreich 
geschirmt '^'). Von weltlicher Seite rühmt Eckehard aus dieser Zeit 
hauptsächlich einen Helden des Frickgaus, Hirminger, der mit seinen 
sechs Söhnen, ein Vater der Maccabäer, den Ungern am Rheine bei 
Seckingen einen kühnen Schlag beibrachte und die errungene Sieges- 
beute festlich in die Hauptkirche daselbst einführte ^^). Sagenhaft 
ist die Erzählung von Udalrich und Wendilgard in gleichem Sinn 
und Maße, wie diejenige von den Kammerboten; auf dem Grunde 
wirklicher Ereignisse hat sie , ein Jahrhundert hindurch mündlich 
foi'tbetrieben , sich gedichtartig ausgestaltet. Unter den Heimkehr- 
sagen , welche seit Odysseus , der auch , als Bettler , zu Penelope 
wiederkam und an der Narbe erkannt ward, überall einen gleich- 
förmigen Zuschnitt zeigen , ist auf schwäbischem Boden diese von 
Udalrich die älteste, ihr nachfolgende werden weiterhin zur Sprache 
kommen. 

Wenn Grafen alemannischer Gaue, in Anwesenheit des Königs 
oder außerdem, bei Ausstellung von Urkunden zu Bodman gegen- 
wärtig und thätig sind , so haben sie darum nicht auch dort ihren 



") Ann. alam. a. 926 (Mon. G. 1 , 56) : Ungari monasterium sancti Galli omni 
humano solatio destitutum invadunt. Ipsis autem patronis noatris, beattssimo videlicet 
Gallo et Othmaro, per se ipsos (var. solos) praedium suum victoriosissime tuenÜbus, 
haud grandi et non intolerabili laesione loci rerumque recessere. 

^^) Mon. G. 2, 110. Die Gleichheit der Kriegslist Irmingers mit derjenigen Gi- 
deons, Buch d. Rieht. 7, 16 ft"., bemerkt Rochholz, Schweizers. 2, 253. 



BODMAN. 40 

^Vohns^tz. Selbst Erchanger hat, wenigstens zeitweise, häuslichen 
Herd auf der noch unermittelten Diepoldsburg (S, 42). Dass aber 
die Amtsgewalt der Kammerboten, wie zuvor der Stattlialter "Warin 
und Rudhard^ von Bodman ausgieng, dafür zeugt nicht nur die Eigen- 
schaft dieses Hofes als königlicher Pfalz , sondern auch der ganze 
Streit mit St. Gallen, der sich um bodmansche Kammergüter drehte. 
Nach dem Sturze jener Kronbeamten erhellt mehr als hundert Jahre 
lang nichts über den Besitz des Ortes und erst wieder zur Mitte des 
11. Jhd. meldet die Petershauser Chronik: in jener Zeit haben viele 
Große sich diesem Kloster befreundet und dort ihre Begräbnisstätte 
gesucht, unter ihnen Eberhard, Graf von Bodman {comes de Potamo, 
Mone Quellens. 1, 134''), der das Gut Hedeicanc dahin gegeben und 
in der Kirche vor dem Kreuze des Herrn ruhe ; um dieselbe Zeit, 
1055, starb auf dem Schlosse Bodman Herzog Weif, der letzte des 
älteren Weifenstamms ^^). Dann aber vergeht wieder ein Jahrhun- 
dert, bis der erste Name des nach dem Orte geheißenen und seitdem 
dort sesshaften Adelsgeschlechtes auftaucht und den zweiten Zeitraum 
dieser sagengeschichtlichen Forschung eröffnet. 

Als im März 1152 Friedrich I. zum König gewählt ist, fordert 
ihn ein deutscher Geistlicher in Rom, Bruder Wetzel, ein Anhänger 
Arnolds von Brescia, brieflich auf, zur Unterhandlung wegen der 
Kaiserwürde schleunig Boten nach Rom zu senden , und hiefür be- 
zeichnet er die Grafen von Ramsberg und von Lenzburg nebst Eber- 
hard von Bodemen. Arnold, der früher bei dem Bischof Hermann 
von Konstanz Zuflucht gefunden hatte , mag dort den von Bödmen 
als einen Mann von Geltung kennen gelernt haben ^"). Erst aber 
seit den siebenziger Jahren desselben Jahrhunderts wird die Namen- 
reihe der Stammgenossen von Bodman dichter, es ergibt sich ein 
ansehnlicher Grundbesitz derselben auf beiden Seiten des Sees, häutig 
heißen sie Ritter (milites) und mehrmals ist ihr Verhältniss als Mi- 
nisteriale des Bischofs von Konstanz ausgesprochen oder durch nöthig 
befundene Einwilligung des Dienstherrn zu ihren Vei'käufen ange- 



") Anon. Weingart, bei Hess, Mon. Guelf. 15: suh iuvenili etate — ?'ji Castro 
Botamo morho correptus. Stalin 1, 556. 558. 

^*') Marlene et Durand, vet. Script, ampliss. collect. 2, 554 sq., Wetzel ad Fri- 
dericum imp. : Comitem Rodulfum de Bamesherch, et comitem Udalricum de Lencen- 
burch, et alios idoneos , scilicet Eberhardum de Bodemen, — Romain qiiantotias 
poterliis mittere non dubitetis etc. Vgl. Francke, Arnold v. Brescia, Zürich 1825, 
S. 125. 135. 182 tf. Schwab, Bodensee 1, 164. 

GERMANIA IV 4 



50 LUDWIG UHLAND 

zeigt'""). Da jedoch die Besitzungen des Bisthums, wie sie in der 
berühmten Urkunde Friedrichs T. vom 27. Nov. 1155 verzeichnet 
sind und zu denen namentlich ein Hof in Bodman mit der Kirche 
gezählt ist, besonders auch von Vergabungen der Könige herrühr- 
ten^*^), so führt dies auf die Vermuthung, dass die zu Bodman un- 
vordenklich eingesessenen Edelleute vor dem Übergang an Konstanz 
zu der alten Reichspfalz pflichtig gewesen seien (vgl. Anm. 14. 20). 
Anders lauten freilich die genealogischen Annahmen späterer Zeit. 
Glänzende, zu den ältesten Königs- vmd Fürstenhäusern aufsteigende 
Stammtafeln des bodmanschen Geschlechts hat vornehmlich der ge- 
lehrte Gabriel Bucelinus im 17. Jhd. entworfen ^^). Mit dem Ruhme 
solcher Altvordern musste dasselbe zugleich den Unsegen ihrer Ver- 
schuldungen hinnehmen. Auch die zimmrische Chronik von 1566 
kennt derlei Vorgeschichten , aber sie ist in ihren ausgibigen Be- 
richten über Bodman, wie überall, vom frischen Hauche volksmäßiger 
Überlieferung berührt und soll darum hier fortan Führerin im Gebiet 
der Sage sein. Dieselbe berichtet (S. 1324 f.): 



*') So gibt 1259 Rudol/us nohilis de Bodemen Güter im Thurgau an den 
Abt von Kreuzungen cum consensu einscopi Const. (Reg. des Stiftes Kreuzl Nr. 63); 
1262 verwerthet Ulrich von Bodman, Domherr zu Konstanz, an den Bischof Eberhard 
daselbst Hohenbodman (landeinwärts von Überlingen) nebst Zugehörung und vs-erden 
die Familienglieder in der Urk. Ministeriale des Stiftes Konstanz genannt (Auf- 
zeichn. des Hrn. Mattes^); 1270 übergibt Ruodolfus miles de Bodemen, in Gemein- 
schaft mit Frau und Söhnen , Güter in Pfaffenhofen und Owingen käuflich an das 
Kl. Salem de consensu et voluvtate , ivio per manus Eberhardi constantiensis episcopi 
cuius ministerialis est (Mones Zeitschr. 3, 83); 1273: eine Bestätigungsurkunde, 
besiegelt vom Bischof zu Konstanz, als dessen ministeriales die bodmanschen Vei- 
käufer seinen Consens eingeholt, sine quo pro2)rietateni possessionuni suarum alienare 
non poterant (ebd. 3, 87; vgl. 1, 323: Urk. schon v. 1191, und 1, 329). 

^') Dümge reg. bad. 139 f.: omnia quae a sanclissunis et gloriosissiniis antecesso- 
r'ihus nostris divae menioinae regibus et imperatoribus ab oninibus retro temjjo'ibu-s usqtie 
ad nos in possessionibns etc. eidem ecclesiae (constant.) collata sunt, nos praesentis sc)-ij)ti 
privilegio commimivimus etc. darunter: curtis in Podoma cum aecclesia. Hiemit kann 
nicht wohl der Königshof gemeint sein; curtis cum ecclesia heißt es in diesem Be- 
schrieb von vielen Kirchstätten und es wird sich zeigen, dass die curia imperialis in 
Bodemen sita noch 1277 Reichsgut war; vgl. Lex Alam. Hlothar. (Merkel p. 49): in 
curte presbiteri (par-ochiani) und (p. 41, 4) : in curte regis. 

^^) Im 2. Tlieil seiner Germania sacra et prof , Ulinae 1062, sodann in seiner 
Constantia rhenana, Francof. 1667, Part. 3, p. 24, zuletzt in der von ihm verfassten 
Deductio genealogica von 1680, die in einem Anhang zu Beati Rhenani institut. rer. 
german. illustr. a Jac. Ottone, Uhnae 1693, p. 438 sqq., abgedruckt ist und auf welche 
sich die Anführungen im Folgenden beziehen. 



BODMAN. 51 

'Das geschlecht der Herren von Bodraan ist zu der zeit und auch 
davor umb die regierung Caroli Magni in großer achtuiig und 
vermegen zeitlicher güeter gewesen und sollen iren Ursprung an- 
feuglichs von den graten von Montfort her haben, unangeseheu 
daß in wappen underschid und sie die seebletter füeren. Man 
sagt, nachdem gar vor alten zeiten die drei grafengeschlechter, 
als Bregenz, Montfort und Heiligenberg, gar nahe den ganzen 
Bodensee ingehabt, dishalb so hat sich Montfort derzeit weit auß- 
getailt, wie das ire alte güeter, die sie vor jaren beseßen, wol 
bezeugen, und als iren ainer seinen negsten pluetsfründ und ver- 
wandten in ainem zorn umgebracht, soll er von gemainer fründ- 
schaft von seinem namen und angebornen wappen hindangewisen 
und im das alt schloß Bodman sampt seinen zuegehörden ingeben 
sein worden, auch daß er und seine nachkomen hinfüro die drei 
seebletter füeren und sich herren von Bodman geschriben megen. 
— Aber die herren von Bodman sein vor alten zeiten gar ver- 
nampte herren, auch vor andern geschlechteni weit berüempt ge- 
wesen. So befindt sich auch ußer warhaftigen historien, daß aine 
des geschlechts von Bodman bei der kaiserin Hilgarten, des großen 
kaisers Caroli gemahl, im frawenzimer gewest und bemelter kai- 
serin ganz gehaim und vertraut gewesen (S. 40). Es haben auch 
die römischen kaiser der zeit vil wandeis und wonung bei den 
herren von Bodma zu Bodman gehapt, vermög der freihalten, so 
allda ußgangen und deren datum ußweist: in 'palatlo nostro imperiali ; 
gleichwol man vermaint, solch palativmi sei nit uf dem schloß, so 
iezmals unser Frawen berg genant wurt, gestanden, sonder es hab 
noch ain schloß oder kaiserliche wonung schon hieunden im flecken 
Bodman gehapt, darin die kaiser dern enden gewonet^ welches 
aber iezund alles vergangen, und wol zu achten, das und anders 
sei von den imglaubigen Hunnis und andern barbarischen Völkern 
in grund zerstört und vergengt (Schmell. 2, 55) worden oder die 
von Bodman selbs habens ußer Ursachen und mit willen abgeen 
laßen ^^). Man hat noch heutigs tags für gewiss , St. Othmar sei 



^*) Nachträglich besagt die Chronik, S. 1408: ^Man findt, daß kaiser Conradt 
der erst — ist ain herzog von Franken gewesen — das kaiserlich palatium zu Bod- 
man hat laßen abbrechen, von wegen der tat und gewaltsame, so herzog Berchtoldt 
und herzog Erchinger von Schwaben wider bischof Snloman von Constatiz geuebt 
haben. Allen anzaiguugen nach so ist das palatium nit weit vom Bodensee und der 
kirchen daselbst im flecken gestanden und in der nidere gelegen. Möglich , so man 

4* 



52 LUDWIG UHLAND 

ZU alten Bödmen in der gefangnuss gelegen und nachdem er denen 
herren von Bodman von etliclicn selnveLisclien fürsten fenglichen 
überantvvurt, sei er etliche zeit ganz hcrtiglich und one alle erbermde 
von inen gehalten worden. Uf unser Frawcn perg, da ainest das 
recht alt Bodman gestanden und darvon auch die herren iren namen 
gehapt, do zalgt man noch ain finstres ungeheures gewelb oder 
kemerlin , darin der hailig man ist gepeiniget worden , daher von 
altem ain sag uf unser zeit koincn : es haben sich die von Pod- 
man derzeit an St. Othmarn also verschuldt und versündigt, daü 
ein fluech uf sie und ire nachkomen erwachsen, dan der merertail 
alle im geschlecht schadhafte Schenkel und füeü haben, welcher 
gebresten sich gleichwol bei unsern zeiten bei etlichen des ge- 
schlechts war sein befunden. Ob es aber der ursach lialb, wie 
iez gemelt, beschehe, das mag sein oder nit, der waists am besten, 
dem nichts verborgen oder unbewist.' 

Schon Lirers von Rankweil Fabelwerk: 'alte schwäbische Ge- 
schichten', zuerst gedruckt 1486, meldet, jedoch mit andern Umstän- 
den, die Abkunft des bodmanschen Geschlechts von den Montfortern, 
und zwar durch Hugo, Herrn zu Lindau, den Entführer Einer von 
Ems, von welchem die Lindauer ihre Freiheit um 42 Mark halb 
Gold und halb Silber erkauften ^^), Avomit er die Veste Bodam erbaute; 
(Wegelins Ausg. El). Eine dritte Auffassung findet sich in Man- 
golds Chronik des Bodensees von 1548 : 

'Hernach im 917 jar, als die herzogen in Schwaben Berchtold und 
Erchinger den bischof Salomon gfangen hattend, da zerstört inen 
kung Conrad das schloß Bodman als ursach des Übels. Wie lang 
aber das zerstört schloß in der eschen unerbuwt glegen sei , kan 
ich nicht finden, find aber, daß es erbuwet worden sei von eim 
von Emps, welcher, wiewoi er nun (mhd. nmwan, nur) vom (nie- 
dcrn) adel was , .so hat er doch nach einer gräfin von Montfort 
vom roten fan geworben und dieselbigen auch erworben. Als si 

suechen (wolte), man wiii-de noch die funrlainenta desselbigen finden.' Vgl. ob. S. 36 
Übrigens ist das auf König Kunrads Befehl zerstörte Schloss nicht, wie mehrfältig 
angenommen wird, die Pfalz Bodman, sondern die Burg Stamm heim, um welche 
der lieftige Streit zwischen den Kammerboten und dem h. Otmar, d. h. dem Stifte 
Sl. Gallen, sich erhoben hatte (ob. S. 43. Mon. G. 2, 85: castelluni quoddavi super 
Stamheni. 2, 87: Rex vero ca.slellum illud odiosum sancto Oimaro causa mali tanti 
tradidit dimendum). 

•'■'') Vgl. Lex Alam. ed. Merkel 48, VIII A: medietatem in auro valentem, viedie- 
tateni cum quäle pecuniam höhet solvat. 



BODMAN. 53 

aber iren adel geschwecht hat, do kam si in ungnad irer brüder 
iedoch ward entlich so vil gehandlet, daß si si mit 42 mark halb 
silber und halb gold ußkauften, dergstalt, daß (si) sich hinfür irs 
namens und wapens verzihen sölte , sonder solte hinfür für den 
roten fan füren drü grüner lindenbletter in wißem veld. Uff 
sölchs erlangt er keiserliche bewiligung, das zerstört schloß wider 
ze buwen ; also hub er an das ze buwen und brachts wider in 
wesen' ^^). 

Grafen von Montfort sind erst seit Beginn des 13. Jahrhunderts, 
nach Abgang der von Bregenz benannten, urkundlich bezeugt^"). 
Doch mögen ältere Beziehungen der Pfalz Bodman zu den Grafen 
vom Linz- und Argengau (ob. S. 4G), welch letzterem Bregenz und 
Lindau angehörten, der jetzt verworrenen Sage den Ursprung gegeben 
haben. Den vermeintlichen Übertritt der bodmanschen Stammeltern 
auf eine minder hohe Adelsstufe suchte man auf verschiedene Weise 
zu erklären und verband damit die Entstehung eines neuen Namens 
und besondern Wappens. Nach Mangold hat dieses, wie noch heute, 
drei grüne Lindenblätter in weißem Felde ^®). Die zimmrische Chronik 
sieht in demselben drei Seeblätter (Graff 3, 871*^: sehlat, nym- 
pliaea) , denen zwar jetzt die heraldische Geltung fehlt, wohl aber 
ein örtliches Anrecht zur Seite steht. Sie sind Wahrzeichen des 
Seegebiets, wie wenn im Gudrunliede der Held Herwig das Banner 
seiner Seelande wehen lässt (Vollm. Str. 1373) : 



^"j Extractus ex Chronica lacus Bodamici de ao. 1548, auct. Gregorio Mangold 
civ. Constantieus. Im Archiv zu Bodman. 

") Stalin 2, 42G. 433 f. 442 ff. 3, 685. 

^^) Herr Mattes verzeichnet eine Urkunde von 1360, worin KaLser Karl IV. ,den 
edlen Hans von Bodemen' mit Hartman Meiers von Windeck Wappen, Schild und 
Helm, belehnt; von die.ser Zeit au komme in den Sigillen der Steinbock nebst Helm 
vor, früher seien es bloß drei Lindenblätter gewesen, wobei auf Siegel von 1295 und 
1347 verwiesen wird. Die Form des Lindenlaubs ist unverkennbar in dem Wappen 
jVon alten Bödmen' bei Stumpff 2, 53 •* ; den Steinbock hat ebendort das ^von neüwcn 
Bödmen', entsprechend demjenigen der Meier von W^indeck (das. 2, 134). Der Stein- 
bock ist überhaupt ein rätisches Schildzeichen : der Grafen von Churrätien, der Stadt 
Chur und des dortigen Bisthums. Ihn führt auch, in zwei verschiedenen Formen, 
das Geschlecht von Ems, welches Mangold und Lirer in die bodmansche Vorgeschichte 
hereinziehen. Guler (Raetia 130) gibt diese Wappen von Ems, das alte und das neue, 
sowie nachher die von alten und neuen Bödmen (ebd. 143^', gleich denen bei StumpffJ, 
mit dem Beifügen , dass 1268 die Herren von Bödmen ihren Theil der Kirche Feld- 
kireh (montfortisch) dem Kapitel des Hochstifts Chur übergeben haben. 



54 LUDWIG UHLAND 

Noch slhe ic/i hie hi iceiben einen vanen hreit 
von loolkenhldwen sulen. daz st tu yeseit: 
den hrhirjet uns her Hericic da her von Seianden, 
sebleter sivehent dar inne. er teil hie vaste rechen stnen anden; 
oder wenn die Friesen sieben Seeblätter in ihrem Schilde hatten 
und unter diesem Zeichen zu siegen glaubten (Myth. G20. 1147. 1221). 
Es war Kriegsbrauch, heimatlichen Laubschmuck als Feldzeichen 
aufzustecken ^^) ; dazu boten sich die Seeblätter dort am Nordmeere, 
hier am Bodensee : der in der Sicdhe lande sioeht *"). 

Die Chronik von Zimmern fährt nach der ausgehobenen Stelle fort: 
^Bemelte herren von Bodraan haben umb dise Zeit und kurzlich 
nach S. Otmars tod ain große eer am Bodensee erlangt, derglei- 
chen im land zu Schwaben, dem sie in ungerischen kriegen, als 
dieselbigen sampt anderen ungleubigen Völkern gar nahe ganz 
deutsche nation überzogen und durchstraift, die stadt Costanz und 
ain großen tail des Bodensees vor Überfall und verderpnuss ver- 
hüet haben. Weichergestalt aber sollichs beschehen , das ist von 
unsern unfleißigen, liederlichen vorfarn nit verzaichnet worden, 
aber wol zu gedenken, sie haben die feind zu waßer und zu land 
angriffen, inen allen abbruch geton und damit ain solche herrliche 
victoriam erlangt, daher dan von selbiger zeit an der geprauch 
und ain sonderliche freihält bei denen von Bödmen, daß sie järlich 
zu ainer besondern zeit im jar, so der gangfischfach am beßten, 
in ainem jagschifF von Bödmen aubents außfaren, den see biß gen 
Costanz nach irem gefallen durchstraifen , mit großem jubel und 



^^) In der Schlacht bei Seckenheim 1462 trugen die Pfölzer Xussbaumlaub , wie 
es die Bergstraße spendet, die Feinde Haberrohr. Mich. Beheims Reimchron., Quellen 
zur bair. Gesch. 3, 126: Do nun alle Ordnung für vol | zu dem schlahen vnd strit vast 
wol I durchordnet vnd gemachet loaz, \ xoard des pfaltzgrauen volck furios \ mit nuss- 
loub vss gerecket, \ gezeichent vnd bestecket. Das gleichzeitige Lied in der Heidelb. 
Hds. 387 (vgl. Fichard, Frankf. Arch. 2, 61) redet den lemven, Pfalzgr. Friedrich, an: 
mit noßbaümen laup werstu wol gekleyt, \ die buwern künden das eben gemercken. 
Mone, Quellensamml. 1, 224 (zur Erklärung eines latein. Verses): Ceres hie aceipitur 
pro avena, cum qua signati erant hostes, nux hie aceipitur pro ramis nucum, quibus 
Fridericus adjutoresque ejus signati erant. — Im gleichen Sommer 1462 schlugen sich 
Baiern und Brandenburger bei Giengen, wovon Hans Magensreiter, ein bairischer 
Mitkämpfer, meldet (Oefel. rer. boic. scriptor. 1, 398): icir waren mit aichenlaub 
bezaichnet und die feind mit pirckenlaub. — Vgl. Stalin 3, 537. 540. 

*") Rudolfs Weltchron. in einigen Hds., s. Schwabs Bodensee 1, 154 — Flora 
des Bodeusees, bei Schwab 2, 58: Nymphaea alba L.- lutea L. 



BODMAN. 55 

geschrai : huno ! lumo ! zu ewiger gedechtnuss des sigs. Aisdan 
so fluchen alle fischer vom see und last sich niemand sehen oder 
von inen ergreifen, den so das beschech, were inen derselbig mit 
leib und guet verfallen, oder es mochten in die von Bödmen nach 
irem gefallen strafen. Was fisch sie underwegen ankörnen in lait- 
schiffen oder anderm, das megen sie alls mit inen hinweg nemen. 
Sie faren mit aira sollichen triumpf biß gen Costanz zu der Rein- 
brucken, da hat es dan andere ceremonien und gebreuch^, wie die 
hernach in diser historia an gepurlich ort mit allem bericht gründ- 
lichen vermeldet werden und dise freihait inen von allen römischen 
kaisern zu lehen verlihen, und ist ain große herrligkait, derglei- 
chen in unsrem bezirk nit leichtlichen befunden wurt. Zu was 
Zeiten aber hernach die von Bödmen den herrenstand verlaßen 
und sich unter den gemainen adel gemischt, wie auch von den 
herrn von Emps und andern mer beschehen, das mag man aigent- 
lich nit anzaigen.' 

Die versprochene Fortführung des seltsamen Fischerzugs zu den 
Gebräuchen an der Konstanzer Brücke scheint unterblieben zu sein, 
doch helfen andre Beschreiber ergänzend aus. So wieder Gi'eg. Man- 
gold, Bürger zu Konstanz (a. a. 0.) : 

'Im jar 1542 gebruchtent sich die von Bodman irer alten freiheit 
uf dem Undersee, welches dan mer dali in 30 jaren vorhin nie 
beschehen was. Von dem herkomen aber derselbigen freiheit hab 
ich von den alten also veruomen, daß die Huni dise landschaften 
überzogen, verbrent und verderpt haben, welches dan im jar 915, 
vor oder nach ongefar (beschehen) , dali si in 30 jaren diß land 
oft überzogen und beschediget haben ; do haben sich die von Bod- 
man und Fridingen uf sant Andres abent mit sonderlichen thaten 
erzeigt und inen großen schaden zugfügt, daher dan inen dise 
gewonheit und freiheit erwachsen ist, daß si järlich uf sant Andres 
abent, so der fischfang am besten ist, gwalt und herschaft haben 
über die fischetzen zwischet dem Paradis und Gotlieben. Und so 
sich die des gebrauchen wöllent, so nement si es also zu banden. 
Erstlich fnrents zu Bodman uß zu schiff und fürent mit inen ein 
halbfüdrig faß mit win, item etliche brot, deren iedes 18 pfund 
schwer und so breit, daß (es), so maus ufricht, so hoch sei, daß 
man ab (1. ob) dem knüw sovil darab schneiden mög, daß ein 
jeger und jaghund ein ganzen tag daran zu eßen haben (vgl. 
Rechtsalt. 102 f. \Veisth. 1, 101. 168. 240). Er muß auch mitfüren 



ÖÜ LUD^VIG UHLAND 

ein friscliling. Wen si nun lieruf kumment an das Eicliliorn ob 
Costanz, so lendents und bindent die suvv an ein jung haselsclioß 
und hawen darnach ein fuder holz. So dan die suw diewil nit 
abrißet, so ist si des stataiTians zu Costanz , rißt si aber ab, so 
ist si des banwarts. Dißen win , brot und suw wirt inen darzu 
geben von iren lehenlütcn , die das uß kraft der lehenschaft ze 
geben schuldig sind, und gat nit uß dem iren. Nachdem si nun 
das fuder holz gehawen haben , so farents der stat zu , schreien 
an drü bestirapten orten: huno, huno! und das gschicht zu War- 
nung, damit, so etwar uf dem see wer, wichen möchte, daii si 
gwalt haben, als si sagen, ze fahen und zertrenken was si finden. 
Weil si dan kument zum Paradis und Gotlieben , so rechtferkent 
sis (Schraell. 3, 25), und müßent bekeüen, daß si dis nacht über 
die fischetz herrn seien. Darnach so farent die fischer mit in uf 
den see, und so vil ieder fischer beren gesetzt hat, so vil maß 
wins müßents im geben. Nachdem si nun ab dem see kument, 
so setzent si sich zusamen und zechent. Darnach ziehents den 
see uf wider dem heimet zu mit den fischen. Vil andere cere- 
monien bruchents, welche ich nit alle erfaren hab.' 

Manches , was auch dem Konstanzer entgangen ist , verzeichnet 

noch 1592 einer der Berechtigten, Hans Georg von Bodm.n, der selbst 

den Zug ausgeführt hat: 

'Eß haben von unverdenklichen jaren hero die von Bodma die 
gerechtigkeit , daß sie iedes jar auf Sanct Andres abent dörfen 
außfaren, die zu Mekhingen und zu Bodma, und wen sie auf dem 
Kein , und sie zu selbiger irer außfart zu Costanz am Rein an- 
khoment, rufen sie auß iren scheffen laut: hunno, hunno! und 
faren alsdaii auf dem see fort, und wen sie finden, dessen leib und 
guet ist inen, den von Bodma, verfallen-; waii aber einem gnad 
beschicht, werfen sie in, außen ein in Rein entzwerents gestelltes 
scheff, in den fließenden Rein under das scheff; khumt er under 
dem scheff" herdurch und mag sich selbst oder durch hilf derjeni- 
gen, so im scheff" seien, widerurab in das scheff (heben), so hat 
er gebüeßet. Wann sie denn an dem Aichorn ankhomment, haben 
sie macht, auß einem daselbsten dem comenthur auß der Mainaw 
zuegehörigen holz, so vil sie die nacht zu kochen und sonsten 
brauchent, zu nemen. Betretten sie darunder den banwarten, bin- 
den sie im baide händ zuesamen , knipfen in an einen bom und 
einen proksel in da> maul, steckhen im under den einen arm 3 



BODMAN. 57 

laiblen brot, uiider den andern einen kantten vollen weins, 
welcher ime, wan er von den seinigen geledigt wirdt, zum besten 
verbleibet; und soll daselbsten an einer standen, so zweijärig, ge- 
bunden sein ein schwein so wenig nit daii vier gülden wert, reiße 
das schwein ab und wirdet ledig, ehe die von Bodma hinwegfaren, 
so ist solliches des ban warten, reißet es aber nit ab, sollen sie, 
die von ßodma , die (suw) wider mit sich füeren und dem statt- 
vogt zu Costanz vereren, dargegen soll er stattvogt und die von 
Costanz inen, denen von Bodma, vereren bekaütlichen ein halb 
fiederlein wein des besten, so sie in der statt haben und bi gaist- 
lichen oder weltlichen bekhomen mögen (vgl. Weisth. 1, 141. 246), 
und soll der stattvogt bi seinem aid anzaigen und beteiren , daß 
er khein beßeren in der statt nit wiße nocli bekhoiüen möge; 
ebenmäßig soll man inen auch vereren ein halb fierendeil wein, 
des gering.^ten und schlecht(st)en weins, so in der statt befunden 
werden mag, wie auch, daß khein geringer befunden werden mögen, 
vermelter stattvogt bei seinem aid bezaigen soll (vgl. Rechtsalt. 
256). Sodaii gehören alle fisch, so selbigen abent in den beren 
und in den seginen gefangen werden, inen, denen von Bodma, 
zue, doch sollen sie denen^ so die beren gesetzt und wellichen sie 
zuegehören, geben drei laiblin brot und ein maß wein, wellichen 
sie auß einem faß, so vier aimer tuet und bei sich habent, laßen 
sollen, doch wan man unden facht herauß laßen, sollen oben durch 
ein reittern, weil heraußen gelaßen würdt, . . . welcher aber eine 
segin füert, dem soll geben werden ain laib brot, welcher so groß 
sein soll, daß er einen (einem) gewachsnen mann auf dem reichen 
stehen und so weit über das knie gehabt (?), daß er ob dem knie 
darab uuschaden schneiden mag"*'). 



*') 'Retulirt Hanß Georg von Bodma Selbdsten den IC,. Oktober — 92. zue Mörß- 
purg, wie Er selbsten auf solligen Zug verrichtet habe.' Aus dem Lehenhofsarchiv 
zu Karlsruhe durch Herrn Baron M. von Bodmann abschriftlich mitgetheilt. — Eine 
Aufzeiclmung, wohl aus dem 17. Jhd., im Hausarchive zu Bodman, besagt nocli: jSo 
dan hat ein herr v Bodma (am Rande: Caspar gt: zue zeithen könig Henriei deß 
Ersten) in dem bluetigen krieg der Hunniten, wider die Christenheit, alß Sie dz ganze 
röm : Reich überzogen , aine große Victorj nehst ahm Boden See erhalten , allwo Er 
als dan von denen röm : kay : vndt königen mit sonderer gnadt vndt Priuilegio seines 
wolverhaltens halb allei-gnädigst angesehen worden. Vndt haben höhst gedacht Seine 
kay: vndt königl: Mayenstätt Ihme herrn von Bodma dz fischendtz die Hunno ge- 
nannt auf dem ganzen Boden See volgender gestalten gegeben , dz Er vndt seine 
Nahkümling in Ewigkheit dz Jus haben, all-jährlich in Vigilia S : Andrese nach mitag 



58 LUDWIG UHLAND 

Bucelin (Deduct. geneal. 454 sqq.) führt aus : Gaspar von Bod- 
nian, der, wie es scheine, zuerst statt des agihjlfingischen Löwen 
seiner höhergestcllten Ahnen den rätischen Steinbock und zugleich 
die drei Lindenblätter von Lindau zum Wappen genommen'*'^), habe 
von der anererbten Veste Bodman aus ruhmreiche Thaten wider die 
Ungern vollbracht und sei deshalb von Heinrich L mit großen Vor- 
rechten ausgezeichnet worden, insbesondre mit dem, dass er, zum 
ewigen Gedächtniss, in gewissen Zeiten des Jahrs Alles, was er von 
Schiffen oder Waaren auf dem See treffe, wegnehmen oder dessen 
Loskauf erzwingen dürfe; überdies habe der König ihm und seinen 
Erben das Recht des Fischfangs, die Huno genannt, im Rhein unter- 
halb der Konstanzer Brücke zu ewigem Lehen übertragen, mit der 
Befugniss, dass der Alteste dieses Geschlechts von Bodman vorbe- 
safftes Recht fiewissen am Rheine wohnenden Fischern weiter ver- 
leihen könne , welche Lehensleute noch auf den heutigen Tag als 
jährlichen Zins bestimmte Hunderte von Gangfischen dem zu Bod- 
man weilenden Herrn zu entrichten schuldig seien. Derselbe Gaspar 
habe sich in dem von Heinrich I. zu Magdeburg veranstalteten ersten 
Turniere glänzend hervorgethan , zu dessen Leitung er vom Könige 
mitbestellt gewesen, und in Folge jenes ihm über den See verliehe- 
nen Rechtes , sei letzterer nach dem Besieger so gewaltiger Feinde 
seitdem Boden see benannt worden. Bis zu dem verheerenden Ein- 
falle der Schweden in die Seegegend seien die Turnierwaffen der 
bodmanschen Ahnen sorgfältig bewahrt geblieben, damals aber im 
Feuer aufgegangen. Nach Aussage der glaubwürdigsten Augenzeugen 
haben dabei einige Lanzen von solcher Wucht sich befunden , dass 
kaum zwei Männer eine vom Boden zu heben vermochten, ferner 



von Bodina auß zue fahren, alle Schiff, so man antreffen wurde hinweg zue rauben, 
vndt zuer rantion ahnzuehalten, auch alle fischer facht von Bodma auß biß hin gehn 
Eimatingen vnderhalb der Rbeinbruggen zue Costanz gelegen, zue heben , vndt alle 
fisch hinweg zue neillen, vndt so gedachte herren von Bodma in der nacht nacher 
Costanz zue der Rhein bruggen koiiien, So weiden Ihnen die Selbige köttenen vnder 
der Bruggen im Rhein geöffnet, auf dz Sie auch die vberige refier deß Sees gegen 
Ermatingen hinab besuechen könden, Volgendt in der rukhkher nacher Costanz, wiirdt 
Ihnen dz thor bey der lukhen geöffnet, allwo Sie mit Ihrem raub, den Sie bekhomen 
haben, in die Statt sich begeben, vndt den Tag darauf den ganzen Magistrat der 
Statt Costanz gastieren.' 

"j Vgl. S. 52 f. Wernherus Zimhrensis und Thomas Lyrerus sind von Bucelin 
(a. a. O. 442) zu seinen Gewährsmännern gezählt. Das "Wappen von Lindau zeigt 
jedoch nicht drei Blätter, sondern einen Lindenbaum. 



BODMAN. 59 

ei-erne Beinschienen, welche unterhalb des Kniegelenks bis zur Ferse 
so lang waren, dass der Klostergeistliche Hans Simon von Bodman, 
des Berichterstatters Freund, ein Mann, der fast sieben Werkschuhe 
maß, bei wiederholten Proben , wenn er den Fuß in diese Schienen 
steckte, bis um die Schenkel einsank und doch nicht mit den Zehen- 
spitzen den Grund erreichte. Auch Hirminger, muthmaßlich ein 
Sohn Gaspars, habe Heinrich I. seinen Heldenadel bewährt, nicht 
bloß in dem erfolgreichen Kriege dieses Königs wider die Ungern, 
sondern noch durch besondere Siege, die er an und auf dem Boden- 
see, zum Schutze der umliegenden Länder^ über die Barbaren er- 
fochten , wofür er durch erweiterte Vorrechte , namentlich damit 
belohnt worden sei, dass ihm und seinen Nachkommen am Jahrestag 
und zur Feier seines sieghaften Kampfes gestattet sein solle , mit 
scheinbar bewaffneter Flotte den ganzen See zu befahren , alle dort 
Schiffende feindlich anzugreifen und zur Auslösung zu nöthigen, was 
die Umwohnenden , in dankbarem Andenken an die Rettung ihrer 
Väter durch Hirraingers Tapferkeit, sich von diesen erdichteten 
Feinden freiwillig gefallen lassen. 

Das haltlose Gewebe Bucelins geht sichtlich von Rüxners Tur- 
nierbuch aus, welches (Ausg. von 1566, Bl. 23 ^j gleich beim ersten 
Turnier, 938 zu Magdeburg gehalten, unter den zur Wappenschau 
berufenen vier alten und vier jungen Rittern aus Sehwaben , 'Herrn 
Casparn von Bodman, für einen alten', erwählt sein lässt. Heinrich L, 
vermeintlicher Stifter der Turniere, glänzt als siegreicher Bekämpfer 
der Ungern , die bei Rüxner , wie vielfach anderwärts , als Hunnen 
bezeichnet werden, und so empfahl es sich, diesen König dem schwä- 
bischen Wappenschauer Caspar von Bodman zum Danke für seine 
Kriegsdienste wider das Hunnenvolk jenes Fischereirecht, das bei 
Bucelin die Huno heißt, ertheilen zu lassen. Dasselbe bestätigt und 
verstärkt Heinrich dem angeblichen Sohne Gaspars, Hirminger, wel- 
cliem offenbar der Held des Frickgaus von 826 (S. 48) Namen und 
Ruhm leihen musste. Yv^eniger lässt sich einsehen , wie die Herren 
von Bodman Siege ihrer Ahnen über die Ungern und die hiedurch 
bewirkte Rettung des Seegebiets damit gefeiert haben sollten , dass 
sie, das feindliche Heer vorstellend, an ihre Landsgenossen gewalt- 
same Hand legten. Beachtenswerth ist dagegen die Meldung, wo- 
nach zu Bodman bis in die Zeit des dreißigjährigen Kriegs Waffen- 
stücke von riesenhaftem Maß und Gewicht aufbehalten waren. An 
solcherlei Erbstücke mochten alte Sagen des Hauses sich geknüpft, 



60 LUDWIG UHLAND 

jedoch, unter dem Einfluss geistlicher Freunde desselben, einen halb- 
gelehrten Zuschnitt erfahren haben, von dem selbst die volksniäßigern 
Chroniken nicht frei geblieben sind. Nur in lateinischer Schrift- 
sprache fand sich für den Hunnoruf die entsprechende Form des 
Volksnamcns: Hunnus] schwäbisch, in mündlicher Überlieferung, 
hätte dieser Name gelautet: ahd. Hün, mhd. Hiune (Heune). Den 
Schiffruf hunno verzeichnet, gleich den Andern, der bodmansche Be- 
richterstatter von 1592, aber er, der selbst noch den feierlichen Zug 
ausgerichtet hatte , sagt einfach , ohne allen Bezug auf den Ungern- 
krieg, die von Bodman haben von unvordenklichen Jahren diese 
Gerechtigkeit (S. 50). 

Dennoch fehlt es auch nicht an urkundlichen Nachweisen des 
Erwerbtitels. Mittelst einer 1277 zu Wien ausgestellten Urkunde 
vollzieht König Rudolf die Pfandverleihung des in Bödmen gelegenen 
kaiserlichen Hofes (curiae imjperialls in Bodemen sitae) füi" 70 Pfund 
Heller an den lieben getreuen Johann von Bödmen ; an Letztern, 
seinen Vetter, verkauft sodann 1295 Ulrich von Bodman, Domherr 
zu Konstanz, um 217 Mark Silbers die newe Burg zu Bodman, hier 
wohl die auf dem nachmaligen Frauenberg gestandene, und dieser 
Gegensatz spricht weiter für die Lage der alten Reichspfälz unten 
am See (S. 36 und Anm. 34). Bestätigt und namentlich auf das 
Freigericht ausgedehnt wird die bestellte Pfandschaft durch Hand- 
festen der Könige Adolf 1294, Albrecht 1298, Heinrich VII. 1309, 
Ludwig 1332, Karl IV. 1361, Wenzel 1378, Ruprecht UOQ^% Bald 
nachher treten Urkunden hervor, in welchen nicht mehr von Pfand- 
schaft, sondern von eigentlichen Reichslehen die Rede ist, des Kö- 
nigshofs zwar nicht mehr gedacht, aber mit dem Freigerichte zu 
Bodman belehnt und unter den verliehenen Rechten zuerst auch das 
Hunnfischen genannt wird, doch mag dies schon in einem bodman- 
schen Theilungszettel von 1389 geschehen sein, wonach der Besitzer 
des Forsterschen Lehens zu Walwies das zweijährige Schwein zur 
Ausfahrt liefern musste^'*). Eine deutsche Pergamenturkunde, vom 



^■^) Vor.stelieudes nacli summarischer Verzeichnung des Herrn Mattes. Genauere 
Bekanntschaft mit dem Inlialt dieser Urkunden wird auch den Zusjunmenluing der 
Rechtsverhältnisse besser aufhellen. 

^^) Angemerkt von Herrn Mattes. — Mangolds Chronik zum Jahr 1542 (ob. S. 56) 
besagt allgemeiner: 'vvin, brot und suw wirt inen (denen von Bodman) dazu geben 
von iren lehenlüten, die das uß kraft der Ichenschaft zu geben schuldig sind, und gat 
nit uß dem iren.' 



BODMAN 61 

rtiiiiischen König Sigmund am 17. Jan. 1418 zvi Konstanz ausgestellt 
und besiegelt, enthält nun : dass vor ihn, den König, kommen seien 
die strengen Frischhans und Hanskonrad von Bödmen, Ritter, seine 
Käthe und lieben Getreuen , und ihn demüthiglich gebeten haben, 
ihnen nachgeschriebene Lehen, die von ihm und dem Reiche zu 
Lehen rühren, gnädiglich zu verleihen, mit Namen das Freigericht 
: zu Bödmen, item das Moos, gelegen zwischen Bödmen und Walvvis, 
item den Bau, über das Blut zu richten, und Stock und Galgen 
I zu Bödmen, item die Fisclienz zu Costanz in dem Rhein auf sant 
Andres Abend, die man nennet die Hunn] er habe deshalb, ange- 
sehen der jetzigen Frischhansen und Hanskonrads demüthige und 
redliche Bitte und auch ihre willige und getreue Dienste, die sie 
iihm und dem Reiche oft und dick williglich und unverdrossenlich 
I gethan haben , täglich thun und fürbass zu thun allzeit willig und 
i bereit zu sein meinen , ihnen die vorgenanten Lehen mitsamt ihren 
Rechten und Zugehörungen gnädiglich verliehen, was er ihnen daran 
von Rechts wegen verleihen sollte, dieselben fürbassmehr von ihm 
und dem Reiche zu rechtem ]\[anlehen zu haben, zu halten und zu 
inießen, auch haben die vorgenanten Frischhans und Hanskonrad 
: gewohnlich Gelübd und Eide darauf gethan , ihm und dem Reiche 
getreu, gehorsam und gewärtig zu sein und zu thun und zu dienen, 
als dan Älann ihren Lehenherren von solchen Lehen pflichtig zu 
thun seien ■^^). Gleichartig ist ein zweiter Lehenbrief König Sig- 
munds aus Ofen 1424 für den strengen Hans von Bodman, der vor 
iihn gekommen, und dessen Brüder, abermals über das Freigericht 
und den Blutbann zu Bodman, das Moos zwischen dort und Wahvis, 
sowie die Fischenz zu Konstanz im Rhein auf St. Andreas Abend, 
'//' man neäet die Huny^'"). Auch Kaiser Ferdinand 1 (1558 — 15G4) 
bestätigte dieselben 'regalia umb das freigericht, das j\Ios, bann 
übers bluet, vischcnz zu Costanz im Rhein die Huno genannt'^"). 
An der Spitze der hier aufgezählten Pfand- und Lehenbriefe steht 
die Urkunde von 1277, welche den in Bödmen gelegenen Königshof 
selbst betrifft, und wirklich sind die in anhaltender Folge von den 
Königen ertheilten und bestätigten Rechte, auch ihrer Innern Beschaf- 
fenheit nach, solche, die von der Reichsgewalt ausgehen mussten und 
darum einst der königlichen Pfalz anhafteten : Freigericht, Blutbann, 

^'') Nach der Originalurkunde im Archiv zu Bodman. 

^^) Auszug der Urk. bei Hrn. Mattes. 

") Registratur etc 1589, Pap. Hds. im Archiv zu Bodman, Bl. 25^. 



ß2 LUDWIG UHLAND 

Fischregal. In alte Zeiten weist besonders noch die mitten unter 
diesen Hoheitsrechten gehende Verleihung des Mooses zwischen Rod- 
man und Walwies. Das Moos ist die vom erstem aufwärts zum 
letztern Ort eine Stunde weit sich erstreckende Thalraulde , IMoor- 
grund des zurückgewichenen Überlingersees ; die Trümmer von Alt- 
bodman und Homburg, auch die entfernteren der Neuenbürg, über- 
schauen dieses Gelände an dessen westlichem Ende, auf eiiicm steilen 
Hügel, das Dorf Walwies sich erhebt, ohne Zweifel nach dem unten- 
liegenden Wiesenfelde benannt. In der Königspfalz Bodman (Bodoma 
l^alatio regio) stellte Ludwig der Fronnne 839 dem Kloster Keichenau 
(Sindleozesauua) eine Urkunde aus , worin Walwies (vnalahuis) zu 
den Orten gerechnet ist, an welchen Eigenthumsrechte der könig- 
lichen Kammer von Bodman (ßsci nostri vocahido potinüacus) bestan- 
den (Anm. 20). Bei Walawis erstritt Erchanger 915 den Sieg, der ji 
ihn für den Augenblick zum Herzog schuf ^^). Dorthin berief nach- 
mals die Herzogin Hadewig eine öffentliche Verhandlung obschwe- 
bender Streitsachen und Staatsgeschäfte ^^). Indem nun noch die 
Lehenbriefe des 15. und 1(5. Jhd. gerade zwischen Freigericht und 
Blutbann das Moos gegen Walwies nennen , so ist auch für dieses 
zur größeren Dingstätte woh.'geeignete Feld die vormals gerichtliche 
Bedeutung nahegelegt. Selbst dass Erchanger und sein Anhang eben 
hier, im Gefechte mit den eigenen Landsgenossen (cum ceteris jpa- 
triotis suis), den inuern, alemannischen Zwist über das Herzogthum 
zur Entscheidung bringen, ist einem Kampfgerichte nicht unähnlich^"). 



^*) Annal. alainaiiii. a. 915 (Mori. G. 1, 56): Erchanger de exiUo reversus, cum 
Burchardo et Peralitoldo cum ceteris patriotis suis puffnavit, et eos apud Wallawis 
(v. walawis) vicit, et dux eorum effectus est. * 

"'■') Ekkeh. IV. cas. S. Galli c. 10 (Mon. G. 2, 125): CoUoquium tarnen jniKicum 
postea (Hadew ) j^vo his et pro alüs regiminis causis Walewis villa edixit, illuc quocj^ue 
episcopum et abhates venire iusserat. 

^"j Der Schreibung uualalmis, einzig in der Urk. von 839, gegenüber steht in 
den folgenden von 886 bis 1247: Walawis^ Walewis, Wahvisa. Ahd. icalaicisa würde 
wörtlich ein Schlachtfeld, eine Wahlstatt, pratum caedis, stragis, bedeuten (vgl. Graft' 
1, 801. Gr. 2, 479 f. 1008), Auf bloße piigna duorum des alamann. Gesetzes erscheint 
das ahd. Sammelwort loal ('Inbegrifl' der Erschlagenen' Myth. 389; angels. väl auch 
von der einzelnen Leiche,) nicht anwendbar. Aber auch der größere Kampf von 915 
kanji nicht den Ortsnamen veranlasst haben, der ja schon 839 bestand. Dagegen 
erinnert dieser an die in altnordischen Liedern und Sagen gangbare Sitte, nicht bloß 
das Gottesurtheil des Einzelkampfes (Holmgangs) an der mit Haselstäben umsteckten 
Gerichtstätte abzuhalten, sondern auch in gleicher Weise den Heerstreit auf gewisse 
Zeit und abgestecktes Feld anzuberaumen. (Zu hasla voll s. Rechtsalt. 809 f., ebd. 



BODMAN. 63 

j Im Anschluss an die Rechte höherer Gerichtsbarkeit wird auch die 
von Bodman ausgehende 'Fischenz' von den Königen unmittelbar zu 
Lehen gegeben ; der Fischfang, für größere Gewässer frühzeitig zum 
Regal geworden (Rechtsalt. 247 f. Walter, Rechtsgesch. 2. Ausg. 
§. 554), bewährt sich hier als solches noch eigens durch die weite 
Erstreckung und die prunkhafte, gebieterische Weise der Humifahrt. 
Ein Seitenstück zu dieser 'sonderlichen Freiheit' und 'großen Herr- 
lichkeit' (S. 54 f.) bietet der Wildbann in Reichsforsten der Maingegend 
und Wetterau, nach dortigen Weisthümcrn aus dem 14. Jhd. , der- 
selbe rührt gleichfalls vom Reiche zu Lehen, steht auch namentlich 
in Bezug mit der Reichsburg zu Gelnhausen , wie das Hunnfischen 
mit Bodman, und ist ebenmäßig durch stattliche Aufzüge, noch mehr 
durch strenge Pfändungen und Bußen vorzeitlichen Geprägs, als 
Ausfluss einer höheren Gewalt gekennzeichnet (Weisth. 1 , 498 ff. 
i 3, 426 ff. vgl. 1, 463 ff.). Allem dem entspricht schließlich der 
I Name des bodmanschen Fischereirechts, Im Lehenbriefe von 1418: 
! die Hunn\ in dem von 1424, wie gelesen wird fS. 61): die Huny- 
in Aufzeichnungen aus dem 16. und 17. Jhd. : auf der Hunnen^ die 
Huno oder Hunno , //?/««ofische •'''). Nun steht ahd. masc. Imnno, 



798: kampfi-men; Foniald 8. 3, 750 •'i Egilss. Lex. poet. 302 sq.; Gi.sla Sog. ved 
K. Gislas. 6; mythische und sageuberühmte Schlachtfelder, vorausbestimmte und ab- 
gemessene velUr, bei.spielsweise : Stern. 23, 18: Vigriär heitir völlr \ er finnask vigi 
cd I Surtr ok in sväsu god: \ hundrad rasta \ kann er ä hverjan veg, \ sä er pehn 
völlr vitadr. Ssem. Sl'': Helgi hafdi voll hasladan a Sigarsvelli ä prtggja 
lidtta fresti, vgl. ebd. 81, 35. Foniald. S. 1, 378: ä, Brdvelli etc. lata hasla 
honum voll ok taka peim orrostustad; aus geschichtlicher Zeit in Heimskr., 
S. af Ol. Tryggv. c. 18: iarl etc. liasladl voll Eagnfredi konungi ok tök orrostos- 
t ad etc. ]iur vard allmikil orrosta etc. petfa var ä pinganesi ; nach Tac. Annal. 
2, 16 zogen die Germanen unter Arminius: proelium jyoscentes in. camjmm, rui Idis- 
taviso nomen (Myth. 372: 'Idisiaviso, nympharum pratum'). In Erwägung kommt 
noch jenes den Alemannen verderbliche placitum in loco, qui dicitur Condistat, 
vom Jahre 746 (Mon. G. 1, 329. Stalin 1, 183 f.). 

^') Registr. 91 * : Ain zeddel darin begriffen etc. was auff der hunnen des 39 

jar so man sey (sie) ge/aren verzertt (Fahrten von 1542 und 1592 S. 55 f.). Auf 

der Rückseite des perg. Lehenbr. 1418 von späterer Hand: des fry gerichts, moss 

hoffs. stock etc. vnd hünnen etc Regist. 25 'J: aiji Vidimus von kayser Ferdinanden 

I gehner Freyhait vnnd Cunfirmation: Darinnen auch die Regalia vmb das freygericld 

I das Maß bann vbers bluet, vischentz zu Costantz im Rhein die Huno genannt. 93^: 

j Item ain alter zedl steet oben im tittel hunno visch zue Cos' .lüz. Darinn steet wem 

I die wachten und Reiß verliehen. Item das jerlich 2000 visch verfallen, die seyen mit 

j den von Fridingen tailt laut ains tail Iriefs. 93'': Die Freyhaiten vnnd Lehen brief 



64 LUDWIG UHLAND 

namentlich in sanctgallischen und reiclicnauischen Glossen, für hitein. 
centurio , tribunicius (Graff 4, 976), und man darf jenes ahd. Wort 
voraussetzen, wenn in Urkunden des 8. und 9. Jhd. , welche das 
Thurgau, Argcngau, die Bcrchtoldsbaar und andre alemannische Gaue 
betreffen, der auf den Grafen zunächst folgende centurio, centerarins, 
judex, verzeichnet ist (vgl. Neug. 2, ind. p. 69, unter XI und XIII). 
Im 13. Jhd. begegnet Hunno mehrmals urkundlich als Geschlechts- 
name und besonders in einer Einsiedler Urkunde von 1217 stehen 
unter den Zeugen aus Schwiz : C^inradus Hunno und Wernherus 
JVeibel, Richter und Gerichtsbote, bereits als vererbliche Beinamen'*-). 
War auch die Stellung und Zuständigkeit des Hunno (in späterer 
Form: Jncnne , honne) nach Zeit und Ort verschieden, früher wohl 
■gewichtiger, als in der Folge, stets doch war es ein obrigkeit- 
licher Beruf '*^). W^ie sich nun ein ahd. Adj. hunnilth, trihunalis 
(Graff 4, 976) gebildet hatte, so bedeutet, in dem dargelegten Zu- 
sammenhang, das später vorkommende Subst. fem. Imnnt, hiinne, 
hunn, die feierliche Handhabung der zur Reichspfalz gehörenden 
Fischgerechtsame durch den Hunnen, dessen Ausfahrt {(luff der 
hunnen so man sie gefahren, Anm. 51) der warnende Ruf hunno! 
verkündete ^"*). Dieser herkömmliche Schiffruf und der Name des 
Rechts verblieben, auch als letzteres längst nicht mehr unter Führung 

der Hunno vnnd vischentz zu, Costanntz Ugen zn. Bodman. Auch bei Bucelin, Deduct. 
geneal. 454: Jits Piscationis d. die Huno in Rheno infra pontem Constanciensem. 

^^) Urkunde aus Einsiedeln von 1217 (Hartmann, Annal. Heremi p. 235 sq. 
vgl. Tschudi 1, 114 Morel, Regest, der Bened. Abtei Einsiedein Nr. 49): de Suitz 
Cunradus Hunno, VIricus Kesseler, Vvernh&nis VveiheJ etc. (Kunrad Hunno auch 
schon in einer Urk. von 1210, vgl. Kopp, Gesch. d. eidg. Bünde 2, 1, S. 311. 321.) 
Urk. aus Schwiz von 1282 (Tschudi 1, 189): Cunrat dem Hunnen. Urk. aus Zürich 
von 1291 (Kopp, Urk. 1, 37 f.): von Siciz etc. hei-n Chvonraten Hunnen. (Merkel, 
Lex Alam. 7fi, n. 53.) Bei Goldast, Scr. rer. alam. 2, 102, im Verzeichuiss alaman- 
nischer Eigennamen ^ex vetu.stissimo Codice Monasterii S. Galli' : Hunno (Förstemann, 
Namenb. 1, 757). 

*•■') Hierüber: Rechtsalt. 756 f. Waitz, Verfassungsgesch. 1, 35 f. 2, 312 ff. 458 
Walter, d. Rechtsgesch. 2. Ausg. 100. 292. 298. Im Richteramte, dem vorherrschen- 
den Geschäfte des Hunno, lag es nicht, fiscalische Nutzungen im Namen des Königs 
einzuziehen (Waitz 2, 316 f.); eher gemahnt der wehrhafte Schiffzug an die alter- 
thümliche Verbindung der richterlichen Gewalt mit dem Befehl über die gewaffnete 
Macht (ebd. 1, 36). 

■^'j Gleich nihd. wäfeno! (Ben. Wörferb. 456, 47 f) sjiiiterem feindio, diebio, 
mordio, hilfio ! etc. (Schmell. 1, 8. Rechtsalt. 876. Gramm. 3,219. 297). Formwidiig 
erscheint subst. fem.: die hunno, etwa Kürzung eines mit dem Ausruf zusammenge- 
setzten Wortes (vgl. huno-ßsche). 



BODMAN. 65 

des Ceiitenars, sondern durch die vom Reiche damit belehnten Ritter 
von Bodraan geübt wm-de. Fällt nach allem dem die Bezieiiung der 
Hunnfahrt auf das Heldenthum der Ungernkriege hinweg, so ergibt 
sich dagegen ein beachtenswerther Beitrag zu den deutschen Rechts- 
alterthümeru und ihrer lebendigen Symbolik, die auch anderwärts in 
schwäbischen Rechtsgebräuchen zu Tage tritt (Beil. 2). Die Bindung 
des Bannwarts auf der Landspitze Eichhorn, das Recht über Leib 
und Gut aller auf dem See Getroffenen ;, das Auswerfen aus dem 
Schiff und die Nöthigung zum Durchschwimmen unter demselben, 
all diese gewaltherrliche Androhungen, denen sich doch wieder man- 
cherlei Scherz beigesellt hat, sind kaum anders, denn formelhaft, zu 
verstehen und grenzen an die niemals vollstreckten ^mythischen' 
Strafen und Bußen ältester 'Rechtssage' (Rechtsalt. 520. 682. 695). 

Noch am Ende des 14. Jhd. hat ein Ritter von Bodman, viel- 
leicht im Glauben an altererbte Berufung zum Kampfe mit den un- 
gläubigen Feinden des deutschen Landes, das Banner wider sie erho- 
ben. Von ihm schreibt abermals die zimmrische Chronik (1340 ff.) : 
'Kaiser Sigmund hat anno diii (1392) ain stattlichen Türkenzug 
geton, in dem doch nit vil außgericht, ja auch der kaiser selbs 
schier wer gefangen worden. Allerlai Unordnungen haben sich in 
diser expedition begeben, sonderlich S. Jörgen fancn halb, do ist 
ain großer zank umb gewesen, welcher den füeren solle. Aber 
herr Hanns von Bodman ritter hat den in Ungern als ain Deut- 
scher erhalten und gefiert, gleichwol nichts fruchtbarlichs ußgericht 
worden. Es haben auch die Deutschen , so zugegen gewest , be- 
zeugt, daß so das reich wider die ungleubigen und haiden zu veld 
ziehe, so solle ain Deutscher Sant Jörgen panner zu der band 
haben und füeren, darauf sich zogen für den kaiser Sigmund, auch 
die churfürsten. Aber etlich ansehenlich Behem haben herr Hann- 
sen von Bodman seines fürgebens gescholten, uf mainung, als ob 
er die unwarhait anzaigt, darauf herr Hans von Bodman im jar 
1392 gemaine grafen, herrn und von der ritterschaft des landes 
zu Schwaben zusamen beschriben und erbeten. Die sein zu ret- 
tung der eer ires vatterlands guetwilliglichen erschienen und haben 
herr Hansen von Bodman seins fürgebens in Ungern, wie oblaut, 
zeugnuss geben, daß sie von iren voreltren auch nicht anders ver- 
nommen und daß solchs also herkomen, darbei sie auch bleiben 
wollen. Darumb sein auch brief ufgericht, die auch one zwcifel 
den kitzlichen Behem ainstails sein zukomcn und überantwurt 

GERMANIA IV K 



66 LUDWIG UHLAND 

worden. Bei diser Handlung sein gewesen etc. (folgt die große 
Namenzalil meist schwäbischen Adels). Geschehen uf den hailigen 
weiheiinachtabend im jar 1392.'^^) 

Wenige Jahre später, 1396, fiel die blutige, für das christliche 
Heer verderbenvolle Türkenschlacht bei Nikopolis in Bulgarien vor, 
aus welcher König Sigmund kaum entrann und von der PVoissard 
in Bezug auf die dabei betheiligten Franzosen sagt, dass seine Lands- 
leute seit der Schlacht von Roncevaux, avo die zwölf Pars von Frank- 
reich umkamen, keinen so großen Verlust erlitten haben ^®). Er 
misst die Schuld der Niederlage dem voreiligen Losschlagen der 
französischen Ritterschaft bei, an deren Seite auch die Deutschen 
sich tapfer geschlagen. Davon weiß er nichts, was eine handschrift- 
liche Straßburger Chronik anführt, dass bei Nikopolis die Schwaben, 
als ihr bestehendes Recht, den Vorstreit verlangt haben, worin ihnen 
aber die Franzosen zuvorgekommen ^'). Sollte das auch auf einer 
Verwechslung mit dem Vorgange von 1392 beruhen, so erzählt doch 
ein Augenzeuge, Scliildberger aus der Stadt München, dass Hans 
von Bodman einer der 24 Ritter gewesen sei, welche der in Kriegs- 
gefangenschaft gerathene Sohn des Herzogs von Burgund , Johann 
von Nevers , nach besondrer Vergünstigung des Sultans Bajazeth, 
ausgewählt habe, damit sie von der allgemeinen Niedermetzlung der 
mitgefangen en Christen verschont blieben ^^) ; sehr glaublich derselbe 



*^) Diese Kundgebung steht vollständig bei Datt, de pace publ. 252 ff. und bei 
Burgermeister, cod. dipl. equestr. 1, 1 — 5. 

^^) Les ttlironiques de Jean Froissart Ij. 4, CIi. 52 (Buchen, collect, des ehren, 
nat. franc;. T. 13, Par. 1825, p. 398): j^av eux et leur orgueil fut toute la perte; et 
le dommage qu'ils regurent si grand que depuis la hataille de Eaincevaux oh les douze 
pairs de France furent morts et deconßts ne regurent si grand dommage. 

^') In der bei Datt 251 ausgehobenen Stelle besagt diese Straßb. Chronik , der 
König habe gebeten : daß si ihm mit sinem volk, den Ungarn, den vorstrit sotten laßen, 
warnn er forcht, werend si nit vorneit am strit, daß si nit hlibend, tmd flühend. Da- 
wider sprachen die Schwaben: es v)ere ir recht, wann man striten weit, daß sie allweg 
den vorstrit hellend, also wollen sie auch iezmtt den vorstrit han. Under den dingen 
wurden die Franzosen sicJitig und sprechend : sie werend von veiien landen darkommen, 
sie wollen den vorstrit han, und ranten die haiden an ungefordert v/nd ungemaistert. 

^*) Schildtberger etc. Nürmb. durch Job. vom Berg, vnd Virich Newber o. J., 
BI. C 3'': Älß nun der Hertzog von Burgundi, seinen (des Königs Weyasit) eivist vnd 
Zorn vermercket, bat er jn, das er jhm etliche auß jnen ledig ließ, die er haben icolt, 
das gewert jn der König , Da nam er auß jnen, zwölff Herren auß seiner landtschafft. 
Item den Heii' Stephan Synther, vnd den Herrn Hansen von Bodem. Vgl. Asch- 
bach, Gesch. Kais. Sigmunds 1, 108 ff. 



BODMAN. 67 

Ritter Hans von Bodraan, der 1392 die Fahne geführt hatte. Sig- 
mund , der während dieser Heerzüge noch erst König von Ungarn 
war, kann solcher Ritterdienste nicht uneingedenk gewesen sein, als 
er, seit 1410 auch deutscher König, die von Bodman durch Reichs- 
lehen, darunter die Hunn mitbegriffen, auszeichnete. Selbst Erinne- 
rungen und Herkommen aus viel älterer Zeit, da noch der aleman- 
nische Heerbann mit der Pfalz zusammenhieng, machen sich fühlbar, 
wenn ein Stammgenosse Johanns von Bödmen, der 1277 den kaiser- 
lichen Hof daselbst zu Pfandlehen erhalten hatte (S. 60), 1392 das 
Banner des h. Georgs vorträgt und als Wortführer dieses deutschen, 
mittelbar schwäbischen Vorrechts auftritt, wenn er hierüber ein feier- 
liches Zeugniss von 27 Grafen und 430 Freiherrn, Edelknechten und 
Rittern des Landes zu Schwaben, hauptsächlich vom Bodensee und 
aus dem Hegau, hervorruft und wenn sofort in derselben Gegend, 
unter König Sigmunds besondrer Gunst, die nachmals zum schwä- 
bischen Bund erweiterte Gesellschaft St. Jörgen Banners oder Schilds 
ersteht ^^). 

Die Chronik von Zimmern weiß noch Andres über Bodman und 
seine Burgherrn zu berichten und eben ihr, die das Waldmärchen 
vom Tübinger Pfalzgrafen (Germ. 1 , 2 ff.) erhalten hat, verdankt 
man auch ein Märchen vom See , das mit dem verhängnissvollsten 
Ereigniss der Hausgeschichte von Bodman in Verbindung gebracht 
ist. Nach Erzählung der wunderbaren Reiseabenteuer eines Grafen 
von Zollern (Beil. 3 a) fährt der Chronikschreiber fort : 

'Noch haben wir ain trüwen Schwaben, der auch ain sollicher land- 
farer gewest, nemlich ainer von Bodman, ain ritter, hat ungefarlich 
zu Zeiten des obgemelten graf von Zollern gelept, von dessen taten 
ain sonders capitel.wär zu beschreiben. Demselbigen ritter starb 
sein weib , und war aine von . . . hieß . . ■ , die het im geporen 
drei döchtern, waren verheirat, auch zween söne, der ain Conrad 
gehaißen war unverheirat, der ander Hanns, derselbig war über 
ain viertel jars nit alt, wie die guet fraw starb. Darab name ime 
der ritter ain solchen unmuet und bekummernuss, daß er im für- 
satzte hinweg zu raisen und in etlichen jaren nit widerumb haim- 
zukommen, befalch derhalben seine bald söne, auch haus und hofe, 
dem allmechtigen got und seiner lieben raueter. Damit zoch er 
darvon in frembde land, in die haidenschaft, jar und tag, in welcher 



9) Datt 232 ff. Stalin 3, 334. 447 f. 619. 



68 LUDWIG UHLAND 

zeit er wunderbarliche Sachen erfucre, auch vil ritterlicher tat 
begieng. Er ist nach langem uf solcher rais in ain große wild- 
nuss koiucn weit von aller mentschlichen wonung (zu achten in 
denen lendern gegen miternacht, dann die alten das ußer unfleiß 
nit verzaichnet). Als er sich nun seines leibs und lebens ver- 
wegen, ist er doch letztlich seins erachtens (an) ain groß waßer 
oder ain mer komen, da er kain land mer gesehen. Da hat er 
seins vermainens ain mentschen gefunden , ain kleines mendle, 
das hat ine angesprochen , mit sich in ain behausung mit lauter 
laub und gras überwachsen gefüert und mit eßen und drinken 
wolgehalten. Mancherlai wein hat es im fürgesetzt, under anderm 
aber ain wein, welcher, da in der Hanns von Bodman versuecht, 
er gesprochen, so er dahaim zu Bodman, so weit er sprechen, es 
were wein von seinen reben oder seinem gewechs, darauf das 
mendle gesagt: ja, es seie des weins und gewechs von Bodman. 
Dessen hat sich herr Hanns höchlichen verwundert und gefragt: 
wie das müglich, daß er seins weins, der doch nit des beßten, in 
so verre und frembde land kond zuwegen bringen? Da hat er 
im frei bekent, es selbs sei kain natürlicher mentsch, sonder der 
Nebel, darumb könnde er der mertails lendern den wein bekomen, 
und was oder wievil weins von dem nebel hin und wider in den 
weinlendern verderpt, das gang im zu nutz. Darneben hat er ine 
gelernt, so er zu ewigen zeiten seine Weinreben zue Bodman vor 
dem nebel und schaden wolle behüeten, so soll er im flecken 
Podma niiTier wider den nebel leuten laßen (wie daü sonst gemain- 
lichen beschicht, daß man morgens wider den nebel zu leuten 
pfligt, den zu vertreiben), so soll er vertröst sein, daß seinen reben 
zu Bodma kain nebel kain schaden niemer ton werde. Das hat 
im der von Bodma verhaißen, darauf sein sie wider von ainandern 
geschaiden. Im abschid hat im das mendle gesagt, es sei zeit, 
daß er wider der haimat zu nehere. Derhalben im herr Hanns 
versprochen zu folgen und sich uf die fart zu machen, als er auch 
geton. Mitler zeit aber und er sich von haus geton und sein 
junge söne dahaimgelaßen, do ist Lorenz keller gewest, wie dann 
beschicht, wa die katzen ußerm haus, so raihen die meus. Also 
da der guet alt herr von land, so kamen die dochtermenner und 
schweger sampt iren weibern mermals gen Bodma und war alles 
trauren umb ire liebe guete muetter und schwiger schon bind 
(Schmell. 2, 217: hint sein) und vergeßen. Insonderhait so 



B 0DM AN. 69 

kamen dahin uf sant Johanns sonnenwendi abend , welchs ain 
sampstags war, herr Hanns von Schellenberg ritter mit seiner 
hausfrawen Anna geborn von Bodma, Hainrich von Bluemeneck 
mit seiner hausfrawen Adelhait geborn von Bodma und Gottfriden 
von Krehen sampt seinem weib, Cathrinen von Bodma. Dise alle 
drei waren Schwestern und des alten herren Hannsen von Bod- 
mans döchtern. Dise warden von irem brueder und schwager 
Conraden von Bodman erlichen und wol empfangen und gehalten. 
Sie waren denselbigen abent ganz frölich, wenig bedrachtend den 
großen unfal auch den eilenden erbärmlichen tod, der inen so 
nahe under äugen gieng. Nach dem nachteßen fiengen sie an zu 
danzen und alle kurz weil zu haben. Indes facht an ain groß 
Wetter über das schloß zu koinen mit dondern , blitzen ganz 
greusenklich , des sich doch die obgehörten nichts annamen, son- 
dern fortfueren. Also erzaigt sich gegen den abent spot ain groß 
wunderzaichen alda, dann es ließen sich ganze feurige kugeln 
und strsel ob dem schloß sichtbarlichen sehen , daß solchs die 
Wächter nit verhalten, sonder den edelleuten anzaigen müeßen, 
und sie waren die sich nichts daran kerten , sonder danzten und 
ließen sich hieran nichts irren. Also zu angeender nacht do ließen 
sich die feurinen kuglen herab und schlueg der donder mit obge- 
hörten strselen dermaßen in das haus, daß gleich das ober schloß 
und geheus aller voller feur, und als die alten schlößer ainest 
mertails in die höche gebawen, nur mit hilzin Stegen one alle 
andere verborgne oder haimliche abgeng versehen, da wäre ains- 
mals jamer und große not vorhanden. Es war nit weil, da lange 
beratschlagung zu pflegen, dann da war kain hoffnung ainigs hails, 
dann so etwer zu aller höche hinauß het wellen springen, das 
aber ain unmügliche sach alle bedaucht. Derhalben als sie den 
gewalt und straf gottes augenscheinlichen sahen, baten sie gott 
umb gnad und Verzeihung und ergaben sich gedultiglichen in den 
tod, der bald daruf volget. Dann die obgenannten vom adel und 
ire Aveiber verbrennen zu eschen sampt dem schloß, dergleichen 
noch drei frawen, die ain hieß Adelhait, war des jungen von Pod- 
mans, der noch in der wiegen lag, saugama, die ander zwo: die 
ain hieß Lucia, die ander Anna, dise alle verbrennen sampt dem 
schloß. In allem jamer aber und mordlichen geschrai, wie wol 
zu gedenken, do hat die saugama Adelhait den jungen Hansen 
von Bodma in vil windlen und lumpen eingewicklet und in ain 



70 LUDWIG UHLAND 

großen erinen hafen, der imgeferd damals oben im schloß an der 
hand gewesen, gesteckt und als ir das feur ganz nahend koiüen, 
hat sie den gueten jungen im hafen in gottes des allmechtigen 
und unser lieben Frawen namen zum laden hinauß geworfen, und 
wiewol es ain große höche, nochdan ist der jung im hafen wun- 
derbarlichen salvirt worden und darvon kommen. Dann er ist 
gleich von den nachpurn und seinen verwandten erzogen worden, 
da man ime ußer erbermde alle trewe bewisen, und ist damals 
aller stam deren von Bodma uf disem jungen gestanden, daii von 
dem alten niemands gewist, ob er lebendig seie oder todt. üise 
geschieht ist beschehen an ainem sampstag S. Johanns des teufers 
abent spat gegen der nacht im jar als man zalt 1307. Unlangs 
hernach diser erbermlichen geschieht do ist der alt herr Hanns 
von Bodman wider zu land komen, iedoch am ersten gen Salmens- 
weiler ins closter, dieweil er und seine vorfarn ire begrebtnuss 
allda gehabt, zudem ime der apt auch sonderlichen wol bekant 
war. Es behielt in der apt ain tag etliche bei im, daß er in nit 
haim laßen wollt. Wie er aber lenger nit pleiben (wollt), do nam 
er ine uf ain ort, sagt ime alle ergangne geschieht mit beßten 
glimpfen, bat in darbei, daß er solches alles gott befelchen und 
dem allmechtigen danken (solle) , daß er seinem jungen sone so 
wunderbarlichen mit dem leben darvon hat geholfen, mit weiteren 
Worten herzu dienstlich. Der alt herr Hans vernam dise geschieht 
mit großem unmuet, verfuegt sich darauf haim und als er alles 
nach notturft erkundiget, do name er sein jungen son zu sich, 
den erzog er fürter mit allen trewen und von demselbigen Hansen 
von Bodman sein alle von Bodman, so noch in leben, abkomen. 
Man zaigt noch heutigs tags uf Bodman den erin hafen, darin der 
jung zum schloß ist hinaußgeworfen worden, der wurt zu ewiger 
gedechtnuss allda behalten. Der alt herr Hans von Bodma hat 
das verbronen schloß nit mer pawen wellen, sonder hat den berg 
mit etlichen renten und giilten unser lieben Frawen geschenkt 
und geaignet, auch das alles dem abt von Salmensweiler und dem 
closter übergeben , damit etlich fratres daselbst ewiglich erhalten 
werden, die den gotsdienst ieben sollen. Das hat der abt ange- 
nomen, ain kirchen in der er unser lieben Frawen sampt ainer 
behausung darzu erbawen und sein stetigs zwen conventual alda, 
wurt unser lieben Frawen berg genennt. Nach solchem hat herr 
Hanns von Bodman das schloß, so iezo auch Bodma wurt genennt, 



BODMAN. 71 

erbavven uf den perg, da es iezo steet, und darin ain ganze über- 
gülte Stuben gemacht, aller brauncirt, und von der zeit an do hat 
man dem nebel niramermer zu Bodraa geleut, wurt auch noch 
also gehalten. Man vvaist auch dargegen, daß der nebel von un- 
verdenklichen jaren dem wein oder den reben allda kain schaden 
nie geton hat. Man sagt auch, es hab sich der alt herr Haus 
mit seinem sone, als der erwachsen, verglichen, daß hinfüro alle 
des stamens von Bodman manspersonen sollen Haus genempt Aver- 
den, wie das bei unsern Zeiten noch gehalten wurt. — Ich hab 
von glaubhaftigen leuten mermals gehört, daß noch zu unsern 
Zeiten, da ain groß wetter zu Bodman sich erzaig, feurine liechtle 
und kuglen uf den zinnen , turnen und dechren sich sehen laßen, 
und so das beschicht, haben sie ußer der deglichen und vilfeltigen 
erfarnuss darfür, das wetter thue kain schaden und hab nur (nun?) 
kain not mer; zu achten, solche liechtle seien inen zu ainer ge- 
dechtnuss und zu ainer sicherhait künftigs brands gegeben, wie 
dann der regenbog gemainem mentschlichen geschlecht ain zaichen 
ist des bunds und daß die weit mit kainer sündfluet mer sol ge- 
straft werden oder zergeen ^'').' 

Auf sehr abweichende Weise bringt das schweizerische Helden- 
buch von 1624 den Schlossbrand von Bodman mit der Nebelsage 
zusammen : 

'Umb das Jahr Christi ein tausent drei hundert und achte lebte 
Johann von Bödmen , des uralten adelichen Geschlechts am Bo- 
densee. Welcher in seiner jugend ganz wunderlich bei dem leben 
erhalten worden, so sich also zugetragen. Es käme ein Schwarz- 
künstler und fahrender Schüler an dieses Ort, welcher dem Herren 
zugesagt und versprochen, er wolle durch sein Kunst zuwegen 
bringen, dass forthin in derselben Gegne, umb den Bodensee 
herumb, kein Nabel oder Eif den Weinreben mehr Schaden brin- 
gen solle, Avelches man ime dann aus vorgehenden Thaten geglaubt 
und grosse Frewd gehalten. Als nun das ganze Hausgesind mit 



^"j Nacliträglich (S. 1516) bemerkt die Chronik: 'Also befindt sich in der erfar- 
nuss, daß sonst solche liechtlin, so man die zue zeiten sieht, uff den techern und 
turnen, was glücklichs und guets bedeuten.' Es folgen Beispiele solcher bedeutsamen 
Erscheinungen auf dem Münsterthurme zu Konstanz 154* und 1565, dann zu Mar- 
burg 1566. Vgl. Myth. 868 f. und 1089 f. (St. Elmsfeuer); Fälle schlimmer Vor- 
bedeutung bei Br. Grimm, d. Sag. 1, 368. 



72 LUDWIG UHLAND 

sampt den Junkheren frülich getanzet, scliluge unversehen ein 
fewriger Straal in das Schloss, also dass es an allen Orten anfieng 
zu breiien. Daselbsten seind siben Edelmäner mit sampt dem 
Hausgesind , Knechten und Mägden , jämerlicli zu grund gangen. 
Zu dieser Stund erbarmet sich die Seiigamm gar sehr ihres jungen 
Kind, und weil sie bessers nicht mögen, erwütschet sie ein eheri- 
nen Hafen , setzt das Kind darein , machet viel Tücher zu ring 
umb es, damit es wol bevestiget wurde, und warffe es von einem 
hohen Thurn über das Schloss hinaus, da es dan auch bei dem 
Leben erhalten und von dem zulauflfenden Volk erkennet und hin 
getragen worden. Dergestalten war Johannes allein von diesem 
Geschlecht damahlen überblieben, auch in allen Tugenden wol 
aufferzogen. So bald er auch erwachsen, ist er dem keiserlichen 
Feldlager nachgezogen und (hat) sich dermassen wol gehalten, 
dass er zu Ritter geschlagen worden. Nach diesem käme er wider 
heimb, erneweret seiner Vorfahren Wohnung und hielte sich der- 
gestalten loblich , dass ihne menniglich sehr geliebet. Es seind 
seine Nachkofnen alle von ihme liar Johannes geheissen und in 
dem Closter Salmansweiler ehrlich zu der Erden bestattet worden, 
da dann diese Historien an einer Tafel gemalet' ^'). 

Andre Darstellungen halten das Nebelmärchen unvermengt mit 
der Geschichte des Brandes. So zuvörderst eine handschriftliche 
Aufzeichnung aus dem 17. Jhd. im Hausarchiv zu Bodman ^-). Erst 
wird hier das Unheil von 1307 und die Stiftung auf dem Frauen- 
berge mit einigen nähern Umständen gemeldet: als Umgekommene 
sind besonders genannt die Herrn von Schellenberg, Blumeneck und 
Hohenkrähen (Eidame des Ritters von Bodman) ; die Kindsfrau legt 
den Knaben 'in St. Joanis namen' in das eherne Gefäss, daher 
auch Alle dieses Stammes den Namen Johannes fortan behalten 
haben; die Kapelle des Frauenbergs, zu welchem die zwei umlie- 
genden Thäler sammt vielen Zehenten und andern Mitteln für Unter- 
haltung eines Geistlichen aus Salmansweiler geschenkt wurden, ist 
durch tägliche Wunder verherrlicht: 



*') Schweitzerisch Heldenbüch etc. Basel, 1624 S. 45 f. Daraus schon mitge- 
theilt in O. F. H. Schönbuths Neuem Führer um den Bodensee etc. Lindau 1851, 
S. 284 f. 

*') Designa'on Waß aich denckwürdiges von denen Herren von Bodma derinahlen 
in actis findet. Pap. Fol. 2 Bog. 



BODMAN. 73 

'darbei noch die alte und wahrhafte gefänknus S. Othmari, ersten 
abts zue St. Gallen, unter anderen zue ersechen, welche alleinig 
in der brunst übrig gebliben' *'^). 
Für sich bestehend folgt hierauf die Nebelsage : 

'Zue disem hat man auß uralten geschichten, daß der herr Hanns 
von Bodma, sonsten der Landfarer genant^*), so anno .... ge- 
storben, sich von seiner fraw gemahlin in entfernte länder begeben, 
in meinung, die ganze Avelt durchzueraisen. In der abrais aber 
hat er seinen güldenen rüng von der band genomen, solchen ent- 
zwai gebrochen und das aine stuck gedacht seiner fraw gemahl 
zue dem ende, daß, wan er nach langen jaren widerumben nacher 
haus komen möchte, es ain kenzaichen seiner person sein solle, 
gegeben,' den andern halben tail aber hat er bei ime behalten. 
Als er nun lange jar ausgebliben und auf dem wilden mör von 
denen wellen in aine insel geworfen worden , also daß er nicht 
mer fort kofiien können, sondern seines lebens verzweiflet hette, 
ist ein wildes mändle zue ime keinen, ine seiner traurigkait be- 
fraget, so er ime allen verlauf erzölet hat; worauf dieses mändle 
ime gesagt : es hette seine fraw sich widerumben mit ainem andern 
verheiratet und morgigen tags werde sie hochzeit halten; wan er 
ime versprechen wolle, daß er in seiner herrschaft ewiglichen nicht 
mer wider die nebel leuten laßen wolte (Ursachen, weilen er sein 
beste narung aus dem weinberg, die Herrenstain genant, diser herr- 
schaft habe), so wolle er ine one allen seinen schaden und nach- 
tail auß diser gefar erheben vnid füeren, daß er morgen nach der 
malzeit seiner fraw gemahl beiwonen könde. Nachdeme diser herr 
von Bodma ein soliches zuegesagt und versprochen, und es noch 
auf heutigen tag also gehalten würdet, als ist dises mändle mit 
ime zue Bodma den andern tag, als man bei dem hochzeitmal sich 
lustig eingefunden, ankörnen. Herr von Bodma aber stellete sich 
als ein armer und begerte, ime ainen trunk zue raichen. Als er 
solichen erhalten, hat er ainen trunk aus disem geschürr geton, in 
den überigen wein aber würfe er den halben tail des güldenen 



®^) Vgl. oben S. 52. Schönhuth a. a. O., S. 288, bemerkt die in Stein gehauene 
Aufschrift des kleinen Gewölbs : Vestigium carcens St. Othmmi. 

* *) Hiezu Randbemerkung von andrer Hand : mit welchem zue Namen dan Er all 
jährlich auf vnser liehen frawen berg zu Bodma aus dem noch verhandenen alte» jahr- 
zeit büecMin alß henefactor verlesen würdt. 



74 LUDWIG UHLA.ND 

rings, so er mit sich zue aincm kenzaichen genomen, hatte, disen 
trunk saraht inligenden halben tail des güldenen rüngs der fraw 
hochz eiterin zue präsentieren. Als nun sie dises gesechen, war sie 
alsoLaldeu erschrocken, befalche gleich iro den halben güldenen 
rüng, so in irem Schreibtisch läge, beizuebringen, so nun alsobal- 
den mit niänigliches Verwunderung, was es bedeiten solle, gesche- 
chen. Da sie nun baide stuck zuesamen fliegte, (hat sie) iro disen 
armen zue der malzeit zue füeren befolchen, allwo sie ainandern 
als liebe ehegemahl begrießet und dise wunderbarliche geschieht 
sonderliche freüden erwecket hat'. ^^) 

Damit stimmen zwei noch neuerlich aus dem Volksmund ver- 
öffentlichte Fassungen der Sage in den Hauptzügen überein, wenn 
auch einzelnes Eigenthümliche beifügend. Nach der einen (bei 
E. Meier, Volksmärchen aus Schwaben, Stuttg. 1852, Nr. 61: Das 
Nebelmännle, mündlich aus Engen,) kommt der Edelherr vom Uber- 
lingersee, auf seiner siebenjährigen Reise bis ans Ende der Welt, 
durch weite Wüste zu einer hohen Mauer, die er, um zu erfahren, 
was dahinter sei, seinen zwei Dienern nacheinander ersteigen hilft, 
sie springen aber auf der andern Seite hinab und kehren nicht wie- 
der, denn es ist der Paradiesgarten; allein kann er nicht hinaufklet- 
tern und gelangt hernach zum Hause eines kleinen Menschenfressers, 
des Nebelmännleins: 

'Nachdem nun das Nebelmännle von dem Herrn von Bodmann 
erfahren hatte, wie er daher gekommen, so sprach es zu ihm: ^^ich 
will dir nichts zu Leide thun und will dich sogar noch in dieser 
Nacht zu deinem Schlosse führen (deim sonst hält deine Frau mor- 
gen mit einem Andern Hochzeit), wenn du mir versprichst, dass 
du künftig das Läuten mit der Nebelglocke unterlassen willst." 
Das versprach ihm der Herr von Bodmann herzlich gern, und 
darauf nahm ihn das Nebelmännle auf seine Schultern und flog mit 
ihm, schneller als der Wind, durch die Luft und setzte ihn am 
Morgen richtig vor seinem Schlosse nieder. Wie der Herr von 
Bodmann seine Burg betrat, erkannte ihn Niemand, selbst seine Frau 
nicht. Diese reichte ihm Waschwasser, und nachdem er sich ge- 
waschen, zog er seinen Trauring vom Finger und ließ ihn hinein- 
fallen etc. Das Läuten mit der Nebelglocke, welches den Nebel 
verscheuchen sollte, ist seitdem eingestellt worden.' 

^*) Späterer Beisatz : Dißes ist das einzige Pieqe so von dem Nebel- Leuthen handlet, 
außer deme keine Spur in Actis verhanden. 



BODMAN. 75 

Nach der andern mündlichen Überlieferung (bei L. Reich, die 
Insel Meinau etc. Carlsruhe 1856, S. 228 if.) springen die Diener 
des wandernden Ritters von Bodraan nicht in den Paradiesgarten 
hinab, sondern kehren aus dem kleinen Hause des Nebelmännleins, 
eines grausamen Feindes der Menschenkinder, nicht wieder, der Herr 
selbst, der ihnen dahin nachgefolgt, wird vom Weiblein des Menschen- 
fressers verborgen, jedoch von Letzterem gewittert und muss aus 
dem Kellerloche hervortreten : 

'Aber wie erstaunte er, als ihn der Alte nicht unfreundlich mit 
Namen begrüßte. ^^Woher wisst Ihr, wie ich heiße?" fragte ver- 
wundert der Ritter. ^Jch weiß noch mehr", sagte der Nebelmann, 
j morgen früh wird Eure Gemahlin getraut in der Schlosskapelle zu 
Bodman; die 7 Jahr, die Ihr bedungen habt, sind längst ver- 
flossen etc. Ich will einen Vertrag mit Euch abschließen ; wisst, 
ich bin der Nebelmann vom Bodensee, und die Nebelglocke, die 
jeden Abend in Bodman geläutet wird, schlägt mich jedesmal 
bummelnd um den Kopf; wenn Ihr mir versprecht, das leidige Ding 
für ewige Zeiten in den Bodensee zu versenken, so will ich Euch 
noch vor Tagesanbruch in die Heimat schaffen." Der Ritter wil- 
ligte ein, worauf das Nebelmännlein einen seiner dienstbaren Geister 
berief und ihn fragte: ^^wie schnell bist du?" .^Wie der Pfeil vom 
Bogen!" lautete die Antwort. ,^Du bist zu langsam", versetzte 
der Nebelmann und citierte einen zweiten: ^^Wie schnell bist du?" 
^,So schnell wie der Wind!" erhielt er zur Antwort. ^^Zu langsam!" 
hieß es und ein dritter wurde gerufen , der auf die Frage , wie 
schnell er sei , zur Antwort gab : ^^So schnell wie des Menschen 
Gedanken!" ^^Gut!" versetzte das Nebelmännlein, ^^du bist der Rechte, 
auf mit ihm und davon !"^^). Der Ritter wusste nicht, wie ihm 
geschah. Als er erwachte, lag er auf dem Gänsriedersteg bei 
Bodman. Lieblich von der Morgensonne beschienen, glänzte der 
See und die hohe heimatliche Burg; die Glocken riefen zur Kirche. 
Bei dem Festmahle, das der Trauung folgte, wird dem fremden, 
im Schlosshofe stehenden Pilgrim hereingerufen und ihm ein Ehren- 
platz angewiesen; die Braut selbst kredenzt ihm den üblichen 
Trunk. Der Ritter lässt seinen Ehring in den Wein fallen und 
die gute Frau, als sie Bescheid thun will, sieht das Zeichen auf 
des Bechers Grunde liegen ; sie wird aufmerksam und erkennt in 



") Vgl. Sn. Edda Arnaiu. 1, 154. 162 f. 



76 LUDWIG UHLAND 

dem Gaste den todtgeglaubten Gemahl, und Alles endet in Freude, 
der Ritter aber löst getreulich sein Versprechen wegen des Nebel- 
glöckleins. — Gewöhnlich wird der Geschichte im Volksmunde 
durch Verknüpfung der spätem Sage ein tragisches Ende gegeben. 
Die Frau will den durch lange Jahre und Mühseligkeiten gealterten 
Gemahl nicht mehr erkennen , worauf dieser des Himmels Strafe 
und Verderben über die Ungetreue und ihr ganzes Haus herauf- 
beschwört. Sogleich erfüllt sich die Verwünschung. Ein Wetter 
zieht am Himmel auf und der Strahl entzündet die Burg, in wel- 
cher Alle in den Flammen den Tod finden , mit Ausnahme des 
jüngsten Sprösslings eines anwesenden Ritters von Bodman, der 
durch die Geistesgegenwart der Amme gerettet wird. — Noch soll 
zuweilen bei niederem Wasserstand die versenkte Nebelglocke 
gesehen werden. Das Nebelmännlein aber hat seinen Sitz im 
^^Löchle", einer angeblich unergründlichen Tiefe des Sees bei Bod- 
man, welcher Fleck bei größter Kälte niemals zugefriert. In stillen 
Nächten steigt der silberbärtige Alte auf, beirrend die Schiffleute 
und beschädigend mit kaltem Reife die Reben.' 

Auch auf den kleinern, nachbarlichen Federsee ist die Nebel- 
märe übertragen. Ein Graf von Stadion, der schon seit sieben Jahren 
reist, um das irdische Paradies zu suchen, hat sich in einem großen 
Holze verirrt und kommt zu der mächtig hohen Mauer, von der 
seine beiden Knechte hinabspringen, dann zu dem alten Waldweib- 
lein, das ihn vor ihrem Mann, einem Menschenfresser, versteckt; 
der Waldmensch aber stöbert ihn auf, redet ihn als Grafen von 
Stadion an, gibt sich selbst als das Nebelmännlein zu erkennen, 
will ihn übrigens verschonen und rechtzeitig nach Stadion bringen, 
wo die Gräfin am nächsten Morgen mit einem Andern Hochzeit hal- 
ten werde, wenn er verspreche, sein 'verbeintes' (Schmoll. 1, 178) 
Glöcklein, das den Nebelmann nicht leiden könne und, so oft der- 
selbe dort Übel anrichten wolle, an den Kopf schlage, in den See 
zu werfen ; der Graf gibt sein Wort und des Morgens frühe fahren 
sie im Nu auf einer Nebelwolke nach Stadion, wo Jener sich durch 
seinen Stahlring ausweist, das Nebelglöcklein aber lässt er in den 
Federsee versenken ®'). 

Es ist dreierlei Inhalt, den die vorstehenden Erzählungen manig- 
fach verbinden oder scheiden: die Geschichte des über Burg und 

*') Von Herrn Dr. Anton Birlinger nach der Erzählung eines herumziehenden 
Korbflechters aus Wendelsheim aufgeschrieben. 



BODMAN. 77 

Geschlecht von Bodman 1307 ergangenen Unheils und der Rettung 
des jüngsten Sprösslings ; die Heimkehrsage; das Xebelmärchen. 
Zum ersten Gegenstand, dem Burgbrande, besagt der, laut Titels, 
auf Urkunden gegründete 'Salmansweilische Bienenstock' (Apiarium 
Salemitan. Prag, 1708. S. 148 f.): im Jahre 1309 sei durch die 
Bischöfe von Eichstädt und Konstanz die Kapelle auf Unser-Frauen- 
Berg beim Schlosse Bodman gCAveiht worden, welche kurz zuvor 
der Ritter Johannes von Bodman zur Ehre Gottes und der Jungfrau 
Maria, sowie zum Gedächtniss aller deren, die daselbst auf der älte- 
ren Burg durch Blitzstrahl und Feuersbrunst umgekommen, erbaut 
und mit der Bestimmung dem Kloster Salem geschenkt habe , dass 
priesterliche Mönche desselben dort wohnen und Messe lesen ; dieser 
ersten Schenkung haben sich allmählich andre zum bessern Unter- 
halt solcher Geistlichen angereiht. Ein späterer Abschnitt desselben 
Buchs (S. 204 f.) erzählt umständlicher den Gewitterbrand am Abend 
vor St. Lamberti 1307, die Rettung des Kindes durch- die Amme, 
von der es, beim Hinabwerfen im ehernen Kessel, der heiligen Drei- 
faltigkeit und dem Täufer Johannes, dessen Namen es geführt, em- 
pfohlen worden, woher dann auch alle Nachkommen dieses Stamm- 
halters fortan mit dem ersten oder zweiten Namen Johannes geheißen, 
ferner die Erbauung der Muttergotteskirche auf der Stelle des abge- 
brannten Schlosses durch den heimgekommenen Vater und dessen 
1332 (?) unter dem Abt Ulrich vollzogene Schenkung an Salmans- 
weiler , woselbst in der großen Stiftskirche , gegen den Chor hin, 
fortan die von Bodman, als besondre Wohlthäter des Klosters, 
ihre Begräbnissstätte gehabt. Offenbar liegt der Nachricht von obiger 
Vergabung ein lateinischer Schenkungsbrief zu Grunde, der einem 
zu Salem im vorigen Jahrhundert gefertigten Urkundenbuch ab- 
schriftlich einverleibt, jedoch mit keiner Jahrzahl versehen ist; darin 
urkundet Johann von Bödmen, dass er den Grund, auf welchem 
sein altes Schloss erbaut Avar (fundiim^ in quo castrum meum 
antiquum in villa Bödmen situni extitit et constructum) , mit aller Zu- 
gehör an Wiesen, Weingärten, Weiden, Baumgütern, Wäldern und 
dem Weiher, deren genaue Grenzbeschreibung sofort angefügt wird^ 
welches Alles sich in seinem freien Eigenthum befunden, dem Dienste 
Gottes widme und zu diesem Behuf dem Abt und der Gemeinschaft 
des Klosters Salem übergebe, mit Beistimmung des Bischofs Gerhard 
von Konstanz, dessen Dienstmann er sei (cujus fore dignoscor mini- 
sterialis; vgl. Anm. 31), dass zwei Priester aus diesem Kloster neben 



78 LUDWIG UHLAND 

der auf dem Grunde besagten Schlosses erbauten Kapelle (in fundo 
dicti castri juxta ecclesiam seu capellam ibidem constructam) beständig 
wohnen und auf den Altären derselben tägliche Messen lesen sollen 
zum ewigen Gedächtniss Gottes und seiner glorreichen Mutter, des h. 
OtmarS; der Märterer, Beichtiger und Jungfrauen, auch aller Heiligen 
Gottes, sodann des Stifters, seiner Eltern und vorzüglich seiner drei 
Töchter und ihrer Gemahle , sowie seines Sohnes Kunrad , die im 
dortigen Schlosse durch das unvermuthet und zufällig ausgebrochene 
Feuer kläglich umgekommen (mei , parentum meorum et preci'pue 
filiarum mearum trium et maritorum earicmdem ac Cuonradi quondam 
filii mei, qui in castro ejusdem fundi ignis voragine, orti casii ino- 
pinato et fortuito , lamentabiliter perierunt) , auch dass sein gleich- 
namiger Sohn Johannes zu Einhaltung vmd Gutheißung alles Vor- 
stehenden sich durch einen leiblichen Eid verpflichtet habe; Gerhard, 
Bischof von Konstanz, Ulrich, Abt von Salem, und Rudolf, Decan 
der Konstanzer Kirche und Rector der Kirche zu Bödmen, bestätigen 
all dies unter Anhängung ihrer Siegel ^^). Für die hier fehlende 
Jahrzahl kann in keinem Falle 1332 angenommen werden, da Ger- 
hard von Benar nur von 1306 bis 1318 als Bischof zu Konstanz 
bezeugt ist (Stalin 3, IX. 115. 158). Im letztern Jahre war freilich 
der 1307 als Säugling gerettete Johannes, welcher die Stiftung be- 
schworen haben soll, erst eilfjährig und seiner wundersamen Erhal- 
tung ist hier nicht erwähnt, wenn nicht eben die feierliche Beiziehung 
desselben darauf Bezug hat. Die Echtheit dieses Schriftstücks über- 
haupt wird besser geprüft werden können, wenn die Mittheilungen 
aus dem bis zur Mitte des 14. Jhd. gehenden, pergamentenen Char- 
tular von Salem, dessen Urkundenabschriften vom Anfang des 13. 
Jhd. an immer gleichzeitige sind (Mone, Zeitschr. 1 , 315) , auf den 
hier in Betracht kommenden Zeitraum erstreckt sein werden. In 
gänzlich unverdächtigen Urkunden begegnet der bodmansche Name 
Johannes zuerst 1281, dann 1288, 1293, 1298 und 1317 (Mone, 
Zeitschr. 3, 227 f. 235. 243. 250. 2, 490); mittelst letztbemerkter 
überlassen zwei Brüder von Hohenvels ein Besitzthum zu Unter- 
siggingen dem Stifte Salem auf Bitte des gestrengen Ritters Johannes 
von Bödmen (ad peticionem stremii viri Johannis de Bödmen) und 
alle zusammen können den Vergaber des Frauenbergs an dasselbe 
Kloster betroffen haben. Wenn aber auch der fragliche Brief über 

*'*) Tom. in. Litterarnm Archivii Salemitani, p. 530 sqq. (Bibl. zu Überlingen, 
vgl. Schwab 2, 131.) 



BODMAN. 79 

diese JSchenkuiig nicht formgüitig bestehen kann, so ist gleichwohl 
sein Inlialt ein weiteres Zeugniss dafür, dass die, bei aller Verschie- 
denheit in Einzelnem, doch im Ganzen einhellige Uberliefermig des 
Ei'eignisses von 1307 allgemein bekannt und geglaubt Avar. Alte 
Gedenkzeichen kommen hinzu : ein auf Silbergrund gemaltes Bild, 
das, noch zu Salmansweiler befindlich, die Verunglückten, knieend 
und betend, darstellt und welchem spätere Malereien in der Kapelle 
des Frauenbergs *^), zu Bodman und Möckingen entsprechen, sodann 
der eherne Kessel, der noch im Herrschafthause zu Bodman bewahrt 
ist, früher auch in der Schlosskapelle zu Espasingen neben dem 
Altar aufgestellt war '"). Als er einst in fremde Hände gerathen, 
sollen ihn die Herrn von Bodman um einen Bauernhof zurückerkauft 
haben (Schönhuth, Führer etc. S. 287). 

Die bodmansche Heimkehrsage steht in den meisten der auf- 
geführten Berichte außer Zusammenhang mit dem Schlossbrand und 
zeigt in denselben das vollständige Gepräge der Gattung, der sie 
aiigehört: durch übermenschlichen Beistand, der mittelst geleisteten 
Dienstes oder Gelöbnisses erlangt sein muss, trifft aus weitester Ferne 
der Todtgeglaubte und nur an besondern Merkzeichen Erkannte 
plötzlich in der Heimat ein, um seine bereits einem andern Freier 
bestimmte Frau im äußersten Augenblicke zurückzufordern"). Her- 



^■') A^iiar. Salem. 206: Es stehen die besagter Maßen verhronene Personen auff 
einer langen Tafel über alldasiger Sacristei- Pforten verzeichnet. Vgl. ob. S. 72. 

'") Designat. (Aiim. 62): und ist diser uralte hafen in dem markflecken Bodma 
(übergeschrieben und wieder ausgestrichen: dem schloß zue Espesingen) in der Bod- 
man. behausung, mit der jahrzahl (1307) daravf geschriben, auf heutigen tag ziie sechen. 
Bucelin, Deduet. p. 464: lebeli aeneo, qui in hodiernam usque diem in Potama viden- 
dus asservatur (jam v. in sacello Espingensis castelli, juxta altare visitur) etc. — In 
der Quellenangabe desselben Schriftstellers, der mit Simon von Bodman befreundet 
war, sind auch genannt (p. 442): monimenta et pictnrae diversae nuper arcis 
Bodmannicae nunc exustae. Ebendort mochten auch die alten Turnierwaffen auf- 
gestellt sein, deren barbarische Zerstörung durch die Flammen Bucelin beklagt (ob 
S. .58). Unter arx Bodmannica ist ohne Zweifel die Burg Altbodman verstanden und 
ihre Verbrennung in die Zeit der schwedischen Kriegsführung am Uberlingersee (1634) 
gesetzt. Die villa' Bödmen war um 1335 in einer Fehde des Herrn von Klingenberg 
mit dem von Bödmen durch die Leute des erstem abgebi-aimt, das castrum aber da- 
mals nicht mitbetroffen worden (Joh. Vitod. 113). 

''j Derartige Sagen sind reichlich zusammengestellt: Myth. 980; Wolf, Beitr. 
1, 4 ff. und Zeitschr. 1 , 63 ff. ; Simrock, Mythol. 219 ff.; Schambach und Müller, 
Niedersächs. Sag. 389 ff. Menzel, Odin 94 ff. Eochholz , Schweizers. 2, 114 ff.; 
worauf, abgesehen von den mythologischen Erklärungen, hier verwiesen werden kann. 



«0 LUDWIG UHLAND 

vorgerufen durch die Aufgabe, der überraschenden, wundergleichen 
Wiederkunft den lebendigsten Ausdruck zu geben , hat sich diese 
Sagenform verschiedenen Zeiten und Orten angebildet. Am Bodensee 
bewegt sich in ihr schon die Erzählung von Udalrich aus dem ersten 
Viertel des 10. Jhd. (S. 46 f.); sonst ist von schwäbischen Beispielen 
vorzüglich der edle Möringer, der, abermals wie Odysseus, schlafend 
auf den Heimatboden versetzt wird, durch ein Lied des 15. Jhd. 
kundbar geworden (Beil. 3 b.). Die Abwesenheit des Bui*gherrn bei 
der Verbrennung von Bodman ließ sich damit erklären, dass man 
eine dort gangbare Wandersage, wie es in der zimmrischen Chronik 
geschieht, auf ihn anwandte. Indem er freilich erst nach dem Tode 
seiner Frau und aus Betrübniss darüber auf die Reise geht, ist hier 
der altübliche Abschluss hinweggefallen. Nur die neueren Aufzeich- 
nungen aus der Volkssage führen den Wanderer bis zur Grenze des 
Paradieses, doch ist auch das eine herkömmliche Bezeichnung unge- 
messener Weltfahrt "^). Wirklich durfte die eigene Reisefabel einem 
Hause nicht fehlen, das von Alters her weitfahrende Männer ausge- 
sandt hat. Im Jahre 1217 gieng Albero von Bödmen über Meer, 
wo er auch gestorben ist "^). Nachmals, 1346, fuhren zwei Nachbarn, 
ein Herr von Bödmen und einer von Hohenvels, der gegenüber- 
liegenden Sängerburg, mit vielen andern Christen aus, um das- heilige 
Land und sonst überseeische Gegenden zu besuchen; in der Fasten- 
zeit reisten sie ab und vor Weihnachten kamen sie freudig zurück, 
nachdem sie viele Länder durchwandert und das Grab des Heilands 
fleißig beschaut hatten , wozu sie den Eingang von den Saracenen 
erkaufen mussten ; doch waren sie auch von einem heidnischen König 
achtungsvoll behandelt und mit ansehnlichen Geschenken bedacht 
worden ''*). Dieser bodmansche Pilger von 1346 könnte den Jahren 



'*) So für Alexanders indischen Zug und für die Fahrten Ereks des Weitgereisten 
(vidförla, Fornald. S. 3, 666); Mytb. 783, vgl. Br. Grimm, Märch. 3, 6. 45 ff. 

'') Chartular von Salem, in Mones Zeitschr. 2, 75: In Vhirlinge,n Albero de 
B odemin, films quondam Alheronis, cum iret vltra viare vhi et mortuus est, dedit 
nobis etc. anno 1217. 

''^) Job. Vitod. a. 1346 (Ausg. von Wyss S. 240): In hits etiam tem2Joribus unus 
dominus de Podmeg et %mus dominvs de Hohenvels, cum multis aliis Chrisficolis trmis- 
fretantes ad visitandam terrani sanctam et alias transmarinas , a quodam rege pagano 
reverenter tractati sunt et muneribus insignibus honorati sunt. Hü in quadragesima de 
domihus et de patria sua abeuntes ante natales Christi domum reversi sunt ovantes, 
multis tems peragratis Christique septdcro diligentei' perspecto, prius tarnen phiribus 



BODMAN. 81 

nach der 1307 als Säugling wunderbar gerettete Johannes sein. Mit 
dem Zunamen der Landfarer ward auch ein Hans von Bodma, ver- 
meintllcli eben der fabelhafte Weltdurchreiser, alljährlich auf dem 
Frauenberg aus dem alten Jahrzeitbüchlein als Wohlthäter verlesen 
(Anm. 64). Sonst aber geht unter dem Namen Landstörzer (vgl. 
Schmeller 3, 659 f.) derjenige Hans von Bödmen, der, als Streiter 
wider die Türken in den Jahren 1392 und 1396, zuvor besprochen 
worden und über dessen weite Wanderungen, nach Bucelin, vormals 
ein ganzer Band ausgegangen war, der viel Merkwürdiges auf die 
Nachwelt bringen sollte, doch leider nun für Geschichte und Sagen" 
künde verloren zu sein scheint '^^). Auch aus der Zeit dieser Türken- 
kriege wird von wunderbarer Heimkunft gesagt: einer der franzö- 
sischen Ritter, die, gleich dem von Bodman, bei Nikopolis in 
Gefangenschaft fielen , der Herr von Bacqueville in der Normandie, 
war, nach siebenjähriger Knechtschaft und schon zur Tödtung be- 
stimmt, unter Obhut des h. Julians, dem er eine Kapelle zu stiften 
gelobt hatte, über Nacht schlafend in den Wald bei seinem Schlosse 
niedergelegt worden und konnte sich gerade noch seiner Gattin, 
deren Wiedervermählung am Morgen bevorstand, mittelst des halben 
Goldrings zu erkennen geben , Alles bezeugt durch zwei Gemälde 
in der Kirche zu Bacqueville; wie Hans von Bodman die St. Georgen- 
fahne, trug der normannische Ritter, seit 1414, das Banner von Frank- 



florenis persolutis Sarracenis qui eos ab ii^sis extorserimt antequam eis mdidgerent 
introitum ad ipsum. Ich nehme dominus de Podmeg für gleichbedeutend mit vor- 
hergehendem (zum J. 1335, Wyss 113) dorn, de Bödmen. Wollte man an Bodnegg 
(Weiler bei Ravensburg, vgl. Mone, Zeitschr. 8, 318 ff.) denken, so würde das auch 
nicht genau stimmen und von Bodnegg ist kein Adelsgeschlecht nachgewiesen. Da- 
gegen werden die ritterlichen Nachbarn von Bodman und von Hohenvels in Urkunden 
von 1226 bis 1317 gäng und gäbe zusammen genannt (Mone, Zeitschr. 2, 487 f. 490, 
vgl. ob. S. 78; 4, 246 f.). Auch in andern Fällen ist bei Joh. Vitoduranus die Na- 
menschreibung nicht gleichmäßig und fehlerfrei, z. B. Lindaudia, Lindaugia; lacus 
Bodanicus, Botannicus, Potamicus, Potanicus, Potannicus, Bodmensis, Podmensis. 

'^) Bucel. 1. c. p. 460: Johannes, dominus de Podman, Alten et Hohen Bodman, 
tota Europa longe spectatissimus , eam circumquaque , quanta quanta est, multoties per- 
lustravit , diversissimorum regum ac principum aidas frequentavit , ubique acceptissimus, 
heroici ingenii specimina dedit et Teutonicis familiis magnam auctoritatem conciliavit, 
Viatoris etiam vidgo cognomine appellatus, ab aliis der Landtstürtzer dicttis, de 
cujus jjeregrinationibus olim passim toium volumen prodiit, multaque curiosa posteritati 
commendavit. Is denique aulam caesaris consectatus, in ea se quoque probavit, a nemine 
non honorattis, haud sine maximo et anlir.orum et suae familiae hjctv, Viennae morte 
ahreptu-s atque ibidem tumulatus est. 

GERMANIA IV f, 



82 LUDWIG UHLAND 

reich , die Oriflamme , vor und fiel unter ihr in der Schlacht von 
Azincourt *''). 

Ejfijcnthünilich der PTeimkehrsage von Bodman ist das märchen- 
hafte Ncbelmännlein. Am Bodensec kannte man von jeher geister- 
hafte Wesen , die in Luft und Wasser walteten. Unter den Trüm- 
mern der rätischen Römerstadt Brigantium hatten die irischen Mönche 
Columbu und sein Schüler Gallus die Kirche der h. Aurelia, nach 
Auswerfung der in ihr verehrten drei ehernen Götzenbilder, neu 
eingeweiht und sich mit ihrer Brüderschaft dort angesiedelt. Als 
nun Gallus einmal in stiller Nacht seine Fischnetze in den See legte, 
vernahm er das laute Gespräch eines Geistes von der Bergspitze 
mit seinem Genossen (pari suo) in der Seetiefe. Jener, der Berg- 
geist (daemon montanvs), den die Fremden aus dem Tempel geworfen, 
ruft den andern um Beistand an zur Vertreibung derselben, der 
Meergeist (daemon marinus) beklagt sich, dass er den Garnen der 
Fischenden nicht zu schaden vermöge. Beiden gebietet Gallus, sich 
überall bekreuzend, von diesem Orte zu weichen, meldet eilig, was 
er gehört , dem Abte und dieser versammelt , durch Anschlagen des 
gewohnten Zeichens (solitum sigmim tangens), die Brüder in der 
Kirche. Ebenso, als Gallus nachher von Arbon aus in die Wildniss 
an der Steinach sein Netz trägt, muss er mit seinem Gefährten zwei 
weibliche Geister, die an einem Strudel des Flusses zum Bade bereit 
scheinen, ins Gebirg verweisen, von wo ihre Stimmen, wie die zweier 
Klageweiber, erschallen, namentlich hört man Rufe vom Himmelberg 
(de monte, qiü dicitur Himilinberc)'^''). Es geschah im Namen des 
Heilands , dass der Glaubensbote den ungestümen Geistern des Ge- 
birgs und des Sees abzuziehen befahl , also im Namen dessen , der 
selbst, nach den Evangelien, den Wind und das Meer bcdräut, dem 
Wind und der Woge des Wassers Stille geboten hatte. Dem kirch- 
lichen Mittelalter gehören die Götterwesen des verdrängten Heiden- 
thums insgemein zum Reiche des Teufels und seiner Sippschaft, 
gleichwohl verläugnen die vom h. Gallus beschworenen Dämone 
keineswegs ihre Heimat; die nächtliche Zwiesprache des Berggeists 
mit dem Meergeist ist eben dort an der Stelle, wo in der Seebucht 
von Bregenz ein Halbkreis hoher Waldberge sich abschattet. Sonst 

~^) Aiuclie Bosquet, la Normandie romanesque etc. Paris 1845, pp. 465 — 70. 

") Vita S. Galli, Mon. G. 2, 7 sqq. Vgl. die Überarbeitung durch Walafr. Strabo, 
cap. 7. 12, bei Goldast 1, 150 sq. 153. Myth. 466 f. Neug. nr. 866, a. 1155: ad 
flumen Stainaha — ad montem Hhnelberch (mons ooelius, Mönzeln). 



BODMAN. 83 

gibt es auch Wettersegen, in denen noch deutsche Namen der Hagel- 
und Sturmgeister, Merme^it und Fasolt , verlauten (Myth. 1. Ausg. 
Anh. CXXXI f.). Mermeut , obschon mit seinen Gesellen als Herr 
des AVetters (qui positus es super tempestatem) zur Abwendung von 
Hagel und Schlagregen beschworen, scheint doch dem Namen nach 
zugleich im Wasser zu grollen (Myth. 603), aus dem ja die Wetter- 
wolke aufsteigt (vgl. Myth. 564. 1041 f.) und das hinwider vom 
Sturme bewegt Avird; die Beschwörungsformel steht in einer Hand- 
schrift des 11. Jhd. aus St. Pirmins Kloster am Tegernsee. Selbst 
im s. g. W^örterbuche des h. Gallus ist ein persönlicher Name des 
Wolkengeists entdeckt worden, Scrdwunc, Einer vom Geschlechte 
des Regens und Hagels *^). Solchen Unholden gegenüber bewahrt 
ein Heiliger vom Bregenzer See und Walde, aus dem ersten Viertel 
des 12. Jhd., Merhot , das Haferfeld einer Wittwe dui'ch sein Ein- 
schreiten vor Hagelschlag '^). In der frommen Ansiedlung Columbas 
und des h. Gallus bildete Gebetruf und Lobgesang den Gegensatz 
zu dem wilden Geheul der über die Berggipfel abziehenden Dämone, 
das Glockenzeichen diente nur erst, die Brüderschaft in der Kirche 
zu versammeln. Später wurde, neben der Beschwörung mit Evan- 
gelium und Sacrament , das Wetterläuten ein übliches Mittel , den 
mit Donner und Hagelwolken in der Luft fahrenden Teufel abzu- 
treiben ^•'). In Überlingen war das Einstellen aller Tänze , bei Tag 
und Nacht, streng geboten, wann man 'dem Wetter läute' ^'). So 



'*) W. Wackeruagel, Wörterb. znin Le.seb. CCCCLXVI und in der Zeitschr. f. 
d. Alt. 6, 290 f. (vgl. Ebd. Gesch. der d. Lit. 36). Die hauptsächlichen Belege, 
welche hier geltend gemacht werden, sind: Vocabular. St. GalH (Leseb. 30, 32. Hat- 
temer 1, 14''): nuhus scrmmnc; Wigam. 1289, nach Wackern. Berichtigung: (daz 
uns) kein regen verschräte; Schmell. 3, 502: 'schrseen, hagehi'. 

") Acta SS. Bolland. Sept. 3, 890 =■: Cuidam viduae sua avena per intercessionem 
S. Merhodi a grandine praeservatur. Über diesen Heiligen vgl. Bergmann in den 
Wien. Jahrb. d. Lit. Bd. 118, Anz. Bl, S. 4 f. 34. 

*") Vgl. Aug. Stöber, zur Gesch. des Volksaberglaubens aus Dr. Job. Geilers v. 
Kaisersb. Emeis. Bas. 1856, S. 66 f. Über den Glockenhass dämonischer Wesen: 
Br. Grimm, Irische Elfenmärchen XCIV. Myth. 1039 f. In einer Hds. des 15. Jhd. 
aus Salmansweiler spricht die Glocke : est mea cunctorum terror vox daemoniorum 
(Anzeig. 2, 192). 

^') Jac. Reutliugers histor. CoUectan. von Überlingen, hdschr. auf dortiger Bibl, 
Bd. 11 (1580), Bl. 78'' (unter den städtischen Ordnungen): 'Wann man aber dem 
wetter lütet, das sei tag oder nacht, alsdann sollen alle tanz, die seien erloupt 
oder hochzeittänz , vermitten bleiben , und nit mer getanzet oder zu tun gestattet 



H4 LUDWIG TTHLAND 

erscheint nun auch das Nebelläuten im benachbarten Bodman als 
eine kirchliche Bannung und Besegnung; die Klänge der getauften 
Glocke sollen dem bösen Feinde wehren, dass er nicht mittelst der 
aus dem See aufgetriebenen Frostnebel die Reben schädige ^^). Nach 
dem schweizerischen Heldenbuch sollte das Gleiche durch die schwarze 
Kunst eines fahrenden Schülers bewirkt werden, aber dieser frevel- 
hafte Zauber rief den rächenden Wetterstrahl herab (S. 71 f.). Denn 
wie man von heidnischer Zeit her an ein hexenhaftes Wettermachen 
glaubte ^^) , so gab es , neben der Beschwörung durch die Kirche, 
auch unchristliche und trügerische Segensprüche gegen das Wetter ®^). 
Jener kirchliche Brauch des Nebelläutens wurde zum Anlass 
einer heiteren Märchendichtung. Der Nebel unterhandelt leibhaftig 
mit dem Herrn von Bodman über Glockenklang und Weinreben. 
Auch anderwärts ist dieselbe Lufterscheinung in freiem Spiele der 
Einbildungskraft persönlich gestaltet worden, mehr oder minder mit 
gespenstischem Hintergrund. Das altnordische Räthsellied, in der 
Saga von Hervor und Heidrek, fragt: Sver ist der Finstre, der über 
die Erde fährt? Wasser und Wald verschlingt er, fürchtet vor dem 
Winde sich, vor Männern nicht, und liegt mit der Sonn' im Streite ;' 
worauf die Antwort: 'der finstre Nebel steigt auf aus Gymis (des 
Meergotts) Sitzen und verschließt des Himmels Anblick, er dämpft 
den Glanz der Gespielin Dvalins (der Sonne), flieht allein vor For- 
mats Sohne {^Käri , Beherrscher der Winde, der Wind selbst) ^^). 

werden, ouch bi bviß j Hb du.' Dies ei'iuiiert an das vermessene Tanzen im Gewitter 
auf dem älteren Schlosse von Bodman. 

^'^) Nach beiderlei Seiten wirksam war eine Glocke zu Nüdlingen (Bechstein, 
Sagenschatz des Frankenlandes 1, 247) : 'so weit in der Umgegend ihr Schall hörbar 
war, gab es weder Fröste im Winter noch Gewitter im Sommer.' 

*^) Myth. 1040 ft'. Altnordischer Nebelzauber: die Nebellieder (pocuvisur) Thor- 
leifs Jarlaskalds , bei deren Vortrag die Halle sich verfinsterte (pä var myrkt i höl- 
linni etc. minkadi myrkrit, Fornm. S. 3, 97 f.); dann der heidnischgesinnte Eyvind 
Kelda , der sich und sein Zaubervolk in Nebel hüllen wollte (giöräi Eyvindr peim 
hulidshialm, vgl. Myth. 432. Sv. Egilss. 412, ok pokumyrkr svä mikit, at ko- 
nungr ok lid hans skyldi eigi mega siä pä etc. pokumyrkvi sä, er kann hafdi giövt 
med fiölkyngi etc. Fornm. S. 2, 141. Vgl. Formald. S. 1, 5. Gull-]iöris S. Cap. 17). 

*') Vom Wettersegen auch eines fahrenden Schülers aus dem 14. Jhd. handelt 
Beil. 4. Joh. Vitoduranus berichtet zum Jahr 1347 (Wyss 241) von einem Schwarz- 
künstler (nigromanticus) zu Dornbüren, zwischen Bregenz und Hohenems, der, unter 
andrem Blendwerk, das Haus, worin er sich verborgen hielt, als ein goldenes erschei- 
nen ließ. 

"ä) Fornald. S. 1, 474 f. vgl. 533. Petersens Ausg. der Hervar Saga 37. 



BODMAN. 85 

Obgleich in dieser Antwort dichterische Bezeichnungen aus der 
Götterlehre gebraucht werden, liegt doch hier kein Mythus vom 
Nebel vor und mit der ausgesprochenen Lösung des Räthsels, eines 
der besten in der Eeihe, schwindet die scheinbare Persönlichkeit 
des finstern Ungenannten ^^). Nebelbilder lassen sich auch in den 
Fahrten eines geisterhaften Reiters erkennen, der, schwäbische Wald- 
und Wiesenthäler entlang, dem Laufe des Wassers folgend und durch 
dieses hinrauschend, gewöhnlich Abends, die Begegnenden verwir- 
rend und in die Irre treibend, in den Mantel gehüllt, auf seinem 
großen, weißen Rosse ab und aufjagt, als ob er flöge (Bachreiter, 
Schimmelreiter, E. Meiers d. Sagen aus Schwaben Nr. 114. 118); 
er hat dasselbe sich aus dem Meere geholt, vor Sonnenaufgang stieg 
der herrliche Schimmel daraus hervor, ließ sich vom Reiter an den 
Ohren fassen und ihn aufsitzen , trug ihn , ohne Sattel und Zaum, 
wohin er wollte, mit diesem vortrefflichen Pferde kann er in der 
Luft, wie auf der Erde und dem Wasser reiten®'^). Das berührt 
sich mit der altnordischen Räthseldichtung vom Nebel, der über die 
Erde fährt, den Sitzen des Meergotts entstiegen. Als elbisches Wesen 
spukt das alte, ungestalte Nebelmännlein, unter diesem Namen, 
auch auf der Stutzalp in Graubünden ; wann )'egenschauernde^ frostig 
graue Wolken niederhangen, gleitet es leisen Schritts auf der Alpe 
umher, mitten am Tage bei den Herden, im späten Abenddunkel 
und in schneeiger Nacht bei den Hütten, in alterthümlich seltsamer 
Landestracht, breitrandigem Hute, Holzschuhen und weiter, nebel- 
weißer Jacke ^"^). Zwar gilt es jetzt für den ruhelosen Geist eines 



*^J Doch beachtet der Errathende sogar noch das persönliche adj. masc. sä enn 
nwrkvi der Aufgabe, indem er nicht mit dem eigentlichsten Worte, subst. fem. poka 
(uebula) , sondern mit dem sinnverwandten subst. masc. mörkvinn (ohne Art. mörkvi, 
caligo) antwortet (vgl. Anm. 83 : Jwkumyrkr n., pokumyrkvi m.). 

*'») Meier, Nr. 124, 8. Die Volkssage nennt zwar hier den 'Eanzenpuffer', einen 
neckischen Waldkobold des Schönbuchs, aber die Erscheinung ist unverkennbar die 
des Schimmelreiters (so auch schon Nr. 124, 3 an der Blaulach, wie im Fortgange 
von Nr. 124, 8). Überhaupt vermengen sich die verschiedenartigen Gesichte und so 
muss auch der Nebelreiter den Kopf unterm Arme tragen, durch Verwechslung mit 
den reitenden Kampftodten, namenthch im Wuotesheere. Nächtliche Spukgestalten 
mancher Art und Bedeutung haben weiße Farbe, die auch im Finstern schimmert. — 
Nach Monnier, Traditions popiüaires, Par. 1854, S. 94 f., weidet um die Quellen der 
Sene, im Jura, zur Stimde der Morgendämmerung ein weißes Eoss und schwebt von da 
in raschem Fluge zum Gipfel des Berges auf (le cheval blanc de Foncine, le cheval volanl). 

^^b) Flugi, Volkssagen aus Graubünden, Chur u. Leipz. 1843, S. 86 ff. Verualeken, 
Alpensagen S. 78. — Nebelmann nennt sich auch eine nächtliche Erscheinung bei 



86 LUDWIG UHLAND 

ungerechten Hirten, der den Kühen das Salz nicht gleich zugewogen 
hat und nun vergeblich ihnen die Hände zum Lecken hinstreckt, 
um dadurch erlöst zu werden, aber diese lehrhafte Wendung setzt 
doch den schon bestehenden Volksglauben an unheimliche Nebel-- 
gespenster voraus, zu deren einem der böse Hirte verwünscht werden 
konnte ^^). Der Name, der Zusammenhang mit Wetter und Wolke, 
die nebelhaft verhüllende Tracht, lassen keinen Zweifel über die 
eigentliche Bedeutung des dämmrigen Alpengängers; breitkrämpiger 
Hut, wie ihn Bauern und Wanderer tragen, weite, übergeworfene 
Kutte, sind in Geschichten und Sagen herkömmliches Mittel, sich 
unkenntlich und unsichtig zu machen, darum auch hier zu sinnbild- 
licher Ausstattung des Nebelalbs geeignet^''). Selbstbewusst und 
mit dürren Worten erklärt das Männlein der Bodmansage : 'es sei 
kein natürlicher Mensch, sondern der Nebel;' während aber das 
graubündische auf den Bergen schweift, hat jenes sein Wesen an 
den Wassern. Nach den älteren Aufzeichnungen begegnet dasselbe 
dem Reisenden, als er 'auf dem wilden Meer von denen Wellen in 
eine Insel geworfen worden' (S. 73), oder nachdem er 'an ein groß 
Wasser oder Meer kommen, da er kein Land mehr gesehen' (S. 68), 
und der Chronikschreiber denkt sich dabei , ganz angemessen , die 
Länder 'gegen Mitternacht' ^*'). Zu beachten ist gleichwohl, dass die 

B.Baader, Volkss. aus dem Lande Baden, Karlsr. 1851, Nr. 71. Nievelmännchen 
an der Maas, die bei Tag schlafen und bei Nacht wachen, in J. W. Wolfs d. Märch. 
u. Sag., Leipz. 1845, Nr. 72. 

**J Gänzlich ohne Bezug auf das Nebelniännchen muß ein ungetreuer Hirte geist- 
weis umgehen bei Eochholz, Schweizers. 1, 117. 

*^) Joh. Vitod. (Wyss 119) erzählt zum Jahr 1336 die Vermummungen, wodurch 
ein Kriegsmann und Feind der Rotweiler, Seduloch, auf dessen Beifahung sie einen 
Preis gesetzt hatten, sie zu täuschen wusste (ähnlich den "Streichen des Mönchs 
Eustach), namentlich wie er in Bauernkleidung, mit weitvorgehendem Hute, unerkannt 
ihnen entkam: veste insuper coloni sihi obviantis indutus, scilicet pileo lonye pre- 
tenso rusticali, ut minus agnosceretur, et amicabiliter salutcdus, illesus effugit. Alt- 
nordisch begegnet vielfach der breite, das Gesicht verdeckende Hut; sich unkenntlich 
halten heißt in skaldischem Ausdruck: den Hut der Verhüllung umthun (falda huldar 
hetti , Sv. Egilss. 412», 152'', vgl. Anm. 83: huUdsMalm ok pokxmiyrhr). Wie es 
nun die mythische Personenbildung mit sich bringt, dass die Formen menschlichen 
Lebens und Treibens auch auf die Götter angewandt werden, erscheint Odin selbst, 
wo er nicht erkannt sein will, im Mantel (hekla) und mit dem breiten Hute (med 
stäum hetti), daher seiner vielen Namen einer Breithut lautet (Sidhöttr, Myth. 133). 

'") Auch das Stammland der Nibelunge, Abkömmlinge des Nebels, wird in den 
hohen Norden, die Mark von Nonoege, verlegt (Nib. 682, nach A und Bj und von 
dort kommt auch der unsichtbarmachende Mantel, die tamkappe, gleichartig der nebel- 



BODMAN. 87 

noch gangbare Volkssage dem Nebelmännlein seine Wohnung in 
einer unergründlichen, niemals zufrierenden Seestelle bei Bodman 
anweist (S. 76). Hiernach konnte mit ihm der Herr von Bodman 
auch am heimischen See den Vertrag abschließen, vermöge dessen 
einerseits die Nebelglocke nicht mehr geläutet, anderseits das Reb- 
land nicht mehr beschädigt werden sollte. Noch Weiteres deutet 
darauf, dass dieses Nebelmännlein nicht ursprünglich zur Heimkehr- 
sage gehört habe ; nicht bloß bringt es in dieselbe einen fremdartigen 
Beisatz scherzhafter Laune, sondern es stört auch die Einheit der 
Handlung, indem es die Aufmerksamkeit vorwiegend auf sich lenkt 
und die Sorge des Ritters zwischen seiner zurückgelassenen Gemahlin 
und seinen Weinreben theilt. Dennoch ist es nicht ohne geeigneten 
Anlass ins Mittel gezogen. Immer muss es ein Gott oder ein Dä- 
mon, ein Heiliger oder ein Schwarzkünstler sein, der die wunderbare 
Heimfahrt bewerkstelligt ; dieses Geschäft ist hier dem Nebelmänn- 
lein aufgegeben und wirklich findet die überraschende Wiederkunft 
des ferne Verschollenen darin einen dichterischen Ausdruck, dass 
derselbe, vom flüchtigen Nebelzuge weither über Land und Meer 
getragen, plötzlich aus der umhüllenden Wolke hervortritt®*). 

Es sind Kunden manigfacher Art und verschiedener Zeit, die 
in Bodman ihren Anhalt haben und der Reihe nach vorübergeführt 
wurden, sie betreffen Geschichte, Rechtsalterthümer , geistliche und 
weltliche Sage, Märchenwelt. Einzelne Fäden laufen wohl von der 
einen zur andern, Geschichtschreiber und Genealogen haben sich an 
größeren Zusammenhängen versucht und auch die volksmäßige Über- 
lieferung hat sich hierin gefallen, aber bei eingehender Untersuchung 
musste mehr wieder getrennt werden , als dass sich ein durchgrei- 
fender, innerer Sagenverband hätte herstellen lassen. Zu schließ- 
lichem Überblicke wird daher das Besprochene am besten örtlich, 
im Landschaftsbilde, zusammengefasst Averden. Den Standpunkt 
hiezu bieten die hochragenden Überreste der Burg Altbodman. Am 
untenliegenden Gestad ist zwar die karolingische Königspfalz längst 
und gänzlich verschwunden, dagegen zeigt sich dort der freundliche 
Wohnsitz des noch blühenden Geschlechts, von dessen Vorfahren so 
Vieles zu berichten war. Südöstlich, nur durch eine Waldschlucht 



kappe Madelgers , des Sohnes einer Meerminne (Morolt 3920 ff. , vgl. Wolfdietr. Hds. 
d. Piarist. Str. 691. 694, im gedr. Heldenb. von 1509, Bl. 1 öt»; Hürn. Seifr. Str. 89). 
^') Vgl. Schmeller 2, 670: 'In der Nebelkappen daherkommen, d. h. 
plötzlich, ohne im Kommen bemerkt worden zu sein.' 



88 LUDWIG UHLAND 

von Altbodman geschieden, springt der klösterliche Frauenberg her- 
vor, wo einst das thurmartige Stammhaus sich erhob, auf das der 
verzehrende Blitzstrahl niederschoß , und wo dann zum frommen 
Gedächtniss der im Feuer Umgekommenen, wie auch des h. Otmars, 
die seitdem neugebaute Kapelle gestiftet wurde. Westwärts, in das 
Hegau, erstreckt sich das Moos von Walwies, die alte Gerichtsstätte 
und das Feld des Kampfes um Erneuerung des alemannischen Her- 
zogthums. Vor allem aber haftet das Auge an dem weitgedehnten 
See, rauscht er doch, lauter oder leiser, in die meisten Sagen herein; 
an seinem Ufer hatte der träumende Hirte Pipins das wonnevolle 
Geläut aus unbekannter Ferne vernommen ; mitten unter seinen auf- 
gestürmten Wogen ruderten die Klosterbrüder mit dem Leichnam 
ihres Heiligen windstill dahin; ihn durchstreifte das stattliche Jag- 
schiflP, mit dem schallenden Hunnorufe der Bemannung; in seine 
bedrohlichen Frostnebel hinaus erklang abwehrend die Glocke von 
Bodman, zum Verdrusse des Nebelmännleins, das nunmehr unschäd- 
lich in der grundlosen Tiefe haust. Die Burgtrümmer selbst, auf 
denen der Ausschauende steht, umschloßen einst die 'vergüldete Stube' 
(S. 71), in welcher wohl auch, angesichts der erstaunlichen Waffen- 
stücke streitbarer Ahnen , manches Denkwürdige von Ungern- und 
Türkenkriegen, von Sanct Jörgen Fahne; von den Landfahrern und 
ihren wundersamen Begegnissen, abendlich erzählt wurde und zuletzt 
noch, beim Ausstichweine des Königsgartens oder von den Herren- 
steinen, das Nebelmärchen seine luftigen Gebilde spielen ließ. 



BEILAGEN. 



BEIL. 1 (zu S. 36). 

BODMAN. BODENSEE. 

Den Ortsnamen geben die älteren, lateinisch verfassten Urkunden und Ge- 
schichtbücher in verschiedener Schreibung und mit römischen Biegungen zweier- 
lei Geschlechts: masc. in loco, qui dicitur Potamus , in palatio regio (ürk. v. 
879, Neug. nr. 516), ad Potamum, palatio imperiali (Urk. v. 881, Böhmer, 
reg. Karol. nr 931), Ofmarus apud villamPotamum palatio inclusus est {^. Otm. 
vita auct. Walafr. c. 6, Mon. G. 2, 43 sq.), Potamum — oppidum (Ekkeh. IV. cas. 
S. Galli, Mon. G. 2, 83), in Potamo curte regis publica (Urk. v. 849, Neug. nr. 
329), in villa Potamo fdrei Urk. v. 857, Neug. nr. 366, 367 und Böhmer nr. 
783), in Potamo {\]vk. v. 901, Neug. nr. 633), in casfro Botamo (Anon. 
Weingart, bei Hess, mon. Guelf. 15), Biircardus miles de Pothamo (Urk. v. 
1225, in Moues Zeitschr. 2, 71), Cuonrado de Potamo (ebd. 2, 76); fem. ad 
villam regiam, quae Bodoma dicitv/r (Prudent. Trec. annal. a. 839, Mon. G. 1, 



ßODMAN. 89 

433), curtem Podomam (Ann. Fuld. a. 887, Mou. G, 1, 404), usque, Bodo- 
miam (Vita Hludow. imp. c. 61, a. 839, Mon. G. 2, 645), actum Bodoma regio 
palatio (Urk. v. 839, Neug. nr. 292, vergl. Diimg(5, reg. bad. S. 63 f., Böhmer 
ur. 494), in Potoma (Urk. v. 885, Neug. 553), curtis in Podoma (Urk. v. 
1155, Neug. nr. 868), Uolricus de Bodoma (zum J. 1191, Moues Zeitschr. 
1, 323). Alles zusammen weist auf ahd. podam (pl. podamd) m. Grund, Boden; 
im lat. Potamus ist das Geschlecht des deutschen Worts erhalten, zur Feminin- 
bildung Potama, Bodoma, mögen die beigesetzten oder hinzugedachten fem. curtis, 
villa, gewirkt haben, doch wird andremal selbst neben diesen das masc. Potamus ge- 
braucht. Das zu Grund liegende ahd. Wort befand sich vermuthlich, nach gewohnter 
Weise bei Ortsnamen, im Dativ : (zua dcmu, zi) Podama, (ze) Podamo (Graff 3, 
86); damit stimmt in einer Urkunde von 1252 der mhd. Dativ: actum in Bo- 
deme (J. Bader, Markgr. Hermann V. S. 93), und mehrfach aus dem 12. und 
13. Jlid. im Geschlechtsnamen: de Bodeme. Frühzeitig stellt sich aber auch eine 
Pluralform hervor: actum Potamis, curte regia (Urk. v. 912, Neug. nr. 680), 
voraussetzend den ahd. dat. plur. : (zua dem, zen) Podamum, Bodemon; im 12. 
und 13. Jhd. geläufig: de Bodemen (Urk. v. 1179: de Bodeman, bei Pu- 
pikofer, Reg. des Stiftes Kreuzl. Nr. 16, sonst auch de Bodimin, B odemin), 
nachher abgekürzt Bödmen (z. B. Urk. v. 1297, 1298, 1317, Mones Zeitschr. 
3, 249 f. 2, 490). In deutschen Schriften aus dem 16. Jhd. ist noch üblich: von, 
zue Bodma, abwechselnd mit Bodman (wie zuvor de Bodoma und deBodeman), 
jetzt unrichtig Bodmann. Es war ganz angemessen, das Uferland am Fuße des 
Gcbirgs , gegensätzlich zu letzterem, durch ahd. podam, pl. podamä, zu be- 
zeichnen und dann auch die dortigen Ansiedlungen, von den ländlichen bis zur 
Königspfalz (Potamico palatio), nach solcher Belegenheit im Grund, in den 
Gründen, zu benennen, (Stalder, Schweiz. Idiot. 1, 196, gibt unter den ortbezeich- 
nenden Verwendungen des W^ortes Boden hauptsächlich auch diese: 'Grund, 
d. i. ein Thal, eine niedrige Gegend im Gegensatze einer höhern, Bödeler, 
Bödler, einer, der im Thale wohnt, im Gegensatze eines Bergers, d. i. eines 
andern, der auf dem Berge wohnt.' — Schweizerische Gelände, Ortschaften und 
Anwesen solchen Namens sind: der Urnerboden, das Bödeli zwischen Thuner- 
und Brienzersee, das Bödemli im Frickthale , s. Rochholz, Schweizers. 1, 148; 
dann besonders zahlreich innerhalb der Grenzen eines Kantons bei H. Meyer, 
die Ortsnamen des K. Zürich, Mittheil, der antiq. Gesellsch. 6, 82: 'im Boden 
12mal — imbodmen — im bödmen — in böden — imbö d eli.') Die Orts- 
lage von Bodman schildert Johannes von Winterthur zum Jahre 1335 kurz und 
anschaulich: villa longa dicta Bödmen sita inter lacum Bödmen sem ex unaparte 
et excelsum montem ex alia parte (Joh. Vitodur. chron., Ausg. v. Wyss 113). 

Wie nun die an jenem Orte {in loco, qui dicitur Potamus, ad Potamtim, 
apud villam Potamum) gelegene Pfalz im Latein der Urkunden und Zeitbücher 
ableitungsweise Potamicum palatium genannt wird (Urk. v. 905, 909, 912, 
Neug. nr. 653, 668, Böhmer nr. 1241; Annal. alam. a. 911, Mon. G. 1, 55), 
ebenso der denselben Ort bespülende See lacus Podamicus, Potamicus (Urk. 
V. 890, 902, 905, Neug. nr. 596, 637 und wieder 653; Walafr. Strab. vita B. 
Galli, prolog., bei Goldast 1, 147; Mon. G. 2, 159). Findet man auch in einer 
um 850 geschriebenen Klostergeschichte unabgeleitet: jnare quod Podomus 
dicitur (Vita Hariolfi, Mou. G. 12, 13), so kann dies als Auflösung eines zusam- 



90 LUDWIG UHLAND 

meogesetzten ahd. Podamsio erklärt werden; und wenn in sanctgallischen Disti- 
chen aus demselben Jlid. gesagt ist: Rheni vel Potami litus (Dümmler, Formel- 
buch des liisch. Salomo III. S. 80), so mochte der Klostersehule jeder Zusatz 
(laciis, mare) geradezu entbehrlich scheinen, weil bei podam an ;ror«/<Oi,' gedacht 
wurde, nach ausdrücklicher Bemerkung Walafrids (bei Goldast 1, 147): lacui 
— qui — iuxta graecam etymologiam Potaviicus appellatur. In den Urkunden 
wird niemals der See, sondern überall nur der Ort (locus, airtis, villa) durch Po- 
tamus bezeichnet und auch die Volkssprache hat für den See kein einfaches Bo- 
dem. Der noch bestehende deutsche Name desselben erscheint, meines Wissens, 
zuerst in einer Urkunde von 1087 (Mohr, cod. diplom. l, 139): tisque ad ktcum 
Bodinse; weiterhin Bodamse, Podemse. Die lateinischen Zubildungen des ahd. 
podam für die Benennung des Sees reichen zwar weit in das 9. Jhd. hinauf, zum 
Jahr 839 ist aber auch schon der Ortsname Bodoma, zugleich mit regio palatio, 
urkundlich nachgewiesen worden und schon in das Jahr 759 fällt die Gefangen- 
schaft des Abtes Otmar, die nach Walafrid in der Pfalz apud villam Potamum 
stattgefunden hat. Nach dem rätischen Brigantium hieß der See voreinst der 
brigantischc (Plin. bist. nat. 9, 29: lacus Raetiae Brigantinus-^ Ammian. 
15, 4: lacum — rotundum et vastum, quem Brigantiam accola Rae- 
hts appellat ; Walafr. bei Goldast 1, 147 : Brigantium opidum — lacui nomen 
dedit; Mon. G. 1, 361: iuxta lacum Briganticum, ebd. 364, 373), nach der 
Insel Reichenau hieß ein dortiger Seetheil lacus Augiensis (Urk. v. 1155, Neug. 
nr. 866), nach dem Orte Podama konnte zunächst der angrenzende Seearm Po- 
damseo geheissen sein, in der Folge galt dieser Name für die ganze Strecke bis 
zur Einmündung des Rheins, in lateinischen Schi-iften trat Podamicus völlig an 
die Stelle von Brigantinus (Ermeurici vita S. Galli metr., 9. Jhd., Mon. G. 2, 32: 
Brigantinum mare — pontus qui modo Potamicus vocitatur; Urk. v. 890, 
Neug. nr. 596 : ubi Rhenus lacum influit Podam,icum\ vgl. noch Joh. Vitodur., 
Wyss 94, 236). Hiebei ist zu erwägen, dass von der Pfalz zu Bodman aus 
durch Pipins Statthalter und nachher durch die Kammerboten die Reichsverwal- 
tung über das alemannische Land im Namen der nicht selten auch persönlich an- 
wesenden Könige geführt wurde (Anm. 4. 11). In solcher Auffassung ist der 
Name Bodensee ein geschichtliches Denkzeichen aus dem Zeitalter der Karolinge. 
(Zu der schwebenden Frage : ob der See nach dem Ort , oder ob dieser 
nach jenem benannt sei, vgl. Förstemanns altd. Namenbuch 2, 265 f. und, für 
letztere Ansicht, das d. Wörterb. von J. und W. Grimm 2, 209 f. 217. Ein vol- 
ler Beweis wird nach keiner von beiden Seiten möglich sein, auch das d. Wör- 
terb. spricht nicht entscheidend.) 

BEIL. 2 (zu S. 65). 

RECHTSGEBRÄUCHE. 

EPFENDORF. 

(ZIMMR. CHRONIK 1413 f.) 

'Dises dorf ist ainest der graven von Sulz gewest und hat zu Necker- 
burg gehört, ist hernach den edelleuten von Stain zu leben verlihen worden. 
Es hat alda drei meierhöf gehapt, die Freihöfe gehaißen, haben dem gots- 
haus Pettershausen zugehört. Und wiewol die grafen und dann die edelleut 
vom Stain, als inen das dorf zu lehen verlihen, ircs gefallens haben gericht 



BODMAN. 91 

megen halten, so hat doch der abt von Pettershauseu selbs oder sein anwalt 
drei tag im jar, nemlich am liechtmessabent, am maiabent und an S. Mar- 
tins abent, das gericht megen erfoi-dern und besetzen, dazu hat er den gra- 
fen von Sulz oder den inhaber des dorfs auch laden sollen. Wann dann 
derselb komen und ain federspil geliapt, het mau von den höfen dem ha- 
pich oder sperber ain schwarzen hennen geben und den hunden ain laib 
brot. Es het von langen jaren Hedwigis, ain herzogin von Schwaben, das 
almend zu Epfendorf der gemaind daselb umb gots willen geschenkt , des- 
gleichen das waßer den Necker. Derselb ist so frei gewesen, daß auch die 
frembdeu und sonderlich welche die vier schloß, Urslingen, Hei-renzimbern, 
Harthausen und Scheukenberg, beseßen, weil dise heuser noch in die pfarr 
gen Epfendorf gehörend, daselb ires gefalleus vischen niügeu, doch die visch 
nit hintragen, sonder zu Epfendorf in diser Freihöf ainem eßen sollen. Wann 
mm die, so also gefischet, in das dorf komen und die visch süeden wellen, 
hat der mair uf dem ainen hof das salz geben müeßen, der mair in dem 
andern hof die pfaiien oder keßel leihen müeßen, der drit mair aber, in dem 
man die visch eßen wellen, hat das holz und für (feur), nemlich guet dürr 
holz, geben müeßen. Wa er sich aber des gespert oder kains gehapt, ha- 
bend die gest guet fueg und macht gehapt, ain sparren von dem haus zu 
nemen und die visch mit süeden. Dise höf seind auch so frei gewesen, 
was ain teter begangen und in deren höf ainen komen, ist er gleich so si- 
cher gewesen, als ob er in die kirchen komen wer; und ob der, dem der 
teter etwas zugefüegt, denselben in diser höf ainem, darein er fluchtsweis 
komen, mit gewalt hinaußziehen oder sonst gewaltige band an in legen weite, 
so ist der mair, der den hof besitzet, in zu beschürmen schuldig. Wa aber 
der erst nit nachlaßen will , so mag er im den köpf auf seiner hausschwellen 
abhawen und soll im drei heller uf das herz legen, hiemit hat er in ge- 
büeßet und (ist) weiter darumb niemand nichts schuldig.' 

Dem Herrschaftsrechte von Bodraan stellt sich die freie Fischerei im 
Neckar gegenüber. Die Herzogin von Schwaben, welcher die Ertheilung dieser 
Freiheit zugeschrieben wird, ist dieselbe, die einst zu Walwies tagte (Anm. 
49). In der Chronik von Petershausen steht eine Urkunde Königs Otto vom 
Jahre 994, wodurch er die Schenkung bestätigt und erneuert, welche von 
der Herzogin Hadewig (per traditionem bonae memoriae domnae Hadewigis 
ducis) besagtem Kloster mit dem Gute Epfendorf (praedium Epfindorf) und 
dessen ganzer Zubehör gemacht worden sei (Mones Quellensamml. 1, 128 f. 
vgl. 131); zum Inbegriff der an das Kloster vergabten Rechte werden frei- 
lich auch Wasser und Fischereien gezählt (cum aquis aquarumve decursibus, 
piscationibus), jedenfalls aber hat die Rechtssage der volksfreundlichen Ge- 
sinnung jener merkwürdigen Frau ein dankbares Gedächtniss bewahrt. 

Zum Schirmrecht der Freihöfe, das hier in besonders starken Zügen aus- 
gedrückt ist, vgl. Rechtsalt. 886 ff, 

BEFFENDOßF. 

(EBD 852 f ) 

,Bald hernach (nach 1543) hat der abt von Geugenbach etliche höf und 
güeter sampt ainer gerechtigkait im dorf Beffendorf, zu der pfandschaft 
Oberndorf gehörig, dem Spitl zu Rotweil verkauft umb ein spat (spot) und 



92 LUDWIG UHLAND 

todten pfennig, wie man sagt. — Die alt gcrcchtigkait aber hat eine sol- 
liche gestalt gehapt. Der merertail höf und giieter und auch die järliche 
zins darvon zu Beffondorf haben dem kloster zu Gengenbach zugehört, wiewol 
die hochcn gcricht daselbs der hcrrschaft Ziniber zustee(n)t. Nun hat aber das gc- 
melt gotshaus die gcwonhait oder gcrcchtigkait gehapt, daß der schaflner 
oder amptmann von des abts wegen drei tag icdes jars das gerieht zu ßef- 
fendorf erfordern hat megen und das besitzen auch die mair oder inwoner 
daselbs, welcher etwas sträfliche, doch nun burgerlichs, begangen het, zu be- 
klagen ; und was uf dise tag geruegt, do ist der frevel nämlich die zwen 
tail des abts, der drit tail darvon der obrigkait. Und seind uamlich das die 
drei tag : an dem liechtmessabent, am maienabent, an Sant Martins abent, und 
sonst kain anderer tag. Dann was sonst durchs jar geruegt wurt am jarge- 
richt, welches doch ain herr haben mag wan er will, da hat das gotshaus 
nichts an. Aber uf die bestimbten tag, wan der abt oder sein anwalt das ge- 
richt erfordert, so ist er auch schuldig, dem weltlichen oberherren des dorfs 
darzu zu verkünden und laden laßen. Wa derselb dan kumen will, soll er 
mit dritthalben pferden (vgl. Rechtsalt. 255 ff.) von Oberndorf hinuf reiten 
und uit mer, iedoch begegnet im ain varcnder schueler oder ain guete metz, 
die mag er wol laden, mit im zu ziehen, doch soll er demselben schueler 
oder der metzen kain geren uß dem rock zerren. Wann er nun hinuf kombt, 
soll er ain schwarzen lindschen (Schmell. 2, 480) mantel umb haben und 
soll man sein dritthalben pferden das fueter geben, das mag der herr in den 
mantel empfahen, doch soll der habern so lauter und rain sein, dass im 
kain lielmle an dem mantel behäng, dan wafi solichs geschech, so gibt man 
im anderen habern, biß er so sauber ist, daß im nichts am mantel behangt. 
Doch so bleibt im der erst habern aller, wieviel sein wurt, biß er so sau- 
ber wurt, wie gehört (Weisth. 1, 254. 2, 22 f. 129). Wan man dan eßen 
will, soll man es so wol bieten, als man imer bekomen mag, außgenomen 
flüegends und fließends (Rechtsalt. 256). Ob dan ain paur umb ain frevel 
gestraft wird und wolt sich den zu geben sperren, mag des abts anwalt dem- 
selben pauren ain seidin faden umb sein waichi spannen, den soll er nit 
brechen, auch weder under oder über den faden lierauß geeu, biß er bezalt. 
Wa er sollichs aber verachtet, darüber oder darunder herauß gieng, oder 
den faden brech, so ist dem gotshaus sein hof aigentlichen haimgefallen. 
Hiebei ist zu merken, seither dise gerechtigkait dem spital zu Rotweil zuge- 
standen, so hat die alt gewohnhait ain ende und laßens die karschhansen 
hingeen, die solche Sachen nit hoch achten.' 

Das Recht, unterwegs Begegnende zur Mahlzeit mitzubringen, wird an- 
derwärts ausdrücklich auf anständige Gäste beschränkt (Weisth. 1, 124: ein 
gut gesell, vgl. 2, 83; 1, 139: aincr oder zwen erher mann; 1, 510 f.: eyn 
gut man und eyn knecht, daz sal syn ein edelman und syn knecht, oder eyn 
priester und syn knecht; Archiv. Wurml. p. 125, a. 1468: ain hiderman; 
ebd. p. 179, a. 1580: eine erliche person, eine oder mer). Die Satzung von 
Beflfendorf wendet das lästige Mitbringen ab, indem sie gerade nur solche 
Leute zulässt, denen der anreitende Gerichtsherr auch unabgemahnt den Rock 
nicht zerreißen wird. Zum Seidenfaden vgl, Rechtsalt. 182 f. Weisth. 1, 81 
f. 2, 220 und W. Wackernagel, Dicnstmannenrecht von Basel, 19. 38 f. 



BODMAN. 93 

SCHLIENGEN. 

(EBD. 1414.) 

'Also hat es auch am abenteuerlichen geprauch in ainem dorf uf dem 
Schwarzwald gelegen, haist Schliengen, ist dem apt von S. Blasij gehörig. 
Daselbs, waii das jargericht umb Martini gehalten, so mueß dieselbig weil 
ain paur hünderm ofen sitzen, in huet und kaj^pen und wol angton, und 
haizt man darzwischen nach vortail ein. Das beschicht jerlichs ufs jargericht. 
Waher aber der gebrauch also erwachsen oder was es soll bedeuten, das ist 
leuge halb der zeit vergeßen und künden die einwoner dessen kain ursach 
anzaigen.' 

BEIL. 3 (zu S. 67 und 80). 

WANDERSAGEN. 

A. FEIEDRICH YON ZOLLERN. 

(ZIMMR. CHRON. 1308 S.) 

'Es hett vor vil jaren ain graf von Zollern gelept, genaiit graf Fride- 
rich, sein weib hat gehaißen Uedalhilt, ain gotsfürchtige fraw, die nach irem 
absterben von vil leuten für hailig ist geachtet worden. Wer sie vom ge- 
schlecht gewest, ist lenge der zeit vergeßen. Diser grafe, nachdem er et- 
liche kinder von seinem gemahl bekomen, die er mertails hin und wider an 
der fürsten höf und ainstails zu seinen nechsten freunden und verwandten 
zu erziehen verschickt, do uame er ime für, in die haidenschaft zu raisen 
und weitgelegne lender zu erkundigen. Derhalben empfalch er seinem ge- 
inahl die grafschaft und was er het, schied ab von ir und seinen underta- 
nen mit wenig diener, kam über mer, da ist er etliche nit wenig jar in der 
haidenschaft umbher gezogen, biß im zu letztem seine diener und pferd ab- 
gangen und also unerkant in großer armuet und niangel leben müeßen. Wie 
er nun in seinen größten nöten gewest, auch nit wohinauß noch wohinan ge- 
gewist, do ist ain gespenst zu im koinen, das hat ine in mancherlai weis 
versuecht, wie dann der Tausendlistig nit ruewen oder feiren kan, sonder von 
seiner boshaftigen art und aigenschaft, wo er angst und laid oder unmuet 
waist, sich einmischt und zuschlecht. Noch gab der allmechfcig dem groß- 
müetigen grafen sovil Verstands und gnad, daß er dem feind in seinen an- 
fochtungen, darin er in von gott abzufüeren sich understand, widersteen 
kunt. Letztlich bracht im der bös feind ain ross mit dem bericht, daß in 
solches an alle ort und ende, dahin im gelüstet, one alle gefar seiner seel 
<md des leibs in ainer geschwinde tragen würde (mocht sich schier des Pa- 
colets ross vergleichen), iedoch weh er aubents oder sonst undertags ab- 
stüende, solt er das gegen nidergang der sonen abzeumeu und absatlen, so 
würde er das für und für sein lebenlang haben, ja auch die ganz weit dar- 
init durchraisen künden ; wo er aber solches ainmal übersehen, würde er sein 
ross ewiglichen verloren haben, damit wolte er ine gewarnet haben. Was 
nun der graf dargegeu hat müeßen dem gespenst verhaißen oder laisten, wie 
ainest in sollichen feilen gepreuchlich, das ist uubewißt und lenge halben der 
zeit in vergeß komen. Hiemit ist aber der bös gaist von im abgeschaiden 
und hat in verlaßen. Also ist der grafe noch etliche jar ain weiten weg 



94 LUDWIG UHLAND 

mit disem ross gcraist, iedoch hat ine letztlich angefochten, demnach er vil 
jar außgewesen, widerumb sich zu seinem weib und kindern zu verfliegen. 
Hiezwischen aber hat man ine seines langen außpleibens und daß man we- 
der staub noch flug von ime vernomen, gar versehetzet gehapt. Sein gemahl 
die grefin hat die landschaft weislich und wol regiert, so sein auch mitler- 
zeit die jungen herren und frölin erwachsen, die sein ainstails außgesteurt 
worden, und hat sich sein niemauds mer versehen gehapt. Indes hat das 
wunderbarlich ross den grafen ain weiten weg getragen , daß er mit 
großem verlangen sein grafschaft erraicht , do hat er, daß sein weib und 
kinder noch in leben und alle sachcn wol standen, haimlichcn, seitmals er 
bei meniklichen unerkant, erfaren, darauf ain potschaft seiner hausfrawen uf 
Zollern geton. Wie derselbigen also das potenbrot zukomen, ist die guet 
fraw eilends irem herren, den sie in vil jaren nie gesehen, sampt etlichen 
irer baider sönen und döchtern, für das schloß an berg herab entgegen gan- 
gen und haben ine mit großen frewden empfangen. Der grafe ist auch von 
seinem ross abgestanden und hat sein weib und kinder herzlichen angespro- 
chen, ist mit inen hinauf ins schloß gangen. In disen frewden aber hat der 
graf seines ross weiters nit wargenomen oder auch befolchen, wie man das 
abzeumen und absatlen solle, sonder die diener habeuts hinaufgefiiert ins 
schloß, sie sein aber nit recht mit ime umbgangen, derhalben so ist das ross 
angesichts der diener verschwunden, daß sie nit gewist wohin es komen, der- 
halben sie eilends zum grafen irem herren gangen und im zu wunder an- 
gezaigt, was inen mit dem ross begegnet. Gleich hat er vermerkt, daß er 
selbs hieran schuldig und daß die diener ußer unwißenhait das ross verwar- 
loset, und wiewol im das in seinem herzen ain große beschwerd, iedoch, 
seitmals im der allmechtig also mit allen gnaden haimgeholfen und der Ver- 
lust des abenteurlichen ross uit mocht widerbracht werden, schlueg ers ußerm 
sin sovil müglich und sprach zu den dienern: wolan , wie ich im ton, es ist 
beschechen und seie damit got ergeben. Darbei ist es also bliben, daß die 
diener von im wider abgeschaiden und er kain bös wort dazu geredt. In 
wenig stunden hernach, noch desselbigen tags, do sein drei schöner jung- 
frawn, in weißem angeton, an das tor uf Zollern komen, und als sie von 
denen wachtern : was iren begern und zu wem sie wellen ? gerechtfei tiget, 
haben sie für den grafen personliehen begert. Wie das dem grafen fürbracht, 
hat er bevolchen, sie unverzogeulichen ein und fürzulaßen. Als das besche- 
chen, haben sie vor ime sich genaigt und hat die ain under inen bekaiit: 
sie seien gaister, die seien verfluecht und im gewalt des bösen feinds gewe- 
sen und durch die würkung desselbigen haben sie drei ine den grafen vil 
zeit und ain weiten weg in der gestalt des ross getragen, und dieweil er 
aber umb den verlust des i-oss nit ungedultig gewest, sonder alles gott er- 
geben, so seien sie iezmals ußer dem deufelischen gewalt erlediget und all 
ir marter und pein abgestellt, auch sie stetig und ewiglichen behalten, da sie 
sonst biß an den jüngsten tag hetten müeßen von den hellischen gaistern 
geplagt sein ; derhalben sie im fleißig gedankt, mit vermelden , daß sie den 
allmechtigen ewiklicheu für ine und die seinen getrewlichen bitten wellen, 
und damit sein sie verschwunden. Diser grafe Friderich ist uf ain groß alter 
komen und nach seiner rais dahaim pliben, hat noch ettliche jar in guetem 



BOOM AN. 95 

frideii gelebt. Er soll zu Statten im kloster begraben sein. Sein gemahl hat 
in überlept, die leit auch zu Stetten begraben. Solch fi-awenkloster haben 
diser grafe und sein gemahl die grefiu bei wenig jareu darvor gestift, näm- 
lich ao. domini 1259, soll vorhin aiu Johanniterhaus gewesen sein, welches 
aber in den verlofFnen kriegen zerstört und in abgang komen.' 

Vgl. Regesten der Grafen von Zollern bei Stalin 2, 527: '1267. Jan. 
9. Rotweil. Fridericus comes de Zollern oh perpeiuam siii et dilectae sihi conjugis 
Vdelhildis nee non carissimorum liberorum suorum memoriam in villa Stetten 
sub Castro Zollern coenohium dominm'um ordinis S. Augtisfini instituit.' Kurz 
erwähnt wird der Chroniksage bei Stillfried und Märcker, Hohenzoll. For- 
schungen 1, 130. 

B. MÖEINGER. 

In der zimmrischen Chronik folgt unmittelbar nach der Sage von Bod- 
man die vom edlen Möringer, in Prosa, doch sichtlich auf Grundlage des 
Liedes (m. Volksl. Nr. 298 und S. 1032 f.). Hieher nur Einiges, was der 
Chrouikschreiber eigeuthümlich beigibt : 

'Aber den eltesteu landfai'er, den wir in unseru hochen deutschen lan- 
den gehapt, darvon wir noch wißen, das ist der edel Möringer gewesen. 
Denselben wellen etlich, er seie ein Meichsuer oder ein Sax gewesen, gleich- 
wol auch ainer vor jaren mag gelept (haben), so der Möringer gchaißen, soll 
zu Leiptzig geseßen und in großem tuen (Schmell. 1, 422) gewesen sein, 
wie man fiii'gibt, aber diser Möringer ist ain Schwab gewesen und ain mech- 
tiger landshcrr. Er hat sein haimwesen zu Munderkingen an der Thonaw, 
auch uf und umb den Bussen gehapt. Gleicliwol man sein geschlecbt aigent- 
lichen nit waißt^ aber vermuetlichen ist er ain graf des herkoiiiens von 
Habspurg, oder hat doch vast ain gleichfermigs wappen gehapt. So hat er 
auch sonst ain andern namen, dan der nam Möringer ist sein zuenam ge- 
west, wie die alten im prauch gehapt. Man sagt, er hab den namen vom 
stetlin Meringen an der Thonaw bekomen, aldo sei er geporen worden, wel- 
ches vor alter nit Möringen gehaißen, sonder Moringeu, das bezeucht des 
stetlins wappen und sigel, das sie von unverdechtlichen jaren hergebracht, 
mit dem morenkopf. Nun diser Möringer, er habe gleich gehaißen oder sei 
ains geschlechts gewest wie er welle, so ist er doch in eren und zeitlichen 
güetern der vile geseßen und dem es in allweg, nach der weit lauf zu rech- 
neu, glücklichen und wol ergangen, hat ain weib gehabt aines fürnemen ge- 
schlechts und von der schöne und fi-ombkait vil wurt in liedern gesungen, 
etc. — Wie lang aber bemelter Möringer nach diser geschieht noch ge- 
lept und wan er gestorben, das ist lenge halb der zeit, auch ußer unfleiß 
unserer eitern in vergeß komen, aber bei wenig jaren ist sein des Morin- 
gers reufan, den er in kriegshandlungen gewon was zu füeren, noch vorhan- 
den gewest, den hat ain alte edle fraw, genant Veronica Spettin zu Frei- 
burg im Preisgow bei banden gehapt, mit dem wappen, wiewol die färben 
verplichen und schier gar abgangen gewesen.' 

Was hier von des Möringers Frau, ihrer vornehmen Herkunft, ihrer in 
Liedern vielbesungenen Schönheit und Trefflichkeit, gesagt ist, stimmt zu 
einer andern Meldung derselben Chronik (bei v. d. Hagen, MS. 4, 7 60^. 



96 LUDWIG UIILAND, BODMAN. 

883^, vgl. 3, 408), wonach der Verfasser ein altes handschriftliches Lieder- 
buch kannte, das namentlich auch Gedichte des Ritters Heinrich von Mo- 
rungen enthielt. Die vorhandenen Lieder dieses norddeutschen Minnesäugers 
sind gleich vornherein voll Lobes einer hohen Fraii, welches nun der schwä- 
bische Erzähler auf die Gemahlin seines Moringers zu beziehen scheint. 
Über Heimat und Wappen desselben ist er im Schwanken. Schild und Helm 
des Dichters hat in der Weingartner Handschrift (Ausg. von Pfeiffer und 
Fellner S. 89, nicht so in der Paris. Hds.) den Mohrenkopf, gleich dem 
vorerwähnten Siegel des Städtlcins Möringen an der Donau, beiden Orts als 
'redendes' Wappen. 

BEIL. 4 (zu S. 84). 

(ZIMMR. CHRONIK 1191.) 

'Diser herzog (von Teck) hat mertails uf Wasneck gewonet, sein gemahel 
ist gewesen ain grcfin von Froburg ußcr der aidgnoßschaft. Derselbigeu ist von 
jugeut uf geweißagt worden, sie müeß von dem wetter erschlagen werden, darvor 
sie nit werd sein künden. Nun hat sie vil rats darüber gehapt , wie sie im tuen 
solle, doch letstlich hat sie ain farendcr schueler ain gewißen segeu darfür gelernt, 
mit der gewißen Vertröstung , wafern sie zu anfangs ains ieden wetters oder daß 
sich das gewülk zu aim wetter zusamen ziehe, solchen segen spreche , werde sie 
sicher sein. Sic hat dem varenden schueler gevolget und allwegen , so sich das 
gewülk zusamen hat gezogen oder anfahen brumen im luft , so hat sie den segen 
gesprochen und damit hat sie ir fatum , wie glaublich , etlich jar ufgezogen. Es 
sein auch ire junkfrawen und dienernen also abgericht gewest, so bald sie was 
am himel oder dem luft ungewonlichs gesehen, haben sie ir das unverzug eröffnet. 
Uf ain zeit ist ain junkfraw umb mitentag zu ir keinen, die hat ir von aim kleinen 
welklin, das am himel seie, anzaig geton, darauf sie den nechsten ans fenster gan- 
gen , aber sie hat das kleine welkle veracht und den segen nit gesprochen. Un- 
versehenlich hat das wetter zugenomen, zu ir ins schloß geschlagen , daß sie noch 
am fenster von dem dunst ist erstickt. Sie und der herzog ir gemahl ligen baide 
im Kloster zu Oberndorf in ainem schönen erhepten sarch begraben. Er sol der 
letst herzog dises gefchlechtes gewest sein. Es war ainest ain alter baursman in 
der herrschaft Oberndorf, der sprach: diser hei'zog wei'e also edel gewest, daß 
man ine nach seinem absterben von Wasneck herab het müeßen zur begrepnuss 
tragen. Das kont ime meniglichen wol glauben.' 

Der Name des Herzogs von Teck , für den die Chronik leeren Raum lässt, 
kann andersher eingetragen werden. Elisabeth, Gräfin von Froburg, Herzog Lutz- 
manns von Teck (der auch schon in Urkunden von 1301 und 1314 genannt ist) 
eheliche Wirthin , bestimmt 1336 , dass sie und ihr Gemahl nach des Einen Tod 
eine Schenkung an das Kloster zu Oberndorf zahlen werden. Lutzmann war übri- 
gens nicht der Letzte seines herabgekommenen Geschlechts und Oberndorf, in 
dessen Nähe die jetzt zerstörte Burg Wasseneck lag, hat erst 1374 Herzog Fried- 
rich, ein Bruderssohn Lufzmanns, an Hohenberg veräußert (Stalin 3, 695 ff.). 



E. L. ROCHHOLZ, ZU DEN VIER DIALOGEN VON HANS SACHS. 97 

ZU DEN VIER DIALOGEN VON HANS SACHS. 



H. Sachs hat in seinem bekannten Gedichte „Summa all meiner 
gedieht biß ins 1567 jar" uns die Notiz gegeben, daß er neben seinen 
vielen Versen auch Prosaschriften verfasst habe: „artlicher dialogos 
siben, doch ungereiniet in der pros." Von diesen sieben Abhand- 
lungen scheint er nur viere in den Druck gegeben zu haben , und 
daher wird es denn rühren , daß die andern drei bis heute noch 
nicht haben aufgefunden werden können. Diese vier uns verblie- 
benen Gespräche hat Reinhold Köhler (Weimar 1858) nach den zu- 
verläßigsten Drucken kürzlich herausgegeben. 

Wir folgen dem frischen hübschen Eindruck, den diese Schrift 
bei uns hinterließ und erörtern einige Stellen derselben. 

S. 44 spricht der lutherisch gesinnte Keichenburger zu dem auf 
Besuch bei ihm einkehrenden Mönch Romanus: „euer zükunft in 
mein haus bcdeut warlich ein sehne." In dieser Formel liegt eine 
uralte Wetterregel, welche in der Schweiz noch sprichwörtlich lebt. 
Regen giebts , sagt man , so oft unsere Geistlichkeit Capitel und 
Synode hält, su oft die Pfarrer zusanmien über Land gehen. Der 
Appenzeller Joh. Grob von Herisau hat in seiner Dichterischen Ver- 
suchgabe, Basel 1678, folgendes P^pigramm „auf die Geistlichkeit" : 
daß euch der himel hass', ist unschwer zu erweisen, 
es ist ja weltbekannt, jhr könnet nimmer reisen, 
daß niclit die güldne sonn' ihr werthes Hecht versteck 
und euch ein wolkenbruch als nasses volk bedeck. 

Viele Schriftsteller verbürgen das Alter und die weite Verbrei- 
tung dieser Meinung. Beispiele sollen dies beweisen. 

Joh. Dubravii Hist. Bohem. Hb. VI erzählt, wie zu Kaiser Otto I. 
Zeiten der Präger Bischof Adalbert wegen vieler Misshelligkeiten ab- 
dankte und nach Rom auswanderte; allein die Prager Gemeinde 
konnte ihn nicht lange entbehren und berief ihn zurück. Als nun 
Adalbert in Begleitung sieben anderer Mönche in Böhmen einzog, 
ward die große Dürre, so das Land bis dahin geplagt hatte, durch 
einen so starken Regenguß vertrieben, daß die meisten ebengelegnen 
Ortschaften überschwemmt wurden. Dies schrieben Einige der Gottes- 
furcht der ehrw. Väter zu ; Andere legten es ihnen zum Spott aus, 
und daher entstand dann das Sprichwort imtor den Böhmen, es pflege 

GERMANIA IV. 7 



98 E. ].. ROCHHOLZ 

ZU regnen, wenn die Geistlichon reisen : „Estque liodie in oi'c Koje- 
niorun) velnt adagluni , ut si forte obvios in itinere habeant vires 
religiöses, dicant : pluvia haud dubie pluet, posteaquam monachi 
peregre ambulant." Monatl. Unterredungen. Leipzig bei Gleditsch, 
1G90, pg. 1058. — „So man münch vber feldt siebet gehen oder 
reiten, soll man denselben weg nicht gehen, dann es ist gern vnflatig 
wotter." Astronomia Teutseh 1612 (Wolf, Ztschr. f. Myth. 3, 316) 
,.llalt('t die mönch zu hauß! dann kommen sie auß, so regnets oder 
will anfangen drauß." Fischart, Allei' Praktik Großmutter (W. Wacker- 
nagel Leseb. III. Prosa 1, pg. 4()9. In Vintlers Blume der Tugend, 
vom Jahre 1411: 

so wellen sumeleych dapey, 
wanne es vngewitter sey, 
das sey alles von der münich wegen, 
wann die gent vml) die wegen. 

(Zingerle, Tiroler Sitten 1857 S. 187.). „Wann die pfaffen reisen, ist das 
Sprichwort bei Zeilero (Praetorius Weltbeschreib. J, IG) so regnets." 
Männling, Curiositäten u. AlbertJlt. Frankf. 1713. Ebendasselbe bei 
Abrah. a St. Clara, in der Lobpredigt auf Thomas Aquino. Salz- 
burg 1(384, 6. In Rabelais Gai'gantua lib. IV. wird ein Schiff voll 
Priester, die zum Concil fahren, von Panurg, dem es begegnet, für 
eine gute Vorbedeutung seiner eigenen Reise erklärt; allein es be- 
währt sich umgekehrt als das allerschlimmste Zeichen, da unmittelbar 
hinter jenem Schiffe der unbändigste Seesturm losbricht. Als Dr. 
Luther während eines Jahrmarktes durch Rudolstadt kam und ge- 
wässertes Jahrmarktsbier bekam, hat er den Markt und das getaufte 
Getränke verwünscht. Seitdem schwimmt jeder Rudolstädter Jahr- 
markt von Was.ser. Frommann, Mundarten Zeitschr. 3, 546. Bei 
einem Seesturme sagte der schwedische SciiifFskapitain zum Passagier 
Wedderkop (Bild. a. dem Norden 2, 528): „trösten Sie sich, ein 
Priester ist mit an Bord, und das ist welt})ekannt, dal.^ so einer 
immer schlecht Wetter herbei führt". Kapuziner spielen und i'egnen 
lassen sind zweierlei Namen für einerlei Kinderspiel. Alemann. 
Kinderl. nr. 203. — Diese gehäuften Belege werden nicht über- 
flüssig scheinen, sie dienen dazu, eine verschollene Mythe wieder 
zu erwecken und zu beglaubigen. Im Regen und Schnee steckt der 
Gott als Wetterkönig. Aus Engelland fährt er herab auf unsere 
Fluren, um sie zu befruchten. Vgl. Müllenhoff Sag. 517, 33: 



zu DEN VIER DIALOGEN VON HANS SACHS. 99 

Ragen, ragen, rusch! 
de König fsert to bnscli. 
lait den ragen cewergaen, 
Iset de süini wedder kamen, etc. 
CS regnet, die sonn scheint, 

gott segnet, der pfafF greint. Firnienicli 2, 66. 

Statt des Gottes kommt auch sein Diener und verbreitet den 
Landregen. Im 1. Buche des Ramajana ist erzählt, im Lande Anga 
sei jahrehmg kein Regen mehr gefallen , als der König sich gegen 
Gottes Gebote vergangen hatte. Seine Priester und seine Räthe sind 
versammelt, drei Tage sinnen sie einem Mittel nach um Abhilfe, 
endlich eröffnen sie : nicht eher wieder werde es regnen, als bis es 
gelungen sei , den Fürstensohn und Waldbüßer Rischjasringa aus 
seiner Waldsidelei hinweg zu locken und auf den Weg zu Hofe zu 
bringen. Dazu bedarfs der List. Man belädt Schiffe mit den schön- 
sten Mädchen und lässt sie zu ihm hinaus in die Waldwildniss fahren. 
Solchen Reizen kann der Heilige nicht widerstehen, zum erstenmale 
verlässt er den flain , begiebt sich mit den Mädchen auf den Weg, 
und zum erstenmal regnets wieder. Davon heißt es im Ramajana : 
Sobald mit Rischjasringa der Fürst 
Das Ufer betrat, so schüttete 
Vom Himmel reichlichen Regen herab 
Pardschanja über das ganze Land. 

Holtzmann, Ind. Sag. 1, 309. 

Wie hier der Brahman auf einem Schiffe heimfährt und damit 
Regen bringt, so heißt in der Edda die Wolke das Windschiff, und 
der Nerthus Gotteszeichen war gleichfalls das Schiff: „liburnae figura". 
Tacitus Germ. C. 9. Dieser Göttin Umzug durchs Land verbreitete 
gleicherweise Gottesfrieden und Fruchtbarkeit. Aus Sannunds Sonnen- 
gesang führt Afzelius die Stelle au (Schwcd. Sag. 3, 27) : 
Odhinns Gattin fährt Daß nur unverhofft 
WoUustathmend kühn Nicht der Sturmwind nah'. 
Auf dem Erden schift'. Untergang bereitend. 

So oft die Zwerge bei Merlingen am Thunersee aus ihren Berg- 
höhlen zu den Bauernhöfen herunter gehen, folgt ein Landregen. — 

Wir nehmen nun einen andern Gegenstand dieser Dialoge in 
Erklärung. Vor weltlichem Gerichte, sagt H. Sachs 1. c. S. 50, 
werden nur die Procuratoren und Juristen reich „von den schenken 



100 E. L. ROCHHOLZ 

und helküechlin". Der Herausgeber bringt aus seinem Autor selbst 
und andern ghüclizeitigen Quellen mehrfache ßelegstclleu bei , in 
denen dieses Heiküchlein figürlich statt der Bestechungsmittel über- 
haupt gilt, mit denen bei unredlichen Richtern das Recht erkauft 
wird. Solcherlei Richter sieht dann H. Sachs in der Hölle bi-aten 
wie Küchlein: „da hört ich die helküechlein schnalzen". Und auch 
Fischart, Oargant. cap. 21 lässt den INFagister mit solcherlei „höllen- 
küchlin aus dem höllhafen" gefüttert werden. Warum nun in unserer 
Sprache ein werthloses Küchlein die Bedeutung von einer nandiaften 
Geldsumme bekommen konnte^ dieß lässt sich aus unserer Rechts- 
und Sittengeschichte beantworten, und ich will es in Kürze hier tliun, 
indem ich in diesen Hellvüchlein ein Überbleibsel der alten Rural- 
steuern nachweise. 

Bei den Volksversammlungen, Gildentagen und Gerichtssitzungen 
wurde gesotten und gebacken, gezecht und geschmaust : Tacit. Germ, 
c. 22. Grimm RA. 8G9 — 871. Ein Theil der dem König dargebrachten 
Ruralabgaben gieng unter die Volksversannulung auf den Maifel- 
dern in Form von Speise und Trank zurück , in Speise und Trank 
wurden die Gerichtsbußen angesetzt und gemeinsam verschmaußt. 
Daher sind die drei bis vier jährlich geboten gewesenen Gerichte, 
dann die vier Jahresfeste (Ostern, Johanni , Martini und Fasnacht) 
und die vier Jahresbote der städtischen Gilden, Staffeln, Zünfte und 
Handwerksinnungen durch eben so viele Backtuge und Küchlein- 
schmäuße bezeichnet und gefeiert gewesen. Ein Theil dieser Bräuche 
hat sich noch erhalten. Die dabei vertheilten Brode hatten als Zeit- 
brode ihre verschiedenen Namen je nach Jahreszeit und Gerichtsfrist. 
Hier nun beschäftigt ims der a'me Name Heiküchlein. P]r bezeich- 
nete die auf Winter, Neujahr, Weihnachten und Dreikönige fallende 
Steuer. Wir wissen aus Gervasius Tilbur. (Otia Imper. ed. Liebrecht, 
pg. 2), dal,^ der Weihnachtskuchen während der Nacht auf freiem 
Felde gebacken wurde: „de pane nocte illa sub dio composito cora- 
pertum habco, quod febricitantibus prodest". Dieß geschah am Tage 
des alten Jahresbeginnes, am 6. Januar. In der Stadt Zürich fanden 
vor der Brunischen Verfassung jährlich dreierlei Räthe ('Gerichts- 
sitzungen und Wahlen) statt. Der erste derselben, der mit dem 
6. Januar anficng, hieß Fastenratli, der zweite im Mai Sonnnerrath, 
der dritte an der Kirchweih der llerbstrath. Die Fastenküchlein, 
Mai- und Kirchweihkrapfen wurden an diesen Wahltagen durchs ganze 
Land gebacken, wie heute noch, und geschenkweise in die Häuser 



zu DEN VIER DIALOGEN VON HANS SACHS. 101 

vertragen der Beamteten , der Freunde und Armen. Als dann seit 
dem Jahre 1628 für die Züricher Landschaft und jede Kirchgemeinde 
Ernte- und Herbststeuern eingeführt und nach Vorschrift in Geld 
erlegt werden mußten, dauerte der Bezug derselben in Naturalien 
noch eine gute Zeit fort. Es ist daher eine Reihe von Erlassen, 
namentlich gegen die Küchlein, in den Gesetzen und iSittenmandaten 
jener Zeit enthalten. Um diese richtig zu verstehen, muß man jedoch 
nicht vergessen , dal5 inzwischen der Jahresanfang und der damit 
verbundene Gerichtstag vom (>. auf den 1. und 2. Januar zurück- 
verlcgt worden war, an welchem heute noch in unseren Landschaf- 
ten der Bei'chtolds- oder Bechtelistag bürgerlich allgemein gefeiert 
wird. So beschloß die Zürcher Regierung lange nach jener vorhin 
erwähnten Steuerverfügung, im Jahre 1(397, daß die Gemeinde Stamm- 
heim sich einer Verwaltung? reform zu unterziehen habe, und macht 
dabei folgenderlei geltend: ,,zuo abhebung so vilfaltigen zuosamen- 
sitzens und prassens , sowol am Bechtely als an andern gewonten 
festtagen haben meine Gnd. Hhn. kein besser mittel sein ermessen, 
als daß künftighin für alles und alles was das Jahr durch fürfallen 
mag, den Vieren (Ausgeschoßenen, Dorfrichtern) mehr nit als 12 mütt 
kernen — anstatt etlich und zwentzigen — und 12 säum wein — 
anstatt 25 bis 30 säum — gut geheißen werden soll." Hds. Ur- 
kundensannul. „Thurgeüw" II, 242. Privatbesitz des Dr. Maurer in 
Bremgarten. Ein anderer Rathserlaß Zürichs v. J. 1G9G (enthalten 
in derselben Urkundensammlung, Abtheil. „Gravschaft Kyburg", 
VI, 532) wendet sich gegen diese veralteten Speisenabgaben als 
missbräuchlich bestehenden Mitteln, mit welchen auf die Wahlen in 
den städtischen Zünften ungebührlich eingewirkt werde; „daß an 
den soimtagen ab constafFel und zünften keine küchli umbhin ge- 
schickt, auch keine bis nach vollendeter abendpredig gemachet wer- 
den sollen , ist das vmbhintragen der küchlenen bei geltbuß imd 
gefangenschaft des gänzlichen abgestrickt." Damit kommt also der 
Begriff von Wahl- und Gerichtsbestechung, von Heucheln und Schmei- 
cheln in den Namen Küchlein. „Loquimini nobis placentia, ist alle 
Worte kücheln, einem jeden, was er gern hat, auf's teller reden", 
so predigt der Augustinermönch Ign. l']]'tel in Amara dulcis, Nürn- 
berg 1712, 34. Der Name des Heiküchleins, auf den ich sogleich 
näher eingehen werde, verlor sich daraufhin in unseren Gegenden, 
nicht aber der Brauch. An demselben Berchtentage wählten die 
Zünfte der Stadt Luzern alljährlich ihre Stubenmeister und Obmänner, 



102 E. L KOCHHOLZ 

und das dabei gehaltene Freudenniahl hieü Bärclitli. Stalder 1, 15(3. 
Und von der fortgesetzten Feier des Züricher Bächtelistages erzählt 
das Züricher Neujahrsblatt der Chorherrenstube v. J. 1805: „Abends 
gabs Kuchen, Sinnnelring, Birnenvnost". Nicht bloß in Städten, auch 
in kleinen Ortschaften blieb der I>rauch. Das „»Stubenrecht deß 
dorffs Zurzach" v. J. 1529 (hds. Besitz des Aargauer Landamniann 
Welti von Zurzach) besagt: „welicher ein fründ old erengast mit 
ihm auf die Berchten nimpt, der sol die ürten (Zeche) für in 
gen". Und so wird denn bis heute der 2. Januar bei uns der 
Berchtentag genannt und mit bürgerlichen Festlichkeiten gefeiert. 
Der deutsche Schweizer backt da das Küchlein, den Züpfenweck, 
den Eierring; der Waatländer Bauer verzehi't gleichzeitig seine Lieb- 
lingsspeise Berthouds (Berchtöldlein). Der Altbaier um Müldorf lässt 
in der Dreikönigsnacht einen Theil der Küchlein auf dem Tische 
stehen, für die Frau Bert. Panzer, bair. Sag. 1, nr. 278. Von ganz 
ungewöhnlicher Reichhaltigkeit aber sind die altheikömmlichen Spen- 
den, die um dieselbe Zeit bei uns stiftungsgemäß an die Armen ver- 
abreicht werden. Es hatte z. B. die Stadt Winterthur seit undenk- 
lichen Zeiten den Brauch, jährlich an Weihnachten und Neujahr 
allen Armen und Kindern aus o2 umliegenden Dörfern Spendbrode 
austheilen zu lassen. Nun sind diese Dörfer zwar davon ausge- 
schlossen, aber dieselbe Brodvertheilung dauert noch fort, und so 
hat diese vorzugsweise von einer wohlliabenden Bürgerschaft bewohnte 
Stadt im Jahre 1854, laut der mir vorliegenden Commissionalberichte, 
57,838 Pfund Brod ausgetheilt imter den verschiedenen Namen von 
Spendbrod, Sonntagsbrod , Erntebrod, Allerheiligenbrod. Man ver- 
wechsle aber diese Brodvertheilung nicht mit der Almosenvertheilung 
überhaupt, denn diese letztere, bestehend aus Handsteuer, Schul- 
und Lehrgeld, Kostgeld, Wandergeld, Winterkleidung, Holz u. s. w. 
steht unter besonderer Verwaltung. Die ehemaligen Frucht- und 
Brodspenden des aargauischen Kantonstheiles , welcher sonst unter 
Berner Herrschaft gehörte und das Altaargau genannt wird, sind seit 
neuerer Zeit capitalisiert worden; sie betragen nunmehr Francs 
10,841000. Daraus also haben sich in früherer Zeit wohl für alles 
Volk Küchlein backen lassen. 

Warum aber soll gerade dieses Küchlein, das doch für Alle 
gehörte, das Helküchlein heißen und den schlimmen Begriff der 
Heimlichkeit und Duckmäuserei bekommen haben? Desshalb, weil 
man nach und nach den Namen der Göttin, vergaß und missdeutete, 



zu DEN VIER DIALOGEN VON HANS SACHS. 103 

auf deren Festtag diel,^ nach ihr genannte Brod bereitet worden war. 
DielJ war die Frau Hei, Grimm Myth. 403 weist nach , wie man 
der Wildenfrau ; der Bechta und der Hei Speisen bück und auf die 
Kreuzwege hinaus stellte. Hels Festtag aber fiel ursprünglich mit dem 
Dreikönigtag und fällt jetzt mit dem Berchtoldentag zusammen. Der 
Abend vor dem 6, Januar wird in den obersächsischen Gegenden 
„der Frau Hellen Abend" genannt, da essen dann alle Bauersleute 
die Polse (lat. puls), einen Klumpenbrei in Wasser gekocht, mit Fett 
aufgeschmalzen oder in Butter gebräunt. Wer es unterlässt, steht 
in Gefahr, daß ihm die Frau Helle den Bauch aufschneide, die in 
dieser Nacht auf einem Wagen ihre Umfahrt hält: H. L. Fischer, 
Buch vom Abergl. 1793. 2, 66. Nach dieser Göttin ist in den Nieder- 
landen das Sternbild des Wagens Hellcwagen genannt (Myth. 762), 
und der Schweizer, der es den Kehrwagen nennt, behauptet, daß 
derselbe in dieser Nacht sich umdrehe, und Aveißagt sich nach dessen 
Standpunkt den künftigen Marktpreis der Kornfrucht. Tobler 264 ''. 
Bekanntlich ist diese ndd. Frau Helle eins mit der thüringischen 
Frau Holle, und auch zu deren Ehren werden noch um Neujahr und 
in den Zwölften altvorgeschriebene Mehlklöße gegessen. Da wo an 
die Stelle dieser Göttin die Berchta getreten ist, unterscheidet man 
eine Neujahrs- und eine Oster- Berta und feiert beide Fristen mit 
festgesetzten Brodgebäcken. Unter diese Weihbrode ist z. B. auch 
jenes große Strüzel zu rechnen, das die Königsberger Bäcker am 
Dreikönigstage 1583 aus 3 Scheffel Mehl bücken und verschenkten 
(Haltaus, Jahrzeitb. 72); so auch der Weizenwecken der Polen, wel- 
cher reichlich mit Schwarzkümmel bestreut bei ihnen am 24. Dec. 
nicht fehlen darf: Wurzbach, Spriehw. d. Polen. 1852, 148. Die 
Osterberchta hat nicht minder berühmte Brode gehabt. Beim Brezel- 
fest zu Schwäbisch-Hall wurden die Kinder am (Jsterdonnerstag zuerst 
in die Kirche zur Predigt und nachher aufs Rathhaus zur Brezel- 
vertheilung geführt: Gräter, Iduna 1821, März. Zur Sonnewendzeit 
am 23. und 24. Juni feierte man zu Savilly bei Juraieges das kirchl. 
•Fest der hl. Osterbertha mit Processionen, Höhenfeuern und Mahl- 
zeiten ; ein ungeheures Brod von mehr als Stockwerkhöhe wurde 
dabei umhergetragen. Liebrecht, edd. Gervas. Tilbur. S. 209. 

Ist nun im Vorausgehenden darauf verwiesen, daß diese Zweck- 
speisen und Zeitbrode Überbleibsel sind aus den alten (jildenmahl- 
zeiten, so muß nun daran erinnert werden, daß diese Geldonien in 
ihrer Umwandlung in christlich-kirchliche Bruderschaften einen Theil 



104 E. L. ROCHHOLZ 

ihrer ursprünglichen Bestimmung beibehielten ; sie hatten für die in 
ihrer Zunft verarmten und erkrankten , endlich auch für die Bestat- 
tung und Seelenruhe ihrer Verstorbenen werkthätig zu sorgen. Die 
Bruderschaftsmahlzeiten entstanden, verbunden mit der Ausspeisung, 
Waschung und Kleidung der Armen, sowie die Seeltage, an denen 
für die Ruhe der Verstorbenen den Lebenden nach Bedürfniss ge- 
schenkt und mitgetheilt Avurde. Hier macht sich der Name der Hel- 
küchlein unter den bei solchen Mahlzeiten üblichen Speisen von 
seiner anderen und ursprünglichen Seite geltend; man aß und trank 
auf das Angedenken derer, die fcu Hei gegangen, zur Schatten- und 
Todesgöttin gekommen waren. Und je mehr diese Erinnerungsmahl- 
zeiten den Sinn der christlichen Minne (Eulogie und Agape) annah- 
men, um so weniger blieben sie bloß auf die Mitglieder einer Zunft 
beschränkt, um so weitherziger waren auch die fremden Leute mit 
in diese Wohlthätigkeitsspenden eingeschlossen. Geld, Wein und 
Brod, das da am Jahrestag ausgetheilt wurde, sollte ein Jeglicher 
zu empfangen befähigt sein. Keiner, der dazu erschienen war, sollte 
leer ausgehen. Man nahm dadurch der ursprünglich heidnischen 
Stiftung ihre zünftige Enge und Ausschließlichkeit, während man 
dem Brauche selbst seine neue Eechtfertigung gab mittelst der Stelle 
1 Corintli. 10, 17: denn wir Vielen sind ein Brod, da wir Alle eines 
Brodes thcilhaftig sind. Hiei'aus entstanden nun jene vielfachen 
Gebildbrode mit mancherlei Namen, die man bis jetzt am Aller- 
seelentag (2. Nov.) am herkömmlichsten zu backen und zu verschenken 
pflegt: die Seelstückel, Seelzelten, Seelwecken in Baiern, Schwaben 
und Tirol; die Seelzüpfen, Gotteslaibli, Spendbrüdli und Todten- 
beindli in der Schweiz. Der Reformator Bruschius erzählt uns, wie 
es seiner Zeit beim sächsischen Seelenfeste noch gehalten wurde. 
Es war dieses auf die altsächsischc Gemeinwoche versetzt worden. 
Wenn nun am Schlüsse derselben ( 29. Sept. ) zu Hildesheim die 
Goldne Messe abgehalten wurde, so hatte das dortige Stift alle Her- 
beigekommenen, Fremde und Einheimische, nach altbestimmter Norm 
zu begasten. Außer anderen Gerichten erhielt man dabei ein weißes- 
Weckenbrod vorgesetzt, von solcher Größe, daß alle Tischgenossen 
zusammen daran zu ersättigen gewesen Avären ; dazu kam für jeden 
Gast noch Tischwein und 4 Schillinge Trinkgeld. Wein, Brod und 
Almosen, der Überrest der alten Todtenschmäuße, war also hier vom 
geistl. Stifte übernonmien und auf die Goldne Messe versetzt worden. 
(Leibnitz, tom. 2, 494). Wie reichlich am 2. Nov., als am Aller- 



zu DEN VIER DIALOGEN VON HANS SACHS. 105 

seelentage, der Tiroler Bauer zu backen, Brod an die Armen zu 
verschenken , für die armen Seelen auf den Tisch zu setzen pflegt, 
dieß ist in I. V. Zingerles : Sitten und Bräuchen des Tirolervolkes 
(1857) ausführlich zu lesen; und Schönwerth in seinen beiden Sagen- 
bänden erzählt aus der baier. Oberpfalz, wie sorgsam bemüht und 
liebevoll zu dieser gleichen Zeit der bairische Bauer die Seelen der 
Abgeschiedenen mit Speise und Trank zu versehen suche ; man legt 
Brod auf ihr Grab, man streut es in Brosamen den Thieren vors 
Fenster, wirft es in den Wind und in die Gewässer, weil in ihnen 
Allen die Seele der Ahnen wohnen oder erscheinen könnte. Und 
Avie die Bibelstelle befiehlt, Brod und Wein aufs Grab des Gei'echten 
zu setzen , so stellt man es bei uns über Nacht auf den Eßtisch, 
damit sich die Verstorbenen bei ihrem Besuche oder auf ihrer Weiter- 
reise daran erquicken können. Es stimmt dieser Brauch noch dazu 
mit jenen zahlreichen Sagen zusammen, denen zu folge die Geister 
zu Gast sich bitten und aufs Abendbrod einladen lassen (Wolf, deutsche 
Märchen und Sagen nr. 110), oder zu zwölft auf einem Wagen im 
Wirthshaus zu österr. Altenmark angefahren kommen , um da Ein- 
kehr zu nehmen (Zeitschr. f. Mythol. 4, 142). 

Die bei Hei wohnenden Seelen werden dem Bekehrten zu Höllen- 
bewohnern, das zu ihrem Gedächtnisse gebackene Heiküchlein wird 
zum Höllenküchlein. Daran knüpfen sich die Sagen vom Teufels- 
gastmahl und Höllen schmauß. Am Oberpfälzer Flüsschen Zood beim 
Dorfe Neuenhammer liegt der Teufelsstein. In dessen Höhe ist eine 
Pfanne ausgehauen. Da bäckt der Teufel in den Rauchnächten (den 
Zwölften, d. i. von Weihnachten bis Dreikönig) seine Kücheln, und 
davon ist diese Pfanne so schwarz. Schönwerth, Oberpfalz 2, 249. 
Eines solches Teufelsgastmahl wird beschrieben in Mones Schauspielen 
des Mittelalters, und dorten 2, 110 führt der Herausgeber dazu die 
erklärende Stelle an aus einer Predigt vom J. 1440: „libentius acci- 
piunt propinas schmöchalas, hellktiechlin". Es sind damit die Schmuß- 
trinkgelder gemeint, mit denen der unredliche Fürsprech seinen Ge- 
winnst zu mehren sucht, und für die er einst die brennenden Höllen- 
brode zu essen bekommt. Hr. Köhler citiert dazu nebst anderen 
Stellen noch aus H. Sachs die Beschreibung der Hölle, in welcher 
unredliche bestechliche Richter braten , Avährend die Teufel nach- 
schüren: „da hört ich die helküechlein schnalzen". 

Mit der Erörterung dieser beiden Punkte : des Schnees und 
Regens, welcher gleichzeitig fällt, sobald ein Cleriker auf Besuch 



lOG FRANZ GÄRTNER 

geht, und des Hclküchleins , welches aus einem Todtenbrode zum 
Bestechungssinnbild geworden ist — glauben wir dem Herausgeber 
die Aufmerksamkeit und Beachtung, die er sich mit diesem Werk- 
chen noch in weiteren Kreisen erwerben wird, unsrerseits ausgedrückt 
zu haben. 

AARAU, Dec. 1858. E. L ROCHHOLZ. 



ZUE GUDEÜN. 



Je großer die Wahrscheinlichkeit wird, daß uns das Gudrunlied 
nur in der Ambras-Wiener Hs. erhalten ist, desto fühlbarer stellt 
sich das Bedürfniss heraus , diese einzige Hs. zuverLäßig genau zu 
kennen , denn die nicht überall ganz correcte Ausgabe des Helden- 
buches von V. d. Hagen gab der Vermuthung Raum, es möchte auch 
der Abdruck der Gudrun, der allen folgenden Ausgaben zu Grunde 
liegt, da und dort der erwünschten Sorgfalt entbehren. Cnter diesen 
Umständen schien eine neue Vergleichung der Hs. mit jenem Drucke 
nothwendig. Auf die gütige Verwendung meines verehrten Lehrers 
Prof Pfeiffer und durch die freundliche Bereitwilligkeit des kais. 
Rathes Herrn J. Bergmann ward es mir möglich, diese Vergleichung 
mit aller Muße und Genauigkeit vornehmen zu können, wofür ich 
beiden Herren meinen Dank auszusprechen mir erlaube. 

Was zunächst die Handschrift betrifft, so ist ihrer schon viel- 
fach Erwähnung gethan; ausführlich beschrieben ist sie von Pri- 
misser und Dr. Freih. v. Sacken in ihren Büchern über die Ambraser- 
sammlung , wo auch ihr übriger reicher Inhalt angegeben ist. Die 
Hs. ist, wie dort bemerkt, sehr schön und mit durchgehends sehr 
ähnlicher Schrift geschrieben; gleichwohl rührt sie kaum, wie Frh. 
V. Sacken meint, von einer Hand her: es lassen sich mindestens 
zwei Schreiber unterscheiden. Erwähnt ist in jenen Schriften auch, 
daß die Hs. viele Randzeichnungen, meist Blumen und Thiere, besitzt; 
hinzuzufügen ist, daß sich zwischen diesen und dem Texte häufig 
eine Beziehung finden läßt, die nur deswegen nicht immer klar her- 
vortritt, weil uns die symbolische Bedeutung der Blumen nicht so 
bekannt ist. So ziert in der Hs. der Gudrun den Anfang jeder neuen 
Aventiure eine schöne Zeichnung am Rande, und es findet sich u. a. 



ZUR GUDRUN. 107 

bei der Aventiure „Wie Herwig und Ortwein wider zu dem here 
kommen", wo Herwig die Kunde von Gudrun's schmachvoller Lage 
bringt, worauf Alle zu weinen anfangen, ein fliegender Vogel und 
darunter eine Rebe mit Trauben (nach dem bekannten Volksglauben 
bedeuten Trauben Thränen) ; bei der Aventiure „Wie Hartmuot ge- 
fangen ward" ein Feigenzweig mit PVüchten, auf dem ein Vogel 
sitzt, dai'unter ein Fuchs, der laufend eine Henne fortträgt; „Wie 
sie Hilden poten sannden" trägt über einer Hundskamille wieder 
den fliegenden Vogel, und am imtern Rande einen liegenden Löwen, 
auf dem ein geflügelter Engel spielend sitzt; „Wie die könige in 
Hilden landen hochzeiten" eine Pflngstrose , das Blatt, worauf die 
Verheirathung Hai'tmuots erzählt wird, einen gewaltigen Hirsch, über 
dem ein Engel herfliegt, der im Begriff" ist, ihm eine Schlinge über 
den Kopf zu werfen. — Ebenso tragen alle „büchlein" auf den In- 
halt bezügliche Illustrationen am Rande. 

Der Nutzen dieser Vergleichung für die Wissenschaft ist mehr nur 
ein negativer, sie gewährt uns nämlich die Gewissheit, daß die Hs, 
wenig bessere Lesarten enthält, als Primissers Abschrift geliefert 
hat. Die Abweichungen dieser von der Hs., so unbedeutend sie auch 
sein mögen, sind hier vollständig angegeben, so daß der v. d. Hagen- 
Primisser'sche Druck in Verbindung mit v. d. Hagens Berichtigungen 
und Verbesserungen und dem folgenden Verzeichnisse den Text der 
Hs. mit diplomatischer Genauigkeit wiedergiebt. 

Die erste Zahl ist v. d. Hagens Zählung, eingeschlossen die 
Vollmer'sche nach Strophen. Dann folgt Primissers Lesung und nach 
dieser die Lesart der Hs. 

44 (II, 3) die laub J das laub. 155 (39, 3) kunige reiche ] 
kunige aus reiche. 170 (43, 2) tuncke ] tunckl. 251 (63, 3) ver- 
schachen ] verschmähen. 333 (84, 1) sin ] sich. 619 (155, 1) war ] 
was. 623 (156, 1) die eilenden frawen ] die eilenden frömbden 
frawen. 657 (164, 3) leihtem ] lichtem. 695 (174, 1) man die hieß ] 
man da hieß. 943 (236, 1) er] der. 1121 (280, 3) an in gerte ] 
in angerte. 1341 (335, 3) beide ] beiden. 1401 (350, 3) nu ] im. 1852 
(463, 2) leichter ] lichter. 2129 (532, 3) regen tat ] regen tat wäre. 
2152 (538,2) von dem] von den. 2389 (597,3) den] des. 2462 (615, 4) 
er] der. 2471 (618, 1) in ] im. 2480 (620, 2) da ] das. 2493 (623, 3) 
herere ] herren. 2498 (624, 4) was von J war von. 2575 (643, 1) 
schlug aus helme ] schlügen aus h. 2594 (648, 4) die wissten nu ] 
die nu wissten. 2630 (657, 4) dhain magt ] dhain weib magt. 



108 FRANZ GÄRTNER, ZUR GUDRUN. 

2670 (667, 4) frieschen ] friesliclien. 2()71 (668, 1) von ] vor. 
2705 (676, 3) mucsse ] mucsst. 2729 (682, 3) mann ] manne. 
2757 (689, 3) also das "] also daz das. 2825 (706, 3) der Herren ] 
der herr. 2886 (721 , 4) in ] im. 2949 (737, 3) irm ] irn. 2955 
(738, 1) in Norm. J von Norm. 3031 (758, 1) daz sys ] daz daz 
sys. 3066 (766, 4) guten ] kuenen. 3356 (839, 2) wie es unns 
daruach ] darnach wie es unns. 3510 (877, 4) bringen ] gewinnen. 
3542 (885, 4) wunde | wunden. 3642 (910, 4) disen ] disem. 3675 
(919, 1) Hettel ] Hetteln. 3757 (939, 3) sprachen ] spräche. 3799 
(950, 1) war ] was. 3805 (951, 3) wir sullen ] da wir suUen. 
3809 (952, 3) hetten ] hette. 3822 (955, 4) wolten ] solten. 3834 
(958, 4) mit dem ] mit den. 3890 (972, 4) selde ] zelde. 3901 
(975, 3) ir J im. 3950 (987, 4) riche ] wiche. 4128 (1032, 2) 
baldes ] balder. 4205 (1051, 3) allen rehten ] allem rehte. 4298 
(1074, 4) schönen ] schöne. 4354 (1088, 4) yedoch meinen ] yedoch 
von meinen. 4505 (1126, 1) das ] des. 4550 (1137, 2) krachen ] 
krachten. 4635 (1158, 3) trewen ] trewe. 4715 (1178, 4) küni- 
ginnen ] küniginne. 4779 (1194,3) salwe | salwey. 4827 (1206,3) 
lannde j lannden. 4852 (1223, 1) reiclien J reiche. 4915 (1228, 3) 
ir ] irm. 4997 (1249, 1) ir J iren. 5059 (1264, 3) ee morgen ] ee 
es morgen. 5499 (1374, 3) helde ] heldcn. 5740 (1434, 4) helden ] 
helde. 5948 (1486, 4) vorhie ] hievor. 6074 (1518, 2) widerwar- 
ten ] widerwarteten. 6184 (1546, 2) prachten ] prachen. 6204 
(1550, 4) namen ] nemen. 6228 (1556, 4) maime ] mannen. 6277 
(1569, 1) Matelane ] Macelane. So später immer und zwar immer 
so geschrieben. 6280 (1569, 4) sasse ] sässe. 6312 (1577, 4) mochte ] 
möchte. 6350 (1587, 2) zu ] ze. 6368 (1591, 4) gen ] gegen. 
6378 (1594, 2) da ] doch. 6437 (1609, 1) im ] in. 6519 (1629, 3) 
wolle ] welle' 6599 (1649, 3) hennde ] hennden. 6603 (1650, 3) 
mochte ] mechte. 6740 (1684, 4) helde bey ir hannde ] helde bey 
irn hannden. 

Außerdem bietet die Hs. selir oft den Umlaut , wo Primisser 

ihn nicht giebt, sowie sich mancherlei unbedeutende orthographische 

Abweichungen finden, die bei einer so jungen Hs. anzuführen über- 
flüssig scheint. 

WIEN. FRANZ GÄRTNER. 



C. HÖFLEi;, ZU REINHARD FUCHS. 109 

ZU EEINHAEÜ FUCHS. 

Daß Reinhard Fuchs in Gesellschaft Kaiser Friedrich's II., 
Otükar's von Böhmen und anderer großer Herren des XIII. Jahr- 
hunderts schon hei einem Schriftsteller dieser Zeit erscheint, bleibt 
wohl immer eine denkwürdige litterarische Thatsache. Allein sie 
gewinnt noch an Bedeutung, wenn der Autor kein Deutscher, son- 
dern ein Spanier ist und die berühmte Thierfabel dadurch einen 
Hintergrund erhält, der einerseits ebenso historische Vorgänge an- 
deutet, als er Reinhard den Deutschen entführt. Die Sache verhält sich 
einfach also. Ich finde in einem Formelbuche, dessen späteste (datierte 
und historisch nachweisbare) Urkunde von 1274 ist, folgenden Brief: 

,^Rex leo fortissimus auimaUion asino et lepori fidelihus suis gra- 
tiam snam et bouam vohoitatem. Cum omne genus ferarum et omnis 
mtdtitudo hestiarum tarn nntimm qiiavi non nutumn nostre dominacionis 
suhsistlt imjjei'io et ohediant incunctanter , sola de.cepcionis vidpecula 
contumax inveiiitnr que nostre poteucie magnitudinem non veretur eadem- 
que citata midtociens in nostra curia noluit comparere. pro cuius ex- 
cessihus sedes nostra tota est inpleta querelis et conqiierentes de ipjsa 
nidlo modo potuerunt assequi racionem. Qua propter fidelitati vestre 
predico quatemis jjeremptorie (eam) cifare curetis ut pro sihi ohjectis 
nostro se deheat conspectui presentare VII. cal. Ajjrilis. gallis et gallinis 
legitime responsura. forma citacionis die coram quihus et quicquid 
modo feceritis nohis postmodum per vestras literas studio intimatis.'-'' 

Die Quelle, welcher ich diese Darstellung des wesentlichen In- 
haltes des Reinhard entnehme , ist die summa dictaminis magistri 
Dominici Yspani (Cod. Ribl. Pragensis HI. G. 3 f. saec. XIII.), eines 
Schriftstellers, der von sich selbst sagt: ego Domiuicus Dominici 
oriundus de civitate Visentina in arte dictatoria discipndus discreti 
viri domini Joliannis Severii hone memorie quondam arcJddiaconi Cala- 
guritanensis thesaurarii Visentini, qui per spaciwn temporis et continue 
circa officium notarie cum diligencia soUicite et attenter (non enim 
similitudinarie vero pjer allegoriam nee difuse sed plane et proprie) 

quandam hrevem dictandi snmmam — per ordinem in hoc hre- 

vissimo volumine explicaho. (F. 52.) 

In der That ist auch, was Rockinger (über Forniclbücher S. 166) 
von diesem „höchst beachtungsvvcrthcn Formclwerke" sagt, daß es 
wohl verdiente, in seinem ganzen Bestände dem Drucke übergeben 
zu werden, nicht bloß „wegen seines canonistischen Inhaltes" begrün- 



110 C. HÖFLER 

dct, sondern auch weil sich in ihm Urkunden vorfinden, die die 
Beachtung des Historikers rege machen. Dazu gehört die litera 
de viorte MarcelUni episcopi, quem occldit Frldericns F. 70—73; die 
meines Wissens bisher unbekannte Citation K. Otokars vor das 
Fürstengericht durch Pfalzgraf Ludwig bei Rhein (v. 1274) F. 74; 
das Schreiben des Bamberger Capitels (aim nostra Cathedralis ecchsia in 
reparat ione indigerit de vasta h. prefiositxis ^ C. d.ecanus, F. 92^; meh- 
reres Andere, was sich auf deutsche Verhältnisse bezieht Insbeson- 
ders sind Urkunden aufgenommen, welche die Anklagen imd Recht- 
fertigungen Friedrichs II. 1245 enthalten, die Gründe, warum er der 
Citation zu dem Lyoner Coneil nicht Folge leistete, die Auseinander- 
setzung des Papstes in Betreff seines Verfahrens wider Friedrich, 
so daß unwillkürlich der Gedanke rege gemacht wird, die Citation 
Reinhards stehe in einem gewissen Zusammenhange der 
Ideen entweder mit der Citation Friedrichs vor das Coneil 
von Lyon 1245, oder Otokars IL Premysl vor das deutsche 
Fürstengericht 1274/5. Wie käme sonst auch der ernste Spanier 
von Viseu und Calahora, welcher „«cZ instittitionem quorundam novi. 
tiorum in arte dictatorla addlscere volentium et 'prodesse'"'' sein Buch 
schrieb, dazu „per cdlegorlam'-^ zu schreiben, hatte er nicht besondere 
Ereignisse im Sinne, an die er bei der Anwendung der Allegorie 
dachte ? Ich muß hinzufügen, daß die Anzahl der Briefe Friedrichs IL 
in der summa dictaminis nicht unbeträchtlich ist, und daß auf dem 
Coneil von Lyon 1245 die spanischen Bischöfe besonders Parthei gegen 
Friedrich II. genommen hatten. Da P. Innocenz IV. die Correspon- 
denz des römischen Stuhles mit dem Kaiser dem Coneil vorlegte, 
der Streit und die Verurtheilung des letzten Staufischen Kaisers die 
größten Ereignisse der Zeit waren, ist begreiflich, daß man auch in 
den einsamen Pyrenäenthälern der hierauf bezüglichen Denkmale 
habhaft zu werden suchte und werden konnte. Die Nachbildung 
vom Standpunkte der Allegorie lag, als die Zeit über die abgelaufene 
Bewegung zu reflectieren begann, nichts weniger als ferne. 

Der Umstand, daß Alfons von Castilien als Sohn einer Staufin 
so lange Zeit und so zähe an der deutschen Krone festhielt, ohne sich 
jedoch die Mühe zu geben, dem Reiche und Königthume nützlich zu Aver- 
den, mag weiter für die Verbindung Spaniens mit Deutschland zeugen. 

Aber auch dem Böhmenkönige, wider welchen so viele Kla- 
gen kamen, die Großen und die Kleinen sich verschworen, und der 
von seinem Malepartus aus sie Alle verspottete mid verachtete, konnte 



zu REINHARD FUCHS. 111 

die Allegorie sehr wohl gelten. Ich setze der Vcrgleichung wegen das 
bisher unbekannte Document der Oitation bei, das auch in anderer Be- 
ziehung sehr wohl verdient, kritisch untersucht und gewürdigt zu werden: 

Magno (wahrscheinlich statt magnißco) principi Otokaro regi Bo- 
hemie Ludovicus dei gracia jxdatinKs coones Rheni d.ux Bavariae inter 
ßscum et ejus princÄpes judex per sententmmi princi'pum imperii appro- 
hatus legum et justicie tramites revereri. Auctoritate presencium nohis 
pjer sententiam pirincipum comltum et haronum in solempni curia glorio- 
sissimi domini nostri RudoJß dei gracia regis Romanorum illustris aput 
Nuremherg solempniter celehrata communiter attrihuta vohis precipiendo 
mandamus , quatenus X cal. fehr. quem terminum magnitudini vestre 
de eorundem. principum consilio et sentejitia pro peremptorio prefighmis, 
coram nohis apud N. compareatis predicto R. Regi illustri super injuriis 
et manifestis violenciis , quas idem, rex sihi et imperio a vohis illatas 
conquei'itur , legitime respionsuri. Et sive veneritis sive non, nos nihilo- 
minus in eadem causa quatenus jtivis ordo dictaverit et principum 
sententia decreverit, procedemus. Dattmi N. in solempni curia supradicta 
anno domini MCCLXXIIII. (Cod. Prag. F. 74. 75.) 

Ebenso nahe als an Friedrich zu denken, liegt daher auch der 
Gedanke an Otokar und sein Verhältniss zu Rudolf von Habsburg. 
Die deutschen Fürsten, welche wiederholt nach dem von Bergen 
umgebenen, so manchem deutschen Heere imhcimlichen Böhmen 
zogen und dort, als sie des Reiches Wohl Otokar darlegten, schnöde 
Antwort erhielten, kluge Berechnung, aber kein Herz für Deutsch- 
lands Wohl und Ehre fanden, mochten noch zweifeln, ob hinter den 
Bergen König Löwe oder der schlaue Reineke Haus halte. Volkmar 
von Fürstenfeld ist bereits mit sich deshalb ins Reine gekommen. 

Wird man nicht unwillkiirlich an Malepartus erinnert, wenn 
man des Mönchs von Fürstenfeld Chronik über Otokar liest: rex 
Boliemiae confidens in virtute sua et sperans in multitudine diviciarum 
suarum , qui per fas et nefas multa terrarum spatia sue suhjecerat 
ditioni etc. (Böhmer, fontes I, S. 3.). Und ebenso an Rudolf von 
Habsburg, den derselbe Schriftsteller (S. 13) als ,^intre2ndtis leo'-^ 
bezeichnet, contra quem non audehant mutire, tantum oppresserat eos 
et quando volehat ad. qneque servitia perurgehat. — Videntes principtes 
ac nohiles famam ejus crescere, terror et tremor eis incutitur. (Böhmer 
Reg. Imp. 1246 — 1313, S. 55.) — Darf man sich da wundern, wenn 
man zur Allegorie griff? an Stoff dazu fehlte es wenigstens nicht. 

PRAG, 8. Jan. 1859. C. HÖFLER. 



112 I. V. ZINGERLE, INS GRAS BEISSEN. 

INS GEAS BEISSEN. 



Willielm Wackernagel schließt seine Bemerkungen über „Erde 
der Leib Christi" (Haupts Zeitschrift für d. A. 6, 288) mit der Frage 
„Sind die Redensarten 'mordre la poudre oder la poussiere' und 
'ins Gras beißen', die beide einen gewaltsamen Tod bezeichnen, auf 
diese heidnisch-christliche Sitte zurückzuführen?" — Rochholz geht 
in der Einleitung zum 2. Bande seiner Aargauer Sagen schon weiter 
und schreibt ohne Anstand: „Dem Heiden Ut die Erde aus dem 
Fleische eines göttlichen Urwesens geschaffen , der Leib Gottes , er 
aß sogar die aufgegriffenen Erdbrosamen, wenn ihm durch Kampf 
oder Mord schnelles Sterben drohte; daher stammt der Ausdruck 
die Erde küssen, ins Gras beißen, mordre la poudre, la 
poussiere." (Aarg. Sagen 2, D. XLVÜL) In Wolfs Beiträgen zur 
deutschen Mythologie 2, 396 wird auf Wackernagels Mittheilung und 
Frage Bezug genommen mit dem Zusätze: „das wäre möglich, es 
könnte aber auch auf das krampfhafte Offnen und Schließen des 
Mundes gehn, welches wir oft bei Sterbenden finden, namentlich aber 
auf dem Schlachtfeld im Todeskampf der an schweren Wunden Ver- 
scheidenden antreffen." Nach meiner Ansicht liegt dieser Bemerkung 
das Wahre zu Grunde. Die obenerwähnten Ausdrücke haben auf 
den heidnisch-christlichen Gebrauch des Mittelalters keinen Bezug, 
sondern bezeichnen das krampfhafte Erfassen der Scholle oder des 
Grases mit dem Munde , wie es bei Sterbenden auf dem Schlacht- 
felde vorkommt. Die Sache und ihre Bezeichnung finden wir schon 
bei den alten Classikern. Ich führe beispielshalber nur folgende 
Belege an : 

7io)M'4 d'äfirji' avtov Itainni 

norjvttg tv xovirjcnv oÖu^ ).a^oiaro yaiav. Ilias II, 418. 
. und häufig um ihn die Genossen, 

Vorwärts liegend im Staube, geknirscht mit den Zähnen das 

Erdreich. Voß. 
Ovo (f «jur/.7\" kxacov 

(fang odu^ t/.ov ovdng, tj/w vno öovtii öafitvTtc. Ilias XI, 749. 
. und zween Kriegsmänner um jeden 

Knirschten den Staub mit den Zähnen , von meiner Lanze 

gebändigt. Voß. 



HEINRICH DENZINGEK , KONRAD VON WÜRZBURG. 1 1 3 

tc5 X ov ro(j(7oi \4"faio) oSitS, D.ov acmtov nvÖai. 
Öv^Htvtcor vno ytoaii; fiitv (i7T0iir;rirttivT0~\ IHas XIX, 61. 
Ehe so viel Argeier den Staub mit den Zähnen geknirschet, 
Unter der Feinde Gewalt, weil ich im Zorne beharrte. Voß. 

rj X hl TToXXol 
yalav oöai t'i/.nr. Ilias XXII, IG. 

Viele fürwahr noch 
Hätten geknirscht in den Staub. Voü. 

tTTil lu'ü.a Tiollot 'yly^aiMV 
"Ey.zooog iv naXdurjfJir 6(ia^ tkov aGTnror ovöag. Ilias XXIV, 737. 

. denn sehr viel Männer Achaia's 
Sanken durch Hektors Hände, den Staub mit den Zähnen zer- 
knirschend. Voß. 
Auch bei Euripides begegnet das ^^yiaav odd^ tJ.ovzig'-'' (Phoenissae 1432). 
Ebenso war den römischen Dichtern das in die Erde beißen der 
Sterbenden nicht unbekannt, Virgil sagt: 

Procubuit moriens, et humum semel ore momordit. Aeneis XI, 118. 
und bei Ovid begegnet die Stelle : ... Tum denique tellus 
Pressa genu nostro est ; et arenas oi'c momordi. 

Metamorph. IX, 60. 
Diese Beispiele, deren Reilie sich noch bedeutend vermehren 
ließe, beantworten Wackernagels Frage zur Genüge. 

I. V. ZINGERLE. 

KOIs^EAD VON^WITEZBURG. 

EEWIDEllUNG. 
Wer den Artikel über den Geburtsort des Minnesängers Konrad 
von AVürzburg in dem Auchiv des historischen Vereins von Unter- 
franken und Aschaftenburg (1852, 2. Heft) gelesen hat, kann sich 
die Gereiztheit nicht erklären, mit welcher Plerr Professor Wacker- 
nagel im 3. Heft des 3. Jalirgangs gegenwärtiger Zeitschrift den- 
selben erwidert. Die Angriffe selbst auf die Gesinnungen eines 
Mannes , dessen Charakter in seiner Umgebung die größte Achtung 
genießt, der seinen Gegner in jeder Beziehung ehrenvoll behandelt 
hat, der zwar nicht mit Professor Wackernagel sich in der Kenntniss 
der deutschen Sprachalterthümer messen kann, noch will, aber doch 
durch seine Leistungen im Gebiete der fränkischen Geschichte sich 
ein Recht erworben hat, in diesem Streite ein Wort zu sprechen, 
machen es demselben unmöglich, eine Replik hier anzubringen, zudem 

GERMANIA IV. R 



114 HEINRICH DENZINGER, KONRAD VON WÜRZBURG. 

jeder Unbefangene docli elnselien wii-d, daß mit der Erwiderung in 
der Germania die Acten noch nielit geschlossen sind. Damit aber 
doch ein Wort von Würzburg über eine uns so nahe berührende 
Frage niclit ausbleibe, erlaubt sich der Sohn des Angegriffenen fol- 
gende kurze Bemerkungen. Herr Wackernagel weist eine nicht 
unbedeutende Anzahl von Fällen nach, in welchen Häuser, „gleich- 
viel aus welchem Anlaß" nach irgend einem Orte und wiederum 
deren Bewohner mit demselben Namen wie das Haus genannt wur- 
den. Da es nun in der Spiegelgasse zu Basel ein Haus Würzburg 
gab, so schließt er daraus, daß Konrad von Würzburg, der zu Basel 
wohnte , von diesem Hause seinen Namen hatte , niclit aber vom 
fränkischen Würzburg als Geburtsort, zudem sich urkundlich nach- 
weisen lässt, daß Konrad ein Haus in eben dieser Spiegelgasse besaß. 
Wir wünschten, daß Herr Wackernagel gerade die Art, wie Häuser 
zu solchen Namen kommen konnten , etwas näher ins Auge gefasst 
hätte; es scheint, daß er dann schwerlich eine so schlagende Evidenz 
in seinem Beweis gefunden hätte, wie er es thut. Um diese Schwäche 
der Beweisführung zu fühlen , dazu braucht man nicht Mann von 
Fach zu sein ; wohl aber hätte man von einem Manne von Fach 
erwarten sollen, daß er darüber, wie solche Häusernanien entstunden, 
mehr als das bloße „gleichviel aus welchem Anlaß" gesagt und be- 
legt hätte. Daß Häuser in Basel die Namen von anderen Städten 
erhielten, kann entweder davon herrühren, daß sie ursprünglich Her- 
bergen für die zahlreich dorthin reisenden Bewohner der fraglichen 
Orte waren, oder daß sich ein aus Würzburg, Straßbui-g, Mailand 
u. s. w. gebürtiger Mann dort niederließ und sein Geschlecht nach 
ihm dort wohnte, welches den Namen deren von Würzburg, Straß- 
burg, Mailand wegen ihrer ursprünglichen Abkunft behielt. Ein 
anderer Fall als diese beiden ist nicht leicht denkbar. In keinem 
von beiden aber hat der Bewohner seinen Namen vom Hause, son- 
dern das Plans hat seinen Namen vom Bewohner, und Herr Wacker- 
nagel hat an keinem der von ihm angeführten Beispiele das Gegen- 
theil erwiesen. Das einzige schlagende wäre das des Michael Jud 
und Jacob Jud (S. 263), die sich nach ihrem Hause de Leone 
hießen, wenn dieser Name ein Städtename wäre und wenn es sich 
nicht um Personen handelte, die angewiesen waren, sich einen Namen 
willkürlich zu suchen. Dieses vorausgesetzt, ließe sich von unserem 
Standpunkte aus das Ganze sehr leicht so erklären, daß das Haus 
Würzburg gerade von dem aus Würzburg gebürtigen Konrad und 



LITTEKATUR. 115 

seiner Familie den Namen crliielt, nicht aber umgekehrt. Ist das 
Hans Würzburg dasselbe mit demjenigen, das Konrad in der Spiegel- 
gasse bewohnte, wie Herr Wackernagel voraussetzt, und um seine 
Meinung zu halten, voraussetzen muß, so lässt sich weiter zur Stütze 
dieser Annahme bemerken, daß das Haus im Jahr 1290, drei Jahre 
nach Konrads Tod, er^t domus quondam maglsfrl Cnnradi Wirzehnrq 
hieß, und viel später 139<S als domns Wirtzhurg vorkommt (S. 257. 
259), so daß es scheint, daß der^Name sich erst nach Konrad ge- 
bildet hat^ wobei der Ausdruck quondara nicht zu übersehen ist. Wir 
sind übrigens keineswegs gewillt, hiemit eine feststehende Ansicht 
aufzustellen, sondern nur zu zeigen, wie wenig Grund da ist, die 
Sache als erledigt anzusehen und jeden Widerspruch als von vorne 
herein unmöglich hinzustellen. Professor Denzingcr beruft sich auf 
das Zeugniss eines Würzburger Schreibers, der 60 bis 70 Jahre nach 
des Dichters Tod denselben Meister Cuonrat (jehorn von Wirzehurg 
nannte. Dieses Zeugniss soll nach unserem Gegner durchaus nicht 
gültig sein, weil derselbe über den Begräbnissort des Konrad irre 
und auch einige Gedichte ihm irrig zuschreibe. Auch diese Schluß- 
folgerung ist nicht stichhaltig. Denn ein Würzbiu'ger konnte über 
den Geburtsort eines Mannes, der in Würzburg geboren war, sehr 
gut Zeugniss geben, und doch über spätere Ereignisse in dessen Leben 
nicht im Klaren gewesen sein , Avcnn derselbe Würzburg bald auf 
immer verlassen hat. 

Dieß mag vorläufig genügen , um unserem Gegner zu zeigen, 
daß auch seine Stellung in der Litteratur, die wir ihm gern zuge- 
stehen, ihn nicht berechtigte, eine Antwort voll Erbitterung und un- 
gerechter Anklagen einem ihm gegenüber höchst bescheidenen und 
zuletzt ganz harmlosen Widerspruch, in einer keineswegs entschie- 
denen Frage, entgegenzustellen. 

WÜKZBUÜG. D?. HEINRICH DENZINGER, Prof. der Tlieologie. 

LITTERATUR. 

Nibelungenlied oder Nibelungenlieder? Eine Streitschrift von Heinrieh 
Fischer. Hannover. Carl RLimpler. 1859. 149 SS. 8. (1 Thlr.) 

Bei seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit mit einer Streitschrift aufzu- 
treten scheint fast immer gewagt, und ist es gewiss, wenn sie gegen eine anerkannte 
Autorität gerichtet ist, deren Unfehlbarkeit zu verkündigen seine Schüler nicht 
müde werden. Daß der Verf. tüchtige Vorkämpfer bereits hatte, werden seine Geg- 
ner ihm hierbei kaum in Anrechnung bringen; docli ist gewiss, daß diese Männer 

8* 



11»; LITTEKA'i'UK. 

und jene Autorität selbst, deren Sciiriftcn er bekriegt, ilnn den Kampf sehr 
erleiehtert haben. Laeliniann hat in seinen Tiieorien über das Nibelungenlied 
und in ihrer praktisehen Anwendung ein so luftiges Gebäude aufgeführt, 
daß es nicht schwer fallen konnte, es über den Haufen zu blasen, da es, 
nachdem Holtzmanii den Weg seinen Scliwächen beizukommen einmal gezeigt 
und es ganz untergraben hatte, ja kaum mehr bestanden hat. Nichts desto 
weniger war die Übernahme der Mühe, die von Lachmann construierten Lie- 
der inlialtlich und formell einzeln und Strophe für Stroplie wiederholt zu 
betrachten und seinen Gründen für die Ausscheidung der vielen als unecht 
erklärten Strophen prüfend nachzugelrtjn, für Viele keine ganz überflüssige, 
und daß sich Herr F. ihr unterzogen, wird Jeder gern anerkennen, der die 
echte reine Form der schönsten unserer altdeutschen Dichtungen, soweit sie 
handschi-iftlich beglaubigt ist, der willkürlichen Umgestaltung gegenüber auf- 
recht erhalten wissen will. Die Schriften seiner Vorgänger benutzend bringt der 
Verf. zwar im Ganzen nichts Neues, denn das Ergebniss der vorliegenden Schrift, 
daß das Nibelungenlied das Werk eines Dichters sei, und die Handschrift C, 
von einzelnen Verderbnissen abgesehen, den ursi)rünglichen Text enthalte, war 
durch Holtzmanns Scharfsinn bereits festgestellt und durch die nachfolgenden Ent- 
gegnungen eher bekräftigt als in Frage gestellt worden ; allein im Detail 
seiner Untersuchung hat er, geleitet von einem richtigen Gefühl für das 
Schöne der fraglichen Dichtung im Ganzen und Einzelnen und unterstützt 
durch klares, scharfes Urtheil, die Beweisgründe für Lachmanus Willkühr 
und Inconsequenz in seiner Behandlung des Nibelungeidiedes wesentlich 
vermehrt und dem Unbefangenen klar gezeigt, wie unkritisch und un- 
wissenschaftlich nach mancher Seite hin jene Methode ist , die hier und 
dort als unantastbares Muster wissenschaftlicher Kritik hinzustellen beliebt 
wird. Daß I..achnianns Kritik über die Unechtheit verschiedener Strophen 
zumeist keine andere Basis hat als subjectives Gutdünken ; wie dieses ihn 
bald zu Inconsequenzen, bald zu weiterer Willkühr und zu ganz ungerecht- 
fertigten Gewaltthätigkeiteu gedrängt hat; ja daß die ganze Liedertheorie 
einer haltlosen vorgefassten Meinung ihr Entstehen verdankt, dieß alles ist 
zwar längst kein Geheimniss , es jedoch abermals auszusprechen bleibt 
uothwendig, so lange Einzelne sich nicht begnügen die wirklichen großen 
und bleibenden Verdienste ihres Meisters um deutsche Sprachwissenschaft zur 
verdienten Geltung zu bringen, sondern auch alle seine Irrthümer als eben 
soviele unumstoßbare Wahrheiten fortzupflanzen sich bemühen und für diese 
undankbare Arbeit Talent und Wissen nebst allem Einfluß der Stellung ein- 
setzen. Es bleibt dieß nothwendig, soll nicht in den germanistischen Stu- 
dien Kritik und eigenes Urtheil gänzlich verkümmern , der schon hier und 
dort eingetretene Stillstand freier Forschung Dauer und Umfang gewinnen 
und die ohnehin noch jugendliche Wissenschaft dem deutschen Volke mehr 
und mehr entfremdet werden. — Nebenher hat der Verf. auch 0. Vilmars 
Abhandlung: Keste der Alliteration im Nibelungenliede, durch die der Lie- 
dertheorie und der Handschrift A eine neue Stütze gegeben werden sollte, 
zu widerlegen versucht, und es ist ihm dieß in Kürze vollkommen gelungen. 
Nicht ihm beistimmen kann ich, wenn er meint, Zarncke habe in seineu Bei- 
trägen (Nr. VHI), deren Bedeutung nach mancher Seite hin nicht gering anzu- 



LITTE RATÜR. 1 1 7 

schlagen ist, überzeugend nachgewiesen, daß die Heimat des Nibelungenliedes 
in Tirol zu suchen sei. Die Sprache Tirols, von dem das schwäbische Vor- 
arlberg geschieden werden muß, war, so weit zurück wir sie verfolgen kön- 
nen, nachweislich die bairisch-österreichisclie ^fniKbirt, und es liegt in der 
Sprache des Gedichtes kein Grund vor, es nicht eben so gut einem Österreicher 
zuzuschreiben. Daß der Dichter kein Schwabe war, lässt sich aus Reimen 
bündig nachweisen. — Der in der Einleitung gegebene Über])lick über die 
liitteratur der Streitfrage dürfte manchem willkommen sein. Vermisst haben 
wir an vielen Stellen Kürze, Gedrängtheit und Übersichtlichkeit: die Kraft 
der Entgegnung Avie der Beweise leidet nicht selten hierdurch Einbuße. Die 
Verlagshaudlung hat die Schrift correct und sauber ausgestattet. F. STARK. 

Deutsche Rechtssprichwörter, gesammelt und erläutert von Dr. J. H. 

Hillebrand. Zürich. Verlag von Meyer und Zeller. 1858. XXIII 

und 247 SS. 8. (1 '/g Thir.) 
Da die Eisenhart 'sehe Sammlung deutscher Recbtsparömien , die be- 
kannteste und beste unter allen Sammlungen, die bisher veranstaltet wurden, 
dem gegenwärtigen Standpunkte der Jurisprudenz nicht mehr genügt, so hat 
der Verfasser eine neue P^rläuterung deutscher Rechtssprichwörter für kein 
überflüssiges Unternehmen erachtet und uns mit einer Gabe beschenkt, die 
den Freunden des deutschen Alterthums eben so willkommen sein wird wie 
den Rechtsgelehrten. Der Ciütur- und Sittenliistoriker findet in diesen gol- 
denen Sprüchen, gewählt aus dem reichen Schatze des deutschen Volkes, 
eine Fülle brauchbaren Stoffes und wird durch die beigegebenen Ei-klärungen 
und Anmerkungen sich wesentlich unterstützt finden. Fast eben so mannig- 
faltig wie die Verhältnisse der Menschen zu und unter einander und zu der 
sie umgebenden leblosen Welt sind auch diese Parömien, und wir können aus 
ihnen das Rechtsbewusstsein des deutsthen Volkes nach Tiefe un<l Breite in 
seiner ganzen Lebendigkeit klar und anscliaulicli kennen lernen. Das In- 
haltsverzerzeichniss, in dem die Rechtssprichwörter systematisch geordnet er- 
scheinen , und ein alphabetisches Spruchregister erleichtern die Benutzung 
dieser verdienstlichen Arbeit. F. STARK. 

Vier Dialoge von Hans Sachs, herausgegeben von Reirdiold Köhler. 
Weimar, Hermann Böhlau, 1858. VIH und 126 SS. 8. (20 Sgr.) 
Von dem meist nur als Dichter gekannten und geschätzten Hans Sachs 
werden uns unter dem oben angegebenen Titel die prosaischen Schriften des- 
selben geboten. Bei dem bedeutenden Einfluß , welchen H. S. in der Ge- 
schichte unserer neueren Litteratur gehabt, sowie bei der großen Aufmerk- 
samkeit, welche ihm seit Göthe von verschiedenen Seiten her geschenkt wird, 
muß man die vorliegende Ausgabe um so willkommener heißen , als grade 
diese Schriftdenkmäler in den verbreitetem Sammelwerken nirgends zu finden, 
sondern nur einzeln gedruckt und in großem Bibliotheken zerstreut und darum 
schwerer zu haben sind. 

Die vier Dialoge — in den Überschriften vom Verfasser einzeln bald 
'Disputation' bald 'gesprech' bald 'dialog' benannt — sind, wie der Pieraus- 
geber in seiner Einleitung S. 2 bemerkt , außer einigen Vorreden zu den 
Gedichten die einzigen Werke , welche der Nürnberger Meistersänger in un- 



118 LITTERATUR. 

gebundener Rode veröftoiitlicht Iiiit. Zwar hatte II. S. in dem Gedicht: 
'summa all meiner gedieht vom 1514. jar an biß ins 1567. jar' unter andern 
auch 'artlicher dialogos siben — ■ ungereimet, in der pros' — als von ihm 
selbst verfasst aufgezeichnet; doch mögen, nach des Herausgebers wahrschein- 
licher Annahme, wohl nur vier derselben im Druck erschienen sein. — Ihr 
Inhalt bezieht sich auf einige Lehrsätze Luthers, sowie auf den Lebeuswandel 
und die Dcnkungsweise der Lutherischen , mit steter Bezugnahme auf die 
Angriffe derer, die zur päbstlichon Kirche hielten. 

Dem Herausgebor muß man es Dank wissen , daß er den Versuch ge- 
macht hat , anch in sprachlicher Hinsicht einen diplomatisch genauen und 
getreuen Text zu überliefern. In allen vier Dialogen hat er von den ihm 
zugänglichen alten Drucken die, welche ihm die ältesten und besten zu sein 
schienen , vorzugsweise berücksichtigt und aus der Vergleichung mit andern 
Ausgaben dem Texte zu seiner ursprünglichen Gestalt zu verhelfen gesucht, 
die wiclitigern Abweichungen in den Anmerkungen beigefügt. Gleichwohl 
würde er, was namentlich die Schreibweise dos Verfassers, den schwierigsten 
und doch überaus wichtigen Punkt bei Schriftwerken aus der ßeformations- 
zeit anbelangt , vielleicht einen in mancher Beziehung gleichmäßigem und 
i'cinern Text gewonnen haben, wenn es ihm möglieh gewesen wäre, die von 
ihm selbst angeführten Drucke auf der königlichen Bibliothek in Berlin zur 
Vergleichung hinzuzuziehen. Er selbst sagt in der Einleitung S. 2 , daß er 
jedesmal „den besten der ihm zu Gebote stehenden alten Drucke zu Grunde 
„gelegt, sie aber nicht buchstäblich habe abdrucken lassen, vielmehr habe er 
„die Schreibung derselben zu berichtigen, zu regeln und zu v e r - 
„einfachen gesucht, ohne jedoch alle Eigenheiten derselben, na- 
„mentlieh solclie, die mit der Aussprache zusammenhängen, ver- 
„ wischen zu wollen." In wiefern nun der Herausgeber seiner eigenen 
Angabe zufolge eine Bericlitigung, Regelung und Vereinfaclnuig in der Schreib- 
weise erstrebt, anderntheils die mit der Aussprache zusammenhängenden Eigen- 
thümlichkeiten geschont habe, davon mögen die folgenden Zusammenstellungen 
ein näheres Zeugniss geben. 

Von den Labialen findet sich im Anlaut der einzelnen Silben ohne Un- 
terschied bald h bald p gebraucht, z. B. gebot G, 7 (gepot m A); 15, 21 ; 
16, 1; verheut G7, 15; dagegen geiiof 36, 32; 63, 24, geboten 37, 6, un- 
verpoten 62, 24 u. 26, verbieten 67, 15, piet 69, 9, verpeut 68, 19. — 
Brot 67, 27 (jjrot in B; 8, 18; 67, 27); dagegen j^rot 47, 29. — Beßer 
65, 2; 68, 25, beßerung 70, 16; dagegen peßer 62, 33, peßert 62, 24, 
lieste 8, 25. — Bald 21, 4; dagegen pald 20, 4; 26, 6. — Blut 21, 10; 
2, 27; dagegen plüt 30, 21; 44, 1. — Geburt 23, 26, widergebnrt 9, 22; 
dagegen gepUrt 73, 3 mz decet; 36, 5; 7, 8, geporn 40, 22. — Bauen 
52, 22; dagegen sonst pauen 38, 5, pauet 29, 21, nachpaur 66, 1, peiirin 
33, 10. — Gebrauchen 54, 3, braucht 52, 17, misbrauch 49, 35; dagegen 
geprauchen 38, 3, prauch 31, 4, prauchen 64, 1. — Verhrent 26, 17, 
brantmal 16, 12; sonst immer verprent 11, 27, prennen 22, 26, prinnenden 
35, 9, ich prenne 65, 17. — Bleibe 58, 7, bleibt 52, 14; dagegen pleiben 
67, 6; 40, 15, pleibet 39, 26. — Bracht 53, 10 und wieder precht 32, 29. 
— Unwandelbar 69, 26; dagegen unj'trafpar 4, 10, srheinparlich 54, 15. — 



LITTERATUR. 119 

Ebenso wird im Auslaut eiiizeluei" Silben geschrieben gelobt 39, 2G, k/imht 
56, 25; 58, 23; ein ander Mal wieder yelo2)t 35, 18, hnnjjf 60, 11 und 14; 
34, 17 ; 28, 4. — Es zimbt 7, 21 ; dagegen es zimjpt 7, 1 ; 5, 8 und 12. 

Ein ähnliches Schwanken bemerkt man bei den Dentalen rücksichtlich 
des Gebrauchs von d und f, und zwar zunächst im Anlaut, z. B. driegerei 
69, 28; 69, 8, dneglichen 71, 3, hedrieglich 37, 15, hedrög 60, 4 ; dagegen 
betriegen 30, 20; 45, 13 und 18, betrengt 40, 34; 47, 28, wo bedreugf in 
A, betrogen 57, 4. — - Drenken 17, 2, eingedrenkt 48, 2, drinkest 62, 33; 
dagegen trinken 63, 18. — Dreten 40, 18, drit 30 10; dagegen treten 
10, 16; 58, 6. — Dreihet 7 4, 30, verdreibt 68, 19, driben 40, 4; dage- 
gen treiben 19, 12; 49, 8. — Tickten, erficht in den ersten Dialogen; da- 
gegen in den spätem meist gediclden rr: fictum, 58, 4; 7 4, 25, erdichte 
71, 4. — Dregst 74, 23, zf(dreglich 63. 8; dagegen träglicher 5, 4, anfra- 
gen etc. — Mit // geschrieben findet sich mütfer 40, 20; 7 2, 14; aber 
nn'iter 53, 8; — nntnrftig 55, 1, außerdem immer notfurft ; Tollen 2, 18 ; 
dagegen dollen 23, 28. — 

In Bezug auf andere Mitlaute merke ich noch an den schwankenden 
Gebrauch von v und /, so z. B. vervolgen 68, 12, verfolgt 20, 22; 22, 12, 
vnlgt 20, 15; dagegen verfolgen 71, 12, folgt 63, 21, folgen 66, 8. Ebenso 
meistentheils fallen, fall z. B. 60, 5; dagegen er viel 45, 7; 67, 20. Dann 
larvenwerk 16, 26 neben larfenwerk 17, 13. Endlich frevel 64, 8 neben 
freflii'h 23, 20. Ein Schwanken herrscht auch in der Wahl von g und ch; 
so heißt es nägsten 17, 9; 18, 25, und dann wieder in derselben Bedeu- 
tung nechsten 47, 30; 48, 29; 50, 8 ; 59, 7 und nächsten 65, 9 u. 11; 
67, 29; im Allgemeinen liebt H. Sachs ch für h, wie in den Nachträgen 
S. 119 näher ausgeführt worden ist, wesshalb er auch immer sechf sagt, nur 
28, 5 steht dafür seht, zweimal findet sich hungrich 31, 20 ; 41, 25, da- 
gegen hungngen 17, 2. Endlich beachte man noch elend 13, 20; 54, 16 
und daneben eilend 41, 20. 

Fasst man nun die Zeichen ins Auge, welche zur Bezeichnung der einfachen 
wie der zusammengesetzten Vokale verwendet sind, so begegnet man einer noch 
auffallenderen Regellosigkeit. Es ist nicht gut denkbar, daß durch dieses 
an Verworrenheit grenzende Schwanken die Sprachcigenthümlichkeit des Nürn- 
bergers sich bekundet habe. Vor allem bemerke man den auffallenden Wech- 
sel zwischen u, ü, ü innerhalb ein und desselben Wortes und seiner näch- 
sten Verwandten, so z. B. zutreten 10, 10, außzüziehen 10, 18, zu entfliehen 
18, 21, ziisamen 30, 4, sie gen zu 17, 11, zttschnitten r= zerschnitten, 34, 
5; dagegen zugeschickt 11, 24, zu verdienen 18, 20, zusam 19, 20. — Hu- 
ren 39, 12, härerei 57, 33; dagegen hirerei 13, 5, huren 16, 9. — Su- 
chen 42, 10, er und ich such 62, 27; 63, 7 ; dagegen sticht zz: quaerite, 15 
4, heimsuchen 17, 3, sucht z^ quaerit, 49, 2, heimsuch ich 51, 2, Versu- 
chung 53, 14; 59, 18, durchsucht 5, 16. — Gute 16, 24; 16, 30 u. 28, 
gut 13, 8, guts 15, 9; dagegen guter icerk 31, 27; 32 11, giife iv. 32, 31, 
gutern 29, 8; 30, 1, ist gfit 30, 19. — Genug 15, 16; 6, 3; genugsam 
24, 19; dagegen gnüg 3, 27; 47 32, genüge 29, 8, gnuge 30, 1. — Auf- 
rar 57, 33; 24, 3; dagegen anrnren 28, 26; 29, 23. — Widerrufen 24, 
13, berufen 7, 13 u. 26; dagegen beruft 7, 10, beruf 7, 24, anrnf 47,27, 



120 LITTERATUK. 

bernfeii 28, 3, ruf 24, 30. — Nur 24, 14; 4, 4; dagegen m'r 53, 5 n. 
vur 44, 21. — Abnusen 28, 2; 30, 8 neben almtisen 55, 81 u. 35. — 
Füret 34, 23; dagegen /ur< 36, 23 und 22, verfieren 58, 16 (verfuren 
in Bj. — Lügner 13, 16; 4, 13 und lllgenhaftiy 56, 17; dagegen lügenhaf- 
fig 35, 29, Ingener 35, 28, rZer Zu^fi?? 65, 35, belüg 66, 3. — Kutten 38, 
10; 39, 9; dagegen /fitWc.ji 36, 27. — Ferner mwyJ =: debet, 7, 24; 3, 26, 
muß icir 13, 13, sie, loir miißen 11, 8; 12, 3, ir mußt 12, 18, mnst es 

13, 27, sie musten 24, 22 und 24; dagegen wieder es miß 33, 8 und 19, 
lüir mißen 32, 33; 34, 9 und 10; sie imßen 20, II; 30, 20, ir mußt 7, 
19, sie musten 32, 20. — Endlich noch tun :zr facerc, 13, 29; 16, 32, 
sie tun 12, 18, tut 16, 32; 6, 2; 10, 11, antun 8, 13 ; dafür an anderen 
Orten tfni z=i facere, 34, 1 ; 38, 19, icir tüns 37, 7, tut 27, 10, tiint 30, 25. 
Und wiUircnd es sonst immer durstig lautet, steht dagegen 58, 24 durstig. 

Über Verwendung von o, 6, ö, e merke man Folgendes : ir u-elt rr: vul- 
tis 12, 16; 13, 8; 16, 31, sie wellen :=z volunt 24, 17; 40, 18; ander- 
wärts lauten dieselben Tenipusformen : ir ivölt 36, 20, ?rä* v;öllen 22, 3; 
38, 10; aber auch ir icolt 8, 26; 12, 29, sie u-ollen 25, 19. — Außer- 
wölt 58, 3 (außerweit in B), selherwolt 33 , 23 ; dagegen seine außwelte 58, 
21, erwelt 7, 20, den encelten 52, 21. — Fast immer hören, hörstu; 
dagegen horstu 13, 31. — In Betreff von e und ä: neben den Formen er 
wer, ir weret, sie weren (n: esset essetis essen t) findet sich es icär 24, 26 ; 
neben klerer 63, 19, klerlich 49, 27 begegnet man klarer 13, 27, erklären 

14, 5; sowie schwerlich 53, 29 neben schwärlich 30, 29: 29, 9; und 
schmehen 3, 16 neben schmähen 70, 29. Dicß wird hinreichen, um ein Bild 
von der Orthographie zu geben. — 

In den Anmerkungen zu diesen 4 Dialogen hat der Ilerau-sgeber mit an- 
erkennenswerthem Fleiß und Scharfsinn seine sachlichen wie sprachlichen Er- 
klärungen niedergelegt. Fleißig gesammelt findet nnin Stellen z. B. über das 
Sjjrichwort: zeit bringt rosen, über linder dem hlletlein spiln, über seckeldarius 
und ähnliche Verdrehungen (sieh besonders die Epistolae Virorum Obsc), 
über popitzen, über helküechlein u. s. w; eine neue Erklärung ist gegeben von 
dem Worte kramanzen. — Nur wenige Stellen sind dem Schreiber dieses 
aufgefallen, in denen er die vom Herausgeber gebotene Erklilvung beanstanden 
oder durch anderweitige Belegstellen erhärten und stützen zu müßen glaubte. 
In der Anmerkung zu der Redensart fart schon (2, 14) wäre nocli das 
Vorkommen derselben im Mhd. zu erwähnen gewesen, sieh Bencke -Müller, 
Wörterb. 3, 244 ^ und Pass. K. 204, 49. und 588, 90. — 
8, 6; was get ruch aber not an] Der Erklärer findet es eigen, daß hier und 
in einer anderen Stelle H. Sachs not, nöte hat, während sonst bei Luther 
(sieh Grimm, Wörterb. S. 340, nicht aber 346) in der nämlichen Rede- 
weise not steht. Das Auff'allende schwindet aber, sobald man nur in nöte not den 
Genitivus erkennt, abhängig von dem substantivischen icas, wovon J. Grimm in 
seiner Gramm. 4, 451 und 883 hinlängliche Belege gegeben hat und bei H. 
Sachs sich ein Beispiel 71, 9 (sieh die Anmerk. dazu) findet. Der Plural iioete 
ei'scheint übrigens z. B. im Trist. 50, 36 ed. Mafsmann, wo noete (und Dativ 
noeten 50, 3; von Kindesnöten gesagt ist. Der hier berührten Redeweise ent- 
sprechend sagt man noch im Xhd. : „wenn Noth an den Mann geht." 



LITTER ATUE. 121 

8, 8- — 10: derhalb sein vir pfticlüig icider in (den Teufel) und sein reich zfi fech- 
ten mit dem >i:o}i gottes und auch also daroh zh wagen seinen leib und sein güt\ 
über das auffallende seinen wird S. 84 bemerkt: „H. Sachs sei aus der Con- 
struction gefallen, denn er mußte (?) schreiben rmsern leib."' Aber andere 
Beispiele ans gleichzeitigen und älteren Schriftstellern beweisen, daß zu dieser 
Annahme keine Nöthigung vorhanden ist. Recht gut lässt ?>\c\\ seinen leih verthei- 
digen durch ein hinzugedachtes ieder (wie z. B. 55, 17), worauf seinen leib zu 
beziehen wäre. Übcrdieß finden sich schon bei Thomasin von Zirclaria in sei- 
nem Wälschen Gast nicht wenige Beispiele, in welchen das possessive 
sin einen allgemeinern dem lateinischen suus und proprius entsprechenden 
Sinn angenommen hat ; über diesen freien Gebrauch ist besonders nachzu- 
sehn Gramm. 4, 341 und Rückert zu Thomasin 38, S. 506 — 507 und 
Fromm, zu Herbort 2202. Andere Belege werden sich vielleicht noch aus 
Lutliers Schriften nachweisen lassen, in denen dieses Fürwort einen gleich 
allgemeinen Sinn enthält wie in dem bekannten : zu seiner zeit (Psalm 
104, 27; 145, 15); noch jetzt sagt man „ich werde seiner Zeit dar- 
über berichten." Ferner wird man vielleicht hiernach die Stelle S. 24, 
1 2 zu erklären haben : verzeiten het der heilig vater der haxjst und die bi- 
schof solchen als der Luther iind ander mer die auf sein geigen prerf?(/e?i 
das predigamt avfgehebt nach hint des geistlichen recliten und zu 
widerüfen benötigt. Die Erklärung dazu „auf seine Art predigen" gii'bt 
den Sinn der Redensart an sich richtig an, passt aber nur dann in den 
Zusammenhang des ganzen Satzes, wenn man übersetzt „von denen j e- 
der auf seine Weise predigt." Beiläufig bemerkt sei noch, daß auch das 
im Mhd. übliche ungeschlechtliche Fürwort sin, hier sein, sich S. 54 gebraucht 
findet: ico das herz — — sein zfwersicht in got und nit in die guter 
setzt, — — 7ut gciziglich darnach strebt, sundcr bereit ist sie zu Uißen, 
wemn got ivil, und sich sein chriftlichen braucht gen den armen etc. ; hier 
ist sein doch oftcnbar mit Beziehung auf sie und die guter gesetzt. 

9, 26 : ich empfind keines heiligen geist in, mir, ich und ir sein nit darzu 
geadelt] Der Zusammenhang in dieser Stelle nötliigt noch keineswegs das 
Wort geadelf in dem ganz allgemeinen Sinne von „geartet sein" zu fas- 
sen, eben so wenig als in der vom Herausgeber beigebrachten Stelle, 
wenngleich adel allgemein r:r Gattung, Race im Mhd. sich gebraucht fin- 
det. Für adelen hieß es bekamitlich im Mhd. edelen, wovon dem ndul. 
Wörterbuch noch hinzuzufügen ist das intransitiv gebrauchte hin edelen 
nach einem, bei Wolfr. Willeb. 342, 25 ed. Lachm. : 

Ehmereiz, din hoher muot, daz wirt an prisc diu gewin, 

swederhalp der edelt hin, nach dtnem vater oder nach mir; 

und von adal, edel z=z Gattung, Baumart findet sieh noch eine unvermerkte 
Stelle im Dyocletian 968 ed. Keller. 

10, 18: grobe worte außziehen] Zu außziehen, das in dieser Anwendung nach 
des Herausgebers Bemerkung in Grimms Wörterb. fehlt, vergleiche noch 
Passional 688, 6 ed. Köpke: mit süfzen sie diu wort uz zöch und sprach 
vil lieblichen do ; zu der Bedeutung „hervorholen, auskramen" ist auch 
Helmbrecht 1051 ed. Haupt nachzusehen. 



122 LITTERATUR. 

15, 12: ich geschweig daß man iezuni vil neuer gebot und fünd erdenken] Der 
Herausgeher vermutet, ecrfewtc??, für erdenket sei Druckfehler. Im Mhfl. fin- 
den sich von diesem collektivisch gebraucliten man mit PI uralis Beispiele 
im mlul. Wörtcrb. 2, 32^ (vgl. Wackernagel Glossar 372''); zu vergleichen ist 
auch der Plural nach icevig (18, 21) und nach mei-ifeil (56, 4; bei H. Sachs. 

17, 20: get zum ofen und wermbt euch] Zu dieser Redensart hat der Heraus- 
geber noch eine andere Stelle aus H. Sachs verglichen, aber ohne sie zu 
erklären. Wahrscheinlich sollte damit gesagt werden: „ihr habt abge- 
schmacktes Zeug geredet, seid ein frostiger Spaßmacher;'"' nur eine weitere 
Ausführung von dem was man im Lateinischen mit 'inepte et frigide lo- 
queris, frigidus es' bezeichnen würde ; und darauf lassen noch die gleich fol- 
genden Worte an unserer Stelle schließen: leret euch TAither solch danffäding? 

25, 5: du must im etlich capitel nachsuchen, ob er gleich hah zugesagt, auf 
daß ich in in der schrift fahen möchf] Diese Worte sind, wie es in den 
Anmerkungen mit Recht heißt, nicht recht klar. Ob in er gleich ein alter 
Fehler steckt? Mir fiel dabei ein das von Frommann zu üerbort 4596 
besprochene ir gelich zz unusquisque eorum, ir iegelich, iegelich. Vielleicht 
ließe sich an unserer Stelle hiernach eine Verbesserung wagen, so daß 
man den Sinn erhielte : Du mußt ihm einige Capitel in der Bibel, die er 
mir angezeigt hat, nachsuchen (und zusehen), ob auch jedes derselben zu 
seiner Aussage gestimmt hat, damit ich u. s. w. 

29, 2: der erst fifch der aufer fnrf] Das auffallende intransitiv gebrauchte 
füren an dieser Stelle wie 38, 12 (so fnrt er dann als ein voller gen 
himel) statt des üblichen farn, varn ist vielleicht dadurch zu erklären, daß 
man fueren früher auch gebrauchte im Sinne von „einen fahren," z, B. 
Pass. K. 60, 9: er liez sich vüren einen uxtgen (coli. Morolt II, 287) und 
ähnlich Nibel. 1487, 3; 1544, 2 ed. Lachm. 
Zu dem 46, 1 1 besprochenen Ubersatz, übersetzen ist zu vergleichen J.Tit. 5888, 

4 ed. Hahn. — Über das Zeitwort müfioillen, wovon zu 56, 16 gehandelt wird, ver- 
gleiche Heinr. v. Meißen S. 214 ed. Ettmüller. — 59, 22: uns der Ter sehenden] 
ebenso mit dem Genitiv gebraucht steht siner hilfe geschant sin in Mai und 
Beafl. 123, 17. — Von der Präposition an (äne) (zu 62, 17) mit dem Da- 
tiv giebt aus älteren Schriftstellern Belege Rückert zu Thomasin 1183 (wo 
jedoch das Citat aus Diemcr nicht zutrifft). — Wie in der Anmerk. zu 71, 

5 findet sich unbesint z=. „unsinnig" auch ' Boner XCIX, 67 ed. PfeifF. und 
J. Tit. 3567, 2 ed. Hahn; ebenda be.sinnet 1847, 4 und Boner 62, 54. 
— Gerade so wie 71, 33: sie haben des ivortes nit gev-ont steht in dieser 
Zeitschrift 3, 360, 4. Zeile von unten; cfr. Diemer 52, 7 und Djoclet. 
247 2. — iK'r zu 75, 24 (der könt dich recht aufneffeln) herangezogene 
Schmeller 2, 714 weist die Zusammensetzung a?//??es<e/n nicht auf ; im eigent- 
lichen Sinne gebraucht findet sich dieß Wort in dem Gedichte Mauritius und 
Beamunt bei v. d. Hagen, Germania 9, 119: ein harte guoten lendenier den 
bant er umbe die huf und neffelte dran die hosen nf; die Stelle fehlt im mhd. 
Wörterb. 2, 330 ''. — Hierzu kommen noch einige Stellen, die, obwohl sie 
einer eingehenden Erklärung oder wenigstens einer Nachweisung durch an- 
derweitiges Vorkommen bedurften, vom Herausgeber unberücksichtigt gelassen 
sind. So die Redensart: da hat ir einmal eins erraten 19, 21 und 22, 28; 



LITTER ATUR. 123 

— auf S. 22, 16: euch ist, v:ie Christus sagt, Luc. vij, vergleicht den kln- 
dern, die am markt sitzen; hiev bedurfte der auffallende Ausdruck einer Er- 
läuterung; ebenso 17, 18: da loerdt ir mi'mch und pf äffen heften wie die 
Tiinklerin, die ließ die orcn am pranger; unerövtert ist auch geblieben der 
Ausdruck: einem den Icolhen auf den fcliild legen 73, 25, wie das absolut 
stehende verdienen 35, 10. Der Grammatiker vermisst namentlich näheren 
Nachweis über gewisse Beugungsweisen, wie z. B. S. 6, 17: sam sei es von 
euch priestern und münch geredt, oder S. 28, 16: an gemelten capitel ; inglei- 
chen eine Zusammenstellung der bei H. Sachs gebrauchten Formen des Zeit- 
wortes in der 2. Person Pluralis des Präsens Präteritum und Imperativus, 
z. B. treihen in 19, 12, wizzen ir nit 30, 31, ir verlangen 41, 6, ir heßern 
45, 9, ir hahen 74, 23, ir hörten 34, 18, ir erkenten 41, 20, ir täten 75, 
7, verfechten m defendite, 22, 7. — Über die unerklärt gelassene Stelle 
(12, 7): so euch ein hand cnzwci wer, ir u-ürdt pald sant Wolf gang anrufen 

— welche Worte nicht ohne Absicht dem Chorherrn in den Mund gelegt 
scheinen, — ist zu vergleichen was J. Grimm. Myth. 1189 — 1190 vom 
St. Wolfgang erwähnt. — Die sprichwörtliche Redensart S, 26, 17 : ich wil 
mich nun wol vor in hntrv, verprenfs kind furcht feur — steht schon in der 
Urstende 103, 23 (ed. Hahn): ich furchte als ein verhrantez kint. Über die 
Phrase : mit einem für recht kumen (zzz vor Gericht) konnte auf SchmcUcr 
3 , 22 verwiesen werden. — Bei dem seltenen Wort hartselig (41, 20) 
war Graff 6, 180 (coli. Schmeller 3, 224j zu erwähnen; auf derselben 
Seite steht ein anderes nicht oft gebrachtes Adjektiv, geschmack, darüber sieh 
Graff 6, 825, Sclunell. 3, 462; Servat. 625; Krone (bei Wolfj 1596; Ulr. 
V. Licht. 568, 13; Haupt, Ztschr. 2, 86 (1456); Pass. ed. Hahn, 234, 36; 
388, 56; Pass. ed. K. 401, 79. — Die bildliche Ausdrucksweise S. 52, 13: 
nach des cdten tod das gut verschwindt wie der reif vom zäun — erinnert 
an eine ähnliche im J. Titurel 1928, 4 ed. Hahn: cm alt gevaterschaft znr- 
qienc alsam in heizer sunne rifei). 

ZEITZ FEDOR BECK. 

Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen. Von Fr. Schönwerth. Augsburg. 
Ki.'gersche Üuchliandlnng. 1857 u. 58. I. H. Theil. ~ (3 Thlr.) 
Zu den besten Sammelwerken deutscher Sitte und Sage gehört unstrei- 
tig vorliegendes Buch. Es enthält nicht nur einen erstaunlichen Reichthum 
von Sagen , Volksmeinungen, und Volksgebräuehen , die theilweise auch 
anderswo vorkommen, sondern bietet dazwischen auch noch mythische Über- 
reste aus dem grauesten Aiterthume, die den Kenner der Edda und der 
deutschen Mythologie wahrhaft überraschen. Ich verweise in dieser Beziehung 
nur beispielshalber auf die Sage vom Herrscherpaar Woud und Freid, in 
der Schönwerth mit Recht die eddische Mythe von Odhr, Freya und dem 
Halsbande Brisingamen wieder erkennt (Band 1, 313 — 14). Namentlich ist 
durch des Sammlers Bemühen der Sagenkreis von den Zwergen sehr berei- 
chert worden und über dieß schwierige Kapitel der deutschen Mythologie, 
das vor wenigen Jahren noch J. W. Wolf beinahe trostlos machte, dürfte 
dadurch neues Licht kommen. Ganz treffend ist dazu Schönwerths Bemer- 
kung: „Die Riesen sind verschwunden aus den germanischen Ländern, die 



124 LITTER ATUR. 

Zwerge sind geblieben. Von diesen geht daher ein reicher Strom der Sage" 
(2, 29). Um den Reichthum des Werkes ersichtlich zu machen, genüge hier 
eine kurze Inhaltsanzeige. Der erste Band berichtet nach einer sehr beleh- 
renden Einleitung über Braut und Liebeszauber, die Mutter und ihr Kind, 
den Tod und die armen Seelen, die Hausthiere, Truden und Hexen, über 
Feldfrüchte und Bilmosschneider ; der zweite Band enthält die Abschnitte: 
Licht und Feuer, Luft, Wasser und Erde. Daß in diesen Band die zahl- 
losen Sagen von Elementargeistern fallen, braucht nicht erst bemerkt zu wer- 
den. Die Darstellung zeichnet sich durch Wärme und liebevolle Hingabe an 
die alten Traditionen aus, Vorzüge, die dem Werke auch außer den Fach- 
männern viele Leser gewinnen werden. Die" Breite, die sieh einige Male be- 
merkbar macht, muß man der begeisterten Liebe des Verfassers für seine 
Hcimatli und sein Volk zu gute halten. Was überdieß das Werk empfiehlt, 
ja theuer macht — ist der echt deutsche körnige Charakter, der aus jeder 
Zeile spricht und für das gute und rechte Alte entschieden eintritt. — 
Schließlich müßen wir zwei Wünsche aussprechen. Fürs erste können wir 
Übergelmngen wie 1, 207 nicht billigen. Es köinien manche Nachtstücke 
der früheren Zeit nur aus den Volksüberlieferungcn der Gegenwart erklärt 
werden. Die offene und freie Mittheilung dieser ist um so wünsclienswer- 
ther, je seltener man dieser Arcana, die im Finstern sich forterben, habhaft 
werden kann. Möchte Herr Schönwerth das auf besagter Seite Verschwiegene 
in der Zeitschrift für deutsche MytJiologie nachträglich mittheiien. Der zweite 
Wunsch betrifft eine vollständige, genaue Inhaltsanzeigc, die den Gebrauch 
des Buches ungemein erleichtern wird. I V. ZINGERLE. 



Die Nibelungenstrophe und ihr Ursprung. Beitrag zur deutschen Metrik 
von K. Simrock. Bonn, E. Weber. 1858. 12°. VF u. 102 SS. 

Hauptzweck des Schriftchens ist, die epische Langzeile, wie sie in den 
Nibelungen auftritt, aus der alliterierenden Langzeile von acht Hebungen ab- 
zuleiten. Die Schwiei'igkeit dieses Beweises, die der Verfasser auch vollständig 
erkannt liat, liegt in dem Mangel an Denkmälern deutscher Volkspoesie vom 
!(. bis 12. Jahrhundert. Naclulem (§. 1) die Ansicht vom Ursprünge der 
Nibclungenzeile aus dem französischen Alexandriner, die hauptsächlich durch 
AVackrrnagel und Lachmann vertreten wird, besprochen ist, wendet sich Sim- 
rock zu dem schon von anderen (Uhland, J. Grimm, Holtzmaun) aufgestellten 
Zusammenhange zwischen der allitericirenden Langzeile von acht Hebungen 
und dem Verse der Nibelungen. Hier begegnen wir einer früheren Ansicht 
des Verfassers wieder, daß nämlich nicht nur die achte Halbzeile der Nibe- 
lungenstrophe , sondern auch jede zweite , vierte und sechste Halbzeile vier 
Hebungen hat , indem Simrock die fehlende Hebung durch die am Schlüsse 
des Verses nothwendige Pause ergänzt. So viel Wahrscheinlichkeit diese 
Behaujitung auch durch den Vergleich mit dem musikalischen Vortrage des 
Volksliedes, das Simrock herbeizieht, gewinnt, so hat sie doch vom Stand- 
punkte der Metrik aus ihre große Schwierigkeit. Auch ist die Nothwendig- 
keit dieser Erklärung mir nicht einleuchtend. Das Befremden (S. 3), das die 
ungleiche Länge der Halbverse dem Verfasser erweckt, wird durch den von 
Holtzmann und mir anderwärts bemerkten Zug zur Verlängerung am Ende 



lh'J'ekatuk. 1 25 

aufgehoben, so wie der Verlust einer Hebung in den drei ersten Langzeilen 
durch das schon in der Alliterationspoesie begründete Verkürzen der zweiten 
Vershälfte seine Erklärung findet. Das größere Gewicht, das schon der ur- 
sprünglich verwandte indische Sloka der ersten Vershälfte gibt, führte leicht 
zu einer Verkürzung der zweiten. Der dritte Paragraph (S. 7 — 9) handelt 
von den Bezeichnungen 'stumpf und 'klingend' , deren bisherigen Gebrauch 
Simrock tadelt, wie mir scheint, mit Unrecht, denn das Nachklingen der 
zweiten Silbe nach langem Wurzelvocal kann doch wohl durch 'klingend' 
recht gut bezeichnet werden. In dem Tageliede Dietmars von Eist (S. 9) 
will Simrock der zweiten Zeile nur vier Hebungen zuerkennen und somit dem 
klingenden Reime nur eine Hebung nach späterer lyrischer und auch epischer 
Art zuweisen : aber er bedenkt nicht, daß auch die vierte Strophenzeile (vgl. 
MF. 39, 18) fünf Hebungen hat. Somit steht der Annahme, daß hier der 
klingende Eeim zwei Hebungen zählt, nichts entgegen, was zu der alterthüm- 
lichen Gestalt, in der Haupt das Gediclit wiederhergestellt hat, recht gut 
stimmt. Dem vierten Paragraph stimme ich ganz bei : auch meine Ansicht 
war es von je, daß sowohl die erste Hälfte der Nibelungeuzeile, als die klin- 
gend ausgehenden Verse der höfischen Epik vier Hebungen zählen. Aber 
wenn S. 11. Simrock liest tvie liehe, mit leide 
und S. 1 3. und warte ir liebes, 

so hat er ein Grundgesetz der deutschen Betoiunig und Metrik nicht ver- 
standen. — Daß in der Lyrik der Gebrauch klingender ßeime für eine 
Hebung von den Romanen entlehnt sei (S. 22), nehme ich mit Wackeruagel 
gegen den Verfasser an und habe es in dieser Zeitschrift in meinem Aufsatze 
'über den Strophenbau' ausgeführt. Das Vorkommen dieses Gebrauches in 
der höfischen Epik hindert nicht; auch dort ist es Einfluß der Franzosen, 
da die romanische Kurzzeile bei klingendem Reime neun Silben zählt. Im 
Übrigen stimme ich Simrocks Beweisführung ganz Ijei , auch in dem Zusam- 
menfassen der vier Strophen Heinrichs von Veldeke (S. 14) und der Ansicht 
(S. 15) über das Wechseln klingender luid stumpfer Reime bei Kaiser Hein- 
rich (MF. 5, IG). Aber in Göfhes 'Gefunden' (S. 16) würde ich nimmer- 
mehr wie Simrock lesen ; denn welcher Metriker Avürde einen Vers zugeben 

und nichts zii suchen, 
mit vier Hebungen! Dessen ist sich Göthe allerdings wohl nicht 'bewusst' 
gewesen ! — §.5 handelt von dem Vorkommen von vier Hebungen im zweiten 
Halbvers der ersten und zweiten Langzeilc. Daß sie vorkommen, kann trotz- 
dem daß Lachmann sie in seiner Ausgabe verwischt hat, nicht geleugnet 
werden, und Holtzmann hat dieselbe Behauptung schon aufgestellt und den 
Nachweis geführt, was Siinrook gar nicht zu wissen scheint. Aber der Ver- 
fasser ist zu freigebig mit seiner Annahme und schadet durch Hineinziehen 
unsicherer und falscher Beispiele seiner Behauptung: denn ir muoter Voten, 
baz der guoten (S. 28), mitten maeren (S. 30), die zieren deßene, ruochen loolde, 
mit minem Schilde, al der degene, uz einem gademe (S. 30) Mten zesdmene (S. 31) 
mit vier Hebungen zu lesen , scheint mir ein Kunststück. Übrigens ist der 
Nachweis gegen Lachmann in den meisten Fällen gelungen. Die Nothwen- 
digkeit der Lachmannschen Änderungen ergab sich aus seiner Ansicht von 
dem Bau des epischeu Verses. Die Belege aus Kürubergs Strophen (§. G, 



126 LITTEKATUR. 

S. 31 — 37j bat Iloltzmaun (Untcrsuchuugen S. 65. 74) und ich (Germania 2, 
258. 259j schon lierboigczogcn , freilich nicht .so viele, als Simrock, weil 
auch hier wie im vorigen Paragraphen wieder viele unnütze Stellen gehäuft 
sind. S. 32 min ras min iseiujeioant, meint Sinn-ock, könne nicht ohne Zwang 
mit drei Hebungen gelesen werden: die liesscrung isengwanf. , die ich (Ger- 
mania 2, 258) vorgeschlagen und die auch MF. 9, 30 hat, ist dem Ver- 
fasser also gar nicht eingefallen. S. 33 an einer zinne, vil wol singen, schöne 
vliegen, niwet wecken, ritter edele tragen alle nur drei Hebungen; dagegen 
alrot guldin (S. 33) recht gut mit vier Hebungen gelesen werden kann, wo 
Simrock nur drei annimmt. Die Herleitung des überschlagenden Reimes aus 
dem Mittelreime in der epischen Langzeile (S. 34) statt der bisherigen um- 
gekehrten Annahme hat mich nicht überzeugt. Auch die Vorschläge in des 
gehazze vier Hebungen herauszubringen (S. 35), befriedigen nicht. Vier He- 
bungen in zweiter Vershälfte bei stumpfem Reime, wovon §. 7 (S. 37 — 41) 
handelt, begegnen seltener: aus dem einfachen Grunde, weil eine oder zwei 
Silben im Verse leichter zu entfernen waren , als ein klingender Schlußreim. 
Auch hier ist der Beweis gegen Laehmanns Änderungen, um die vier He- 
bungen zu entfernen, gelungen ; aber auch hier finden wir dieselbe Mischung 
treffender und schlechter Belege, z. B. ddz ich dehiinen häz (S. 37), nu lange 
miniu ditic. — 

§. 8 (S. 42. 43) behandelt die Frage, warum in der dritten Langzeile 
nicht auch vier Hebungen bei der zweiten Vershälfte vorkommen. Einen 
innen) Grund für dieses Nichtvorkommen sehe ich nicht ab, weil ich die 
Dreitheilung der epischen Strophe, ihre Zerlegung in Stollen und Abgesang, 
nicht anerkennen kann (Germania 2, 284). Auch weiß ich in der That ein 
Beispiel anzuführen, in welchem die dritte Langzeile acht Hebungen hat, das 
schon vorhin erwähnte (Simrock S. 33) Kürnbergs (MF. 9, 9). 

und toas im sin gevidere alrot giddin. 

Andere Beispiele ergibt der Text der Nibelungen nach C und auch 
nach A. — 

§. 9 (S. 43 — 51) betrachtet die schon in der Alliterationspoesie vor- 
kommenden Kürzungen der zweiten Hälfte der Langzeile um eine Hebung, 
die Simrock wie bei der Nibelungcnstrophe durch Annahme einer Pause er- 
klärt luid ergänzt. Allein noch weniger als bei dem Nibolungenverse ist diese 
Erklärungsweise bei der alliterierenden Langzeile zulässig. Die eigenthüm- 
liche Verkettung der Langzeilen, die in der Alliterationspoesie üblich ist 
(vgl. Germania 2, 257 fg.) und die zweite Hälfte mit der ersten Hälfte 
der folgenden Langzeile durch den Sinn verbindet, gestattet ein Ausruhen am 
Schlüsse nicht , eher eine im Sinne begründete kleine Pause in der Cäsur. 
Altnordische und angelsächsische Beispiele hieherzuziehen hätte der Verfasser 
lieber unterlassen sollen, denn wer sagt ihm, daß sola fegra (S. 46) sinni 
viäno (S. 44) und angelsächsisch manna cynnes (S. 46) mit vier Hebungen 
zu lesen sind? 

Eine zweite Art der Kürzungen findet, wie Simrock bemerkt (S. 49), 
in der ersten Hälft(i der Langzeile statt, indem zwischen der dritten und 
vierten Hebung die Senkung schon in der alliterierenden Poesie gern ausge- 



LITTEUATUK 127 

lassen wird. Mit Keclit macht Siiiirook liier auf die erste Halbzeile des Nibe- 
luugenverses aufmerksam, in welclicr wir derselben Erscheinung begegnen. 

§. 10 (S. 51 — 62) handelt vom Reim und der Allitcration hauptsäch- 
lich bei Otfrid. Den Zusammenhang zwischen Otfrids Strophe und dem la- 
teinischen Hymnus, den Wackernagel und ich (Germania 2, 257) behaupten, 
leugnet Simrock: aber sein Grund ist nicht stichhaltig. Otfrid konnte recht 
wohl in Zahl der Verse eine fremde Strophe nachahmen, aber in der Be- 
handlung der metrischen Gesetze blieb er eben so deutsch, als im zwölften 
und dreizehnten Jahrhundert die Lyriker die romanische Strophenformen 
nachbildeten, ohne damit das Grundgesetz deutscher Metrik aufzugeben und 
ohne die Silbenzählung anzunehmen. Den Hauptinhalt des Abschnittes 
bildet der Nachweis, daß bei Otfrid die Alliteration keineswegs untergegan- 
gen sei. Einiges davon wird man zugeben, aber der Verfasser geht auch 
hier viel zu weit in Hinzuziehung seiner Belege. Ein großer Theil der von 
ihm augeführten Allitcrationen ist rein zufällig, manche verstoßen sogar gegen 
das Gesetz der Alliteration überliaupt: so, wenn S. 56 ioh alliteriereii soll, 
oder wenn Simrock S. 61 es auffallend findet, daß die Lautverbindungen 
sk sp st bei Otfrid nicht gleichgestellt sind. Jene von ihm angeführten Bei- 
spiele sind aber keine alliterierenden Verse : auch daß iv mit Vocalen alli- 
terieren soll (S. 62), ist nicht zuzugeben. 

§. 11 (62- — 69) Ursprung des deutschen Reimes. Simrock sucht den 
innigen Zusammenhang des otfridischen Reimes mit der Alliteration nachzu- 
weisen ; im ganzen glücklich. Aber was er von der Verschiedenheit des 
deutschen und mittellateinischen Reimes sagt (S. G2) ist irrig: am lateini- 
schen Reime zeigen sich ganz dieselben Erscheinungen wie an dem deut- 
schen, und nicht aus der deutschen , sondern aus der lateinischen Kirchen- 
poesie hat Otfrid seinen Reim entlehnt. 

§. 12 (69 — 73j handelt von dem stumpfen Einschnitt nach der dritten 
Hebung des Nibelungenverses. Entweder muß man, um diese im Nibelungen- 
liede (nach Lachmainis Ausgabe) öfter begegnende Erscheinung zu erklären, 
zu einer wirklichen Kürzung der ersten Vershälfte um eine Hebung schrei- 
ten , oder eine unorganische Verlängerung des kurzen Stammvokales anneh- 
men. Ich entscheide mich für letztere Annahme, da der Fall nicht bei ein- 
silbigen Worten begegnet, wie got u. s. w., sondern nur bei zweisilbigen mit 
kurzer Stammsilbe, sehen boten komcn u. s. w. Wäre eine- Kürzung um eine 
Hebung anzunehmen, so wären auch Vershälften wie des gehazze got (vgl. 
Germania 2, 259) denkbar, die aber nie begegnen. Auch in dem Abschnitt 
von der Spielmannspoesie (§. 13, S. 7 3 — 78) stimme ich im Wesentlichen 
mit Simrock überein, nur nicht darin, daß die fünfzeilige Strophe (oder besser 
die vierzeilige, indem nach jenem schon erwähnten Grundzuge zur Verlänge- 
rung am Schlüsse die letzte Zeile verdoppelt wird, vgl. Germania 2, 285) keine 
Form der Spielmannspoesie sei (S. 75). 

Für die Stropheneintheilung des Nibelungenliedes und den Zusammen- 
hang derselben mit der alliterierenden Poesie macht §. 14 (S. 78 — 83) mit 
Recht geltend, daß auch die nordischen Eddenlieder schon eine Zusammen- 
fassung von vier Langzeilcn in eine Strophe kennen, was ich (Germania 
2, 258) auch schon bemerkt habe. 



128 J.IT'lEJiA'I'lJK. 

Noch aber bleibt eine schwierige Frage zu erledigen : wie und wann 
kam es, daß Langzeile mit Langzeile, nicht Hälfte mit Hälfte durch den 
Reim gebunden wurde? Mit dieser Frage beschäftigen sich die beiden letzten 
Paragraphe (S. 83 — 102). Aus deutschen Quellen ist zur Lösung dieser 
Frage nicht viel zu gewinnen, weil es vom 9. bis zum 12. Jahrhundert an 
beweisenden üenkmälern fehlt. Die von J. Grimm (lat. Gedichte des 10. und 
11. Jahrh. S. LX) aufgestellte Theorie hält Sinirock (S. 84) nicht für be- 
friedigend und will eine Verlegung des Heimes aus der Cäsur nach dem 
Ende nicht zugeben. Für J. Grimms Ansicht habe ich mich (Germania 2, 
258) auch erklärt und beharre bei ihr. Ja ich finde in einem Satze Sim- 
rocks eine neue Stütze derselben. Wenn er die Bemerkung macht, die erste 
Hälfte der Langzeile zeige die Eigenthümlichkcit, zwischen der dritten und 
vierten Hebung die Senkung auszulassen, so ergibt sich von selbst, daß bei 
zunehmender Schwächung der Flexionsvocale diese vierte Hebung nicht mehr ge- 
eignet war mit der achten Hebung zu reimen, daß demnach der Reim außerhalb 
der Langzeile gesucht werden mußte. Simrock sucht aber andere Analogieen. 
Die mittellateinische Dichtung gewährt, wie er selbst sagt, keine genügende (S. 
83 — 86), Dagegen findet er was er sucht in dem romanischen epischen 
Verse (S. 86 — 100), den er aus der deutschen Langzcilc herleitet und in 
dem allerdings je zwei Langzeilen durch den Reim gebunden werden. Über 
diese Frage enthalte ich mich hier meines Urtheils, weil ich sie zum Gegen-* 
Stande einer speciellen Untersuchung in nächster Zeit zu machen gedenke, 
kann aber schon jetzt nicht umhin, dem Scharfsinne Simrocks meine Aner- 
kennung auszusprechen. 

Die deutsche Wissenschaft muß dem Verfasser dankbar sein für die 
eingehende mühevolle Untersuchung, die er bis auf einen gewissen Punkt 
zum Abschluß gebracht hat. Simrock ist in Sachen der Nibelungen Anhän- 
ger Lachmanns und bekennt sich zu dessen Liedertheorie, aber nicht so sehr, 
daß er nicht, wo ruhige Überlegung ihn leitet, in einigen Punkten von sei- 
nem Lehrer (S. 6) abwiche. Würdiger des Meisters und der Wissenschaft 
scheint es mir ihm nachzuforschen und ihn zu ergänzen, als ohne Weiteres 
an die Untrüglichkeit seines und menschlichen Forscheus zu glauben. 

Der sorgfältigen Untersuchung gegenüber nimmt sich der uncorrecte 
Druck schlecht genug aus und passt nicht zu dem sauberen Gewände des 
Büchleins. Ich will hier nur einige seiner sinnentstellenden Fehler anmer- 
ken. S. 3, Z. 3 von unten lies: den vierten Vers. S. 30, Z. 20 1. degene. 
31, 10 churißich. 33, 16 vrouioe. 47, 6 von unten: vor. 48, von unten: 
Halbzeile. 55, 8 tvaz wan. 55, ] von unten: ihrer entrathen. 58, 9 scä. 64, 
2: zwei. 67 1 von unten icertun. 73, 3: Langzeile. 79, 13 von unten: die 
Strophe. 85, 13 von unten: die in die Cäsur gelegten Reime. 93, 22: der 
dritten Strophe. 100, 2 von unten: Langzeile. In der That genug Fehler 
für ein so kleines Buch, die geringeren Druckversehen abgerechnet. 

ROSTOCK, Februar 1859. KARL BARTSCH. 



Wien. Buchdruclcerei vuu Ki-icdr. Man;: 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIWA3IEN. 

VON 

WILHELM WACKERNAGEL. 



Ursprünglich giebt es zwischen Appellativen und Eigennamen 
keinen Unterschied. Die Sprache hat sich um letztere zu bilden 
nirgend besondre eng und bloß persoenliche Begriffe vorbehalten : sie 
verwendet dazu stsets Worte von appellativer, ja meistens von ganz 
unpersoen lieber Bedeutung und verleiht denselben nun erst die per- 
scenliche. Z. B. in den althochd. Männernamen Warmunt und Alhrät, 
angelsächs. Alfred, den Weibernamen SigiUnd und Grimhüt hat der 
zweite imd für den Begriff des Ganzen hauptsächliche Bestandtheil 
der Zusammensetzung hier einen concreten , dort sogar einen abs- 
tracten , keinmal aber einen auch nur allgemein persoenlichen Sinn: 
munt ist s. v. a. Hand, rat, ags. rM unser Rath, sinnlicher Hilfe, 
lind ein Drache, hilfja der Kampf; nicht viel anders der erste Theil, 
der ohnedieß, auch wenn er überall persoenlich wa?re, doch über das 
Ganze nicht entscheiden würde : aber wart ist Vertheidigung, Schutz, 
sigti oder sigi Sieg , grima ein Helm , und nur alb oder älf ist ein 
perscenliches, aber ein appellatives, ein Gattungswort, unser Elfe: 
also Warmunt Wehrhand, Alfred Elfenhilfe, SigiUnd Siegdrache, 
Grimhilt Helmkampf; erst nachdem diese Worte einzelnen Personen 
als Eigennamen beigelegt sind , erscheint Alfred als ein Mann , den 
die Elfen unterstützen, und Grvmhilt als eine Kämpferinn im Helme. 

Umgekehrt, von der anderen Seite her, verfließen wiederum 
auch die sachlichsten Appellativa insofern mit den Namen der Per- 
sonen, als wenigstens diejenigen Benennungen lebloser Dinge, welche 
Masculina oder Feminina sind, auf den Grund einer persoenlichen 
Auffassung derselben fußen : denn nur für diese hat es einen Sinn 

OEFMANIA IV. n 



130 WILHELM WACKERNAGEL 

die Geschlechter 7ai unterscheiden ; einer persoen liehen , nicht über- 
haupt einer bloß animalisch belebenden : Thiere pflegt auch das 
Deutsche mit Epicoenis zu benennen. Wenn wir, um nur Einen 
Beleg und ganz aus der Alltagssprache unserer Zeit zu bringen, 
Gersethe mit den Worten Fächer, Reiber, Heber u. dgl. belegen, 
Worten , die ganz so gebildet sind wie die persoeulichen Schacher, 
Schreiber, Reber d. h. Rebmann, so geschieht das nur, weil wir, 
bewusst oder unbewusst, uns eben auch den Fächer u. s. f. in per- 
soenlicher Weise thaitig, als einen Arbeiter und Diener denken : Zu- 
sammensetzungen mit Knecht, wie Bratknecht, Raitknecht, Schüssel- 
knecht (Schmeller 2, 370) stellen das noch viel augenfälliger heraus. 

Indessen, sobald einmal eine Sprache gelernt hat die allgemei- 
nen und unpersoenlichen Appellativa zugleich als persoenliche Einzel- 
namen abzugrenzen , alsobald befestigen sich auch mannigfache 
Unterschiede zwischen den beiden ursprünglich nicht getrennten 
Wortarten, und Appellativa und Nomina propria nehmen in der 
Grammatik gesonderte Stellen ein, syntactisch wie der Bildung und 
der Biegung nach: imperativische Zusammensetzungen wie Thudichum, 
Bleibimhaus, Hebdenstreit, Hasseiijpflug sind im Deutschen zuerst nur 
so als Beinamen einzelner Personen gebraucht, die Eigennamen sind 
hier von je her anders als die übrigen Substantiva decliniert worden, 
und ebenso alt ist die Regel, daß man ihnen im Satzbau keinen 
Artikel gebe. 

Nichts desto weniger geht, auch nachdem schon die Eigennamen 
etwas besonderes geworden sind, hin und her zwischen ihnen und 
den Appellativen eine beständige Berührung und Umtauschung fort, 
auf Grund jener ihrer ursprünglichen Zusammengehcerigkeit. 

Einmal, es werden einzelne Dinge so lebhaft und leibhaft per- 
sonificiert, daß man ihnen Namen wie sonst nur Menschen beilegt, 
Personennamen, die frisch und eigens für sie gebildet oder auch 
(dieß jedoch erst spseter und dann zum Schaden der rechten Per- 
sonificierung) von den Menschen her auf sie übertragen werden. So, 
wenn nach der nordischen Thidhriks Saga (Cp. 19 u. 20) der Held 
Heimi ein Schwert Namens Blodhgdng d. i. Blutgang, der im Blute 
wandelnde, wenn in mehr als einer Stadt ein hoher Wartthurm den 
Namen Luginsland führt: Wortbildungen gleich den menschlichen 
Namen und Beinamen Hruodgang, Irreganc, Springinsfeld; oder wenn 
(Murners Koenig aus Engelland, Scheible S. 979) ein Straßburger 
Geschütz das Ketterlin von Einsen hieß. 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 131 

Sodann, Eigennamen, Avelche schon vorhanden und üblich und 
durch besonders häufige Üblichkeit schon halb appellativ geworden 
sind, treten ganz in die letztere Auffassung hinüber und werden zu 
appellativen Gattungsworten, für Menschen und auch für Dinge. 
Michel ist nicht bloß einer, der wirklich Michael heißt, sondern nun 
auch jeder gut oder dumm einfältige, mit Treegheit oder Eigensinn 
irgend worauf versessene , geistig oder leiblich unbeholfene Mensch. 
Den sprichwörtlichen Deutschen Michel haben schon Philander von 
Sittewald (Straßb. 1666. 1, 35. 123) und der Siraplicissimus (Stuttg. 
1854. 2, 1047 fgg.) , der Erziehungsroman Spitzbart (Leipz. 1779. 
S. 105) dem gegenüber einen Lateinischen Michel, den Vetter Michel 
auch ein Lied Goethes, die gemeine Sprache hie und da einen Dreck- 
michel, einen Säumichel, in Niederdeutschland einen Schnobbemichel 
d. h. Schnaufmichel, Schlafmichel, in der Schweiz auch als Bezeich- 
nung eines dicken Kindes einfach Michel, und der Uhrautomat auf 
dem Perlachthurme zu Augsburg wird der Thurn-Michele , eine Art 
bairischen Backwerkes Kuchel-Michel d. h. Küchen-Michel genannt 
(Schmeller 2, 554). 

Jenes erstere Verfahren, wo man den Dingen Eigennamen gleich 
den menschlichen giebt, ist das ältere und ist auch wesentlich alter- 
thümlicher : es steht noch nneher bei der Alles personificierenden Art 
der frühesten Sprachschöpfung; es ist dichterischer, wie alle Dich- 
tung des Mittelalters ein Zug nach Personification beherrscht und 
da nicht bloß die auch uns geläufige Verweiblichung abstracter Be- 
griffe, z. B. im Welschen Gast 10081 der Ausdruck ,^zorn ist niftel 
der trunkenheit" und ebenso im Narrenschiff Cp. 53 nyd als weib- 
liches Wort behandelt vorkommt, sondern wie auch, und das noch 
viel öfter, uns jedoch befremdlich, vor concrete und abstracto Ding- 
worte die Titel Herr und Frau gesetzt werden (J. Grimms Gramm. 
3, 346. 356 fg. Mythol. 845 fgg.): Frau Ehre, Frau Minne, Frau 
Scelde, Frau Welt, in Liedern des Volkes Frau Nachtigall, beim Kegel- 
spiele Frau Kugel, beim Trinken Herr Kopf d. i. Becher (Blchards 
Frankf Arch. 3 , 259) , in einem Minneliede Hei^r Anger, anderswo 
Herr Hahn (v. d. Hagens Minnesinger 2, 195^), Herr Hirsch, Herr 
Falke (ebd. 388^), in einem Spruche Walthoi-s v. d. Vogelweide 
Herr Stock, na?mlich Almosenstock; es hat endlich etwas Episches, 
Heroisches, Mythologisches: in der Edda trsegt jedes Thier, jedes 
auch leblose Ding, das in den Mythus gebeert, seinen Eigennamen 
(man lese z. B. das Grimnis mal), und die Thiersage neunt den 

9* 



132 WILHELM WACKERNAGEL 

Wolf, den Fuchs, den Bseren nicht so appellativ Wolf und Fuchs 
lind Beer, sie nennt dieselben, wie auch Menschen heißen konnten, 
Isengrht,, Reinhart, Brün. Dagegen die Ausdehnung alliiblicher Eigen- 
namen auf ganze Gattungen von Menschen und Dingen, des Michel 
z. B. auf alle Deutschen und alle Schlsefcr und sogar eine Art von 
Backwerk, wie diese erst durch eine allinailiche Abnutzung, durch 
ein Abblassen und Verschwimmen der perscenlich festgestalteten Be- 
griffe moeglich geworden, ist sie auch das viel jüngere, ist nach- 
mittelalterlich , ist modern , ist überall auch nur Sache des Spottes 
und des Scherzes, während z. B. selbst jener personificierte Herr 
Stock in einem so ernst und streng gehaltenen Gedichte steht, daß 
der alte Gleim seine Übersetzung desselben mit getrostem Miss- 
verstand überschreiben konnte „An Herrn Stock, psebstlichen Legaten 
in Deutschland". 

Es stehen jedoch diese beiden Verfahrungsarten nicht mit so 
gänzlich schroffer Trennung neben und nach einander da: es giebt 
noch eine dritte, die in Beschaffenheit und zeitlicher Ordnung den 
Übergang von der einen zu der andern bildet. In diese gehoeren 
diejenigen Fälle, wo persoenliche Namen, gleichviel ob sie sonst auch 
üblich oder nur den üblichen nachgebildet seien, mit Bewusstsein 
ihres eigentlichen Sinnes auf Menschen oder auf sachliche, zumal 
aber auf abstraete Begriffe angewendet werden um dieselben Wort- 
spiels- und anspielungsweise characteristisch zu bezeichnen. Den 
Gedanken z. B. , daß , wer mit Geräusch auftrete und reich sei und 
geben könne, mehr Ansehens genieße als der Edle, oder abstracter, 
daß Pralerei, Reichthum und Freigebigkeit den Vorrang vor dem 
Adel haben, drückt nun Hugo von Trimberg im Renner 1600 fg. 
so aus: ,^Klinchart, Richart und Gehehart sint werder vil denn ^cZeZ- 
hart.'-^ Namenbildungen solcher Art sind eine unterscheidende Eigenheit 
der lehrhaften und satirischen Poesie und Prosa in den letzten Jahrhun- 
derten des Mittelalters; die neuere Zeit braucht deren nur noch seltener, 
wie etwa, wenn der Wind und ein Räuschlein scherzweise Blasius 
oder Blasi genannt werden (Abrahams a S. Gl. Judas, Passauer 
Ausg. 4, 101; Schmeller 1, 238; Schmid Schwseb. Wb. S. 72). An 
die ältere Personiiicicriing der Dinge rühren dieselben dadurch, daß 
eben auch hier und mit Sach- und Sprachbcwusstsein eine Personi- 
hcieriing Statt zu finden pflegt: aber es ist meist ein absti'acter Be- 
griff, der davon getroffen wird, und das Wortspiel und die Anspielung 
öffnen den Weg in die appellative Allgemeinheit. Jeder Neidische 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 133 

heißt ein Neidhart, und nach Miminc, ursprünglich nur dem Schwerte 
Wittigs, hat zuletzt jedes Schwert, das man rühmen oder von dem 
man auch nur sprechen wollte, so geheißen. 

Sollen diese drei in Ursprung und Sinn so verschiedenen Arten 
uneigentlich gebrauchter Eigennamen dennoch unter eine und die- 
selbe Bezeichnung zusammengefasst werden, so dürfte man vielleicht 
am schicklichsten Appellativname sagen: ein Ausdruck, der zu- 
gleich auf die Verwendung der Nomina propria für Appellativbegriffe 
und auf deren Verflachung in Appellativworte gienge. Oder wsere 
gerade diese schillernde Mehrdeutigkeit gegen den Ausdruck einzu- 
wenden ? 

Indem ich endlich jetzt zu einer nceheren Erörterung der deut- 
schen Appellativnamen und somit dahin gelange, das bisher nur 
eingeleitete und umrissene auch im Einzelnen auszuführen , glaube 
ich es gleich im Beginn als eine mir bewusste und nicht ohne 
Widerstreben geflissentliche Absicht und Rücksicht aussprechen zu 
sollen , daß ich , so lockend und oft auch vortheilhaft sich die ver- 
gleichende Hereinziehung außerdeutscher Beispiele anbieten mag, 
mich dennoch alles dessen enthalten werde ;, was über den Bereich 
deutscher Sprache und Sitte hinausgeht : ohne solch eine Beschrän- 
kung möchte es schwierig sein^ die so schon übergroße Masse des 
Stoffes zu bewältigen und den Leser durch eine noch länger sich 
dahin erstreckende Gleichartigkeit nicht noch mehr zu ermüden ; mit 
solcher Beschränkung scheint immerhin der Rahmen aufgestellt, in 
welchen nun Jeder nach Belieben bald diese, bald jene Parallele 
von außen her nachtragen mag. Das Deutsche aber, das jedesfalls 
die groeßte Menge und Mannigfaltigkeit hieher bezüglicher Beispiele 
gewsehrt, ist dadurch am geeignetsten auch für die Betrachtung des 
Gegenstandes überhaupt die Grundlage herzugeben. 

I. 

Wir besprechen zunsechst die erste, älteste, alterthümlichste 
Classe der Appellativnamen, diejenigen Fälle, wo Gegenstände nicht 
menschlicher Art dennoch mit Namen nach Art der menschlichen 
belegt und diese doch nicht damit zu bloß appellativen Worten 
herabgesetzt werden. Es handelt sich hier um die Eigennamen für 
Waffen und Haustliiere und dergleichen andere Dinge, die dem Be- 
sitzer vertraulich nah gleich einem Familiengliede stehn, denen etwa 
eine dsemonische Beseelung und somit in der That eine Persoenlichkeit^ 



134 WILHELM WACKERNAGEL 

eine göttliche sogar, inne zu wohnen scheint, die vielleicht auch wie 
Schwert und Helm und Panzer ein so seltener und kostbarer Besitz sind, 
daß sie nicht mehr in den gewohnten Bereich der appellativen Gat- 
tungsbegriffe fallen : denn unter den Waffen zeigen sich nur Schwert, 
Panzer und Helm mit Eigennamen, Speer und Schild dagegen nicht '). 
Das sind Anlässe und setzt Zustände voraus , die ganz in solcher 
Gestaltung und Wirksamkeit nur die früheste, die germanische Zeit 
gekannt hat, nur die Zeit noch, aus welcher Tacitus von den Tenc- 
terern berichtet „hi lusus infantiura, hsec juvenum aemulatio ; perse- 
verant senes. inter familiam et penates et jura successionum equi 
traduntur : excipit filius, non ut cetera maxiraus natu, sed prout ferox 
hello et melior" (Germ. 32) und von den Germanen überhaupt, daß 
wohl jeder Krieger mit Speer und Schild bewaffnet sei, mit Schwert, 
Panzer und Helm jedoch nur wenige (Cp. 6) , und Ammianus Mar- 
cellinus von den Quaden „eductis mucronibus, quos pro numinibus 
colunt, juravere se permansuros in fide" (17, 12; vgl. J. Grimms 
Mythol. S. 185) ^). In solcher und nur in solch einer Zeit lag es 
denn auch mit vollster Natürlichkeit, ich möchte sagen mit Noth- 
wendigkeit nahe, dem Rosse, dem Schwert^ dem Helm, dem Panzer 
seinen Eigennamen zu geben und einen Namen, der etwas bedeutete. 
Wie aber der Schwur auf das Schwert noch in den spsetern christ- 
lichen Jahrhunderten fortgedauert hat (J. Grimms Rechtsalterth. S. 166. 
896), und wie von den Personennamen, die aus den Benennungen 
von Waffen und von wilden Thieren schon der kriegs- und jagd- 
freudige Sinn des Germanen gebildet, mancher sogar noch heut be- 
steht, so hat auch die Sitte Rosse und Waffen eigens und bedeutsam 
zu benennen sich noch weit in das Mittelalter hinab vererbt, wo 
doch schon jeder edle Krieger seinen Helm und sein Schwert führte 
und jeder Ritter sein Ross ; ja die wirklich belegenden Zeugnisse 
gehoeien, was die Abfassung in Wort und Schrift angeht, sämmtlich 
erst dem Verlaufe des Mittelalters. Dabei ist jedoch nicht zu über- 
sehen, die meisten darunter und die eigentlich charactervollen sind 



') Vereinzeltes Gegenbeispiel Skrepping, in einem dsenischen Heldenliede der 
Name von Wittigs Schild: W. Grimm, deutsche Heldensage S. 308. 

*) Ein Zeugniss, das noch schwerer woege , muß gleichwohl bei Seite bleiben, 
weil es nicht den Sachverhalt selber, sondern nur eine Taciteische Auslegung gewaehrt, 
die Stelle der Germania Cp. 18 „ — boves et frenatum equum et seutum cum framea 
gladioque. in hsec niunera uxor accipitur, atque invicem ipsa armorum aliquid viro 
afifert. hoc maximum vinculum, baec arcana sacra, hos conjugales deos arbitrautur". 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 135 

Zeugnisse aus jener Heldensage, deren Ursprung über das Mittelalter 
zurückreicht, nicht aus dem Leben des Mittelalters selbst und der 
erst in ihm entsprungenen Dichtung. Zwar in dem Rolandsliede des 
Pfaffen Konrad (117, 13 (gg-) tr?egt Venerant, der Helm des Helden, 
als Inschrift einige Worte, die er selbst persoenlich genug in erster 
Person spricht: „Elliu werltwäfen, di müzen mich maget läzen ; wilt 
du mich gewinnen, du fürest scaden hinnen" (bei der Helminschrift 
im Orendel 1243 geschieht nur der Buchstaben, nicht der Worte 
Erwsehnung); in demselben Gedichte 169, 20 fgg. 237, 3 fgg. und 
in der Klage 847 fgg. werden Schwerter Menschen gleich angeredet, im 
Wigalois 168, 9 fgg. angeredet und gekttsst, wiederum im Rolandsliede 
272, 16. 278. 8 (vgl. S. 343) gilt der Name des Schwertes Preciosa wie 
etwa sonst ein Heiligenname auch als Feldgeschrei, und wenn noch 
ein Sprichwort des 13. Jhd. auf eine Weise, die hier mit einschiffigt, 
den getreuen Freund und das erprobte Schwert verbindet: „gewissen 
vriunt, versuochtiu swert sol man ze ncEten sehen" (Walther 31, 2; 
vgl. Freidank 95, 18 u. v. d. Hageus Minnes. 3, 14 a), so moegen 
auch die bis in eben dieß Jahrhundert beliebten Schwertinschriften 
gelegentlich mehr als bloß den Namen des Gebers oder Eigenthümers 
(auf einem Basrelief im Kreuzgange des Zürcher Großmünsters ein 
Schwert mit der Inschrift Gvido) und auch Worte von andrem Inhalt 
als jene auf dem Schwert Herrn Konrads von Winterstetten (Haupts 
Zeitschr. 1, 194), sie moegen ebenso wohl persoenliche Rede gegeben 
haben, wie dort die Inschrift des Helmes Venerant; die Runen auf 
dem Schwertgriff im Beowulf 3381 fgg. enthielten zugleich mythische 
Erzeehlung und den Namen dessen, für den die Waffe zuerst war 
gefertigt worden. Wie tief aber doch auf diesem Gebiete die eigene 
frische Namenschöpfung des Mittelalters sich allmselich abgeschwächt, 
das zeigen, die überhaupt jetzt waltende Armuth an neuen Beispielen 
ungerechnet, am besten die Namen, welche mau im 14. und 15. Jhd. 
dem Rosse des Meers, dem Schiff, beilegen mochte, so ganz un- 
heldenhafte wie z. B. Kuli und Gans. Auch eine frühere Zeit, wie 
sie Menschen nach den edleren Thieren benannte, hatte ebenso 
Thiernamen auf Ross und Schiff übertragen : aber es war doch etwas 
anderes, wenn das Pferd Walthers von Aquitanien (Waltharius 327) 
und ebenso Hildebrands LcBice hieß (Dietrichs Drachenkämpfe Str. 108. 
185), Dieterichs und Wolfdietrichs Falke (W. Grimms Heldens. 
S. 195. 208. 243; 236) und das Schiff Olaf Tryggvasons Schlange 
oder Drache, altnordisch Orm (dessen Saga Cp. 211). Die neueste 



136 WILHELM WACKERNAGEL 

Zeit nun gar pflegt auf die Thiere des Hauses Personennamen von 
solcher Ublichkeit anzuwenden und wechselt dabei so wenig mit 
verschiedenen ab, daß hier die Nomina propria sich fast gänzlich in 
den appellativen Sinn verlieren : wenn Hof für Hof alle Stuten Lise 
und Haus für Haus alle Canarienvoegel Männi d. i. Emanuel heißen, 
so ist zuletzt zwischen Lise und Stute, zwischen Männi und Canarien- 
vogel kaum noch ein Unterschied. 

Genauer aufgezsehlt, sind die Gegenstände, für die sich Appella- 
tivnamen dieser ersten Art in Gebrauch zeigen, Schwerter, Helme, 
Panzer, Hörner, Ringe, Rosse, Hunde, andre gezsehmte und an das 
Haus gewoehnte Thiere, Schiffe, Geschütze, Thürme und Glocken. 

A. Schwerter persoenlich und in männlicher Weise persoenlich 
aufzufassen war durch das männliche Geschlecht der ältesten Ap- 
pellativausdrücke, der gothischen Worte hairus und mekeis , nahe 
gelegt ; ja im Grunde beruhte schon eben dieß Geschlecht auf solch 
einer Auffassung. Den Glauben dnemonischer Beseelung versinnlicht 
die in den Sagen des Nordens öfter wiederkehrende Angabe , daß 
in Griff und Spitze ausgezeichneter Schwerter Wurm und Natter 
wohnen (Mythol. S. 652) ; dem sich anschließend, erzsehlt die christ- 
liche Dichtung von darein gelegten kostbaren Reliquien (Rolandsl. 
239, 3 fgg.). Die vielen und mannigfachen Benennungen, die für 
das Schwert die altnordische Dichtersprache besitzt, Appellativa ver- 
mischt mit Eigennamen, verzeichnet ein Gedicht der jüngeren Edda 
(Reykjavik 1848, S. 1146 — 1156), und theilweise erörtert dieselben 
Jac. Grimms Grammatik (3, 440 — 442) ; der gemeindeutschen Helden- 
sage , mit Einschluß auch der engeren Sage von den Hegelingen, 
gehoeren folgende Namen zu. 
Adelring, in den dsenischen Liedern das Schwert Siegfrieds: W. 

Grimms Heldens. S. 307. Nach Snorra Edda S. 115 a Avar schon 

das einfache liringr ein Wort für Schwert; vgl. weiterhin Nacjel- 

rinc. 
Balrimnc , in der deutschen Dichtung Siegfrieds Schwert: jüngere 

Entstellungen des Namens s. in W. Grimms Rosengarten S. V. 

Ich habe bereits anderswo (Haupts Zeitschr. 9, 541) Herleitung 

von bcdma Felswand, Felshcehle vermuthet. 
Bitterfer , in Hornchilde und Riraenild (Heldens. S. 278) ein von 

Wieland geschmiedetes Schwert und das Gegenstück zu Miming, 

sonst nirgend erwaihnt; fer s. v. a. engl, fair, angels. fäger schoen. 
Blödhgdng, das Schwert Heimis, s. oben S. 130. 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 137 

Brinnig, nach Alphart Str. 3ö0 Schwert Hildebrands. Aus Brinninc 
entstellt? Benennungen des Schwertes, die demselben einen bild- 
lichen Bezug auf das Feuer geben , s. in J. Grimms Gr. 3, 441. 

Ddinsleif , in der eddischen Erzsehlung der Hegelingensage (Snorra 
Edda S. 89) das Schwert Hognis. Der Name erinnert an das 
hochd. totleibe, das Heergewaste, dessen symbolisches Hauptstück 
das Schwert des Verstorbenen ist: Rechtsalterth, S. 569. Haupts 
Zeitschr. 2, 543. 

Eckesalis, auch bloß ßahs und daz alte Sahs genannt (Heldens. S. 58), 
zuletzt im Besitze Dietrichs von Bern. 

Freise , nach Siegenot und Dietrichs Drachenkämpfen (Heldens. 
S. 267. 274) das Schwert Hildebrands. 

Gleste f Schwert Eckehards von Breisach , nur in Alpharts Tod 
Str. 380. 

Gram, der altnordische Name von Siegfrieds Schwerte: so in den 
Prosazusätzen zu den Sigurdsliedern und in der Völsunga Saga ; 
auch von dem Verfasser der Thidhriks Saga gebraucht, Cp. 167. 
190. 219. 222. 

Hornbil oder Hornbil , Schwert Biterolfs 12261, d. i. ein Schwert 
oder Beil, das die Hornschuppen des Panzers zerhaut. 

Hrotti, von Sigurd in dem Schatze Fafnis gefunden und mit daraus 
entführt : erscheint so als Eigenname nur in dem prosaischen 
Schlußzusatze zu Fafnis mal, sonst ein Appellativum. 

Lagulf d. h. Stechwolf, wiederum ein Schwert des alten Hildebrand: 
Thidhriks Saga Cp. 389. 

Mvminc, in der Thidhriks Saga Mimüng , im dsenischen Heldenliede 
(Heldens. S. 308) 3Iimring, auf deutsch auch in Meynung, Menung 
und sonst entstellt und zugleich mit Balmung verwechselt (Heldens. 
S. 245. 320. Roseng. S. V), das Schwert Wittigs. 

Nagelrinc, Schwert Heimes: ein aus Ngegeln zusammengeschmiedetes? 
vgl. oben Adelring. Beowulfs Schwert heißt Z. 5354 patronymisch 
gebildet Nägliug. 

Rose, das Schwert Ortnits, dann seines Erben Wolfdieterich, durch 
Namenverwechselung auch auf Dietrich von Bern übertragen : 
Heldens. S. 227. 234. 250. 

Schit, ein zweites ScliAvert Biterolfs 123: das schlangenartig glei- 
tende (Schmeller 3, 519) oder dem lat. Gradivus zu vergleichen. 

Waske oder Wasche d. h. Baske, im Biterolf 12285 Schwert Walthers 
von Spanien, im Nibelungenliede 1988, 4 Irings. Endlich 



138 WILHELM WACKERNAGEL 

Welsunc, zuerst wiederum Biterolfs, dann seines Sohnes Dietleib 
Schwert: Heldens. S. 16. 148. 280. Ein Wort mit dem Manns- 
und Gcschlechtsnamen althochd. WeUsunc, altnord. Völsüng, angels. 
Villsing, über welchen J. Grimm in Haupts Zeitschr. 1, 3 zu ver- 
gleichen. 

Nicht ohne Beflissenheit werden im Biterolf 12291 fgg. sieben 
dieser Schwerter, Hornbil, Welsunc, das alte Sahs, Miminc, Nagel- 
rinc, Balmunc und Waske, dicht nach einander aufgeführt: die zu- 
meist aber darunter gefeierten sind Eckesahs, Miminc und Nagel- 
rinc, die so auch Heinrich v. Veldeke in seiner Aeneide 160, 22 fgg. 
zusammenstellt: „dar zu sander ime ein swert, daz scharpher unde 
herter was dan der türe Eckesas noch der märe Mimink noch der 
gute Nagelrink". Jedes derselben hat von dem Schmied an, der es 
fertigt, und dann, Avie es von einem Helden an den andern kommt, 
seine ganze Geschichte (vgl. W. Grimms Heldens. S. 56 — 59), die 
ausgeführteste Eckesachs, den zuletzt Dieterich von Bern besitzt, 
einst aber im heidnischen Mythus ein Gott mag besessen haben. 
Da nsemlich neben Eckesahs auch die Form Uokesahs oder Uekesahs 
erscheint {yckesachs als Variante zu Aen. 160, 22), so kann hier ecke 
nicht wohl wie sonst die Sciiärfe des Schwertes, sondern wird in 
verhärteter Form das althochd. egi Schrecken sein, Eckesahs also 
gleich jenem Freise, den Hildebrand führt, ein SchreckensscliAvert 
bedeuten. ^) Ganz so hat, mit einem Laute, welcher der Form Ueke- 
sahs an die Seite tritt, der alte Norden in Sage und Sprichwort 
einen Helm des Schreckens, cegishialm: Oegi aber oder, wie es auf 
althochd. heißen würde, Uogi, Uoki ist ein Meergott (J. Grimms 
Mjthol. S. 216 fg.). • Nach dem Dresdener Texte des Liedes von 
Ecken Ausfahrt Str. 85 haben den Eckesachs drei Zwerge geschmie- 
det : „das machten draw gezwerge" ; hier nun ist zwar die ältere 
Lassbergische Lesart „Das smittont vil getwerge" (Str. 79) gram- 
matisch richtiger : wirklich aber konmien anderswo , sagenhaft ver- 
bunden und mit Angabe der Namen , drei Schmiede berühmter 



') Nur wie ein Spaß klingt, so ernstlich sie auch gemeint sein wird, die Namens- 
erklserung in der Thidhriks Saga Cp. 98: That sverdh heitir JSckisax. thvi heitir 
that sva, at ecki sax ne sverdh var iamgott borit or eldi." Empfohlener scliieue die 
Herleitung von dem Namen Eckes, des letzten Besitzers vor Dieterich, wenn dem 
nicht schon manch andrer Besitzer vorangegangen und wenn die alsdann gebührende 
Form Ecken saJis öfter und besser als durch ein einziges spsetes Beispiel (Ecken Aus- 
fahrt, V. d. Hag. Str. 20öj belegt w£Ere. 



DIE DEUTSCHEN AI^PELLATIVNAMEN. 139 

Schwerter vor: im Biterolf 126 fgg. sind es Mime, Hertrieh und 
Wielant, in dem franzoesischen Prosaromane von Fierabras (das ältre 
Gedicht hat nichts dem entsprechendes) die Brüder Ainsiax, Mag- 
nificans und Galand (Heldens. S. 43), d. h. wiederum Wielant, 
während Ainsiax zugleich Missverstand und Entstellung von Ecke- 
sahs sein mag. Dort im Biterolf schmieden Mime und Hertrieh 
zusammen zwölf Schwerter, und von diesen zwölfen scheint die Sage 
auch sonst erzsehlt zu haben (W. Grimms Roseng. S. V fg.) ; ein 
dreizehntes, Miminc, schmiedet nicht, wie man erwarten sollte, gleich- 
falls Mime, sondern Wielant, der Vater Witeges, für diesen seinen 
Sohn : ebenso ist in der Thidhriks Saga Cp. 67 Mimung ein Werk 
Velents. Im Fierabras aber fertigen Galand und seine Brüder je 
drei Schwerter und lauter solche, die in der Karlssage der Franzosen 
namhaft sind : die namhaftesten hievon fügt auch Veldekes Aeneide 
sogleich jenen drei deutschen bei, „noch Haltecleir noch Durendai't", 
das erstere Oliviers, das letztere Rolands Schwert. 

Von Durendart oder Durndart handelt ausführlicher unsers Pfaffen 
Konrad Gedicht S. 117 fg. und 237 — 239, womit in W. Grimms An- 
merkungen S. 338 fg. die anderweitigen Nachrichten über die Ge- 
schichte dieses Schwertes zu vergleichen; den Hcdtecleir nennt Konrad 
190, 13 u. a. Älteclere als schwaches Masculinum. Die außerdem 
noch bei ihm auftretenden Schwertnamen sind Älmice 232, 7, die 
Waffe Erzbischof Turpins, Clarmine 169, 15 u. 21, des Herzogs 
Engelirs, Joiose 291, 14, Kaiser Karls selbst (und des Markgrafen 
Wilhelm: Schoyüse Wilh. 37, 10 u. s. f.), Mugelar oder Midagir 58, 1 
(vgl. S. 320), Herzog Geneluns, und endlich Preciosa 272, 7, des 
Heidenkoeniges Paligan. Mugelar (ich weiß nicht, ob eine franzoesische 
Entstellung des althochd. müchiläri sicarius ; vgl. mücliilsioert sica) hat 
zuerst dem Herzog Naimes von Baiern gebeert (58, 14) und ist das 
Werk eines bairischen Schmiedes, Madelger zu Regensburg (58, 17): 
in Verbindung mit dem, wie Konrad noch sonst die scharfen Schwerter 
der Baiern rühmt (238, 4. 266, 13) , auch dieß ein mittelalterlicher 
Nachklang des altgepriesenen Noricus ensis: vgl. Haupts Zeitschr. 
9, 553 fg. 

B. Namen der Helme sind uns viel weniger zahlreich als der 
Schwerter überliefert, und es ist das schwerlich ein Mangel bloß der 
Überlieferung. Mochte auch der in mannigfacher Thiergestalt ge- 
bildete Helmschmuck , der uns für die Cimbrischen Reiter (Plut. 
Mar. 25), für die Galater Diodors (5, 30), für die Angelsachsen 



140 WILHELM WACKERNAGEL 

(J. Grimms Andr. u. Elene S. XXVIII u. :Mytliol. S. 195) bezeugt 
ist 7 dieser Schutzwaffe ein lebensvolleres Ansehen geben, sie war 
doch eben stsets nur eine Schutzwaffe und als solche selbst in dem 
heldenhaftesten Kampfe sttets nur leidend betheiligt, nicht wie das 
Schwert mithandelnd und gleichsam ein Gefsehrte des Kämpfers. 
Zudem ist die Sitte des Helmschmuckcs, in Deutschland wenigstens, 
gleich mit dem Beginn des Mittelalters wieder abgängig geworden 
und erst, da das Ritterthum sich ausgebildet hatte, von neuem ent- 
standen; Wilh. Grimm (Haupts Zeitschr. 2, 251) meint sogar, erst 
im dreizehnten Jahrhundert, und allerdings zeigen z. B. weder die 
alten Bilder zum Rolandsliede noch die der Herrad einen Schmuck 
des Helmes : indess kommt ein solcher , mit einer phantastischen 
Übertreibung, die dem Werth des Zeugnisses keinen Abbruch thut, 
bereits im Orendel vor, Z. 1245 fgg. 

Oegishialm , dessen schon vorher S. 138 Erwsehnung geschehen, 
ist weder in Sinn noch in Bildung ein Eigenname : wohl aber sind 
das zwei andre altnordische Worte, Hüdisvm und Hildigölt (Snorra 
Edda S. 82), beide für uns noch in so fern von besonderer Bedeu- 
tung, als sie nun auch für den scandinavischen Norden das sonst 
nur bei den Angelsachsen nachweisbare Eberbild des Helmes dar- 
thun: denn gölt heißt Eber. Gleichfalls mit hiltja Kampf, altnord. 
hild zusammengesetzt und die Umkehrung des Weibernamens Grwi- 
liilt ist Ililtegrvm oder H'ddegrm , der Name von Dietrichs Helme 
(Heldens. S. 169); die Thidhriks Saga Cp. 17 will denselben nach 
Grim und Hild , einem Riesen und dessen Weibe , denen Dietrich 
dieß kostbarste Kleinod abgenommen , benannt wissen : natürlicher 
aber ist eben an das appellative liild und an grhna Maske oder Helm 
zu denken '*). Bei Wittig zwei Helmnamen, mittelhochdeutsch Limine 
(Biterolf IGl , im Alphart Str. 449 entstellt Lone) , im dsenischen 
Liede Blank: Heldens. S. 308. Der erstere mag wieder in alter- 
thümlichem Bezüge auf den Eberschmuck stehn, da limmen (s. Müllers 
mittelhochd. Wörterb.) besonders von dem Knirschen des Ebers ge- 
braucht wird. Aus der Karlssage den Venerant Rolands haben wir 
schon oben S. 135 kennen lernen. 

C. Panzer haben noch seltner als die Helme Namen geführt; 
der Grund ist derselbe wie bei diesen. Die Lieder (Lassb. Str. 77 fgg.. 



^) Der erste Bogriß' wird clor einer Maske sein, wegen des Zeitworts grinen, 
yrelnea lachend oder kmu-rend oder weinend den Mund verziehen. 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 141 

V. d. Hag. Str. 85 fgg.) sprechen z. B. ausfülirlicli genug wie von 
Eckes Schwerte , so auch von dessen Hehn und Brünne : aber nur 
dem Schwert wird dabei ein Name gegeben. Ich kenne nur einen 
altnordischen Panzernaraen, Finnsleif, aus Snorra Edda S. 82. 

D. Ein Hörn mit eigenem Namen ist Rolands Olivant oder 
OUfant, beim Pf. Konrad 214, 27, beim Stricker 8126, u. a. Ur- 
sprünglich (der Lautwechsel ist derselbe wie im goth. ulhandus, 
althochd. olpentä, mittelhochd. olhente Kamel) bezeichnet das altfran- 
zoesische olifant den Elefanten , dann den Elefnntenzahn und das 
Elfenbein : s. W. Grimms Anm. S. 338. Den gleichen Fortschritt 
der Begriffe zeigt uns sptcter in der Schweiz der Stier von Uri, ein 
zum Blasen hergerichtetes Auerochsenhorn. Die zwei Hörner, mit 
denen von einem inneren Thorthurme der Stadt Breslau Feuerlärm 
geblasen wird, heißen Kuh und Kalh. 

E. Benamte Ringe sind Odhins Dyaupni (Mythol. S. 528. 1227) 
und Adhils von Uppsal Sviagrts (Snorra Edda S. 82). Ändvara naut 
dagegen, der Fluchring unserer Heldensage (W. Grimm S. 385 fg.), 
ist so wenig ein Eigenname als Brismga men, das Halsband Freyjas 
(Mythol. S. 283) , das im Beowulf 2403 als Broslnga mene und als 
Schatz und Beute irdischer Helden wiederkehrt. 

F. Der Rosse erstes ist Sleipni, Odhins Ross (Mythol. S. 140): 
„seztr ioa Sleipnir" Grimnis mal Str. 44. Dem irdischen Herren folgt 
gleich anderen Dienern das Ross auch in das Jenseits mit: es wird 
mit ihm verbrannt (Tac. Germ. 27, Snorra Edda S. 38), mit ihm 
geopfert (Dietm. v. Merscb. Ausg. v. Wagner S. 13, Adam v. Bre- 
men 4, 27) ; und so für eins gilt es mit seinem Reitei', daü sogar in 
Bezug auf Odhin und dessen achtfüßigen Sleipni ein altnordisches 
Rsethsel fragen kann (Hervarar Saga S. 175 Suhm) „Wer sind die zwei 
zu Dinge fahrenden? Sie haben zusammen drei Augen, zehn Füße und 
einen Schweif." Noch weiter greifende Vermenschlichung lässt Rosse 
und selbst noch den Schsedel eines getoedteten mit dem Herren 
sprechen (Mserchen d. Br. Grimm Nr. 89 und 120), die Annahme 
dsemonischer Beseelung sie Weissagungen ertheilen (Tac. Germ. 10; 
de auguriis vel avium vel equorum: Indiculus paganiarum 13). 

Sleipni wird zum angelsächs. slipan , hochd. sUfen gleiten ge- 
hoeren, ein andrer altnordischer Name, SMngni, K. Adhils von Uppsal 
Ross (Snorra Edda S. 83), zu sliunga schwingen; Hvafn, das Ross 
K. Alis von Norwegen (ebd. S. 82), bedeutet Rabe. Die Heldensage 
nennt folgende. 



142 WILHELM WACKERNAGEL 

Belche, das Ross Dietrichs : W. Grimms Heldens. S. 127. Appellativ 
ist belche, ahd. pelichd, pelaha das schwarze Wasserhuhn mit einem 
weißen Hautfieck über dem Schnabel; dieses Merkmales wegen 
wird es auch Blässhuhn oder Blässlein genannt und ebenso ein 
Pferd mit derselben Zeichnung der »Stirne Blass oder Blässei 
(Schmeller 1, 238). 

Benig, Mönch Ilsans Ross; Roseng. v. d. Hag. 451; ich denke, von 
haue, hauen, ahd. panon. 

Blanke, wiederum Ilsans oder Dietrichs : Heldens. S. 209. 

Falke: s. oben S. 135. 

Grani, Siegfrieds, altnordisch: Sigurdhar qvidha 1, Str. 5. 13; Prosa- 
eingang der zweiten und Prosaschluß des Fafnis mal ; Thidhriks 
Saga Cp. 167 u. s. f. Der Norden scheint selbst den Namen auf 
grd grau und grdna grau werden bezogen zu haben, da anstatt 
Grani in Sigurdhar qvidha 3, 10 grd ior graues Ross gesagt wird. 

Leioe, Leo : s. oben S. 135. 

„Rüedegers ros Poiimmf'-'' : Klage 1426; in der Form Bohenmnd ein 
bekannter Mannsname. 

Rispa, Heimis : Thidhriks Saga Cp. 19. Nordisch ist rispa, hochd. 
respen raffen, rupfen. 

Rusche, Eckehards: Biterolf 10227; verkleinert Roschltn: Alphart 445. 
Vgl. rosch, althochd. rosk rasch, munter. 

Scheminc , Schemminc, nord. Skemning , in den dgenischen Liedern 
Skimming, Wittigs Ross: Heldens. S. 195 fg. 308; nach Thidhriks 
Saga Cp. 91. 190 der Bruder Falkes, Granis und Rispas, nach 
Roseng. v. d. Hag. 442 auch Benigs. Von scheme Schimmer und 
s. V. a. unser neuhochd. Schimmelt 

Süiputh, Svegjodh, Sporvitni, Melni, Mylni Rosse der Granmars-Scehne : 
Helga qvidha Huudings bana 1, 46. 50. Svipa heißt schwingen, 
sveigja biegen, Sporvitni ist der Spurwissende, Melni wie Mylni 
der Stiebende, Stäubende. 

Aus der Karlssage und sonst franzcesischen Ursprunges sind : 

Bayart, das Ross der vier Heimonskinder. 

Bonthart, des Grafen Rudolf 25, 3. 22. 24. 26. Von bondir droehnen, 
schmettern (Diez Wb. S. 573 fg.)? 

Brahdne, Terramers: Willi. 21, 17 u. s. f. 

Entercador, Kaiser Karls : Rolandslied 265, 1 1 ; vgl. S. 342. 

Gratamunt, Valdepruns: Rolandsl. 187^ 11; vgl. S. 332. 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 143 

Gringuljete, von Muntsalväsche gekommen (Parziv. 340, 1), zuerst 
von Lähelin erbeutet (261, 28. 340, 2), dann seines Bruders Oriliis 
(540, 30), zuletzt Gawans (339. 27. 541, 1). 
Guverjorz, des Koenigs Claniide : Parziv. 210, 7. 211, 14. 
IngUart, Gawans, dann Parzivals : Parziv. 389, 26. 398^ 14. 
Lignmaredi, des Poydwiz : Wilh. 420, 23. 27. 
Marschiheiz, Talimons: Wilh. 56, 26. 57, 5. 
Pnzdt, Puzzdt, Wilhelms: Wilh. 37, 11. 56, 11 u. s. f. 
Valentich Stricker 4067 u. s. f., Velentich Pf. Konr. 118, 19 u. s. f., 

das Ross Rolands. 
Volattn , Arofels, nach dessen Tode Wilhelms: Wilh. 81 , 1. 82, 4 
u. s. f. Vermischungen und Verwechselungen von Valentich und 
Volathi weist W. Grimm Mairch. 3, 158 nach, indem er als weitre 
Änderung auch Fdlacla , den Namen des wunderbaren Pferdes im 
89sten Meerchen, mit .herbeizieht. 

Unsre Zeit schreibt in den Ställen der Vornehmen über den 
einzelnen Pferden auch allerhand vornehme Namen an, franzoesische, 
wie vielleicht schon die Ritterzeit den Rittergedichten nachgemacht, 
englische, raorgenländische : der gemeine Mann bleibt bei heimathlich 
gemeineren, nur eben auch zu allgemeinen: Tausende von Gäulen 
heißen da des weißen Stirnfleckens wegen Blass oder Blässei (S. 142 
oben) oder, indem man ihnen besonders häufige und dadurch halb 
entwerthete Menschennamen giebt, Hans und Häusel und Hainzel 
und Hienz , wenn sie männlichen (Schmeller 2, 215. 220), Lise und 
Lisel, wenn sie weibliehen Geschlechtes (ebd. 499), Hankelein, wenn 
sie noch jung (ebd. 214), und Nickel, wenn sie von kleiner Art sind 
(Frisch 2, 17 c). 

G. Fast mehr noch als das Pferd hat von je her der Hund einer 
Eigenbenamung werth und bedürftig erscheinen müssen : denn er 
tritt dem Menschen in noch viel stärkerem Maße und viel mannig- 
facher gemüthlich nahe. Die liebreiche Schmeichelei, deren er feehig 
ist, die Künste, zu denen er in seiner Gelehrigkeit kann abgerichtet 
werden, erschienen gelegentlich so wunderbar, daß man jene von 
dem Innewohnen der Seele eines früheren Menschen, diese von 
dfemonischer Eingebung herleiten wollte, und weil er die Spraclie 
des Menschen versteht, ließ man ihn epischer Weise wohl auch selber 
sprechen. In einer Erzsehlung Bruder Johannes Paulis (Schimpf u. 
Ernst Ixviij, Frankf. 1538: Leseb. 3, 1, 77) „Also hett auch einer 



144 WILHELM WACKERNAGEL 

ein liund, der künde sich wol lieben, das mann sprach nach ettlicher 
irrung, er wer ein mensch gewesen in der alten ehe."; so ferner im 
Ruodlieb, wo ein Hund es herausbringt, wer seinem Herrn die Sporen 
weggenommen, und der Entwender nun sagt „Hsec a sella denodavi 
modo vestra : Tunc ibi nemo fuit viventum nemoque vidit , Neve 
canis sciret, a dsemone ni didicisset" (13, 63), und in einer spseteren 
deutschen Dichtung dieses Gesprsech zwischen einem Mann und 
seinem Hunde Willebrecht (Liedersaal 1, 297) : „Er sprach „Lieber 
hunt min, Woltest mir gevolgic sin, Daz würde dir her nach guot. 
Und tagtest mir nach minem muot." „Herre, daz tuon ich gerne; 
Und solt ich [varn] gen Salerne, Dar zuo wolt ich sin bereit." Er 
sprach „Du bist min hunt gemeit. Du solt lernen eine kunst, Zelten 
wol mit vernunst." „Daz sol sin, lieber herre min."" Indess auch 
ohne solche Abenteuerlichkeiten schon die Wirklichkeit des alltseg- 
lichen Lebens empfahl dieses Thier ganz besonders zur namen- 
gebenden Vermenschliclmng. Es galt ja von allen , was das eben 
angeführte Gedicht von dem Hunde Willebrecht sagt: „Der tet als 
ein getriuwer knecht, Der sinem herren ist getriu" ; es galt von den 
tapferen und klugen Jagdhunden, die deshalb auch einst dem gestor- 
benen Herrn zusammt dem menschlichen Knechte auf den Scheiter- 
haufen und den geopferten in die Opferung und das Jenseits folgten 
(Edda d. Br. Grimm 1, 272 fg.; Dietmar v. Merseburg S. 13, Adam 
V. Bremen 4, 27), wie von den kleinen zierlichen, die eine Kurzweil 
der Frauen waren ^) und ihnen noch auf dem Grabstein pflegten 
unter den Fuß gelegt zu werden, und von den Hunden, welche die 
Heerde , wie von denen , die das Haus behüteten. Getreue Diener 
dieser letzteren Art hatten selbst die wandernden Cimbern mit sich 
geführt, zum Schutz ihrer Wagenhäuscr (Canes defendere Cimbris 
csesis domus eorum plaustris impositas: Plin. H. N. 8, 61); das 
Mittelalter gab ihnen schon eine Appellativbenennung ganz persoen- 
lichen Sinnes: es nannte solch einen Hund hovaivart d. i. Hofhüter, 
wie es einen Thürhüter hiriioart nannte, und hovewart selbst war 
auch s. V. a. miles (Graffs Sprachsch. 1, 956), bezeichnete den krie- 
gerischen Diener eines Fürstenhofes, wie jetzt in Baiern Hussioackerl 



'•') „Wie ist gestalt ir hündelin, Daz bi ir loufet -wimneclich?" Hätzl. 223 a. 
„Clcine hündlin, salterbuoeh Si \\z den schözen valten" (schnell aufspringende Frauen) 
Dictr, Drachenk. Str. 230. Bilder in der Pariser ITandschrift der Lyriker: v. d, Hagens 
Minnes. 4, 111. 123. 142. 251. 625 n. a. 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 145 

sowohl ein Hund als ein Mensch ist, der von Allem Laut giebt®). 
Und wsehrend es nicht an Erzsehlungen fehlt, die veranschaulichen 
sollen, wie der Hund ein getreuerer Freund sei als selbst das Weib 
(Mserchen 3, 171. Aufseß Anz. 2, 239), ist auch nach der rauhen 
Auffassung des alten Rechtes nicht das Weib, sondern es ist der 
Hund und mit ihm etwa Hahn und Katze das Merkmal menschlicher 
Wohnung und Haushaltung'); da war zu acht Menschen der Hund 
der neunte (Rechtsaltcrth. S. 588), und wer in gegebenen Fällen 
keinen menschlichen Zeugen hatte, brachte dafür seinen Hund mit 
vor Gericht: so giebt Joh. v. Müller (Schweizergesch. 1816. 4, 26) 
folgende Rechtsübung des alten Sißgaus : „Wer bei einem ganz ohne 
Hausgesinde lebenden Mann nach der Nachtglocke mörderlich einfiel, 
dessen Frevel, wenn er umgebracht wurde, bewies der Angegriffene 
so, daß er drei Halme von seinem Strohdach, seinen Hund an einem 
Seil (hatte er keinen Hund , entweder die Katze , welche bei dem 
Heerd gesessen, oder den Hahn, welcher bei den Hühnern wachte) 
vor den Richter nahm und schwur." Noch heute gilt ein Schiflfs- 
wrack, auf dem nur ein lebender Hund noch sich befindet, nicht 
für gänzlich verlassen und herrenlos. 

Unter solchen Umständen haben die mannigfachen Namen , die 
auch der Hund empfieng, ursprünglich mehr als bloß den Sinn eines 
Rufes gehabt. Die Beispiele aber, die noch aus früheren Zeiten 
(wir wollen hier bis in das siebzehnte Jahrhundert rechnen) übrig 
sind, vertheilen sich sehr ungleichmgeßig. Namen von andern als 
Jagdhunden haben die alten Q.uellen nur selten Gelegenheit anzu- 
bringen : doch ist Garm, von dem Grimnis mal Str. 44 sagt, daß er 
der erste der Hunde sei, der Hofwart der Hölle (Völu spä Str. 41. 
49). Ein besonders häufiger Haushundname scheint Wacker d. i. 
wachsam gewesen zu sein, zugleich einer der ältesten und schon 
germanischen Mannsnamen: bereits bei Agathias kommt ein Varine 
Vakkaros vor (Förstemanns Altd. Namenb. Sp. 1224). In einem 



*) Schmeller 4, 20. Huss hat hier nicht den Sinn des Hetzens (ebd. 253. Abr. 
a SCI. Judas 5, 341), sondern den des Herausrufens : vgl. in der Vita Hludovvici 
Cp. 64 (Pertz Monura. 2, 648) „indignando quodammodo bis dixit hiitz, hufz, quod 
significat foras." 

') Rechtsalterth. S. 588. vgl. 698. Hund und Hahn: J. Grimms Weisthümer 2, 
608; Uhlands Volksl. S. 524. Hund und Katze: Weisth. 2, 384. 3, 34. Hund, Hahn 
und Katze: ebd. 2, 308; schon Reinmar v. Zweter (v. d. Hagens. Minnes. 2, 207 a) 
„der huut, diu katze und ouch der han heizent hüsgercete.^ 

GERMANIA IV 10 



146 WILHELM WACKERNAGEL 

satirischen Thierroman von 1625, dem Eselkoenig, heißt der Hund 
„Herr Wacker, ein Engelländer", und bekleidet am Hofe des Loewen 
das Wachtmeisteramt. Wenn aber die jetzige Sprache und schon 
hundert Jahre vor dem Eselkoenige Hans Sachs den gleichen Namen 
lediglich im Sinne von Hund überhaupt verwenden („So will ich mein 
großen Wacker mitnehmen", „Wo ist mein Wäckerlein?''^ Schmeller 

4, 19), so beweist diese appellative Schwächung die Häufigkeit des 
Gebrauches. Für Hirtenhunde haben wir in der Olaf Tryggvasons 
Saga Cp. 35 den nordischen Namen Vigi , der sich dem althochd. 
Mannsnamen Wigo, appellativ s. v. a. Kämpfer {loidarioigo rebellis: 
Sprachsch. 1, 707) vergleicht, im sechzehnten Jahrhundei't bei Burkard 
Waldis Strom (Esop 3, 5. 4, 94), Greiff und Trostrein (4, 94) : letz- 
teres wird den Beschützer der Schafe auf den grasigen Abhängen 
bezeichnen sollen, Strom aber wie der überall durch Deutschland 
beliebte Name Wasser, der niederdeutsche Rin (Reineke 1770), der 
bairische Donau (Schmeller 2, 253), der basellandschaftliche Birs in 
einem Aberglauben begründet sein : der Name Wasser, hat mir ein- 
mal ein märkischer Bauer erklsert, schütze den Hund gegen die 
Erdmännchen, Element gleichsam gegen Element. Kollel (Schm. 2, 
290) meint wohl nur einen schwarzen Hund : in der Schweiz werden 
besonders Pferde von solcher Farbe Koli oder Kolli genannt. Ein 
Frauenhündchen, dergleichen die Frauen als Liebespfand auch an 
Männer schenkten, ein flsemisches, welches Löic heißt, also wohl 
einen sogenannten Loewenhund , hat Joh. Pauli in der schon oben 

5. 143 angezogenen Erzsehlung eines auch sonst vorkommenden 
Schwankes, ein andres mit dem Namen Angst eine Geschichte des 
Augsburger Rsethselbuches aus dem Beginn des 16. Jahrb., Bl. c iiij 
rw. : „Es schanckt ain klosterfraw ainem edelman ain hundt. als 
aber der edelman eylent vnd haimlich von dannen muoßt vnd des 
hunds namen zuo fragen vergessen het. schickt er sein knecht wider 
hinder sich in das kloster den namen zuo erlernen, do er dann der 
frawen drey bey ainander fand, sprechen [1. sprach er]. Ich frag 
euch all drey. ich waiß nit welch es sey. die mir müg sagen, wie 
hayst das. sy weyß wol was. die zwo verwunderten sich der frömden 
red. des gleichen stellt sich auch die rechtschuldig, vnd sprach, ich 
will den gauch schon abfertigen, ein thoret red darfF kainer weysen 
antwurt. vnd sagt dem gedachten knecht. dir ist als mir. also heyst 
das. du weißt wol was. das sag dem. du weißt wol wem. Nun ist 
die frag. Wie der hundt gehayssen hab, Antwurt. Angst, dann 



DIE DEUTSCHP:N APrKLLATIVNAMEN. 147 

es was in bayden der guotten frawen viid dem guoten gesellen 
angst." 

Es sind zumeist Namen von Jagdhunden , die uns überliefert 
werden : von diesen, den Gefashrten einer friedlichen Kriegslust, deren 
schon das früheste Mittelalter eine große Mannigfaltigkeit sorgsam 
gehegter Arten zeigt (Lex Alam. 82, Baiwar. 19 und darnach spseter 
das Schwseb. Landr. 278), kann eben auch die erzsehlende Dichtung 
eher sprechen , und die Sage der Vorzeit hat eben so berühmte 
Hunde als Rosse und Schwerter. Hauptzeugniss ein Abschnitt der 
Thidhriks Saga, wo die wild abenteuerlichen Jagdzüge des Grafen 
Iron von Brandenburg erzsehlt werden : sechzig Hunde führt er mit 
sich ; die Namen der besten sind Stap]), Stutt, Lusca, Rusca, Paron, 
Bonikt, Bracka und Porsa (Cp. 257. 263). Und die Namen werden, 
wie schon Uhland 1, 9 dieser Zeitschrift bemerkt hat, in der Art 
aufgezsehlt, daß Stapp und Stutt, Paron und Bonikt, Bracka und 
Porsa je paarweise zusammenstehn : diese aber allitterieren, wsehrend 
Lusca und Rusca reimen : das weist auf ältre dichterische Abfassung 
hin : wirklich heißt es auch mitten inne Cp. 258 : „Es wird erzsehlt 
in den Sagen, daß nie bessere Jagdhunde könnten gefunden werden, 
als er hatte ; zwölf waren die allerbesten darunter, und die sind alle 
in deutschen Liedern genannt." Der Übergang aus dem Deutschen 
ins Nordische hat Gestalt und Sinn eines Theils dieser Namen un- 
kenntlich gemacht: Stapp und Stutt würden jotzt auf Hochdeutsch 
Stapf und Stutz d. i. Schritt und Trotz lauten; Bracka ist unser 
Bracke Spürhund, eigentlich also kein diesem Thier allein geschöpfter 
Name; Paron mag aus althochd. Baro Mann entstellt sein, Porsa zu 
Ursen birschen gehoeren (kamerhirse und kamerhelle sind gleichbe- 
deutend spöttische Benennungen einer Kammerfrau : v. d. Hag. Ge- 
sammtabent. 1, 219. 223), Lusca den heimlich schleichenden (althd. 
luschen, losken delitescere), Rusca den raschen, munteren meinen, und 
wenn ebenso in der Sage das Pferd Eckehards Rusche oder RoscliUn 
heißt (oben S. 142), wenn der Hund Bonikt an Benig, das Pferd 
Ilsans (ebend.), anklingt und auch uns Kolli für beiderlei Thiere 
gilt (S. 146), so wollen wir dem zur Erklserung uns der Worte des 
Plinius erinnern (H. N. 8, 61) „fidelissimum ante omnia homini canis 
atque equus." Noch mehr entstellt sind die Namen eines zweiten 
daran ebenso reichen Hauptbeleges, einer Erzaihlung der Gesta Ro- 
manorum (Cp. 142), wo zu den „quatuor generibus canum", mit 
denen dort ein Wilddieb auszieht, die Namen Richer , Emuleym, 

10* 



148 WILHELM WACKERNAGEL 

Havegiff^), Bandyn , Crismel , Egofyn, Beamis et Revelin angegeben 
werden : bei mehreren aber schimmert der deutsche Grund noch 
sichtlich durch: Crismel mag der im Staube kriechende sein. Sodann 
die Geschichte des Ritters Heinrich von Neuenach (Liedersaal 2, 
411 fgg.) > dessen Hund Harm stfets Wildbrset auf die Tafel des 
sonst nicht reichen Herren schafft und aus einem Kampf mit den 
Hunden des neidischen Kaisers, zuletzt mit zwölfen auf einmal, doch 
als Sieger hervorgeht. Man braucht bei Harm nicht an den vorher 
angeführten Angst zu denken : härm ist auch die altdeutsche Benen- 
nung des Hermelins , und gerade mit diesem werden Hunde auch 
sonst der Farbe halb verglichen (Germ. \, 10). Ferner, der Pfalz- 
graf von Tübingen in jener schwäbischen Weidmannssage, die Uhland 
aus der Chronik der Herren von Zimmern bekannt gemacht hat 
(Germ. 1, 2 fgg.), nimmt als Jseger ein Erdmännlein an, „das fuert 
zwai jaghündlin mit sich an ainer kuppel; das mendlin nampt sich 
maister Epp, dergleichen die hündlin das ain Will, das ander Wall.'-' 
Will und Wall, die ebenso der Ablaut verbindet, wie dort die Hunde- 
paare des Grafen Iron die Allitteration und der Reim, kommen jeder 
auch als Mannsname vor, althochd. Willo und Wallo (Försteraann 
Sp. 1302. 1230): für Jagdhunde ließ sich dabei an den volleren Begriflf 
des appellativen willo, impetus, und an loalloR ambulare denken 
(Germ. 1 , 10) ; ein mit wille zusammengesetztes Willehreht haben 
wir schon oben S. 144 gehabt: auch das ist als Mannsname häufig 
(Förstem. 1305). Endlich, ein passlichster Name für einen Spür- 
hund oder, wie man auch sagte, suochhunt (Iwein 3894), der Name 
Suoche: dieser in einem Liede Suchensinns, eines fahrenden Meister- 
singers gegen 1400: „Suche ist geheissen myn hunt, der lange hat 
gesuchet" Fichards P'rankf. Arch. 3, 245. 

Ich habe eben gesagt Endlich : aber der Leser muß die Jagdlust 
unserer Alten doch noch länger büßen. Suchensinns Hund Suche 
ist nur bildlich gemeint, wie überhaupt das Mittelalter es liebte, von 
dem edlen Weidwerk allerhand Bildlichkeiten der Anschauung und 
des Ausdrucks herzunehmen (vgl. die Minnelieder Burkards v. Hohen- 
fels bei v. d. Hagen 1, 202 fgg.), ja wie ganze große Gedichte 
lediglich auf diese Bildlichkeit gegründet wurden : Hauptbeispiel 
Hadamars von Laber Jagd der Minne ; dort in den Gestis Romanorum 
der Jseger bedeutet auch nur den Teufel, der auf den Menschen 

') So ist Hanegiff unzweifelhaft zu bessern, dca die Moralisatio den Namen mit 
accipite et donate auslegt. 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 149 

seine Hunde, d. h. die Versuchungen dieser Welt loslässt: die Mo- 
ralisatio legt Richer und Emuleym auf divltias et voluptates, Beamis 
auf die luxuria u. s. w. aus. Da fehlt es denn auch nicht an Bei- 
spielen, daß Hunden als Namen entweder Worte ganz abstracten 
Sinnes gegeben werden oder zwar übliche Hundenamen, aber solche, 
deren Laut und concreter Begriff zugleich in einen abstracten hinüber- 
spielt. So fjehrt Hadamar aus mit den Hunden Herze, GelUcke, 
Triuwe, Stcete, Lust, Liehe, Leide, Gendde, Fronde, Wille, Wunne, 
Harre (Str. 9 — 18) u. s. f.; wesentlich eben dieselben, nur daß die 
Zahl kleiner ist, in zwei andern, kürzeren Allegorien (Liedersaal 2, 
293 fgg. und Spiegel S. 126) und wieder in beiden auch der Hund 
Wille. Den eintrseglichsten Beleg aber gewsehrt ein Gedicht Sieg- 
fried Helblings, sein viertes, Z. 410 — 460: denn eigentlich hier erst 
erscheinen nicht so bloß Abstracta , sondern beiderlei Namen durch 
einander, als da sind Nit , Valsch, Haz, Fnhs, Wolf, Fürst, Wenk, 
Werre, Triuwe, Schilt, Milt, Er, Erge, Grife, Rasp, Gite, Wünsch, 
Merk, Striim , Wdn, Wank, Fruot, Frank, Sturm, Drenk, Louf, 
Sche7ik: Raspe, das wir auch als persoenlichen Beinamen kennen, 
gebeert zu raspen raffen, und striunan heißt im Althochd. Gewinn 
machen, das jetzige streunen auf kleine Vortheile ausgehn (Sclim. 
3, 686). Zu all diesen dichterischen Zeugnissen kommt zuletzt noch 
eines aus der bildenden Kunst, ein Gemfelde der großherzoglichen 
Sammlung zu Weimar, das nach einer altbeliebten Symbolik den 
Sohn Gottes als das Einhorn darstellt, welches sich in den Schoß 
einer Jungfrau flüchtet und so, wtehrend kein Jseger es erjagen kann, 
von dieser gefangen wird : der verkündende Engel ist hier der Jseger, 
und indem er ins Hörn stoeßt, ertoent daraus die Begrüßung „Ave, 
gracia plena: dominus tecum" ; an der Hand aber führt er zusam- 
niengekoppelt die vier Hunde Justicia, Misericordia, Fax und Veritas: 
sie tragen selbst diese Namen auf Spruchzetteln im Mund. Abbil- 
dungen in Vulpius Curiositseten 6, 133 und in Pipers Evangel. Jahr- 
buch 1859, S. 38. 

Wir haben vorher aus den Gestis Romanorum den Hundsnamen 
Beamis vernommen : dieser kann uns geschichtlich weiter führen. 
Der franzoesische Einfluß, von dem seit dem zwölften Jahrhundert 
das ganze hoehere und nicht bloß das hoehere Leben Deutschlands 
gesättigt ward, machte sich je mehr und mehr auch auf dem Gebiete 
geltend, das jetzt uns vor Augen liegt. Gottfrieds Tristan Sp. 71 fg. 
zeigt uns die Jsegerei in Form und Wort schon durchaus franzcesisch 



150 WILHELM WACKERNAGEL 

aufgefasst: damit kamen denu auch franzoesische Namen für die 
Hunde auf. Zwar in eben diesem Tristan das zauberhaft schoene 
Hündchen PetUcriü d. h. Kleinwachsen, das eine Fee dem Herzoge 
Gilan geschenkt hat und das Tristan demselben abgewinnt um es 
wieder seiner Isolt zu schenken (Sp. 397 fgg.)? i^t ''^us der franzoe- 
sischen Urschrift herübergekommen: dagegen für Gardeviaz, „daz 
kiut Hüete der verte" (Garde-voyage) , den Bracken in Wolframs 
Titurel Str. 143, ncethigt uns nichts das Gleiche anzunehmen, und 
nocli weniger für jenen Beamis der Gesta Romanorum: beamts d. i. 
schoener vriunt, so redete man sonst in feinerer Sprache den Freund 
und den Geliebten an (Heinr. Tristan 1850. Wolfr. Titurel 59, 1), 
im alten Weidmannsdeutsch aber ebenso den Hund Lieber Gesell, 
lieber Gesellmann , traut guter Gesellmann (Had. v. Laber Str. 21 ; 
Altd. Wald. 3, 130). Es mag ein Spott auf das moderne Weid- 
maunswelsch sein, wenn das „hundeken Wackerlos''^ im Reineke Fuchs 
Z. 11 trotz seinem gutdeutschen Namen Franzoesisch spricht. Recht 
in Aufnahme jedoch kam auch dieses erst mit dem Zeitalter Lud- 
wigs XIV : das wird am besten aus den Hundeverzeichnissen des 
Sächsischen und des Dessauischen Hofes ersichtlich, welche Doebel 
in seiner Jseger-Practica mittheilt : hier verschwinden fast die seltenen 
deutschen unter den Hunderten von franzoesischen , zum Theil auch 
italisenischen Namen. Die neueste, unsere Zeit fsehrt darin kaum 
geändert fort, nur daß jetzt die Jöeger mit ihren Hunden allenfalls 
auch noch Englisch sprechen: ein Falke (auch so haben wir schon 
Rosse nennen beeren), ein Waldmann, ein Feldmann klingt ihnen 
altfränkisch und nicht herrenhaft genug. Nicht besser außerhalb 
der Jsegerei, obschon, wenn nun auch der Bauer gern seinem Hof- 
hund Bello ruft, er das deutsche bellen und nichts Italisenisches im 
Sinne hat. Merkenswerth ist die eigenthümliche Volksironie den 
doch so lieben Hund nach verhassten Menschen zu benennen, z. B. 
Türk oder Sultan oder wie zumal in der Pfalz Melac : es soll damit 
nicht der Hund als ein franzoesischer Mordbrenner, sondern der fran- 
zoesische Mordbrenner als ein Hund bezeichnet werden. Vor etwa 
dreißig Jahren gab Jemand in Berlin seinem Hunde den Namen 
Krelingev] als ihn der Mensch, der Crelinger hieß, deshalb vor Ge- 
richt zog, wandte er ein, daü sein Hund sich Krelinger schreibe. 
Gewoehnlich jedoch sind auch hier die Namen, gleichviel ob einhei- 
misch oder fremd, liebkosend oder in solcher Art beschimpfend, 
durch die beständig wiederkehrende Benutzung so abgenutzt, daß 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 151 

der einzelne Hund wenig Eigenes mehr daran hat. Ringgi z. B. in 
der Schweiz ist nur noch ziemlich ebenso viel als Haushund über- 
haupt („hie und da bellte ein Ringgi sie an" : Gotthelfs Uli d. Knecht 
S. 336); man nennt jeden Hund, der sein Kalb oder seinen Mann 
zu fassen vermag, einen Packan] Wacker und Wäckerlein sind in 
gleichem Bezug schon früher (S. 146) hervorgehoben worden. 

H. TJnter den übrigen Hausthieren und denen, die sich der 
Mensch immer von neuem zsehmt, ist das Rind ihm das vertrauteste 
nsechst Hund und Pferd und auch dieß zugleich in religioeser Weise 
und um einer hceheren seelischen Begabung willen angesehn. Wie 
der Wagen der Nerthus von Kühen gezogen wird, wohin diese wollen, 
und der Priester nur mitgeht (Tac. Germ. 40), erscheinen Rinder 
auch in Sage und Legende vielfach so , daß es ihnen überlassen ist 
den Weg einzuschlagen und das rechte Ziel zu finden : vgl. z. B. 
Deutsche Sagen der Br. Grimm 1, 449. 454. 258. Niederländ. Sagen 
V. Wolf S. 423. Darum denn auch hier bereits von früheren Zeiten 
an die Bezeichnung und Auszeichnung durch mannigfaltige Eigen- 
namen. Ein Beispiel des dreizehnten Jahrhunderts die vier Ochsen 
Uioer, Rceme, Erge und Sunne im Meier Helmbrecht 809 fgg. : Raime 
kann, je nachdem man es auf räm oder auf rämen bezieht, die Ruß- 
farbe oder die Stoeßigkeit meinen, besser das erstere, da in der 
Schweiz noch jetzt ein Rind mit schwarzen Flecken Rmm oder Rcemi 
heißt (Stalder 2, 256) , Uwer dagegen nur die Ähnlichkeit mit dem 
ür, aber nicht wohl einen gezsehmten Auerochsen selbst: „adsuescere 
ad homines et mansuefieri ne parvuli quidem excepti possunt" (Caesar 
B. G. 6, 28). Von Menschen her übertragen sind Bartliel und Heinz, 
jenes für Kühe, dieses für Zugochsen und beide im sechzehnten 
Jahrhundert üblich (Fischarts Gargantua 1582, M 7 rw. Frisch 1, 
438 b). Nach neuerem Brauche jedoch pflegen die Namen der Ochsen 
auf den Geburtsmonat zu gehn, z. B. Horni, Merz, LauM d. i. April, 
Lusti d. i. Mai (Hebels Werke 1838. 2, 278 fg.), die der Kühe ebenso 
auf den Wochentag der Geburt, z. B. Pßnztag die am Donnerstag 
geboren ist, oder auf die Farbe und sonstige Merkmale im Äußern 
wie jenes Rcemi, wie Mcelirli, Rcethl, Sternel, Krumpli'örnl , Grossbucli : man 
sehe die Verzeichnisse bei Wyß, Reise ins Berner Oberland S. 563, 
und bei Schmeller 2, 274 und die Schweizer Kühreihen in des ersteren 
Sammlung S. 19 fgg. und 38 fgg.; Blass und Blässei (Sprichwort: 
„Man sagt selten zur Kuh ^du Blässle', außer sie hat ein Sternle" : 
Sailers Weish. auf d. Gasse S. 130) ist uns auch schon unter den 



152 WILHELM WACKERNAGEL 

Pferdenamen begegnet (oben S. 142) ; Kuo BrUni hat bereits das 
alte Lied von dem Streite zu Sempach (Altd. Leseb. 930, 38. 932, 4). 
Übrigens wiederholt sich hier die bei Pferd und Hund gemachte 
Bemerkung: so zahlreich auch die Namen, die in den Viehzucht 
treibenden Ländern gäng und gsebe sind, es wird nicht für jedes 
Rind ein neuer ihm nur eigener geschöpft, sondern gewisse kehren 
immer wieder und verlieren sich damit halb in das Gebiet der Ap- 
pellativa. Das gilt in noch viel hoeherem Grade für die andern hier 
noch in Betracht kommenden Thiere, zumal uns für diese fast allein 
aus neuerer und neuester Zeit Eigenbenennungen bekannt sind und 
beinah lauter solche, die eigentlich Menschen gehoeren. 

Für die Ziege gewsehrt ein schweizerischer Geißreihen von 
Kuhn (Wyß Kühreihen S. 48 fg.) die Namen Hüdel, Strudel, Schabe, 
Länder, Speiche; in Spees Trutznachtigall (Coesfeld 1841, S. 272) ist 
Hitzlein, ich weiß nicht ob Verkleinerung von Heinz, der Name 
einer jungen Ziege. Der Bock heißt Hermann (J. Grimms Gesch. 
d. deutschen Sprache 1, 35), Herman stoss nicht und Moses (Gargan- 
tua M 6 rw.); Bartholt wie Bartman bei Burkard Waldis (Esop 3, 
27) mag nur ein gelegentliches Wortspiel des Dichters sein. 

Dem Esel wird Martin gerufen (Gargan tua M 7 vw.); er wird 
aber auch in einer Fabel von Burkard Waldis (Esop 4, 1) „Herr 
Heyntz'-'' angeredet, eben wie das edlere Pferd Hainzel und Hienz: 
oben S. 143. 

Das Schwein heißt gleichfalls HeyntzUn und ausserdem Kuntz: 
Gargantua M 6 rw. 

Und wiederum auch die männliche Katze niederdeutsch im 
Reineke und sonst noch Hinze, hochdeutsch im Froschmeuseler und 
noch jetzo (Schmeller 2, 220) Heinz. Daneben Murner: schon vor 
350 Jahren Thomas Murner ist im Eingange des Karsthans und sonst 
damit verspottet worden; im Eselkoenig S. 18 „Herr Murner, die 
Katz, ein Spanier, HofFcaplan." 

Der gezsehmte Affe wird von dem Gaukler, der ihn zur Schau 
stellt, Meister Martin genannt (Gargantua M 7 vw.): Anlaß dazu 
wohl die gleiche Benennung in der älteren, schon der franzcesischen 
Thierepik (J. Grimms Reinhart Fuchs CXXV fgg.). 

Der Bser, der im Mittelalter viel häufiger als jetzt gezsehmt 
und zur Kurzweil gehalten ward (Haupts Zeitschr. 6, 185 fg.), hieß 
nach der Angabe Fischarts bei den Churwalen d. i. den Bündnern 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 153 

ebenfalls Martin (Gargantua M 7 vw.) ; üblicher ist die Benennung 
Meister Petz , die kürzeste Koseform zu Bernhard : ein bekanntes 
Gedicht des vierzehnten Jahrhunderts (Diutiska 2, 78 u. a.) hat einen 
Bauern des Namens meier Bez oder Pez. Dieß Wort mit Bätz, einem 
landschaftlichen Ausdrucke für Schaf, in Verbindung zu bringen, 
weil der Beer „wegen seiner rauchen Haar einem Schaf gleich sieht" 
(Frisch 1, 74 c), ist ebenso irrig als die landläufige Herleitung des 
Wortes Batzen von Petz, weil zuerst die Berner Batzen geprsegt und 
dieselben mit ihrem Wappenthier dem Bseren bezeichnet hätten. Die 
Benennung Batzen ist älter und viel allgemeiner ; sie soll diese Münze 
im Gegensatz zu den Bracteaten als Dickmünze bezeichnen (vgl. 
Batz , Batzen bei Frisch 1 , 74 b und Schmeller 1, 228), ganz wie 
Groschen, das vom mittellateinischen grossus kommt. Auch nennen 
die Berner selbst ihren Bseren gar nicht Bätz oder Petz, sondern 
Mutz, wahrscheinlich, da mutzen s. v. a. stutzen ist (Stalder 2, 227), 
wegen der auffallenden Schwanzlosigkeit des Thieres; ein brummiger 
Mensch heißt davon auch in der übrigen Schweiz ein Surrimutz. 

Unter den gezsehmten Vcegeln steht dem Pferd und dem Hund 
zunsechst an der Seite der zur Jagd abgerichtete Falke, der Habicht, 
der Sperber. Er gebeert mit dem Rosü zusammen wie die Hand 
mit dem Fuß, die rechte Hand, die den Jagdvogel trsegt, mit dem 
linken Fuße, der in den Stegreif tritt: darum auch werden in pein- 
licher Strafe die rechte Hand und der linke Fuß zusammen abge- 
hauen (Rechtsalterth. S. 705 fg. ; vgl. Gesch. d. Deutschen Spr. 1, 
44 fg.). Mit dem Hund verbunden zeigt ihn eine Sage in ängstlich 
treuer Wache bei dem schlafenden Kind seines Herren (Diocletianus 
von Hans v. Bühel S. 30); mit eben demselben begleitet er den 
gestorbenen Herrn auf den Scheiterhaufen (Edda d. Br. Grimm 1, 
272 fg.) und mit Hund und Ross in die Opferung: Dietmar v. Merse- 
burg S. 13 „Est unus in his partibus locus, caput istius regni, Le- 
derun nomine, in pago, qui Selon dicitur, ubi post VIHI annos mense 
Januario post hoc tempus, quo nos theophaniam domini celebramus, 
omnes convenerunt et ibi diis suismet LXXXX et VIHI homines et 
totidem equos cum canibus et gallis pro accipitribus oblatis (falls 
keine Habichte oder nicht genug vorhanden sind) immolant, pro 
certo, ut prsedixi, putantes hos eisdem apud inferos servituros et 
commissa crimina apud eosdem placaturos." Um so mehr darf es 
uns befremden , zugleich aber nur als ein Zufall erscheinen , daß 
neben so viel Ross- und Hundenamen kein einziger eines Falken 



154 WILFIELM WACKERNAGEL 

überliefert ist, nur ausgenommen den des mythischen ersten, des 
Götterfalken Hdhroc d. i. Hochhose, in Grtmnis mal Str. 44. 

Den St aar im Ksefig und im Zimmer pflegt man Matz d. i. 
Matthaius und, da der Name denn auch auf andre Voegel der Art 
übergeht, zu genauerer Bezeichnung Staarmatz zu nennen. Der 
Staar von Segringen in einer bekannten Erzsehlung Hebels (Werke 
3, 133) hieß Hansel. 

Canarienvoegel redet man in der Schweiz lieber mit Männi 
d. h. Emanuel an, Papageien überall mit Jacob. 

Endlich beim Storch noch einmal der Name Heini: der Kinder- 
reim, der anderswo „Storch, Storch Steiner" oder „Storch, Storch 
Steine" beginnt (Simrocks Deutsches Kinderbuch S. 146 fg.), beginnt 
hier in Basel „Storke, Storkeheini.'-^ 

I. Zur Eigenbenamung der Schiffe haben mehrfache Anlässe 
zusammengewirkt. Gestalt und Bewegung mahnen zugleich an den 
schwimmenden Vogel und an das rennende Pferd : auch wir sprechen 
von Schiffsschnsebeln, und von dem Glückhaften Schiff der Zürcher 
sagt Fischart Z. 221 fgg. „Da gieng es daher in der wog, Als ob 
es in dem wasser flog; Die rüder giengen auf und ab Schnell, das 
es ein ansehen gab, Als ob ein frembdt ungwont gefügel Da auf 
dem wasser rhürt die fligel" ; als das Ross des Meeres (seltner sind 
andre dem sehnliche Vergleichungen : Snorra Edda S. 118) bezeich- 
nen es mannigfaltige Wendungen der altnordischen und angelsäch- 
sischen Dichtersprache (J. Grimm zu Andr. u. Elene S. XXXIV fg. 
und Mythol. S. 839 ; Haupts Zeitschr. 9 , 576) , und noch Friedrich 
von Spee nennt es ein holzen Ross (Trutznachtigall S. 96) und 
nimmt es als Ross und als Reiter und als Vogel zugleich, wenn er 
in einer Schilderung des Meeres die Verse wagt (ebd. S. 149) „Ei 
da nun, ihr unzsehlbar Schiff, Wasserwald bescheren ! Euch eben 
recht ich jetzt betriff, Bäum zu Land geboren! Ach zäumet auf 
den vollen Trab, Legt hin die flache Sporen! Die flachsen Feder 
spannet ab: Die Zeit bleibt unverloren." Schon allein auf Grund 
einer so all- und altgewohnten Vergleichung hätten diejenigen, die 
ihre Rosse nach Menschenart benannten, dasselbe nun auch mit ihren 
Schiffen thun können : aber es kam um darin zu bestärken noch 
Andres hinzu. Schnitzarbeit, die das Vordertheil zierte (es gedenken 
solcher bereits Geschichte und Recht und Dichtung des alten Nor- 
dens), ließ das Ganze, wenn es Andi-en entgegen oder zu Lande 
fuhr, als einen Drachen, weshalb auch dveki der altnordische Name 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 155 

einer eigenen Schiffart ist, oder sonst in ungeheuerlicher Menschen- 
oder Thiergestalt erscheinen, so daß, wie ein Verbot sich ausdrückt, 
die Landgeister sich entsetzten (Altnord. Leben v. Weinhold S. 130. 
136). Es kam also mit dem Bildwerk wie ein dsemonisches Leben 
in das Holz, und wirklich schrieb man auch sonst den Schiffen ein 
solches zu. Die Fridhthiofs Saga Cp. 6 lässt ihren Helden sein 
Schiff ElUdhi^) ermuthigend ansingen, und diese Zurufe, heißt es, 
wirkten so auf das Schiff", als wenn es die menschliche Sprache ver- 
standen hätte ; spseter kommt es auch in altenglischer Dichtung vor, 
daß ein Koenigssohn Abschiedsworte an sein Schiff richtet und ihm 
Gruß und Botschaft in das Heimathland auftraegt (Hornchilde in 
Ritsons Ancient romances 3, 97). Rechnen wir dieß alles zusammen, 
so hat der immer noch bestehende Gebrauch der Schiffbenamung, 
dem die neuere Zeit durch eine Art von Taufe einen frischen Halt 
zu geben sucht, einen für das Alterthum ganz naturgemseßen Ursprung 
genommen. Die frühesten Belege werden uns vom Norden her, schon 
in den Göttersagen desselben, dann in der Geschichte seiner Helden 
und Koenige überliefert (J. Grimms Gramm. 3, 434. Weinhold 
S. 131 fg.): Baldars Schiff z. B. hieß mit Bezug auf den Ring- 
schmuck seines Stevens Hringliornir, ein Schiff Kcenig Sverris Oskmey 
d. i. Wunschjungfrau, Valkyrje, eines des heil. Olaf Visund , ein 
andres, dessen Steven in Gestalt eines Koenigshauptes ausgeschnitzt 
war, Karlhöfdi Mannshaupt. Jünger sind die Belege, die auf Deutsch- 
land fallen, jünger wie hier die Seeschifffahrt selbst und meist auch 
weniger alterthümlich. Pilgerin und Vridelant d. h. Beschütze-das- 
Land, die Namen zweier „herschiffe" des Deutschen Ordens in Preußen 
(Pfeiffers Jeroschin S. 271), gehn noch im hoeheren Styl: aber tief 
fällt es ab, in den ironischen Ton, welchen freilich die spsetere Zeit 
überall liebte, wenn das Schiff, dem die Hamburger im Jahre 1402 
ihren Sieg über den Seeräuber das Störtebeker verdankten, die 
bunte ko hieß (Zeitschr. f. Hamb. Geschichte 2, 289) und auf den 



*) d. h. Sturmfahler. Weil das Wort auch appellativ , als Benennung, wie es 
scheint, einer besonderen Art von Schiffen gebraucht wird, hält Weinhold S. 137 den 
appellativen Sinn für den ursprünglichen und den engeren eines Eigennamens für 
abgeleitet. Es dürfte jedoch der Weise des alten Nordens gemseßer sein, die appella- 
tive Verallgemeinerung für das Jüngere zu halten. Noch weniger richtig scheint der 
ebendort aufgestellte etymologische Zusammenhang mit Lädin, der Benennung der 
groesten Schiffe des Bodensees (Schmeller 2, 434): denn diese kommt doch wohl 
einfach von lade d. h. Bohle. 



156 WILHELM WACKERNAGEL 

großen Landseen der Schweiz im J. 1314 die Luzerner eine Gans, 
die Urner einen Fuchs (J. v. Müller 2, 131), im Zürichkrieg die 
Zürcher eine Gans und eine Ente, ihre Gegner die Schwyzer nicht 
bloß einen Beeren, sondern auch eine Schnecke hatten (J. v. Müller 
5,92. 114. 115.): die Zusammengehoerigkeit mit den übrigen Namen 
verbietet es hier das Wort Sehnecke so zu verstehn, wie es sonst 
allerdings gebraucht wird, als die appellative Benennung einer ganzen 
besonderen Art von Seeschiffen. 

K. Geschütze und andre dem sehnliche Gersethschaften , wie 
schon das frühere Mittelalter sie bei Belagerung und Vertheidigung 
fester Orte brauchte, hatte dieß gern, und es folgte darin dem Vor- 
gange des griechisch-roemischen Alterthumes, nach Thieren benannt, 
jedoch in durchaus appellativer Weise, so daß die einzelnen Thier- 
namen je eine ganze Art jener Gersethe bezeichneten : dergleichen 
sind katze, krebz, tdrant und igels tver; besonders berühmt wurden 
ihrer Zeit die Katze und der Krebs (cattus et Cancer), mit denen 
Albrecht I die Mauern Bingens brach ; der Meister, der sie gefertigt 
hatte, hieß Rotermelin (Ottocar Cp. 716; Ann. Colmar. z. J. 1301; 
Narratio de reb. gest. Archiepisc. Mogunt. in Boehmers Fontes 2, 
572). Man fuhr in derselben Richtung fort, als an die Stelle der 
alten Wurf- und Stoßmaschinen die Feuergeschütze rückten: aber 
die Freude an der Neuerung vertauschte nun jene Appellativa gegen 
wirkliche Eigennamen, schuf Einzelnamen für jedes einzelne Geschütz 
und entwickelte die so erwachsende Menge dadurch auch zu groester 
Mannigfaltigkeit, daß sie die Namen nicht mehr bloß aus der Thier- 
welt, sondern auch aus der menschlichen und von noch anderen Ge- 
bieten des Lebens holte. Thiernamen sind z. B. (ich gebe nur 
Beispiele des 15. und 16. Jahrhunderts und entnehme dieselben zu- 
meist aus Schmellers Bair. Wörterb. 1, 147 und der Geschichte der 
Zürcherischen Artillerie v. Nüscheler, Zürich 1850, S. 15 fgg.) Äff, 
Brach, Falk, Falkonet, Fledermaus, Fuchs, Hornuß , Hurlebus oder 
Hurlebaus d. h. Brummkatze (vgl. Kurz zu Murners Lutherischem 
Narren S. 226), Leive (Uhlands Volksl. S. 494), Luchs, Nachtigal 
(Uhland S. 472), Püfel d. h. Büffel, Purlebaus oder Purlapaus s. v. a. 
Hurlebus (Uhland S. 460. Kurz a. a. 0.; burren brummen: Schmeller 
1, 193), Schlange, Schrcetel d. h. Schroeter, Hirschkäfer, und Wolf; 
drei davon, Falkonet, Hurlebaus und Schlange, namentlich dieß 
letztere (Uhland S. 472. Schmeller 1, 147 u. 3, 451), hat die häufige 
Anwendung schon frühzeitig in appellative Allgemeinheit abgeschwächt. 



DIE DEUTSCHEN APPELLATIVNAMEN. 157 

Persoenlichen Sinnes oder Personification junkfraio Falkenet (Uliland 
S. 472), Drometterin, Maurbrecherin , Singerin (Uhland S. 472), Nar, 
Roraff, diese beiden zu Straßburg und letzterer mit Bezug auf das 
Wahrzeichen der Stadt, ein lächerliches Bauernbild an der Münster- 
orgel , benannt (Kurz a, a. O. S. 242; vgl. Brants Narrenschiff 
V. Zarncke S. 434), gleichfalls dort das schon oben S. 130 erwa^hnte 
KeUerlin von Einsen d. h. Ensisheira , ferner Metz, niederdeutsch 
3fette und Metteke, das Kosewort zu Mechtild, worüber ausführlicher 
im dritten Abschnitte zu handeln ist, auch dieß aus dem ursprüng- 
lichen Sinn einer Eigenbenamung alsbald ein Appellativ geworden 
(Frisch 1, 662 b; Uhland S. 472; Schmeller 1, 147 u. 3, 663), ebenso 
endlich das Imperativisch gebildete Weckanf (\]\i\?i\\(\. S. 460. Schmeller 
4, 20). Aber auch die Monatnamen zeigen sich als Namen von Ge- 
schützen angewandt (Nüscheler S. 15 fg. 19), und man dürfte das 
der gleichen Art die Zugochsen zu benennen (oben S. 151) zur 
Seite stellen , wenn nicht die Meinung doch wohl eine so zu sagen 
gelehrtere wsere: in derselben Richtung, nur noch etwas unleben- 
diger, kommen hier auch die Namen der Planeten und der Zeichen 
des Thierkreises, ja einer nach dem andern die Buchstaben des 
Alphabetes vor (Nüscheler a. a. O.) ; bekannt ist, wie Moritz von 
Oranien, als er im J. 1591 die Stadt Nimwegen aus solch einem 
ABC beschoß, von den Belagerten voreilig als ABC-Schütze ver- 
spottet ward. Unsere Zeit numeriert nur noch die Geschütze ; wo 
aber wiederum sie eine neue Freude empfindet, an den Locomotiven 
der Eisenbahnen, liebt und übt auch sie die Eigenbenamung. 

L. Gleich den Geschützen haben dann auch die Thürme, die 
als Warten gegen drohende und belagernde Feinde und selbst als 
Stätten zu deren Beschießung über den Kranz der Mauern sich 
erheben, öfters ihre Eigennamen empfangen. Ein häufig wiederkeh- 
render ist schon oben angeführt worden, der Imperativische Lugins- 
land (S. 130); ebenso gebildet ist Schutt den heim, den ein Volkslied 
des fünfzehnten Jahrhunderts (Uhland S. 303) zu Neuburg au der 
Donau nennt. Einem hohen Kirchthurm , den man überall in der 
Stadt wiedersieht, giebt man im Scherz wohl den Namen Hans in 
allen Gassen: so vormals in Berlin dem Thurm der Marienkirche. 
Und wie Thürme zugleich als Gefängniss dienen, z. B. jener Schutt 
den heim zu Neuburg, so kommt auch bei Gefängnissen die Eigen- 
benamung vor. Eine, die sodann auch appellative Anwendung ge- 
funden, die Kuh, lernen wir durch Schmeller (2, 279 fg.) kennen: 



158 WILHELM WACKERNAGEL 

doch hat seine Vermuthung, daß ursprünglich nicht das Gefängniss 
selbst, sondern ein Stock oder Foltergerseth darin so geheißen habe, 
viel Wahrscheinlichkeit : gerade für dergleichen Dinge liebt der 
grausame Scherz der Vorzeit die Medfertigsten und sogar heitersten 
Namen: ich erinnere an Worte wie Harfe, Geige, Fiedel (Basel im 
14. Jhd. S. 383). 

M. Endlich hoch oben in den Kirchthürmen die weitrufenden 
Herolde des Gottesdienstes, die Glocken. Der Gebrauch diese, 
bevor sie ihr Amt antreten, förmlich auf einen Eigennamen zu taufen, 
wird kaum viel jünger als der Gebrauch solcher Glocken selbst 
sein : "wenn sich letzterer nm* bis in die zweite Hälfte des sechsten 
Jahrhunderts zurückverfolgen lässt (Ottes Glockenkunde S. 3), so 
war schon zwei Jahrhunderte nachher die Einsegnung mit Wasser 
und Salz und Oel, die das Ritual der Kirche hier allein vorschrieb, 
in den Sinn einer Taufe, d. h. auch einer Namengebung ausgeartet, 
und Karl der Große mußte in dem Capitulare von 789, 18 (Pertz 
Monum. 3, 69) das Verbot ergehen lassen „Ut clocas non baptizent." 
Das Capitulare fsehrt sogleich fort „nee cartas per perticas appen- 
dant propter grandinem," man solle auch keine Zettel mit Segens- 
sprüchen gegen den Hagel an Stangen befestigen. Dieß deutet darauf 
hin, was vorzüglich mit der Taufe der Glocken bezweckt worden: 
e.s sind von je her zuvörderst Heilige gewesen, auf deren Kamen 
man die Glocken tauft, und dieser Name, dieser Heilige selbst soll 
nun gegen das Hagelwetter schützen. Karls Verordnung ist erfolglos 
geblieben : bis auf den heutigen Tag braucht der Aberglaube die 
Glocken zum Wetterläuten und die auf dem Aberglauben beruhende 
Sitte tauft und benennt sie; mit dem ältesten nachweisbaren Beispiel 
einer eigenbenamten Glocke steht sogar ein Pabst selber in Verbin- 
dung, Johannes XIII, der im J. 9(38 einer Glocke des Laterans zu- 
gleich nach sich und nach dem Heiligen der Kirche den Namen 
Johannes gab (Otte S. 12). Und wie uns dieser Beleg nach Italien 
und dem Mittelpunkte der abendländischen Christenheit führt, so gilt 
der Gebrauch der Glockennamen für alle Völker und Zungen der- 
selben, nicht bloß und auch nicht vorzugsweise für die Deutschen; 
Sagen, wie sie hie und da auf deutschem Boden vorkommen, daß 
Glocken, die nicht getauft und benannt, also noch unheilig und 
gleichsam wesenlos sind, darum ein Spiel und ein Raub des Teufels 
werden (z. B. AVolfs Deutsche Sagen S. 446 und dessen Niederländ. 
Sagen S. 300. 560 fgg.), dergleichen Sagen kommen gewiss auch 



DIE DEUTSCHEN APPELL ATI VNÄMEN. 159 

außerhalb Deutschlands vor und überall Inschriften, welche die 
Glocke selbst in erster Person reden lassen, und auch andere Völker, 
nicht bloß wir, kennen die scherzhafte Umdeutung des Glockengeläutes 
in Worte der menschlichen, der Landessprache, wie zum Beispiel, als 
sich vor einem Jahrzehend die Naturforscher in Wien versammelten, 
das Geläute der Kirchenglocken von außerhalb der Stadt an bis in 
deren Mitte folgender Maßen ausgelegt ward: „Sie kommen, sie 
kommen; Sie sind schon da, sie sind schon da; Was wollen sie machen? 
was wollen sie machen? Fressen und saufen, fressen und saufen; Wer 
wirds zahlen? wer wirds zahlen? Bürger und Bauern, Bürger und 
Bauern", und der richtige Berliner sogar von der Gertrautenkirche, 
von dem Dom u. s. f. herab die Namen seiner Lieblingsbranntweine 
beert: Kümmel- Anis, Wachholder, Pomeranzen. Kürzer ein altes 
Sprichwort bei Sailer S. 60 „Lamm, Lamm ist des Wolfes Vesper- 
glocke" (vgl. Haupts Zeitschr. 6, 286 fg.). Und nicht so bloß scherz- 
haft die mannigfachen, besonders norddeutschen Sagen von den Ge- 
sprsechen versunkener und wieder emporgekommener Glocken (Nordd. 
Sagen, Mserchen und Gebräuche von Kuhn und Schwarz S. 476 fg.) 
und von Glocken, die unablseßig den Namen des Ortes rufen, an 
dem sie vormals gewesen sind oder nach dem sie verlangt (ebend. 
S. 4. 58). Um aber noch eins in besonderem Bezug auf die deut- 
schen Glockennamen zu bemerken, die Behauptung Ottes (Glocken- 
kunde S. 12), daß männliche Namen nur in den älteren Zeiten 
vorgezogen, spa?terhin dagegen am häufigsten weibliche seien gewsehlt 
worden, unterliegt für Deutschland wenigstens sehr der Einschrän- 
kung, zumal wenn die ältere Zeit schon mit dem eilften Jahrhundert 
ihr Ende nehmen soll. Otte führt selbst die Erfurter Glocken Andreas, 
Joseph, Christoph und Johannes an, die sämmtlich erst im achtzehnten 
gegossen sind ; der Theodolus des Basler Münsters, der sich in seiner 
Rundschrift selber so benennt und auch im Relief das Bild dieses 
eigentlichen Glockenheiligen trsegt, ist vom J. 1494 (die goldene Altar- 
tafel V. Basel S. 25), und daß z. B. der Sigismund zu Danzig, der Carolxis 
zu Antwerpen (Wolfs Niederl. Sagen S. 560), das Glockenpaar Peter 
und Paul zu Köln, von denen ganz im Gegensatz zu dem sonstigen 
Volksglauben Fischart sagt „Wolt einer drumb nit mehr der alt Peter 
und Paule sein, dieweil die wettermacherischen Glocken zu Colin also 
getaufft sind?" (Gargantua M 6 rw.), daß diese und manch andre gleich- 
falls männlich benannte Glocken älter als das zwölfte Jahrhundert 
seien, wird erst der Nachweisung bedürfen. 



160 L. TOBLER 

HAUS, KLEID, LEIB, 

VON 

L. TOBLER. 



„Es hat etwas ungemein Heimliches", sagt unter dieser Über- 
schrift Wackernagel in Haupts Zeitschr. f. d. A. 6, 297, „wie in den 
Sprachen unsers Stammes die Begriffe Haus und Kleid mehrfach in 
dieselben Worte zusammenfallen, hämo, hemidi, camisia gehören 
mit camara, hamit zu derselben Wurzel (warum nicht auch mit heimi, 
himil, dem Hause der Götter ?) ; gards und gurt, gadum : fixtäv, casa 
— hosa, capella — capa, altn. serkr, Kleid, ahd, sarch, beide von 
saro, Rüstung, und Kleid selber wie mhd. glet vom mlat. cleda; 
auch der Idivog firdtv Ilias 3, 57, die xH'fioav xi{)-(ävsg Herod. 7, 139, 
die lorica und der Mantel der deutschen Baukunstsprache sind 
Belege dieser Begriffspaarung. Das Kleid ist also ein Haus des 
Leibes ; dieser selbst wird wieder bald als Haus, bald als Kleid, der 
Seele nämlich oder des göttlichen Geistes, verstanden und benannt." 
Für diese letztere Anschauungsweise führt W. eine Anzahl von 
Stellen aus der h. Schrift und aus altdeutschen Quellen an , auf 
welche wir, so wie auf die obigen Wortvergleichungen, unten aus- 
führlicher zurückkommen^ und schließt seine Zusammenstellung damit, 
daß auch die Schwanhemden, die Eselshaut im Märchen, der Ge- 
staltentausch der Werwölfe und der zwischen Günther und Sigfrid 
hieher gehören. 

Es ist natürlich, daß Wohnung und Kleidung, die ältesten 
Bedürfnisse des Menschen, welche auch im Lauf der Culturgeschichte, 
bedingt durch Klima und Wohlstand, immer neben einander sich ent- 
wickelt haben, ihre ursprüngliche Verwandtschaft schon in den Namen 
offenbaren. In der That konnte auf der untersten Stufe des Bewusst- 
seins, wo überhaupt alle später schärfer auseinandertretenden Unter- 
schiede des Daseins noch in dunkler Einheit eines um so innigeren 
Gefühles zusammengeschlossen lagen, die Wohnung gleichsam als 
erweitertes Kleid , das Kleid als enger anliegende Wohnung des 
Leibes empfunden werden, wie uns etwa die einfachsten und unent- 
behrlichsten Geräthe, besonders Werkzeuge, als Wiederholung, Ver- 
vollkommnung, Stellvertretung der Glieder des Leibes erscheinen. 
Wichtiger aber und doch noch ebenso natürlich ist, daß die Parallele 



HAUS, KLEID, LEIB. 161 

noch weiter nach innen gerückt wurde und in zweiter Linie der 
Leib für die Seele dasselbe zu sein schien , was für ihn Wohnung 
und Kleidung hieß, so daß wir von hier aus in den weitern Zusam- 
menhang mythologischer Vorstellungen über das zu allen Zeiten so 
vielfach besprochene Verhältniss von Leib und Seele geführt werden. 
— Es lohnt sich wohl der Mühe , dieses ganze Begriffsfeld etwas 
genauer zu durchgehen und zu versuchen, ob und wieweit die Ety- 
mologie sich für die Realien verwerthen lasse. Es fragt sich aber 
hier zunächst, ob wir befugt sind, aus der etymologischen Verwandt- 
schaft von Wörtern ohne weiters auf eine dabei zu Grund gelegene 
Verwandtschaft der Dinge in der Vorstellung des sprechenden Volkes 
zu schließen ; (ein bloßes Gefühl von „Heimlichkeit" kann der 
Wissenschaft doch schwerlich genügen.) In jener Allgemeinheit 
muß die Frage verneint Averden ; denn der Boden , auf welcliem 
Wurzeln und primäre Ableitungen sprießen, ist so schlüpfrig, daß 
man ebensoleicht sehr Vieles als Nichts verwandt finden mag , und 
es erhebt sich sogleich die noch tiefer in sprachphilosophische Spe- 
culation eingreifende und für alle Etymologie entscheidende Frage, 
wie überhaupt die Bildung von Stämmen und Ableitungen aus den 
sogenannten Wurzeln zu verstehen sei : ob dabei an ein zeitlich 
objectives oder nur begriflflich subjectives Hervorgehen eines Spätem 
aus einem Frühern zu denken, oder ob die richtige Vorstellung 
nicht eher die sei , daß in einer mit schöpferischer Bedeutungsfülle 
begabten Lautverbindung in dynamischer Weise eine Menge Wörter 
für sinnverwandte Gegenstände ursprünglich und gleichzeitig 
enthalten waren und gelegentlich allerdings eins nach dem andern 
daraus hervortraten , aber ohne daß man sich dabei der Herkunft 
der Ableitungen aus dem Urwort oder vollends eines genetischen 
Verhältnisses der Ableitungen unter sich in einer für die Vorstellung 
von den Gegenständen maßgebenden Weise bewusst war. Im letz- 
tern Falle wäre die Sprachbildung durchaus nicht von einer con- 
gruenten Begriffsbildung erzeugt, getragen oder auch nur begleitet, 
sondern sie wäre ein mehr nur physiologischer, von einem gewissen 
Punkt an mechanischer Frocess, der, nach eigenen Gesetzen, dem 
Denken bald vorauseilte, bald nachfolgte. Die neuere Sprachphilo- 
sophie scheint sich fast der letzten Ansicht zuzuneigen, es ist aber 
hier der Ort nicht , dieselbe weiter zu erörtern ; es muß genügen, 
daß wir, der im Gegenstande liegenden Schwierigkeiten bewusst, beim 
Schließen von den Worten auf die Dinge die nöthige Vorsicht walten 

GERMANIA IV \\ 



162 L. TOBLER 

lassen, besonders auch die Modification in Anschlag bringen, welche 
einem Worte erst durch ein ableitendes Element zuwächst (hämo -, 
heni - idi, capa, - cap - ella). Am meisten Beweiskraft hätte es, wenn 
sich an Einem Worte , sei es vorhistorische Wurzel gewisser Ablei- 
tungen oder im historischen Sprachgebrauch selbst vorkommender 
Stamm, ursprüngliche Gemeinschaft oder spätere Übertragung zwi- 
schen den drei genannten Begriffssphären nachweisen ließe; ein sol- 
ches Wort ist aus unserm nachher aufzuführenden Verzeichniss viel- 
leicht imr ham mit seinen Verwandten. Unsicher bleibt, wie viel 
man aus vmläugbarer Wurzelverwandtschaft von Wortpaaren wie 
gart und gurt, Kleid - cleda und aus möglicher zwischen Haus, 
Haut, heim zu entnehmen habe; denn aus Wurzeln der allgemeinen 
Bedeutung: „Hüllen, Decken" sind noch Namen vieler anderen Ge- 
genstände abgeleitet, die uns kein Gefühl von engerer Verwandt- 
schaft einuößen. Am wenigsten Gewicht ist auf solche Wörter zu 
legen, wo die Metapher offenbar bloß auf theilweiser äußerer Ähn- 
lichkeit der Dinge beruht oder nicht der allgemeinen Volkssprache 
angehört, wie bei mehrern Ausdrücken für Kleidungsstücke und 
Theile von Gebäuden. Dagegen sind beizuziehen, auch ohne etymo- 
logischen Zusammenhang, einzelne bildliche Ausdrücke der Volks- 
sprache und Poesie ; denn die letztere besonders wandelt in den 
Fußstapfen der ersten Sprachschöpfung, erhält deren uralte Natur- 
anschauung, oder frischt sie mit erneutem Gepräge wieder auf, theilt 
freilich auch mit ihr jene wunderbare Vielseitigkeit und Gewandt- 
heit der Phantasie, welche am Ende zwischen Allem und Jedem 
Beziehungen zu finden nie verlegen ist. 

Es sollen im Folgenden die schätzenswerthen Andeutungen von 
Wackernagel weiter ausgeführt, ergänzt und wo möglich zu einer 
Totalvorstellung abgerundet werden. Die Etymologie kann bei den 
einzelnen Gruppen nur skizzenhaft angegeben, und muß der Haupt- 
sache und den Quellenwerken nach als bekannt vorausgesetzt wer- 
den. Wenn wir da und dort eine etwas weite Verwandtschaft abzu- 
stecken und eine sehr unumschränkte Vertauschbarkeit der Laute 
anzunehmen scheinen, so geschieht dieß nicht aus Unkenntniss oder 
wissentlicher Missachtung der sonst gültigen und wohlthätigen Laut- 
gesetze, sondern aus der Ansicht, daß Wörter, die bei analytischer 
Forschung zunächst unstreitig gesondert werden müssen, von syn- 
thetischem Standpunkt aus doch wieder auf einen gemeinsamen 
Grund zurückweisen, und daß bei allzustairem Festhalten an jenen 



HAUS, KLEID, LEIB. 163 

Gesetzen, die doch ebenso anerkannter Maßen zahlreiche Ausnah- 
men erleiden, aus der Sprache ein Gewinn für die Culturgeschichte, 
Anthropologie und Völkerpsychologie nicht zu ziehen ist. 

L HAUS - KLEID. 

1. Gr. f/jWrt f. küfia (Spir. asp. für Digamma) Homer, iccvog, üa- 
j'Os* f. i(Tav6g eig. adj. anziehbar, neutr. subst., ia^rjg bedeuten: Kleid. 
iariAco (dessen Augment u das vorn abgefallene Digamma beweist) 
bringt zu dem Begriff der Kleidung und dem in andern Ableitungen 
herrschenden der Wohnung den gleich alterthümlichen der Nahrung, 
welche (belbst der Ansicht moderner Physiologie gemäß) als beklei- 
dende und wie Kleidung und Wohnung wärmende Ausfüllung der 
Innern Körpertheile (des Zellgewebes mit aufliegenden Fettschichten 
etc.) gefasst werden könnte, wenn nicht eariäx) ursprünglich beher- 
bergen, gastlich aufnehmen heißt. Nackte kleiden. Hungrige speisen, 
Obdachlose herbergen sind gleich alte Gebote der Religion und 
Menschlichkeit, z. B. Matth. 25, 35 — 6; das friesische Gesetz nimmt 
als die drei Hauptnöthe , wo es einer Mutter erlaubt sein soll , das 
Erbe des unmündigen Kindes zu verkaufen , um daraus sein Leben 
zu fristen, Hunger, Nacktheit, Obdachlosigkeit in hartem Winter an 
(Grimm, R. A., S. 49). Auch der Luxus der Tafel hat mit dem der 
Wohnung und Kleidung gleichen Schritt gehalten. — Gi*. noch Fdazv, 
eig. Wohn statt, formell =: Skr. vastu, dessen Bedeutung ähnlich 
der des deutschen wist: substantia, mansio, cibus. wesen, eig. 
bleiben, wohnen, wie noch mundartl. (Schweiz) der subst. Lifin, 
Wesen, Heimwesen zz Hof, Gut mit darauf haftender Landwirth- 
schaft. Doch haben wir auch goth. vasti(ja), vastjan rz: vestis, 
vestire, (neben vestibulum, Vorhof.?) Skr. vas bedeutet auch ver- 
weilen, wohnen. Kuhn (v. d. Hagens Germania 6, 244) nimmt als Grund- 
bedeutung : leuchten (vas zz us brennen , wovon usas =z r/cos', aurora, 
ostara, auch Vesta, 'E(Tri'a) , dann: wärmen, kleiden. Wie nun die 
Flamme des Herdes zugleich Symbol der festen Wohnung, so habe 
das Deutsche diesen Begriff zu dem des allgemeinen Wesens erwei- 
tert, als des Bleibenden an den Dingen, gleichsam ihrer Ge- 
wohnheit. 

2. Lat. habitus bezeichnet überhaupt: Beschaffenheit, Gestalt, 
Haltung, Befinden, Gehaben, des Körpers und des Geistes. Es 
heißt auch: Kleidung und hat sich so im fz. habit erhalten, wozu 

11* 



164 L. TOBLER 

das vb. liabiller, aus habitulare? während habitare, liabiter wohnen 
bedeuten. Lat. cultus steht von Bearbeitung und Bewohnung der 
Erde, bedeutet aber auch, oft mit habitus verbunden, Pflege des 
Körpers , besonders in Ansehung der Kleidung ; Schmuck , Putz, 
auch in der ganzen Hausordnung und Lebensweise. 

3. Skr. mandira, stabukim, gr. fidrÖQu, Pferch, Hürde, Stall; 
auch Einfassung des Steines im Ring. fidvSalog , Riegel. iA.avdvg, 
(xavdvai;, - vt] , Oberkleid. Ahd. mantal, nord. mötull. Hier scheint 
die Ideenverbindung schon weniger gemüthlich vmd innig, denn das 
gr. [iccvd bedeutet nie menschliche Wohnung, und der gemeinsame 
Grundbegriff scheint mehr der des Schutzes als der traulichen Um- 
gebung. Die Wurzel (min - t - an) bedeutet nach Dietrich, Haupt 
Z. f. d. A. 7, 177, umschließen, hegen (auch in Gedanken, daher 
die große Wortfamilie min, man, mun für geistige Thätigkeit), schir- 
men. Daher raunt, Schutzgewalt, eig. Hand (manus) die schützende, 
umfassende. Altn. mund, n. auch Maß, abgeschlossene Zeit. Ferner, 
nach Grimm, Haupt a. a. 0. 456, auch muntar, expeditus , eig. =. 
behende, mundr, dos (in manum data) und: manipulus (handvoll). 
Auch Mund, os muß als fassendes oder bergendes (vrgl. die Ver- 
wandtschaft der Namen für Gaumen und Himmel, beide als Höhlung, 
Wölbung, a. a. O. G, 541) der Hand vielfach (auch in Formeln und 
Rechtsgebräuchen) verwandtes Organ hieher gehören , obwohl die 
dentalis einer andern Stufe angehört ; sie ist aber nur ableitend, 
und nach Nasalen wird das Lautverhältniss oft gestört, wie auch in 
altn. mötull, mud, der Nasal selbst schwindet. — Verwandtschaft 
der Wurzelform mun (ü) mit d^vrco, [avvt], moenia, munire würde die 
von min mit (xifiova, mens etc. ausschließen oder zurückdrängen. 

4. Mantel bedeutet bekanntlich in der Baukunst eine gewisse 
Form hüllender oder schützender Wände. Kragsteine heißen aus 
der Mauer hervorragende, auf deren vorgestrecktem Hals wie ein 
Kragen aufsitzende (oder selbst den Hals vorstreckende, daher auch 
Gaffer genannt). Auch Kranz , Krone , Gurt (an Gewölben) Sims 
(zu ahd. simo , Riemen) zeigen Übertragung von Gewand auf Ge- 
bäude. Lorica ist Brustpanzer und Brustwehr, ebenso &03()a^ 
(^Ttr/äv) , eigentlich der äußere Theil einer ausgefüllten Mauer. 
Auf romanischem Gebiet finden wir neben casa, casula it. casipola 
Hüttchen, span. casulla und fz. chasuble, Messgewand, afz. Mantel, 
fz. casaque, Jacke. (Über die Verwandtschaft von casa mit Hose 
s. unt. Haus.) Span, cappa, Mantel. (Fz^ chapeau, deutsch Kappe, 



HAUS, KLEID, LEIB. 165 

Kaputze nur der über den Kopf ziehbare Theil der eigentlichen den 
ganzen Körper umhüllenden Kleidung.) Altsp. Hütte, it. capella, 
kleine Kirche. In allen diesen Fällen ist vielleicht mehr nur an 
äußere, nachti'äglich und nicht allgemein empfundene Ähnlichkeit 
des irgendwie Deckenden, Herabhangenden, Umschließenden dieser 
Kleid- und Bauformen zu denken. Afz. sagte man auch cappe du 
ciel, und cloche hieß: Mantel, jenes gewiss nur wegen der Decke, 
dieses Avegen der bauschigen runden Form. Wenn endlich nhd. 
(und schon mhd.) Tünche, Wandbekleidung zz tunica ist, so haftet 
dieß vollends an der Oberfläche; der Mauer wird eben ihre Beklei- 
dung „angeworfen", wie man den Mantel „umwirft". Es sind das 
Beispiele aus der zahllosen Menge vergleichender Metaphern, wobei 
die Sprache alle Gebiete des Daseins, besonders des natürlichen, 
belebten und leblosen, eben zu geistiger Belebung in- oder neben 
einanderrückt; Menschen bekommen Thier- und Sachnamen, Geräthe 
sind Thiere, Familien wachsen wie Bäume, der menschliche Körper 
ist selbst ein Baum und eben darum Symbol der leiblichen Ver- 
wandtschaft; „Augen" haben auch Pflanzen und Häuser, „Ohren" 
Buch und Geföß, Berge heißen Sattel, Joch, Hörn, haben Rücken 
mit Grat, Abdachung, Kuppen (Köpfe oder Kappen); die Erde 
hat ihre jahreszeitlichen Kleider, die ganze Welt ist ein Gebäude 
u. s. f. 

5. Ena-er wieder erscheint die Wurzelverwandtschaft von altn. 
hamr. Haut, Kleid (auch Leib, Gestalt, ahd. lih - hämo etc., Avovon 
ausführlicher unten), hem, culeus, exuvire, ags. hama, in comp. - ham, 
tegmen. goth. hamön, kleiden, mhd. hame, Netz. (gr. y.rj^iö^, lat. cä- 
mus ?) ahd. hemidi, Hemde, mlat. camisia (nach Diez zunächst aus 
dem Celtischen) mit gr. lat. camara, Gewölbe, gewölbt Bedecktes 
j (verw. xän - TiTM , beugen, celt. kam, curvum esse). Von derselben 
I Wurzel stammt ahd. himil, goth. nord. himin, das deckende Gewölbe. 
Das ags. heofon alts. hebhan scheint zunächst die Erhebung zu 
bezeichnen, vielleicht aber zugleich die Umfassung. (Heben und 
haben, goth. nicht auf derselben Stufe der Labialis, sind doch nahe 
verwandt, Schweiz, sogar in Form und Bedeutung fast durchweg zu- 
sammenfließend). Jedenfalls geht das sächsische Wort auch wegen 
der Verwandtschaft von m und f (b) von ähnlicher Anschauung wie 
him (-in, - il) aus. Den Himmel glaubte schon Wackernagel als 
„Wohnung" (der Götter) hieher ziehen zu dürfen, nur daß er das Wort 
zu heim zieht, dessen m uns nicht wurzelhaft scheint (s. unt.); von 



166 L. TOBLER 

Seite der Kleidung erinnern wir neben dem schon oben angeführten 
cappe du ciel, an das altn. himinskaut (Schooß) neben rodullstialdi 
:^ Himmels-Zelt. Das Zelt ist die älteste, einfachste, dem Kleid 
(besonders im Stoff, Tuch oder Haut) nächste Form des Hauses, 
die Vorstufe der Hütte aus Laub, Reis, Brettern, Lehm. — Dem 
himil entspricht formell lat. cumulus, zunächst wieder Erhebung be- 
zeichnend ; wie nahe aber der Begriff des Deckens daran stößt, zeigt 
die Etymologie des deutschen „Ber-g" (Fortbildung von Wurzel ber, 
lat. gr. fer) in seinem Verhältniss zu „bergen" ; das Hohe „birgt", 
deckt eben das darunter Liegende. Um in diesem Zusammenhang 
auch der Erde nicht zu vergessen, setzen wir zwar die von Dietrich 
(Haupt Z. 5, 218) aufgestellte Gleichung: nord. haudr, terra, solum: 
hüd (cutis) zz: ahd. herd: herdo, vellus, her, ohne jedoch ihre Prä- 
missen und Folgerungen vertreten zu wollen, besonders was das 
zweite Glied der Proportion betrifft; denn Herd gehört doch wohl 
zu Erde, oder, wenn h wesentlich ist, wäre vielleicht eher ahd. 
herdar (goth. hairthra) viscera zu vergleichen, da in herdo die Be- 
deutung vellus ■=: Haut kaum ursprünglich, sondern aus der Wurzel- 
bedeutung von Herde, Hirt (Hort, goth. huzd, lat. cust, bewahren?) 
abzuleiten scheint. Dagegen mag zur Bestätigung des ersten Gliedes 
in sachlicher Hinsicht angeführt werden, daß „swarte" auch von der 
bewachsenen Erdrinde gilt, altn. svördr, cespes. 

6. Da wir vorhin fanden und unten noch deutlicher finden wer- 
den, daß ham. Haut, auch „Kleid" bedeutet, sofern die Haut wirk- 
lich als innerste, nächste „Bekleidung" des Leibes gefasst werden 
kann, nach dem bekannten Sprichwort: die Haut ist näher als das 
Hemde, wie umgekehrt das Kleid als verdichtete, ursprünglich wohl 
selbst aus Thierhäuten bestehende Haut; da ferner schon im Vorigen 
für die Etymologie von Haus, Hose, heim auf Folgendes verwiesen 
werden musste, so fassen wir hier, ohne streng logischen oder ety- 
mologischen Zusammenhang behaupten zu wollen, diese so vorläufig 
besprochenen Wörter mit einigen andern zu näherer Betrachtung 
zusammen , da sich daraus immerhin mehrfache Verwandtschaft von 
Ausdrücken für Haus und Kleid ergibt. 

Zunächst seheinen verwandt Haut und Haus, beide mit ablei- 
tenden Consonanten von Wurzel hiu, hiw, zu welcher weiter gehören 
hiuri, geheuer, d. h. heimisch, sicher, selig [dieses zwar zunächst zu 
goth. sels, das doch nur zweiter Ablaut von der Wurzel silan, Grimm, 
Nr. 561, wovon das kurzsilbige sal etc. und dazu sich verhaltend 



HAUS, KLEID, LEIB. 167 

wie Wonne: Wohnung, Gemach (Zimmer): Gemach (Ruhe), ssehle: 
selde] heuern, ags. hyrian, holl. huuren (Wohnung) mieten, s. Köne 
z. Heliand 2147. goth. heivs, oho^, hethjo, Kammer, f. heivathjo. 
altn. hi mansio , domus [wozu hia , müßig (zu Hause) sein , feiern. 
heya, pflegen, oberd. heien] und die bekannten amhd. composita und 
derivata von hi (w) für die Begriffe: Häuslichkeit, Ehe, Familie, 
Niederlassung. Ferner ziehen wir hieher, als consonantische Ablei- 
tungen: heim (Grimm, Gramm. 2, 145). ags. hseman, coire. ha?med, 
nuptife, was hochd. hi ohne ableitendes m bedeutet; hiv (hio, heöv) 
species, forma, ahd. heit, Geschlecht, Volk, abstr. (Lebens) Weise, 
Wesen. Vielleicht auch noch westf. huwe, hüwe, Bienenkorb (wenn 
es nicht, wie Köne zu Hei. 600 vei'muthet, z=. Haube ist, in welchem 
Fall es in unsern Zusammenhang dieses Wortes (s. unt.) ebenso gut 
passt) und kauern, wenn es := gehauern, Schweiz, hure, sich nieder- 
lassen, oder wie keuchen: hauchen. Griech. entspricht dem deutschen 
heiv, haim, hi: yda&ai, xmut], xoi'rt], xäccg (Vlies), xcöoc, Höhle, Lager. 
■Atl^(o, d[icpi-, nioiy.tc-oveg (r bloße Verstärkung von x). lat. civis, 
cevere, qui - escere. cu - nse, coena. curia, cicur (redupl. zz hiuri). 
lith. kaimas , Dorf, kaimynas, vicinus. Dieffenbach, goth. Wörtb. 
2, 585 meint nun zwar, die nahe Berührung der Bedeutung von hüs 
mit hi- (Haus auch z=. Familie, hüsrät auch zi hirät, Hochzeit) 
dürfe die Formen nicht allzunahe vergleichen lassen, da das urspr. 
kurze u in hus nicht aus ü zz in, iv entwickelt sein könne und 
eher eine Wurzel hus vermuthen lasse, von der Bedeutung : condere, 
servare, wozu vielleicht goth. huzd, ahd. hört, lat. cust. Wir halten 
aber die Zusammengehörigkeit von hüs mit hi(w) für einmal noch 
fest, da uns ein kurzes u in hus ebenso zweifelhaft scheint, als ein 
daraus in so früher Zeit verlängertes. Schwieriger ist, sichern Zu- 
sammenhang von hüt mit hüs etc. nachzuweisen. Dietrich a. a. O. 
bemerkt, daß sich altn. für hüd auch ha finde und erklärt dieß aus 
haiv, wie säla aus saivala. Für hüd selbst und die nächstverwandten 
hydi exuvise ; lustrum. haudr tei'ra (s. oben) ags. gehyd, verborgener 
Sitz, hodma, Wolke, heodo, operculum. hyd, portus, ist wohl wieder 
eine aus jener gemeinsamen consonantisch fortgebildete Wurzel hiud 
(vgl. ags. hydan, engl, hide, hochd. huotan, der, die huot mit anderer, 
doch im Diphthong des prseterit. verwandter Ablautsreihej von der 
Bedeutung: abscoudere, tegere, r: xtv&co (neben xvzog , lat. cutis, 
vielleicht Fortbildung von xvoo, schwanger sein, d. h. in sich fassen, 
aufschwellen , bergen) anzunehmen. Jene Bedeutung sagt auch der 



168 L. TOBLER 

einfachen Wurzel hi, hiu und deren Ableitungen zu; sonst genügt 
für diese die Bedeutung : sich niederlassen , wie sie im griech. ;<*/(», 
xi'o) und dessen bereits aufgezählten Ableitungen erscheint, aber den 
Begriff „decken" leicht aus sich entwickeln konnte, sofern man das 
deckt, worauf man sich niederläßt. Endlich ließe sich noch, beson- 
ders für die Formen mit hi, hei, vergleichen ahd. (gi) hei, uredo, 
cauma; arheien, ajstuare ; hei Nebel, - Rauch. Heiter, heiß. Diese 
Wörter werden sonst entweder zu xaim oder, wenn h prosthetisch, 
mit eit, ignis zu ai&rn gestellt. Von der Bedeutung „fovere" aus 
ließe sich aber die der Niederlassung ähnlich herleiten, wie oben 1) 
bei vas. — Haut berührt sich gewiss auch mit Hütte (s. unt.) ; aus 
Häuten waren, wie schon bemerkt, die ältesten Häuser (Hütten) 
sowohl als Kleider. Haut und Haus werden auch beide in scherz- 
hafter Volkssprache für : Mensch, Person gebraucht (s. unt). Ist aber 
mit alledem die nahe Verwandtschaft von hüt mit hüs und von hüs 
mit hi nicht bewiesen , so bietet sich für letzteres wenigstens solche 
mit Hose dar, von der gemeinschaftlichen Wurzel hiusan (vgl. oben 
die Ansicht von Dieffenbach) Hose, bairisch auch Fruchthülse, Balg 
bedeutend, wird sonst mit lat. casa combiniert, dessen roman. Ablei- 
tungen wir oben schon (4) angeführt haben ; griech. •Aäaai; heißt : 
Pferdedecke. Ob lat. castula (Mieder) castrum, cassis (Helm; Garn) 
cista (Kasten) irgendwie hieher gehören, oder ob ihr s Assimilation 
des d von Wurzel cad, wovon gr. x6(T^og, lassen wir unentschieden. 
Nach Grimm Gramm. 3, 451 ist das schwäb. heß zz mhd. hseze, 
hez, ags. hat (Hut), häter, ganze Kleidung (cf. capa). Ist hingegen 
die Schweiz. Aussprache g'hfies (langer Vocal und weiches s) := Ge- 
wand, richtig, so wäre dabei, nebst casa, an Wurzel hisan (Grimm 
Nr. 550) comare, tegere, zu denken, wovon Hase (wegen seines 
Pelzes), här, hasel (wegen der zottigen Gestalt der Blüthen, Lämm- 
chen, Kätzchen), ahd. haru, Flachs ; hara, sagum, Saccus. Das ags. 
hise (mas, juvenis) müsste als „comatus" gefasst werden dürfen, das 
adj. hasu, ahd. hasan als ornatus (?). 

7. Goth. gairdan, cingere. gairda, cingulum. altn. giörd, girdi, 
vimen. goth. gards, domus, garda, stabulum. altn. gardr, agger, prse- 
dium. gerdi, sepes. ahd. karte, sepimentum, hortus. eigentl. Ein- 
zäunung, Kreis überhaupt, daher auch von großen Bezirken: 
goth. thiudan-gardi, ßaailda. ahd. mitti(l) gart, merigart, der 
meerumschlossene Erdkreis. Gurt, Gürtel, jenes auch architec- 
tonischer, dieses geographischer Terminus, slav. grad", russ. gorod', 



HAUS, KLEID, LEIB. 169 

urbs (cf. orbis). griech. )[6Qtog , Gehege, Hot', lut. hortus. chors 
(cohors) Hof. 

8. Ahd. gadem wird von Wack. mit ;(tTcoj' verglichen ; beide 
Wörter sind sonst dunkler Herkunft; denn gadem steht von Gatter, 
Gitter, Gatte, Gatten, altn. gadden, Netz, gaddr, Schanze, gatta, be- 
festigen, ged, mens (Sammlung?) ags. gidd, poema, gader, simul, 
una. gaderjan, verbinden, ahd. bigaton, berühren, in der Consonanz 
zu sehr ab, so daß nichts übrig bleibt, als an eine einzel stehende 
oder unverschobene Bildung von der allgemeinen Wurzel ga (Ver- 
bindung, vgl. die Partikel ga-) zu denken. Bemerkens wertli ist aber 
der Gebrauch des gr. -j^itcov in den schon von Wack. citierten Stellen. 
Ilias 3, 57. heißt kdi'vog yircSi' die Decke von Steinen, die über einem 
Gesteinigten liegt (wie ein Leichentuch oder Grabmal?). Hercd. 7, 
139. heißen rtijtcov xiOwng die Verschanzungen auf dem Isthmus, 
hinter welche die Hellenen sich vor den Persern zurückziehen konn- 
ten. Also iz: lorica, denn iizm> bedeutet auch: Waffenrock, Panzer, 
Fußbekleidung ; überhaupt Bedeckung , auch : Netz , Gewebe (der 
Spinne) Pflanzenhülse, wie tunica, Hose und span. caraisa. 

9. Ahd. saro, Rüstung, goth. pl. sarva. nord. serkr, Kleid, ahd. 
sarch (?), „daz hüs von siben vüezen" (Vrid. 163, 15). Das mhd. 
sarche, f. leitet doch Wack. selbst aus sarcophagus. Es wäre be- 
deutsam, wenn das griech. aä^^ selbst, welches freilich nur im NT. 
ZI Leib, leibliche Hülle der Seele steht, gewissermaßen als „Sarg, 
Grab" gedacht w<äre, wie in dem orphisch-heraclitischen : tb acöfia 
afj[xa Plat. Grat. 400. C. Pha^do 62 B. Diese Anschauung ist aber 
durchaus nicht die des griechischen Volkes, und (rdo^ (zu lat. sarcio) 
bedeutet wohl nur das Gewebe der Fleischfasern, gleichsam ein ge- 
nähtes Kleid, wovon unten IH. Dagegen ist die Auffassung des 
Sarges als enger Kammer, letzter Wohnung u. s. w. in der christ- 
lichen Volksansicht gangbar. 

10. Wack. stellt zusammen Kleid und glet (Hütte von Rohr 
und Reis) beides von mlat. cleda (Reisgeflecht). Es ist auffallend, 
daß J. Grimm, der Germ. 3, 1 — 6 ausführlich von cleda handelt, 
weder Kleid noch glet in jenen Zusammenhang aufgenommen hat. 
glet nimmt er Gramm. 3, 433 , wohl mit Recht als aus dem slav. 
(kljet) entlehnt, wenigstens gehört es kaum mit Kleid zusammen. 
Dieses letztere Wort aber von cleda abzuleiten, tragen wir kein Be- 
denken ; es wäre eben entlehnt, nicht verschoben, wie die von Grimm 
angeführten: altn. hlid, clivus. goth. hleithra, axrjnj. gr. xIh&qov, lat. 



170 L. TOBLER 

clathri, Riegel, Gitter, Thür. xhala, Hütte etc., alles von hlidan 
tegere. gr. xltutv, xXivHv. Jene Gegenstände waren, so weit sie Woh- 
nung oder Theile davon bezeichnen, nach der Darstellung von Grimm 
geflochten aus Reis wie die clida, auf die Angeschuldigte oder Er- 
mordete erhoben wurden. Wenn nun die allgemeine Beziehung 
zwischen Wohnung und Kleidung nicht ausreicht, um Kleid zz cleda, 
clida zu setzen, so wären auch Kleider aus Stroh- oder Reisgeflecht 
im Jäger- und Hirtenleben nicht undenkbar. Vgl. übrigens das oben 
3) und 4) Beigebrachte und das Folgende. 

11. Hütte, ahd. hutta, ags. hyddan tegere, zu Haut (vgl. ob. 6). 
Wir vergleichen hiemit noch Kutte, afz. cote, rnlat. cotta, altn. ags. 
nl. cot, spelunca, casa, tugurium, stabulum. altn. auch: pectorale. 
nd. kot, fries. kät, Hütte, engl, coat, Rock. Schweiz, hutte heißt ein 
geflochtener Tragkorb, anderwärts: Kotze, wahrscheinlich aus dem 
poln. kosz, Korb, während ein anderes Kotze^ ahd. chozzo, m. eine 
grobe wollene Decke bezeichnet, ahd. chuti, grex, auch caule (vgl. 
cohors, könnte jenem cot entsprechen). Zu Kutte wird wohl auch 
Kittel gehören. Diez leitet afz. cote von cutis : die Kutte umgibt 
den ganzen Körper wie eine Haut; tarnhüt hieß ein solcher Mantel, 
s. unt. Jedenfalls ergibt sich mehrfache nahe Berührung von Wör- 
tern für (gemeine) Kleidung und Wohnung ; auch hier werden wir, 
wie bei der vorigen Nummer, an Flechtwerk erinnert, woraus nicht 
bloß Körbe, sondern auch Hürde, Pferch, Plütte, Kleider gefertigt 
werden. 

12. Wand : Gewand, wenn im letztern -wand nicht wie in Lein- 
w^and statt wät, von weten, binden steht, sondern das um den Leib 
„Gewundene" oder schützend „Vorgewandte" bezeichnet. 

13. Psalm 104, 2 heißt es von Gott: Licht ist dein Kleid. 
1. Tim. 6, 16: der da wohnet im Licht. — Der sterbliche Leib 
wird im biblischen Sprachgebrauch bald als Kleid, bald als Woh- 
nung angesehen. 2. Cor. .5, 1 heißt es daher sogar: to olxrjtriQiov 
Tinäv tb *| ovQavov iTTsvdvaaa&ni und 2. Petr. 1, 13: ?/ dno&taig 
rov (Txrjvcöfiaiog. Die Wohnung wird also „angezogen" und „ab- 
gelegt" Avie ein Kleid. S. H. und HL 

n. LEIB - HAUS. 

Wenn wir von „Körperbau" sprechen, so meinen wir nicht so 
fast den Leib in seiner äußern Ganzheit als einen Bau, sondern das 
Verhältniss und die Art, wie die einzelnen Glieder, ähnlich denen 



HAUS, KLEID, LEIB. 171 

eines Bauwerkes, zusammengefügt sind und in einander greifen. 
Sonst heißt etwa scherzhaft der Kopf das „Dach", das „Häuschen", 
,,Oberstübchen", besonders wenn es darin „nicht ganz richtig" steht 
oder der Bewohner (Verstand) dasselbe für ein Weilchen verlassen 
zu haben scheint. Der altern Zeit war die bildliche Anschauung 
des Leibes als eines Hauses geläufiger und zwar in der ernsten und 
edeln Sprache. 

1. Die epische Poesie der Angelsachsen braucht für „Leib" die 
eigenthümliclien Zusammensetzungen : bäncöfa (cofa , m. cupa [uhd. 
chuofa, Kufe, Behälter] aber auch : cubiculum, cubile, vielleicht mit 
kurzem o zu hd. kobel, koben, Verschlag, Zimmer oder Stall, von 
cafan, cefjan, tegere, vestire. ceaf, palea). bänfät (ossium vas), bän- 
hüs. bänloca (ossium septura, Verschluß, von lücan, claudere), hän- 
sele C-aula). sävelhüs. hredercöfa, hrederloca heißt die Brust als 
Sitz der Lebenskraft (hreder zu hröd, commotio, animus. hred sestus, 
cf. Geist). In Betracht seiner Hinfälligkeit heißt der Leib : thät 
fsege hüs. 

Von diesen Ausdrücken bezeichnen nun offenbar einige den Leib 
an sich, ohne Rücksicht auf die inwohnende Seele, als Bau, im Sinn 
des vorhin erklärten „Körperbau", das Gefüge der Beine gleich dem 
der Balken; die mit hreder gebildeten bezeichnen ausdrücklich den 
Wohnsitz des Lebensgeistes. 

2. Nach Wackernagelö Vorgange ziehen wir auch hier einige 
Bibelstellen bei, theils als Zeugnisse des Alterthums, wenn auch nicht 
gerade des indogermanischen, theils weil doch aus der übersetzten 
Bibel manche Anschauungen und Ausdrücke in die Volkssprache 
eingedrungen sind , sich darin festgesetzt und ähnliche erzeugt 
haben. 

Außer den von Wackernagel citierten Stellen Sap. 9, 15 (wo to 
yimÖEg (Txijrog zz (jcäfia als den Geist drückend genannt wird), Joh. 2, 
19. 21. (die berühmte Stelle, wo Christus imter dem rao^-, den er bre- 
chen und am dritten Tage wieder aufrichten will, „den Tempel seines 
Leibes" versteht), 2. Cor. 5, 1 — 4. oi'dafiev yc(Q, öri, iav rj sTziytiog 
riiiäv oixla rov (jy.rjvovg xazaXv&fj u. s. w. , s. L, 13). 2. Petr. 1, 13. 
tq) 'oo-ov ti^ü iv tovtco rw ay.rjvänari) führen wir, als noch ältere Zeug- 
nisse semitischen Nomadenlebens an: Jesaj. 38, 12: meine Wohnung 
wird abgebrochen und zieht von mir fort wie des Hirten Zelt 
(Worte des todkranken Hiskia). Hieb 4, 19 sind die „Lehmhäuser" 
zwar nicht die Leiber, sondern die wirklichen Wohnhäuser, in deren 



172 L TOBLER 

Armseligkeit auch schon die Schwäclie ihrer Bewohner erscheint. 
V. 21 aber wird der Leib ausdrücklich verglichen mit einem Zelt, 
dessen Tücher durch Stricke befestigt sind: wie diese das Zelt hal- 
ten, so die Seele den Körper. Der Tod ist, wie in der vorigen 
Stelle, das Abbrechen des Zeltes. Von Zelt := Haus etc. ob. I., 5. 
Genes. 47, 9 wird das Leben selbst ein Herumziehen des Nomaden 
genannt. — Eine verwandte Anschauung ist die des Körpers als 
Gefäßes (vgl. oben ags. bänfät). Daniel 7, 15. Jesaj. 53, 12. 
Ps. 141, 8. in der Formel: „die Seele ausgießen", gilt diese als 
Flüssigkeit; sie wohnt im Blut (Gen. 9, 4); so sagt man auch ara- 
bisch: „die Seele strömt aus der Wunde" ; „sein Schlauch wird aus- 
gegossen" =r er stirbt. H. Cor. 4, 7 : s'/^ofiev dt rbv ß^riaavQOV xovzov 
(die göttliche Offenbarung) iv oazQay.ivoig axtveaiv, d. h. in irdischen 
zerbrechlichen Körpern. Vgl. Rom. 9, 21 ff., wo aber, wie in meh- 
reren AT. Stellen , die Creatur überhaupt (nicht gerade der Leib) 
dem Gefäß in der Hand des Töpfers verglichen wird. — Das phy- 
sische Verliältniss der einzelnen Seele zum Körper als ihrem Hause 
wird nun in Paulinischer Anschauung übertragen auf das rein geistig- 
religiöse Verhältniss der Gemeinde zu ihrem Haupt und Herrn. Wie 
die Gemeinde der Leib Christi ist, 1. Cor. 6, 15. 12, 12, Col. 1, 24, 
so wird von diesem „Leibe" oixodonri gesagt, Eph. 4, 12. 16, und heißt 
die Gemeinde der Tempel seines Geistes. I. Petr. 2, 5 {JJOoi ^(ävteg). 
Eph. 2, 21. L Cor. 3, 16. 6, 19. Auch unreine Geister „wohnen" 
im menschlichen Leib als ihrem „Hause". Matth. 12, 44. — Li einer 
mhd. Stelle aus Heinr. Vaterunser (bei Wack. a. a. 0.) wird Gott 
mit einem Zimmermann verglichen, der sich im Menschen ein Haus, 
darin zu wohnen, bereitet hat. 

3. Wack. erinnert noch, daß in den euphemistischen Ausdrücken 
von der Geburtsarbeit: das „Haus" knackt, ist eingefallen, diu „ka- 
mer" wart „entlochen", nur der Mutterleib in Beziehung auf das 
Kind so heiße. So fern aber der Leib überhaupt mit einem Gebäude 
verglichen wird, gehört diese Anschauung immerhin in unsern Kreis, 
während wir unentschieden lassen müssen, ob das auf griechischen 
Denkmälern vorkommende Haus den Leib bedeute. Dagegen darf, 
weil der Leib das Substrat der Person ist, erinnert werden an den 
scherzhaften (student.) Gebrauch von „Haus" in: altes, bemoostes 
Haus etc., wenn derselbe nicht aus Haus zz Familie (genealog.) 
oder z=. Firma (kaufmänn.) abzuleiten, sondern mit dem ähnlichen 
von „Haut" (s. unt.) zusammenzuhalten ist. ' 



HAUS, KLEID, LEIB. 173 

4. Endlich erwähnen wir noch, daß Grimm, Wörtb. „bleiben" 
der „Leib" auch etymologisch als „Wohnung" erklärt wird. Wie 
..bauen" ein Wohnen, Sein ausdrückt und zu „bin" etc. gehört, ist 
auch der Leib die Stätte und Wohnung, der „Bau", das „Bleiben" 
(Be-leiben) der Seele. Leben ist habitare, manere. Wir finden 
unten Anlaß, eine etwas verschiedene Ausdeutung dieser Etymologie 
vorzutragen. 

5. Wenn wir schließlich als Realparallele bemerken, daß nach 
der Auseinandersetzung von Mannhardt (German. Mythen GTö ff.) 
das Seil, womit (von den Nornen) Besitz und Haus umhegt wird, 
mit dem Bande zusammenzuhalten ist, worein das Neugeborne ge- 
wickelt, d. h. der Leib mit der Seele verbunden wird, so haben 
wir bereits den Übergang gemacht zu unserm dritten, wichtigsten 
Verhältniss , wo noch Mehreres , was in I. und IL bereits vorkam, 
seine Erledigung, und unsere ganze Abhandlung ihre Spitze sowohl 
als Abrund ung finden soll. 

IIL LEIB - KLEID. 

Die heutige Physiologie spricht vom Zellgewebe, aus dem alle 
Elementargebilde des organischen Körpers (auch der Pflanzen) be- 
stehen ; Fleischfasern kennt auch der gewöhnliche Sprachgebrauch ; 
Nerven laufen wie Schnüre, stellenweise in „Knoten" sich sam- 
melnd, durch die Muskel- und Fettbekleidung und erregen eine 
faltenähnliche Zusammenziehung und Ausbreitung der Glieder. So 
ist es denn nicht zufällig noch Avunderbar, daß die künstliche Bekleidung 
ziemlich frühe schon auf Nachahmung der natürlichen verfiel, indem man 
das Gewebe des Fleisches (s. crdoi ob. L, 9) durch gewobene Stoffe, die 
eigene Haut- , Flaum- und Haarbekleidung durch übergelegte Häute 
und Pelze von Thieren gleichsam fortsetzte , und daß dieser innige 
Zusammenhang von Leib und Kleid auch in der ältesten Sprache 
seinen Ausdruck fand. In der zweiten Hälfte des oben (IL, 2) ci- 
tierten Verses aus Jesaj. 38 folgt dicht auf das Bild des Leibes zz 
Zelt das des Kleides : „ich schneide durch , wie ein Weber , mein 
Leben; er (Gott, der den Tod schickt) trennt mich vom Trumm ab." 
Ahnlich wie in der Stelle aus Hieb als zusammenhaltender, straff- 
anziehender Zeltstrick, erscheint hier die Seele als das Trumm, wo- 
durch das Gewebe des Körpers befestigt ist an den Webebaum (die 
Welt des Daseins, vgl. den „Webstuhl der Zeit, der das lebendige 



174 L. TOBLER 

Kleid der Gottheit wirkt", Göthes Faust). Mit dem Abschneiden des 
Gewebes von der Seele wird das Leben, das in der Verbindung 
beider besteht, zerschnitten. Also ein „Lebensfaden", wenn auch 
nicht der der griechischen und deutschen Mythologie, wovon unten. 
Zwei NT.liche Stellen, wonach der (himmlische) Leib „angezogen" 
wird, haben wir schon oben L, 13 angeführt. Hieb 10, 11: du hast 
mir Haut und Fleisch „angezogen". Eigenthüralich semitisch ist 
es, wenn ein hebr. Wort für „Kleid" auch: „Gemahl, -inn" be- 
deutet, wenn es im Koran (Sur. 2, 183) heißt: „die Weiber sind 
euer Kleid und ihr das ihrige", und im arab. „ein Kleid anziehen" 
: — ein Weib beschlafen. Es scheint dieß eine echt orientalische 
Bezeichnung der Innigkeit fleischlichen Beiwohnens, wie ja auch 
bei uns etwa Kleider als unmittelbar Anliegende, Vertraute gelten. 
Vgl. das Lied vom Kriegsmantel, der ganz personificiert wird. Die 
gleichfalls oriental. Sitte des Zerreißens der Kleider bei heftiger Ge- 
müthsbewegung ist wohl ein Symbol des die Innern seelischen Theile 
des Leibes zerreißenden Affectes ; wenigstens scheint darauf zu deu- 
ten der Bußeruf des Propheten Joel: „zerreißet eure Herzen und 
nicht eure Kleider". Sofern der Leib Substrat der ganzen Persön- 
lichkeit ist (daher mhd. lip zur Umschreibung von Personen dient 
und das Wort „selb" selbst mit der Wurzel von Leib (s. ob. II., 4) 
zusammengesetzt ist, können nach biblischem Sprachgebrauche (mit 
dem geistig wiedergebornen Leibe) auch geistige Eigenschaften „an- 
gezogen" werden. Hieb 29, 14. Jes. 61, 10. Sir. 27, 9. Jes. 64, 6 
(der Rock der Gerechtigkeit). Ephes. 6, 11 — 17 (die Rüstung des 
Glaubens). Col. 3, 12. 14. Christus selbst, das Vorbild des ver- 
klärten neuen Menschen, wird „angezogen". Rom. 13, 14. Col. 3, 10. 
Eph. 4, 14. Das Verwesliche muß „anziehen" Unverweslichkeit: 
1. Cor. 15, 53 (von der Verwandlung des Leibes). Weiße Kleider 
sind Sinnbild leiblicher (und nur in dieser Vermittlung auch seeli- 
scher) Unbeflecktheit oder des verklärten Leibes selbst : Apoc. 3, 4. 5. 
7 , 14. cf Judse 23. Diese Anschauungs- und Redeweise bedarf 
keiner weitern Belege noch Erklärungen; sie beruht aber, wie alle 
Symbole, ursprünglich nicht auf einer abstracten Vergleichung und 
willkürlichen Vertauschung zweier Dinge, sondern auf dem Gefühl 
concreter Einheit derselben. Sie setzt sich fort in altdeutschen Er- 
bauungsschriften, aus denen Wack. mehrere sprechende Stellen bei- 
bringt: uuaz sint iro corpora (lichamin) äne vestimenta animse et 
opertoria (uuät undc decchi dero selo?) Notk. ps. 101, 27, mit deme 



HAUS, KLEID, LEIB. 175 

gewete werdent bezeiclienot die licbaraen. wau alse der Hb wirt 
mit deme gewande bedekket, also wirt div sele mit deme lichamen 
gewatet. Blaubeur. Pred. 14^. duo diu gotheit an sih nam die 
raenniskheit, duo was der licbnäme sin wät scöne. Genes. Fundgr. 
2, 78, 21. dat he (Chi-istus) den düvil ze kämpfe gilocke , so vaht 
he in deme krankiu röche, in unse bklde menscheit. Wernh. v. 
Niederrh. Gö, 1. ibid. 67, 27 wird die von Christo angenommene 
menschliche Natur cleit und hemede genannt. Die Ausdrücke : 
irdische Hülle, Staubgewand (nach Genes. 2, 7) zur Bezeichnung des 
menschlichen Körpers sind in der geistlichen Poesie gebräuchlich. 
Aber auch von heidnischem Standpunkte aus sang Ovid Met. 9, 266 
(bei der Apotheose des Hercules) : 

utque novus serpens posita cum pelle senecta, 

sie ubi mortales Tirynthius exuit artus, 

parte sui meliere viget. 
und von weltlicher Liebe redend hat Walth. v. d. V. 62, 36 fF. 
(1. Ausg.) folgende ebenso schöne als für unsern Gegenstand deutlich 
sprechende Stelle : 

frouwe, ir habet ein werdez tach 

an iuch geslouft, den reinen lip; 

wan ich nie bezzer kleit gesach : 

ir sit ein wol bekleidet wip, 

sin unde sselde sint gesteppet wol dar in. 

getragene wät ich nie genam : 

dise nsem ich als gerne ich lebe. 
Dazu vgl. 63, 20: 

friundin unde frowen in einer wsete 

wolte ich an dir einer gerne sehen. 
„Dach" steht in der ersten Stelle offenbar nicht, wie tectum, 
für „Haus" sondern wie Parz. 3, 22 die Brust „des Herzens Dach" 
heißt, und die Flügel das Dach der Vögel (s. Grimm Wörtb.), d. h. 
z=. cleit, wie die Ausführung des Bildes beweist. In der zweiten 
Stelle steht wät wieder uneigtl. für „Leib", der Dichter möchte 
Freundin und Frau in einer Person (s. ob.) vereinigt sehen. 

Aus dem Bewusstsein enger Verbindung von Kleid und Leib 
scheint es zu fließen, wenn gewisse Kleidungsstücke, wegen der 
Innigkeit ihres Anschmiegens an den bekleideten Körpertheil oder 
weil sie denselben gleichsam verdoppeln, den Namen desselben oder 



176 L. TOBLER 

einen von ihm nahe abgeleiteten tragen. Dahin gehören: Leibehen, 
(Schnür)brnst, fz. Corset (mlid. kursit Waffenrock) von cors, corpus. 
„Kragen" bedeutet auch, und zwar urspr., den Hals selbst. Wams, 
ahd. wampaz, zu wampa, Leib. Ärmel zu Arm. Bei Thorax, wel- 
ches auch den vom Panzer geschützten Rumpf, medicin. den Brust- 
kasten bedeutet, mag der Hergang der umgekehrte sein. Ags. hafola 
bedeutet 1. Kopfhaut, 2. die unter dem Helm getragene Kopf- 
bedeckung, 3. Kopf selbst; es ist offenbar mit hafudt, caput verwandt 
wie Kappe mit kapf (Kopf?), cacumen. hüba, nord. hüfa ist ohne 
Zweifel gleicher Wurzel (hiuban, häub) mit goth. haubi]), ags. heäfod, 
ahd. honpit. Das altn. höfud schließt sich näher an lat. Caput, gr. 
y.tcfa/.rj] Vocal- und Consonanzverhältniss ist in beiden Reihen nicht 
ungestört. Das Altn. giebt noch hüfr, Schiffsraum, Höhlung des 
Schiffes. Schwed. huf, Wetterdach und : summitas tecti. Engl. Dial. 
heuf, a shelter, home. nl. huive auch: Wagendach. Neben hüba 
besteht ahd., aus dem Lat. cuppa, Gefäß (wie Kopf urspr. Becher, 
Schale, Höhlung überh. vgl. Kehlkopf, Schröpf köpf, Schedelkopf 
[der obere Theil des Helmes] und Hirnschale oder nach Dietr. 
a. a. O. unverschoben wie altn. queifr Kopfbedeckung, mit Übergang 
aus der u- in die i-Reihe) kupfa, mitra, altn. kufr, pileus, kufl, 
Maske, engl, coif, holl. cuif, fz. coiffe, neben huppe, Schopi der 
Vögel (Wied-hopf). In diese Sippschaft gehört auch noch: Hof 
(^x^noi) ags. hofel, stabulum (engl, hovel, Hütte, Schoppen, auch: 
canopy over the head of a statue), hofer, Höcker. Althochd. hiufila, 
gense, tempora stimmt mehr zu hüfo (copia?), ags. heäp (Erhöhung). 
Wenn caput, xscpaXr>, höfud auf die Wurzel capere (umfassen) deutsch : 
haben und heben zurückgehen, so entspricht den deutschen Wörtern 
mit langem und gunirtem u kein griech. oder lat. Verb, von nahe 
liegender Bedeutung, aber die Subst. cupa (Kufe, s. H, 1), xvcpog 
(a>{vq:og), xv7T-tX).ov, sämmtlich „Gefäß" bezeichnend (vgl. oben: Kopf), 
und die fernere Verwandtschaft von cupio mit capio (haben wollen, 
in Gedanken od. Geberden ergreifen) so wie die von coepi (an- 
fangen) ist wahrscheinlich. Nach Kuhn (Zeitschr. I, 123 ff.) ist 
haub(i])) :=. skr. kakubha Kopf, Gipfel, mit ausgefallenem h wie 
goth. naus f. nahus rr: rfXD>,'; xf.qaXi] gehört zu xcinco , xanvca, xr'cnra, 
jappen, schnappen, wovon xärnj, — ävi], Krippe. Als Grundbedeutung 
der weitverzweigten Wurzel ergiebt sich: Wölbung, Öffnung, oder 
verbal, gähnen, fassen. Im Verlauf der Aufzählung fanden wir nach- 
träglich mehrere Belege zu der Verwandtschaft von Haus und Kleid 



HAUS, KLEID, LElß. 177 

(Haube zu hiifr, Hof und den Wörtern für Schutzdach) ; wir können 
sagen auch zu der von Haus und Leib; denn wenn, was uns hier 
noch näher angeht, hafola und hafod, Haube und Haupt zusammen- 
gehören, so scheint daraus hervorzugehen, daß dei- wichtigste Körper- 
theil, das Haupt selbst, theils als Bekleidung, theils als Behausung, 
jedenfalls als Gefäß innerer von ihm umschlossener Theile betrachtet 
wurde , und dieß führt uns auf einen noch wichtigeren , von dem 
sprachlichen Theil unserer Aufgabe entschieden in den sachlichen 
einschlagenden Punkt. Es scheint nämlich, schon nach früheren 
Andeutungen, daß, ähnlich wie das Haupt, die Haut eine Mittel- 
stellung zwischen Leib und Kleid einnimmt, indem sie theils noch 
als Körpertheil, und dann als der alles umfassende, für den ganzen 
Leib selbst steht, theils, als der leichtest ablösbare, für die ursprüng- 
lichste, einfachste und allgemeine Kleidung selbst. 

Für die Gleichung: Haut r=: Kleid führen wir neben oben schon 
(I, 6, 11) beigebrachtem etymologischen noch an das Yerhältniss 
von pellis : pallium (mhd. entlehnt pfellel), neben urverw. feil, gr. 
nilla heißt auch Gefäß. Die Wurzel fil erscheint noch in füllen, 
fal-ten, ahd. til-han (condere) vgl. altn. fila, stragula, goth. filigri, 
Höhle ; auf anderer Stufe stehen die doch verwandten follis : Balg. 

Haut ~ Leib und lebendes Wesen: a) Hieb 2,4: „Haut für 
Haut, und alles was ein Mann hat, lässt er für sein Leben", 18, 13 
steht: Stärke der Haut zz Leibesstärke, b) „Aus der Haut fahren 
mögen" (statt „fahren" auch: „triefen, springen") vor Freude und 
Zorn bedeutet „ungeduldige Sehnsucht nach Entrückung" (Leibes- 
verwandlung), Grimm, Myth. „ich möchte nicht in seiner Haut 
stecken" zz ich möchte nicht er sein, seine persönliche Lage nicht 
theilen oder mit ihm tauschen, c) „Haut" und „Balg" stehen^ letz- 
teres nur in verächtlichem Sinne, zz Mensch. Eine gute, alte treue 
Haut zz Kerl. Vgl. Haus H, 3. „Balg" von unartigen oder un- 
echten Kindern (Wechselbalg). Auch „Blut" (junges) und „Seele" 
stehen, als ebenso wesentliche Bestand theile der ganzen Person, für 
diese selbst. „Balg" bezeichnet auch, wie Schweiz. „Leder" eine 
schlechte Weibsperson. Scortum gehört zu corium, pellex vielleicht 
zu pellis, kebese zu chupisi (tugurium, aus Häuten). „Schelm" und 
„Schuft" sind eigentlich Namen von Hautkrankheiten, dann von den 
damit Behafteten , Aussätzigen, d) Nirgends aber ist die Identität 
von Haut mit Kleid und beider mit Leib augenscheinlicher, als an 
dem merkwürdigen Worte ham. Von seiner Etymologie, seinem 

GERMANIA IV. 12 



178 L. TOBLER 

Zusammenhang mit Wohnung imd Kleidung war schon oben I, 5 
die Rede. Wir geben hier eine möglichst vollständige Übersicht 
seines Sprachgebrauches, großentheils nach Dieffenbach (2, 525) 
Mannhardt (a. a. 0.) und Grimm. Altn. hams =: hamr (Haut) aber 
auch: aspectus exterior; systema nervorum. hamsar, fraces adipis 
V, folliculi. Altschwed. hamn, umbra, bes. spectrum, manes. ham, 
aspectus exterior, forma superinduta. Ndfrs. harne, home foUiculus 
grani. Engl, heam, Nachgeburt. (Ags. cild-häma, uterus, wohl häm 
zz heim, s. II, 3.) Magyar, ham, Oberhaut, Obstschale, Fruchthülse, 
auch Pferdegeschirr. (Nd. ham, engl, harne, Kummet z= altslav. 
chomut, jugum , lat. cämus, Gebiss?) lett. kammeenes, gränenbork. 
kammana, Speckschwarte. 

Zusammensetzungen : alts. fetherhamo, das Kleid der Vögel, aber 
auch Fittige der Engel (Hei. 50, 11. 171, 23. ags. Cädm. Genes, 
417. von einem bösen Geiste, altn. federhemd der Freyja). Gudhamo, 
vestis militaris. Ags. fyrd-, byrnhoma, Brustharnisch, cf. mhd. fleisc- 
liche brünne. Altn. ülf- (Wolf-), kopa- (Seehunds-), trölls- (Riesen-) 
hamr; ar- (Adler-), vals- (Falken-), älptar- (Schwan-), kräku- (Krä- 
hen-) hamir. Geithamr, vespa. Altschwed. kisedeham, vestis. Ags. 
heorthama (prsecordia, wieder ein Körper theil als Kleidungsstück, 
s. ob. Haupt). Flseschoma = ahd. lih-hamo, ursp. nicht der Leich- 
nam, sondern der lebendige Leib , da.s Fleischkleid , oder die über 
das Fleisch gespannte, alles umschließende Haut, nach dem oben 
angeo-ebenen Begriff. Es ist in der That grammatisch zweifelhaft, 
mythologisch aber keineswegs gleichgültig, ob die Zusammensetzungen 
mit ham attributiv (das erste Wort als Genitiv) oder appositioneil 
zu fassen seien. Lik-hamr kann bedeuten: das Kleid (der Seele), 
welches der Leib i.st, oder: die Bekleidung des Leibes (mit der 
Haut). In den Compositionen mit Thiernameu scheint der attributive 
Sinn (Genitiv des Besitzes) zu überwiegen, obwohl sich, wenn hamr 
=: Gestalt, Körper zu nehmen ist, der appositionelle hervordrängt; 
in federhamo kann nur der letztere walten, ebenso in kktideham, 
byrnhoma ; in gudhamo, fyrdhoma steckt wieder ein anderes Genitiv- 
verhältniss. Allen Compositionen thut die Übersetzung „Kleid'' für 
ham Genüge; wie sich aber dazu die Bedeutungen „Haut" und „Leib'' 
verhalten, kann nur aus dem Zusammenhang weiterer mythologi- 
scher Vorstellungen über das Verhältniss von Leib und 
Seele und das Wesen der Leiblichkeit überhaupt erhellen; mit 
kurzer Darstellung des hierauf bezügliclien , aus den Andeutimgen 



HAUS, KI.EID, LEIB. 179 



Wackernag-els und den Werken von Griinm und Mannliardt ge- 
schöpften Materials versuchen wir den letzten Schritt zur Lösung 
unserer Aufgabe. 

1. In der Mythologie erscheinen vielfach Kleidungsstücke begabt 
mit der Zauberkraft, der sie tragenden Person gewisse Eigenschaften 
des Leibes und (durch dieses Medium) der Lebenskraft mitzu- 
theilen, welche ihr sonst nicht zustehen. «) Das allgemein seelische, 
insbesondere aber göttliche Vermögen des Fliegens wird vermittelt 
durch Besitz und Gebrauch von Flügelsohlen (des Hermes und der 
Athene bei Hom. II. 24, 341. Od. 1, 97. 5, 45), Federhemden (der 
Freyja) auch an andere Wesen (Loki, thrymskv. 3. bragaroedh. 56) 
verleihbar; der Helden (Wieland), Riesen und weisen Frauen); Feder- 
hut (des Hermes- Wodan) , Zaubermantel (Wodans, von dem noch 
Faust wünscht, daß er ihn „in ferne Länder trüge"), ß) Unsicht- 
barkeit. Elbe und Zwerge haben das Vermögen, sich unsichtbar 
zu machen. Gewöhnlich wird dasselbe in ein bestimmtes Stück ihrer 
Kleidung gelegt, Hut oder Mantel, durch deren Ablegen sie plötzlich 
„sichtbar werden" (helkappe, -kleit, nebelkappe, tarnkappe zz tarn- 
haut). Wie Sigfrid sich dieser letzteren bedient, ist bekannt genug; 
ein förmlicher „Gestaltentausch" (Wack.) zwischen ihm und Günther 
ist dabei nicht anzunehmen. 7) Mit denselben Attributen ist auch 
erhöhte Leibeskraft und Herrschaft über Volk und Hort der 
Zwerge verbunden. &) Liebreiz (der Gürtel der Afrodite, II. 14, 
214; danach der Armida, Tasso 16, 25), wohl auch ihr übriger xoaftog, 
wie er im Homer. Hymn. 86 — 9. 163 — 5. beschrieben wird, besQU- 
ders ihre oq^oi, entsprechend dem brisingamen der Freyja. f) Un- 
verletzbarkeit. Es gab Hemden, die fest und siegreich machten 
(vgl. die unverwundbare Haut des Sigfrid und Achilles), vom Kleid 
Christi, oder wenigstens durch dasselbe strömt Heilkraft aus, Mat. 
9, 20. Umgekehrt gab es verderbliche Hemden wie das des Her- 
cules, Ovid Met. 9, 160 ff., und Fluch und Schande haften am Leib 
(ergreifen ihn , theilen sich ihm durch die enge Berührung mit) wie 
ein Kleid, Psalm. 109, 18. 29. Daß auch geistige Eigenschaften 
„angezogen" werden, haben wir oben schon belegt. C) Glück. Des 
Fortunatus Wunschhut ist bekannt; es ist eben der des Wunsches 
Wodan selbst. Glückskinder haben um ihr Haupt eine Haut oder 
Haube ; in ihr hat der Schutzgeist oder ein Theil der Seele des 
Kindes seinen Sitz. Die nordischen Schutzgeister, fylgjar, heißen 
auch hamingjar; hamr ist eben jene Glückshaube. 

12* 



180 L TOBLER 

2. Solche theihveise Annahme von Eigenschaften durch Kleider 
ist nur gedenkbar, wenn zwischen Kleidungs- und Körpertheilen ein 
inniger Zusammenhang, gleichsam ein Verwachsen jener in diese 
stattfindet. Es ist daher nicht zu verwundern , wenn die mytholo- 
gische Vorstellung durch das Anziehen von Kleidern , und zwar 
nunmehr meist von den ganzen Körper bedeckenden Hemden oder 
Häuten (deren Surrogate, vielleicht richtiger : symbolische Reste oder 
Keime, Ringe, Ketten um den Hals, Gürtel um den Leib) eine völ- 
]ige Verwandlung der Leibesgestalt, einen Wechsel derselben 
zwischen thierischer, menschlicher und eibischer Natur eintreten 
lässt und, was Grund oder Folge davon ist, das Annehmen der Leib- 
lichkeit überhaupt und ihr Ablegen oder Vertauschen in Geburt und 
Tod unter dem Symbol des Kleides auffasst. 

,,Der Körper," sagt Mannhardt, „galt unserm Alterthum 
als ein bloßes Gewand der Seele. — Unter gewissen Umständen 
ist es der Seele möglich , dieses Körpergewand zu verlassen und 
beliebig in ein anderes zu schlüpfen. Das hieß altn. hamaz, hamas- 
kipti; eine Hexe^ die in fremder Menschen- oder Thiergestalt Um- 
fahrten (hamfarir) hielt, hieß hamhleypa ; ein gewandmächtiger Mann 
hamramr. Die Verwandlung in andere Gestalt geschieht 
rein äußerlich durch Anziehen des andern Körpergewan- 
des"; durch Wegnahme oder vollends Verbrennung der momentan 
abgelegten Haut oder Kleidung wird die Rückverwaudlung in die 
verlassene Gestalt abgeschnitten ; in manchen Sagen erscheint die- 
selbe an den Besitz jener Halsketten gebunden. — Als Thiergestal- 
ten, in welche Menschen sich in der angegebenen Weise verwandeln 
oder aus Avelchen sie entzaubert werden können, kommen vor : Igel, 
Esel, Schwein, Schlange (Grimm, Mährch. 108. 144 und Anm. dazu), 
Bär, Seehund, Eber, Hirsch, Wolf, Hund. (Mannhardt). Eibische 
Wesen, welche thierische Gestalt annehmen können, sind die soge- 
nannten Schwanjungfrauen; die Fylgjen erscheinen in Älenschen- 
oder Thiergestalt. Wechselbälge sind (nach Mannhardt) nur nicht 
bis zu voller Menschheit durchgedrungene Seelen, d. h. Elbe. 

3. Die Verbindung zwischen Seele und Körper war also an 
sich so locker, daß sie erst förmlich gefestigt werden mußte, durch 
ein Band, welches die Schicksalsmächte dem neugebornen 
Menschen spannen und wodurch zugleich ihm gewisse Eigen- 
schaften oder Glücksgüter beschieden wurden. Dieses Band ver- 
gleicht Mannhardt mit dem schon oben H, 5 angeführten goldenen 



HAUS, KLEID, LEIB. 181 

Seil, womit die Nornen das Schicksal der JMenschen abgrenzen und 
womit in Sagen und Liedern vielfach Hans und Land umhegt er- 
scheinen. Statt des goldenen Seiles kommt auch ein seidener Faden 
vor und eine menschliche symbolische Nachbildung jenes göttlichen 
Bindens findet M. in dem Ein- oder Angebinde der Pathen und 
ähnlichen Geschenken an festlichen Tagen. Wenn nun Mannhardt 
(S. 707) vernuithet, das dem Kinde von den Schicksalsfraueu ge- 
sponnene Gewand (Wolf, Beiträge 2, 184. 193.) sei nicht sein Schicksal 
überhaupt, „das mit ihm wächst", sondern der Leib, d. h. die Be- 
stimmung zu menschlicher Leiblichkeit, so ist diese allerdings die 
Vorbedingung aller andern Schicksale , und wir haben den Leib 
schon oben mit einem Gewebe verglichen gefunden, aber jenes Ge- 
spinst soll ja nach M. zugleich das Band zwischen Seele und 
Körper, kann also nicht der Körper selbst sein, sondern es mttsste 
der Körper als ein Band der Seele (ans irdische Dasein) betrachtet 
werden; auch hat das Spinnen der göttlichen und elbischen Wesen 
sonst einen allgemeinen Sinn. Menzel, das altd. Sonnenlehen (Germ. 
1, 63 ff.), meint, die hie und da vorkommenden Spindelsteine (Grenz- 
marken für Länder) müssen einer göttlichen Spinnerinn, der Frigg, 
gedient haben, deren „Rocken" auch Name eines Sternbildes sei. 
Man habe sich die Göttin in Riesengestalt am Himmel gedacht, 
spinnend den Lebensfaden, webend den Teppich der Natur, ein fertig 
ausgebreitetes Land mit der leeren Spindel absteckend. Lufthildis, 
die von Karl dem Großen so viel Land erhielt, als sie mit einer 
Spindel umfurchen konnte, sei vielleicht die Sonne selbst, die mit 
ihren Strahlen die Erde umspinne, den Pflanzenteppich webe und 
den Lebensfaden aller Geschöpfe spinne. Eine physikalische Bedeu- 
tung des Spinnens eibischer Wesen nimmt auch Mannhardt an, wenn 
er erinnert, daß die Schicksalsschwestern des bekannten Kinderliedes 
ursprünglich Wasserfrauen sei'^n, ihr Gespinst gleich den\ Seil, das 
verwunschene Fräulein von einem Berge zum andern spannen und 
woran sie weiße Tücher aufliängen , ein Zeichen von gutem 
Wetter; dalÄ die Nixen bei heiterm Wetter auf den Saalweiden 
ihre Wäsche trocknen etc. Das goldgewirkte Gewebe, welches 
frei (an den Sonnenstrahlen) in der Luft hange, sei die sonnendurch- 
leuchtete oder lichtumsäumte Wolke. — Daß sich an diese Vor- 
stellungen später ethische Ideen geknüpft haben, ist unzweifelhaft 
und das Wesen aller Mythologie; ebenso gewiss aber ist, daß genauere 
Bestimmung solcher Übergänge von der mythologischen Vorstellung 



182 L. TOBLER 

nicht beabsichtigt, von der Deutung niclit zu verlangen ist, und daß 
insbesondere ein Entscheid über die eigentliche Bedeutung des gött- 
lichen Spinnens und Bindens über die Grenzen unseres Gegenstandes 
hinausliegt. Wichtig für uns ist, daß alle Eleraentarthätigkeit per- 
sonificierter Naturkräfte unter anderm auch als ein Spinnen oder 
Weben (wie dieß Wort und seine Ableitungen noch jetzt gebraucht 
werden; vgl. z. B. über nd. Wafeln, Höfer Zeitschr. 1, 37o), wahr- 
scheinlich ist ferner, daß auch die Bildung des menschlichen Leibes, 
als eines Theiles des allgemeinen Lebens und Schicksals, irgendwie 
nach jenem Bilde aufgefasst wurde ; unsicher aber scheint die Mann- 
hardtsche Theorie von einer besondern Festigung des Bandes von 
Seele und Leib auch darum , weil der Glaube an Seelenwanderung 
und Wiedergeburt, wie er offenbar auch das deutsche Alterthum be- 
herrscht und von Mannhardt vielfach dargestellt wird, nur auf der 
Vorstellung einer bleibenden Lockerheit jener Verbindung beruhen 
kann. Wir bleiben also bei der hinlänglich nachgewiesenen Vorstellung 
des Leibes als eines wandelbaren Kleides und der jedenfalls 
damit unmittelbar zusammenhangenden des Lebens als eines von den 
Schicksalsmächten gesponnenen Fadens, wie sie für die griechischen 
Moiren bekannt (vgl. übrigens Preller, gr. M. 1, 828. 330—2), für 
die deutschen Nornen parallel nachgewiesen ist von Wolf, a. a. 0. 
182 — 4, Avo auch noch das Spinnen der lithauischen Laima und die 
biblischen Stellen Hiob 6, 9. Jerem. 51, 13. Matth. 6, 27 beigezogen 
werden (v. 28 — 30 wird ebenso schön als für unsern Zusammenhang 
bemerkenswerth auch die vegetabilische Natur von Gott „bekleidet"). 

Wollen wir noch einen letzten Versuch wagen, der Vorstellung 
des Alterthuras vom Leibe auf den Grund zu kommen, so mag ein 
Blick auf die Etymologie der Wörter für diesen Begriff zugleich 
den Schluß unserer ganzen Betrachtung bilden. 

Eine befriedigende Erklärung des lat. corpus ist mir nicht be- 
kannt. Hängt es mit corium, cornu, cortex zusammen, so bezeichnet 
es die feste, die weichern Theile umgebende Haut; liegt gr. näoifoj 
näher, so ist eher an den zusammengeschrumpften Leichnam zu 
denken ; noch eine andere Ableitung ist von dem äol. y.oonöi zz •if.oo- 
\i6q (von y.uQa) Klotz, truncus (Strunk, Rumpf). Keine von diesen 
Etymologien gewährt eine tiefere Einsicht in das Wesen der Sache. 
Das griech. aä^a, bei Homer bemerkenswerth neben difia^ (Gestalt) 
nur den Leichnam (welcher umgekehrt ursprünglich den lebendigen 
Leib bezeichnet) bedeutend, gehört jedenfalls zu aäq, auöco (aä-Cco) 



HAUS, KLEID, LEIB 183 

fTa- und scheint den Zusammenhalt, die Ganzheit, vielleicht das nach 
der Entweichung der Seele Übrigbleibende (nach griech. Ansicht 
nicht Unwesenhafte) zu meinen. Eine spätere, ebenso unwissenschaft- 
liche als unvolksthümliclie Deutung wurde schon oben I, 9 erwähnt. 
Ahnlichen Sinn finden wir, etwas abweichend von der oben II, 4 
angeführten Erklärung Grimms, in dem deutschen Worte Leib, 
welches unzweifelhaft mit gr. hina, lat. linquo, Xinng, liquor gleicher 
Wurzel ist. Diese scheint ein sogenannter W^echselbegriff zu sein, 
d. h. ihre Urbedeutung schwankt zwischen Gegensätzen, welche sie 
gleichmäßig bezeichnen kann, wie risan (steigen - sinken ; cf. TTtrofiai: 
7ii7tT(J3 , lat. petere) , lükan (schließen - Öffnen , Mittelbegriflf : ziehen) 
viiAHv : neman (cf. altn. fa, altengl. take : geben) ; niuozan bezeichnet 
wie des nhd. dürfen sowohl Nothwendigkeit als Freiheit, u. a. m. 
So nun kann die Wurzel lip bedeuten : verlassen und bleiben, flüssig 
und klebrig sein, wie noch nhd. „bleiben" je nach dem Zusammen- 
hang: „todt" oder „am Leben" bleiben heißen kann. Daß „leben" 
(goth. libains) der nächste Verwandte von „Leib" ist, braucht nicht 
erst bewiesen zu werden. Ahd. lip bedeutet ja sogar nur „Leben", 
während altn. lif doch auch: Unterleib. In die weitere Verwandtschaft 
gehören: leber, altn. lifur (zwar von Grimm, G. d. S. 244 mit hepar 
und jecur vermittelt), altn. lifraz gerinnen (hd. lebern, Lebermer), 
lab (geronnene und gerinnen machende Flüssigkeit), laben; luppi 
ags. Hb, lif, medicamentum, venenum (Salbe) zuletzt wohl auch, in 
die u-Reihe übergegangen, „Liebe" als „Anhänglichkeit" oder Lebens- 
lust und -bedingung. „Leib" ist also wohl zunächst nicht das „Blei- 
ben", Wohnen der Seele (dann wäre er ja nicht von sich selbst 
benannt), sondern die zusammenhängende und doch zäh-flüssige Masse, 
wie sie wirklich Stoff und Band aller Körpertheile ausmacht, oder 
vielleicht die (im Tode) zurückbleibende Substanz, vgl. goth. laibos, 
reliquise, das lif in ainlif, tvalif, seif und ein von Woeste (Kuhn, Zeitschr. 
6, 433) angeführtes mnd. leyf zz mal, eigentlich aber =: vorhandenes 
(leibhaftiges) Ding. Da endlich Gutturalen im Anlaut leicht abfallen, so 
mag „leben" mit „kleben", leiben mit kleiben identisch sein, wo der 
sinnliche Urbegriff zähflüssigen Zusammenhaltens noch deutlich vorliegt. 
Im guth. hlaif hätte sich die Gutturalis erhalten, in kleben wäre sie von 
neuem vorgetreten ; Laib (Brot) ist selbst wieder die klebrige zähe Masse, 
aus welcher auch der Leib geformt ist nach der Redensart : wir sind 
Alle aus demselben „Teig". Auf anderm Wege kommtauch das ahd. 
bilibi, panis, esca, eig. Lebensunterhalt, auf diesen Begrift' zurück. 



].S4 L. Tonr.Ki:. iiaus, Krj:iD. leir. 

Schwieriger noch ist die Etymologie des andern deutschen 
Wortes^ goth. leik, n. (ö-c5,u«, nräfia, GÜoi) ahd. lih, n. caro, f., cor- 
pus, außer in Leichnam noch in Leiclulorn, erhöhte Fleischverhärtung 
mit dornartiger Mitte (irgendwie real zusammenhängend mit dem 
Schilf- und Todciidnrn der Mythologie?). Wenn Identität mit lip 
(lat. liq) wegen fehlender Lautverschiebung nicht anzunehmen ist, 
so bleibt nichts übrig, als mit Grimm (Nr. 183) ein dunkles leikan 
(jüngere, lat. ligare ?) anzusetzen. Pictet (Kuhn Zeitschr. 5, 33 ff.) 
bestreitet den von Grimm vermutheten Zusammenhang von goth. 
lekeis mit nord, leka, stillare und geht auf die skr. Wurzel lag, 
adha;rerc , amplecti^ ligare zurück, woher ags. Isecan sich nähern, 
anhängen ; ahd. lahhan (Kleidung, vom Begriff des Anliegens), goth. 
leikan, gefallen (sich anschmiegen) -leiks, ahd. -lih (ähnlich , Annä- 
herung) und auch leik , vom Verbundensein der Theile unter sich 
oder mit der Seele, wie skr. bandha, leib (ags. bodig[?]) von bandh, 
ligare. Lekeis wäre in diesem Zusammenhang der die Wunde Ver- 
bindende, er könnte aber eben so gut der sie Beträufelnde oder der 
Salben und Tränke Bereitende sein ; denn leka und dessen Ablei- 
tungen (ahd. leccan, netzen, nd. leck, klaffende, Flüssigkeit durch- 
lassende Spalte, etc.) gehören doch ohne Zweifel in diese Familie, 
und wir kommen auch hier auf den bei Leib gefundenen Begriff 
der Flüssigkeit, welche ebensosehr zergeht (Schweiz, „lassen" wird 
wirklich so intrans. gebraucht) als zusammenhängt. Weiterhin ist 
noch in Anschlag zu bringen ahd. kileih, coxa, artus (schweiz. Gleich, 
Gelenk, wenn es nicht aus diesem syncopiert ist), vielleicht zu leih, 
ludus, Carmen sich verhaltend wie jwslos*, Glied : fiü.og, Gesang ; lai- 
kan, springen, tanzen könnte das freie Spiel des Körpers, Genuß 
und Übung der Leiblichkeit bezeichnen. 

NACHTRAG. Anatomische Ausdrücke für Körpertheile, entlehnt aus der Analogie 

1. von Kleid: (zu S. 171 ff.). 

Bänder, bandhaft, Strang, Lappen, Streifen, Kamm, Wulst, Nath, Saum, 
Schlinge, Bündel, Polster, Schnur, Schleife, Zotte, Geflecht, „allgemeine 
Decken' (Haut und Zellgewebe); Baucli-, Zwerch- , Trommelfell (zu S. 174 
bis 178). 

2. von Haus: (zu S. 171 ff.). 

Dach (der Höhle), Damm, Fuge, Gang, Gewölbe (fornix. Bogen), Leiste, 
Schicht, Kanal, Leiter, (Herz) -kammer, (Hirn) zeit, -wand, Vorhof, Lager, 
Säule. 
■ Gr. ßCp7x, Haut, war auch Eigenname mehrerer Burgen (zu S. 166 ff.). 
AARAIJ. 



FRANZ PFEIKFKR, ZUM EREK. 185 

ÜBER HAETMANN VON AUE. 

VON 

FRANZ PFEIFFER. 

1. ZUM EREK. ' 

Unter den deutschen Sprachforschern giebt es noch immer 
manche, die es für eine Vermessenheit oder gar für eine Fälschung, 
jedenfalls für unerlaubt halten, Denkmäler altdeutscher Poesie, die 
nur einmal und in späten Handschriften überliefert sind, kritisch zu 
bearbeiten, oder, wie sie es nennen, ins Mittelhochdeutsche umzu- 
schreiben, auch wenn diese Denkmäler noch so deutliche Kennzeichen 
höheren Alters an sich tragen; höchstens sei es, meinen sie, gestattet, 
dem buchstäblich abzudruckenden Texte Verbesserungen, oder, da 
selbst dies Einigen noch zu kühn scheint, Verbesserungsvorschläge 
beizufügen: alles darüber Hinausgehende sei „Textmacherei". Diese 
Ansicht scheint mir weder auf gesundem Urtheil noch auf richtiger 
Erkenntniss zu beruhen^ sie legt auf Nebendinge ein ungebührliches 
Gewicht, und übersieht oder unterschätzt dabei die Hauptsache, auf 
die es in solchen Dingen allein ankommt. 

Die deutsche Philologie wäre des Namens einer Wissenschaft 
unwerth, wenn sie es nicht so weit gebracht hätte, einem mhd. Ge- 
dichte auf Grund der Reime, der Sprache und der äußern Form 
ungefähr die richtige Zeit und Heimat anzuweisen. Wenn sie aber 
dies vermag, - und ich bin überzeugt , daß sie es weitaus in den 
meisten Fällen vermag - — so ist das Umschreiben eines Gedichtes, 
z. B. aus der Sprache des 15. Jhd., in der es uns zufällig überliefert 
ist, in die des 13. in der That bloße Nebensache, wozu (wenn man 
weiß, worauf es dabei ankommt) allerdings keine Kunst gehört, und 
es ist zwiefach nur Nebensache, wenn das Gedicht einem bekannten 
Namen angehört, von dem sich noch andere Werke in entweder 
alten oder zahlreichen Handschriften erhalten haben. Man mag dieß 
Verfahren willkührlich nennen ; im Grunde steht aber nur eine Will- 
kühr der andern gegenüber, mit dem wichtigen Unterschied jedoch, 
daß die Willkühr dort, in den Handschriften, in Unwissenheit und 
allgemeiner übler Gewohnheit ihren Grund hat, während sie hier 
auf besserer Erkenntniss, auf Erfahrung und Übung beruht. Aller- 



186 FRANZ PFEIFFER 

dings der Einbildung, das Werk eines altdeutschen Dichters auf 
diese Weise „so treu und echt herstellen zu können, als wäre es 
unter des wiedererstandenen Verfassers eigenen Augen gedruckt" 
(Worte Benecke's, Wörterbuch zu Iwein S. VI), wird sich wohl kaum 
noch Jemand hingeben : das wäre, selbst nur in Bezug auf die Ortho- 
graphie und mit Hülfe vorzüglicher Handschriften , ein Ding der 
Unmöglichkeit. Eine annäherungsweise Herstellung der ursprüng- 
lichen Schreibweise aus der Verderbniss späterer Zeit scheint aber 
jedenfalls erreichbar, und weil erreichbar, darum auch nicht bloß 
erlaubt, sondern geboten, im Namen der Wissenschaft, deren Aufgabe 
es ist, nach dem Wahren und Echten unabläßig zu ringen, auch 
wenn sie dieses letzte Ziel überall zu erreichen nie hoffen darf. 

Diese Umänderung der äußeren Hülle ist zwar durchaus nichts 
gleichgültiges, es ist aber nicht die Hauptsache. Weit wichtiger, 
aber auch schwieriger, ist die Bearbeitung des Textes. Sie hat mit 
verschiedenen , eigenthümlichen Hindernissen zu kämpfen. Zwar 
fehlt es nicht an Handschriften, die trotz der jungen Sprachformen 
alte Denkmäler in ziemlich ursprünglicher, wenig veränderter Gestalt 
überliefern. Hier ist eine Herstellung leicht. Schwieriger ist der 
zweite Fall, wo man es mit eine.m unwissenden, gedankenlosen 
Schreiber zu thun hat, der die Vorlage zum Theil nicht mehr ver- 
stand und desshalb die ihm unverständlichen alten Ausdrücke mit 
beliebigen neuen vertauscht, oder an die Stelle des Sinnvollen aus 
Nachlässigkeit Unsinn gesetzt hat. Hier eröffnet sich dem Bearbeiter 
ein weites und dankbares Feld für Bethätigung seines Scharfsinns 
und seiner Kenntnisse. Freilich gehört zur Herstellung eines in 
dieser Weise verdorbenen Textes mancherlei : neben angebornem 
kritischem Talent Übung, Belesenheit und Vertiefung in des betref- 
fenden Dichters Art und Kunst. Und selbst dann wird es bei einem 
umfangreichern Werke kaum gelingen, alle Schwierigkeiten zu über- 
winden und alle Schäden zu heilen : inmier noch wird genug übi'ig 
bleiben, was zum Theil erst vereinten Kräften glückt, zum Theil 
aber für immer jeder Herstellung spottet. Der schlimmste Fall ist 
ein dritter : wenn nämlich die einzige Handschrift das Gedicht in 
einer Umarbeitung überliefert, in einer absichtlichen Veränderung 
des Ursprünglichen. Solchen Texten gegenüber ist die Kritik , die 
weder allwissend ist noch Wunder thun kann, machtlos: die Auf- 
findung einer einzigen weitern Handschrift kann die Arbeit langer 
Jahre in einem Augenblick über den Haufen werfen. Ein Beispiel. 



ZUM EREK. 187 

Von Wolframs Parzival giebt es bekanntlich zwei verschiedene Re- 
censionen: die durch die St. Galler Handschrift (D) vertretene, ohne 
Zweifel ältere, echte, und eine zweite, in viel zahlreichern Hand- 
schriften verbreitete, deren Hauptrepräsentant die Münchener Hand- 
schrift (G) ist ; in dieser letztern hat das Gedicht, obwohl die Hand- 
schrift jener an Alter nichts nachgiebt, schon eine durchgreifende 
Veränderung erfahren. Hätte es nun der Zufall gewollt, daß jene 
echte Gestalt erst später zum Vorschein gekommen wäre, so könnte 
nur der Unverstand gegen den Bearbeiter der unechten Recension 
einen Vorwurf erheben oder ihn der „Textmacherei" beschuldigen. 
Von solchen willkührlichen , von Handschrift zu Handschrift fort- 
gepflanzten und vermehrten Änderungen ist aber keine Handschrift, 
auch die älteste nicht, frei^ und sie legen der Kritik unübersteigliche 
Hindernisse in den Weg. Diese darf sich aber durch derlei Mög- 
lichkeiten von der Bearbeitung solcher nur in späten Einzelhand- 
schriften überlieferten Denkmäler nicht abschrecken lassen , voraus- 
gesetzt, daß diese durch Alter oder poetischen Gehalt oder den 
Namen der Verfasser dieses Aufwandes von Fleiß, Mühe und Scharf- 
sinn überhaupt werth sind. 

Mit den bloßen Abdrücken dagegen , denen unter oder hinter 
dem Texte etwelche Verbesserungen oder mit zaghaften Fragezeichen 
versehene Vorschläge beigefügt sind, ist wenig gewonnen, weder für 
die Sprachforschung noch für die Litteraturgeschichte. Aus so späten 
Handschriften erwächst für jene selten ein erheblicher Gewinn, und 
wie ist es möglich, in solcher Entstellung ein poetisches Denkmal, 
ich will nicht sagen rein zu genießen , sondern nur nach seinem 
wahren Werthe zu erkennen? Die classische Philologie hat nie 
gezaudert, Werke des Alterthums, die nur einmal und in verderbter 
Gestalt überliefert sind , wieder und wieder kritisch zu bearbeiten. 
In der bildenden Kunst ist es nicht anders. Welcher Kunstfreund 
wird anstehen, ein Gemälde aus alter Zeit, das ein gütiges Geschick 
zu uns gerettet hat, von dem Staub und Schmutz oder von der 
Übertünchung, womit Ungunst der Zeit oder unberufene Hände es 
entstellt, befreien und die Farben nach Möglichkeit in ihrer ursprüng- 
lichen Frische hervortreten zu lassen ? Und wie manchem Torso 
sind in unseren Museen nicht schon Kopf, Hände und Füße ange- 
wachsen ! Niemand wird behaupten , die auf solche Weise herge- 
stellten Kunstwerke sehen nun gerade so aus, wie sie aus der Hand 
des Künstlers hervorgegangen sind, aber eben so wenig kann gesagt 



188 FRANZ rJl^ri'FER 

werden, daß solche Herstellungsvcrsuche verwerflich oder gar ver- 
boten seien. 

Was auf dem Gebiete der classischcn Sprachen und der bil- 
denden Kunst erlaubt ist, wird der deutschen Philologie nicht 
verwehrt sein. Allerdings kommt es dabei, hier wie dort, auf das 
Wie an, und hier kann nicht geläugnet werden, daß in Ausgaben 
mhd. Dichtungen ab und zu in dieser lieziehung schon große Miss- 
griffe gemacht wurden, Missgriffc, die indess einzelne Fälle betreffen 
und Einzelnen zur Last füllen, also gegen die Richtigkeit und Be- 
rechtigung des ganzen Princips nichts beweisen können. Man hat 
nachgerade in diesen Dingen doch einige Erfahrungen und Fort- 
schritte gegen früher gemacht; und wer mit den Emendationen eines 
Kritikers nicht einverstanden ist, dem bleibt es unbenommen, seine 
eigenen an die Stelle zu setzen. Auffallend ist es , daß gerade die 
heftigsten Eiferer gegen die „Textmacherei" mit den Nachbesserungen 
außerordentlich sparsam sind. Sie mögen für diese ihre Rückhaltung 
ihre besonderen geheimen Gründe haben. Seit einiger Zeit waren 
diese früher so geläufigen Anklagen verstummt und es hatte den 
Anschein, als ob in den Anschauungen der Spi'achforscher eine rich- 
tigere Einsicht Platz gegriffen hätte. Mehrere neuerdings vernom- 
mene Äußerungen lehren, daß jene Ansichten noch immer nicht völlig 
aufgegeben sind. Ich glaubte daher um so mehr hier darauf Rück- 
sicht nehmen zu müssen, als es von der Bejahung oder Verneinung 
dieser Frage abhängen wird, ob meine auf die nachfolgenden Emen- 
dationen verwendete Mühe und Zeit weggeworfen ist oder nicht. 

Auf den Erek des Hartmann von Aue findet nämlich das oben 
Gesagte volle Anwendung. Nur in einer einzigen Handschrift ist 
uns das Gedicht erhalten, in der großen Ambraser Handschrift, jener 
zwar jungen, aber reichhaltigen und unschätzbaren Handschrift, der 
wir auch die Erhaltung der Gudrun und mancher anderer mhd. Dich- 
tungen zu danken haben. Noch im 15. und 16. Jahrhundert war 
der Erek in mehreren Handschriften vorhanden. Aus einem Hand- 
schriftencatalog des 15. Jahrhunderts, der sich einem Exemplar des 
Schwabenspiegels eingezeichnet findet, ersehen Avir, daß die gräflich 
Ortenburgische Bibliothek zu Tambach in Oberfranken unter vielen 
andern deutschen Handschriften, die seitdem von dort verschwunden 
sind , auch eine des Erek besaß : das puech von kunig Ereckh (sieh 
Naumanns Serapeum 1842, S. 339). Eine zweite Handschrift befand 
sich im Besitz der Elisabeth Volkenstorferin , die ihre nicht unbe- 



ZUM EREK 189 

trächtliche Handschriften Sammlung auf dem letzten Blatte der Ambraser 
Handschrift von Rudolfs Weltchronik (Nro, 77. FoL Perg.) eigen- 
händig verzeichnet hat; unter den 45 von ihr aufgezählten deutschen 
Handschriften erscheint nämlich unter Nro. 28 auch daz jmech Hedek 
und Eneyf^). Beide Handschriften sind gänzlich verschollen und 



*) Da Primisser sowohl als Sacken in ihren Beschreibungen der Ambrasersamm- 
liing von diesem Catalog nnr einzelne Nummern , nicht ohne Fehler , ausgelioben 
haben, theile ich ihn hier ganz mit. 

Nota Hie ist ze merkchen waz ich Elspet Volchenstorfferin pueher hab deutscher. 

1. Primo von erst die wibel. — 2. Item den Salter deuthsch. — 3. Item ewan- 
gelij ain puech. — 4. Item die epistel ain puech. — 5. Item die auslegnng über de 
epistel ain puech. — 6. Item daz puech erchantnüs der Sund. — 7. Item de ewig 
weishait aucli ain puech. — 8. Item de glos nber daz ewangelij In principio. — 
9. Item daz puech Johannes in apokaüppsi. — 10. Item daz puech Lazarij. — 11. 
Item unser frawn wibil. — 12. Item sand Kathrein marter. — 13 Item daz puech 
der natur. — 14. Item der weihisch gast. — 15. Item die Romisch Granikken (so). — 
16. Item daz peltzpuech. — 17. Item ain Ertzpuech. — 18. Item aber ain Ertzpuech. 

— 19. Item daz puech der tugent der wurtzen — 20. Item die Propheten ain puech. 

— 21. Item Wilhalm von Orans ain puech. — 22. Item daz prakkensail auch ain 
puech. — 23. Item den Tjtrell ain puecli. — 24. Item daz puech Parczifal. — 25. 
Item aber ain Parciffal. — 26. Item sand Elspeten leben. — 27. Item der Wigelays. 

— 28. Item daz puech Hedeli und Eneyt. — 29. Item aber unser frawn wibel. — 
30. Item der czwehÖ'potten leben. — 31. Item ain Rechtpuech. — 32. Item aber ain 
Rechtpuech. — 33. Item aber ain erczpuchel. — 34. Item Lucidarius. — 35. Item 
aber ain erczpuchel. — 36. Item de suben frewd unser frawn. — 37. Item aber ain 
erczpuechel. — 38. Item ain puhel von unßer frawn tagzeit. — 39. Item zwo tewtsch 
vigilij. — 40. Item Sand Margarethen marter. — 41. Item sand Prandan ain puhel. 
42. Item iiij Pettpuhel. — 43. Item ein puhel eyttel Teychner. — 44. Item ain mer 
puhel. — 45. Item chunigin von Frankenreich. 

Also eine Handschrift der Kaiserchronik, denn diese ist doch wohl mit der „Ro- 
misch Granikken" (Nr. 15) gemeint; von Wolfram zwei Handschriften des Parzival 
(Nr. 24. 25) und eine des Wilhelm von Orange ; Hartmanns Erek (Nr. 28) ; Wirnts 
Wigalois (Nr. 27) ; Thomasins wälscher Gast (Nr 14); die Weltchronik Rudolfs, worin 
gegenwärtiges Verzeichniss eingeschrieben steht; zwei Handschriften des jungem Ti- 
turel (Nr. 22. 23); Heinrich Teichners Gedichte (Nr. 43); das Gedicht von der Kö- 
nigin von Frankreich (Nr. 45); eine Handsclirift mit Erzählungen und Schwänken, 
so wird man doch wohl das „mer puhel" (Nr. 44) zu verstehen haben; Legenden 
von Katharina (Nr. 12), Margaretha (Nr. 40), S. Brandan (Nr. 41) und der Patronin 
der Besitzerin, der hl. Elisabeth (Nr. 26). Der Lucidarius (Nr. 34) ist wahrscheinlich 
die bekannte Weltbeschreibung , nicht das Werk Seifried Helblings. Naturwissen- 
schaftliche und medicinische Werke sind : das Buch der Natur von Konrad von Megen- 
berg (Nr. 13); ein Peltz- und ein Kräuterbuch (Nr. 16. 19); fünf Arzneibücher 
(Nr. 17. 18. 33. 35. 37); ferner zwei Rechtsbüclier (Nr. 31. 32). Die biblische Ge- 
schichte und ascetische Litteratur ist reich vertreten : die ganze Bibel (Nr. 1), einzelne 
Theile derselben (Nr. 2 3. 4. 5. 8. 9. 20. 30); Unser Frauen Bibel (Nr. 11. 29) ist 



190 FRANZ rFKIFFKK 

auch ein Bruchstück hat sich bis jetzt nirgends gefunden. Wir sind 
also, vielleicht für immer, lediglich auf die eine Ambraser beschränkt. 
Sie wurde auf Befehl Kaisers ÄEaximilian I. im Jahre 1502 begonnen 
und 1517 vollendet. Trotz dieses jungen Alters ist der Text, den 
sie gewährt, im Ganzen durchaus nicht schlecht zu nennen; wie er 
sich indes.s gegen die ursprüngliche Gestalt des Gedichtes ungefähr 
verhalten mag, wird man aus dem nach derselben Handschrift her- 
ausgegebenen Iwein von Michaelcr (Wien 1786) und aus einer Ver- 
gleichung desselben mit der Gieüener oder Heidelberger Handschrift 
einigermaßen entnehmen können. 

Die Ausgabe des Erek erschien im Jahre 1839 durch Moriz 
Haupt. Es war seine erste kritische Arbeit *iuf diesem Gebiete, 
Jetzt würde er ohne Zweifel Manches anders und besser machen ; den- 
noch war es eine bedeutende Leistung, die man mit dankbarer Anerken- 



wohl das Leben Maria; die 7 Freuden und die Tagzeiten Maria (Nr. 36. 38) ; Seuse's 
Büchlein der ewigen Weisheit (Nr. 7); ein Beichtspiegel (Nr. 6), zwei Vigilien- (Nr. 39) 
und vier Gebetbücher (Nr. 42). Was wir unter dem „puech Lazarii" (Nr. 10) zu 
verstehen haben, weiß ich nicht. Da die Schreiberin zwischen „puech" und „puechel" 
genau unterscheidet, so muÜN es ein starker Band gewesen sein. 

Das Geschlecht der Volkenstorfei (vgl. Hoheneck , Genealogie der Familien im 
Erzherzogthum Oesterreich ob der Ens. Passau 1747. 3, 771 — 791) war eines der 
ältesten im Lande ob der Ens. Ihr Stammsitz gleiches Namens lag auf einer weithin 
sichtbaren Anhöhe zwischen Ens und St. Florian. Der letzte des Geschlechtes, Wolf- 
gang Wilhelm (f 16. Dec. 1616 im Schlosse zu Weißenberg), oder vielmehr dessen 
Witwe, Katharina, geborne Herrin von Liechtenstein-Nikolsburg (f 16. April 1643) 
verkaufte Volkenstorf im Einverständnisse mit ihren kinderlosen Töchtern an den 
berühmten Feldherrn Grafen Tilly und dessen Vetter, Grafen Werner Tilly , deren 
Erben die alte Burg niederreißen ließen und am 3. März 1633 den Grundstein zu 
einem Neubau, der noch erhaltenen Tillysburg., legten. 

Es können zwei Volkerstorferinnen mit Namen Elisabetli nachgewiesen werden: 
1. Die jüngere Tochter Seibolds v. V. aus der Ehe mit Demuth von Losenstein, die 
sich im Jahre 1375 mit Gundaker von Starhemberg vermählte (Hoheneck 3, 778). 
•2. Die jüngste aus der zweiten Elie des Georg von V. mit Margaretha von Polheim 
(1400) hervorgegangene Tochter (Hoheneck 779); sie verehlichte sich mit Heinrich 
von Wildhauss. Diese genealogischen Notizen verdanke ich meinem verehrten Freunde 
Jos. Bergmann. Ob eine dieser beiden Frauen die einstige Besitzerin der Handschriften 
war, muß ich unentschieden lassen. Es ist mir aber nicht wahrscheinlich, daß sie, 
die sich doch wohl schon in jungen Jahren in andere Geschlechter verheiratheten 
und also den angebornen Geschlechtsnamen veränderten, schon als Mädchen, als 
jüngere Töchter, solche Handschriftenschätze zu eigen besaßen, es müßte denn sein, 
daß sie einen Theil ihrer Mitgift bildeten , was doch kaum anzunehmen ist. Auch 
sind die Schriftzüge schwerlich früher als etwa in die Mitte des 15. Jahrhunderts 
zu setzen. 



ZUM EREK. 191 

nimg aufzunehmen alle Ursaclic hatte. Daß Vielerlei darin stehen 
blieb, was noch der Verbesserung bedarf, oder Manches geändert 
ward, was sich nachträglich als richtig überliefert herausstellte, dar- 
aus wird ihm Niemand, der die manigfachen Schwierigkeiten einer 
so umfangreichen Arbeit kennt, einen Vorwurf machen. Einen be- 
deutenden Antheil an dieser Arbeit nahm Lachmann, er hat, wie 
der Herausgeber im Vorwort bemerkt, daran „das Beste gethan". 
In der That sind es gerade die schwierigem Fälle, wo er berich- 
tigend eingriff, die tiefer liegenden Verderbnisse, die er oft in über- 
raschend glücklicher Weise aufgedeckt und verbessert hat, wie mir 
denn seine Conjecturalkritik immer als die glänzendste Seite seines 
ungemeinen Talentes erschienen ist. Dieses Talent hat ihn dann 
freilich auch häufig weit über das Ziel und das Erlaubte hinaus 
greifen lassen und ihn zu Gewaltthätigkeiten verleitet, die nicht zu 
loben sind. An solchen Verirrungen der Kritik fehlt es, wie ich zu 
zeigen hoffe, auch im Erek nicht, während der Herausgeber selbst 
sich damals noch fast ganz frei davon gehalten hat. Wie Vieles 
indess auch da noch dem Scharfsinn und Nachdenken Anderer übrig- 
gelassen blieb, und wie sehr zu Arbeiten dieser Art eine Vereinigung 
verschiedener Kräfte durchaus gehört, zeigte die vom Herausgeber 
einige Jahre später in seiner Zeitschrift 3, 266 — 273 mitgetheilte 
Nachlese mit Verbesserungen, theils von ihm selbst und Lachmann, 
theils von Benecke, W. Grimm und Wilh. Wackernagel, von denen 
namentlich die des Letztern manche verunglückte Emendation Lach- 
manns zurückwiesen und berichtigten. 

Seitdem — es sind fünfzehn Jahre darüber hingegangen — ist 
dem Erek von Seite der Kritik nicht die allergeringste Aufmerk- 
samkeit mehr geschenkt worden, sei es nun, daß ihn (was doch kaum 
anzunehmen) Niemand mehr gelesen oder nicht auf die rechte Weise 
gelesen hat oder daß man durch jene Verbesserungen Alles erschöpft 
glaubte, oder endlich daß Keiner den Muth hatte, mit seinen Funden 
vor die Öffentlichkeit zu treten, genug, so viel ist gewiss, daß (wie 
freilich noch für manches andre mhd. Gedicht) für den Erek seit 
jener Zeit kein Finger mehr gerührt wurde. Dieser Mangel an 
Eifer, Theilnahme und gemeinsamem Zusammenwirken auf Ein be- 
stimmtes Ziel ist in einer so jungen Wissenschaft gewiss ein betrü- 
bendes bedenkliches Zeichen. Welche Ursachen dieser Erscheinung 
zu Grunde liegen, darüber behalte ich mir vor, einmal ein offenes Wort 
zu reden. Hier habe ich es vorläufig nur mit dem Erek zu thun. 



192 FRANZ i'1"i:ifi"i:k 

Diese Jugendarbeit Hartnumns ist zwar nicht gerade ein Meister- 
werk, und als Ganzes betrachtet steht sie gegen dessen Iwein weit 
zurück. Dennoch finden sich darin Stellen und ganze Abschnitte, 
welche dem Besten in jenem mindestens ebenbürtig zur Seite stehen, 
und in denen des Dichters ganze Liebenswürdigkeit, Innigkeit, Seelen- 
kenntniss und Gremüthstiefe, Eigenschaften, wodurch sich Hartmann 
vor vielen andern mhd. Dichtern auszeichnet , deutlich hervortreten. 
Einem Werke von dieser Beschaffenheit, das einem der berühmtesten 
Dichter der mhd. Zeit angehört, Fleiß und Nachdenken zu widmen, 
kann keine verlorne Mühe sein. 

Ich habe oben 3, 338 eine Revision des Lachmannischen Iwein 
(worunter ich aber keine neue Ausgabe verstanden wissen möchte) 
in Aussicht gestellt; ich lasse ihr die nachfolgenden Emendationen 
zum Erek als Vorläufer vorangehen. Natürlich hat man mir nicht 
das Leichte oder an der Oberfläche Liegende übrig gelassen ; aber 
nicht selten stehe ich auch an Stellen, die schon längst für endgiltig 
hergestellt betrachtet werden , mit Lachmann im Widerspruch , wo 
dessen Änderungen mir nicht berechtigt scheinen. Mit welchem Glück 
oder Geschick dieß geschehen ist, mögen v orurth ei Islo se Leser 
entscheiden. Wenn nichts Weiteres, so viel wird aus meiner Arbeit 
doch hervorgehen, daß ich mich mit Hartraann eingehend beschäftigt 
und namentlich den Erek, für dessen Erklärung noch gar nichts 
geschehen ist, verstehen zu lernen ernstlich getraclitet habe. 



Es ist bei den meisten höfischen Dichtern fast ausnahmslose 
Regel, bei weiblichen Namen, wenn ihnen frouice vorgesetzt wird, 
den Artikel diu, die, der wegzulassen und dann gewöhnlich frouwe 
in frou, fro, froun, ja sogar bis zur Schvvächung in ver zu kürzen. 
An diese Regel kehrten sich freilich die Schreiber späterer Zeit nur 
selten oder gar nicht mehr, aber in guten, sorgfältigen Handschriften 
wird man sie fast immer beobachtet finden. Gegen diese Regel hat 
der Herausgeber, der jungen Handschrift viel zu sehr nachgebend, 
regelmäßig und unzähliche Male gefelilt. Betrachtung des im Iwein 
herrschenden Gebrauches hätte diesem Fehler vorbeugen können. 
Dort wird an 16 Stellen unabänderlich vroii Lttnete , also gekürzt 
und ohne Artikel, selbst da geschrieben, wo das Metrum der vollen 
Form nicht entgegen gestanden wäre : do sprach aber vrou Lunete 
7895. sich underwant vrou L. 7939. do gienc vrou L. 8023. hie 
(jesach vrou L. 8137. do sprach vrou L. 8044. hie was vrou L. 8149. 



ZUM EREK 193 

Dasselbe ist der Fall vor andern Namen : V7'ou Minne fünfmal, vrou 
Laudine zweimal, ebenso im Dativ vroun Minnen 7038. 7053. vroun 
Luneten 5438. Nur an Einer Stelle 2794 hat Lachmann im Acc. 
vroiven, doch ohne Art, gesetzt, und zwar vor Eniten : durch vroiven 
Eniten, wie es scheint (Vai'ianten werden zu diesem Verse keine 
angegeben) aus Gründen des Metrums , das aber hier vroun so gut 
ertragen würde als vroiven. Auch Greg. 282: vrou Minne. — Zwei- 
silbig gebraucht das Wort , aber stäts ohne Artikel , Walther frowe 
Minne 14, 11. 40, 26. 27. 41, 5. 55, 17. 98, 36. frowe Mdze 46, 33., 
einsilbig fro Sodde 43, 1. 55, 35. fro Unfuoge 64, 38. fro Stcete 
96, 35. fro Welt 100, 24. 101, 5. Auch Wolfram wird kaum Ein 
Mal gegen die Regel verstoßen, die Regel nämlich, die den Artikel 
bei fron, frotoe vor Eigennamen meidet. Danach sind also all die 
zahlreichen Fälle im Erek, wo diu frowe Enite , die, der frowen 
Eniten steht, zu bessern, u'z engegen (uz gein?) froun Eniten 800. 
als frou Enite daz ersach 849. und do frou Einte 1299. und f Heren 
(statt fUern die) froun E. 1404. frou E. urlonp nam 1455. froun 
E. nam si do 1528. otich ivart froun Ernten 1555. frou E. reizte 
daz 1841. ttnd von (statt unde von der) froun E. 2358. zito froun 
(statt zuo der frowen) E. er do sprach 3236. froun E. er niht liez 
3662. hie icas frort E. mite 4491. frort E. gieng ouch dar 4500. 
die frou E. erleit 5110. da er froun (statt da er die frowen) E. 5713. 
und sin frou E. phlac 6135. frott E. kiime sprach 6166. froun E. 
troster do 6212. gienc do froun E. not 6321. dne frortn (statt an 
die froun) E. 6682. 8759. 8928. er sprach ze froun Eniten 6877. 
des wart frou E. unfro 6924. Guivreiz froun Eniten 6956. Guivreiz 
froun E. neic 7024. froit Ernte 7221. owe froun E. 7263. der nam 
froun E. 9645. froun Eniten oehein 9720. mit froun E. 9818. hete 
frou E. 10107. — 1606. 1745. 2857. 6733. 7221. ist ohne Zweifel 
min frou Enite, und min froitn Ernten zu lesen. Ferner nü hete frou 
Melde 2515 (vgl. Frauendienst 47, 30. Lanz. 3346); wie er froun 
Laviniam 1615. 

Bei herre vor Eigennamen ist zweierlei oder vielmehr dreierlei 
zuläßig: entweder der herre oder das verkürzte her, aber ohne Ar- 
tikel, oder min her (monsieur); unerlaubt eine Vermischung beider, 
d. h. des Artikels mit der verkürzten Form her, oder umgekehrt die 
volle Form ohne den Artikel : der her Iwein, dem hern Gdwein oder 
herren Iwein. In der ersten Ausgabe des Iwein war dagegen öfter 
gefehlt, in der zweiten nur noch an zwei Stellen als dem hern Ereke 

GERMANIA IV. J3 



194 FRANZ PFEIFFER 

geschach 2792, und dem liern Iiceine der in sluoc 5084, in dem einen 
ist als kern Erecke geschach, im andern dem herren Iwein der in sluoc 
zu lesen, und ebenso im Erek 8879: umhe kern Erecken. Daß mit 
diesen beiden Formen Lachmann nicht recht in's Klare kam, beweist 
seine Anmerkung zu Iwein 855. Im Iwein z. B. sind die Verse 
1332: da'r sack si der herre Iwein in da ersdch si her Iwein, und 
1418 ouch was der herre niht verzagt mit allen gegen A in ouch loas 
her Iioein niht verzagt zu bessern. 

9, 10. Die Kürzung ein für einen (vgl. zu 1964. 65. und Greg. 
2816 wird eiiin wohl zu streichen sein) in Verbindung mit der Ver- 
schiffung da enmiffen in der zweiten Zeile ist verdächtig; beide 
Zeilen werden wohl mit vier Hebungen 
einen ritter selhedritlen 
vor ein getwerc, da enmitten 
zu lesen sein. Daß V. 187. 6621. 7103. dritten : enmitten zu Versen 
von bloß drei Hebungen verwendet werden, steht dem nicht ent- 
gegen. 

18. lies shie frouwen fragen hegan. 
Metrisch ist dieser Vers dann genau entsprechend V. 6780 ez was 
durch versuochen getan. 

Zu V. 56 wird in den Lesarten ein Fragezeichen gesetzt; was 
aber hier ze siner missewende bedeutet, kann doch nicht zweifelhaft 
sein, missewende, was sich zum Schlimmen Avendet, übel ausfällt, 
also : zu seinem eigenen Schaden. Und theuer genug mußte der 
Zwerg Maledicur die Geißelschläge büßen: 1055 — 1076. 

78. lässt sich die harte Kürzung soltz zu soltet ez vermeiden, 
wenn man iuwer streicht und 

ir soltet ez durch zuht Idn 
liest; nach durch wird das Pronomen eben so häufig ausgelassen als 
gesetzt, vgl. mhd. WB. 1, 404^ 

91. wird der schwere Auftakt entfernt, wenn gelesen wird 
loil du deich dichs erldze , 
andernfalls sind es zwei klingende Verse zu vier und drei He- 
bungen. 

147. Besser würde der Sinn, wenn man doch setzte für do: 
so lange er doch iirloubes gerte; 
auch hier haben wir ein klingendes Verspaar zu vier und drei He- 
bungen. 

177. Statt do lies da. 



ZUM KREK. 195 

207. 8. sind mit vier Hebungen zu lesen 
so het er in immer mere 
eine strit mit voller cre. 
290. lies der saz in dem gemiure. 
das hs. der da saz stört den Sinn wie das Metrum. 

301. lies Jierre, mir woir lierherge not. 
Die Ausgabe mit der Hs. der herberge- der Artikel der ist aber 
entbehrlich, zumal vor herberge, und not hat den Genitiv des Subst. 
sehr oft ohne Artikel bei sich : nü ist iu lihte guotes not Iwein 6615. 
wan iu ist beiden ruoioe not ebd. 7725 ; auch in den beiden in der 
neuen Ausgabe des Iwein mit Unrecht verworfenen Zeilen 297. 98 
ist besser zu lesen : 

herberge nie me so not. 
353. 54. daz jjhärt begiengn ze vlize 
ir hende vil toize. 
Die handschriftliche Lesart begienc ist herzustellen und statt hende 
i ist hant zu lesen; für einen Hartmannischen ist der Vers nicht 
j zu kurz. 

356. wird geschmeidiger, wenn man liest 

j ich locene da genuogie in mite, 

statt ich wcen in gnuogte da mite. 

Die Trennung des da von mite öfter im Iwein: da schiltet st vil 
manec mite 1871. loan da gewinnet niemen mite 2028. da ist mir wol 
gelonet mite 5106, etc. 

357. ob er solhen marstaller hcete. 

ist marstaller überhaupt ein altes Wort? Ich linde es nicht vor dem 
15. Jhd. belegt, marschalc bedeutet bekanntlich dasselbe und wüi'de 
dem schwerfälligen Verse aufhelfen. 

389. lies des häten si die überkraft. 
der Artikel darf hier kaum fehlen, vgl. 5188. und Iwein 2444: und 
alles des diu überkraft, wo diti in BEd auch fehlt. 365. luiim heten 
alles des die kraft. 

398. imd ers durch sin armicot niht enlie, 

ein überfüUter Vers. Statt ers ist besser des zu lesen, und sin jeden- 
falls zu streichen. Vgl. das Wörterbuch zum Iwein S. 86: durcJi 
haz , hochvart, hövescheit, zorn, vorhte, übermuot etc. stäts ohne Pro- 
nomen. 

430. W^arum hier, während überall sonst im Erek der Name 
Entte lautet und durch zahlreiche Reime diese Form gesichert ist, 

13* 



196 FRANZ PFKII'FEli 

Entde {: Karsinefide) geschrieben wird, mit der ]\Iedia, ist schwer 
begreiflich, um so mehr, als die meisten Handschriften des Parzivals 
143, 30 den in Chrestiens Gedicht fehlenden Namen der Mutter mit 
der Tenuis schreiben. Wenn Hartmann sich die Freiheit genommen 
hat, den in seiner franz. Quelle Entde lautenden Namen durchweg 
in Enite zu ändern, so wird er auch mit jenem andern Namen keine 
Umstände gemacht haben. Fast scheint es, als ob Lachmanns Vor- 
gang im Parzival verhindert habe, hier von der handschriftlichen 
Überlieferung abzugehen. 

631. ioid bätii in rätes dar zuo. 

die Kürzung wird vermieden , wenn man den Gen. rdtes vor den 
Acc. In setzt, so auch im Wig. 80, 2. sl bäten sin got alle pflegen etc. 

674. lies da der sparwuire üf toas gesät 
statt sparwcer loas df. 

754. lies nu rümde man in sä zestunt 

ze einem ivtten ringe. 
die Hs. jn aus, die Ausg. inz zestunt. Man rümet einem, d. h. man 
macht ihm Platz, ez ist hier nicht nöthig, wenn es auch Iwein 3314 
heißt : unde rümtez im. ouch sä, Greg. 3453 : od ich gerüm ez niemer 
hie und Erek 297S : unde rümten imz sä , sie verließen ihn. Vgl. 
si fragten in, durch weihe not er dort hete gerumet der Luderer 
vom Stricker Hcid. Hs. 341. Bl. 323. der tampf gerumet schiere hie 
Trist. 238, 7. 

81 L 815. ist die Kürzung zsamen "zi ze samene auffallend. Darf 
man Hartmann dergleichen zutrauen? Ich zweifle. Das erste Mal 
wird wie auch 9083. ze samene liezens strichen (vgl. 765. 832) zu 
lesen, imd an der zweiten Stelle zsamen einfach zu streichen sein: 

so sere sie stächen. 
853. liest man wohl besser 

unde hlihen des slages du. 
Hs. und er helihe. 

866 ff. Ereks Zweikampf wird mit einem Spiele verglichen : 

si hede spilten ein spil 

daz lihte den man heroichet, 

der fünfzehn uf daz houhet. 

ouch tourdens eteswenne gegeben 

beidiu da für und ouch da eneben. 

mit grimme si verbunden. 

einer ellenlanger lounden' 



ZUM EREK 197 

mohter inl woJ sin bekomen 

der daz phantreht solfe lidn (/enonw)i. 
Diese Verse sind in der Ausgabe unerklärt geblieben , und wie mir 
wird es wold auch Andern gegangen sein : sie werden sie nändich 
nicht verstanden haben. Erst neulich, bei der Erläuterung einer 
Stelle aus Parzival (Zeitschrift 11, 59) haben sie eine gelegentliche 
Erklärung gefunden. Nämlich: „sie beide spielten ein Spiel, das 
leicht großen Verlust bringt , das Spiel fünfzehn auf das Haupt. 
Manchmal fielen auch Würfe vor und neben das Haupt. Sie waren 
gegen einander voll grimmiges Hasses. Wer da das Pfandrecht, 
seine Procente vom Spielgewinn, hätte erheben sollen, der hätte schon 
etwas ganz ansehnliches erhalten, eine ellenlange Wunde." Diese 
Übersetzung kann man insofern eine sinnreiche nennen, als sie der 
Stelle zum Theil einen Sinn unterlegt, den sie schwerlich hat. der 
in der dritten Zeile kann nichts anderes sein als der Gen. Plur. des 
demonst. Pronomens : deren , wovon ; aber worauf bezieht er sich ? 
Es geht kein Substantivum vorher, zu welchem der hier das Demon- 
strativum bilden könnte, und überdieß fehlt das Verbura. Daß der 
sich auf das sj^il beziehe, ist bloße Fiction. Und dann, was ist das 
für ein Spiel, wo 15 auf den Kopf gehen? Giebt es, was ich nicht 
weiß, wirklich ein solches Spiel, Avarum wird uns der Nachweis vor- 
enthalten ? 

Ich kann in fünfzehn nichts anderes als eine Verderbniss erbli- 
cken, und glaube, es liegt dem Worte ein vom Schreiber missver- 
standener, auf das Spiel bezüglicher Ausdruck zu Grunde. Ich 
dachte erst : 

so der wUrfel velt üfz Jwtibet, 
denn das Schwert könnte doch wohl mit einem Würfel verglichen 
werden. Doch schließt sich mir diese Emendation noch nicht mit 
hinreichender Genauigkeit an den Buchstaben der Überlieferung, 
vielleicht tritt folgender Vorschlag näher ans Echte : 

der ivnrfzahel was daz houhet. 
wurfzahel, Spielbrett, Wurfbrett, wie schdchzahel das Schachbrett; 
das Spielbrett waren die Köpfe; auch im Gregor 185G ff. steht eine 
Vergleichung des Kampfes mit dem zahel, dem Würfelspiel. 

In den folgenden Versen kann ich, neben s^prachlichen und gram- 
matischen Bedenken , ebenfalls den Sinn nicht finden , den Haupt 
ihnen beilegt, w^irdens ■=. vmrden si (so die Hs.) : wer wurde? Die 
Würfe, meint Haupt, aber von den Würfen war und ist ja noch 



198 FRANZ PFEIFFER 

keine Rede. Wie könnte ein sonst so klarer Dichter wie Hartmann 
sicli so undeutlich ausdrücken? Ev wird beim Bilde geblieben sein 
und auch hier einen Ausdruck gebraucht haben, der mit dem Spiel 
in Verbindung steht. Die Hs. wird sy etzioenne haben, das führt auf 
satzunge, Pfand, Einsatz. 

mit grimme si verbunden 
soll heißen : „sie waren gegen einander voll grimmiges Hasses." 
Aber lässt sich verbinden in diesem Sinne nachweisen? Es könnte 

mit grimmigen blinden 
gelesen werden. Auch bunt ist ein Spielerausdruck und bedeutet 
„zwei neben einander stehende Steine, die der Spieler zu halten 
strebt": Deutsches Wörterbuch 2, 517Mmd mlid. WB. 1, 135^- Bei 
Luther ist bunt synonym mit zug, also: mit grimmigen Zügen, d. i. 
Doppelstreichen. Die Stelle lautete somit 
st bede spilten ein spil 
duz lihte den man beraubet : 
[der] wurfzabel was daz lioubet. 
ouch wurden satzunge gegeben 
beidiu da für und ouch da erleben 
mit grimmigen bunden: 
einer ellenlanger lounden u. s. w\, 
d. h. das Spiel, das beide spielten, war ein solches, das leicht einen 
in Schaden bringt: das Spielbrett nämlich waren ihre Köpfe. Die 
Einsätze, die da auf und neben das Spielbrett (die Köpfe) gege- 
ben wurden, waren grimmige Doppelzüge, -Schläge, so daß, wer 
das Pfandrecht da hätte nehmen wollen, leicht statt dessen (von den 
daneben fallenden Schlägen) eine ellenlange Wunde erhalten hätte. 
903. unser siege gent niht manlichen, 

tvir vehten lasterlichen. 
Wenn die von Lachmann und Haupt (Iwein 6379 und Zeitschrift 3, 
267) gegen diesen Reim (-liehen : -liehen) erhobenen Bedenken 
gegründet sind (ich bin nicht davon überzeugt), so könnte gelesen 
werden 

unser siege gent nihtwan (niewan) slichen 
oder mit vier Hebungen 

tinser siege niht manne geliche 
gent, loir vehten lästerliche: 
unsere Streiche fallen nicht mehr wie es Männern geziemt; V. 893 
heißt es : ir siege loiplichen sigen. 



ZUM EREK 199 

939. 40. üf den heim er verhant 

mit vil ivilligei' haut. 
Der Herausgeber vermuthet in der ersten Zeile einen Fehler ; ich 
glaube mit Recht, denn wenn das mhd. WB. 1, 136'' meint, es dürfe 
ohne Bedenken so stehen bleiben („er band den Helm auf"), so ist 
dabei übersehen, daß der Kampf, dem das Wiederaufbinden der 
Z. 911 abgelegten Helme vorausgehen musste, schon V. 914. 15. 
wieder begonnen hatte. Ich lese 

den heim er vaster gehant 

mit vil werltcher hant. 
Nachdem der Kampf lange unentschieden hin und her geschwankt 
hatte, fielen Erek die von dem Zwerge erhaltenen Geiselschläge ein 
und zugleich blickte er auf Enite : das verlieh ihm doppelte Kraft: 
er band mit kräftiger Hand den Helm fester und drang mit solchem 
Ungestüm auf seinen Gegner ein, daß er ihn nun rasch zu Falle brachte. 
So heißt es auch in den Nibelungen, als Kriemhilt mit erzwungener 
Freundlichkeit die Burgunden empfangend, nur Giselhern küsst, und 
Hagen daraus den bevorstehenden Kampf ahnt 1777 H. do daz ge- 
sacli Hagene, den heim er vaster gehant. Wir pflegen, wenn es einer 
Gefahr entgegen geht, den Hut tiefer ins Gesicht zu drücken. 

1247. er givaltte mir mit siner hant 

gioaltte mir ist von Lachmann nach Iwein 1567. 6<S: sU Minne kraft 
hat so vil daz st geioaltet swem st loil, an die Stelle des handschrift- 
lichen getveltigt mich gesetzt, einem geioalten, ihn beherrschen, unter- 
thänig machen, mag dort richtig sein, hier passt es nicht, und gegen 
die Schreibweise gwaltte z=: gewaltete muß man im Namen des 
Dichters Einsprache erheben : solche Rohheiten dürfen ihm nicht 
aufgebürdet werden. 

er betivanc mich mit stner hant^ 
so wird zu lesen sein, vgl. Erek 1296. Er ecke so ivol gelanc daz er 
Yders hetwanc. betwingen, bändigen, besiegen, vgl. Nibel. die Liudegeres 
man, den e da hete heticungen diu Sifrides hant 886, 3. unze daz er 
Hagenen mit strite doch hetwanc 2409, 3. Statt gewaltet im Iwein, das 
will ich noch bemerken, liest eine Hs. twinget. 

1265. ist und oder daz entbehrlich und zu streichen. 
1329 — 32. — — s^ noimen 

swd st stn reht hekaemen 

einen \süeze7i\ kus für einen slac 

und gxiote naht für üheln tac. 



2U<J FRANZ PFEIFFER 

Den letzten Vers hat Lachmann aus der hs. Verderbniss gut herge- 
stellt. Aber auch die vorhergehende Zeile bedarf der Besserung; nur 
wird durch des Herausgebers Vorschlag, siiezen zu streichen, die 
Sache am unrechten Orte angegriften. Statt siiezen wird man vielmehr 
einen zu entfernen haben. Auch einen slac scheint mir verderbt, man 
erwartet, vn.^ bei guot und übel, auch hier einen Gegensatz zum 
siiezen kus, etwa orenslac oder Ähnliches. 
1434. man molite ez vil geriten, 

statt vil ist icol zu lesen, wie Iwein 6849 — pfßrt, die st wol mohten 
riten : es war so gebaut, daß man bequem darauf reiten konnte. 
1445. waz solt daz lange moere 

IV ie daz geioorht wcere'^ 
ict nicht der mhd. Ausdrucksweise gemäß, besser lautet 

tvaz sol des langiu mcet^e. 
Vgl. Marienlegenden IV, 38; waz sol des lange tnere (so nach AH, 
die übrigen lesen daz) : wu/u bedarf es darüber vieler Worte oder 
weitläufiger Rede, moire scheint hier als Femin. gebraucht (vgl. mhd. 
Wß. 2, 71.); vgl. waz tollte ez iu gelenget? Trist. 233, 10. 
1497 fg. nü riten si vil drdte 

wand er geloht Jiäte 

ze kommenne an dem selben tage, 

durch daz der küneginne sage 

bewist die guoten knehte 

alle vil rehte 

der zit wenn er solde komen. 
So nach Lachmann, dessen Vorschlägen der Herausgeber gefolgt ist. 
Die Hs. liest nach der küniginne sage so tcissten die guoten knechte. 
Hier haben wir eine recht unnöthige Änderung. Die hier auffallende 
Anwendung von durch daz im Sinne von weil möge unberührt blei- 
ben ; sollte aber der küniginne sage beuiste — st der ztt wirklich mit- 
telhochdeutsch sein? nach der sage, in Folge der Aussage, Mittheilung 
ist sprachlich ganz richtig ; so heißt es im Erek selbst 2238 und 
2896 nach der dventiiire sage, beidemal wie hier mit darauf folgendem 
so; Lanz. 1884 nach der dventinre sage so ist ez komen an die naht 
(vgl. Wigalois 250, 14) und Ottokar (Wack ernage Is Lesebuch 821, 23) 
nach der wärhait sag so hän ich min tag; ferner Bari. 70, 20 nach 
der wissagen sage. Wig. 42, 9 : nach des garzünes sage vant er michel 
früude da. Demnach darf auch so leisten stehen bleiben. Die Ände- 
rung scheint durch den Genitiv der ztt hervorgerufen, aber selbst 



ZUM EREK. 201 

hier scheint kein Abgehen von der Überlieferung geboten (die ztt), 
obwohl iüizzen sonst nicht den Genitiv regiert, st wisten der zU, sie 
wussten um die Zeit, wann Erek kommen wollte: der zit könnte hier 
adverbialer Gen. sein. 

1515. Lucdns der schenk scliein in der schar. 

Warum soll der Schenke Lucäns unter der Schaar von Helden und 
Königen besonders hervorgeleuchtet haben? Diese auffallende Bevor- 
zugung und zugleich die Kürzung schenk wird vermieden, wenn man 
das ohnehin überflüssige schein streicht. Mit dem König Artus ritten 
zu Ereks Empfang Gawein, Perseväus, König Yels von Galöes, der 
Königssohn Estorz, Lucans der Schenke und das gesammte könig- 
liche Gefolge in einer Schaar. 

1572 fg. eiii borte ir hdr zesamne bant: 

der loas ze mdze breit, 

kriuzeiois über daz houhet geleit. 

so guot ivas des schappels scMn, 

ezn moht von braht niht bezzer sin. 
von braht ist von Lachmann an die Stelle des handschriftlichen von 
porten in den Text gesetzt. Was heißt von braht? braht ist zwar kein 
seltenes Wort, aber überall, wo es begegnet, bedeutet es Schall, 
Lärm, Getöse, Geschrei. Das kann doch hier, wo von einem Kranze, 
einem Haarschmuck die Rede ist, der Sinn nicht sein. Lachmann 
scheint entweder an das alid. perahtt , splendor, oder ein anderes, 
vielleicht von brehen, strahlen, leuchten, glänzen, abgeleitetes Sub- 
stantiv (unser Pracht?) gedacht zu haben. Aber das ahd. perahtt 
kommt bloß zweimal in den ältesten Quellen vor: bei Kero und in 
einer Pariser Glossensammlung (Graff 3, 209), im mhd. ist es gar 
nicht nachzuweisen , ebensowenig ein anderes von brehen gebildetes 
Hauptwort (vgl. mhd. WB. 1, 106. 235—36.). Es scheint doch gewiss 
verwegen , ein gänzlich unbelegtes Wort an die Stelle der Überlie- 
ferung zu setzen. Ist es Zufall oder richtige Einsicht, dem Worte 
gebühre keine Aufnahme, daß es im mhd. WB. fehlt? Ich möchte 
lesen ezn moht kein (oder nie) borte bezzer sin: 

der Haarschmuck gab so hellen Glanz , daß man keinen bessern 
Borten zu finden vermöchte. 

1585 fg. also schoene schein diu maget 

in sioachen kleidern, so man saget, 

daz st in so rtcher wdt 

nü vil lüol ze lobe stdt. 



202 FRANZ PFEIFFER 

vil icol bildet hier keinen rechten nachdrücklichen Gegensatz zum 
vorausgehenden. Es ist volle wol zu lesen, wie 4818 daz ir mir volle 
u-ol tuot, vgl. 7374 und a. Heinrich 1177 volle guot: 

nü volle wol ze lohe stät: 
die Schönheit der Jungfrau leuchtete schon aus den schlechten 
Kleidern so sehr hervor, dal.\ sie nun, in dem reichen Grewand, erst 
recht, in vollem Maße, des Lobes würdig erscheint. 
1594. ouch hat sich so manec iviser munt 

in wihes lohe geflizzen, daz etc. 
wiser ist überflüssig, und der schwerfällige Auftakt wird vermieden, 
wenn man das Wort streicht, das der Schreiber offenbar aus Z, 1591 
wiederholt hat: nü hin ich niht so iciser man. 
1703. 4. der wünsch was an ir garwe. 

als der rösen varice 

under wize liljen güzze 

und daz ze samne flüzze, 

und daz der mimt hegarioe 

tccere von rosen varwe, 

dem gelichte sich ir Itp. 
Wer diese Stelle recht erwägt, braucht nicht aufmerksam gemacht 
zu werden, wie wenig die beiden vorletzten Zeilen, die schon gram- 
matisch auffallend sind, in den Zusammenhang passen : es ist nichts 
weiter als eine müßige sinnstörende Wiederholung der V. 1699. 1700. 
Man streiche sie, und es stimmt alles vortrefflich zusammen: die 
Farbe ihres Körpers glich einer Mischung aus Lilien und Rosen, ein 
von den Dichtern oft gebrauchtes Bild (vgl. Walther 53, 35. got hat 
ir wegel hohen vliz , er streich so tiure varwe dar: so reine rot, so 
reine wtz, da roeseloht, da liljen var. Ebd. 28, 7. der liez ich liljen 
Wide rosen uz ir loengel schinen. j. Tit. 2000: der antlütz solher 
wcete pflac: liljen varwe und rosen in dem touwe. Heinzelein ML. 
639 : ir wengel nach giljen wiz — zivei rotiu roeselin dar in. MSH. 
1, 126*: doch wart ir varioe liljenvnz und rosenrot. Ebd. 150'': touwic 
rose gegen der sunnen, diu sich uz ir helgelin hat zerspreitet, stänt die 
wtzen liljen nähe M.). Daß hier, wo die Schilderung in keine Ein- 
zelheiten sich ergeht, sondern bloß im Allgemeinen ihre blühende 
Farbe gerühmt wird, der rothe Mund besonders hervorgehoben werde, 
ist gar nicht nöthig. 

1789. 90. loan swä ez die guoten knehte 

im gesagten ze rehte. 






ZUM EREK. 203 

im fehlt in der Hs. und mit Reclit, die Verse sind mit drei Hebmigen 
(sica ez) zu lesen. 

1841 ff. Die engelgleiche Enite bewirkte durch ihre Schönheit 
und Güte 

daz Ereck sin gemüete 
vil herzelicJieu nach ir ranc. 
dem Ereck sein Gemüth? kaum glaublich, denn ein anderer Fall 
ist es Erek 9689. 90. und im Greg. 2704: 
sits gesenfte st mit güete 
dem visciuere sin gemüete. 
man wird Ereckes gemüete lesen dürfen. 

1860. dö einz daz ander an sack, 

dö loas in beiden niht haz u. s. w. 
Statt des ersten do wird so zu lesen sein, oder umgekehrt. 

1863. von gesclnliten ze oxigen hrlnget. 

lies von gescJiihte, von ungefähr, durch Zufall; so ist auch 2651. von 
geschihte hegreif er zu lesen, vgl. 5810 von geschihte (: ihte) und 8715. 

1894. hrieve lond ivärzeichen. 

Ist ivärzeichen ein altes hochdeutsches Wort? Ich finde es in ober- 
deutschen Denkmälern erst vom Ende des 13. Jhd. an , früher nur 
in mittel- und niederdeutschen. V. 6985 steht Wortzeichen, und so 
wird auch hier zu lesen sein. Die spätem Hss. setzen diese jüngere 
Form häufig an die Stelle der altern, so Greg. 3447 (A zoortzeichen, 
E ivärzeichen), Kindheit Jesu ed. Feifalik V. 329 (D warzeichen), 
Bari. 282, 20 (warz. C), 333, 33 (warz. BC) u. s. w. 

1924. wan man da nie kein wurm gesach. 

Die Kürzung kein zi keinen scheint mir unwahrscheinlich, man wird 
das Wort zu streichen haben: wan man da nie ivunn gesach. Vgl. 
Iwein in behagt nie riter also wol 2384. daz e nie kumher geivan 
5785. des er nie schaden geivan 7368. 

Eben so unglaublich ist mir die Kürzung des Accusativs einen in 
1964. 65. ieglicher fuorte uf der hant 
vier müzer, ein sparivcere. 
Ich denke, es wird vier muzers'parwoere heißen müssen, wie Parz. 
605, 14; vgl. Iwein 284: müzerhabech. Zwar hat V. 2030 ff. von 
den alten Herren jeder außer einem Habicht noch vier oder mehr 
muzer auf der Hand. Wie sie das eingerichtet haben, weiß ich 
nicht, ich sollte aber meinen, vier auf einmal sei auch genug. 
Gleich die folgenden Zeilen lauten : 



204 FRANZ PFEIFFER 

diu schar was lobeboire: 

ir hrähte iegeltcher dar 

drin hundert (jeselln In siner schar. 
Der letzte Vers ist überladen ; entweder ist gesellen zu streichen oder 
besser wohl zu lesen 

ir hrdhte iegeltcher gar 

driu hundert gesellen dar. 
vgl. 1907. 2075 — 77. er hrdht sin masseme gar 2370. 
1980. die waren ouch geUche 

hediu geriten und ouch gekleit. 
Von diesen beiden ouch ist eines überflüssig, lies : 

hediu geriten unde gekleit. 
[„1981 — 1895: st hdten an sich geleit 

ir alter ein gezceme wät, 

als manz von in vernomen hat, 

den besten hrütlach den man vant 

über allez Engellant. 
Die Hs. bietet: "praunen Scharlach für das von Lachmann vor- 
geschlagene (vgl. zu Iwein 326) und von Haupt in den Text gesetzte 
brütlach. Schon Benecke (bei Haupt, Zeitschr. 3, 267) nahm an 
dieser durch kein Zeugniss gestützten Form statt des bekannten 
brütlachen Anstoß und schlug dafür scharlach zu lesen vor, indem 
er auf Willeh. 63, 22 verwies. Zwar ist die Kürzung von lachen 
in lach in Zusammensetzungen wie scharlach, deckelach, Mach, sper- 
lach, tischlach nicht ganz selten, am meisten bei Ulrich v. Licht., 
wie man aus dem mhd. WB. 1, 923—925 jetzt ersehen kann ; doch 
gehören die angeführten Beispiele mit Ausnahme von scharlach fast 
nur spätem Schriftstellern an und bewahren durchweg das sächliche 
Geschlecht. Ich vermuthe, daß der Abschreiber brünit oder bj'ündt 
vorfand und solches durch pratmen scharlach in seiner Weise ver- 
ständlicher zu machen suchte. Auf ganz gleiche Art ist im Engel- 
hard 4693, wie Haupt gewiss richtig gefühlt hat, von brümte loas 
geiceben in den Text gesetzt worden statt des im alten Drucke vor- 
gefundenen : von brauner seiden icas geiceben. Vgl. dessen Anm. zu 
Engelh. 1308. Im Reime findet sich die Form bründt beim Stricker 
in dessen Daniel, in der Einleitung von Bartsch zu Karl S. XXVI: 
scharlach unde bründt daz locere da ein sioachiu lodt.'^ FEDOR BECH.*)] 

*) Diese mir von Dr. Fedor Bech mitgetheilte Verbesserung rücke ich mit seinem 
Namen hier ein. 



ZUM EREK. 205 

2001, lies noch oucJi tliiwerren vant. 
oiich fehlt in der Hs. und Ausgabe. 

2026. lies und mit golde undcrtragen. 
statt übertragen, wie V. 7984. und fehlt in der Hs. 

2095. dann ieman hi sinen ziten. 

den für sinen würde denselben Dienst thun und den Vers geschmei- 
diger machen. 

2098. if. so saget man uns danne 

daz kein ticerc locere noch si 
kurzer danne Bilei. 
Die mittlere Zeile scheint mir unmöglich. Die Hs. hat gezicerg und 
so — geticerc — wird sonst überall im Erek gelesen, vgl. 10. 29. 
43. 51. 68. 74. 82. 95. u. s. w. Diese Form ist herzustellen und 
wcBre noch zu tilgen. Ahnliche Wiederholungen eines Verbums wird 
Jeder, der mit Hss. zu thun hat, häutig beobachten können, sie 
deuten regelmäßig auf eine Verderbniss : der Schreiber versieht sich 
und fügt dann, statt das fehlerhafte Wort zu streichen, das richtige 
durch Vorsetzung eines noch, oder, unde etc. noch hinzu; übrigens 
könnte auch daz kein getwerc tocer oder (tvcere od) si gelesen werden. 

2136. 37. dct ivas alles des üherkraft. 
Wie soll dieser Vers gelesen werden? mit zweisilbigem Auftakt? 
und darf der Artikel fehlen? Ich lese 

da icas edles des diu kraft, 
des Hute und oj^s solden leben: 
die Hülle und Fülle an Allem ; vgl. Iwein 325. und Erek 389. 
vgl. mhd. WB. 1, 872\ 

2141. Da bidiurt, tanzen huop sich hie. 

d. h. da begann man zu buhurdieren, hier zu tanzen. Ich linde das 
hier sehr ungelenk ausgedrückt. Die Hs. hat Da hurt und dieß 
steht ohne Zweifel verschrieben für Biüiurt, mid so wird zu lesen sein 

Bidmrt, tanzen huop sich hie. 
Hätte hier der Gegensatz: hier und da, dort ausgedrückt werden 
sollen, so würde es deutlicher geschehen sein, etwa wie 1316 durch 
da — andersied , oder umgekehrt durch hie — da, vgl. mhd. WB. 
1, 688. 

2160. der (spihnan) ivas da zehant 

driu tüsent unde mere. 
3000 Spielleute und drüber? Die müssen einen Heidenlärm gemacht 
haben. Obwohl Hartmann gleich darauf hinzufügt: ein herrlicheres 



206 FRANZ TFEIFFER 

Fest sei weder vorher noch nachher gefeiert worden, so kann ich 
ihn doch einer solchen Übertreibung nicht für fähig halten; es wird 
ein Scherz des Abschreibers sein, tüsent unde mere wäre immer noch 
eine schöne Zahl. In des Strickers Daniel (Bartschs Karl S. XXXII) 
sind freilich bei der Hochzeit am Schlüsse des Gedichtes zugegen 
300 Geiger, 6000 Spielleute, zwanzig hundert Harfenisten, zwanzig 
Tausend (so) Sänger, Summa 28,300 Musikanten auf ziceinzic hundert 
ritter unde frouwen : zur Vermehrung der Rührung werden auch hier 
die Schreiber das Ihrige hinzugethan haben. 
2173. ican si lourden da riche 

alle geltche. 
Die erste Zeile ist mir verdächtig durch den zweisilbigen Auftakt 
und die Betonung. Vielleicht 

wan si wurden rtcJie 

alle da geltche. 
Dann ist, was sonst zweifelhaft bliebe, geltche das Adv. : in gleichem 
Maße: alle wurden da gleich reich; da könnte übrigens auch ganz 
wegbleiben. 

2188 — 91. man gap in allen genuoc. 

da icart nieman geschaut: 

man gap in allen zehant: 

emphdhens zeran in nie. 
Wenn die beiden vorletzten Zeilen echt sind, so sind sie nichts desto 
weniger herzlich schlecht. Darf man aber Hartmann eine so arm- 
selige unmittelbar sich folgende Wiederholung wie man gap in allen 
genuoc, man gap in allen zehant zutrauen? 

2194. sus lange hride \Erec\ fil de roi Lac. 

Durch die eckichten Klammern macht der Herausgeber den Vor- 
schlag, Erec zu streichen. Ich meine, dieß würde passender mit 
lange geschehen: so, auf diese Weise war das Beilager, die Hoch- 
zeit Ereks beschaffen. 

2291. vil verre glaste der scMn. 

Statt der schin möchte ich lesen des scMn, des der Gen. des Demonstr., 
nämlich : der Glanz des Spiegelglases. 

2306. lies di\i niht bezzer mohte mi, 
statt daz diu. 

2387 — 89. er duhte sich niht volkomen 

noch an siner manheit vernomen, 

daz ez im erhübet möhte sin. 



ZUM EREK. 207 

daz in der letzten Zeile verlangt wohl ein vorausgehendes so: 

ern dnhfe sich nilit so volkomen 

noch an manheit vernomen, 

daz u. s. w. 
vemomen, bekannt, berühmt. Anderwärts nz genomen, vgl. Lanzelet 
3035. ein helt an tilgenden ilz genomen, 3599. ein hell an manheit üz 
genomen. dner, das zweisilbigen Auftakt verursacht, scheint demnach 
entbehrlich. 

2432 — 38. do geviel im diu ere, 

diu, in an lohe zierte: 

er schufte und justierte 

also daz nie ritter baz. 

ziüo gnade fuogten im daz: 

also groze loerdekeit 

die hete got an in geleit. 
Zur 5. Zeile bemerkt der Herausgeber: „es scheine etwas ausge- 
fallen zu sein oder die Zeile selbst sei entstellt". Mir scheint letz- 
teres der Fall. Schon W. Grimm hat sich (Zeitschr. 3, 267) daran 
versucht ; ohne Erfolg. Ich lese : 

er schufte und justierte 

also daz nie ritter haz 

gewarp, unde fuogte im daz 

also groziu loerdekeit 

die got hete an in geleit. 
Also: er gallopierte und justierte so, daß es nie kein Ritter besser 
trieb, und das bewirkte die große Tüchtigkeit, die ihm Gott verliehen 
hatte. Die Emendation schließt sich so genau als möglich an die 
handschriftliche Lesart: gwarpunde zz zwagnade. 

2467. man sach in dort und nü hie 

Entweder ist nü zu streichen oder 

man sahen nü dort und nü hie, 
bald da, bald dort. 

2470. ? er ivas ie der erste dar. 
ie fehlt in der Hs. Aber der Sinn und das Versmaß scheinen das 
Wort zu verlangen, 

2473. Erec den jpris geican 

des äbnts ze beiden siten 
Die Zusammenziehung eines dreisilbigen Wortes mit langer 
erster Silbe, welches sonst auf den beiden ersten Hoch- und Tiefton 



208 FRANZ PFEIFFER 

(dbendes) oder zwei Hebungen mit dazwischen liegender Senkung 
trägt (dbendes), in Eine Silbe, scheint mir bei einem Dichter wie 
Ilartmann unglaublich. Zwar im Iwein gebraucht er das Wort zwei- 
silbig, wogegen indess wenig einzuwenden ist ; nur gegen Lachmanns 
Schreibweise muß ich mich erklären , er schreibt nämlich äbents : 
danne ouch des dbents do ich da reit 787. des andern dbents 'gie si 
dan 2200. An beiden Stellen geben die zwei alten Haupthand- 
schriften die volle Form aSencZes ; an der ersten (und Avohl auch der 
zweiten) folgt Lachmann bd, also Hss. des 15. Jhd., und dieser Zeit, 
wie dem nhd., ist äbents angemessen, nicht aber dem Strengmittel- 
hochdeutschen, das eine solche Betonung gewiss nicht gekannt hat. 
Zwar hat im Parzival 247 , 9 schon die Handschrift D dbents und 
Lachmann scheint hier diese Kürzung gelernt zu haben. Was aber 
Wolfram, der des Ungewöhnlichen und nichts weniger als Löblichen 
so vieles bietet, angemessen sein mag, ist es darum noch nicht an- 
dern, correctern Dichtern, und ich halte diese Schreibung für eben 
so unzuläßig, als die von Lachmann eingeführte Kürzung der lang- 
silbigen Präterita ervolletn , truobetn, salbetn, minnetn (s. zum Iwein 
S. 530), worüber ich seiner Zeit beim Iwein das Nöthige bemerken 
werde. Wenn eine Kürzung von dbendes vorgenommen werden muß, 
so kann sie nach meinen Begriffen von rahd. Betonung nur in der 
Mitte des Wortes stattfinden, also dbndes (vgl. Ulrichs Frauendienst 
334, 5. 335, 5. ahnt), wie in den Participiis Praes. (abent ist ja im 
Grunde auch nichts anderes) weinde, brinnder, lüallnder, wahsdez (vgl. 
die oben 3, 73 aus Haupts Ausgabe des Lobgesangs angeführten Bei- 
spiele.) So auch Erek 4613: als si des dbndes sdzen. Von dieser 
zweisilbigen Aussprache des Gen. dbendes bis zu dbnts ist aber ein 
weiter Sprung und ich würde mich wohl besinnen, bevor ich einem 
Dichter wie Hartmann eine solche nachläßige Aussprache aufbürdete. 
„Im Erek 2473 fordert der Vers sogar dbnts'-'' bemerkt Lachmann 
zu Iwein 787. „Sogar", es muß daher auch ihm fast zu stark ge- 
schienen haben. Ich halte eine Änderung hier für durchaus geboten, 
sie lässt sich ohne alle Gewalt leicht anbringen. Neben ze beiden 
siten (auch in Rudolfs Wilhelm 6761 steht : er behabete an den zUen 
den pris ze beiden siten) war auch ze beider sit übliche Ausdrucks- 
weise: so Lanz. 4490 si vdJiten lool ze beider sit ( : der strit) und 
Frauendienst (sieh zu Iwein S. 297) er het den pris ze beider sit. 
Parz. 276, 2. ze beider sit loas gröziu malit. Mau wird also ohne 
Bedenken lesen dürfen 



ZUM EREK. 209 

A. 

Erec den pns gewau 

des dbendes ze beider stt: 

des jdhens dne sfrif. 
Und V. 2480: im icas des dbendes geschehen, statt dbents. Diese Be- 
tonung erhellt auch aus Gudrun 372 , 1 : daz kam an einem dbende 
daz im so gelanc und Nib. Lachm. 747, 1 : an einem dbende. 
2537 — 39. ein kurze ruoice er do nam.. 

loand als schiere er wider in kam, 

do wären se alle [loider^ uz komen. 
Gewiss ist hier das eine loider überflüssig;, ich möchte aber lieber 
das erste, und in der 3. Zeile üz statt ivider streichen. Erek ruhte 
nur kurze Zeit, denn kaum hatte er sich zurückgezogen, so waren 
die andern schon wieder da zur Fortsetzung des Turniers , so daß 
es auch Erek keine Ruhe ließ, und er, nachdem er nur wenig ge- 
gessen und getrunken hatte, sich rasch waffnete. 

2605 — 7. lies do bedenthalj) diu ritterschaft 
mit so volltcher kraft 
zesamne liezen strichen 
oder voUeclicher, wie Iwein 6583 mit volleclicher (volltcher A) kraft] 
die Ausgabe liest mit der Hs. ivilliger. 

Die unmittelbar darauf folgenden Verse lauten 
nü waz möht sich geliehen 
dem schalle von den scheften, 
wan da von windeskreften 
ein walt begunde vallen ? 
i Um das ican in der dritten Zeile zu retten, hat sich hier Lachniann 
zu Änderungen verleiten lassen , die weder von Seite der Metrik 
(das gekürzte möht zz möhte in der Senkung) noch von der des 
; Sinnes und ganzen Satzbaues zu billigen sind. Die Hs. hat nu mocht 
\ sich und der schal, also 

nü mohte sich geliehen 
der schal von den scheften, 
sam (so statt ivan) da von windeskreften 
ein loalt begunde vallen. 
Besser schiene beginnet, doch ist begunde wohl der Conjunctiv. 
2612. do tet erz vor in allen - 

wand er an dem mäntac 
manec ros erledegete da. 

GERMANIA IV 14 



210 FRANZ PFEIFFER 

Die Kürzung des Dativs mdntac für mdntage kommt mir bedenklich 
vor ; die gekürzten Dative Artus, lius dürfen nicht entgegen gehalten 
werden. Ich lese 

loand er in den mdntac 
den mdntac ist adv. Acc. wie allen tac, al den tac, die zit u. s. w. 
nhd. diesen Tag, vgl. Gramm. 3, 140. 141. und Erek 2746. 47. 
vil groze manheit erzeigete er den tac. 1390. da mtioste er geste dne 
zal — den dhent schouwen. vgl. zu 4113: die icUe. Trist. 219, 31: 
muoz ich liegen disen tac. 228, 34: er ivolde — den tac geruowen 
etswd. 229, 11 : cZa lac er den tac und die naht. 
2675. lies doch müestens sin gevangen, 

und tücere daz ergangen 

von der grozen üherkraft 

(diust aller dinge meisterschaft, 

wider st nieman niht enmac), 

wan daz Erec u. s. w. 
Haupt hat bloß die vorletzte Zeile in Parenthese gesetzt und das 
unmittelhochdeutsche diu aller dinge ist meisterschaft der Hs. bei- 
behalten. 

2704, 5. vil schosnen geioin 

hete stn geselleschaft begdn 
Die erste Zeile ist zu kurz, die zweite überfüllt, beiden wird gehol- 
fen, wenn man liest 

sus hete vil schoenen geioin 

sin geselleschaft begdn. 
2748 — 50. an Et^ecken fil de roi Lac 

so bejaget da nieman mere: 

wand er bejagt da ere. 
„verbessert von Lachmann". Der letzte Vers erscheint mir jämmer- 
lich. Die Hs. liest ivann er bejaget da gut vnd ere ; die Verbesserung 
besteht also im Weglassen von gut vnd, sie ist aber an das Unrechte 
gerathen, wann er wird zu ändern sein, bejaget muß getilgt werden. 
Ich lese so bejagete nieman mere: 

er gwan da guot und ere. 
2810 — 24. Ih-ec der tugenthafte man 

wart ze vollem lobe gesagt. 

den pns het er da bejagt 

und den lop so vollecUchen 

daz man begunde glichen 



ZUM EREK. 211 

2815. sinen wtstuom Salomone, 

an schoene Ahsalone, 

an Sterke Samsones gnoz. 

sin mute duhte si so groz, 

diu gemdzte in niemen ander 
2820. wan dem milteu Alexander. 

sin schilt was zehrochen, 

mit Supern so zerstochen, 

man hete fiuste derdurch, geschoben. 

sus verdiente Erec sin loben. 
Diese Verse erwecken allerlei Bedenken. 1. Man kann wohl sagen 
mir wirt bevollen oder envollen lop gesagt, aber ich ivirde ze vollem 
lobe gesagt ist kaum mittelhochdeutsch. 2. loj) , in V. 2813. vom 
Herausgeber eingefügt, fehlt in der Hs. und mit Recht; es ist der 
selbe Fall wie V. 6(39, wo das fehlerhafte Einschiebsel {imhiz) nach- 
träglich erkannt und in der Zeitschrift berichtigt ward. 3. an schoene, 
an Sterke verlangt ein vorausgehendes ^ auf Erek bezügliches Pro- 
nomen: in. Die ganze »Stelle ist folgendermaßen herzustellen: 

Erecke dem tugenthaften man 

toart bevollen (oder envollen) lop gesagt. 

den j)As het er da bejagt 

und den (d. i. den pris) so volleclichen 

daz man'n begunde geliehen 

an wistuom Salomone, 

an schoene Absalone, 

an Sterke Sainsones gnoz. 

sin milte duhte si so groz, 

diu gemdzte in niemen ander 

roan dem muten Alexander. 
Die vier letzten der oben mitgetheilten Zeilen (2821—24) dagegen, 
welche, die Erzählung mit Ungehörigem zur Unzeit unterbrechend, 
in Inhalt und Form die dazwischen „geschobene Faust" eines Schrei- 
bers verrathen , sind einfach zu streichen. Ich setze die entspre- 
chenden Verse aus dem altfranz. Erec (Zeitschrift 10, 431) her 
2256 — 60. il sembloit Asalon de face 

et de sa langue Salemon. 

de ßerte resembloit lyon, 

et de donner et despandre 

fu pa/reilz le roi Alixandre. 

14* 



212 FRANZ PPT.IFFEK 

2828. ist von überflüssig: 

do — frou Ernte vernam 

so groze tugent zellen 

Erecke, ir gesellen. 
Zellen c. d. einem zuertheilen, zuerkennen. 
2871 ff. do nain er an sich 

sehzic gesellen diu^elich 

zuo im gekleite 

unde ivol bereite, 
diu gelicli , der Instrumentalis (der im Iwein 6269. Walther 70, 18. 
Trist. 5, 15 u. s. w. ganz anders gebraucht wird) ist hier eben so 
auffallend als die nachgesetzten adj. Part, in den beiden folgenden 
Zeilen schleppend und sonderbar. Statt diu (Hs. die) wird die er 
zu lesen sein; vgl. und st vil rtche cleite unde jyfert bereite Iw. 6847. 
2877. 78. stnen boten er sande 

vor enheim ze lande, 
enlieim, wenn man solche ungewöhnliche Formen in den Text setzt, 
sollte man sie erst nachweisen und belegen. Die Hs. hat vor an. 
Entweder ist dieß aufzunehmen oder das nicht unhäufige vor hin heim, 
das auch im Erek 4255 und Greg. 421. vorkommt, zu setzen, vgl. 
Barlaam 16, 39. 209, 33. 

2910. statt wan ir beider lip wäre wohl besser wan beider lip. 

2911 — 14. stn sun geviel ime icol, 

als einem man sin kint sol, 

des sun tcol geraten hat 

und also gar ze lobe stdt. 
des sun ist von Lachmann statt des handschriftlichen der schon ge- 
setzt. Darf man das wirklich eine Verbesserung nennen? Die über- 
lieferte Lesart ist herzustellen : 

der schone wol geraten hat. 
der statt daz ist nichts ungewöhnliches. Wie nach wij), magedin das 
weibliche Deraonstrativum diu, so darf auf kint u. s. w. , wenn es 
wie hier ein männliches ist , das Masculinum der gesetzt werden ; 
Diemer hat Beitr. 4, 91. 92, nachgewiesen, daß kint zuweilen sogar 
männlich gebraucht wird. Vgl. ferner Spec. eccles. ed. Kelle S. 90 : 
der kint, der selbe kint (Johannes). Das tautologische schöne wol kann 
ebenfalls belegt werden : daz kan ich schone wol bewarn Walther 
105, 32. 



ZUM EREK. 213 

2934. als er nie wurde der man. 

statt der ist vielleicht ze zu schreiben , vgl. Greg. 577 : wurde er 
ieiiimer ze man. Nib. H. 1968, 1. tinz er werde ze m.an\ der Artikel 
i\er dürfte übrigens auch ganz fehlen. 

2996. daz uns mm frovje ivart ie kunt. 

Hesser schiene mir ie wart kunt. Die Hs. wurde. 
3057 — 59. stnen knahen er seite 

daz man im sin ros bereite 

und Ir jjliärt frowen Eniten. 
Ungefüge , schwerfällige Verse. Der hier zwischen ( Streit- ) Ross 
und (Reit-) Pferd gemachte Unterschied wird in der Folge nicht 
festgehalten. Man wird lesen dürfen 

daz man diu ros (oder phärt) bereite 

im und froun Ernten. 
3116. ze sivdre in w<xre 

zuo den ziten ividerriten 

dem st mähten hdn gestriten. 
Statt in dürfte besser im zu lesen sein: Demjenigen, dem sie sich 
gewachsen gefühlt hätten , möchte ihr Angriff gefährlich , unheilvoll 
geworden sein. So verstehe ich diese Verse. Vielleicht ist die Stelle 
verdorben und zu lesen : 

ze tüdre im locere 

zuo den ziten ividerriten 

dem st möhten hau gestriten. 
Wahrlich sie würden jeden angegriffen haben, dem sie sich gewachsen 
gefühlt hätten. 

3287. der phärde st do pßac 

dar nach als ein frowe mac 

baz dan st künde. 
Tax phärde macht der Herausgeber die Bemerkung, ob nicht wie 
V. 3283 der rosse zu lesen sei. Aber der Vers ist überhaupt durch 
seine Kürze verdächtig. Ich denke des gevertes, Enite ritt (V. 3285) 
vor an den wec. Auch die letzte Zeile ist kaum richtig: baz dan si 
künde, besser als sie's vermochte, im Stande war? Eine große Kunst! 
Entweder ist zu lesen 

baz dan ieman künde. 
oder 

so st beste künde. 
d. h. besser als es jemand Anders, oder so gut sie's vermochte. 



214 FRANZ PFEIFFER 

3312 fF. als mi der eine war genam 

da er verre von den andern Lac 
und er der schiltwahte 'plilac. 
da er von Lachmann an die Stelle des handschriftlichen der gesetzt. 
der ist aber ganz richtig und wieder herzustellen, in der dritten Zeile 
er in der zu ändern oder zu streichen. 

3492. lies geicunden, ah man im gebot, 
in geivunden, wie die Ausgabe mit der Hs. liest, macht den Vers 
schwerfällig, und i)i ist entbehrlich (ein anderer Fall ists mit in ge- 
lounden V. 6670), da der Gegenstand, in welchen Schinken und Brot 
eingewickelt waren , V. 3494 ausdrücklich genannt wird : in eine 
dioeliel imze. 

3362. ze froiven sclmof Uhr michel giiot. 

Wer statt der, wie wir aus den klingenden Reimen wissen, gewöhn- 
lichen mhd. Form frouwe, üheraW froive schreibt, sollte auch den 
Muth haben, das Wort einsilbig auszusprechen : dann fällt über nicht 
in die Senkung und ist die Kürzung in übr nicht nöthig. 

ze froioen (d. i. froim^ schuof über michel guot. 
3527. und geruowt nach inicer arbeit, 

iuwer scheint entbehrlich ; auf nach fehlt häufig der Artikel oder das 
Adj., zumal vor arbeit. 

3540. 3rec tet als in der knabe bat. 

Wie soll dieser Vers gelesen werden ? Entweder ist in wegzulassen 
oder besser er statt Erec zu lesen. 

3622. scheint mir keine Lücke zu sein , vielmehr werden die 
beiden, durch ihren Inhalt verdächtigen Verse 3623. 24. aus einer 
echten Zeile entstellt sein. Es wird nämlich darin gesagt, er sei 
ihnen entgegen gegangen und habe sie mit freundlichem Gruße em- 
pfangen, und unmittelbar darauf folgt: als er si zuo riten sach er 
gienc gein in unde sprach, gewiss ein Widerspruch, der gehoben wird, 
wenn man liest : 

ja mugt ir an der frouwen 
daz schoenste loip schouioen 
die wir ie gesähen, 
ir sult si schone empfähen! 
als er st zuo riten sach, 
er gienc gein in unde sprach. 
Die Redensart schöne empfähen vgl. Erek 1286. 2148. 2339. 4605. 
Greg. 345. Iwein 295. Kaland 1290. 



ZUM EREK. 215 

3825. 26. Als er dise antiourt genam 

und ir willen vernam 

er sprach — 
Ein rührender Reim von großer Armseligkeit, den Hartraann gewiss 
nicht verschuldet hat. Und überdieß: was heißt antiourt genemen? 
ist das mittelhochdeutsch, oder deutsch überhaupt? Lies 

als er dise antwurt vernam 

Wide ir loillen alsam, 
als er diese Antwort hörte und ebenso, zugleich, ihren festen Willen, 
ihren Entschluss, nämlich seinen Anträgen keine Folge zu leisten. 
Vgl. Erek 809. 10. der riter im engegen kam wol gewdfent alsam. 
3852. 53. daz ir uns ml ze guote 

geheizt widr iwerm muote. 
Die erste Zeile ist entweder mit vier Hebungen (ddz ir) zu lesen, 
oder es ist ein klingendes Verspaar zu 3 und 4 Hebungen. Jeden- 
falls ist geheizt loidr in einem Hartmannischen Vers des Guten 
zu viel. 

3877. mit listn er mich fürz tor geivan. 

Diese harte Kürzung listn ließe sich vermeiden, wenn man tnit liste 
liest. Allerdings ist der Plur. durch mehrere Reime im Iwein und 
Erek 415 (vgl. Tristan 49, 2. Lanz. 105. 5427) belegt; aber auch 
der Sing, mit liste ist nicht ungewöhnlich. Vgl. mhd. WB. 1,1011*. 

3888. lies gerne ichs (oder iins) volgen solde. 
Die Hs. gern ich des, die Ausg. ich dem; Beispiele von volgen mit 
dem Genitiv der Sache s. mhd. WB. 3, 357''. vgl. armer Heinrich 
828. St. Florianer Hs. (Germ. 3, 374) loie gerne ich iu des volgen wil. 
4027. 28. e daz sich Erec 

uf machte üf den ivec. 
Das erste uf ist vom Herausgeber zugefügt, ohne Noth. Einmal heißt 
es nie sich üf machen uf den ivec, sondern entweder einfach sich üf 
machen oder dann sich üf den tcec machen, vgl. Erek 2487. 2561. 
4000. 4056. und mhd. WB. 2, 16^ Sodann ist der Vers nach Hart- 
mannischer, allerdings besonderer, Metrik lang genug (vgl. 3919 so 
kümet ir her u. s. w.), es bedarf also hier keiner Streckung. 

4064. nein ez, herr, so helf mir got, 

lies : herre, so mir got, wie häufig, mit Ellipse von helfe. 

4066. lies nü heizet selbe ersuochen gar. 
ez, wie die Ausg. mit der Hs. hat, ist entbehrlich. 



4644 




4196. 


V 


Dadurch 


wird 


enthoveioist 


iuch 


4225. 


26. 



216 FRANZ PFEIFFER 

41K^. lies nü loas Erec die wile 
statt zuo der icile; vgl. Gramm. 3, 140 und zu 4674. 

4131. ez get iu benamen au den lip. 

Um diesen Vers lesen zu können, müssen die beiden ersten Worte 
als Auftakt betrachtet werden ; er dürfte zu ändern sein nach Iwein 

ziüdre ez f/et iu au den Itp. 

Ir enihovewiset, sprach Erec, 

iuch an mir vil sere. 
beiden Versen geholfen. Die Ausg. mit der Hs. ir 

— a)i mir vil sere. 

die andern waren alle zagen: 

die fluhen dne zagen. 
Ein rührender Vers von jämmerlicher Beschaffenheit, äne zagen fin- 
det sich auch im Iwein 3744 : die der vluht vergdzen, die tourden dne 
zagen almeistic (so ist mit AW zu lesen) erslagen, tmd. d'andern 
gevangen. dne zagen soll hier nach Benecke „ohne Bedenken" bedeu- 
ten, ich meine aber der Sinn könne nur „furchtlos" sein: der größte 
Theil derjenigen, die nicht fliehen wollten, ließen sich furchtlos todt- 
schlagen. Umgekehrt sollen hier im Erek die Feigen ohne Zagen 
geflohen sein! Ich denke, es wird etwa zu lesen sein 

st fluhen danne ungeslagen, 
ohne sich zu wehren, wie Erek 4712 unde floch dne strit (vgl. Lanz. 
nu vluhens alle alse zagen). 

4237. Der fehlende Vers dürfte etwa gelautet haben 

und muoz ich stnten dne danc. 
4251 fg. lies 

die riter do verbunden 

dem grdven sine vjunden 

und fuorten uf den bdren 

die dd tot wdren. 
Die Ausgabe folgt der Hs. und fuortn in uf den baren und die u. s. w. 
Auf die Bahren werden wohl auch Schwerverwundete, in der Regel 
aber nur die Todten oder verch-wunden , die tödtlich Verletzten, ge- 
legt, vgl. Erek 6310 fg. Iwein 1249. 1305. mhd. WB. 1, 144. 
4372. 73. lies dar umbe dürfet ir mir niht 

an mine triuive sprechen. 
Statt mir liest die Hs. mich, Lachmann hat ouch daraus gemacht. Es 
heißt aber eiiiem an sine triuive^ ere sprechen, so Iwein 3208 : dazs im 
an sine (= B) trimce sprach, ferner 112. 167_. 1071. 



ZUM EREK. 217 

4434 fg. lies 

durch den heim er in sluoc 
daz der wenige man 
eine wunden geivan 
unde vor ime gelac. 
Die Ausgabe mit der Hs. i2f den heim; dann dar durch eine w. givan 
und daz er. Die Verbesserung wird einleuchten ; vgl. Iwein 1048 : — 
der gast dem wirte sluoc durch den heim einen slac; wegen geligen 
ebd. 4752. ob ich vor ime tot gelige. 5082 : do der rise gelac tot. 
4598. ist er sprach zu tilgen und mit der Hs. zu lesen 

ez ist niht so ergangen. 
4605. lies daz er empfähe schöne 
(daz ich ius immer löne) 
den aller tiuristen man. 
Die Ausg. er in mit der Hs. 

4674. Statt ze dirre ivile lies die oder dise wile: 
ir sult mich dise ivtle. 
vgl. zu 4113. 

4719. lies wid als er rehte daz gesach 
(daz ime ze heile geschach) 
daz er was geivcefens bloz. 
Die zweite Zeile gehört offenbar in Parenthese, statt daz hat die Hs. 
als ez und in der dritten Zeile geivcefens was bloz. 
4816 fg. — ich bit iuch, biderber man, 
Sit ir mir sit gewesen guot, 
daz ir mir volle ivol tuot. 
mir in der letzten Zeile ist vom Herausgeber zugesetzt, ganz über- 
flüssig : da ihr mir schon Beweise eurer freundlichen Gesinnung 
gegeben habt, so vollendet eure Güte, so setzt eurem Wohlwollen die 
Krone auf. 

4880. lies ermant michs niht so verre. 
Hs. und Aiisgabe mich, ermanen verlangt aber den Genitiv des Ob- 
jects, vgl. Iwein 3933 do ivart sin herze des ermant und mhd. WB. 
2, 54=». 

4971. lies gemaches mich beioegen gar. 
Die Ausgabe mich gemachs bewegen gar. 
4983. lies Als her Gdioein ersach 
daz — 
Die Hs. als daz der her G. 



218 FRANZ PFEIFFER 

5126. sich vleiz von in ein gltcher muot 

loaz im dienst mohte sin. 
Der erste Vers entspricht nicht der mhd. Ausdrucksweise, lies 

sich vleiz ir iegeliches muot. 
vgl. Erek 2015: ir iegeliches muot, Tristan 5, 17 ir iegeliches sage. 
5236. ja lücen man niender funde, 

sioie sere ers loolde ersuochen 
die kraft Hz arzetbuochen, 
so kreftecliche liste. 
Statt ei's, einer „Besserung" Lachmanns, liest die Hs. man sy. ers, 
wer? Es scheint mir außer Zweifel, daß die erste und vierte Zeile 
zusammen gehören , und die beiden mittleren einen Zwischensatz 
bilden, weshalb von der hs. Lesart bloß in sofern abzuweichen ist, 
daß man sy streicht. 

5245. Statt Ereck die xounden liest man wohl besser Ei'eckes 
wunden. 

6283. den künec onuotz so sere 

daz u. s. w. 
muotz so, welch ein Wohlklang ! Es ist Jedem, dem sein Gehör etwas 
gilt, zu rathen, sich durch Beneckes Ereiferung gegen „die im Fin- 
stern schleichende Pest", „das taubstumme Lesen" nämlich (s. Vor- 
rede zu Bonerius S. XXVII) nicht zum Lautlesen dieses Satzes ver- 
leiten zu lassen. Wie oft hat man uns nicht Hartmanns Verskunst 
gerühmt! Nun gut, man muthe aber dann weder ihm noch uns das 
Unmögliche zu. Die Hs. liest muet so sere, das z ist vom Heraus- 
geber hinzugefügt. Das Pronomen wird aber hier wohl fehlen dürfen, 
oder im andern Fall eine Umstellung eintreten müssen 
ez (oder ditz) muote den künec so sere. 
5308. mit sorge ergap si in gotes pflege 

in muß hier der Acc. des pers. geschlecht. Pron. sein =i Erek. Es ist 
aber die Präp. erforderlich, vgl. nu ergib ich mich in gotes segen Iw. 
5535. Ferner ebd. 3877 in gotes pflege, 6875 m ir vater pflege und 
zahlreiche Beispiele im mhd. WB. 11 504. Also wohl 

ir sorge ergap si in gotes pflege: 
sie gab ihre Sorge (um Erek) Gott anheim. 
5340. und ist zu streichen: 

loie Sit ir sus vereinet. 
5437. durch got mugt ir mich u-izzen Idn. 

mugt in der Senkung ist auffallend, vielleicht sult. 



ZUM EREK. 219 

5445. des antwurt im der eine 

(der aht sin frage kleine). 
Die Hs. der achtet im sein fr. cl., also wohl mit vier Hebungen der 
aide uf sine frage kleine. 

5535 fg. swd er den schilt erreichte 

daz herte hret er weichte 

daz ez sich wol endrizic kloup 

Wide hohe uf stoup. 
Etwas enzwei, endriu, envieriti brechen, diese Redensarten sind be- 
kannt, aber endo^izic ist unerhöi't. Warum gerade di-eißig, und nicht 
vierzig oder fünfzig? Heute sagt man in 100 oder 1000 Stücke zer- 
brechen oder zerspringen, aber in dreißig würde Niemand einfal- 
len*). Ich denke, es wird en oder ze sprtzen zu lesen sein: das 
harte Brett des Schildes ward durch die mächtigen Schläge so mürbe 
gemacht, dal.\ es in Splitter auseinandei' fiel, 

iind hohe nf in den Inft stoup, 
so möchte ich ferner in engerem Anschluß an die verdorbene Les- 
art der Hs. : und hohe auf haupt lut setzen. Die Erwähnung der 
Schild- oder Speer-Splitter und ihres Auffliegens in die Luft ist bei 
den mhd. Dichtern sehr gewöhnlich, trtmztme wceten gein den lüften 
Parz. 262, 19. die sprtzen gein den lüften ßugen 37, 26. ma7i giht 
ietoederr stceche den andern durch des Schildes rant , daz die sprtzen 
von der hant uf durch den luft sich lounden 704, 12. sprtzen geeben 
schate vor der sunnen Tit. 2, 3. sie sancten iesä heidiu sper dazz dne 
fdlieren uf den helden ßeren ze kleinen sprtzen gar zestuhen Wilhelm 
von Orleans 6444. so vil der sprtzen uf daz gras gestreut von den 
spern toar, ir locere ze spor gennoc gesin ebd. — j-Tit. 3854: iettveder sin 
sper zebrechen lerte, daz sich in sprtzen kleine da von der hoehe sam snte 



*) So heißt es auch im Ivvein an zwei Stelleu: daz sper — zebrach vjol ze hun- 
dert stücken 1017. ir ietioeders schuft icol in hundert stücke brach 7103. Im Gre- 
gorius dagegen scheinen des Helden und seines Gegners Speere in hundert wie hier 
en drizic zu brechen: wan ir ietwederre stach daz sin, daz ez in hundert brach 1954. 
Betrachtet man aber die Lesarten, so findet man, daß das in den Text Aufgenommene 
aus verschiedenen Hss. zugerichtet ist; wahrscheinlich jenem en drizec des Erek 
zu Gefallen. A hat nämlich in hundert stach, B ze stv^cken, E an zwai. Wie man 
sieht, stimmen AB in Betreff der 'Stücke' zusammen, man wird also wie im Iwein, 
oder ze stücken oder en stücke zu lesen haben, die zu brechen eben so passen, wie 
die sprizen, die Splitter, zu klieben und stieben; daß auch die Zahl der Stücke an- 
gegeben wird, scheint übrigens nicht einmal nöthig, und darf die Ergänzung wohl 
dem Leser überlassen bleiben. 



220 FRANZ PFEIFFER 

rerte. 3885. 86. mit spereti hnrticlichen bedecket wart heide anger vise 
und brache^ die sich in stücke drumten und ze sprizen kleine. 4619: 
wie si die sper vertceten daz kan ich icol bewuen: ich tcren si gar 
zeschrceten, in spnzen sahen sis von lüften risen. Engelhard 2500 fg. 
— die schefte iimrden gar mer danne halp zerschrenzet und also raste 
engenzet daz diu kleinen stückeliu ilf in der Hellten sunnen schvi he- 
gunden stieben als ein melm. Eneit 315, 9. si zestdchen die schefte 
daz die sprindeln (so M, hier nnd 201, 13 sprundelen: wo nachzu- 
weisen? GH beidemal schivere , schivern) üf flogen. Lanz. 4476 — 
die schefte brächen und die schevere hoher fliigen. Herbort 9907 ir 
schefte ztischiverten als ßin schilt und Germ. 4, 30 : spannen breite 
scheveren zu stucke sich dö cloben daz si den schonen vrouioen undir 
di ougen stoben von den lichten Schilden. 
5705. Erecke lounscht ze lone 

diu frowe mit der kröne 

diu vil edele künegtn. 
Mir scheint hier die verdorbene Lesart der Hs. nicht richtig herge- 
stellt. Ich möchte lesen 

Erecke ze I6ne 

ivnnschte mit der kröne 

(oder: under kröne) 

diu vil edele künegtn. 
5754 fg. lies diu guote nu viel st 

über in unde küsten, 

dar nach si sich zen brüsten 

sluoc und küsten aber und schre. 
Die Ausgabe mit der Hs. darnach sluoc si sich zen brüsten und k. 
5832 fg. tuä nü hungerigiu tier, 

bede icolf unde ber, 

lewe, iwer einez kume her 

und ezze uns beide. 
Die dritte Zeile verräth durch schlechten Bau und das übel ange- 
brachte letoe Verderbniss. bede ist zu streichen und an dessen Stelle 
lewe zu setzen, das der Schreiber erst verlesen oder verschrieben 
und dann hintennach unpassend angeflickt hat. 

5845. lies armer Hute vihelin 
als Apposition zum vorhergehenden Vers: manec schäf unde sioin; 
die Hs. und armer. 



ZUM EREK. 221 

5856 fg. Die über den vermeintlichen Tod ihres Gatten verzwei- 
felnde Enite forderte die wilden Thiere des Waldes auf, sich ihrer 
zu erbarmen und sie zu zerreißen : 

Daz laden si niht vervie 

daz dehein Her ez verncBnie 

oder dar kceme. 

ob abe deheinez dar kceme 

und ob ez relite vermeme 

ir trürige gebare, 
so weiß ich gewiss, daß es, wie hungrig es auch wäre, doch ihren 
Jammer ihr beweinen helfen und Erbarmen mit ihr fühlen würde. 
Daß Kritiker, die der Bewunderung für Hartmannische Vers- und 
Reimkunst kein Ziel finden, an der obigen armseligen Wiederholung 
nicht nur der nämlichen Reime, sondern auch des nämlichen Gedan- 
kens und an dem fehlerhaften Satzbau keinen Anstoß nehmen, ist 
merkwürdig. Der aufmerksame Leser wird keinen Augenblick ver- 
kennen, daß die zweite und dritte Zeile unmöglich vom Dichter, 
sondern nur vom Abschreiber herrühren könne, und daß zu lesen ist 

Ditze laden si niht vervie. — 

ob aber deheinez (oder dehein tier) kceme 

und ob ez rehte vernceme u. s. w. 
Die Einladung hatte keinen Erfolg ; wenn aber auch eines der Thiere 
gekommen wäre u. s. w. 

5871. do hegunde si von erste klagen. 

Statt von erste wohl besser alrerst , wie öfter im Iwein, da erst, erst 
recht; voji erste dagegen heißt stäts nur zuerst: Enite hub aber nicht 
erst hier zu klagen an, sondern hier begann ihre Klage in verstärk- 
tem Maße. 

Nachdem Graf Oringles Enite am Selbstmord verhindert und, 
sie tröstend, bemerkt hat, sie habe nun der Klage um den Todten 
genug gethan, da es sie doch nichts helfe, fährt er fort V. 6228 fg. 

ditz ist der schceniste list 

für schaden, der oucli veige ist, 

daz man sichs getroeste enzit\ 

ivan langiu ritiwe niht engtt 

wem ein bekiimberten lip. 
ouch veige ist eine „Verbesserung" Lachmanns, die Hs. liest der evck 
wenig frumb ist. Die Verbesserung ist mir so unverständlich als die 
Überlieferung und ich hoffe, daß noch Andere mit mir in demselben 



222 FRANZ PFEIFFER 

Falle sein werden. Sollte man von einem Kritiker, der an die Stelle 
einer sinnlosen Lesart etwas nicht viel deutlicheres setzt, nicht eini- 
gen Aufschluß verlangen dürfen, wie er seine „Verbesserung" verstan- 
den wissen will? Was ein Schaden bedeuten soll, der ouch veige ist, 
bleibt mir, wie gesagt, ein Räthsel, nehme man nun veige im Sinne 
von: dem Tode verfallen, oder in der Bedeutung: verwünscht, un- 
selig. Ich will einen andern Vorschlag machen, der sich selbst em- 
pfehlen mag: 

für schaden, der unwendec ist, 
damnum irreparabile, ein unwiederbringlicher Verlust; über unioendic 
vgl. Graff 1, 763. Tristan 38, 25. 65, 36. Krone 24071. Flore 1924. 
Ich denke, daß das einen guten Sinn gewährt; denn es scheint 
eben so zweckmäßig als verständig, daß man sich über einen Scha- 
den, der nicht mehr ungeschehen zu machen ist, rechtzeitig tröstet; 
auch ist dieß ein Grundsatz , den die mhd. Dichter häufig und in 
manigfachster Weise aussprechen , z. B. sit ich nun ors hdn verlorn, 
daz ist unwendec, nü si verhorn Wigalois 183, 6. stcaz dem manne ge- 
schehen sei daz geschiht im äne loende ebd. 62, 32. sit daz daz ist 
unioendic, vdr müezen hie verderbet loesen Nib. H. 2154, 4. Auch 
Hartmann bietet Beispiele, Lieder 22, 10: ez ist nnwendic, ich muoz 
endelichen dar; noch näher tritt Folgendes an obige Stelle: für truren 
hän ich einen list, swaz mir geschiht ze leide, so gedenke ich iemer so: 
^nü lä varn, ez solte dir geschehen: schiere kumet daz dir frumet'. sus 
sol ein man des besten sich versehen Lieder 12, 17 fg. vgl. Iwein 
3691 : niemen habe seneden muot mnbe ein verlomez guot, des man 
niht wider müge hdn. 

Auch die letzte der oben angeführten Zeilen mit dem verkürz- 
ten Artikel em für einen scheint mir verdächtig, man lese 
ican einen kumbei'haften lip. 

6347. si loart im sundr ir danc gegeben. 

Statt des verkürzten sundr würde ich dne vorziehen: dne ir danc. 

6360. liest die Hs. 

und drie siner dienstman. 
Warum der Herausgeber an die Stelle des Genitivs siner den Acc. 
sine gesetzt hat, ist schwer zu begreifen, wenn nicht aus Sucht zu 
Änderungen überhaupt. Bei den Zahlwörtern pflegt regelmäßig der 
Genitiv zu stehen, s. Grammatik 4, 742 fg. 

6531. 32. ez wcere torlich getan 

ttnd er möhtez gerne Idzen hän. 



ZUM EREK. 223 

Mehr dem mhd. Sprachgebrauch angemessen wäre es zu lesen 

wicl möhte erz gerne Idzen hdn. 
6640. Als während des Hochzeitsmahls der todtgeglaubte Erek 
aus seiner Betäubung erwachend mit dem bloßen Schwerte unter die 
Gäste drang und den Wirth nebst einigen Andern erschlug, entstand 
ein furchtbares Gedränge und Alle, Herren und Knechte, suchten in 
buntem Gewirre die Thür: 

der loec dülite st ml lanc 

der zuo den turn uz gie: 

ine kom ze solher hrütlouft nie. 
Es ist auffallend, daß hier der Dichter, der bei jener Hochzeit doch 
nicht anwesend war, unerwartet mit einer persönlichen Bemerkung 
sich vordrängend die Erzählung unterbricht. Aber Dichter und Schrei- 
ber sind unschuldig: ine kom ist von Lachmann an die Stelle des 
hs. und ganz richtigen si komen, d. h. sine komn gesetzt. Woher auf 
einmal diese Scrupel vor einer solchen Verkürzung, nachdem man 
andere ähnliche im Erek wie im Iwein und Greg, unbedenklich zu- 
gelassen hat? z. B. hegiengn 353. ndmn 554. guldinn 1647. vmrdn 
2069. u, s. w. und gleich in der folgenden Stelle. 
6653. 54. also flulien dise uz dem hüs 

und sluffn ze loche sam diu miis. 
Diese beiden schlecht gebauten Verse hat übrigens schwerlich Hart- 
mann so geschrieben. Im ersten genügt als oder sus^ in der zweiten 
ist U7id sluffn zu tilgen: 

als flulien dise uz dem hüs 

sam ze loche diu tnüs. 
Man flieht gein einem, an einen, namentlich aber zuo einem; do flbch 
st zallen- stunden zuo ime a. Heinrich 318. zuo dem hüse Iw. 3771. 
ze gotes grabe Walther 13, 15. Warum nicht auch ze loche? 

6835. lies daz hete ein toter man getan 
statt lind daz, an das Ende des vorhergehenden Verses gehört dann 
ein Doppelpunkt. 

6842. 43. und sol den lip verloren hdn 

der beste ritter der darf leben, 
der darf leben ist kaum richtig, die Hs. hat dars. Ich möchte lesen 

unde sol verlorn hdn 

der beste ritter daz leben. 
7032 fg. Guivreiz der herre 

fuorte st üz dem wege 



224 FRANZ PFEIFFER 

in gämelicher pflege 

an einen wiseflecken. 
in gämelicher pflege: die Verpflegung eines Todtwunden muß aller- 
dings sehr lustig oder spaühaft gewesen sein, oder erheiternd meinet- 
wegen, denn Lachmann beruft sich im Iwein S. 437 zur Rechtferti- 
gung einer unverstandenen Lesart (V. 2217) auf diese Stelle mit der 
Behauptung: „gemeUtche bezeichne auch Edleres als das bloß Spaß- 
hafte" , worin aber dieses „Edlere" bestehe , erfahren wir nicht. 
Ich meine 

in gemächliche pflege 
(nicht gemächlicher) wird nicht nur eine passendere, sondern die allein 
mögliche Lesung sein : um ihn mit Ruhe und Bequemlichkeit verpfle- 
gen zu können, ließ Guivreiz den Erek abseits von der Straße auf 
eine kleine Wiese tragen. Vgl. die frouioen fuort si von dem icege in 
ir heimliche pflege Wig. 231, 20. Derselbe Fehler scheint mir im 
Reinhart Fuchs 14 vorzukommen : ein gehüre vil riche der saz geme- 
liche hl einem dorfe über ein velt, wo gemechliche weit angemessener 
wäre. So vielleicht auch Reinhart 1559. 
7043. 44. da loas loaldes genuoc^ 

der in niioan an daz flur truoc. 
niioan wird hier kaum zu rechtfertigen sein; die Hs. lese „nicht ganz 
deutlich" nur. Also 

der in loan an daz flur truoc. 
7197. lies daz er da mit sinem icibe 

loider koeme ze lihe. 
7324. umh ietweder ouge gieng ein rinc. 

Wie dieser Vers hier steht, muß er mit zweisilbigem Auftakt gelesen 
werden. Ich glaube aber, es ist ieticer zu lesen und zu schreiben, 
eine Form, die zuweilen begegnet, z. B. daz ir deicerez daz ander 
uberhttget Benedictbeurer Predigten (Zeitschrift 1 , 292 unten) ; im 
Wig. 171, 12 liest A ietwere, C ietioere; ferner ir kel, ir Jtende, 
ieticer fuoz Walther 54, 17. so die Kremsmünster Hs. (Germ. 2, 472), 
iewer A. vgl. Iwein 4866. 

7510. Der Dichter fingiert ein Gespräch, eine kurze Wechselrede 
zwischen sich und seinem Leser, der errathen will, wie der Sattel 
von Enitens Pferd beschaffen gewesen sei. Nachdem der Leser be- 
schrieben hat, wie er nach seiner Meinung ausgesehen habe, ruft er 
triumphierend aus : 

seht, daz ichz rehte erraten hdn! 



ZUM EREK. 225 

worauf Hartman!! spöttisch erwidert: 

ja ir Sit ein wetervnser man. 
Wie kommt der Dichter dazu, hier, wo es sich um die Ausrüstung 
eines Pferdes handelt, den Rathenden einen Wettei'kundigen, einen 
Wetterpropheten zu heißen (denn das ist doch wohl der Sinn von 
weterwtsery^ Das wäre gewiss ein matte!', untreffender Witz. Ich meine 

ja, ir sU ein loerltwiser man, 
ihr besitzt ausgezeichnete Weltkunde, ausgebreitete Ke!mtniss, vgl. 
das nhd. Weltskerl, und V. 7357 ein welüviser man, der aller diu(je 
aide kau. Selbst worUviser, Redekundigei", schiene mir hier passender 
als weterwtser. 
7718 — 22 lies dar umhe ivdren geleit 

edele steine genuoge 

die ze ieglicher fuoge, 

da sich die maschen strikten, 

ki'iuzeiüts sich schihten. 
Statt die ze ieglicher fuoge hat die Hs. getzlicher f., die Ausgabe 
ieglicher, ohne die ze. Vgl. Lanz. 8512—15. 
7745—48 lies 

wand im (dem Cristall) sta lieht ist so geslaht, 

oh ieman in vinsterr naht 

ze ritenne geschcehe, 

daz man da von gesoihe. 
so fehlt in der Hs. und statt ieman liest sie im, das ist wohl nr iem, 
im 14. 15. Jlid. die österreichische Form für ieman, iemen, wie niem 
f nieman (vgl. Germ. 1, 378). Für vinsterr hat die Hs. vinstern. 

7828. loie bitelos ir sit. 

hitelos ist kein mhd. Wort. Erstens ist das i kurz, es heißt hite, 
gehite, ungehite, und auch die Lesart pittlos fühi-t darauf, weil im an- 
dern Fall der österreichische Schreiber peitlos geschrieben haben 
würde. Sodann lautet die mhd. E^orm gehitelos, vgl. T!-istan 12364 
(311, 5). unbehuot und gar gebitlos ist ir munt Boner 97, 102. 
7894 — 96. ze sinem gesellen er sprach, 

ob er die burc erkande 

und bat in daz er st nande. 
Unmittelhochdeutsche Satzconstruction. Lies 

ob er die burc erkande, 

daz er im si nande, 
wenn ihm die Bui*g bekannt sei, so möchte er sie ihm nennen. 

GERMANIA IV. (5 



226 FRANZ I'FKIFFKli 

7927. roaz meint ir, künec Guivreiz'} 

Hier ist das zweisilbige meinet gekürzt, und das einsilbig auszuspre- 
chende kibie.c gestreckt. Der Vers ist mit der Hebung auf ir und 
darnach fehlender Senkung zu lesen 

waz mehiet ir, hilnc Guivreiz. 
7971 — 73. toand ich wil unde muoz 

mich bieten an iwern fuoz, 
daz ir erwindt durch mtnen rat. 
Der letzte Vers soll ein Hartmannischer sein ! Entweder ist zu lesen 

encindet durch mtnen rat, 
(vgl. nocli ertcint , ml lieher sun, durch got Greg. 1370) oder noch 
besser daz ir erioindet, deist min rät. 

vgl. Iwein Gl 52: encindet noch, daz ist min rat. 

800G. ouch seit er im fürhaz. 

ouch scheint hier wenig passend, besser wäre noch. 
8037. ? gewürme und wilder tiere. 

8062. tanzen und aller slahte spil. 

tanzen wird man doch unbedenklich in tanz ändern dürfen. 

8091 lies daz er niht dar tcoere komen 
vgl. dar komen 5859. 7823. 8040. 

8145. lind empfieng ez als für einen spot. 

als für, gleichsam für? Lässt sich dieser Gebrauch sonst noch nach- 
weisen ? Entweder ez für einen spot, oder alz (r= allez) für e. spot. 

8164. daz geschiht e morn ze dirre zit, 

das geschieht noch vor Morgen um diese Zeit, sinnlos, da der Kampf 
mit Mabonagrin erst am folgenden Tage statt finden soll und wirk- 
lich statt findet. Obschon es leicht wäre e morn in enmorn, morgen, 
zu ändern, so ist doch ohne Zweifel zu lesen 

daz geschiht morn e zit, 
e zit, vor der Zeit, viel zu früh. Dein fröhlicher Gesang wird schon 
morgen, noch viel zu früh, ein trauriges Ende nehmen. Vgl. so hdn 
loir sie beide e zit verlorn in ir jugent Flore 1921 (vgl. 123). ich 
erfürhte werden grd e zit Rudolf der Schreiber Ms. 2, 181''- Auch 
e der zit wäre nicht unrichtig, vgl. Ulrichs Tristan 17. 
8207 fg. Ez (daz palas) was vil lool gezieret — 
vo)t edelm marmelsteine 
der schin, der ie von marniel kam 
als ez ir ougen ivol gezam- 



ZCM EREK. 227 

und als ez der Wunsch gebot, 

gel grüne hrün rot u. s. av. 
der sclun In der dritten Zeile fehlt in der Hs. und ist von Laclnuann 
höchst unglücklich eingefügt, denn was ist nun das für ein Satz? Es 
ist zu lesen, der Palast war geziert, ausgelegt 

von dem edelesten steine 

der ie von marniel kam, 
oder iemer. Nach gehot ist ein Punkt zu setzen, mit (jd beginnt ein 
neuer Satz. 

8236. ez warn ir rocke und ir dach, 

besser wohl in wären rocke tmde dach. 

8243. 44. ir houbet ivdrn gebunden 

niht so st beste ktmden. 
Dieser letzte Vers ist ohne Zweifel vom Schreiber veranstaltet, 
welcher meinte, weil die Frauen in Trauer waren und ungeputzt, 
so müssten die Schleier nachlässig um ihr Haupt gewunden sein. Im 
Gegentheil will der Dichter sagen : ihre Häupter waren aufs Sorg- 
fältigste in weiße Schleier gehüllt, doch waren diese einfach, schmuck- 
los, ohne alle Goldverzierung, wie es Trauernden geziemt. niJd ist 
daher zu streichen. 

8271 — 77. Der Dichter schildert die Schönheit der in der Ge- 
fangenschaft Mabonagrins befindlichen jungen Wittwen , von denen 
eine immer schöner war als die andere. 

der selben ze iteioize 

so was . diu einlifte getctn, 

hcete si diu zwelfte ldn\ 

diu drtzehend locere volkomen, 

het irz diu vierzehnd niht benomen ; 

diu fünfzehnd was ein ivunschkint. 
diu dnzehnd, vierzehnd, fünfzehnd, mit -zehnd in der Senkung! Gewiss 
hätte solche Schreibung und Betonung Hartmann so ])arbarisch ge- 
klungen wie uns (vgl. Greg. 3408). Entweder 

diu drizehende ivtere volkomen 
mit zweisilbigem Auftakt, oder lowre ist zu streichen. Dem folgen- 
den Vers ist durch Umstellung leicht zu helfen : 

het diu vierzehende irz niht benomen 
und in der letzten Zeile ist loas , das noch von der elften fortwirkt, 
wie z. B. 1435. 1568. 69., entbehrlich: 

die fünfzehende ein wunschkint. 

15* 



228 FKANZ PFEIFFER 

8700. so toas also erziuget 

der selbe houmgarte 

dazs uns mac wundern harte, 

witzige und tumhe. 
das uns die Hs., lies 

daz es mac ivundern harte 

witzige und tumhe. 
uns ist vom Übel, es steht in der Hs. verschrieben für es. 

8715. lies von geschiht dar in kam. 
statt von geschihten in kam. 

8753 fg. nil reit der wirt für in 

gegen dem houmgarten hin, 

daz er in wiste an die stat 

zuo dem riter, als Erec (oder: er) hat, 

hin ze dem verhohlen tor. 
So mit engem Anschluß an die Hs., was die Ausgabe anderes bietet, 
gehört Lachmann an, nicht der Überlieferung. Statt für hat die Hs. wie 
häufig vor. Bei für in hat sich der Leser gegenwärtig zu halten, daß 
beim Ritt aus der Stadt Erek voraus ritt (vgl. 8683 fg.), Ivreins und 
die Bürger nach. Als er an die Stelle kam, wo der verborgene Weg 
begann , ritt der Wirth an ihm vorbei als Führer voran. Einer so 
gewaltsamen Änderung wie der Lachmannischen bedarf es nicht. 
9092 — 94. hie loart diu sperweide 

vor dem libe durch gesant 

durch beide schilte unz an die haut. 
Zur ersten Zeile macht der Herausgeber ein Fragezeichen, mit Recht, 
denn sperweide ist kaum richtig. Vielleicht: hie lourden sper ze tveide") 
die Weide für den Speer wäre der menschliche Körper oder der 
Schild. In der zweiten Zeile wird durch zu streichen sein. 
9114 fg. Sie rannten mit solcher Kraft auf einander, 

daz die eschinen schefte 

kleine unz an die hant zerkluben 

und zivispilte uf stuben. 
Das Adj. zwispilde (aus zwi und spilden, verzweifachen, verdoppeln), 
ahd. zwispild , heißt geminus, biformis (GrafF 6 , 337), zwiespältig. 
Also : nachdem die Speere bis an den Griff in kleine Splitter aus- 
einander fielen, stoben sie zAviespältig, in zwei Theilen in die Höhe. 
zwispilte ist von Lachmann an die Stelle des überlieferten daß spilten 



ZUM EREK. 229 

gesetzt. Halten wir uns an die, allerdings verdorbene Lesart der Hs., 
mit Erwägung des etwa passenden Sinnes. Ich dachte zuerst an 
Spelten, von denen die Spreuer konnneu (vgl. Frisch 2, 297. 308) : 

und alse spelten uf sttihen, 
und stoben wie die Spreu in die Luft. Das genügt mir aber selbst 
nicht, ich glaube vielmehr, daß wir nach einem Part. Präs. zu suchen 
haben. Ahd. zispilon, anhelare, re.sonare, zisplentin, resonantia (GraflF 
5, m. 12.) 

nnd zispünde nf stnhen, 
die Splitter stoben rauschend in die Höhe. Vorziehen würde ich in- 
dess, weil es sich noch genauer an die Hs. anschließt, entweder die 
von zispilon abgeläutete Form zaspeln (vgl. Schmeller 4, 290) oder 
raspihide; raspen, räspen, ein in der Schweiz übliches Wort, welches 
einen mit der Geschwindigkeit verbundenen eigenthümlichen Schall 
ausdrückt ; durch Nachahmung dieses Schalles werden z. B. die Bie- 
nen gelockt. Ich kann aber das Wort in der alten Sprache nicht 
nachweisen ; unser raspeln hängt wohl damit zusammen , auch das 
althd. hraspon (Graff 4, 1181). Beides zispilnde (zaspilnde) oder 
raspilnde eignete sich, wie mir scheint, unvergleichlich besser für 
jene Stelle, als das, was der Herausgeber in den Text aufnehmen zu 
müssen geglaubt hat. 

9565. lies od daz man iender funde 

der mich üheriounde 
mit der so geAvöhnlichen Ellipse des Pron. in oder den-, die Ausgabe 
liest mit der Hs. man in iender. 

9688. Nachdem der Dichter den Kampf und Sieg Ereks über 
Mabonagrin und den darob von den Zuschauern erhobenen Jubel 
geschildert, sagt er, er wolle schwören, daß den beiden Frauen, näm- 
lich der Enite und der Geliebten Mabonagrins, verschieden zu Muthe 
gewesen sei: 

des swer ich icol und wil es jehen 

daz disen frouiven beiden 

ir gemüete icas gescheiden, 

diu under der pavilüne saz 

unde dirre der da haz 

an dem strite gelanc : (=: Enite) 

neiztvie der munt, ir herze sanc. 
Die Hs. hat ich enivais wie, und dafür ist allerdings neizvne die rich- 
tige abgekürzte Form ; ich wäre aber begierig, zu erfahren, was die 



230 FRANZ PFEIFFER 

Zeile bedeutet und ob sie Ein Leser versteht. Diese verkürzte Pro- 
nominalbildung (worüber Grammatik 3, 72. 73. zu vergleichen) ist 
bei alamannischen Schriftstellern nicht selten, aber ich zweifle, ob 
sie je in dieser Weise verwendet ist oder überhaupt verwendet Aver- 
den kann, daz kint loart eins jdres alt und neizivie maneger loochen 
Lanz. 99. neizwie manegen samit — gican im diu vroutoe junge 2774. da 
si neizwie manegen tac geriten ebd. 3532. (so wird auch 9295 schone 
neizicie manegen tac — statt ichn iveiz ivie — zu lesen sein), und gab 
im got neizicie ein empßntlich kuntsami Seuses Leben (Straßb. Hs. 
Bl. 10*^). die truog er, daz tet er neizicie lang IG''. IS"^. neizicie meng 
person 50''. u. s. w. Was neizivie der munt heißt, wird dadurch nicht 
erklärt. Ist eine Ellipse anzunehmen : ich weiß nicht Avie der Mund 
that? Das wäre sonderbar. Ich glaube, unter dem ich envxiis wie 
liegt eni Fehler versteckt. Um ihn richtig zu bessern, müsste man 
Avissen, ob sich die Zeile auf Enite allein, oder auf beide bezieht; 
es ist jedoch, wegen des unmittelbar darauf Folgenden {diu eine 
freuden kröne truoc , diu ander häte leides genuoc) wahrscheinlicher, 
daß die Stelle nur das über Enite Ausgesagte näher erklären soll, 
dann dürfte man lesen 

■Joch siceic (oder : siveic ouch) der munt, ir herze sanc : 
zwar schwieg ihr Mund, d. h. stimmte nicht in den allgemeinen Jubel 
ein, aber es sang doch ihr Herz : es stimmte Freudenlieder an, wenn 
auch ihr Mund schwieg. 

10129 ff. durch got des hitet alle 

daz uns der Ion gevalle 

der uns stdt ze hulde 

{daz ist goldes übergulde) 

nach disem eilende. 
So nach Lachmann, die Hs. hat der uns hat geholde (: übergolde). 
Was heißt: uns stdt der Ion ze hidde? Wenn das wirklich, was ich 
bezweifle, mhd. ist, so hätte diese Redensart erklärt, oder, kommt 
sie sonst noch vor, nachgewiesen werden sollen. Ich lese mit ge- 
nauerem Anschluß an die Hs. 

daz uns der Ion gevalle*) 



*) Vgl Armer Heinrich 1517. 18., wo Laclimann, Haupt uikI Wackernagel setzen 
als müeze ez uns allen 
ze jungest gevallen. 
der loa, den si da nämen, 
des helfe uns got. amen. 



ZUxM EKEK. 231 

der uns mit im gehulde : 

deist goldes übergulde 

nach disem eilende. 
Bittet alle, daß wir des Gewinnes theilhaftig werden , der uns Gott 
hold, gnädig mache, oder : uns mit ihm aussöhne : das ist das Höchste, 
was uns nach diesem jammervollen Leben zu Theil werden kann. 
Vgl. zwei Stellen in Joh. v. Ringgenbergs Liedern : diu milte — hiddet 
dort gegen gote man megde und ouch diu ivip MSH. 1 , 341 ^. und 
loaz ist daz den besten rät got ze tröste der kristenheit gegeben hat, 
der uns mit im gehddet und stnen strengen rat hat hin geleit ebd. 
339^ 

Ich verzeichne noch einige unverbessert gebliebene Druckfehler. 
Lies 3302. ich 4899. nach 5339. tcaz 5689. daz 5946. erldn, 
6168. waz 6232. niht 6255. sich 6579. sinen 6829. 7320 daz 
3323. seltsceniu 8201. so 93()7. der Punkt nach twingen ist zu strei- 
chen. 9440. also 9805. icas st. ivar 9823. nach 10099. sähen. 

Für diesmal bin ich mit dem Erek zu Ende. Eine nicht gerin- 
gere Anzahl von Zweifeln und Bedenken, für welche ich eine mir 
selbst genügende Lösung noch nicht gefunden habe, behalte ich bis 
auf weiteres zurück; ebenso meine Bemerkungen über das Metrische, 
das am besten mit dem Iwein zusannnen besprochen wird. Zuweilen 
hätte ich mich vielleicht etwas kürzer fassen können. Allein es 



allerdings im Anschluß an die Hs. A, welciie ez (nJinilich daz ewhje riche) uns liest, 
aber unrichtig, wie aus obiger Stelle des Erek, aus der Lesart von BC (daz Ion 
muoz u)is allen ze jungest gevallen) und auch aus andern Beispielen erhellt. Man lese 

also miieze uns allen 

ze Jungeste gevallen 

der Ion den si da nämen: 

des helfe uns got. amen. 
wie schon, was ich erst nachträglich finde, in der Ausgabe der Brüder Grimm ganz 
richtig steht, mir gevellet der Ion, der gewin (Greg. 1817), der gotes segen (ebd. 428), 
der pris (Iwein 6617j, er wird mir zu Theil. des helfe uns got ist eine Schlußformul, 
die unzähliche Mal in den Predigten, z. B. Meister Eckhards, erscheint und stäts in 
dieser Weise verwendet wird. Ganz ähidich stiuren im Greg. 3834: — daz wir in 
disem eilende ein sceligez ende nemen als si da nämen, des gestiure uns got. amen. 
J. Grimm, das will ich hier bemerken, liest neuerdings (über einige Fälle der Attrac- 
tion 8. 13) mit der Straßburger Hs. den Ion den si da nämen, des helfe uns got, und 
erblickt darin eine Attraction Ich kann, nach dem eben Gesagten, auch diese Lesart 
nicht für richtig halten, will aber den Ausfall dieses Beispiels durch ein anderes, besser 
beglaubigtes decken: den sun den diu dirne hete der icart uz gestözin mit siner müter 
Blaubeurer Predigten des 12. Jhd. auf der k. Privatbibliothek zu Stuttgart Bl. 43 b. 



232 FRANZ PFEIFFER 

schien mir nötliig, meine mit denen meiner Vorgänger im Wider- 
spruch stehenden Ansichten ausführlich zu begründen ; auch sonst 
halte ich es für eines Jeden Pflicht, der mit Verbesserungen und 
Vorschlägen vor die Öffentlichkeit tritt, jedesmal auch seine Gründe 
darzulegen , damit man ersehen kann , ob er sich überhaupt etwas 
und was er sich dabei gedacht hat. Alle vorstehenden Emendationen 
für gleich sicher und gelungen zu halten, bin ich weit entfernt; daß 
ich nicht ins Blaue und Bodenlose hinein conjecturiert habe, wird 
man mir hoff' ich doch, und etwas mehr vielleicht, zugestehen. 
Sollten sich indessen zwischen die wirklichen Verbesserungen auch 
etwelche „wohlfeile Einfälle" *) eingeschlichen haben , so werden 
meine Leser darüber nicht zu strenge urtheilen, wenn sie bedenken, 
daß „kostbare Einfälle'' zu haben nur das Vorrecht Weniger ist, 
und daß es auch unter den Philologen bekanntlich Leute giebt, denen 
nie etwas einfällt. 

WIEN, DecPnibor 185S. 



Iih luibe mich mit dem Erek und desseu Herausgeber so lauge und 
mit solcher Vorliebe beschäftigt, daß es mir fast schwer fiel, mich von beiden 
zu trennen. War es Ahnung dieser meiner Empfindung oder ist es Zufall, 
genug, der Herausgebor des Erek giebt mir, gerade zu rechter Zeit, Gelegen- 
heit , noch einen Augenblick bei ihm zu verweilen. Meine Recension über 
des Minnesangs Frühling (Germ. 3, 484 ff.) hat nämlich sein großes Miss- 
fallen erregt und ihm (ich glaube willkommenen; Anlaß geboten, seinem 
lange verhaltenen Groll über mancherlei Jieuere Vorkommnisse in der alt- 
deutschen Philologie einmal selbst, schriftlich, Luft zu machen. Der Aus- 
bruch erfolgte in seiner Zeitschrift 11, 5ö3 — 593, wie zu erwarten, mit 
stürmischer Heftigkeit. Ubei-raschendes liegt hierin für mich nichts : ich müsste 
mit den Zuständen in der altdeutschen Wissenschaft, ich müsste mit jenen 
Personen und mit der Meinung, die sie von sich selbst und von Andern 
haben, die nicht zu ihnen gehören, viel weniger bekannt sein, als es wirklich 
der Fall ist, wenn ich über die Wirkung meiner Recension je hätte im Zweifel 
sein sollen. Die Kritik kann sich aber ihr Recht nicht verkümmern lassen, 
Keiner steht so hoch, daß er sich nicht, selbst von Solchen, die er weit unter 
sich erblickt (hohe Herren recensieren bekanntlich nicht) , ein Urtheil über 
seine Arbeiten müsste gefallen lassen, und die Zeiten sind hofi"entlich vorüber, 
wo man die Gaben aus gewissen Händen entweder mit ungemessenem Lob 
oder mit stummer Bewunderung entgegen zu nehmen pflegte. Ich bestreite 



*) Über das Aufkommen und den Gebrauch dieses Ausdrucks ist, außer 'des 
Minnesangs Frühling' S. VII., zu vergleichen Haupts Nachwort zur 2. Ausg. von Lach- 
manns Wolfram S. XLIV., ferner dessen Zeitschrift 11, 1. 48, 49; damit halte man die 
Äußerung ebd. 12, 563 zusammen. 



ZUM EREK. 233 

Niemand die Berechtigung, auf eine vollendete schwierige Arbeit mit Befrie- 
digung hinzudeuten, obwohl dieß nach meiner Meinung besser Andern übcM-- 
lassen bliebe. Was ich aber bekämpfe, ist die Unsitte, neben derlei selbst- 
gefälligen Bemerkungen mit Geringschätzung auf Andere herabzusehen, und 
die Versuche, durch hochmütiiige Drohungen der Kritik den Mund zu schließen. 
Nicht minder bestreite ich , daß es einem Einzelnen , heiße er wie er Avolle, 
zustehe, die Grenze, wo der Meister aufhört und der Geselle oder Handlanger 
beginnt, endgiltig festzustellen. Wer sich eine solche Entscheidung dennoch 
anmaßt, verräth dadurch, wie sehr er ihn auch sonst zu verhüllen strebt, nur 
seinen Hochmuth. 

Dieser ist, weil ihm entgegen getreten wurde, durch die Recension aller- 
dings verletzt worden ; darum sein ungestümes Gebahren. Es kommt mir, 
wie gesagt, nicht unerwartet. Ja wenn ich erwäge, daß noch in des Minne- 
sangs Frühling die Nennung selbst meines bloßen Namens mit in die Augen 
springender Absichtlichkeit vermieden wurde, so darf ich die Antikritik als 
einen Fortschritt bezeichnen , ich darf mir sogar etwas darauf einbilden , in 
der Zeitschrift Gegens'and und Mittelpunkt eines besondern Aufsatzes gewor- 
den zu sein. Zwar muß ich die Ehre mit zwei Andern theilen : mit K. 
Bartsch, dem mit dürren Worten gesagt wird, er hätte besser gesehwiegen, 
er verstehe nichts von den Dingen, über die er gesprochen, und mit J. Grimm, 
dem in Zukunft etwas mehr „Aufmerksamkeit" empfohlen wird; aber ich 
darf mich trösten : wie recht und billig bin ich es, auf den die volle Zornes- 
schaale eines entrüsteten Gemüthes ausgegossen wird. -~ Meine Recension 
zerfällt in zwei Abtheilungen. In der ersten rede ich von einzelnen Stellen, 
die mir verfehlt scheinen, nicht ohne, nachdem ich schon im Eingange 
meine volle und rückhaltlose Anerkennung der ganzen Arbeit ausgesprochen, 
ausdrücklich zu bemerken , daß meine Ausstellungen nur Einzelnheiten be- 
treffen, die den Werth der ganzen Leistung nicht herabsetzen sollen (S. 491). 
Diese Anei'kennung muß aber dem Herausgeber, der (wie aus jener Germ. 
3, 508 abgedruckten Probe zu ersehen) an nachdrücklichere Lobpreisungen 
gewöhnt ist, nicht genügt haben, wenigstens hat sie nicht verhindern können, 
daß ich S. 573 blind und sehr eingebildet genannt und an das erinnert 
werde , was ich mit andern Worten selbst gesagt hatte. Weitaus mehr Ge- 
wicht, als auf diese nur 7 Seiten umfassenden kritischen Erörterungen, 
legte ich auf die zweite Abtheilung meiner Recension S. 491 — 508, indem 
ich bemerkte, daß es sich hier um Wichtigeres, um Grundirrthümer, um 
Fehler der ganzen Richtung handle. Und gerade hier wird mir die Genug- 
thuung, daß mir der Herausgeber in allen wesentlichen Punkten theils still- 
schweigend, theils, obwohl mit sichtbarem Widerstreben und nicht ohne manche 
geschickte Drehung und Wendung, ausdrücklich Recht giebt. Das ist fast 
mehr als ich erwartet habe, ja es hätte mich, nach den gemachten Erfah- 
rungen , kaum gewundert , wenn er alles von mir Vorgebrachte , mit einem 
in jenen Kreisen geläufigen Ausdruck, für thörichtes Zeug erklärt hätte; bei 
der strengen Schulzucht, die er übt, würde es ihm an Leuten, die ihm aufs 
Wort geglaubt, nicht gefehlt haben. 

Die stillschweigenden Zugeständnisse bestehen in Folgendem. Von einer 
Vertheidigung der schönen Conjecturen zu Lanz. 5524 flf. (S. 492) ist keine 



234 FRANZ I^FEIFFEK 

Rede , eben sowenig von den ungehciurlitlieu Foiuien grcfioe, Bechdcere, und 
das Geburtsjahr der mhd. Lyrik sclieint ebenfalls, vorläufig wenigstens, auf- 
gegeben. Offen (das heißt, soweit es das Decorum zulässt) zugegeben 
wird mir, daß die Lieder des von Morungen und des Veldekers*) aller- 
dings in der von mir angedeuteten Weise hätten bearbeitet werden sollen, 
„daß es besser war, das sicher Ermittelte zu setzen, das Unsichere dagegen 
nicht grell abstechen zu lassen , sondern es anzugleichen : so hätte sich die 
Gestalt dieser Lieder der echten mehr genähert" (S. 571). Das Zugeständ- 
niss wird indess wieder beschränkt durch die Bemerkung, daß meine Beobach- 
tungen über das Niederrheinische und Mitteldeutsche zur Sicherheit in allen 
Dingen nicht ausreichen , und daß sie zu machen nicht schwer war. Habe 
ich beides je behauptet? Habe ich nicht vielmehr S. ÖOO ausdrücklich be- 
merkt, daß die Meinung, auf diese Grundlagen hin die Sprache eines Dich- 
ters so genau und treu darstellen zu können , als vernähme man sie aus 
seinem eigenen Munde, eine trügerische, daß dieß unmöglich sei? Eben so 
wenig habe ich behauptet oder auch nur angedeutet, daß ich solche Unter- 
suchungen für schwer halte , obwohl ich manche Dinge nennen konnte , die 
weit unwichtiger und leichter sind und auf die man sich doch gewaltig viel 
einbildet. Aber gemacht werden müssen derlei Beobachtungen, und daß sie 
von Lachmann und Haupt nicht angestellt wurden, lehrt der Augenschein, 
das zeigen die groben Missgriffe in des Minnesangs Frühling und anderwärts. 
Nicht das Können habe ich bezweifelt, um so mehr aber das Wollen oder 
vielmehr die Einsicht und Erkenntniss von der Wichtigkeit der alten Mund- 
arten für die philologische Kritik. Daß und in welcher Weise diese Wich- 
tigkeit verkannt wurde, davon habe ich schlagende, beträchtlich zu mehrende 
Beweise angeführt, die Haupt zu widerlegen nicht einmal den Versuch macht. 
Ein weiteres , natürlich ebenfalls wieder thunlichst bemänteltes Zuge- 
ständniss betrifft die von mir besprochene Nothwendigkeit erläuternder An- 
merkungen nicht nur für Lernende und Laien, sondern auch für Fachgenossen. 
Unter Laien verstehe ich keineswegs „Leute, die gar nichts vom Altdeutschen 
verstehen" (das ist bloß eine sinnige Erklärung Haupts), sondern habe ("sieh 
S. 507) ausdrücklich gesagt, für wen ich, im Gegensatz zu den Philologen 
von Beruf, Erläuterungen verlange. Nun wird mir zugegeben, daß in den 
Liedern des Frühlings „allerdings auch Geübteren Manches nicht gleich deut- 
lich sein werde", daß „bei manchen Liedern Gedankenzusammenhang und 
die Absicht des Dichters nicht auf den ersten Blick erkennbar sei." Aber, 
wird hinzugefügt, „wer sich in diese Dichtungen eingewöhne, dem werde das 
allermeiste deutlich und lebendiger als durch paraphrasierende Anmerkun- 
gen" (?). Dennoch hält der Herausgeber solche Paraphrasen nicht für ganz 
überflüssig, nur sei er sie „mündlich zu geben geschickter oder geübter als 
schriftlich." Darum liält er sie, aus purer Bescheidenheit, ganz zurück, den 
Lesern überlassend , ob sie sich die mündliche Belehrung bei ihm in der 



*) Icli berichtige hier ein unabsichtliches Versehen und einen vielleicht etwas 
ungenauen, doch kaum zu missverstehenden Ausdruck. Also: nicht die Bearbeitung 
aller Lieder Heinricli.s von V. , sondern blol!' etwa der Hälfte hat Lachniann dem 
Prof. Haupt, nicht über-, sondern zurück- oder hinterlassen. Meine Folgerungen 
(S. 492. 93.) erleiden dadurch keine Änderung. 



ZUM EREK. 235 

Ferne holen wollen, oder nicht. „Die beste Schule für einen Erklärer sei 
der mündliche Unterricht und Fragen der Lernenden." Zwar keine neue, 
aber doch sehr richtige Bemerkung. Sollte man indess von Jemand , der 
mehr denn zwanzig Jahre lang diese Schule durchgemacht, nicht erwarten 
düi'fen , er werde nachgerade „das rechte Maß solcher Erläuterungen gefun- 
den," er werde gelernt haben, was in einem gedruckten Buche dem Leser 
dienlich und wünschenswerth sei, und was besser dem mündliehen Unterricht 
vorbehalten bleibe ? Wenn in des Minnesangs Frühling nur Das erkliirt wäre, 
was den Herausgebern (wenn anders dieser Fall je eintrat) selbst nicht „gleich 
deutlich" und wo „der Gedankeuzusammenhang und die Absicht des Dichters 
nicht auf den ersten Blick erkennbar" war, so würde das ohne Zweifel schon 
ein Hübsches ausmachen, alle Welt würde dafür dankbar sein und ein Tadel 
oder Streit über das Zuviel oder Zuwenig gewiss nicht erhoben werden. Statt 
dessen werden wir auf die Zukunft vertröstet, in derselben Weise wie beim 
Parzival. Wers erlebt, wird es sehen. Die Klagen über die Ausgaben alt- 
deutscher Dichtungen aus neuerer Zeit, die durch schöne Aixsstattung und 
Abwesenheit aller Erläuterungen glänzen, sind allgemein, nicht erst seit 1854, 
man kann sie überall hören, und ich habe, indem ich sie offen zur Sprache 
brachte, nur den Gedanken und Überzeugungen Vieler Worte geliehen. Daß 
in der altdeutschen Litteratur der Leserkreis während den letzten Jahrzehnten 
in stäter Abnahme begriffen war, ist eine nicht wegzulängiiende Thatsache, 
und daß der hauptsächlichste Grund in dem einseitigen , vornehmthuenden 
Betrieb der deutschen Philologie liegt, ist nicht minder gewiss. Darauf hin- 
zudeuten und die Schäden aufzudecken hat Jeder di*i Pflicht, dem die gute 
Sache und ihre Förderung am Herzen liegt. Durch nahezu zwanzigjährige, 
ich hoffe nicht ganz unfruchtbare, Thätigkeit auf diesem Gebiete glaube ich 
mir auch das Recht , in dieser Sache ein Wort mitzusprechen , erworben zu 
haben, und bin nicht gesonnen , mich von Haupt u. A. in dessen Ausübung 
beirren zu lassen. Man hat aus Mattherzigkeit inid Rücksichten viel zu lange 
geschwiegen : es würde mit der deutschen Philologie anders und besser stehen, 
wenn man dem Dünkel und der Verunglimpfung zur rechten Zeit mit Nach- 
druck entgegen getreten wäre. Ich wiederhole, daß die altdeutsche Litteratur 
nicht bloß für einige Studenten und Professoren gewachsen, sondern daß sie 
ein Gemeingut für alle Gebildeten unseres Volkes ist und werden soll. 

Wie gesagt war es dieser zweite Theil meiner Recension , auf den ich 
den meisten Nachdruck legte. Der Herausgeber des MF. hat für gut gefun- 
den , den Spieß umzudrehen , und setzt das Hauptgewicht auf meine Emen- 
dationen, weil er sich hier in der günstigen Lage glaubte, mit mehr Aussicht 
auf Erfolg gegen mich auftreten zu können. Die Mehrzahl meiner Verbcs- 
serungen wird als thöricht, verkehrt, unnöthig etc. verworfen und für jeden 
Leser , der nur einigen guten Glauben mitbringt , der klare Beweis geführt, 
daß ich vom Altdeutschen , von Kritik und Metrik so zu sagen nichts ver- 
stehe. Wo ihm seine Gründe nicht einleuchtend und schlagend genug schei- 
nen, hat er nicht verschmäht, ihnen durch kräftige, unzweideutige Ausdrücke 
zu Hilfe zu kommen. Ich werde ihm auf dieses Gebiet nicht nachfolgen, 
sondern erkenne ihm auch hierin bereitwillig und neidlos die Überlegen- 
heit zu. Mich auf Vertheidigung meiner Emendationen überhaupt jetzt einzu- 



230 FRANZ PFPDIFFER, ZUM EREK. 

lassen, fehlt es mir an Zeit (ich kann in Beziehung auf die ungläubige Bemer- 
kung S. 570, Mitte, ausdrücklich versichern, daß ich in diesem Augenblicke 
in der That Wichtigeres und Nothwendigeres zu thun habe , als über Les- 
arten zu streiten), und ich behalte mir vor, später (inzwischen erscheinen ja 
vielleicht die in Aussicht gestellten „Erläuterungen"), bei Gelegenheit einer 
fortgesetzten Besprechung einzelner Stellen in der MF. , auch auf die ange- 
fochtenen Emendationen zurückzukommen. Mit Ausnahme von zweien oder 
dreien, die ich aufgebe, glaube ich alle aufrecht halten, oder doch ihre Gleich- 
berechtigung mit denen Laclnnanns und Haupts darthun zu können. Be- 
merken will ich jedoch schon hier , daß es eine Zeit gab , wo Haupt von 
meinen Emendationen und Recensionen eine bessere Meinung hatte als jetzt 
(s. Zeitschrift 3, 275 und Hartmanns Lieder u. Büchlein S. XI). Ich habe 
keinen Grund zur Annahme, daß ich seitdem Rückschritte in dieser Beziehung 
gemacht. Es müssen also in den Ansichten Haupts über meine kritische 
Befähigung inzwischen Veränderungen vorgegangen sein. So ist es in der 
That, aber die Wissenschaft hat wenig oder keinen Theil daran. 

Doch ist Prof. Haupt auch dießmal so gütig , einige meiner Verbesse- 
rungen gelten zu lassen ; er versteht es aber auch hier meisterhaft , was er 
mit der einen Hand giebt, mit der andern wieder zu nehmen und so der 
Zustimmung ihre Kraft zu dämpfen. Meist heißt es bei diesen Emendationen 
(wie bei denen Bartsch's) „scheint richtig", „möglich, obgleich nicht noth- 
wendig", u. s. w., während umgekehrt bei den von ihm und Lachmann her- 
rührenden Änderungen, oft den gewaltsamsten und unnöthigsten, nirgends 
bloßer Schein, sondern fast überall zweifellose Gewissheit und eine Sicherheit 
herrscht, als wären bei der Entstehung der Lieder Beide zugegen gewesen. 
Sich im Besitz einer so sichern Methode zu wissen , muß , wie ich mir vor- 
stelle, ein überaus süßes Gefühl sein. 

Um den in seiner Entgegnung waltenden l'on zu beschönigen , unter- 
lässt Haupt nicht , mir Hohn , Spott und Übeln Willen vorzuwerfen. Wer 
aber den W^iderspruch in so hochmüthiger Weise selbst herausfordert und 
von den Fachgenossen, die nicht in seinen, sondern lieber eigene Wege gehen, 
mit so offener Wegwerfung als von Handlangern, Pfuschern und Dilettanten 
seit langem spricht und nun auch schreibt, der hat kein Recht, sieh über 
Hohn und Spott und Übeln Willen zu beklagen : es wäre nur der natürliche 
Nachhall dessen , was durch die Mehrzahl der Ausgaben Lachmanns und 
Haupts seit Jahren durchklingt, das man aber euphemistisch „sittliches Ge- 
fühl" und „Gemüth" zu nennen beliebt. Übrigens darf man nur die beiden 
Aufsätze, meine Recension und Haupts Entgegnung, nach einander lesen : der 
große Abstand im Tone wird Niemand entgehen, und man wird sogleich er- 
kennen , auf welcher Seite der Hohn und Spott und üble Wille zu finden 
ist. Ich bin mir bewusst, in meiner Polemik nie die Achtung vor den Ver- 
diensten meines Gegners verläugnet zu haben , und es fehlt nicht an Kund- 
gebungen, die mir zeigen, daß meine Leser dieß nicht übersehen haben. So 
wird mir unter Anderm geschrieben : ich hätte das doctum silentium und den 
übrigen Gelehrtentick weit schärfer angreifen können und sollen , meine 
Recension vcrrathe, bei allen Ausstellungen im Einzelnen, doch großen Respect 
und auch ich behandle H. durchweg wie eine Art von „Germanenhäuptling". 



KARL BARTSCH, GEDICHT AUF DP:N ZAUBERER VIliGILIUS. 237 

Wenn ich auch die Richtigkeit des letzten Satzes von meinem Standpunkt 
aus bestreiten muß, so hat es doch mit dem „Respect" seine volle Richtig- 
keit, denn ich bin der Meinung, es ehre sich selbst und ehre die Wissen- 
schaft, wer seinen Gegner achtet und ehrt, und ich habe stäts mit aller Auf- 
richtigkeit dahin gestrebt, den Verdiensten Anderer, auch wo ich Irriges oder 
Verfehltes zu bekämpfen veranlasst war ^ gerecht zu werden. Der Augen- 
schein lehrt, daß auch in diesem Punkte die Ansichten verschieden sind. 
Nun Jeder nach seiner Art. Wer dem wissenschaftlichen Hochmuth verfallen 
ist und von ungezähmter Leidenschaftlichkeit sich treiben lässt, von dem darf 
man freilich nichts Anderes erwarten, der hätte aber auch am allerwenigsten 
nöthig, sich auswärts nach pathologischen Erscheinungen umzusehen. 
WIEN, 16. April 1859. 



GEDICHT AUF DEN ZATJBEREK VIEGILIIIS. 



Zingerle hat im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit 1857, 
Sp. 390, Anfangs- und Schlußstrophe eines Gedichtes auf Virgilius 
aus einer Innsbrucker Papierhandschrift des fünfzehnten Jahrhunderts 
mitgetheilt, die zum größten Theile Marienlieder enthält. Welcher 
Zeit diese Dichtungen angehören, bleibe dahingestellt: soviel lehrt 
der Augenschein, daß das nachfolgende Gedicht im vierzehnten Jahr- 
hundert entstanden ist, und zwar in der ersten Hälfte desselben. 
Der Gebrauch stumpfer Reime als klingender darf für jene Zeit 
ebensowenig Wunder nehmen, als die Verwendung klingender für 
stumpfe , da schon der Lohengrin diese Rohheit kennt. Die Stro- 
phenform ist dieselbe, die ein Theil des Wartburgkrieges, der Lohen- 
grin und andere Gedichte zeigen. Auf ersteren bezieht sich die 
handschriftliche Übei'schrift des Gedichtes : 'Clingsor im schwarzen 
don xiii lied.' 

Die Sage, die das Gedicht behandelt, ist bekannt, eine deutsche 
poetische Darstellung giebt es außer der nachfolgend mitgetheilten 
nicht. Das Nähere über die Sage sieh in Massmanns Kaiserchronik 
3, 448 fg. 

VON EINEM PILD ZE ROME DAZ DEN EPRECHERINNEN 
DIE VINGER AB PEIZ. 

Virgilius die künste sin 

ze Röme an einem pilde wol liez werden schin, 
daz er gemachet het mit sinen banden : 
swelhe frowe zerprach ir er, 
5 so het daz pild die kraft, die kunst und ouch die 1er, 



238 KAUL BARTSCH 

daz cz si präclit vor männiclich ze schänden, 
vil nianige frowo zwen viuger niuost dem pild ze wandel geben, 
die legt man im in sincn munt, 

die peiz ez dan den valschen ab und macht si wunt, 
10 daz si dan füvbaz muostn in schänden leben. 

Nu hoert wie ez dar nach ergienc. 

ein kciserin ze Rom des pildes haz gefienc, 

wau si gedächt wie si ez möcht zerstoeren. 

ir er die hiet si gei'n zerprochn, 
15 so forcht si niur daz pild liez ez nicht nngeroehn, 

wie dem geschach, daz mugt ir g^rne hoei'en. 

die keiserin des nicht enliez, si prach ir wiplioh Sre. 

mit einem ritter daz geschach : 

alsä zehant man an dem keiser wachsen sach 
20 üz sinem houbt ein hörn, daz muot in sere. 

Der keiser fuor hin ilf dem mer, 

pi im so wäi'en riter und knecht ein grözez her, 

die liez er al daz wunder ane schouwen. 

er chlagt vil manigem mau sin not : 
25 er sprach 'und wolt ez got, so waere ich lieber tot. 

ich furcht die schäm trag ich von miner frouwen.' 

der keiser het vil wiser raet, mit den begunder sprechen. , 

do fragt er einen wisen man, 

er sprach 'nu gib mir rät, wie sol ichz grifen an, 
30 daz ich mich möcht an miner frowen rechen?' 

Der wise man sprach wider in 

'waerlichen, herre, ez dunket mich ein kluoger sin, 

wir sollen wider heim ze lande riten. 

ich redez wol an allen haz, 
35 doch solt ir iuch der maer ein teil erfaren paz.' 

der keiser sprach 'ich wil niht langer piten. 

ich wil min frowen besprechen paz und fragen umb die schulde. 

si hat unreht an mir getan, 

daz si einen andern hat zuo ir gelän : 
40 si hat verworcht ir er und euch min hulde.' 

Dem keiser stuont hin heim sin gir. 
er sprach ze siner frowen pald 'nu sage mir, 
du hast mich mit eim andern übergeben, 
ei du poese välentinn, 
45 daz hörn an minem houbt trag ich von dincr minn, 
daz gilt dir hiut din er und ouch daz leben.' 
die frowe plict den keiser an, si gundc froelieli lachen. 



6. das er sey 9. peist. 11. Ich hört. 14. 16. geren. 15. liesz sein. 17. das. 
20. hören muet. 29. nun. 32. warleichen. 39. 43. ainem anderen. 45. boren. 
47. gund gar. 



GEDICHT AUF DEN ZAUBEREK \ IKGILIUS. 239 

si sprach 'da für so wil icli swern 

wol tvisent eide und wil michs mit dein rechten wern, 
50 daz ich kein schult gewan an disen sachen.' 

Der keiser sprach 'daz muoz geschehen 

vor dem pilt, daz ez muoz menniclich an sehen, 

daz du ze schänden wirst vor allen frouwen.' 

die keiserin sprach 'daz tuon ich gern, 
55 Sit ir sin an mir armen wib nicht weit enpern, 

so wil ich got und sinen gnaden trouwen, 

wan ich der sach unschuldic pin. ich wil iu sweren rechte. 

so furcht ich dan daz pilde klein, 

daz recht wil ich volfüeren als ein frowe rein, 
GO daz sollen sehen die ritter und die knechte.' 

E daz si für gerichte trat, 

ir hoeret wes die ke'serin den keiser pat, 

einer pet si gund an ir begeren. 

si sprach 'pescheid mir einen tac, 
•55 daz ich die minen friunt pi mir gehaben mac' 

der keiser sprach 'des wil ich dich geweren, 

wan üf den tac solt du nach dinen pesten friunden senden.' 

si kund der iren friunt enpern, 

und sant nach einem ritter, wan den sach si gern. 
70 si sprach ze im 'die sach helf mir volenden.' 

Nu hoert waz si den ritter lert, 

daz er sich pald in eines tören wis verkert, 

si sprach 'geselle, lä dichs niht verdriezen. 

swenn ich ge für gerichte her, 
75 so wirf mich under dich, daz ist mins herzen ger: 

mit dinen armen soltu mich umsliezen. 

smück mich ze dir, ein halsen, ein küssen daz soltu mir geben. 

villicht vindich dann einen funt, 

da mit daz ich dem pilt versliuz den sinen munt, 
80 so halt wir peide er und unser leben.' 

Der ritter tet swaz si in hiez. 

wie pald er im ein tören platten scheren liez ! 

tören kleider liez er sich an sniden. 

er macht sich vor hin an die schar. 
85 dö er die edelen keiserin sach füeren dar, 

den iren zarten lip gunder niht miden, 

mit peiden armen ers umbfienc, er gundes zuo im smücken. 

ein halsen, ein küssen was bereit 

der edelen keiserinne, daz was ir niht leit. 
90 vil sieg und stoez der tör da muost verdrücken. 



48. schweren. 49. ayd, wil mich sein mit. 54. 55. geren : entperen. 55. wolt. 
56. genaden. 57. ewch schweren. 58. pild gar klain. 63. gund sy. 68. gund. 70. helft. 
71. Nun. 73. gesell laß dich sein. 74. wen. 80. hatten. 87. er sy. gund sy. 



240 KARL BARTSCH, GEDICHT AlTF DEN ZAUBEÜER VIRGILIUS. 

Do si nu für geiihte gienc, 
ir lioert, wie wislich ez die kciserin an fienc. 
ir rede liez si gen dem pilde schiczen. 
do öi ez zuo dem ersten sach, 
95 ir hoeret, wie die frowe dem pilde do verjach, 
dar mit begundes im der munt versiiezen. 

si sprach 'liie sint zwen einic man, da für wil icli niht sweren. 
die wil ich offenbar hie nenn, 
da dii si, pilt, und alle weit wol mäht erkenn.' 
100 da mit begundes sich des pildes wei'en. 

'Nu hoer an, pild, und merk mich eben, 

ich stän alhie umb triwe umb er und umb daz leben, 

daz du kein unreht laezest mir geschehen, 

daz mir kein man so nähent kam, 
105 wan niur der keiser und der leidic tore sam, 

den ieder man hat hie pi mir gesehen. 

nu merk mich, pilt, waz ich dir sag : daz reht wil ich volfüeren.' 

die finger legt sim in den munt. 

si sprach 'nu, pilt, swer ich unreht, so mach mich wunt.' 
110 das pilde stuont und torstes niender rüeren. 

Nu hoert wes ir die frowe gedäht, 

do si dem pilt die finger üz dem munde präht, 

si kert sich zuo dem keiser umb ze stunden. 

si sprach 'sihstu, min lieber man, 
115 daz du mir armen frowcn unreht hast getan. 

schow an, min finger habent niender wunden.' 

der herre do zer frowen sprach nach keiserlichen sitten 

'ich hub allez wol gesehen, 

für war, iu sol sin fürbaz nimmer not geschehen : 
1 20 vergebt mir daz, dar umb wil ich iuch pitteu.' 

Die frowe sprach 'daz si getan, 

ich wil ez allez durch den gotes willen län, 

der mac mich miner schäm gar wol ergetzen, 

die ich al hie erliten habe.' 
125 alsa, zehant dem keiser spranc daz hören abe. 

er gund sin frowen fiüuntlich zuo im setzen. 

der keiser zuo der frowen sprach 'ir habt mit recht gewannen.' 

do si den eit alda geswuor, 

alsä zehant daz pilt ze tüsent stücken fuor : 
130 ez peiz nicht mei', der kunst was im zerunnen. 



96. begund sy. 98. sy. nennen : erkbennen. ' 99. daz du? 100. begund. 
103. last. 105. nur. 107. nun 108. sy im. 109. 111. min. 110. torst sy nyndert. 
113. zur stunden. 116. nyndert. 119. eweh. 

ROSTOCK, October 1858. KAEL BARTSCH. 



KARL BARTSCH, ZUR LEGENDE VOM H. NICOLAU«. 



241 



ZUR LEGENDE VOM H. NICOLAUS. 



Diemer hat in dieser Zeitschrift 2, 96 — 98 Bruchstücke einer 
gereimten mhd. Legende vom h. Nicolaus bekannt gemacht, die nach 
Sprache und Versbau zu urtheilen noch dem dreizelniten Jahrhundert 
angehören. Von dei'selben poetischen Bearbeitung und zwar in der- 
selben Handschrift habe ich einige Blätter in der Stadtbibliothek zu 
Nürnberg gefunden. In die Papierhandschrifteu des 15. Jahrhunderts, 
Cent. VI. 43"^ und VII. 74 waren auf die innern Einbanddeckel 
vier Pergament-Doppelblätter in Duodezformat eingeklebt, mit acht- 
zehn Zeilen auf der Seite (nur Bl. 8*^ hat zwanzig), also gerade wie 
das -Melker Bruchstück , dessen Orthographie auch genau mit dem 
Nürnberger stimmt. Ich gebe einen getreuen Abdruck der sehr sorg- 
fältig geschriebenen Blätter und füge nur die Interpunktion bei. 

Die Blätter sind zum Theil beschnitten , das eine stellenweise 
unleserlich, Ergänzungen sind durch Cursiv kenntlich gemacht. Die 
Blätter 1 und 2 sind queer durchschnitten : es sind innere Blätter 
einer Lage, ebenso die übrigen. 



Def gar fiiieii gokle s goz (Bl. 1 *) 
Verbunden : inuerhulp div f/oz 
Def hufef alf iv Lft gefeit. 
Dirr ift der in ftetikeit, 
5 Suzer iefu, meifter gut, 
Dinen willen gerne tut. 
Er vberhort nilit, herre got, 
Din heizen vnde din gebot : 
Zwei hat er der geböte din 

10 EruüUet mit der milte fin, 
Daz eine, daz er inneclich 
Von hertzeu hat erbarmet ficli 
Vber den uil armen man, 
Daz ander leiftet er daran, 

15 Daz fin rehtiv hant alhie 
Der erbermde werc begie, 
Daz ez die liuggen wart uerholn, 
Do er fo taugen vnd verstoln 

Der ?72iltekeite werc begienc. (1^) 
20 Def morgenf do der tag anvienc 
Vnd luhteu vberal began, 
Do dirre gutef arme mau 

GERMANIA IV. 



Sa seftunt vnd ulzehant 
Daz golt in finein hufe vant, 

25 Er ^^am ez vnde wag ez her 
Vnde dar. wi aber er 
An der erften ftunde 
Ruvte zu dem vunde, 
Wi höh er in do wege 

30 Vnd waz er vreuden pflege, 

Wi groze gnad vnd danc fin munt 
Vnd auch fin hertz vni difen vunt 
Seiten dem uil riehen gote, 
Nach def willen vnd geböte 

35 Diz gelück im waf gefchehen : 
Daz mag iederman wol fpehen 

Nu hup mit selchen wor- (2*) 

ten an 
Sin gebete dirre man 
'Herre herre, richer got, 
40 An def winken vnd gebot 

Ein fpare noch ein baumef laup, 
Ez fi faffig oder taup, 
Niht uellet zu der erden: 
IG 



242 



KAK'L I5ART,S('H 



Ich bitc (liiif werden 

45 Vnmozzigc miltckeit, 

Daz du, der ein in lulicrlunt 
Mäht aller dinge künde hän, 
Mich armen funder wizzen 1«// 
Geruchel" vnd mir zeigen in, 

50 Von dem idi riebe worden 
hin, 
Der mir, del" ich empfunden 

han. 
So uil ze gute hat getan: 
Vnd def bit icli, herre, dich 
Darunnae niht daz immer ich 

55 Daz genem in minen l'in, ('2'') 
Daz ich geti'irfteclichen in 
Rüren ger vnd vreuellich 
Mit den henden min, di J'ieli 
In fanden hant entreinet. 

60 Min hertz aleine meinet, 

Daz ich bekenne dincn kneht, 
Der fo heilig vnd gereht 
Hie den luteu wonet bi, 
Suntlicher getete vri 

65 Vm\ dem uf erden hat gegeben 
Din milt ein engelifchez leben : 
Ei, herre, den la kennen mich, 
Da2. ich darumme lobelich 
Pj'isen müge dinen namen, 

70 FFerden vnde lobesamen, 

Der beidiv nv vnd zaller vrift 
/feilig vnd gefegent ift 



So nimt ez fweren vviderker (3*) 
Ez bruw et viir fleh immer 
mer, 

75 Vntz im fin gir muz werden 
fat. 
An felcher bofen girde pfat 
Waren lafterlich getreten 
Vnrfe famenthaft geweten 
Di uerreter vor gefeit. 

80 In waf der vurften leben leit, 
Di der keifer noch beflöz. 
Wan da lutzel hin gevluz 
Der tag, vnd ez fi duhte zit, 



Si koiiien aber durch ir nit 
85 Zu dem rihter vorgenant 

Vnd brahten im aldar zehant 
Di gäbe dif im beten e 
Gelobt, vnd sprachen aber me 
Den guten luten an ir leben. 
90 

Du vnd der keiier ielche (3*») 

vrift 
Vren viiulenV daz in ift 
Ir leben biz daher l)eliben, 
Di fo uil valfchef hant getribeu, 
95 Daz in zehant nit fint geflagen 
Div haubet abe von den cragen? 
Oder wandet ir, daz ir 
Da mite mohtet ire gir 
Erwenden vnd ir vbeltat, 

Hill Der ir viigetruwer rat 

Iv ze fchaden hat erdaht, 
Obf in den kerker wurden braht? 
Nein defwar ez treit nit vur. 
Man fiht daz nah ir willeciir 

105 Ir gefellen zu in kumen, 

Di mit helf in wollen vrumcn, 
Daz fi herna entrinnen 



Ir bofheit werde vollebraht (4^) 

1 1 U Daruf fi lange hant gedaht. 
Darumm ift notlich daz da zu 
Selchen vliz din wifheit tu, 
Daz fi def niht uoUenden mugen, 
Daruf fi denken vnde hügen. 

115 Vnf muz anderf ruwen, 

Daz wir mit gautzen truwen 
Gewrchet han ein michel teil 
Vm vren vrid vnd vm vr heil, 
Vnd muzet ir verderben 

1 20 Vnd uil fchier erfterben, 
Werdent fi verderbet niht : 
Def man di warheit wol befiht.' 

Von difen valfchen zungen 
Der rihter wai't betwungen 

125 Vnd von der gab vnreine 



ZUR LEGENDE VOM H. NICOLAU«. 



243 



Daz im die velfcher feiten, (4'') 
So daz er funder beiten 
AuderAveid ir h\gne ftift 

130 Vnd felher wort vnreine gift 
In def keiferf oren goz, 
Daff im in fin hertze vloz. 

•Ilerre keifer' fuf fprucli er 
'Di meintetigen, den biz lier 

135 Din mute hat uerlan ir leben, 
Noch wellent niht daz mein be- 
geben, 
Def fi gedaht hant wider dieli. 
Totliche rete fteteclich 
In vbclliehen ahten 

140 Sie mit den luten trabten, 

Die in mit eiden hant gefworn 
Vnd in ze helfe fiut erkorii, 
Vnd weiz an allen zwiuel daz. 



145 Daff in ir noteii taten. (5^) 

Er tet def fi da baten, 
Alf ob der feldenbere 
Sant Niclaus dort were 
In finem hohften riche 

150 Vnd gegenwertecliche 
Do dife dri vertrete 
Vnd felber vür fi bete. 

Wef fint aber, füzer crift. 
Der ein getruwer loner bift, 

155 Dife gäbe danne din? 

Wef mac diz widergelt ge/in 
Vnd diff grozen wunder, 
Danne din befunder, 
Der alle die dich erent 

160 Vnd din lop hie merent. 

Dort eref vor dem uater di;? 
In dem himelriehe fin 



cort (5^) 

sin (?) hört 

165 . . .er auch . . . n 
. an fi . . werden 
. vor de . . . hie 
one . . . ged ie 
. . kom ez daz der tac vergienc 
170 . . div beide auch (?) anvienc 



Daz die ftratillaten, 

Alf e waf geraten, 

Ge/jaubtet werden folten, 

Di die marter dolten 
175 Ane schuld vnd ane reht. 

Do der keifer vnd fin kneht 
. che vorgenant 

Entflafeu waren, alzehant 

Sahens in ir flaf'e 
180 . . gnteliclf ftrafe 

Zwene treume gliche gar, (ö'*) 
Alf fi wurden fit gewar. 
Die ich daruuime funder 
VVil fagen zeinem wunder, 

185 Daz vnf werd ofFenlichen kunt, 
Daz er, der nv vnd zaller ftunt 
Almehtig ift, aleine niht 
In, die man übertreten fiht, 
Daz reht tut oftenliche da, 

190 Sunder daz er auch vnvro 
Si machet vnde drewet in 
Mit nahtgefihten, daff ir fin 
Wenden wider an daz reht. 
Daran tut er uiht wan fleht, 

195 Wan fine milte def gezimt, 

Daz er im grozer vreiide iiiint 
Von einem funder, ob er hat 
Rüwe vm fine miffetat, 

Dun von vnwandelberen (6^) 
200 JVvn vnd uvnzik weren. 

£>arumm erzeiget er fo uil 
Mit ftraf vnd anderf, daz er 

wil 
Den fluider niht verfmahen, 
iSraider gern enpfahen 
205 Aller menfchen rüwe, 

D'iv war ift vnd getruwe. 

Xu hört von den gefihten ; 
Der wil ich veh berihten. 
Dem keifer in der naht erfchein 
210 In forme fant Niclaufef ein 
jBilde, do er lag vnd flief, 
Daz im fuf zu fprach vnde rief 
'Conftantin, fug an durh waz 
i?aft vubillich geheizen daz, 
16* 



244 



KAKL ß.VKT.SCn ZVll LEGENDE VOxM 11. NICOJ.AUS 



215 Daz man die ftratillatcii, 
J>i (loch niht urgcf taUn, 

Widrrz rcht geuangen liat? (7^) 
Wof hal't du funder inületat 
8i ucrteilet hie in not 

220 Vnd in vnucrdienten totV 

Stand uf fnell vnd heiz fi lan 
Ledic von ir banden lan. 
Wilt du daran uerftnahon mich 
Vnd anderf werben vreuellieh, 

225 Dan ich dich geheizen han, 
Ho wil ich biten fuuder wan 
In, der!' himell" kunig il't, 
Daz er, ob du verhertet bil't 
So daz du wilt verfmahen mich, 

230 Vber dich tut l'in gerich 
Vnd fehlere def uerhenget, 
Daz wider dich entfprenget 
Ein fo ftarc vrlauge wirt, 
Daz der tot dich niht uerbirt, 

235 Du inüzef werden da er- (7'^) 
flagen 
Vnd din vleifch da werden nagen 
Die uogel zeiner fpife 
Vnd auch div eyer vnwife.' 
'Wer hl/t duT sprach der 
keifer fan 

240 'Vnd waz gewaltef mäht du han, 
Daz du ze dirre zit in min 
Palaf kumen bift her in 
Vnd felche dro fo vreuellie/* 
Getarf gefprechen wider mich ? 

245 'Nycolauö bin icA ie 

Sprach er 'den du horef hie : 
Vnd fwie ich ein fvnder fi. 
Doch ift mir div wirde bi, 
Daz ich ertzebifchof bin 

250 Stä myren der kilchen.' hin 
Vur er do er daz gefprach, 
Do der eparche fin gemach 



Ilet in finem flafe, (8«) 

Den er mit felchcr ftrafe 

255 ErlVhraet vnd nialite uil vnvro 
Mit feleh' angeftlichen dro 

'Ablauie, du fwachcr knecht 
Def heitzen vnd uil vngereht 
Def mutef vnd der finne wan, 

260 Waz grozer note lac dir an, 
Daz alfe gar uerhertet ist 
Din hertze , daz du worden 

bift 
Ein Verräter aue not 
Der vnfchuldigcn in den tot? 

265 Var fnelle dine ftraze 

Vnd fehaffe daz mau laze 
Her uz def kerkerf banden vri 
Di vnfchuldigen alle dri. 
Tüf du dff niht in difem zil, 

270 So wif def ficher, daz ich wil 

Vm in der ewik keifer ift (8 ^) 
Erwerben in uil kurtzer vrift, 
Daz er mich an dir riebet, 
Daz din lip uz brichet 

275 So fer an allen enden, 

Daz in die wurme fchenden 
Vnd vrezzen, daz du ftirbef 
Vnd lafterlich uerdirbef 
Vnd daz uil fehler zeftoret wirt 

280 Din huf : div not dich niht ver- 
birt; 
Nach dirre dro uil grimme 
Mit gar betrübter ftimme 
Sprach der rihter uil vnvro 
'Wer bift du, der vnf felche dro 

285 Legeft an fo vreuellich?' 

Er sprach 'wilt du bekennen 

mich 
So uim uil rebt in dinen fin, 
Daz ich Myrener bifchof bin 
Vnd Nicolauf bin genant.' 

290 Nach difen worten er verfwant. 



ROSTOCK, 31. Octüber 1858. 



KARL BARTSCH. 



KARL BARTSCH, BRUCHSTÜCK EINER PASSION DES XII. JH 245 

BEIJGHSTÜCK EINEE PASSION DES XII. JAHEH. 

Ein Pergaraentdoppelblatt in 12" vom Ende des zwölften Jahr- 
hunderts enthält ein Bruchstück einer poetischen Bearbeitung der 
Leidensgeschichte Christi, Es war zu einem Büchereinbande ver- 
wendet und eingeklebt; das erste Blatt ist in der Mitte der Länge 
nach zerschnitten , dazwischen fehlt ein schmaler Streif. Ich gebe, 
was bei einem so vereinzelten Bruchstück das Gerathenste scheint, 
einen buchstäblichen Abdruck. Ergänzungen sind cursiv gedruckt, 
die Abkürzungen fast alle aufgelöst. 

vmme difl'en feluen gute» man (1*) 

nechein fcult ich an im winden kan.' 

do daz pylatus vor nsim, 

daz vnfe herre wider qua.m. 
5 zu iherufalem an d'e /tat, 

zu haut her ime zugegen trat 

vnd untiinc den miken ihefum 

vnd fprach 'aue rex iu(ieorum.' 

daz i'pricht 'got gruze dich koning der lüden.' 
10 do rifen fi rechte fo d'e rüden 

'wir nehauen ne cheine« koning mere, 

wen der keifer ift un/er herre.' 

do fprach auer pylatus 

'Q'd faciara de ihü qui dicitur xpc?' 
15 daz fpricht 'waz falich tun mit ihc, 

den man dar heizet cj-iftus?' 

do rifen d'e iüden gemeine (P) 

beide gro^ vnd deine 

*iz Ii rech^ oder crum, 
20 crucifige crucifige cum.' 

daz fpric/?^ man fal en an ein cruce flau.' 

'waz hat er vbeles getan? 

wolt ir Wich berichten des? 

necheine /cült ich an en vinde kan nocht herodes.' 
25 do antwj'ten d'e luden dus 

dem ricÄtere pylatus 

'du vrages waz her haue getan? 

wiltu daz an vns vor ftan, 

Avir fagen di wilch fin fcult fi: 



246 KARL BARTSCH, BRICHSTÜCK EINER PASSION DE.S XII JH. 

30 omnis qui fe rege facit contradic' cefari.' 
duz spric/it 'alle di fich zu konige machen 
die fint des Reiferes widerlachen. 

hauich auir wol getan, (2") 

warumme fleftu mich dan ?' 
35 do daz gefach pylatus, 

daz d^umtruwe (so !) iüden l'us 

alfo fere tobeten, 

Ichire her in gelouete, 

her wülde tun iren wille 
40 offenbare vnd ftille, 

beide Ipade vnde vru. 

her hiz ime wazzer bringen do : 

Hne hende duouch pylatus 

vnd fprach 'innocens funi as^nguine hujus.' 
45 daz Ipricht 'ich wil des blütes unlculdich fin 

alfe daz höre der hende min.' 

do fprachen d*e iuden gemeine 

beide groz vnd deine 

'her ne wirt dar umme von vns nicht lol', . (2^) 

50 languis eius fuper nos et (uper filios noftros !' 

daz ipricht Min blut muze vallen 

vf vns vnd vf vnle kint allen !' 

daz wort ift hüte an in becleuen 

vnd ne wirt nimmer von im vortreben. 
55 do fprach auer pylatus 

zu den vngetruwen iüden dus 

'ich ne weiz nicht waz nu fprechen me; 

accipite cum vos et fecundum legem vräm iudicate!' 

daz fpricht 'nemt in vnd richtet na vwer wonheit, 
60 ez w^t her na vns allen leit.' 

fi fprachen 'wi hauen einen lite, 

des raüz tu nu vns volgen mite : 

her fal fteruen na vnfer e, 

jz tu im wol oder we.' 
ROSTOCK, 31. Oct. 1858. KARL BARTSCH. 



LITTE RATUR. 247 

LITTERATUR. 



Neidhart von Reuenthal, herausgegeben von Moriz Haupt. Leipzig, 
S. Hirzel. 1858. gr. 8. LVI und 264 SS. (2 Rthlr.) 
Die Frucht jahrelanger Arbeit und von den Freunden deutschen Alter- 
thuines lange erwartet, ist Haupts Neidhart dem „Minesangs-Frühling" rasch 
nachgefolgt. Wohl gab es keine schwierigere aber auch lohnendere Aufgabe als 
diesen Dichter, dessen Fortleben in späten Jahrhunderten die Blüthen seiner 
echten Poesie mit üppig wucherndem Nachwuchs überkleidet und fast erstickt 
hat. Sorgsamer Hand bedurfte es, um das Wahre vom Falschen , das Ech(e 
vom Nachgemachten zu sondern : ein feines , nur durch lange Beschäftigung 
zu erreichendes Gefühl für die Eigeiithümlichkeiten des Dichters , musste in 
manchen Fällen die einzige Richtschnur für die Entscheidung sein. Wo die 
Kritik auf solcher haarscharfen Grenze steht zwischen dem Möglichen und 
nicht Wahrscheinlichen , da kann sie sich gerade in glänzender Weise be- 
währen. Endgiltige Sicherheit wird in manchen Fällen nicht zu erreichen sein, 
und das hat der Herausgeber (Vorrede S. IX) selbst ausgesprochen. Daß 
einiges, was vielleicht noch echt sein könnte, in die Anmerkungen gesetzt 
ist, Avird man nur als lobenswerthe Vorsicht bezeichnen müssen. Lieber wird 
man derartige Strophen unter den echten Liedern missen , als den Werth 
dieser durch Aufnahme zweifelhafter geschmälert sehen. Unter den vom Heraus- 
geber als echt erkannten wird sich kaum eines bezweifeln lassen, wenn man 
einmal gewisse Eigenthümlichkeiten, wie die Abwerfung des e im Präteritum 
schwacher Verba im Reim (sieh Anmerk. zu 85, 36) dem Dichter zuerkennt. 
Die Arbeiten seiner Vorgänger, Wackernagels, Beiieckes, Lilienkrons, hat Haupt 
mit gebührendem Danke anerkannt : vom größten Werthe namentlich musste 
ihm die Abhandlung des Letzgenannten sein , die für die Unechtheit vieler 
Lieder, die Kriterien an die Hand gab. 

Der Vorrede angehängt sind die unechten Lieder (S. XI — LVI), bei 
denen die Anmerkungen meist kurz die Beweise der Unechtheit enthalten. 
Zu dem Texte wie zu den Anmerkungen, die eine Fülle von Gelehrsamkeit, 
aus der ganzen mittelhochdeutschen Litteratur zusammengetragen, enthalten, 
vieles nachzutragen möchte schwer sein. Was ich im nachfolgenden bemerke, 
bezieht sich meist auf die strophische Anordnung und die Eintheilung der 
Verse. So ist gleich im ersten der unechten Lieder (S. XI) die erste und 
siebente Zeile jeder Strophe in zwei Verse zu zerlegen : 

Meie, din 

Hehler schin 

bringet vröuden vollen schrin; 
weil der auftaktlose Vers von zwei Hebungen stumpfreimend sich gern mit 
dem von vier Hebungen bindet (Germania 2, 272). Und ebenso ist S. LIV, 
25. 29 ff. zu schreiben: 

mit gewalt 

manicvalt 



248 LITTERATIJK. 

j&rlanc me 
daz der sne. 
S. XXXIII, 5 Aiim. Auch noch in der diittcn Stropl^e (XXXIV, 9. 13) 
findet die Verlängerung um eine Hebung statt : mir scheint der Veis von 
vier Hebungen in diesem Liede der ursj)rünglic.he ; denn die klingenden Keime 
XXXII, 15. 19. tülle : griille zählen nach meiner Ansicht für zwei Hebungen, 
wie in dem unechten Liede, von der Hagen 3, 217; XXXI, 1 ist zu lesen 
da ist ein gelopter tanz, 
5 iegeltcher treu den kränz. 

16 sime vetern Engelmär. 

XXXII, 4 unde jener Engelram. 

8 etwa ich hin in dar umbe gram. 

XXXV, 4 unde mib-dens alle erslagen 

8 mit B alrerst muoste ich gar verzagen. 

S. 8, 17 — 19 sind in eine Zeile zusammenzufassen, wie schon die 
Elision 'iif dem rise in manger tcise singent immneclichen schal 
und noch klarer der Wechsel mit stumpfem Reime 9, 2. 3 den Herausgeber 
hätte belehren müssen 

ir Sit tot vil Icleiner not, ist in der ermel ahe gezart, 

über welchen Wechsel die Anmerkungen ganz schweigen. 

Den Reihen 16, 38, in dem ich Germania 2, 264 die epische Vers- 
zeile und in der ganzen Strophe eine der Titurelstrophe nahverwandte zu 
erblicken glaubte, hat Haupt anders gefasst, wie mich dünkt richtiger, wie- 
wohl ohne Mühe in den meisten Strophen sich auch die epische Cäsur, theils 
stumpf nach der vierten, theils klingend nach der dritten Hebung herstellen ließe. 
S. 18, 4 ist die letzte Zeile der Strophe zu zerlegen, so gut als in 
dem vorhergehenden Liede 17, 2. 3 ff. und zu schreiben 
nü lüol üf, stolziu magedin ! 
der meie ist in diu lant, 
wiewohl in beiden Fällen der Vers nicht abzubrechen, sondern die Cäsur nur 
durch Auseinanderrücken zu bezeichnen ist. Den eigenthümlichen Versbau 
in den beiden ersten Strophenzeilen hat der Herausgeber richtig erkannt und 
bezeichnet; vielleicht ist aber der weibliche Einschnitt 18, 10. 11. 29. 35 
überall zu tilgen; 18, 11 ist leicht zu ändern 

diu loas hiur loubes ein gast. 
und 18, 35 du teilt hiur reizen den zorn; 

die Elision 18, 23 stört nicht. 

19, 7 ff. habe ich Germania 2, 265 ebenfalls anders geordnet und eine 
Modification der epischen Strophe ähnlich der Gudrunstrophe darin erblickt. 
Im Abgesange , der mit 19, 9 beginnt , scheint mir ein Zusammenfassen in 
der von mir vorgeschlagenen Weise dem Verständniss des Baues günstiger. 
Dagegen hat 25, 14 Haupt in Übereinstimmung mit mir, Germania 2, 267, 
die beiden ersten und die beiden letzten Zeilen der Strophe getheilt, nur daß 
ich sie, meiner Anschauung gemäß, es sei Abart des epischen Verses, nicht 
wirklich in zwei Theilc zerrissen, sondern nur durch Cäsur getrennt habe. 

28, 1 ist die Absonderung der ersten Zeile, die bei Haupt nur eine 
Hebung hat, von der folgenden ixnnöthig. Der" Fall gehört zu denen, die 



LITTER ATUK. 240 

wir in 18, 4 kennen lernen, wo innerlialb des Verses an bestimmter Stelle 
eine Senkung fehlt (Beispiele aus anderen Lyrikern werde ich ein andermal 
geben) : ein Accent hätte den Rhythmus bezeichnet 

Der wdlt aber mit vianeger kleiner silezer stimme erhillet. 
in der zweiten Strophe wird zu lesen sein 

so hebt sieh ab an der sträze vreude von den kinden, 
Die letzten Zeilen 28, 5. 6 sind zusammenzufassen, denn der klingend rei- 
mende Vers von einer Hebung (6) bindet sich nicht mit dem folgenden. Lies 
mit vreuden leben den meien! 
ir megede, ir sidt iuch zweien. 
Der Reim icerde : verkerde 34, 1. 4 (vgl. Anmerk. zu 89, 2, S. 220) 
erweckt Zweifel an der Echtheit beider Strophen. 

44, 34 ist nach zu streichen, weil die meisten entsprechenden Zeilen 
auftaktlos sind: sinneii ohne nach steht 41, 12. 

58 , 25 hat die letzte Zeile der beiden Stollen eine weibliche Cäsur 
nach der dritten Hebung, nur in 58, 27 st truobent unde nement steht eine 
kurze Stammsilbe in der Cäsur. 

73, 26 : die letzte Strophenzeile hat eine weibliche Cäsur, die der Her- 
ausgeber nicht augedeutet hat, entweder, wie ich Germania 2, 282 annahm, 
nach der fünften Hebung , oder , was besser mit dem Sinne zusammenfällt, 
nach der siebenten, oder auch mit doppeltem Einschnitte: 
also sint die vögele in dem ivalde 
des betwungen 

dazs ir singen müezen län. 
95, 6 hat die erste Zeile des Abgesanges (95, 12) niemals einen Auf- 
takt: darnach sind die beiden einzigen Verse 95, 30. 96, 36 zu be- 
richtigen der ze mittem tage, 
dest din ere kranc, 
oder so ist din ere kranc nach C : in der ersten Zeile kann man aber dazer 
auch einsilbig lesen. Derselbe Fall ist 99 , 1 , wo die vorletzte Zeile der 
Strophe keinen Auftakt hat; nur 99, 27. 101, 4 zeigen ihn; man lese 

durch sin groze kraft man in mit sclieffen sere vUuhet, 
oder streiche sere mit C, und 101, 4 wird 

er ist saelic, der st beide an einem totbe vinde 
zu lesen sein. — 101, 17 ist einmal mit zu streichen. 

Das letzte Lied 102, 32 — 103, 28 hat manche Härten, die man Neid- 
hart nicht zutrauen darf, so ir iegltchs tvtp 103, 12 und noch weniger 103, 
21 das verkürzte Präteritum troumt in der Senkung vor folgendem Conso- 
nanten : was bedeutend härter ist, als die zu 85, 36 angeführten Kürzungen. 
103, 26 hat ungefügen Rhythmus; es wird zu lesen sein 
est lanc daz ich ir keine nie gesach. 
Zu den Anmerkungen weiß ich noch weniger zu bemerken als zum 
Texte; bei den zusammengesetzten Wörtern (Anmerk. zu 49, 11), in denen 
Neidhart die Senkung fehlen lässt , ist übersehen worden stolzlichen 22, 18, 
so wie zu Tulnaere zwei Stellen 86, 1. 88, 20 nachzutragen sind; auch 
Unheil 53, 3 ist wohl so zu betonen, wiewohl Neidhart einigemal den Hiatus 



250 LITTEHATUR. 

znlässt. In den Strophen auf S. 232 ist in der zweiten Zeile nach acmc der 
Punkt zu tilgen und in der dritten Strophe Z. 1 zu lesen Gumpe unde Goz- 
hreht , weil der Vers , wie ihn Haupt giebt , um eine Hebung zu kurz ist. 
S. 238, 22 heißt der Name wohl Bernger, worauf die Anspielung der folgenden 
Zeile geht. 

Am Schlüsse der Anmerkungen (S. 245) stehen die Zeugnisse. Mich 
hat Wunder genonmien , unter ihnen ein paar zu vermissen. Zuerst eine 
Stelle des Teichners, Liedersaal 3, 295 

bei her Neitharts zeiten vorn von der paioern ungevuoc 

vant man nemver site gnuoc mit gepaere und mit gewant. 

Eine zweite Anspielung im Altswert 166, 30 — 35 

der anhlick ivas verhangen dort her von Ziselsmnr 

mit grüenem laiih und bluomen, da mangein vilzgebur 
e.i warn nif birschen muomen her Nithart hat gesongen. 

Das scheint auf ein unechtes Lied sich zu beziehen, Hagen 3, 238'': 
do ich kam in ir gepfliht du ntuont vil manik vilzgebur 

gar listiklich gein Zeizenmür, bi der sunnen an der Mr. 

Auch wäre das von Keller in den Fasnachtspielen S. 393 — 467 heraus- 
gegebene Neithartspiol zu nennen gewesen , weil es auf echte und unechte 
Lieder des Dichters sich stützt. 

Es ist, wie man sieht, nur wenig, was icli zu dem trefflichen Buche 
nachtragen konnte. Dennoch habe ich mich durch Haupts Bemerkungen 
(Zeitschr. 11, 5G3 — 593) nicht abhalten lassen, dieselben in Form einer 
Recension mitzutheilen. Denn ich bin nicht der Ansicht, die Haupt zu haben 
scheint, daß wenige Nachträge zu einem Buche das Recht nehmen , sie zu 
veröffentlichen. Nicht gesonnen , über Haupts Recension meiner Recension 
eine neue Recension zu schreiben (denn wohin würde das führen ?), will ich 
nur an dinem Beispiele zeigen , daß Haupt Unrecht that , den Ton anzuneh- 
men, den er an dieser und an andern Stellen anschlägt. Haupt hat die 
Elision in der letzten Senkung bei Reinmar an zwei Stellen angenommen, 
159, 12 lid ich, 180, 6 i'uoch ich. Letztere Stelle wird durch die von mir 
vorgeschlagene Zusammenfassung (179, 8 — 11 in zwei Zeilen), die Haupt 
zugiebt, beseitigt, indem der betreffende Versschluß nun in den Inreim kommt. 
An der ersten Stelle hatte ich vorgeschlagen zu lesen mi loaz dar umb'i das 
lide ich (lide lesen alle Handschriften) für nu loaz dar umbe f daz lid ich. 
Dazu bemerkt Haupt (S. 593), es sei zwar gleichgiltig, was ich lieber thue, 
'Reinmar aber hat vor einsilbigem Versschlusse nirgend einen Hiatus'. Ich 
nehme den Hiatus an dieser einen Stelle an, Haupt an derselben einen (denn 
180, G ist durch Verlegung in den Inreim weggefallen) eine andere Freiheit, 
die sich nur wenige gute Dichter erlauben. Die von mir behauptete ist dem- 
nach nicht stärker als die von Haupt angenommene ; es steht eine Stelle 
einer andern gegenüber. Ich hatte also wohl dasselbe Recht wie mein Tadler, 
der durch persönliche Bemerkungen seinen Tadel zu würzen sucht. Er darf 
sicher sein, daß ich ihm nicht auf gleiche Weise erwidern werde. 

ROSTOCK, März 1859. KARL BARTSCH. 



LITTER ATUR. 251 

Ficker Julius Dr., Professor an der k. k. Universität zu Innsbruck. Der 
Spiegel deutscher Leute. Textabilruck der Innsbrucker Handschrift. Mit 
Unterstützung der kaiserliehen Academie der Wissenschaften heraus- 
gegeben. Innsbruck, Wagner'sche Buchhandlung 1859. 8. XXX und 

210 SS. 

Derselbe, über die P^ntstehungszoit des Sachsenspiegels und die Ableitung 
des Schwabenspiegels aus dem Deutschenspiegel, Ein Beitrag zur Ge- 
schichte der deutschen Kechtsquellen. Innsbruck. Wagner'sche Buch- 
handlung. 1859. 8. 137 SS. 

Im Herbste des Jahres 185G wurde von dem Scriptor der k. k. Univer- 
sitätsbibliothek zu Innsbruck, A. J. Hammerle, ein bis dahin unbekanntes 
Rechtsbuch aufgefunden, das sich in der Vorrede „Spiegel aller deutschen 
Leute" nennt. Ficker unterwarf dieses Rechtsdenkmal sofort einer eingehenden 
Untersuchung, und veröffentlichte die Ergebnisse derselben nebst ihrer Be- 
gründung im Februarhefte des Jahrganges 1857 der Sitzungsberichte der 
philos.-histor. Classe der kaiserl. Academie der Wissenschaften. Darnach stellte 
sich das Rechtsbuch dar : in dem er.sten Theile des Landrechtes als eine ober- 
deutsche Verarbeitung des sächsischen Landrechtsbuches (bis II, 12. §. 13) 
in der Weise , daß der Stoff der Vorlage fast in demselben Maße erweitert 
erscheint, als dieß in dem kaiserlichen Landrechtbuche der Fall ist, während 
in dem zweiten Theile des Landrechtes und im Lehnrechte eine bloße ober- 
deutsche Übertragung des sächsischen Rechtsbuches vorliegt , wobei nur der 
Gedanke durchgeführt wurde , die Vorlage zu einem allgemeinen deutschen 
Rechtsbuche umzugestalten. Die weitere Vergleichung ergab ferner, daß dis 
kaiserliche Land- und Lehnrechtsbuch nicht, wie man bis dahin annahm, auf 
Grundlage des Sachsenspiegels, sondern unter alleiniger Vorlage des Deutschen- 
spiegels ausgearbeitet wurde. Die wichtige Folge dieser Entdeckung war die 
dadurch gewonnene neue Ansicht über das Alter und Verhältniss der ver- 
schiedenen Formen des kaiserlichen Land- und Lehnrechtsbuches : betrachtete 
man bis dahin die kürzeren Formen als die ursprünglicheren, so war es nun- 
mehr gewiss, daß umgekehrt die volleren Formen die ursprünglichen sind, 
und daß die Entwicklung des Textes in einer Kürzung des Stoffes besteht. 

Die Kenntniss der inneren Rechtsgeschichte erfährt durch diesen Fund 
im Ganzen eine geringe Bereicherung ; die Bestimmungen des Deutschenspiegels 
sind uns zum größten Theile bereits aus dem Sachsenspiegel und dem kais. 
Land- und Lehnrechtsbuche bekannt. Der große Werth der neuen Quelle liegt eben 
in der Erweiterung unserer Kenntnisse über die Entwicklungsgeschichte des 
Textes der beiden anderen Rechtsbücher. Einmal wird der Text des Deutscheu- 
spiegels noch manchen wünschenswerthen Anhaltspunkt für die Feststellung von 
Einzelheiten im Texte des Sachsenspiegels bieten ; dann aber ist durch ihn die 
Möglichkeit gegeben, den Text des kaiserlichen Land- und Lehnrechtsbuches 
in seiner Ursprünglichkeit, soweit dies überhaupt noch erreichbar ist , wieder 
herzustellen. Die Frage, aus welchen Capiteln dieses Werk ursprünglich 
bestand, ist bereits von Ficker in seiner academischen Abhandlung beantwortet 
worden; dagegen bleibt noch die weit größere Aufgabe zu lösen, den ur- 
sprünglichen Text der ursprünglichen Capitel herzustellen. Es musste daher 



^22 LITTERATTTR. 

der lebhafte Wmiscli uacli Voröffoiitliclmng dos Fundes entstehen, ein Wunsch, 
dem Iloineyer am Schluße seines aneritenncnden Berichtes über die Unter- 
siicliungen Fiokers Ausdruck verliehen hat. Diesem Wunsche ist Ficker nunmehr 
nachgekommen, indem er in einem treuen Abdrucke die Handschrift 
wix3d ergab. Diese Form der Veröffentlichung wurde nach reifer, wohlbe- 
gründeter Überlegung gewählt. „So wenig mir an und für sich eine solche 
Form zusagen mag" — bemerkt der Herau-sgeber S. XI — „so selten die Fälle 
sein mögen, wo sie genügen kann, so sehr schien sie mir doch hier durch die 
nächsten Zwecke geboten." „Denn nicht der Inhalt ist das Wichtige, sondern 
die Form; der Text wurde abgedruckt, nicht damit er gelesen, sondern mit 
andern Texten gleichen Inhalts verglichen werde." Der Herausgeber hat daher 
verzichtet, den ursprünglichen Text des Rechtsbuches herzustellen, was über- 
haupt nur in beschränkter Weise mit Hilfe der beiden andern Rechtsbücher 
möglieh gewesen wäre ; er wollte selbst nicht einmal einen richtigen, verständ- 
lichen und lesbaren Text liefern. „Alles erwogen, glaubte ich mir lediglich 
die Aufgabe einer so getreuen Wiedergabe der Handschrift stellen zu sollen, 
daß die Einsicht derselben dem Forscher selbst für die kleinsten Einzelheiten 
des Textes entbehrlich wäre:" S. XV. Demgemäß wurden selbst unzweifelhafte 
Entstellungen, wie Wiederholungen, Lücken, falsche Buchstaben beibehalten ; 
ferner wurden die Äußerlichkeiten in der Schrift auf das sorgsamste berück- 
sichtigt. Die rothgeschriebenen Initialen und Rubriken in der Hs. sind im 
Drucke durch gothische Schrift bezeichnet, die schwarzen fetteren durch rothe 
Striche hervorgehobenen Anfangsbuchstaben geben lateinische fette Lettern 
wieder. Auch die verschiedene Größe der Initialen in der Hs. lässt sich im 
Drucke unterscheiden ; weiter folgt der Druck der Hs. im Abbrechen der 
Zeilen. Diese Äußerlichkeiten wurden berücksichtigt, weil möglicherweise 
die Eintheilung unseres Rechtsbuches wichtige Anhaltspunkte für sein Ver- 
hältniss zu einzelnen Formen des Sachsenspiegels und kaiserlichen Land- und 
Lehnrechtsbuches geben kann. 

Die zur Linken des Textes befindliehen lateinischen Zahlen bezeichnen 
die Seiten der Hs., die arabischen geben eine von dem Herausgeber hinzix- 
gefügte Zählung nach Capiteln. Diese stützt sich im ersten Theile des Land- 
rechtes durchweg auf die Hs., im Lehnrechte ist dieß wenigstens regelmäßig 
der Fall, dagegen schien es für den zweiten Theil des Landrechtes unzweckmäßig, 
in der Eintheilung bloß der Hs. zu folgen. Ficker nahm hier eine, bezüglich 
der Eintheilung dem Deutschenspiegel nahe verwandte Hs. des Sachsenspiegels 
und das kais. Land- und Lehnrechtsbuch zu Hilfe, und machte nur da einen 
Abschnitt, wo ein hervorgehobener Anfangsbuchstabe im Deutschenspiegel mit 
einem Absätze in den beiden andern Rechtsbüchern oder doch in einem der- 
selben zusammenfällt. 

Hervorzuheben ist endlich noch, in welch trefflicher Weise der Heraus- 
geber für eine Erleichterung der Vergleichung der neuen Quelle mit den ver- 
wandten Rechtsbüchern und verschiedeiien Formen derselben gesorgt hat. Ein- 
mal wurden Randverweisungen auf das nächst verwandte Rechtsbuch gegeben, 
also im ersten Theile des Landrechtes auf den s. g. Schwabenspiegel, wobei 
die Capitel der Laßberg'schen Ausgabe mit ai-abischen, die der Ausgabe Wacker- 
nagel's mit lateinischen Ziffern bezeichnet sind und das Fehlen entsprechen- 



LITTERATCK'. 2Öo 

der Abschnitte in der erstem mit stehenden, in der zweiten mit liegender 
Schrift angedeutet ist, für den zweiten Theil des Landreehtes und das Lehn- 
rechts auf den Sachsenspiegel nach der Ausgabe Homeyer's. Außer diesen 
Randverweisungen sind aber dann noch S. 191 — 210 fünf Vergleichungs- 
tafeln dem Texte beigefügt. Davon stellt die erste die einzelnen Capitel 
des Dentschenspiegels ( Landrecht ) mit denen des Sachsenspiegels und des 
s. g. Schwabenspiegels zusammen , und zwar ist jener in drei verscliicdenen 
Formen berücksichtigt, während in Bezug auf diesen, die Freiburger ILs. und 
die Ausgaben von Laßberg, Wackernagel und Scnckenberg Berücksichtigung 
gefunden haben. In der zweiten und dritten Tafel wurden umgekehrt die 
Artikel des Sachsenspiegels und die Capitel des s. g. Schwabenspiegels zu- 
sammengestellt mit denen des Deutschenspiegels. Beziehen sich die bisher 
genannten Tafeln auf den laudrechtlichen Theil, so haben die beiden letzten 
das Lehnrecht zum CTCgenstand , und zwar vergleicht die vierte die Capitel 
des Deutschenspiegels mit denen des sächsischen und kaiserliehen Lehnrechts- 
buches, während die fünfte umgekehrt das kaiserliche Lehnrechtsbuch mit dem 
Deutschenspiegel concordiert. 

Die der Ausgabe des Dentschenspiegels (D) vorangegangenen , eingangs 
erwähnten Ausführungen Ficker's über die Stellung der aufgefundenen Quelle 
zum Sachsenspiegel (S) einerseits und zum kaiserlichen Land- und Lehnrechts- 
buche (L) auf der andern Seite hatten sich der allseitigen Zustimmung und 
Anerkennung zu erfreuen. Nur Eine Stinune erhob sich dagegen : v. Daniels 
erklärte, festhaltend au seiner 1852 zuerst vorgetragenen Ansicht vou der 
Priorität L's vor S, daß D ein Sachsenspiegelcodex aus dem 14. Jahrh. mit 
einigen Besonderheiten sei , der keineswegs als verbindendes Mittelglied die 
Verwandtschaft von S und L aufkläre , sondern einen höchst untergeordneten 
Werth für die Textescritik beider Rechtsbücher habe. Zur Abwehr gegen diesen 
Angriff" ist nun die zweite oben angeführte Schrift geschrieben , welche nach 
einer zweifachen Richtung unsere volle Aufmerksamkeit verdient. Einmal ist 
sie ein Muster rechter Methode, und dann finden sich darin gar manche neue 
Einzelheiten. Wir wollen letztere gelegentlich hervorheben , während es uns 
hauptsächlich darum zu thun ist, genau den Gang der Untersuchung dar- 
zulegen. 

Mit Recht wählte Ficker zur Widerlegung des Gegners die Form, daß 
er eine der wichtigsten Nebenfragen, die Frage nämlich nach der Eutstehungs- 
zeit oder dem absoluten Alter des S, zum Mittelpunkt seiner Erörterung machte. 
Bequem und ungezwungen ließ sich dabei Alles einordnen , was sonst zu 
sagen war. 

Der Ausgangspunkt der Untersuchung ist der : unmittelbare Anhalts- 
punkte fehlen , aus welchen sich ergäbe , daß das ganze Werk oder einzelne 
Stellen desselben in diesem oder jenem Jahre oder doch in diesem oder 
jenem enger begrenzten Zeitraum entstanden sein müssen ; daher sind zunächst 
Anhaltspunkte aufzusuchen, aus welchen sich wenigstens nach einer Seite hin 
die Grenze einer möglicherweise spätesten oder frühesten Entstehung ergiebt. 
Dabei sind diejenigen als Ausgangspunkte zu wählen, welche möglichst sicher 
und insbesondere mit allen geltendgemachten abweichenden Meinungeu ver- 
einbar sind. 



254 I.ITTERATUR 

Diesen GnindbiUzi'u ciitsiiiocliciKl l)tf^piieli( Fickcr zunäclil den /{■rminus 
ad quem. Das Kechtshuch ujuß 1. vor 1283 entstanden sein, da in diesem 
Jahre «las Magdebiirp; - Breslauer Keelil, welehes zum Tlieil aus S entnonnnen 
ist, (liireli Herzog Ileinrieli IV. l)est;Uif;t wurde S. 12, 13. 2. S stellt zu L 
im engsten Vcrwandtschaltsveriiilltniöse ; L aber ist zwischen 1274 und 1282 
entstanden. Wäre nun S die Quelle, so miisste S demnach vor 1282 entstanden 
sein, während, wenn das umgekehrte Verhältniss bestände, wie v. Daniels 
meint, die Entstehungszeit von S in die Jahre 1274 — 1283 lallen würde. 
Ficker ist bereit für den nächsten Zweck anzunehmen , diese Streitfrage sei 
vor Auffindung des D nicht entschieden worden, und da der vor ihm bereits 
geführte Beweis , daß S die Quelle von D und D tlie nächste Quelle von 
L sei , wodurch ganz selbständig die Priorität von S vor L erwiesen wird, 
v. Daniels nicht überzeugte, so widerholl er nun denselben in anderer Form. 
— Zunächst wird die Unzulässigkeit einzelner Beweismittel des Gegners be- 
sprochen S. 14 — 17, sodaini zur eigenen Beweisführung geschritten, indem 
fürs Erste alle niöglichen Stellungen dreier verwandten Quellen überhaupt 
ermittelt werden, hierauf für den gegebenen Fall die Unmöglichkeit aller bis 
auf die eine zutreffende nachgewiesen wird, und schließlich scheinbare Wider- 
sprüche gegen die einzig mögliche Stellung S — D — L gehoben werden 
S. 27 — 52. Über das Verhältniss des Buches der Könige zu den Rechts- 
büchern vgl. S. 53-58. 3. Da S nach dem unter Nr. 2 geführten Beweise 
die Quelle von D ist, D aber vor 1272 entstanden sein muß, weil der in 
diesem Jahre verstorbene Berthold von Regensburg das Rechtsbuch in seinen 
Predigten benützt hat, so muß auch die Entstehung von S vor 127 2 fallen, 
vgl. S. 58— 61. 4. Da ferner das Hamburger Recht vom J. 1270 den Sachsen- 
spiegel häufig benützt, so muß derselbe vor diesem Jahre entstanden sein, 

5. 61. 5. Zeigt sich, daß in die Aufzeichnung des Magdeburger Rechts für 
Breslau v. J. 1261 oder doch aus der Zeit vor 1266, eine Reihe von Sätzen 
in S aufgenommen ist, ohne daß eine dritte gemeinsame Quelle angenommen wer- 
dan darf, daher muß S vor jenen Jahren und zwar nicht ganz kurz vor denselben, 
da er bereits in erweiterter Form benützt ist, entstanden sein, S. 61 — 66. 

6. Weiter steht die Chronik des Albert von Stade in einzelnen Stellen in 
enger Verwandtschaft zu S. Nun lässt sich nachweisen ■ — und dieß hat Ficker 
bestimmter, als es vorher geschehen war, gethan — , daß S die Quelle für 
Albert's Erzählungen ist. Daher ist S mindestens vor 1256, wo Albert das 1240 
verfasste Zeitbuch revidierte, entstanden, S. 66—70. 7. Die in Bildern der, 
übrigens nicht mehr dem 13. Jahrh. wie es scheint angehörigen, Heidelberger 
Bilderhandschrift vorgezeigten Königsurkunden heben an mit F. d. g., was wohl 
auf eine Vorlage aus der Zeit Friedrichs II. hinweist, und darnach wäre S 
bereits vor 1250 entstanden, S. 70, 71. 8. Zwischen S und der Repgow'schen 
Chronik, als deren Verfasser auch Ficker nunmehr Eicke anerkennt, fand 
wenigstens an einer Stelle eine unmittelbare Benützung Statt. Verschiedene 
Gründe sprechen für die Priorität von S, und es wird daher der terminus ad 
quem der Chronik auch von Bedeutung für die Entstehungszeit von S. Allge- 
mein anerkannt als terminus ist das Jahr 1250, während Ficker mittelst 
zweier bisher nicht zu diesem Zwecke verwertheter Stellen und unter Beach- 
tung verschiedener anderer Umstände es wahrscheinlich macht, daß die bis 



LITTEHAITK. 255 

1230 icicliende Revision wolil schon 1232 oder doch sehr hahl nachher ent- 
standen sei. Denuiadi Avürde die Entstellung von S vor 1232, jedenfalls vor 
1250 fallen, S. 71 — 80. 9. Dürfte es nach des Verf. Meinung wahrscheinlich 
sein, daß Eicke das Friedensgesitz vor 1235 kennen musste, wenn er nach 
1235 sehrieb. Er glaubt daher die Eutstihung von S, worin dasselbe nicht 
berücksichtigt ist, vor 1235 selzin zu liürfen, S. 80, 81. 10. Endlich uiöclite 
die Entstehung von S vor 1235 der Umstand darthun , daß das in diesem 
Jahre errichtete Herzogthum Braunschweig unter den Fahnenlehen nicht erwähnt 
wird. Auf eine ältere Aufzeichnung wird man hier sich nicht berufen dürfen, 
während dieß allerdings bezüglich der Pfalzen nach der interessanten Aus- 
führung S. 81 — 83 geschehen muß. AYerden schon die drei letzten Argumente 
von Ficker nicht als vollkommen beweiskräftig erklärt S. 84, so bezeichnet 
derselbe die weitern wohl schon für einen noch frühern terininus geltend 
gemachten Anhaltspunkte als nicht stichhaltig S. 84 — 85. 

Hierauf wendet sich die Schrift S. 85 zur Bestimmung des terui'uins a quo \ 
doch war, wie der Verf. S. 1 36 selbst gesteht, bei der nachten Veranlassung 
der Arbeit, die Aufmerksamkeit weniger auf möglichst genaue Feststellung nach 
dieser Seite gerichtet, Indess glaubt Ficker, nachdem er zwei für die Zeit 
nach 1198 beweisende Daten und mehrere wohl schon geltend gemachte aber 
nicht stichhaltige Argumente besprochen, daß aus zwei ebenfalls schon benützten 
Umständen, nämlich der in mehreren Stellen herrschenden Übereinstimmung 
zwischen S und der treuya Henrici regis sowie aus der in S auf die Ketzerei 
gesetzten Strafe des Scheiterhaufens, die Entstehung nach 1223 bez. 1224 
bewiesen werden dürfte. Wir anerkennen , daß in Bezug auf beide Punkte 
Ficker einen besseren Beweis zu erbringen suchte, als er bisher geliefert 
worden ; jedoch können wir ihm auch in dieser vollkommeneren Form keine 
zwingende Kraft zugestehen. Wir legen hinsichtlich des zweiten Punktes aller- 
dings darauf Gewicht, daß das den Feuertod einführende Gesetz v. J. 1224 
nur für die Lombardei erlassen wiu-de. Ist es nicht möglich, daß schon vor 
der freuga, welche die Strafe für Ketzerei dem arbitrium-judici-9 anheimstellt, 
durch säclisischen Gerichtsgebrauch die Strafe des Scheiterhaufens sich 
festgestellt hatte, oder daß auf Grund der Bestimmung in der freuga 
in Sachsen diese Strafe bräuchlich wurde? Dankbar nehmen wir den Beweis 
an, daß die undatierte treuga unter Heinrich VH. gegeben wurde, und zwar 
in den ersten Jahren seiner Regierung, wahrscheinlich im J. 1223, S. 89 — 93. 

Nachdem in der angegebenen Weise die Umstände besprochen worden, 
welche geeignet schienen, zur Feststellung bestimmter Zeitpunkte zu dienen, 
so werden zum Schlüsse „noch solche Bestimmungen des Rechtsbuches in 
Betracht gezogen , welche sich auf Zustände beziehen , die zwar an und für 
sich dauernd an keinen genauer zu bestimmenden Anfangs - und Endpunkt 
geknüpft, aber doch so weit einer Weiterentwicklung unterworfen sind, daß 
sich im Allgemeinen bestimmen lässt, die gerade hier als bestehend vorausge- 
setzte Entwicklungsstufe treffe nur in diesem oder jenem Zeiträume zu," 
Vgl. S. 95 ff. Genauer erörtert werden folgende drei, von Daniels seltsamer 
Weise zur Stüt^.ung seiner Ansicht hervorgehobeneu Punkte : Die Wahl des 
Königs, vgl. die trefflichen , manches Neue enthaltenden Ausführungen auf 
S. 99 — 130; die Nichterwähnung streitigen Besitzes der Reichsgewalt und 



256 LlTTERATUIi 

der TlieiliKiliine eines vömischen Königs an der letztem H. 130 — 131, und 
endlich die Bestininumgcn über Verleihung (erledigter FsUmeidehcn binnen 
Jahr und Tag, S. 131 — 135. Mit einer wiederholenden gedrängten Üliersicht 
schließt die Schrift, die würdig der ihr vorausgegangenen Streitschrift Ilouicyers 
zur Seite steht. 

WIEN. HEINRICH SIEGEL. 



Der Welt Lohn von Konrad von Würzburg, Ein Beitrag zum Ver- 
btündniös niittelalterlicher Glaubens- und Lebensansicht. Von Dr. F. 
Sachse. Berlin, in Commission bei Kud. Wagner. 1857. 22 SS. 4. 

Eine dankenswerthe kleine Schrift. Bekanntlich zieht sich die Idee von 
den Lockungen der Welt und ihrer Nichtigkeit, von dem stäten Wechsel 
zwischen Freud und Leid, Leben und Tod, der Gegensatz sinnlichsten Lebens- 
genusses und' düsterer Ahnungen zeitlicher und ewiger Noth wie ein rother 
Faden durch die ganze Litteratur des Mittelalters bis hinab zu den lehrhaften 
Dichtungen des 14. und 15. Jhd. Ausgehend von dem Gedichte Konrads, 
welches durch seine Versinnlichung der Nichtigkeit des zeitlichen, der Ver- 
gänglichkeit des irdischen Leibes und der Hiuweisung auf die ewige Freude 
und Seligkeit der Seele in jener Welt gleichsam die Summe und den In- 
begrift" dieser mittelalterlichen Anschauungen bildet, hat es der Verf. unter- 
nommen , alle über diesen Gegenstand zerstreut voi'kommenden Äußerungen 
aus den deutschen Dichtungen und besonders auch aus den Prosawerken der 
mittlem Zeit zu sammeln und zu einem übersichtlichen Gesammtbilde zu 
vereinigen. Er hat dieß mit großer Belesenheit in ansprechender und zugleich 
anspruchslosester Weise gethan. 

Das weltliche Leben und Treiben des Hofes und der höfischen Kreise, 
mit Allem , was drum und dran hängt , kennen wir ziemlich genau , und es 
fehlt nicht an zusammenfassenden, ja erschöpfenden Darstellungen desselben. 
Das ist aber nur eine, die heitere , die Vorderseite , möchte man 'sagen, und 
wer bloß von dieser weiß , kennt das Mittelalter nur halb. Wer tiefer in 
den Geist und das Wesen jener Zeit eindringen will, wird es nicht umgehen 
dürfen, auch das religiöse, das Seelen- und Gemüthsleben, die Glaubens- und 
Lebensansichten der Voi'zeit in den Kreis seiner Betrachtung zu ziehen. Es 
ist dieß freilich ein im Ganzen noch wenig erforschtes Gebiet ; um so ver- 
dienstlicher scheint es, auch dahin seine Aufmerksamkeit zu richten, und wir 
möchten den Verf. aufmuntern, in seinen löblichen Bestrebungen unverdrossen 
fortzufahren : an bereitem Stoffe dazu fehlt es nicht. 

DEE HERAUSGEBER. 



-g5fcr'^^ ' 



Wien. Buchdruckeixi von Jacob &. HolzUatiscQ. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIÜS. 



K. L. ROTH. 



(GELESEN IN DER HISTORISCHEN GESELLSCHAFT ZU BASEL , 2. DECEMBER 1858).!) 



Eine critische Prüfung der über das Leben des Dichters P. Virgilius 
Maro vorhandenen Aufzeichnungen kann auch auf den Zauberer Vir- 
giliuti führen. Der Zauberer Virgilius gehört zwar einer so späten 
Periode an, daß der eigentliche Philologe der Beachtung desselben 
vollständig entrathen kann ; inzwischen hat die Sache schon an und 
für sich etwas Seltsames und Neckisches, zumal wenn man sieht, wie 
sich diese Gestalt volle vier Jahrhunderte hindurch in der Litteratur 
Europas behauptet; für den Freund und Foi-eher alter Sagenge- 
schichte vollends dürfte dieser Nachzügler selbst ein wissenschaft- 
liches Interesse bieten. Denn die Fragen, die sich ihm bei diesem 
Gegenstande aufdrängen, ob der Zauberer mit dem Dichter nach- 
weislich zusammenhange, Avann und wo das Märchen entstanden, wie 
seine Verbreitung vor sich gegangen , und aus welchen Ursachen 
seine Entstehung zu erklären sei : diese Fragen mit möglichster 
Sicherheit zu beantworten , wird für ihn eine wissenschaftliche Auf- 
gabe bilden. 

Indem ich Sie, verehrte Herren, einlade diesem Versuche nach- 
sichtig und ohne Erwartung zu folgen, versetzen wir uns an das Ende 
desl2. Jahrh. und zwar nach Neapel. Denn von hier haben wir die 

') Einige belehrende Winke und Nachvveisungen verdanke ich der Freundschaft 
W. Wackernagels und J. Burckhardts; auf Felix Hemmerlin machte mich B. Reber 
aufmerksam. Unzugänglich blieben mii" die Schriften von Francisque Michel und von 
Edel. Dumeril ; unbekannt ebenso die Chronik von Jean d'Outremeuse (f 1399), deren 
Herausgabe Borguet in Brüssel übernommen hat. 

GERMANL4. IV 17 



2Ö8 K L. ROTH 

ältesten und zugleich vollständigsten und authentischsten Nachrichten 
über die Zauberkünste des Virgilius. Referenten der neapolitanischen 
Virgilssagen sind zunächst zwei Männer, welche sich durch ihre Na- 
tionalität, ihre Bildung und ihren Stand zu einer objectiven Bei'icht- 
erstattung vorzüglich eignen. Der eine ist ein Deutscher, Kon- 
rad von Querfurt '^j, designierter Bischof von Hildesheim, damals 
aber wirklicher Kanzler bei Kaiser Heinrich VI. und dessen Stell- 
vertreter für Neapel und Sicilien. An seine alten Freunde, den Propst 
und den Convent in Hildesheim, richtet er aus Sicilien zu Ende des 
Jahres 1194 ein ausführliches Schreiben, worin er ihnen seine italie- 
nischen Reiseeindrücke schildert, sofern sie mit der alten classischen 
Litteratur im Zusammenhang stehen. So hat ihn das Flüßchen Rubico 
an das Bellum Civile des Lucanus, die Stadt Sulmo an den Dichter 
Ovidius, Cannä an Hannibals Siege erinnert. Überall sind ihm wohl- 
bekannte Namen aus seiner Dichterlectüre entgegengetreten, wenn 
es schon ein Lächeln erregen muß, daß auch die Berge Olympus 
und Parnassus, die Quelle des Pegasus , die Insel des Achilles , der 
Palast der Helena, der Stall des Minotaurus und ähnliche griechische 
Ortlichkeiten ihm entweder dui'ch eine lebendige Phantasie vorge- 
zaubert oder von schlauen Ciceroni gewiesen worden sind. Als ganz 
besonders merkwürdig sind ihm aber die Wunderwerke des Virgilius 
in Neapel vorgekommen, um so merkwürdiger, als gerade er beauf- 
tragt war, die Mauorn dieser Stadt, die i. J. 1191 der kaiserlichen 
Belagerung gespottet, nun aber 1194 durch Capitulation sich dem 
Hohenstaufen ergeben hatte, schleifen zu lassen. Kann es da Wunder 
nehmen , daß wohl zwei Drittheile des Briefes diesem Gegenstande 
gewidmet sind, und daß ebenso von den Empfängern der Brief unter 
der Aufschrift : Epistola Conradi . . . quam scripsit nohis de statu 
Apidiae et de operihus vel artihus Virgilii der Chronik ihres Stifts 
einverleibt worden ist ^)? Der Inhalt des Briefes erschien natürlich 
ihnen noch seltsamer als dem Verfasser. 

Der andere Referent ist der Engländer Gervasius von Til- 
bury, der erst Professor des canonischen Rechts in Bologna war, 
dann nach einander in England und in Unteritalien, zuletzt bei Kaiser 
Otto IV. ansehnliche Staatsämter bekleidete. Das seinem letzten Ge- 



') O. Abel, König Philipp der Hohenstaufe j). 35(5. Petrus de Ebulo carmeu de 
motibus Siculis ed. Engel, Basil. 1756 p. 148 ff. nebst Titelbild. 

■^) Er ist gedruckt in Leibnitii Scriptores rerum Brunsvicensium t. 2 p. 695 — 698. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 259 

bieter gewidmete Werk Otia imperialia ist zwar erst 1212 geschrieben, 
allein seine neapolitanischen Anschauungen und Erinnerungen fallen 
noch beträchtlich früher als die seines deutschen Zeitgenossen. Ger- 
vasius verräth in dem genannten Werke nicht nur eine ausgebreitete 
Belesenheit in den alten Autoren, er macht auch mit besonderer Vor- 
liebe auf die neuen Wundergeschichten von Merlin, Artur, Lohengrin 
und auf ähnliche in den britischen und karlingi sehen Sagenkreis ge- 
hörige Märchen Jagd, so daß er als eine Hauptquelle für mittelalter- 
liche Sagenforschung zu gelten hat ■*). Aber willktthrliche Erdich- 
tungen und Lügen sind ihm meines Wissens nicht Schuld gegeben 
worden ^). 

Diese beiden Männer nun, welche wir als Berichterstatter aus dem 
Ende des 12. Jahrh. zu betrachten haben, zählen eine Anzahl von 
Wunderwerken Virgils durchaus übereinstimmend und mit den gleichen 
Ortsbezeiehnungen auf. Aber auch diejenigen Stücke, welche der eine 
oder der andere allein erwähnt, sind nicht weniger glaubwürdig als 
die gemeinschaftlichen, da die Verfasser ausdrücklich erklären, nicht 
alle Einzelheiten aufzählen zu wollen, überdieß auch hier immer die 
Ortlichkeiten genau angegeben sind, und spätere neapolitanische 
Berichte bestätigend hinzukommen. Die Zauberkrait Virgils bezeichnet 
Konrad mit magica ars oder magicae incantationes , Gervasius mit 
ars mathematica oder vis mathesis, einem Ausdruck, der ursprünglich 
die Astrologie bezeichnet hatte. 

Gemeinschaftlich den beiden Referenten sind nun folgende 6 
Stücke. 

1. Die Gebeine des Virgilius. Hart bei der Stadt auf dem 
rings vom Meer umgebenen Schlosse werden die Gebeine des Vir- 
gilius selbst aufbewahrt. Sie sind in einem Sacke gesammelt, der 
hinter einem Eisengitter aufgehängt ist. Nimmt man sie, fügt Kon- 
rad bei, heraus und bringt sie an die freie Luft, sofort verdunkelt 
sich der Himmel und ein entsetzlicher Sturm wühlt das Meer auf 



'') Ein Ereigniss aus dem J. 1211 belichtet er p. 995 als rem novam et inter nos 
nuper publicatam. Er erwähnt p. 964 König Wilhehii IL von Sicilien und die Bela- 
gerung von Acco (1189—1191), ja p. 1002 den Cardinal Johannes Neapolitanus, der 
unter Papst Alexander III. eine bedeutende Rolle spielte und nach Leibnitz Praef. 
p. LXIIl im J. 1175 starb. 

*) Ausgaben von Leibnitz in den Scriptores rer. Brunsv. 1 p 881 ff. und aus- 
zugsweise von F. Liebrecht, Hannover 1856. 

17* 



260 K. L. ROTH 

bis in den tiefsten Grund ^). Ich habe dieses selbst gesehen und be- 
stätigt gefunden, qxiod nos vidimus et prohavirmis. 

2. Der Vesuvregulator. In der Nähe von Neapel ist der 
feuerspeiende Berg Vesuvius, aus welchem durch den Föhn (favonius) 
Gluth und Asche bis in die Stadt getrieben zu werden pflegt. Da 
verfertigte Virgilius auf dem gegenüber liegenden Berge , Summa 
genannt "), einen ehernen Mann, der dem Gluthvvind wehrte und ihm 
eine andere Richtung gab ^). Nach Gervasius geschah dieß mittelst 
einer am Mund der Statue angebrachten Posaune, Avelche beim ersten 
Windstoß erdröhnte, nach Konrad vermittelst einer gegen den Berg 
ausgestreckten und gespannten Armbrust. Leider hat ein dummer 
Bauer das Kunstwerk verdorben, und seitdem herrscht eben wieder 
das alte Übel. 

3. Das Bad ohne Arzt. In der Nähe von Pozzuoli und Baja 
giebt es Quellen von verschiedenen mineralischen Bestandtheilen und 
verschiedenen Heilkräften. Virgilius leitete sie alle in ein von ihm 
erbautes Badgebäude mit zahlreichen Badkammern, und über jedem 
Gemach deutete er durch Inschriften, Abbildungen und Gypsmodelle 
die Krankheit an, für welche da Heilung zu finden war. So konnte 
man des Arztes ganz entrathen ^). Noch steht das Bad ziemlich 
wohl erhalten , aber die Lischriften und Modelle sind ganz kürzlich 
durch salernitanische Arzte, welche für ihre eben erblühende Arz- 
neischule '") besorgt wurden, verdorben worden. Da lässt sich's denn 
in Acht nehmen, daß man nicht in die unrechte Stube geht. 

4. Die gesunde Metzig. Virgilius erbaute in Neapel eine 
Metzig und verlieh ihr die Eigenschaft, daß sie das Fleisch geschlach- 



^) Ähnlich sagt Gautier von Metz im J. 1245, wenn sich dem Meerschloß und 
den Gebeinen Räuber oder auswärtige Feinde naheten, so erhebe sich das Land und 
woge das Meer, bis die Gefahr vorüber sei, Notices et Extraits 5 p. 255. 

') Den Vesevus nennt Konrad p. 698. Den Summa (jetzt Somma) Gervasius 
p. 965. Aber p. 964 in einer ziemlich verworrenen Stelle vermengt er den oppositus 
mons, in quo Virgilius statuam erexit , mit dem Mons Virginum, in cuius declivo — 
Virgilius hortuvi plaiüaverat. 

") So steht im jetzigen Neapel das Steinbild des heil. Januarius auf der Magda- 
lenenbrücke, dem Vesuv wehrend: v. d. Hagen Briefe in die Heimat .3, 145. 

') Von diesem Bade berichtet auch Adenez li rois im Roman Cleomades {nach 
1261) und Jac. de Guise ff 1390); vgl. Reiffenberg chronique de Mouskes 1 
p. CLXXXI. 

'") Ihrer gedenkt z. B. Johannes von Salisbury im J. 1160 im Metalogicus 1, 4 
p. 18 ed. Giles. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILroS. 261 

teter Thiere frisch erhält, so lange dasselbe an der Wand hängt '*). 
Bringt man's aber ins Freie, so stinkt es. 

5. Das Schlangenthor. Porta dominica oder ferrea, auf der 
Seite von Nola gelegen , hat einen äußerst künstlich gearbeiteten 
Thorweg. Denn unter diesem Thorweg hat Virgilius, wie unter einem 
Siegel, sämmtliche Schlangen der Stadt, deren es der unterirdischen 
Gänge und Grotten wegen sehr viele gibt, so vollständig beschlossen, 
daß man in den Kellern oder Gärten Neapels nie ein schädliches 
Reptil antrifft. Diesen Thorweg einzig, sagt Konrad, haben wir bei 
der Schleifung der Stadtmauern stehen lassen, weil wir nicht ver- 
schulden wollten, daß die eingeschlossenen Schlangen Land und Leute 
belästigen sollten. 

6. Die eherne Fliege. Über einem- sehr festen Thore, dessen 
eherne Pforten sich freilich, sagt Konrad, unsern deutschen Soldaten 
haben aufthun müssen, stellte Virgilius eine eherne Fliege auf, welche 
allen Fliegen den Zutritt verwehrte , so daß , so lange das Kunst- 
werk an seinem Orte war, in dem weiten Umfang der Stadt keine 
Fliege gesehen wurde '^). 

Einen ähnlichen gemeinnützigen Zweck, wie die gemeinsam be- 
richteten, haben auch diejenigen Kunstwerke des Virgilius, welche 
nur der eine oder der andere der genannten Referenten erwähnt. 

So spricht Gervasius von einem wunderbaren Garten, den 
Virgilius auf dem s. g. Mons Virginum hinter unzugänglichen Felsen 
anlegte ; darin wachsen allerlei Heilpflanzen , z. B. das Lucius- 
kraut, dessen Genuß blinde Schafe sehend macht. Ferner schreibt er 
es der Mathematik Virgils zu, daß in dem Tunnel oder der Grotte, 
crypta, die durch den Berg nach Pozzuoli und Baja führt, obgleich 
ihre Länge so beträchtlich ist, daß man von der Mitte aus kaum die 
beiden Endpuncte sehen kann , keine Meuchelmorde noch sonstigen 
Verbrechen verübt worden. Daß Virgilius diesen Tunnel auch ge- 
schaffen habe, sagt die nachher zu erwähnende neapolitanische Stadt- 
chronik ausdrücklich, und ist solches bei dem noch altern Petrarcha, 

") „Das neapolitanische Fleisch und der allhier befindliche Wein werden vor 
die besten in ganz Europa gehalten." Iselin Lexicon, Basel 1726, 3 p. 623. 

'^) Bei Gautier von Metz ist die eherne Fliege belebt, denn sie verfolgt und 
tödtet die Stubenfliegen , Notices et Extraits 5 p. 253. Ebenso bei Van Maerlant 
Spieg. hist. 1, VI, 26. Aliprandi nennt sie sonderbarer Weise una mosca in un verro. 
Noch deutlicher scheint sich in den Wartburgliedern und im Reinfrit von Braun- 
schweig diese von Virgilius verfertigte Fliege mit einer von ihm aufgefundenen dä- 
monischen Fliege zu amalgamieren , vgl. Anm. 78 u. 90. 



262 K. L. ROTH 

sowie bei vielen spätem Schriftstellern berichtet; bei Gervasius jedoch 
scheint der Wortlaut diese Deutung nicht zu gestatten '^). Besonders 
auffallend war aber diesem letztern bei einem Aufenthalt in Neapel, 
den er im J. 1190 als sicilianischer Beamter zu machen hatte, der 
Umstand, daß seine Geschäfte aufs beste und mit fast wunderbarer 
Schnelligkeit von Statten giengen. Als ich, sagt Gervasius, hierüber 
gegen meinen neapolitanischen Gastfreund, meinen frühern Zuhörer und 
damaligen Archidiaconus Pignatelli, meine Verwunderung aussprach, 
fräste mich dieser, ob ich beim Eintritte in die Stadt unter dem 
rechten oder dem linken Schwibbogen des Nolanerthores durchge- 
gangen wäre. Unter dem rechten, antwortete ich. Nun so wundre 
dich nicht länger, sprach Pignatelli, du hast auch darin von Virgilius 
Gutes erfahren. Hiemit führte er mich an das Nolanerthor und 



'■') Auch nicht , wenn man für Cryptae mons concavus mit 2 Handschriften bei 
Leibnitz p. 965 Est mons mira virtute ad modum cryptae concavus schreibt, wie Lieb- 
recht mit Recht gethan hat. Denn die mira virtus bezieht sich eben nur auf die 
Vereitehmg aller bösen Anschläge. — Eine in Betreff der herrschenden Volkssage 
von König Robert (f 1343) an ihn gerichtete Frage beantwortete Petrarcha so: Nits- 
quavi me legisse memmi marmorarium. fuisse Virgüium, wie er selbst erzählt im Itine- 
rarium Syriacum t. 1 p. 560 ed. Basil. 1581, was Theod. a Niem de schismate 2, 22 
p. 77 ed. ]3asil. 1566 einfach abschreibt. Gleichwohl musste Petrarcha erleben, daß 
er, qiiod Vh^gilii llbros legerem seu legissem, vgl. Senilia 1 , 3 t. 1 p. 739 ed. Basil. 
bei Papst Innocentius VI. (1352 — 1362) nicht ohne Erfolg der Zauberei beschuldigt 
wurde. — Während noch die Stadtchronik den Tunnel durch Virgilius gegraben 
werden lässt, ziehen die Spätem dienstbare Geister herbei, welche entweder auf Ge- 
heiß Virgils in einer Nacht das Werk zu Stande bringen (so bei Tharsander und 
Marlowe im 16. Jahrb.), . oder einem neugierigen Zauberlehrling ihre Macht zeigen 
wollen. So erzählt der Schweizer Felix Hemi.. erlin, welcher im J. 1426 die Lo- 
calität besucht hatte, de nobilitate cap. 2 extr., Virgils Kammerdiener, der von Neapel 
nach Tripei'gula über den Berg gegangen war , um das vergessene Zauberbuch zu 
holen , habe auf dem Heimwege die Dämonen , welche beim Offnen des Buches ihn 
umschwärmten, angewiesen, ihm den kürzesten und geradesten Weg mitten durch den 
Posilipo zu brechen, und dieß sei so schnell von Statten gegangen, daß er den arbei- 
tenden Geistern in schnellstem Laufe auf dem Fuße nachfolgen konnte. Bei Ali- 
praiidi (1414) muß der Schüler Melino das Zauberbuch in Rom holen und lässt 
sich derselbe durch die dienstbaren Geister seines Lehrers die Straße von Rom nach 
Neapel mit Quadersteinen pflastern, salegare di sassi vivi (Via Appia?). Der fran- 
zösische Reisende Thevet (1575) begnügt sich mit der Strecke von Gaeta bis Capua, 
wo manche Blöcke für •.') Mann zu schwer sind. Das älteste Geschichtchen der Art 
ist wohl da.sjenige, welches nach Cardinal Benno de vita et gestis Hildebrandi zwei 
Vertrauten Papst Gregors VII. auf dem Wege von Albano nach Rom begegnet sein 
soll; allein die Ächtheit von Benno's Schrift ist mir aus verschiedenen Gründen ver- 
dächtig. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 263 

wies mir über dem rechten Thorbogen eingemauert einen Kopf aus 
parischera Marmor, der freundlich lächelte, über dem linken einen 
Marmorkopf, der fürchterlich grinste '*) ; jener, sagte er, verheißt dem 
Eintretenden raschen Erfolg, dieser droht Missgeschick, jedoch nur 
dann, wenn man durchaus unabsichtlich und unbewusst seines Weges 
gegangen ist. 

Kanzler Konrad erwähnt allein erstlich eines vom Zauberer ge- 
fertigten ehernen Pferdes, durch welches die Pferde gegen das 
Einsinken des Rückgrates gesichert wurden , während sonst kein 
Pferd des Landes, ohne bald kreuzlahm zu werden, einen Reiter 
tragen konnte '^); ferner eines von Virgilius gearbeiteten und in 
einer Glasflasche mit sehr enger Mündung eingeschlossenen Bildes 
der Stadt, an dessen Erhaltung wie an ein Palladium die Wohlfahrt 
Neapels geknüpft war *^). Endlich sollen selbst die Ringmauern 
der Stadt von dem Philosophen fundamentiert und gebaut gewesen 
sein ^') ; freilich hat, fügt er bei, weder der Mauerbau noch die Wun- 



■'') Das zweite Bild war nach der Stadtchronik der Kopf einer weinenden Frau. 
Aus dem Alterthum kann man vergleichen Capitis effigies aerea portae Raudusculanae 
inclusa, Valer. Max. 5, 6, 3. 

'^) Nach Gautier von Metz und der neapolitanischen Stadtchronik wurden kranke 
Pferde gesund, wenn sie dieses eherne Pferd anblickten. Im Volksbuch ist von einem 
ehernen Pferde die Rede, worauf ein eherner Reiter sitzt, der allnächtlich durch die 
Straßen Neapels als Polizeidiener patroulliert. 

'*) Der Stadtchronik zufolge war in der Flasche mit eugem Hals ein Hühnerei 
eingeschlossen, das erste was eine Henne gelegt hatte. Nach Hemmerlin hatte Vir- 
gilius in das eherne Ei, au dessen Integrität die Erhaltung des Meerschlosses geknüpft 
war, einen Geist gebannt. Übrigens ist mir die Benennung Castello deW ovo erst 
seit dem 14. Jahrh. vorgekommen, die Altern nennen es Castello marino oder di inare, 
Peter von Ebulo p. 100 und Falco Beneventanus zu Ende auch Salvator. Nicht älter 
ist auch die Inschrift aus Castel delV Uovo, die G. ß. de Ro.ssi prime raccolte d'antiche 
iscrizioni etc. Roma 1852 p. 92 aus der Sammlung von Signorili veröffentlicht hat: 
^Ovo mira novo sie ovo non tuber ovo 
Dorica castra cluens tutor temerare timeto.' 
Der Sinn scheint zu sein, daß die Flasche, worin sich ein wunderbares Ei, keines- 
wegs ein Apfel , befinde , dem Castell den Namen gegeben habe , es beschütze und 
Jedermann vor Beschädigung warne. Im Auslande gestaltete sich die Sage meist so, 
daß Virgilius die ganze Stadt Neapel auf ein Ei gestellt oder an drei Eier gehängt 
haben sollte. Jene Version bei Gautier von Metz , weh 'aar eine noch vorhandene 
Boite de l'oeuf erwähnt , vgl. Notices et Extraits 5 p. 253 , und im niederländischen 
Volksbuch von Virgilius, diese bei Jans Euenkel. 

'") Neapel selbst nennt er p. 696 operosum opus Viryilii. Auch nach Gautier 
und Enenkel ist Neapel von Virgilius gebaut. 



264 K. L. ROTH 

derflasche den Neapolitanern etwas genützt, wir haben die Stadt 
sammt der Flasche in unserm Besitz , und die Mauern haben wir 
sogar auf Befehl des Kaisers zerstört. Vielleicht, setzt er (ich weiß 
nicht, ob spöttisch oder treuherzig) hinzu, vielleicht hatte eben die 
Flasche ihre Kraft verloren gehabt, weil sie ein klein wenig zer- 
sprungen ist, quia modicum fissa est. 

Gleichzeitig mit Gervasius und Konrad ist der Augustinerin önch 
Alexander Nequam (Neckam) aus Hereford in England (1157 — 
1214), der um 1180 in Paris mit Auszeichnung die Theologie lehrte. 
Aus einer seiner ungedruckten Schriften (de naturis reruni) finde 
ich 4 virgilianische Kunstwerke angeführt '^), von denen uns 3 bereits 
bekannt sind. Auch er muß Neapel besucht haben, sofern er ver- 
sichert, die eherne Fliege, die Virgilius in der Größe eines Frosches 
angefertigt hatte, in einem Fenster des Schlosses Capuana aufgestellt 
gesehen zu haben. Von der gesunden Metzig berichtet er, das ge- 
schlachtete Fleisch könne darin mittelst gewisser Kräuter 500 Jahre 
lang frisch und wohlschmeckend ei-halten werden. Den Wundergarten 
hatte ihm zufolge Virgilius mit einer undurchdringlichen Luftschicht 
wie mit einer Mauer abgeschlossen, und ebenso hatte er eine Luft- 
brücke gefertigt ^^), mittelst deren er beliebige Orte, so oft er wollte, 
zu besuchen pflegte. Neu ist bei ihm das Blutegelwunder. Mittelst 
eines goldenen ^°) Blutegels nämlich, den er in einen Sodbrunnen 
warf, hatte Virgilius Neapel von der Plage der Blutegel befreit; als 
man später bei Gelegenheit einer Brunnenreinigung das Kunstwerk 
herauszog, verbreitete sich ein zahlloses Heer solcher Thiere über 
alle Brunnen der Stadt , und verschwand erst wieder , als man den 
metallenen Blutegel wieder in die Tiefe des nämlichen Brunnens 
warf 



'*) Bei Walter Burley de vita et moribus philosophorum et poetarum cap. 103 
und in der Stadtchronik von Neapel cap. 18, vorausgesetzt, daß der daselbst genannte 
Alexander Nequam ist. Eine fünfte Citation Alexanders zu Gunsten der Salvatio 
Romae haben die deutschen Gesta Romanorum , Ausg. v. Keller p. 33 : uns sagt ein 
maister Alexander von der natur u. s. w. Allein diese Anführung ist aus Walter 
Burley abgeschrieben und irriger Weise über die Gränze des Citats ausgedehnt wor- 
den auf die aus Vincentius Bellovacensis excerpierte Salvatio. Bei der Wiederholung 
p. HS Kell, fehlt das Ci» it. 

"•) Den durch eine Luftmauer abgeschlossenen Garten und die schwebende Brücke 
ohne Pfeiler kennt auch Gautier von Metz. Vielleicht hat er Alexanders Werk be- 
nutzt. Statt der Luftbrücke hat Aliprandi ein Luftschiff. 

'^"j Aurea scheint verschiieben zu sein für aerea, vgl. Anm. 27. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 265 

Endlich kennt auch der deutsche Dichter Wolfram von Eschen- 
bach in seinem nach französischen Vorbildern gearbeiteten Parzival ^') 
(1205 — 1210) den 'Virgilius von Napels' als einen Zauberer von dem 
Viel Wunders' erzählt wird. 

Mit diesen auswätigen Schriftstellern des 12. Jahrh. die einen 
Zauberer Virgilius nur in Neapel kennen, muß noch eine einheimische 
Quelle verbunden werden, die zwar erst 1382 zum Abschluß gebracht 
ist, aber unverkennbar auf altern Grundlagen ruht. Es ist dies die 
im neapolitanischen Dialect geschriebene Stadtchronik, Cronica di 
Partenope, welche die Arbeit des Florentiners Villani zu Grunde 
liegen hat und dann mit zahlreichen Einschiebseln neapolitanischer 
Geschichten ^-) vermehrt ist. Für die Virgiliussagen beruft sich der 
Verfasser Cap. 32 selbst auf eine alte Chronik, und es soll wirklich 
eine etwas ältere Zusammenstellung derselben unter dem Namen von 
Bartol. Caraczolo diclo Carafa noch vorhanden sein '^^). Das Ganze ist 
1526 und 1680 gedruckt, der auf Virgilius bezügliche Theil Cap. 17 
bis 34 durch Grässe*^*) neu herausgegeben. In dieser Stadtchronik nun 
erscheint Virgilius zum Wohlthäter Neapels gleichsam amtlich befugt 
und berechtigt, insofern er dem von Augustus zum Herzog von 
Neapel ernannten Marcellus als Hofmeister und Rathgeber an die 
Seite gestellt ist ^^). Als solcher hat er für die Brunnleitungen und 
Cloaken der Stadt gesorgt, als solcher auch nach den vier Weltge- 
genden vier alte Todtenköpfe also aufgestellt, daß der Herzog durch 
sie Alles erfuhr. Seine Wunderkräfte hatte er einem nigromantischen 
Buche zu danken, das er im Innern des Monte Barharo ^^) im Grabe 



^') Im Abschnitt über Klinschov Str. 656, 17 Lachm. , welcher nach Rochat in 
der Germania 3, 111. 117. ganz Wolframs eigene Ai'beit ist Sofern Klinschor Herzog 
von Capua genannt wird, hat man sich vermuthlich auch den Oheim als Herzog von 
Neapel zu denken. (Klinschor s. v. a. Klastor: Gesicht, Fratze ?) 

^') Zwar werden auch Gervnsius und Alexander (Nequam), aus dem Alterthum 
Seneca und Lucullus angeführt, aber das Einheimische und Unmittelbare überwiegt. 

") Muratori Antiq. Ital. 5 p. 1064. Liebrecht zu Basile's Pentamerone 2 p. 298. 

'*■') Grässe , Beiträge zur Litteratur und Sage des Mittelalters , Leipzig 1850, 
p. 27 ff. 

^=) Bei Aliprandi ist Virgilius Kanzler des Kaisers Octavianus in Rom, ebenso 
bei Hemmerlin Opera 1 p. LXXVIHb und LXXXb, jedoch in Neapel, da nach ihm 
auch der Kaiser in Neapel residiert. Nach Jo. Jac. .Jordanus (1649) führte er durch 
besondere Vergünstigung des Kaisers den Titel Consul Neapolitanus . 

^«) Der Monte Barharo liegt nördlich von Pozzuoli und Baja. Im Innern des 
Mons Barbarus kennt schon Konrad p. 698 meilenlange Straßen, zahlreiche Paläste 



266 K. L. ROTH 

des Philosophen Chiron entdeckt hatte. Der Verfasser erklärt, daß 
er viele offenbar fabelhafte Sagen von Virgilius übergehen wolle, 
Alles aber nicht unterdrücken dürfe, um nicht das Andenken des 
Dichters und zumal die Erinnerung an seine Verdienste um Neapel 
zu beeinträchtigen. Zu den uns bereits bekannten WunderveiTichtun- 
gen erfahren wir hier nachträglich zahlreiche Details, namentlich 
bestimmte Bezeichnungen der Ortlichkeiten. Der goldene ^') Blutegel 
z. B. liegt im Weißen Brunnen ijozzo bicmco, die goldene '^') Fliege 
befindet sich zuletzt im Castello di Gicala ^^) ; der Monte Vergine mit 
dem Wundergarten liegt bei Avelle (sehr. Avellino) und Mercho- 
liano '^^) ; das metallene Ross , welches die Pferdeärzte umgebracht 
und unbrauchbar gemacht hatten, ist im J. 1322 zum Guß einer Glocke 
für die Hauptkirche der Stadt eingeschmolzen worden ^") ; das Bad 
ohne Arzt heißt Tritola •'^'), und der Chronist weiß davon des Weitern, 



und Dörfer; drohende Dämonen in ehernen Standbildern hüten da die Schätze der 
7 Könige. Nach Wilhehn von Malmesbury sind die Schätze des Octavianus in dem 
Mons perforatus begraben, vgl. Massmann Kaiserchronik 3 p. 451. 

'') Äurea Schreibfehler für aerea, schon bei Alexander; vgl. Grässe p. 28. Lieb- 
recht zu Gervasius p. 102. 

^«) Wohl das bei Nola. 

'^^) Unrichtig verlegt v. d. Hagen Briefe in die Heimat 3 p. 191 den Mons Vir- 
ginum nach Poggio reale nächst Neapel, wo ein gleichnamiges Kloster Monte Vergine 
liegt. Diese Localisierung ist vielleicht schon bei Gervasius p. 964 beabsichtigt und 
scheint überhaupt in Neapel die herrschende zu sein. Allein daß der Chronist Recht 
hat, ersieht man aus der Appendix ad vitam S. Guilielmi Vercellensis (f 1142) in 
den Acta Sanctorum der BoUandisten zum 25. Juni, t. 5 p. 112 ff. Dort wird p. 135 b 
aus einer Handschrift des 13. Jahrh. (nach 1258) Folgendes mitgetheilt: Nuncupatur 
Mons Virgilianus a quibusdam, ojjerihus et maleficiis Virgilii Mantuani, poetae inter 
Latinos principis. C'onstimxerat enim hie maleßciis daemonum cidtor eortvm ope hortulum 
quendam, omni genere herbarum cunctis diebus et temporibtis, maxinie vero aestatis, pol- 
I entern, qum-um virtutes in foliis scriptas [reliquit]. Monachi quidam, nostra fide digni 
fratres, qui praedictum montem inhabitavere , apertis vocibus testantur , saepe casu in 
praedictum montem * non semel, dum per iuga montis solacii causa en-arentj nihilominus 
intra hortum huius modi sie maleficio affectos esse, ut nee herbas längere valuisse nee 
qua via inde regressi sint cognovisse retulerint. Dieses Monte Vergine liegt auf einem 
Vorsprung des Tabnrnus der Alten und ist noch jetzt ein vielbesuchter Wallfahrtsort 
der Neapolitaner; namentlich darf der Pilger nicht versäumen, sich auf einen kanzel- 
artigen Felsen zu setzen. Am Fuße des Monte Vergine fließt der Sabbato. (Sollte 
dieser Name zu dem Flusse Sabbation der jüdischen Sagen in Beziehung stehen?) 

^'') Nur der colossale Kopf des Pferdes wird noch im Museo Borbonico auf- 
bewahrt. 

^ ') Tritola ist Schreib- oder Druckfehler für Tripergola. Von den dortigen Bade- 
anstalten, sowie auch von Virgils Wohnung, die er als einen großen runden Palast 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIÜS 267 

daß die schlimmen Arzte von Salerno, als sie das Bad verdorben 
hatten, auf der Heimfahrt von einem Sturme überfallen wurden und 
jämmerlich umkamen. Von einigen Leistungen des Zauberers bezeugt 
der Verfasser ausdrücklich, daß sie bis zu seiner Zeit ungeschwächt 
fortdauern ; noch sei z. B. die Stadt von Blutegeln , Cicaden und 
Schlangen frei, und noch erhalte sich das Fleisch in der gesunden 
Metzig drei Jahre lang; noch" sei der Wundergarten mit den selten- 
sten Heilkräutern vorhanden , aber nur wer einem Kranken helfen 
wolle, finde den Zugang dazu; wer böse Absichten hege, der suche 
vergebens. Die Wunderkraft des Dichters wird bald mit Arte magica, 
bald mit Nigromantia, bald mit Constellazione delle planete bezeichnet. 

Neue Stücke sind folgende. Eine kupferne Cicade, die der 
Dichter verfertigte und an einen Baum ankettete , verscheuchte alle 
Cicaden, vor deren schrillem Gesänge man bisher nicht hatte schlafen 
können. Ein Fisch lein, das er an der Petra de lo pesce einhauen 
ließ, zieht trotz der geringen Meerestiefe unaufhörlich große und kleine 
Meerfische herbei, so daß es den Armen an Fischspeise nicht fehlt. 
Seine Stiftung ist auch das Carbonara- ^'^) oder Caronaraspiel, 
worin sich alljährlich die Bürger mit Citronen, Steinen, Keulen u. s. f. 
bewarfen und Preise erhielten. Das Spiel war ursprünglich ganz 
ungefährlich, zumal die Kämpfer den Kopf mit metallenen imd leder- 
nen Helmen schützten. Erst seit 1380 hat man eigentliche Waffen 
zugelassen, und seitdem gibt es auch Todte. 

Soweit das Zeugenverhör derjenigen Schriftsteller, welche einen 
Zauberer Virgilius nur in Neapel kennen ^^). Die Mehrzahl derselben 
gehört dem Ende des 12. oder dem Anfang des 13. Jahrh. an, und 



beschreibt, giebt Hemmerlin De nobilitate cap. 2 extr. als Augenzeuge Husfiihrliche 
Nachricht. Den Untergang des Ortes durch das Erdbeben vom 29. Sept. 1538 schil- 
dert das Protocoll bei Montfaucon Diar. ital. 1 p. 318. Tripergola war nach Hem- 
merlin zwei Stunden, duas leucas, von Neapel entfernt. 

^■^j Kirche und Kloster zu S. Giovanni in Carbonara werden schon im 10. Jahrh. 
erwähnt. Über die Localität vgl. Muratori Scriptores 5 p. 130 und Franc. Petrarcha 
de reb. famil. Epist. 5, 6. Übrigens schildert Petrarcha die Spiele als wahre Gla- 
diatoreukämpfe mit Entrüstung ; vor seinen Augen wurde ein junger Kämpfer erstochen 
im J. 1344. 

^^) Zu ihnen gehört noch Hemmerlin im J. 1445. Den Neapolitaner Luc. Job. 
Schoppa, auf dessen CoUectanea die Acta Sanctorum Holland. Junii 5 p. 135 1» ver- 
weisen , konnte ich nicht benutzen. Seine CoUectanea erschienen Neap. 1507, aber 
in Gruters Abdruck Lamp. crit. 1 p. 893 ff. findet sich nichts Entsprechendes. Sollten 
etwa handschriftliche Sammlungen gemeint sein? 



268 KL. ROTH 

sie können als um so parteilosere Berichterstatter gelten, da sie fremden 
Nationen angehören und sichtlich selber erstaunt sind, von dem Ver- 
fasser der Aneis so seltsame Dinge zu hören. Beträchtlich jünger 
sind zwar die Aufzeichnungen der einheimischen Chronik, aber ihre 
Übereinstimmung mit den altern und fremden Referenten dient ihr 
ebenso zur Beglaubigung , wie sie jene ergänzt und bestätigt. Wie 
nun die Bezeugung der neapolitanischen Virgiliussagen die älteste 
ist, so geben sich dieselben auch durch ihre Beschaffenheit, nament- 
lich durch ihre ausnahmslose Gemeinnützigkeit, aber auch durch 
ihre Verknüpfung mit wirklichen Denkmälern oder Localitäten der 
Stadt Neapel und ihrer Umgebung ^*) als ursprüngliche, an Ort und 
Stelle entstandene, keineswegs von anderswoher entlehnte zu erken- 
nen. Wir könnten daher, ohne unsrer Untersuchung Abbruch zu 
thun , sofort zur Hauptfrage unsres Themas übergehen und auszu- 
mitteln suchen, wie man sich die Entstehung dieser Sagen zu erklären 
habe. Inzwischen dürfte es doch von Interesse sein, die Verbreitung 
der Virgiliussagen durch Italien und über die Alpen zu verfolgen und 
mit der Verbreitung auch deren Verwilderung kennen zu lernen. 
Wir werden uns überzeugen, daß keine einzige dieser auswärtigen 
Sagen auf Ursprünglichkeit in dem Sinne wie die neapolitanischen 
Anspruch zu machen hat. 

Hier kommt chronologisch wie geographisch zuerst Rom in 
Betracht. 

Einer der frühsten Schriftsteller, welche den Zauberer Virgilius 
in Rom thätig sein lassen, ist Heiin an dus, Mönch auf dem kalten 
Berge bei Beauvais, Verfasser einer mit d. J. 1204 schließenden 
Chronik ^^). Helinandus erwähnt außer den uns bereits bekannten 
neapolitanischen Wundern von der ehernen Fliege, von der gesun- 
den Metzig und vom Bade ohne Arzt, so wie dem Wundergarten, 



^■"j Bloß für die s. g. Scuola di Virgilio am Südende des Posilipo kann ich kein 
altes Zeugniss beibringen. Im Volksbuc?i erscheint wenigstens die au.sgebildete Sage, 
daß Virgilius in Neapel eine nigromantisehe Schule gestiftet und mit Lehrern aus 
Toledo besetzt habe. Übrigens ist mit dieser Ruine die berühmte Villa Luculiana 
oder das Lucullanum Campaniae castellum identisch (wo Tiberius und Romulus Au- 
gustulus starben, vgl. Suetonius Tiber. 73. Jordanis Getic. 46. Erklärer zu Phaedrus 
fab. 2, 5.), keineswegs mit Castel dell' Uovo, was im Alterthum Megaris oder Me- 
galia hieß. Letzterer Irrthum scheint in Neapel herrschend zu sein. 

^*) Ich kenne sie nur aus Vincentius Bellovacensis Spec. historiale, der 30, 108 
Helinands Blüthe zum J. 1210 ansetzt. Die hier benutzte Stelle steht Spec. bist. 7, 
61—63. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILITTS. 269 

in welchem es niemals regnet ^^), sodann abgesehen von einem nur 
bei ihm, aber ohne Ortsbestimmung, erwähnten Werke des Virgilius, 
nämlich einem steinernen Glockenthurm, der sich mit den Glocken, 
wenn sie geläutet wurden, im gleichen Tempo schwingend bewegte ^'^), 
schließlich auch ein Kunstwerk in Rom. Die Worte lauten: Von Einigen 
wird Virgilius auch für den Verfertiger des Wunderwerks gehalten, 
das man unter den 7 Weltwundern als das erste aufzuzählen pflegt 
und die Rettung Roms Salvatio Romae nennt. In einem Tempel 
zu Rom ^^) , sagt Helinandus , waren viele Standbilder aufgestellt, 
nämlich so viele als das römische Reich Provinzen zählte; jede 
Statue war mit dem Namen und dem Wappen einer Provinz bezeichnet 
und jede hatte eine Schelle am Halse hangen; Priester beobachteten 
dieselben bei Tag und bei Nacht. Wenn nun in einem Lande ein 
Aufstand gegen die Reichsregierung ausbrach , sogleich läutete die 
betreffende Statue mit ihrer Schelle, und wies, Avie Manche beifügen, 
selbst mit dem Zeigefinger auf die Namensinschrift des Landes. Der 
Priester machte Anzeige, und sogleich wurde ein Heer zur Dämpfung 
des Aufruhrs abgeschickt. 

Soweit Helinandus. Er beruft sich auf Gewährsmänner , denen 
er wenig geneigt scheint Glauben beizumessen {creditur etiam a qui- 
busdam), wenn sie das altbekannte Kunstwerk der Salvatio Romae 
dem Virgilius zuschrieben. Hatten doch schon Beda Venerabilis (f 735) 
und der Grieche Cosmas ^^) im 8. Jahrh. dasselbe an die Spitze ihrer 
Aufzählung der 7 Weltwunder gestellt, und ist doch außerdem z. B. 
in einer Wessobrunner Handschrift No. 53 des achten, einer Pariser 
No. 8818 des eilften Jahrhunderts, sodann in den Mirahilia urbis 
Romae ^"), in der deutschen gereimten Kaiserchronik, vieler andern 
spätem Schriftsteller zu geschweigen, die nämliche Geschichte erzählt, 
ohne daß darin Virgilius als Verfertiger genannt wäre ^*). Das musste 



^®) Ebenso Felix Heminerlin : qui ortus per pluviam minime tactus nihilominus in- 
stinidus tanquam paradisvs floruit fertüissime. 

^') Gegen dieses Wuiidei- freilich legt Vincentins Verwahrung ein, da die Thiirm- 
glocken damals noch nicht erfunden gewesen seien. Von Kirchenglocken spricht meines 
Wissens zuerst Gregorius Turonensis um 580. 

^*) Als Localität wird meist das Capitolium, öfter mit dem Zusatz in templo lovis 
et Monetae, von einigen Spätem auch das Pantheon oder das Colosseum angegeben. 

■^') Massmann Kaiserchronik 3 p. 426. Preller in Schneidewins Philologus 1 p. 103. 

^°) Die schon Gervasius von Tilbury, ja schon Petrus Mallius um 1170 benutzt; 
vgl. Preller Regionen d. St. Rom p. 243. 

'") Auch Gautier von Metz schweigt von der Salvatio. 



270 K. L. ROTH 

Helinandus wissen, daher seine Skepsis. Aber welche Schrift mag er 
wohl meinen, wenn er irgendwo den Virgilius genannt fand? Ich 
glaube, es ist die bekannte Historie von den sieben weisen 
Meistern, Historia septem sapientum Romae oder Historia calumniae 
novercalis gemeint. Darin findet sieh ncämlich die Salvatio Romae in 
der hergebrachten Weise beschrieben , aber das ist hier neu , daß 
Virgilius ihr Verfertiger genannt und daß erzählt wird, wie einige 
auswärtige Könige , die sich dieses Kunstwerkes gerne entledigen 
mochten , durch vier Ritter den Kaiser Octavianus hätten bethören 
und mit der listig erschlichenen Einwilligung desselben den Thurm 
sammt den Säulen zerstören lassen ^'^). Nun ist die lateinische Bear- 
beitung der sieben Meister in einer Gegend entstanden, welche der 
Heimat des Helinandus ganz nahe , und höchst wahrscheinlich auch 
in einer Zeit *^), welche der des Helinandus um einige Jahre voraus 
liegt, so daß der letztere gar wohl aus ihr geschöpft haben kann. 

Hat sich hier der Bearbeiter des Meisterbuches erlaubt eine alt- 
bekannte anonyme Geschichte aus Rom auf Rechnung von Virgils 
Namen zu setzen, so ist er nicht weniger willkürlich, nur in andrer 
Weise , mit einem zweiten Kunstwerk verfahren , das er von der 
magischen Kraft des Virgilius zu berichten weiß. An einem öffent- 
lichen Orte in Rom, erzählt er nämlich, hatte der Zauberer ein immer 
brennendes Feuer hervorgebracht und mit demselben einen warm- 
fließenden Brunnen in Verbindung gesetzt ^*). Da konnten sich die 
armen Weiber unentgeltlich Feuer holen und da ihre Kinder baden. 



") In den verschiedenen Redactionen des Meisterbuchs wird auch Kaiser Crassus 
oder König Servius genannt. Urheber der Zerstörung sind bakl ein König von Apulien, 
baUl ein König von Ungarn, bald ungenannte drei Könige , im Volksbuche drei Kar- 
thager. Bisweilen verwandelt sich auch die beschriebene Säulengruppe in eine Zu- 
sammenstellung von Spiegeln, die auf marmornen Pfeilern ruhen, ton^e dei specchj 
u. s. f A. Keller li roman des sept sages p. CCXI. Dyocletianus p. 58 f. Massmann 
Kaiserchronik 3 p. 429. 454. vgl. Schmidt Beiträge p. 137. 

■'^) Loiseleur essai sur les fahles Indiennes p. 85. 167. 179. 

^^) Auch in den deutschen Gesta Romanorum A Kellers p. 119 Eine immer- 
brennende Lampe kennt vor dem Volksbuch schon Gautier. Ziemlich abweichend 
zählt Aliprandi unter den neapolitanischen Wundern Virgils einen immerfließenden 
Ölbrunnen auf. Nach dem Wartburgkrieg und dem Reinfril sitzt Zabulon in Folge 
seines eigenen Zaubers 1200 Jahre auf dem Magnetberg; zu seinen Füßen brennt die 
ewige Lampe , über seinem Haupte steht ein Erzbild mit geschwungenem Hammer. 
Bei Virgils Ankunft fällt der Hammer zerschmetternd auf Zabulons Haupt und erlisclit 
das Licht. Noch ärger entstellt ist die Sage bei Enenkel , v. d. Hagen Gesammt- 
abenteuer 2 p. 512. Das älteste Analogen ist wohl jene schon bei Olympiodorus 



ITBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 271 

Zwischen dem Feuer und dem Brunnen stand ein eherner Mann 
mit einem gespannten Bogen in der Hand. Zwar warnte eine In- 
schrift ernstlich vor Beschädigung des Schützen ; aber ein dumm- 
dreister Geistlicher schlug so derb darauf hin, daß der Bogen los- 
schnellte. Da erlosch das Feuer, und der Brunnen versiegte. In dieser 
Geschichte erkennt man leicht die oben angeführte neapolitanische 
Stadtsage vom Vesuvregulator wieder und zwar diejenige Version 
derselben, welche im Briefe des Bischofs Konrad vorliegt ^^). 

Das lateinische Meisterbuch ist bekanntlich eine freie Bearbei- 
tung des orientalischen, zunächst hebräischen, Romans Sindbad oder 
Syntipas und verfasst von einem Mönch Johannes im Kloster Alta Silva 
bei Nancy. In den morgenländischen Redactionen des Romans finden 
sich die beiden Geschichten eben so wenig als der Name Virgilius. 
Mit der Verpflanzung des Syntipas in das Abendland und mit der 
Verlegung der ganzen Handlung in die Hauptstadt des Abendlandes, 
nach Rom, war eine vollständige Neubenennung aller Pei\sonen und 
Ortlichkeiten geboten ; und damit hieng es zusammen, daß der Mönch 
von Alta Silva auch den Zauberer Virgilius von Neapel nach Rom 
vorschob ^^), und daß er sich erlaubte, erst das alte Pilgermärchen 
von der Salvatio Romae an den eben populär gewordenen Namen 
des Virgilius anzuhängen , und dann die neapolitanische Sage vom 
Vesuvregulator, die begreiflich nach Rom nicht passte, in das Märchen 
vom öffentlichen Feuer zu verballhornisieren. Eine rückwärtsliegende 
Bedeutung für die Sagengeschichte kann solche Willkühr zwar nicht 
ansprechen, aber die dargelegte Auffassung schließt das Zugeständniss 
in sich, daß die neapolitanischen Virgiliussagen vor 1200 in Nord- 
frankreich bekannt waren. 

Ein sehr beliebtes Geschichtenbuch im Mittelalter, von welchem 
es ebenfalls viele Bearbeitungen in Landessprachen giebt, sind ferner die 
Gesta Romanortim moralisata aus der Mitte des 13. Jahrh. In 



(um 425) erwähnte Bildsäule bei Messina, die in einem Bein iinversiegliclies Wasser, 
im andern unauslöschliches Feuer enthielt, vgl. Anm. 123. 

^^) Vesevo monti Virgilius 02?posuerat hominem aerewn, tenentem halidam lenxam 
et sagittwm nei-vo applicatam. Quem quidam rusticus adniirans, eo quod semper halista 
tensa nunquam percuteref , imjndit nervten u. s. w. Scriptores rer. Brunsv. 2, 698. 

■**) Eine weitere Consequenz in dieser Richtung war es , wenn die lianzösische 
Übersetzung der sieben Meister, welche Hebers um 1260 bearbeitete (Uolopatlios), 
den Virgilius geradezu zum Erzieher des kaiserlichen Prinzen machte und ihn in die 
Fabel des Romans verwob, vgl. Leroux de Lincy p. 149. 



272 K. L. ROTH 

der gewöhnlichen und ältesten lateinischen Ausgabe der Gesta kommt 
der Magister Virgilius nur einmal vor Cap. 27 , wo er auf Geheiß 
des Kaisers Titus mittelst seiner magischen Kunst eine Statue mitten 
in Rom aufstellt, die alle heimlichen Übertretungen des Gesetzes zu 
verrathen pflegt, bis sie der Schmied Focus *') zerschlägt und dafiir 
zum Kaiser gemacht wird. Man erkennt sogleich, daß hier die neapo- 
litanische Sage von den wunderbaren Köpfen *^) des Marcellus nach 
Rom gerückt und auf eine lächerliche Weise an die in Rom noch 
jetzt stehende Säule des Kaisers Focas geheftet worden ist. Noch 
werthloser ist es, wenn der Cap. 107 der Gesta erwähnte Verfertiger 
einer quaedam imago in cimtate Romana hie und da Virgilius genannt 
und erzählt wird, der Zerstörer jenes Bildes sei in die Erde gesunken 
und in einen Feeenpalast entrückt worden ; werthloser darum, weil das 
gleiche Geschichtchen schon im J. 1127 Wilhelm von Malmesbury ^^) 
für einen andern Zauberer, nämlich für Gerbert oder Papst Sylvester II, 
in Beschlag genommen hat. Ebenso willkürlich ist es, wenn in 
einigen spätem Redactionen der Gesta die Geschichte Cap. 102 von 
einem Magister quidam Romae zur Zeit des Kaisers Titus, ferner 
Cap. 120 die Geschichte von dem Meister, der dem König Darius 
drei Wunderkleinode verfertigt, endlich die Geschichte vom Kauf- 
mann von Venedig durch ein wohlfeiles Hereintragen des Namens 
Virgilius an die Person des Zauberers angeknüpft worden sind ^°). 

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. schrieb Jans Enenkel, 
ein Wiener Bürger, sein gereimtes Weltbuch, worin auch dem Zauberer 



") In der deutschen Übersetzung bei A. Keller p. 47 f. steht richtiger Focas. 

^^) Statt der vier Todteuköpfe (vExpo^iavTs/a) erwähnt Barthol. Sibylla, aus Mo- 
nopoli im Königreich Neapel zu Ende des 15. Jahrh. , und schon Gautier von Metz 
1245 bloß einen von Virgilius selbst verfertigten Kopf, welcher auf Befragen ant- 
wortete. Diese Version ist aus der Sage vom Teufelspapst Gerbert entlehnt, vgl. 
Gulielmus Malmesburiensis de reg. Angl. 2 , 10. Viucentius Bellov. Spec. bist. 25, 
98 ff. Scheible Kloster 2 p. 199. Gerberts caput statuae gieng leicht in eine stcdua 
über und war bereits in Rom localisiert. 

") De gestis reg. Angl. 2, 10. Ebenso Albericus Triumfontium im J. 1241 und 
Vincentius Beilovacensis 1244. Von einem Griechen Geomatras erzählt eine ähnliche 
Geschichte Heinrich von Veldeke in seiner Eneit, die um 1175 — 84 nach dem Fran- 
zösischen des Benoit de St. More gearbeitet ist, vgl. Massmann Kaiserchronik 3 p. 446, 
und von Apollonlus von Tyana ein arabischer Schriftsteller, vgl. Liebrecht zu Ger- 
vasius p. 214 f. 

5") Für Cap. 102 vgl. Kellers deutsche Gesta p. 160, für Cap. 120 ebend. p. 53; 
für den Kaufmann von Venedig die englischen Gesta bei Leroux de Lincy Dolo- 
pathos p. 130. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILniS. 273 

Virgilius ein Abschnitt gewidmet ist ^'). Darin wird u. A. das famose 
Korb-Abenteuer auf Virgilius übergetragen. Eine edle Römerin 
nämlich verabredet mit ihrem Geliebten eine nächtliche Zusammen- 
kunft, indem sie ihn mittelst eines vom obern Boden herabgelassenen 
Korbes in die Höhe windet ; aber da er in der halben Höhe ist, 
lässt sie ihn hangen und gibt ihm dem Gespötte des Marktes preis. 
Aber der verspottete Geliebte ist kein geringerer als der Zauberer 
Virgilius; begreiflich, daß er sich exemplarisch rächt. Alles Licht und 
Feuer in Rom lässt er ausgehen, und es kann nur an der Person jener 
Dame auf eine für sie höchst demüthigende Weise wieder angezündet 
werden. Nach Enenkel ist dieses beliebte Abenteuer oft wiedererzählt 
und unzähliche Male darauf angespielt worden. Es genügt hier, von 
den Deutschen den Dichter des Reinfrit von Braunschweig (um 1295) 
und Frauenlob (f 1314), von den Franzosen den Verfasser des 'Re- 
nart contrefait' von 1342, und von den Spaniern den Dichter Juan 
Ruiz von Hita um 1313 anzuführen. Alle diese nennen , wenn sie 
auch über den Namen der Dame nicht einig sind und bald unbe- 
stimmt von einer Kaiserstochter oder von einer Tochter des Julius 
Cäsar oder des Kfinigs Darius, bald namentlich von einer Athanata 
oder Chriemhild sprechen ^^) , einstimmig als Helden des Stückes 
den weisen und zauberkundigen Virgilius. Auch die bildende Kunst 
hat sich des beliebten Gegenstandes bemächtigt, und ich möchte 
nicht bestreiten, daß wo, wie in Oudenaerde ^^), die Bosheit des Weibes 
und die Rache des Mannes neben einander und in der angegebenen 
Weise dargestellt sind, Virgilius gemeint ist. Allein daraus folgt noch 
nicht, daß die Erzählung in ihrem ganzen Umfang eine ächte und 
volksthümliche , noch weniger daß sie eine unzweifelhafte Virgilius- 
sage sei. 

Unverkennbar scheidet sich die Novelle in zwei Hälften , und 
es lässt sich nachweisen, daß jede derselben für sich und in einem 
ganz andern Zusammenhang vorkommt. Vor allen Dingen ist zu 
beachten , daß die Korbgeschichte in Italien erst sehr spät im 
15. Jahrh. ^^) von Virgilius erzählt wird, während doch schon 

^') V. d. Hagen Gesammtabenteuer 2 p. 509 ff. Massmann Kaiserchronik 3 
p. 455. 

") V. d. Hagen Gesammtabenteuer 1 p. LXXX. 3 p. CXLII. CXLIX. 

'^} Wolf niederl. Sagen p. 492. nr. 407. Massmann Kaiserchronik 3 p. 457. 

^*) Aliprandi 1414. Aeneas Silvius de Euryalo et Lucretia 1440. 

GERMAXI.4. IV 18 



274 K. L. ROTH 

Boccaccio ^^) und andere Novellisten des 14. Jahrli. den Schwank 
zum Besten geben. Sodann läuft auch in der französischen und 
deutschen Novellenlitteratur neben den angeführten Virgiliusauctori- 
täten eine ganze Reihe von Relationen her, welche den Sohn eines 
Seneschals oder einen beliebigen Ritter oder Schreiber (derc) in die 
erwähnte fatale Lage kommen lassen ^^). Endlich wird das gleiche 
Stücklein auch schon im 13. Jahrh. von dem berühmten Arzte Hippo- 
crates erzählt ^"j , nach Legrand's Urtheil Mher als von Virgilius. 
Es wird daher auch unentschieden bleiben müssen, ob die in fran- 
zösischen Kirchen des 13. Jahrh. wie St. Germain in Paris, dann 
in Lyon ^^), Ronen und Caen vorkommenden Sculpturen der Korbge- 
schichte mit mehr Recht auf Virgilius als auf Hippocrates gedeutet 
werden. Als Pendant ist auf Monumenten wie bei Schriftstellern mit 
dem Korbabenteuer regelmäßig der famose Ritt der schönen Phyllis 
auf dem Philosophen Aristoteles ^^) verbunden, dessen Quelle im In- 
dischen nachgewiesen ist, und welchen Avahrscheinlich Jacobus de 
Vitriaco, der im J. 1220 aus Palästina heimkehrte, zuerst erzählt hat. 
Da es auch der Korbgeschichte an orientalischen Parallelen ^^) nicht 
fehlt, so dürfte auch sie durch die Kreuzfahrer nach Europa ge- 
bracht worden sein. 

Was sodann die zweite Hälfte des Schwankes, die seltsame 
Rache des Zauberers an dem treulosen Frauenzimmer, betrifft, so 
erzählt sie Gautier von Metz in seiner 1245, also vor Enenkel, 
geschriebenen Mappemonde allerdings auch von Virgilius und als 
Act seiner Rache an einer Kaiserstochter, aber nach Legrand's ^') 
ausdrücklicher Versicherung nicht im Zusammenhang mit der Korb- 
geschichte. Vielmehr wird aus bedeutend früherer Zeit genau 

^^] Decamerone 8, 7. Filocopo p. 283 ed. Sansoviiio. 

^^) Dunlop - Liebrecht p. 483 b. Liebrecht in Pfeiffers Germania 1 p. 267. A 
Keller li roman des sept sages p. LXX. CXCII. 

''') Legrand fabliaux 1 p. 232 fi. 

^^) Schnaase Gesch. d. bildenden Künste 4, 1 p. 375. 

^') Loiseleur essai sur les fahles Indiennes p. öL Adelfonsus von Schmidt {>. lOG. 
V. d. Hagen Gcsammtabenteuer 1 p. LXXVL 

''") V. d. Hagen Gesammtaben teuer 3 p. CXL (von einem Arzte). CXLV. 

*') Notices et extraits 5 p. 254. Daher es ein Irrthum sein muß, wenn v. d. Hagen 
Gcsammtabenteuer 3 p. CXXXIX und Minnesinger 4 p. 246 das Gegentheil behauptet. 
Ebenso scheint es unrichtig zu sein, wenn sich derselbe Gelehrte Gesammtabeut. 3 
p. CXLH für die Erzählung von Virgils Rache auf die lateinischen MirahiUa Eomae 
beruft; ich kann sie wenigstens nur in der deutschen Bearbeitung finden, vgl. v. d. 
Hagen Germania 7 p. 240. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 275 

dieselbe aus gesuchte Rache von einem andern Zauberer, Heliodorus in 
Sicilien ^'^) , berichtet, so daß hier die Übertragung auf Virgilius 
erwiesen ist. Wir werden also annehmen dürfen;, daß von irgend 
einem französischen Novellisten, den Enenkel benutzte, das Gesannnt- 
abenteuer aus zwei ursprünglich sich fremden Bestandtheilen com- 
biniert und auf Virgilius übergetragen worden ist ; und man muß ge- 
stehen, daß diese Combination zu den gelungensten der Art gehört *'^). 
Dem keuschen Dichter durfte der Streich um so eher widerfahren, 
da er als Zauberer sich auf das Empündlichste rächen konnte. Nach 
Rom aber wurde die Geschichte verlegt, weil eben die französischen 
Romantiker den Zauberer Virgilius bereits nach Rom versetzt hatten. 
Noch könnte man zu Gunsten der römischen Virgiliussagen auf 
einige Localitäten Roms hinweisen, mit welchen der Name des Zaube- 
rers hie und da verbunden erscheint, wenn nur die Auctoritäten von 
älterm Datum wären. Aus dem 15. Jahrh. sind die Zeugnisse, welche 
die Spiegelburg', Tor dei specchj , am nördlichen Abhang des Capi- 
toliums, als die Ortlichkeit bezeichnen, wo Virgilius sich an der treu- 
losen Römerin rächte, auch die Scdvatio Romae aufgestellt hatte *''*). 
Erst im J. 1475 wird das Septizoninm ''^), ein Gebäude, das aus sieben 
Säulenstellungen über einander bestand und 1588 abgetragen wurde, 
Schola Virgilii genannt, wohl in Nachahmung der bekannten Lo- 
calität dieses Namens bei Neapel *^). Ferner wird in der Vorhalle 
der Kirche zu S. Maria in Cosmedin noch heutzutage eine colossale 
runde Marmorplatte aufbewahrt, deren Vorderseite ein menschliches 
Angesicht mit weitgeöffnetem Munde darstellt. Man nennt diesen Stein 
Bocca della veritä, Mund der Wahrheit, weil die Schwörenden ihre 
Hand in diesen Mund legen mussten, indem man glaubte, einem Mein- 
eidigen würde darin im Augenblicke die Hand abgebissen werden. 
Der gleiche Stein diente auch als Keuschheitsprobe der Mädchen *''^). 



''^) ^S^- die aus dem Griechischen übersetzten Acta S. Leonis Thaumaturgi bei 
den Bollandisten zum 20. Febr. t. 3 p. 224. Die Lebenszeit Heliodors ist darin auf 
780 bestimmt, der Name der Dame Stratorissa Thalia. Scheible Kloster 5 p. 372 

^^) Weniger gelungen ist die bei v. d. Hagen Briefe in die Heimat 4 p. 118 
erwähnte Darstellung. 

«') Vgl. Anm. 42. 

**) Marlianus topogr. antiq. Romae 4, 16. Pighius annales vet. Eomanorum 1 
p. 4. Becker Handb. d. röm. Alterthümer 1 p. 434 f. 

«*^) Vgl. Anm. 34. 

*') Montfaucon Diar. Ital. 1 p. 187 f. Platner-Bunsen Beschreibung von Rom 
3, 1 p. 379 ff. 672. Schmidt Beiträge p. 139. Dunlop-Liebrecht p. 500 b. Im Volks- 

18* 



276 KL. ROTH 

Diese merkwürdige Eigenschaft nun sollte ihm einer Sage zufolge, 
die sich in der deutschen Übersetzung der Mirabilia urbis Romae 
aus dem 15. Jahrh. findet ''*'), Virgilius verliehen haben. Die Loca- 
lität Magnanopoli endlich auf dem iJ^ows Viminalis ^'), welche man 
gewöhnlich als Balnea Pauli erklärt , mochte ein später Interpolator 
derselben Mirabilien lieber aus Vado ad Neapolim etymologisieren und 
mit dem Scholion %ihi Virgilius capitis a Romanis inmsihiliter exiit 
ivitque Neapolim erläutern: eine Sage, wofür Aliprandi im J. 1414 der 
älteste Zeuge ist. 

Vergleichen wir nach dieser Musterung die römischen Sagen mit 
den neapolitanischen, so müssen wir gestehen, daß sie gegen jene 
bedeutend zurücktreten. Einmal sind sie später bezeugt als jene, und 
zwar am spätesten oder gar nicht von einheimischen Schriftstellern. 
Sodann haften sie fast durchaus nicht an bestimmten Ortlichkeiten, 
vieln'.ehr machen auf die meisten derselben andere Gegenden oder 
Persönlichkeiten (Heliodorus, Hippocrates, Gerbert) ebenso wohl oder 
besser berechtigte Ansprüche. Endlich ist auch der Geist der aus- 
wärtigen Virgiliussagen von dem der neapolitanischen merklich ver- 
schieden. Während nämlich diese letztern wesentlich den Character 
der Gemeinnützigkeit an sich tragen und noch vom Stadtchronisten 
als Belege für die Liebe des Dichters zu Neapel dargestellt werden, 
so dringt in die spätem und auswärtigen Sagen je länger je mehr 
die Lust am Curiosen und Burlesken, und Hand in Hand damit das 
durchaus fremdartige Element des Dämonischen ein. Hatte der Kor- 
den seit dem 12. Jahrh. an Merlin einen vom Teufel gezeugten, an 
Papst Gerbert einen dem Teufel verschriebenen und anheimgefallenen, 
an Klinschor einen teuflisch gesinnten Zauberer, so war es natürlich, 
daß aus jenen Kreisen nicht bloß einzelne Züge auf Virgilius über- 
getragen, sondern daß auch die ganze Auffassung seiner Persönlich- 



buch von Virgilius ist eine eheine Schlange mit aufgesperrtem Maul substituiert, vgl. 
V. d. Hagen Gesammtabenteuer 2 p. XL. Über die Keuschheitsprobe in Constantinopel 
vgl. Codinus p. 51 Bonn. 

**) Massmann Kaiserchronik 3 p. 448 f. 

"') Marlianus topogr. Romae 5, 2. Moutfaucon Diar. Ital. 1 p. 189. 284. Preller 
Regionen p. 132. 217. Mons Juvenalis in der Stuttgarter Mirabilienhandschrift Nr. 459 
ist ein Lesefehler. Er findet sich aiich im Basler Fragment 'O' IV 15 vom Jahre 1426. 
Felix Heramorlin de nobilitate caj). 4 fol 15 ab citiert so: Mons Virgilianus . . . in 
quo monte Virgilius captus a Romanis invisibiliter a carcere ti-ansivit. Hemmerlin selbst 
weiß nur von einem Virgilius in Neapel. Über den Mons Virgilianus im Königreich 
Neapel vgl Anm. 29 und 106. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 277 

keit im dämonischen Sinne alteriert wurde. Mathematik, Constellation 
der Planeten, plillosophia naturalis, nrs magica u. dergl. reichte jetzt 
nicht mehr aus ; auch Satan und seine Geister mussten an diesem 
Heiden ihren Antheil haben. In diesem Sinne sagt bereits 1246 Jans 
Enenkel von Virgilius: er ivas gar der helle kint , und lässt ihn 
derselbe von 72 '^") in einer Flasche verschlossenen Teufeln belehrt 
werden. Aber auch dessen Zeitgenossen Gautier von Metz scheint 
diese Anschauung nicht ganz fremd zu sein. Denn wenn er berichtet, 
Virgilius sei vor seiner letzten Reise in Betreff einer seinem Kopfe 
drohenden Gefahr gewarnt worden, er habe dieß von seiner Orakel- 
büste verstanden , sei aber am Sonnenstich ums Leben gekommen, 
so gemahnt dieß stark an dämonische Verbindungen ; solche zwei- 
deutige Orakel pflegt der Teufel seinen Opfern zu geben. Vollends 
das Volksbuch hat schon auf dem Titelblatte die Worte: mit hülfe 
des texifels in der hölle. 

Besonders beachtenswerth ist es , wie die jüdisch - muhame- 
danischen Sagen von Salomo und seinen Zauberbüchern in den vir- 
gilianischen Sagenkreis eindringen und dessen naiven , harmlosen 
Charakter bedrohen. Während noch Petrus Comestor in seiner um 
1170 vollendeten Historia Scholastica die zu seiner Zeit üblichen 
Zauberbücher, Zauberringe und Zauberwurzeln ausschließlich auf 
Salomo '^*) zurückführt und von einem Zauberer Virgilius einfach 
nichts weiß , so scheint bald nach ihm die Theorie durchgeführt 
worden zu sein , daß keineswegs Salomo an der Ausbreitung der 
magischen Kunst Schuld sei, daß sie vielmehr 1200 Jahre nach ihm 
durch Virgilius ans Licht gezogen, nach Europa gebracht und in 
Italien verbreitet worden sei. Von dieser Auffassung kenne ich zwei 
Darstellungen, deren eine von Felix Hemmerlin um 1445, die andere 
in zwei anonymen deutschen Dichtungen aus dem Schlüsse des 
13. Jahrh. überliefert ist. 



'") Über die Zahl 72 vgl. Massmann zu Eraclius p. 482. Zwehindsiebenzig Länder 
und Völker des Erdbodens kennen schon HorapoUo hierogl. 1 , 14 p. 28 de Pauw. 
und Recognitiones Clementis 2, 42 p. 519. Bei den Nationaljuden kommt meines 
Wissens nur die Zahl 70 so vor, vgl. Eisenmenger 1 p. 803 ff. 

") 3 Regum cap. 4. Evangelia cap. de Beelzebub. Letzteres ist die Stelle, 
welche Liebrecht zu Gervasius p. 77 nicht gefunden hat. Über Salomo ist auf die 
bekannten Werke von Eisenmenger entd. Judenthum 1 p. 12. 350 If. und Weil bibl. 
Legenden der Muselmänner p. 273 ff. zu verweisen. Auch Heliodorus hat sich durch 
Vermitteluug eines hebräischen Zauberers einem Dämon verschrieben : Acta Sanctorum 
Holland. Febr. 3 p. 224. 



278 K, L. ROTH 

llemmerlin "^) erzählt, dem Virgilius habe einst einer seiner 
dienstbaren Geister (sjnritus) mitgetheilt, er wisse den Ort, wo Sa- 
lonio seine nigroniantischen JSchriften vergraben habe; auf sein Ver- 
langen habe ihn der Geist, wie einst ein Engel den Propheten 
Habakük , in unglaublich kurzer Zeit von Neapel nach Chaldäa '^) 
durch die Luft getragen. Dort fanden sich die Bücher in einer Höhle, 
und daneben lag eine mit Salomos Siegel verwahrte Glasflasche, 
worin ein äußerst bösartiger und verschmitzter Geist verschlossen 
war. Diesen befreite Virgilius mit dem Beding, daß er ihm die chal- 
däisch '^) geschriebenen Bücher dolmetschen sollte. Als dieß ge- 
schehen war, wusste der Meister den Geist auf schlaue Weise zu ver- 
anlassen, daß er in die Flasche zurückkehrte und sich abermals und 
für immer mit demselben salomonischen Siegel verschließen ließ ; 
denn Virgilius wusste wohl, wie viel Unheil derselbe der ganzen Welt 
zufügen könnte. Sofort ließ er sich durch den ersten Geist nach 
Europa zurückbringen , und seitdem kennt man in Italien die Ni- 
gromantie. 

Bedeutend verschieden klingt die Darstellung in den Wartburg- 
liedern und im Reinfrit von Braunschweig '^'*). Hier ist statt des jüdi- 
schen Königs Salomo ein babylonischer oder griechischer Fürst 
Namens Zabulon "^) oder Savilon, der noch eine jüdische Mutter, 
aber schon einen heidnischen Vater hat '^), als Erfinder der Astro- 
logie und der Nigromantie und als Verfasser eines Werke^i darüber 
genannt. Der Zweck seiner nigroniantischen Schriftstellerei ist kein 
geringerer als Hintertreibung der Geburt Christi, die er 1200 Jahre zuvor 
in den Sternen gelesen hat. Höchst compliciert sind die Vorkehrungen, 
die er zu diesem Zw^ecke auf dem Magnetberge *") trifft. Aber als 



■^^l De nobilitate cap. 2 fol. VIII b. Wie der erste Verkehr veniiittelt wurde, findet 
sich nicht angegeben. 

'^) Arabien und arabische Sprache heißt es fol. LXXVII b. in einer etwas spätem 
Schrift Hemmerlins. Ebendaselbst ist auch von einem Volumen niyroinanticum , quod 
dicüur Officiorum, continens canones, quos dicimt Vincula Salomonis die Rede. Über 
die chaldäische Sprache der Teufel vgl. Eisenmenger 2 p. 390 ff. 

'^) Wartburgkrieg von Simrock p. 195 flf. 303. Archiv des histor. Vereins für 
Niedersachsen 1849 p. 270 ff. Gemeinschaftliche Quelle ist nach Simrock das Buch 
vom König Tirol, 

^*) Zabulon von zabulus s. v. a. diabolus, vgl. Scheible Kloster 2 p. 170. Savelon 
und Savilon in einem altern Wartburglied p. 125 Simr. und im Reinfrit. 

'*) So Flegotanis in Wolframs Parzival (nicht bei Chrestiens de Troyes.) 

'') Der Magnetberg ist aus dem Roman vom Herzog Ernst entlehnt. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 279 

die 1200 Jahre fast abgelaufen waren, musste der ganze Spuk durch 
den tugendreichen , aus Wohlthätigkeit arm gewordenen Virgilius 
zerstört werden. Als dieser von dem Geheimnisse erfuhr, segelte er 
über das Meer zum Magnetberge und brachte mit Hülfe eines in 
einem Glase eingesperrten Geistes '^*') die Bücher und die Schätze 
in seinen Besitz. Da gebar die Jungfrau den Gottmenschen. 

Es ist nicht nöthig auszuführen, daß von diesem entschieden 
christlichen Standpuncte aus ebenso auch die Zauberei, die von Sa- 
lomo in einem Avohlwollenden Sinne geübt worden war, nunmehr 
als eine teuflische Kunst gebrandmarkt werden musste. Nur das sei 
bemerkt, daß dieser dogmatischen Richtung der Verfasser des Wart- 
burgliedes mehr als der des Reinfrit huldigt, sofern er die vortlieil- 
hafte Schilderung von Virgilius möglichst kürzt und ihn mit dem 
satanischen Klinschor auf gleiche Linie stellt. Aber auch im Reinfrit 
ist der Geist ein Teufel. 

Weniger bestimmt treten Versuche hervor, unsern italienischen 
Zauberer mit Jüngern Genossen aus den abendhändischen Litteraturen 
in Verbindung zu setzen. Bemerkenswerth ist in dieser Beziehung- 
Wolframs Angabe, der wegen Ehebruchs verstümmelte Zauberer 
Klinschor '^) von Capua sei ein Neffe des Neapolitaners gewesen. 
Mit dem ungarischen Klinsor der Wartburglieder wird der Zusammen- 
hang in der Weise fortgesetzt, daß dessen Großvater soll bei dem 
Capuaner Klinschor Schreiber gewesen und dann von Rom aus dem 
Könige von Ungarn zum Geschenk überschickt worden sein ^"). Noch 
weiter nach Noi'den gehende Bezüge scheinen in der bei Aliprandi 
überlieferten Sage zu Tage zu treten, wonach Virgilius seinen talent- 
vollsten Schüler Melino von Neapel nach Rom sendet , um das ver- 
gessene Zauberbuch bei Roberto (Ruberto) zu holen. Melino ge- 
mahnt an Merlin , der bei den Franzosen auch Melius oder Mellin 
orthographiert wird ^'), und Roberto an Robert den Teufel. 

Alles das ist Neapel fremd und findet überhaupt in Italien erst 
seit dem 15. Jahrh. (Aliprandi, Sibylla und Spätere) Eingang. Die 
neapolitanische Zaubersage beruht noch wie die altheidnische und 



■^^l Er heißt im Wartburgkrieg Klestronis nach dem Cbald. klastor Gesicht, Fratze. 
"J Vgl. Anm. 21. 
*') Lohengrin p. 58. 

") Leroux de Lincy Dolopathos p. 60 f. Aus Probu.s ad Virg ßucol. p. 6 , 3. 
Keil, wird man doch Melino nicht erklären wollen 



280 K. L. ROTH 

byzantinische ^'^) auf der Voraussetzung einer außergewöhnlichen 
Weisheit und Kenntniss gewisser geheimen Naturkräfte, wodurch eine 
über das Begreifliche hinausgehende Beherrschung der Natur bedingt 
ist (J^Iagla naturalis). 

Nach alledem werden wir schwerlich irren, wenn wir anneh- 
men, daß die römischen Virgiliussagen gar nicht in Rom und unter 
dem Volke gelebt, sondern nur eine litterarische Entstehung und 
Exi.-stenz gehabt haben, und zwar eine wesentlich französische. Ist 
es zufällig, daß den heutigen Römern jede Erinnerung an den Zaube- 
rer Virgilius abhanden gekommen ist, während in Neapel die Volks- 
sänger diesen Gegenstand vorzugsweise gerne behandeln und selbst 
der geringste Lazzarone neben dem heiligen Januarius auch dem 
Zauberer Virgilius ein Plätzchen in seinem Herzen vorbehalten hat? 
Ganz ähnlich wie mit den römischen Sagen verhält es sich mit 
den Ansprüchen Mantuas, der Geburtsstadt des Zauberers. Sie sind 
spät erhoben und entbehren aller Volksthümlichkeit und Originalität. 
Im 14. Jahrh. prägte Mantua Münzen mit dem Bilde eines ehrenfe- 
sten mittelalterlichen Gelehrten und der Inschrift VIRGILIUS; gleich- 
zeitig jene bekannte Statue des Dichters aufgestellt, welche Carlo 
Malatesta, Herr von Rimini, im J. 1392 in den Mincio werfen, aber 
in Folge der scharfen Invective Vergerio's wieder aufrichten ließ. 
Wohl nicht älter wird der Gebrauch sein, dem Dichter zu Ehren eine 
kirchliche Feier zu begehen und in einer Messe von dem Apostel 
Paulus die Verse zu singen : 

Ad Maronis mausoleum Ductus, fudit super eum 

Piae rorem lacrimae; 

Quem te, inquit, reddidissem, Si te vlvum invenissem, 

Poetarum maxime ! ®^) 
Noch stand also der Cultus des Dichters in seiner Vater- 
stadt aufrecht , als der Mantuaner Bonamente Aliprandi im 
Jahre 1414 seine gereimte Stadtchronik beendigte ^■*). Darin ist von 

*^) Vgl. z. B. noch Cedrenus p. 73 Bonn.: ettl Ss jix'jst-j. i::uX-rin-i( äar/iövwv 
ä7a^07i0!&3V i'/)i£v 7rpc< d'fulo'j t(Vc< TuTraTo, wTrtep rtx. tou Tiyavfüjf 'AffoAAwKov. Die 
Tele.emen des Apollonius, heißt es bei (Pseiido) Justinus quaestiones cap. 24 (geschrie- 
ben um 430) beruhen auf tiefer Kenntniss der Naturgesetze, twv '^jTiyt.cov äuva'/nswv 
xa; Twv £v ot.'jra.it; TUjir.xSeiiji)/ t£ xai avTfTra^siwv und sind daher dem AVillen Gottes 
keineswegs zuwider. 

*') Bettinelli discours sur Tetat des lettres et des arts k Mantoue 1775, bei 
Reiflfenberg chronique de Mouskes 1 p. CLXXXIII. 

*^) Bei Muratori Antiquit. Ital. 5 p. 1069 ff. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 281 

Virgilius erzählt, er habe nach der Korbgeschichte und der raffinierten 
Rache an seiner Geliebten von Kaiser Octavianus eingesperrt werden 
sollen, sei aber nebst mehrern Mitgefangenen auf einem Zauber- 
schiffe ^^) durch die Luft nach Apulien gefahren und sodann zu Fuß 
nach Neapel gereist. Auf dem Wege dahin bereitete er sich auf 
wunderbare Weise Wein, und ließ er sich durch einen seiner dienst 
baren Geister (spirito) von der kaiserlichen Tafel in Rom das ge- 
bratene Geflügel herbeiholen. In Neapel machte er die Fliege im 
Glas zur Abwehr der Fliegen, einen unversieglichen Olbrunnen , das 
Eischloß im Meer u. s. w. und erhielt in Anerkennung solcher Ver- 
richtungen vom Kaiser dieErlaubniss wieder nach Rom zurückzukehren. 

In alledem ist nichts Ursprüngliches ; man erkennt nur die ver- 
wilderte Sage des späten Mittelalters, woran ehrenhalber auch Mantua 
seinen Antheil haben muß. 

Außer der bisher besprochenen Litteratur gibt es im spätem 
Mittelalter noch zahlreiche Bücher, worin gelegentlich des Zauberers 
Virgilius gedacht ist; es werden selbst noch mehrere Kunstwerke 
von ihm angeführt, die wir im Bisherigen nicht zu erwähnen veran- 
lasst waren. Indessen sind diese Schriften so jungen Datums und 
deren Wundergeschichten so sehr eines acht sagenhaften Characters 
haar, daß wir aus ihrer Aufzählung und Beurtheilung keine neuen 
Gesichtspuncte gewinnen würden. Virgilius war eben allmählich eine 
Figur von europäischer Celebrität geworden, selbst in unserm Rhein- 
land ^''), und in weit höherm Grade als im Reforniationszeitalter 



**) In diesen Znsammenhang gehört ohne Zweifel der Satz aus den Mirabilia 
urbis Romae jüngster Redaction: Moivs Viminalis, ubi Virgilius captus a Eomanis in- 
visihiliter exiit ivitque Neapolim; vgl. Anm. 69. Auch Heliodorus fuhr, da er gefangen 
genommen werden sollte, auf einer navis phantastica e virga laurea formata entweder 
durcli die Luft oder auf dem Wasser in einem Tage von Catanea nach Constantinopel, 
vgl. Thomas Facellus de rebus Siculis, Panormi 1558 p. 66. Acta Sanctorum Bolland. 
Febr. 3 p. 225. 

*^) Tvvinger von Königshofen (1386) Straßburger Chronik p. 62: 'zu disen ziten 
lebte der große meyster Virgilius, den die leigen nennen Filius.' Filigus und 
Filius findet sich schon bei Frauenlob (f 1318) vgl. Massmann Kaiserchronik 3 p. 453, 
Anm. 7. Wackernagel altdeutsche Handschriften in Basel p. 51 f. Die zweite Strophe 
Frauenlobs bezieht sich unstreitig auf die Korbgescliichte , die erste aber, wie mir 
scheint , auf einen Schwank in der Hisforia septem sapientum , den noch im Dolo- 
pathos Virgilius nur erzählt, den aber schon das französische Klagelied auf König 
Eduard I. (1307) auf den Zauberer übergetragen hat, vgl. Loiseleur p. 159 f. Leroux 
de Lincy Dolopathos p. 91. 144 ff. A. Keller Dyocletianus p. 58. Haupt und Hoff- 
inann altdeutsche Blätter 1 p. 164. 



282 K. L. ROTH 

Dr. Faustus. So kann es nicht wundern, wenn beliebige Zaubergeschichi- 
ten mit seinem Namen in Verbindung gesetzt, wenn z. B. im groß- 
herzoglichen Cabinet zu Florenz, im Kloster St. Denis bei Paris ^") 
und anderwärts Spiegel gezeigt wurden, deren sich Virgilius zu 
catoptromantischen Zwecken bedient haben sollte. Selbst mit König- 
Artus in Britannien lässt ihn Hans Sachs (1530) zusammentreffen 
und dort eine Themsebrücke bauen, von welcher herab alle untreuen 
Eheleute, in specie der König und sein gesammter Hofstaat, ins 
Wasser springen müssen *®). 

Etwas ausführlicher muß ich jedoch seiner litterarischen Bedeu- 
tung wegen des Volksbuches vom Meister Virgilius®^) geden- 
ken, in welchem eine beträchtliche Anzahl der bereits erwähnten 
Wunderstücke, aber auch ziemlich viel neue Schwanke an dem Faden 
einer biographischen Erzählung zusammengefasst und zu einem voll- 
ständigen Roman verarbeitet sind. Hervorzuheben sind z. B. die Unter- 
redung des jungen Studiosen Virgilius , der von Toledo aus einen 
Ferienausflug gemacht hat, mit dem Teufel und die meisterliche Art, 
wie er ihn nach der Mittheilung seiner Zauberkünste wieder in sein 
Verließ zurückspediert ^") ; sodann die Belagerung seines Schlosses 
durch den Kaiser Persides ^'), welcher im Augenblick, da er von 
der Sturmleiter den Fuß auf die Mauerzinne setzt, verzaubert wird 
und in dieser unbequemen Stellung verharren muß, bis er mit Vir- 
gilius capituliert hat ; ferner seine Abenteuer mit der Sultanstochter 
von Babylon ^^), mit welcher er in Folge eines Schlaftrunkes gefan- 

*') Daille Vorrede zu den Scaligerana secunda 16ti7. Notices et Extraits ö 
p. 255. Revue archeologique 3 p. 154 ff. 

**) Im Jüngern Titurel hat eine solche Brücke Klinschor gebaut , v. d. Hagen 
Gesammtabenteuer 3 p. CXXXV. Über den orientalischen Ursprung derselben vgl. 
Weil bibl. Legenden p. 277 f. Liebrecht zu Gervasius p. 90. 

*^) v. d. Hagen Erzählungen und Märchen 1 p. 155 ff. Gesammtabenteuer 3 
p. CXXXVI. Simrock deutsche Volksbücher Nr. XXVII. Brunei manuel s. v. Faits. 

'"') Das Wesentliche dieses Abenteuers ist schon aus Reinfrit und den Wartburg- 
liedern (nach der Kolmarer Handschrift) so\vie aus Hemmerlin angeführt. Später 
wurde es nochmals auf Paracelsus übergetragen. Den orientalischen L^sprung des- 
selben erweisen die Stellen bei Eisenmenger und AVeil, besonders aber in 1001 Nacht 
die 9. Nacht der Breslauer Ausgabe; vgl. Dunlo2>Liebrecht p. 185. 483 b. Bei Enenkel 
(1246) werden die 72 Teufel wirklich freigelassen. Die nigromantische Schule in 
Toledo erwähnt Caesarius Heisterbacensis (1222) mehrmals. 

"') Der Name Persides stammt aus den Mirabilia im Abschnitt vom Pantheon. 

^*) Nach Babylon (Chaldäa) ist Virgilius der salomonischen oder zabulonischeu 
Zauberbücher wegen versetzt worden. 






ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 283 

gen wird, aber just da er verbrannt werden soll, auf seiner Luft- 
brücke von dannen gebt, während der Sultan und seine Räthe im 
Wasser zu Avaten vermeinen ^^) ; endlich die Geschichte seiner Ver- 
jüngung, zu welchem Zwecke er sich von seinem treusten Schüler 
zerstücken und einsalzen lässt, aber nicht mehr ins Leben gerufen 
werden kann, weil der Kaiser in seines Herzens Angst den Famulus 
als vermeintlichen Mörder erstochen hat ^^). 

Diese Geschichten sind zum geringsten Theil vom Bearbeiter 
des Romans erfunden; sie cursierten vielmehr schon im 13. und 14. 
Jahrh. und sind meist orientalischen Ursprungs. Aber die Zusammen- 
stellung derselben zu einem Roman kann man nicht für alt halten ^^). 
Die Erwähnung der spanischen Herrschaft in Neapel führt auf eine 
Zeit nach 1435. Handschriften kennt man keine, sondern nur Drucke 
in französischer, englischer, holländischer®^) und deutscher, nicht 
aber in italienischer Sprache; der älteste datierte ®') Druck ist von 
1510. Daß der Roman in Frankreich entstanden ist, ergibt sich aus 
der bisherigen Darstellung schon von selbst; aber es sprechen für 
einen französischen Ursprung auch manche Einzelheiten , wie daß 
Virgilius Sohn eines Ritters aus den Ardennen ist, daß König Renius 
die Stadt Reims erbaut hat, daß die Heimat des Zauberers den Ba- 
byloniern durch wälsche Nüsse verrathen wird. 

Ich glaube hiemit erwiesen zu haben , daß nur die neapolita- 
nische Virgiliussage ächte Volkssage genannt zu werden verdient, 
die römische hingegen und die mantuanische nur eine litter arische 
und zwar wesentlich französische Entstehung hat und darum jener 



"^) Einen ähnlichen Zauber soll Heliodonis in Sicilien um 780 gegen einige 
Weiber verübt haben, vgl. Acta Sanctorum Bolland. Febr. 3 p. 224 : fluminis speciem 
induxit in sicco, ut mtdieres tunicas attollerent. Scheible Klo.ster 5 p. 370. Auch mit 
der Korbgeschichte des Virgilius ist sowohl die Entweichung durch die Luft (jüngere 
Mirabilien und Aliprandi) als auch das Blendwerk des Watens im Wasser (Massmann 
Kaiserchronik 3 p. 455. Genthe Virgils Leben p. 56) in Zusammenhang gebracht worden. 

^^) Die Verjüngungsgeschichte ist aus den Merliussagen entlehnt, und schließlich 
noch einmal auf Paracelsus übergetragen worden. 

^^) Görres in den deutschen Volksbüchern Heid. 1807 hatte gemeint, der Roman 
könnte leicht vor dem 12. Jahrh. entstanden sein. Bemerkenswerth ist indessen bei 
Hemmerlin De nobilitate fol. IX a. die Bitte des Bauers: Plura mihi nan-a ex gestihus 
(so) Virgilii , was auf eine eigene Schrift zu deuten scheint. 

*^) Eine ungedruckte isländische Übersetzung vom J. 1676, die nach dem Hol- 
ländischen gemacht ist, erwähnt v. d. Hagen Gesammtabenteuer 3 p. CXXXVII. 

^'') Die älteste Ausgabe erschien Paris bei Trepperei, einem schon 1492 thätigen 
Drucker, vgl. Panzer annales 2, p. 298. 



284 K. L. ROTH 

gegenüber eine unzusammenhangende, willkührliche und unberechtigte 
heißen muß. Ich kehre nun nach Neapel zurück und suche der Ent- 
stehung der dortigen Sage auf die Spur zu kommen. 

Vor allen Dingen muß hier festgehalten werden , daß in der 
Lebensgeschichte des P. Virgilius Maro, in seinem persönlichen 
Character, in seinen Schriften, in seinem litterarischen Fortleben 
während eines tausendjährigen Zeitraumes nicht die Spur eines Ver- 
dachtes von Zauberei, nicht die leiseste Hindeutung auf eine derar- 
tige Möglichkeit zu entdecken ist. Vielmehr ist gerade Virgilius der- 
jenige heidnische Schriftsteller, welchen die lateinischen Kirchenväter 
mit der meisten Achtung behandeln, dessen Studium ein Augustinus 
der Schuljugend empfiehlt ^^). Ja, er wurde seiner vierten Ecloge 
wegen vom Kaiser Constantinus selbst vor dem versammelten Con- 
cilium von Nicäa als ein Prophet bezeichnet, der unter den Heiden 
auf die Erscheinung Christi hingewiesen habe. Daß die gleiche An- 
schauung das Mittelalter bis zu Ende des 11. Jahrh. beherrschte, 
hat Zappert in der Schrift 'Virgils Fortleben im Mittelalter, Wien 
1851' mit unzählichen Citaten bewiesen. Ich führe daraus nur zwei 
an. Die Legende der unter Decius hingerichteten Märtyrer Secun- 
dianus und Verianus erzählt, daß die beiden Heiligen durch die 
Leetüre der vierten Ecloge ^^) zum Glauben bekehrt worden seien ; 
und das Mysterium von den sieben klugen Jungfrauen ^""), um 1050, 
lässt erst Johannes den Täufer als Verküudiger des Messias auf- 
treten, dann Virgilius eingeführt werden mit den Worten : 

Vates Maro gentilium 

Do Cliristo festimoniiim. 
Man hat zwar allerlei aus dem Leben und den Schriften des 
Dichters Virgilius zusammengelesen, das man als Anhalts- und Aus- 
gangspuncte für die Bildung einer Zaubersage glaubte benützen zu 



"^J Augustinus de civ. dei 1, 3. 

^"j Durch die nämlicheu Verse ist nach Dante Purgat. 22, 70 (um 1312) auch 
der Dichter Statins zum Christenthum geführt worden. Dante nimmt nirgends die 
geringste Notiz von dem Zauberer Virgilius , und es ist durchaus unrichtig, wenn V. 
Schmidt Beiträge p. 141 behauptet, Virgilius sei als Vertreter der natürlichen Vernunft 
statt eines Plato oder Aristoteles von Dante nur darum gewählt worden, weil er durch 
den mythischen Hintergrund des italienischen Volkes über Gebühr hervorgetreten war. 
Man sieht aus Inferno 20, wie Dante über Wahrsager und Zauberer, z. B. Michael 
Scotus (t 1291) dachte. 

'""') Womit das Osterspiel zu vergleichen in Haupts Zeitschrift für deutsches 
Alterth. 2 p. 310. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIÜS. 285 

können z. B. die Ecloge Pharmaceutria, das sechste Buch der Aeneis 
mit der Sibylle und dem Descensus ad inferos '"'), des Dichters Vor- 
satz die Aeneis zu verbrennen, die in der römischen Kaiserzeit häufijr 
vorkommenden Sortes Virgilianae *""). Aber alles das ist bodenlos, 
schon an sich, besonders aber darum , weil in der überaus reichen 
Litteratur des Mittelalters alle Zwischenglieder dafür fehlen. 

Nur ein Schriftstück scheint meiner Behauptung zu widersprechen, 
die vita Virgilii von Donatus aus der Mitte des 4. Jahrh. In 
dieser Vita ist nämlich etwas erzählt, das an Zauberei nahe anstreift. 
Nachdem Virgilius, heißt es darin, in Neapel eifrigst Medicin und 
Mathematik studiert hatte, begab er sich nach Rom, machte dort die 
Bekanntschaft des kaiserlichen Stallmeisters und curierte ihm seine 
kranken Pferde. Ebenso war er ihm beim Ankauf der Thiere be- 
hülflich , da er Pferde und Hunde richtiger als alle Übrigen beur- 
theilte; ja er gab aufs Genaueste deren Heimat, Abstammung und 
Lebensdauer an und zog durch solches Talent endlich selbst die 
Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich, in dem Grade, daß ihn dieser 
in einer Angelegenheit um Aufschluß bat, die ihm sehr am Herzen 
lag, nämlich über die Frage , ob Octavius sein Vater sei oder ein 
Anderer. Hier ist nun freilich von Zauberei im engern Sinn die 
Rede nicht, indessen erinnern wir uns, was den Sprachgebrauch 
betrifft, daß auch Gervasius seine virgilianischen Zaubersagen aus 
Ars mathematica oder vis mathesis erklärt, und hinsichtlich des Stoffes, 
daß das eherne Ross, durch dessen Anschauen kranke Pferde geheilt 
wurden, zu den ältesten Bestandtheilen der neapolitanischen Virgilius- 
sage gehört. Demnach müssen wir bekennen, daß die Stelle im 
Donatus unsere Ansicht umstößt, wenn sie von Donatus oder auch 
nur, wenn sie im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung geschrie- 
ben ist. 

Allein wir sind so glücklich, uns dieses unbequemen Zeugnisses 
auf die loyalste Weise entledigen zu können. Nämlich der Vulgär- 
text der Biographie Virgils beruht aut Handschriften des 15. Jahrb., 
dergleichen es z. B. in Basel, Bern, Leipzig, München, Wien je eine, 
in Venedig und Wolfenbüttel je zwei giebt. Dagegen befindet sich 
in Bern, mit Nr. 172 bezeichnet, eine Handschrift, aus welcher die 



'^') Schon Hemmerliii (1455) Opera 1 fol. LXXX b. erklärt sich die Topographie 
der Unterwelt au.s den Mittheilungen eines Dämons, qui Virgüio poenas infernales et 
mfemorum dispositionem tanquam expertus piroiyrie notificavit. 

'"*) Vgl. für das Mittelalter Hüllmann deutsches Städtewesen 4 p. 67. 



286 K. L. ROTH 

Vita schon P. Daniel , neuerdings Müller in Rudolstadt herausge- 
geben hat, welche, wie ich selbst bezeugen kann, im 10. Jahrh. 
geschrieben ist. In diesem Codex Bernensis aber ist von der oben 
erzählten Geschichte und von allen den Albernheiten, welche jene 
Vita ungenießbar machen, keine Spur zu finden, und überhaupt die 
Vita in einer Gestalt zu lesen, deren sich Donatus nicht zu schämen 
braucht. Nur die Trägheit der Herausgeber ist Schuld, wenn dieser 
Wust noch immer die Ausgaben Virgils verunstaltet '"""*). 

Gleichwohl würde es eine Übereilung genannt werden müssen, 
wollten wir jene Interpolationen sammt und sonders dem 15. Jahrh. 
zuweisen und namentlich die uns angehende Stelle für einen Aus- 
läufer der spätesten Virgiliussagen erklären, Ist es doch leicht 
möglich, daß die Vita in der interpolierten Fassung im 15. Jahr- 
hundert nur in Umlauf kam, auf einer (neapolitanischen?) Bibliothek 
aber schon seit Jahrhunderten ruhte. Wirklich finden sich die vom 
Interpolator eingelegten Verse schon in Handschriften Virgils und 
in Schriftstellern des 9. — 12. Jahrhunderts, ja das bekannte Sic vos 
non vobis schon bei Aldhelmus (f 709) und der Vers Divisum im- 
'permm cum Jove Caesar habes bei einem von Cassiodorius (um 570) 
excerpierten Grammatiker erwähnt. Auch eine der darin enthaltenen 
Anecdoten wird nicht nur durch die bei Johannes von Salisbury 
vorkommenden Worte Si enini Virgüio licuit aurimi sapientiae in 
luto Ennii quaerere für die Mitte des 12. Jahrh., sondern durch Cassio- 
dorius Inst, divin. et hum. rer. Cap. 1 für 570 bezeugt. Was die 
eben angeführte Erzählung von Virgilius und Augustus insbesondre 
anlangt, so ist das Wesentliche derselben genau so auch zu Anfang 
des 13. Jahrh. in den Cento novelle antiche no. 3 von König Phi- 
lippus und einem griechischen Weisen, ja in 1001 Nacht ^"'*) von 
einem morgenländischen Sultan und einem Gauner erzählt. Die 
Übertragung des Schwankes auf Virgilius scheint auch eher der 
frühsten Periode virgilianischer Zaubersagen zu entsprechen. Deutet 
sie auf einen neapolitanischen Concipienten, so verräth einen solchen 
vollends die zweimal eingeschaltete Bezugnahme auf Neapel '"^). 

'"*} Eine scharfe Kritik der interpolierten Bestandtheile vom Gesichtspunct der 
grammatischen Correctheit aus übt schon Laurentius Valla im 9. Capitel des Schrift- 
chens De reciprocatione sui et suus, welches nach Vallas Rückkehr von Neapel um 
1450 in Rom geschrieben ist. 

'"*) Nacht 459 der Breslauer Ausgabe von Habicht. 

"'^) Cap. 2 NeapoUm transiit statt in urbein transüt. Cap. 14 Neapolim, ubi diu 
et suavissime vixerat. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 287 

Wie also die Sachen stehen, dürfte es der Wahrheit nahe kommen, 
wenn wir jene Erweiterungen der Donatischen Vita einem neapoli- 
tanischen Gelehrten aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts zu- 
schreiben. 

Und in den Anfang des 12. Jahrh. scheinen wirklich die ersten 
Spuren neapolitanischer Virgiliussagen zu gehören. In dem ersten 
Jahrtausend christlicher Zeitrechnung ist bisher nicht die geringste 
Anspielung auf einen Zauberer Virgilius nachgewiesen worden, und 
aus dem Ende des 12. Jahrh. sind Gervasius, Konrad, Alexander 
Nequam, der Verfasser der Vita S. Guilielmi Vercellensis '*'^) Augen- 
vind Ohrenzeugen einer in Neapel reich entfalteten, und ist die Historia 
Septem sapientum Romae Beleg einer selbst in Frankreich beliebt 
gewordenen virgilianischen Sagendichtung. Das älteste positive Zeug- 
niss aus Neapel gehört ins Jahr 1155 und findet sich bei Johannes 
von Salisbury. 

Im J. 1159 nämlich schrieb der Engländer Johannes von Salis- 
bury seinen Policraticus, und darin kommt folgende Stelle vor'""): 
'Der Dichter aus Älantua soll einmal den Marcellus, als sich dieser 
auf das Eifrigste mit dem Vogelfang befasste, gefragt haben, ob er 
lieber sehen Avürde , daß er für ihn einen Vogel zum Behufe der 
Jagd, oder für die Stadt eine Fliege zur Ausrottung der Fliegen 
verfertigte. Auf den Rath des Augustus entschied sich Marcellus 
für die Fliege, welche Neapel von einer verderblichen Plage befreien 
sollte. Und sein W\nisch ist erfüllt worden, et optio quidem impleta 
est.' Hier haben wir die allen Referenten '"^) wohlbekannte, über 
dem Thor des Castells de Capuano angebrachte eherne Fliege, und 



"'^) Acta Sanctornm BoUand. Junii 5 p. 112 ff. Der Heilige auf Monte Yergine 
starb 1142, und seine Vita kann um 1190 geschrieben sein, da auch Gervasius, Ale- 
xander Nequam und die Spätem den Wundergarten auf Monte Vergine kennen. Aber 
für eine viel frühere Zeit und gar für die römische Periode kann der darin oft vor- 
kommende Ausdruck Vh-gilianv^s moiis nichts beweisen, da in den Urkunden aus der 
Lebenszeit des Heiligen nur die Benennung S. Maria montis Virginis, mons qui Vir- 
ginis vocatur u. dgl. vorkommt; vgl. p. 121 a. 129. 130. Dagegen könnte die Vita 
auch beträchtlich jünger sein , wenigstens ist in der Handschrift noch eine Wunder- 
geschichte aus dem J. 1258 erzählt, p. 112 1>. 

'"') Polier. 1, 4. 

'"*) Zu ihnen gehört auch der Verfasser des um 1180 geschriebenen Gedichtes 
Contra ecclesiasticos , iuxta visionem Apocalypsis, worin Vers 46 lautet: foi-mantem 
[video) aereas viuscas Virgilium; vgl. Müldener zehn Gedichte des Walther von Lille, 
Hann. 1859, p. 20. 



288 K. L. ROTH 

gerade wie in der Stadtchronik ist der Zauberer dem Herzog Mar- 
cellus als Rathgeber an die Seite gestellt. Nun war Johannes im 
J. 1155 '*"') im Auftrage seines Königs nach Italien gereist und hatte 
sich längere Zeit in Apulien, z. B. drei Monate in Bcneventum, aber 
auch in Canusium und ohne Zweifel auch in Neapel aufgehalten. 
AVir werden daher wohl annehmen dürfen, daü er jene eherne Fliege 
über dem Thor des Castello Capuano selbst gesehen und die dazu 
gehörige Sage aus dem Munde der Neapolitaner gehört hat. So viel 
ist sicher, daß seine Erzählung die Sage vom Zauberer Virgilius 
voraussetzt und das älteste unzweifelhafte Zeugniss dafür ist. 

Gleichwohl lässt sich nachweisen, daß schon einige Decennien 
vorher die neapolitanische Stadtsage angefangen hatte sich mit der 
Verherrlichung des Dichters zu beschäftigen. In der neapolitanischen 
Geschichte Alexanders""), Abtes von Telesa in Campanien , an- 
geblich aus dem Jahre 113(3 '"), wird nämlich von Virgilius gesagt, j 
er habe sich die Gunst des Kaisers Augustus in dem Grade erwor- 
ben , daß er von ihm die Stadt Neapel und die Provinz Calabrien 
zum Lehen erhalten habe, ut NeapoUs civitatis simulque provinciae 
Calahriae dominatus caducam ah eo receperit retributionem. Erinnert 
schon dieß stark an die bisher berührten Sagen , welche den Vir- 
gilius Geheimerath bei Herzog Marcellus oder Kanzler bei Kaiser 
Augustus, Consul, vielleicht selbst Herzog, von Neapel nannten *"^), 
so weist auf die Zauberfrage noch bestimmter die weitere Angabe 
des Telesiners hin, Neapel sei eine feste, fast uneinnehmbare Stadt 
nempe huiusmodi urhis dominus oliin Octaviano Angusto annuente 

'»«) Policrat. 6, 24 8, 7. 8, 23. Metalog. 4, 42 p. 205 f. ed. Giles. Matthaeus 
Paris, ad a. 1155. Giraldus Cambrensis 2, 6. 

"") Muratori Scriptores rer. Ital. 5 p. 637. 644. 

''') Mit diesem Jahre schließt nämlich das s. g. Chronicon Alexaudri Abbatis, 
und damit kann ich mich begnügen. Allein es lässt sich leicht beweisen, daß die 
einzige Handschrift, worin die Schrift stand, keineswegs die ursprüngliche gewesen sein 
kann. Während nämlich die drei ersten Bücher im Drucke Muratoris 6 und 12 und 
7 Seiten umfassen, so nimmt das vierte nur eine Seite ein, obgleich es mit der Formel: 
vires dicendi ad inchoandüm quartum resumarmis angekündigt wird. Auch aus 2, 32 : 
sicubt podea relatum est ergiebt sich ein Defect. Nicht glücklicher ist Muratoris Polemik 
in Betreff der Abfassungszoit. Sind auch die drei ersten Bücher während Rogers 
Regierung geschrieben, vgl. 2, 32. 3, 25. so doch das vierte sicher erst nach seinem 
Tode, vgl. 4, 3 f. Ebenso wenig scheint nach 2, 65. 3, 28. 35 Abt Alexander der 
Verfasser sein zu können, wenn auch die Vor- und die Schlußrede von seiner Hand 
sein sollten. Trotz alledem habe ich an der Jahrszalil 1136 festgehalten. 

"') Vgl. Anm. 25. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 289 

Virgilius maximus poetarum extitit. So undeutlich die Worte sind, 
sie scheinen keinen andern Sinn haben zu können als den, daß die 
Stadt dem Dichter und Lehensfürsten diese ihre Festigkeit und Un- 
einnehmbarkeit zu danken habe "•'^). Dieß führt uns nahe genug 
an Bischof Konrads Worte heran : q^los muros tantns fundavit et erexit 
philosophus. Nehmen wir das oben in Betreff der Interpolationen 
der Vita Virgilii von Donatus wahrscheinlich gemachte Ergebniss 
hinzu, so können wir nicht umhin, für die erste Hälfte des 12. Jahrb., 
ehe noch irgend ein auswärtiger Schriftsteller davon Notiz genommen 
hat, innerhalb des Weichbildes von Neapel selbst einen ganz erheb- 
lichen Anfang virgilianischer Sagenbildung anzuerkennen. Nament- 
lich scheint der Umstand, daß Neapel im höhern Mittelalter nie 
erobert wurde und noch jüngst 1134 — 1137 unter dem tapfern Ma- 
gister Militum Sergius den Angriffen des Königs Roger zu Land 
und zu W'asser siegreich widerstanden hatte, den Glauben begün- 
stigt zu haben , daß die Mauern , Castelle und Thore der Stadt un- 
einnehmbar, folglich gefeit sein müssten. Dieß spricht besonders 
nachdrücklich ' ^'^) eben der älteste Referent Alexander aus. 

Und zwar lassen sich schon hier in diesen ersten Anfängen der 
Sage, wie mir scheint, die beiden Factoren erkennen, die im ganzen 
Verlauf der Untersuchung zu Tage getreten sind und sich in jedem 
Stadium derselben berührt und durchzogen haben : das litterarisch 
gelehrte und das populär telestische Element. Jenes knüpft 
sich an die Dichtungen des Virgilius Maro und an gewisse Bruch- 
stücke aus seiner Lebensgeschichte, dieses an die in Neapel vorhan- 
denen Kunstwerke aus byzantinischer Zeit an. Einem jeden dersel- 
ben widmen wir eine kurze Besprechung. 

Unter den litterarischen Sagenbestandtheilen macht sich beson- 
ders die reiche Belohnung des Dichters durch den Kaiser und sein 
Verhältniss zu Herzog Marcellus bemerklich. Beides steht in keiner 
ursprünglichen Beziehung zu Neapel und findet seine Erklärung und 
letzte Quelle in einer Angabe des Commentators Servius zur Aeneis 
6, 802, in der Angabe nämlich, daß Virgilius für die Verse, welche 



"^) Die ältere neapolitanische Sag-e führte die Gründung und Befestigung der 
Stadt auf Aneas zurück, vgl, Chronicon Salernit. bei Muratori Script. 2, 2 p 1052. 
Alexander Telesinus ebend. 5 p. 637. L. I. Scu]jpa coUectan. 1, 30 in Gniters Lani- 
pas 1 p. 937. 

"^) Vgl. nocli p. 623 und 633: quae civitas, m'trabile ilictu, j}ost Romanum im- 
perium vix umquatn a quoquain ferro poliilt suLdi. 

GERMANIA IV. J 9 



290 K. I.. J.'OTH 

er dem Andenken des Marcellus, dieses im 19. Lebensjahre verstor- 
benen "') lioffnungsvollen Sprösslings des Kaiserhauses, gewidmet 
hatte, von Augustus reiehlicli belohnt worden sei: qui -pro hoc aere 
gravi donatns est. Diese Angabe "*') wurde im Mittelalter auf ver- 
schiedene Weise erweitert. Der Interpolator der Vita blieb bei 
baarem (7 ekle stehen und schrieb : dena sestertia pro simjido versu 
Virgilio darl inssit. Andre rissen die Notiz aus ihrem Zusammen- 
hang und hefteten sie an ein unter Virgils Namen seit langem cur- 
sierendes Distichon auf Augustus : 

Nocte loluil tota, redetmt spectacula meine: 
Divisum Imperium cum Jove, Caesar, habes. ' ' ') 
Für dieses Paar Verse, sagt Donizo im J. 1115 und schon Benzo 
von Alba im J. 1084"*), erhielt Virgilius von Augustus Goldes die 
Fülle und — die Freiheit; für dieses Distichon, sagt Alexander von 
Telesa im J. 113G, erhielt er die Stadt Neapel und die Provinz 
Calabrien zu Lehen. Die Älehrzahl hingegen der neapolitanischen 
Gelehrten hielt es für angemessener, die herzogliche Würde "^) dem 
Prinzen Marcellus zu belassen , dem weisen Meister aber die Stelle 
eines Rathes oder Kanzlers bei dem jungen Herzog anzuweisen. 
Alles das ist aus der schlichten Notiz des Servius qui pro hoc aere 
gravi donatus est herausgeklügelt und ohne geschichtlichen WTerth. 

Allein daß nun eben die neapolitanischen Gelehrten bei einem 
einfachen Geldgeschenke nicht stehen geblieben , sondern zu 
einer bedeutenden Standeserhöhung Virgils fortgeschritten sind, lässt 
auf einen Hintergrund schließen , der eine solche politische Macht- 
stellung erheischte oder zuließ. Diesen Hintergrund bildete eben 
die Stadtsage vom Zauberer. In ihr erscheint von ihren ersten An- 
fängen an bis auf die Stadtchronik herab in Virgilius das Bild 



"^) Er starb im Bade zu Bajä. 

"*) Ohne erkennbaren Bezug auf Marcelias ist die Nachricht bei Probus ad 
Veigil. \i. 1 Keil: ah Augusto usque ad sestertium centies honestatus est. 

"') Eine alte Variante schon des 9. Jahrh. ist: redeunt at mane serena: Commune" 
{mperiuTn etc. 

"*) Donizo vita Mathildis bei Pertz Monuni. 13 p. 365 f. Benzo bei Pertz 13 
p. 010. Vgl. auch Guilielmus A])ulus (1090) bei Muratori Script. 6 p. 278. 

"') Neapel gehörte im höhern Mittelalter zum byzantinischen Reiche, und noch 
um 950 betrachtet es Constantinus Porphyrogenitus de adm imp. 27 als zu seinem 
Heichc gehörig. Aber schon seit längerer Zeit besaß der Magister militum die Sou- 
veränetät und nannte sich wohl auch Dux Neapolitanits. Gegen die Longobarden 
konnte er sich stets behaupten, ebenso gegen die Normannen bis zum J. 1137. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 201 

gleichsam eines erleuchteten, edelgesinnten Bürgermeisters, welcher 
für die Sicherheit der Stadt und der Einwohner, für ihren Unterhalt, 
ihr Wohlsein, ihre Bequemlichkeit mit unermüdeter Liebe sorgt, 
und wie den Willen, so auch die Mittel hat, seine weisen ]\Iaßregeln 
ins Werk zu setzen. Der gemeine Mann nannte diesen hervor- 
ragenden Character einen Zauberer, die Gelehrten machten aus ihm 
einen Herzog oder herzoglichen Geheimerath und verknüpften solchen 
Titel, so gut es gehen mochte, mit den vorhandenen litterarischen 
Notizen. Schon aus der ältesten Nachricht Alexanders von Telesa 
(1136) schimmert diese merkwürdige Figur mit der doppelten Be- 
nennung deutlich genug hervor. 

Fragen wir nach der historischen Berechtigung von Neapels 
Ansprüchen auf den Dichter Virgilius , so beruht dieselbe einmal 
auf der freundlichen Erwähnung, die er dieser Stadt am Schlüsse 
seiner Georgica widmet, und die von den neapolitanischen Schrift- 
stellern oft und mit Wohlgefallen wiederholt wird ; sodann aber und 
hauptsächlich auf dem Umstände, daß er in der Nähe der Stadt be- 
graben ist. Des Dichters Grabmal lag, wie die alten Schriftsteller 
bezeugen, nicht ganz zwei Miglien von Neapel entfernt, an der 
Straße nach Puteoli '^'^), hatte eine tempelartige Construction und 
wurde häufig besucht und in Ehren gehalten ; ja um seinetwillen 
konnte Mantua auf Neapel eifersüchtig sein. Die Lage zwar des 
Grabes war im höhern Mittelalter in Vergessenheit gerathen und ist 
erst im 12. Jahrh. wieder aufgefunden worden; aber die Thatsache, 
die sich besonders an den bekannten Vers 

Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc 
Parthenope etc. 
heftete, wurde nie vergessen und konnte selbst dem gemeinen Mann 
nicht unbekannt bleiben. 

Um auch über das abergläubische Element der Sage Einiges zu 
bemerken, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die ehernen 
Denkmäler von Menschen oder Thieren, an welche sich in Neapel 
Virgils Name heftete, frühern Jahrhunderten, wohl der byzantinischen 
oder selbst der römischen Periode angehörten ; denn der Glaube an 
zauberkräftige Kunstwerke ist ein alter. Ich erinnere in dieser Be- 
ziehung nur an das, was die byzantinischen Schriftsteller über die 
Zauberwerke (rtUapiara) des Apollonius von Tyana berichten. Von 



'^'') Der Weg von Neapel nach Pozzuoli betrug 10 Miglien, Itiner. Anton. 

19* 



2'.i2 K. L i.'orii 

Stadt zu Stadt ziehend soll er dergleichen Schutzmittel gegen schäd- 
liche Thiere, Stürme, Überschwemmungen ii. dgl. errichtet und mit 
kräftigem Zaubersegen geweiht haben. Namentlich sind es die Städte 
Antiochia in Syrien und Constantinopel , die sich zahlreicher Stif- 
tungen der Art von ihm zu rühmen hatten. Für letztere Stadt be- 
sonders sind die Zeugnisse "^') so alt, daü diese Kunstwerke wohl 
bis in die Zeit der Gründung der Stadt durch Constantin den Großen 
hinaufreichen dürften. Sollte doch einem späten Bei'ichterstatter '-'*) 
zufolge schon Pisistratus eine Zauberheuschrecke von der Acropolis in 
Athen entfernt haben. Aber auch in Italien lassen sich ganz ähn- 
liche Sachen nachweisen. Aus der Stadt Catanea meldet die Ge- 
schichte von Heliodorus ^^'^) ausdrücklich : Praesens statua elementum 
aeris est, ne quaiido prorumpens Aetnae flamma urhem accendat, quia 
igneus mons est * * Vulcani. Ja schon der Agyptier Olympiodorus ^^^), 
der um 425 sein Geschichtswerk schloß, berichtet, daß es dort ein 
altes uyaXfia Ttrtleaiiivov gegeben habe , das in einem Fuße unaus- 
löschliches Feuer, im andern unversiegliches Wasser enthielt, mit 
der Bestimmung, Sicilien gegen die Ausbrüche des Ätna wie gegen 
die Landungen der Barbaren sicher zu stellen. Ebenso gehen in 
Rom dergleichen Kunstwerke bis in ein frühes Alterthum zurück^ 
da z. B. die Ciconiae nixae und das Bucmum aicreum in Constan- 
tinopel nachgebildet worden sind. Für das 8. Jahrh. ist oben die 
Consecratl.o '"^j statuarum (Salvatio Romae) angeführt, von welcher 
noch die Mii-abilien den Ausdruck gebrauchen : statuae ita erant per 
artem magicam dispjosltae. Dieselben Mirabilien erwähnen ein templum 
liolovltrexmi , totum factum ex crystallo et auro pjer artem magicam 
und verbreiten sich über die magische Bedeutung nackter Menschen- 
und Pferdebilder aus Erz. Selbst im fernen Gallien hatte um das 
J. 580 Paris seine Zauberbehelfe gegen Feuersbrünste, Schlangen 



'^') Ile.sychius Milesius, Malalas, Tzetzes. Für Syrien sind noch älter die Zeug- 
nisse des (Pseudo) Ju;^tinus qnaestiones et respons. ad orthod. cap. 24. p. 449 f. 
Paris. 1742 und des Anastasius Theupolitanus bei Cedrenus p. 431 f. Bonn. 

'-' *) Hesychins lex. s. v. ■A3.Tayr,vri\ vgl s. v. xpcfjxt], 

'^■^) Acta Sanctorum Bolland. Febiuar, 3 p. 225. In der angeführten Stelle ist 
elementum Übersetzung für das griechische Troi'/slov, was bei den spätem Byzantinern 
s. V. a. ccTioTfOTvatov Zauberschutz bedeutet. In der Lücke kann officina oder olla 
(Apot,Tr,p) fehlen; vgl. Liebrecht zu Gervasius p. 108. 

"^) Olympiodorus p. 453 Bonn, auch bei Photius bibl. ji. 58 a. Bekk. 

'^') Uljcr den Ausdruck Consecratio vgl. die Erklärer zu Lanipridius Heliog. 9. 
Voi»iscus Aurelian. 18. Augustinus civ. dei 5, 26. Firniicus niath. 4, 7 extr. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIÜS. 293 

und Ratten '^^). Es kann also keinem Bedenken unterliegen, wenn 
wir annehmen, daß auch die neapolitanischen Telesmen (Talismane) 
dieser Art aus der byzantinischen oder wohl selbst der römischen 
Zeit stammen ; daher auch zu mehreren derselben bemerkt wird, sie 
seien im 12. Jahrh. nicht mehr vorhanden gewesen. 

Allein aus dieser Annahme folgt nichts für das hohe Alter der 
Virgiliussage. Selbst der Umstand, daß Neapel keinen andern Tele- 
sten kennt als Virgilius, daß also sein Name sich des ganzen Schatzes 
dortiger Zaubersagen bemächtigt hat, darf, wie die Analogie des 
Apollonius von Tyana für Constantinopel zeigt, keinesAvegs für eine 
m'sprüngliche Zusammengehörigkeit des Namens mit den Kunst- 
werken geltend gemacht werden. Auch haben die obigen Ausführun- 
gen dargethan, daß die Virgiliussage, sobald sie auftauchte, von den 
Gelehrten beachtet, aufgezeichnet und in die europäischen Littera- 
turen eingeführt wurde , und sogleich mit solcher Stärke auftrat, 
daß sie auch auswärts namenlose Zauberwerke, ja selbst bereits 
andern Namen zugetheilte Zaubersagen in ihr Bereich zog, gleichsam 
für sich eroberte. Eine merklich ältere Entstehung würde eine ver- 
hältnissmäßig ältere Verbreitung und in früherer Zeit die entspre- 
chenden Resultate herbeigeführt haben. 

Ich will also keineswegs läugnen , daß im Volke zu Neapel 
schon seit einiger Zeit hie und da konnte die Rede gegangen sein, 
die magischen Kunstwerke der Stadt dürften wohl von dom vielge- 
nannten und gegen Neapel so freundlich gesinnten Virgilius gestiftet 
sein ; aber im Ganzen scheint doch die Sache völlig so angethan, 
als müsste irgend eine bedeutsame Begebenheit um die Mitte 
des 12. Jahrh. den Ausschlag zur Ausbildung und Befestigung der 
Virgiliussage gegeben haben. Und ein solches positives Ereig- 
niss aus der bezeichneten Periode und von der vorausgesetzten Be- 
schaffenheit lässt sich auch nachweisen. 

Zur Zeit des Königs Roger (Rogieri), so lautet ein bis jetzt 
aufgesparter Bericht des Gervasius von Tilbury ''^^j, fand sich bei 
diesem Regenten ein ausgezeichnet belesener und scharfsinniger, im 
Trivium und im Quadrivium wohlbeschlagener, auch in der Physik 
und Astronomie bewanderter Meister aus England ein, der um die 
Erlaubniss nachsuchte, die Gebeine des Virgilius aufsuchen und 
erheben zu dürfen. Mit königlichen Briefen versehen , kam er nach 

'") Gregorius Turon. S, 33. 

'") Gervasius bei Leibnitz p. 1001 f. bei Liebreclit p. 49 f. 



294 KL ROTH 

Neapel. Niemand wusste dort von einem Grabe ''*') Virgils, aber 
mittelst seiner Kunst entdeckte der Fremde an der Halde eines 
Berges, wo man keine Spur einer Öffnung wahrnehmen konnte, die 
gesuchte Grabstätte. Da lag der Körper des Virgilius unversehrt, 
und ihm zu Häupten ein Buch, worin die Zeichenschrift {ars nota- 
ria "^^) nebst andern Characteren dieser Gattung enthalten war. Als 
aber der Engländer Buch und Gebeine mit sich fortnehmen wollte, 
wurde das Volk aufmerksam und, in Anbetracht der besondern Vor- 
liebe Virgils für die Stadt, wollte es lieber dem Könige ungehorsam 
sein als durch Gehorsam den Untergang einer so großen Stadt ver- 
schulden ''^^); denn es dachte, darum habe Virgilius sein Grab so 
tief im Berge angelegt, damit nicht durch Entführung seiner Gebeine 
seine Kunstwerke könnten zu Grunde gerichtet werden. Also nahm 
der Stadtcommandant mit einer Schaar von Bürgern *^°) dem Eng- 
länder die Gebeine ab, band sie in einen Sack zusammen und brachte 
sie auf das Meercastell nächst der Stadt, wo sie hinter eisernen 
Stäben noch zu sehen sind. Als man den Meister fragte, was er 
mit den Gebeinen habe machen wollen, sagte er, seine Absicht sei 
gewesen durch Beschwörungen zu bewirken, daß sie ihm auf Be- 
fragen alle Kunst des Virgilius mittheilen raüssten; er werde sich 
aber zufrieden geben , Avenn man sie ihm nur auf 40 Tage leihen 
wollte. Also durfte er einzig das Buch mit sich fortnehmen. Aus 
diesem Buche habe ich selbst, sagt Gervasius, zur Zeit des Papstes 
Alexander (1159 — 1181) einige Auszüge, welche der Cardinal Johannes 
von Neapel gemacht hatte, zu sehen bekommen und dieselben durch 
Versuche als vollkommen wahr erproben lassen ^^*). 

So weit Gervasius. Den gleichen Bericht wiederholen auszugs- 
weise der Venetianer Andrea Dandolo '^^) um 1339 und der oben 



'*^) '■Populiis — ignai~as sepidturae.' 

'^*) Notaria: so zwei Handschriften. Eine dritte und die beiden Drucke haben 
ars notoria, worüber vgl. Liebrecht zu Gervasius p. 161. ^Liber de divinaiionibus, de 
arte magica , arte notoria etc. falso intitulatus' sagt Nicolau.s Oresme {f 1382) 
contra astrologiam cap. 14 im cod. Basiliensis F V 6. 

'^®) ^Ad haec popidus Neapolitanus^ attendens specialem affectionem, quam hahuerat 
Virgilius erga civitatem, timens ne ex ossium siibtractione enoivae damnum civitas tola 
pateretur' etc. 

i30j 'Magister ergo militum cum turba civium.'' 

"') '■Et probari vertssima verum experientia fecimus.'' 

'^^) Bei Mnrutori Scriptores 12 p. 283 D. Dandolo bekleidete später 1343—1354 
das Amt eines Dogen in seiner Vaterstadt. 



TTBER DEN ZAUBERER VIRGILIUS. 295 

erwähnte neapolitaniselie Stadtchronist, letzterer mit der Bezeichnung 
des Schlosses als Castello novo und mit der Abweicltung, da(J iinn 
zufolge der englische Arzt im Sinn hatte, um den Geist des Vir- 
gilius zu erben, die Gebeine zu kochen und den Extract zu trinken. 
Dagegen gehört offenbar einer andern Quelle die Nachricht des 
Johannes von Salisbury (1159) an, wenn er in einem völlig ver- 
schiedenen Zusammenhang erzählt, er habe in Apulien einen gewissen 
Ludovicus kennen lernen, der dort einen längern Aufenthalt gemacht 
habe , um nach manchen Nachtwachen, langem Fasten , vielem Ar- 
beiten und Schwitzen als Resultat einer so unfruchtbaren Reise nicht 
etwa Virgils Geist, nein seine Gebeine mit nach Frankreicli heim- 
zubringen *^^). 

Schade, daß wir diesen Ludovicus nicht näher kennen. Er muß 
dem Sprachgebrauch des Johannes zufolge, worin Gallia und Galliae 
unterschieden wird, ein französischer Untcrthm des Königs von 
England und allerdings , sofern er über das Verhältniss des Mög- 
lichen zum Wirklichen als novus Stoicus disputierte, ein eigentlicher 
Gelehrter gewesen sein. So weit stimmt also Johannes mit den 
obigen Referenten überein. Aber auch der chronologische Punct 
lässt sich befriedigend erledigen. Nämlich Johannes war wirklich 
außer der oben erwähnten apulischen Reise vom J. 1155 '^*) auch 
unter der Regierung König Rogers (starb 26. Febr. 1154) einmal in 
Apulien, wie aus den Worten Accldit mels temporlhus regnante Rogero 
Siculo hervorgeht '^^). Wir können diesen seinen ersten Aufenthalt 
mit ziemlicher Sicherheit ins J. 1152 verlegen; wenigstens war in 
diesem Jahre Johannes in Rom beim Papste '^''). Im schlimmsten 
Falle irren wir um wenige Jahre , da er erst kurz vorher in sein 
Archidiaconat, das ihn zu solchen diplomatischen Reisen verpflichtete, 
eingetreten war. 



'^^) Policraticus 2, 23: '■Quem hi ApuUa diutius morantem vidi, ut post vudtas 
vigilias , longa ieiunia , lubores plurhnos et siidores , tanfo infelicis et inutilis exilii 
quaestu, in Gallias Virgilii ossa potizis quam sensum reportaret.^ 

'^^) Vgl. Metalogicus lib. 3 in der Vorrede: Alpium iuga transcendi decies, Apidiam 
secundo peragravi, dominorum et amicoruin negotia in Ecclesia Romana saepius gessi 

i35j Policrat. 7, 19. Den daselbst erwähnten Rohertus Anglicus natione iam dicti 
regis cancellarius bezeichnet er auch Epistel. 85 als einen guten Bekannten und Ge- 
sellschafter , qui me Graeco vino ad perniciem nahdisque dispendium polare consue- 
fecerat. 

'^^j Epist. 59. Seine Studien begann Johannes im J. 113(3 in Paris und widmete 
sich denselben fere duodecennium, Metalog. 2, 10. 



296 K. L. ROTH 

Soinit können wir mit eiTeichbarer Sicherheit das J. 11Ö2 als 
dasjenige, worin Johannes den Ludovicus kennen lernte, und um 
nicht die beiden Thatsachen zu vermengen '""''), die Mitte des 
12. Jahrh. als die Epoche bezeichnen, in welcher jener französische 
Engländer Neapel mit seinem seltsamen Anliegen beunruhigte und — 
zur Ausbildung und Verbreitung der Sagen vom Zauberer Virgilius 
Anlaü gab. Vortrefflich stimmt es zu unsrer chronologisclien Er- 
mittelung, daß gerade damals, in der letzten Zeit Rogers und dann 
unter Wilhelm dem Bösen 1154 ff. der berühmte Architect Buono *^*') 
den Umbau sowohl des Castel Capuano als den Neubau des Castel 
delV Uovo zu leiten hatte. Die beiden Castelle sind ja, wie wir uns 
erinnern, durch virgilianische Telesmen geweiht und gefeit, jenes 
durch die eherne Fliege, dieses durch die Gebeine und die Wunder- 
flaschc: Thatsachen, die für die officielle Anerkennung der neuen 
Zaubersagc ein redendes Zeugniss ablegen. 

Hoffentlich erscheint es nicht allzukühn und Avillkürlich , wenn 
ich in dem Vorfall mit dem Engländer den eigentlichen Anstoß zur 
Feststellung und Ausbreitung der virgilianischen Zaubermärchen 
suche. Ich kann allerdings nicht läugnen, daß der Wortlaut des Ger- 
vasianischen Berichtes die vollständige Ausbildung derselben für 
die Zeit jenes Ereignisses voraussetzt. Allein das darf uns nicht irre 
machen ; denn im Widerspruch mit dieser Voraussetzung steht unver- 
kennbar dessen eigene Angabe , daß die Neapolitaner Virgils Grab- 
stätte nicht kannten, vielmehr anfänglich dem Begehren des Eng- 
länders allen Vorschub leisteten. Sodann wird schwerlich jemand 
glauben wollen, daß die Auszüge, welche Gervasius sah, aus einem 
im Grabe gefundenen Buche abgeschrieben waren, noch weniger, 
daß in dem Grabe ein Zauberbuch lag. Schwerlich würde der Car- 
dinal (starb 1175) mit dieser Darstellung übereingestimmt haben. 
Vollends der älteste Berichterstatter, Johannes von Salisbury, deutet 
gar nichts Geheimnissvolles an, sondern zieht den ganzen Vorfall 
einfach ins Lächerliche. Man sieht, die Erzählung bei Gervasius, 
obschon nur 70 Jahre nach der Begebenheit niedergeschrieben, ist 
schon bedeutend entstellt und gleichsam selbst von dem zauberhaften 

'') Es wäre nämlicli denkbar, daß Johanns Zusammeutretien mit Ludovicus 
einige Zeit nach jenem Vorfalle stattfand. 

'^*) Über Buono vgl. C. N. Sasso, Napoli 1858. Die Stadtchronik freilicli ver- 
legt, bezeichnend genug, die Erbauung des Castel dell' Uovo in Virgils Lebenszeit. 
Castel Capuano heißt jetzt Vicaria. 



ÜBER DEN ZAUBERER VIRGILIÜS. 297 

Element inficiert, wovon sie handelt. Dieß darf auch im Mittelalter 
nicht auffallen; wie schnell ist z. B. nicht die Geschichte vom Herzog 
Ernst in einen vollständigen Roman verwandelt gewesen ! 

Auch daß der Mann aus dem fernen Lande necromantische 
Ansichten hegte , scheint mir ziemlich zweifelhaft '^^) ; fast möchte 
ich lieber annehmen, ein antiquarisches Interesse habe ihn bestimmt 
das Grabmal Virgils aufzusuchen, dessen allgemeine Lage ihm aus 
Donatus und Hieronymus bekannt sein konnte, das sich durch 
die Aufschrift Mantna me genvit etc. speciell verrathen musste. In- 
dessen können wir diese Frage, so wie die weitere, ob er auch die 
richtige Localität gefunden habe '*"), füglich unentschieden lassen. 
Soviel aber scheint mir entschieden, daß die Erscheinung eines 
fremden Gelehrten, der sich erst in Palermo beim König um einen 
Geleitsbrief bemüht und dann in Neapel Nachforschungen anstellt 
nach einem Grabe, von dem kein Mensch etwas weiß, die höchste 
Sensation erregen musste. Ja, wenn der Begrabene noch ein Kirchen- 
lehrer oder ein Märtyrer gewesen wäre, so hätte Jedermann begriffen, 
wozu man seine Gebeine erheben wollte; denn das kam alljäiirlich 
vor. Wenn aber verlautete, in dem Grabe sei ein hochberühmter 
Gelehrter und der edelste Mensch der Heidenzeit, der in Neapel 
gelebt und gedichtet habe, beigesetzt, und es handle sich bei der 
Nachgrabung keineswegs um Entdeckung vergrabener Schätze : was 
blieb da dem gemeinen Mann anders übrig, als daß er den Virgilius 
für einen Zauberer und den Engländer für einen Zauberlehrling 
halten musste? 

Halten wir die beiden ermittelten Thatsachen fest, einmal daß 
in der Litteratur des Auslandes vor Johannes Sarisberiensis keine, 
in der einheimischen nur eine schwache Spur vom Zauberer Vir- 
gilius zu entdecken ist, dann aber wie mit einem Zauberschlage 



'^') "Wenn es erlaubt wäre, die Anwesenheit des Ludovicus so weit zurück zu 
verlegen , so könnte man auch vermuthen , er sei von Roger zur Zeit seiner noch 
wankenden Herrschaft über Neapel (1133 — 1137) beauftragt gewesen, der Stadt ihren 
Zauberer mit Glimpf zu entführen. Für diese Annahme sind folgende Auhaltspuncte 
zu bemerken: 1130 nimmt Roger den Königstitel an, 1133 unterwirft sich der Ma- 
gister militum zu Neapel nominell, 1137 factisch, 1140 hält Roger seinen Einzug. 

"") Nach dem Stadtchronisten war der Marmor mit der Inschrift bis 1326 un- 
versehrt. Die gegen die Ächtheit geltend gemachten Gründe scheinen unerheblich. 
Wenigstens wird jetzt der altrömische Character des Monuments allgemein anerkannt, 
und das von Cluverius Italia antiqua 2 p. 1153 aus Statins silv. 4, 4, 79 erhobene 
Bedenken hat das Wort fractas nicht beachtet. 



298 FRANZ PFEIFFER 

Alles von ihm erfüllt ist; zweitens daß die Neapolitaner bisher selbst 
nicht die Grabstätte ihres berühmtesten Landsmannes kannten, sofort 
aber Castel deW Uovo und Castel Capiinno mit Palladien seines Namens 
ausstatteten: so werden wir jenen Auflauf, den Gervasius so an- 
schaulich schildert, als den Moment bezeichnen dürfen, wo in Neapel 
der Name Virgilius mit den vorhandenen Telesmen zusammenfloß 
und wo für das Ausland der Zauberer Virgilius geboren wurde. 



ZUM TITUKEL 

„So lange wir keine kritische Ausgabe des (Jüngern) Titurel 
besitzen, hervorgegangen aus gründlicher Vergleichung aller vorhan- 
denen Handschriften , so lange werden die Zweifel über die Person 
des Dichters und über das Verhältniss seines Gedichtes zu dem zum 
Grunde liegenden französischen Werke nicht völlig gelöst Averden." 
Diese Worte San-Marte's (Leben und Dichten Wolframs v. Eschen- 
bach 2, 285. Magd. 1841) sind heute noch eben so wahr, wie vor 
18 Jahren, als sie zuerst ausgesprochen wurden; aber noch immer 
warten wir vergeblich auf das Erscheinen dieser wünschenswerthen, 
ja nothwendigen Arbeit. Nicht einmal das Verhältniss des Jüngern 
Titurel, seiner verschiedenen Theile unter sich und zu den Bruch- 
stücken Wolframs ist genügend aufgehellt und dargelegt; und doch 
wäre eine solche Untersuchung, wie Lachraann (Wolfram S. XXX) 
selbst bemerkt hat, eine wichtige und dankbare Aufgabe, „bei der 
wir Alle viel lernen könnten." Aber auch diese Ermahnung ist frucht- 
los verhallt, und der „Jüngere", an den sie gerichtet war, hat sich 
bis jetzt noch nicht gefunden; auffallend, wenn man bedenkt, daß 
Lachmanns Wort seinen Schülern überall sonst Gesetz ist. Übrigens 
hat sich, wie wir aus der Biographie von M. Hertz S. 60. 118 er- 
fahren, Lachraann selbst mit einer Ausg. getragen; wenn jedoch die 
Vorbereitungen dazu nur in den S. 60 verzeichneten Abschriften 
bestanden, so war die Ausgabe noch in weitem Felde. 

Auf das NichtZustandekommen einer kritischen Ausgabe, in 
der auch Lachmanns Wünsche und noch manche andere Punkte 
Berücksichtigung hätten finden müssen, scheint allerdings der über- 
eilte Abdruck K. A. Hahns (Quedl. 1842) störend und entmuthigend 
eingewirkt zu haben. Ihn übereilt zu nennen hat man volles Recht. 
Will man auch von dem Mangel an aller Interpunktion, von den zahl- 



ZUM TITÜREL. 209 

losen Druckfehlern u. A. absehen , so fällt doch der Umstand , daß 
einer nicht nur unvollständigen, sondern mittelmäßigen Handschrift 
die Ehre eines Abdrucks zu Theil geworden ist, um so schwerer 
ins Gewicht. Ich habe schon einmal , bald nach dessen Erscheinen 
(Marienlegenden S. VI), die Frage aufgeworfen, wem denn eigentlich 
mit solchen Ausgaben gedient werden solle? Der Erfolg hat meine 
damaligen Zweifel bestätigt. Wenn ich auch nicht läugnen Avill, daß 
(bei der Seltenheit des alten Druckes) ein Abdruck, gleichviel ob 
gut oder schlecht, am Ende besser ist als gar keiner, so steht doch 
so viel fest, daß dieser neue Abdruck für die Wissenschaft so gut 
wie keine Früchte getragen hat, nicht einmal für die Sprachforschung, 
die doch nach poetischem Werth oder Unwerth weder fragt noch zu 
fragen hat. Man darf nur einen Blick ins mhd. Wörterbuch werfen, 
um sich von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen : man wird 
die Belege aus Hahns Ausgabe an den Fingern abzählen können. 
Wo der j. Titurel sonst etwa noch angerufen wird (es geschieht im 
Verhältnisse zu andern weit unbedeutendem Sprachdenkmälern selten 
genug) ist es nicht jene, sondern der alte Druck, aus dem sich Be- 
necke Einiges angemerkt hatte. Diese Belege sind aber öfter entweder 
offenbar verderbt oder doch zweifelhaft oder sonst der Art, daß man 
die Lesart der Heidelberger Hs. kennen lernen möchte. Es gebe 
sich aber Niemand der Hoffnung hin , an der Hand des Citats die 
betreffende Stelle in Hahns Ausgabe zu finden. Die Citate Benecke's 
beziehen sich nämlich auf die Capitel des alten Drucks , wie man 
sie , nach stillschweigendem Übereinkommen scheint es , zu zählen 
sich gewöhnt hat. Die Beifügung dieser Zählung im neuen Drucke 
wäre zwar sehr leicht und mühlos gewesen ; sie ist unterblieben : 
wie wir noch unlängst erfuhren, hat ein Herausgeber keine Ver- 
pflichtung, auf die Bequemlichkeit der Leser Rücksicht zu nehmen. 
Die Unmöglichkeit die Titurel-Citate des mhd. WB. in Hahns 
Ausgabe ohne die größte Zeitverschwendung zu finden , hat mich 
schon vor Jahren dahin geführt, mir zu eigenem Gebrauch eine ver- 
gleichende Tabelle über die Strophenzählung im alten und neuen 
Druck anzulegen. Der Wunsch , dieses bequeme Hilfsmittel auch 
Andern zu gute kommen zu lassen, bewegt mich meine Tabelle hier 
abzudrucken. Wie sie zu gebrauchen ist, wird jeder sogleich lernen. 
Nur eines ist dabei zu bemerken : da beide Drucke in der Strophen- 
zahl von einander abweichen (bald hat der Eine mehr bald der 
Andre) , so gewinnt man durch Addition nur selten genau die 



300 FRANZ PFEIFFER 

richtige Zahl, und es ist nöthig, erforderlichen Falles, den Blick auf 
einige Strophen nach vor- oder rückwärts zu richten. Z. B. Tni mhd. 
WB. 2, 216'' heißt es: „7nomere swv. gürten, munire? meniglich 
monierte sich üf den turney swinch. Tit. 13, 196 u. öfter." Das 13. Cap. 
des alten Druckes entspricht der Strophe 1630 bei Hahn, dazu 
196 Strophen gibt 1826 ; die Stelle findet sich aber bei Hahn Str. 
1824, und zwar steht hier nicht monierte, das im mhd. WB. zu 
streichen ist, sondern movierfe (vgl. darüber ebd. 2, 225''), wie öfter 
im Tit. 2563. u. s. w. — 2, 458'': ^^j^afemyn, iianfemtn stm. ein sehr 
kostbarer Seidenstoff" Tit. XHI, 28. 35. 36. — Hahn St. 1657. 58. 
65. 66., wo jedoch an den drei ersten Stellen, wie XXH, 35 nz 2805, 
überall povfemin, an der letzten povfeniil steht. — Das Citat aus 
Tit. XXVII, 151 für rdlen (WB. 2, 548») entspräche bei Hahn der 
Str. 3969, es ist aber Str. 3968, wo jedoch vdlen (wohl zz vcelen) 
steht. In dieser Weise wird sich, vorausgesetzt, daß die betreffende 
Strophe bei Hahn nicht fehlt, jede Stelle leicht finden lassen, nicht 
ohne einigen Nutzen, wie man sieht. 

Der alte Druck. Einleitung, 85 Strophen, Bl. 1^ — 5^ zi Hahn 
Strophe 1 — 76. 

Cap. I. 186 Str. Bl. 5^-13^ = 77— 256. 

„ II. 25 Str. Bl. 14^ -15" = 257—280. 

„ m. 185 Str. Bl. 15^— 24" = 281— 415. (es fehlen näm- 
lich bei Hahn die Strophen 144 — 185 des alten 
Drucks). 

„ IV. 60 Str. Bl. 24^—27" = 416—476. 

„ V. 86 Str. Bl. 27"— 31 '1 = 477-574. 

„ VI. 99 Str. Bl. 311— 36^ = 575— 663. 

„ VII. 114 Str. Bl. 36'J— 42" = 664— 780. 

„ VIII. 288 Str. Bl. 42"-55d = 781— 1087. 

„ IX. 51 Str. Bl. 56*— 58"= 1088— 1138.* 

„ X. 210 Str. Bl. 58'-— 68" = 1139— 1340. 

„ XI. 164 Str. Bl. 68^^-76 * = 1341—1502. 

„ XII. 134 Str. Bl. 76"— 82"= 1503—1629. 

„ XIII. 205 Str. Bl. 82^-92* = 1630—1833, 

„ XIV. 87 Str. Bl. 92"— 96" = 1834—1920. 

„ XV. 161 Str. Bl. 96"— 104* = 1921—2067. 

„ XVI. 162 Str. Bl. 104"- IIP' = 2068— 2228. 

„ XVII. 70 Str. Bl. 1 lH-1 15'» = 2229-2297. 

„ XVIII. 103 Str. Bl. 115*— 120* = 2298—2399. 



ZUM TITUREL. 301 

Cap. XIX. 124 Str. Bl. 120^— 126^ = 2400-2523. 

„ XX. 115 Str. Bl. 126^-1311' m 2524—2638. 

„ XXI. 132 Str. Bl. 13P— 137^ =z 2(339-2771. 

„ XXII. 140 Str. Bl. 137'^ -144" = 2772— 2910. 

„ XXIII. 158 Str. Bl. 144"— 152 ^ zz 2911-3065. 

„ XXIV. 340 Str. Bl. 153«— 168« = 3066—3396. 

„ XXV. 254 Str. Bl. 168"— 180" = 3397—3647. 

„ XXVI. 170 Str. Bl. 180"- 188*^ = 3648 -3817. 

„ XXVII. 302 Str. Bl. 188«-202'' = 3818—4119. 

„ XXVIII. 112 Str. Bl. 203^— 208'^ = 4120— 4229. 

„ XXIX. 132 Str. Bl. 208"— 214" = 4230—4354. 

„ XXX. 99 Str. Bl. 214^—219=* = 4355—4451. 

„ XXXI. 137 Str. Bl. 219"— 225 <• = 4452-4588. 

„ XXXII. 88 Str. Bl. 225^—2291 = 4589—4676. 

„ XXXIII. 181 Str. Bl. 230^— 238" = 4677-4854. 
XXXIV. 140 Str. Bl. 238<^— 245'» = 4855-4993. 

„ XXXV. 189 Str. Bl. 245^—254« = 4994—5176. 

„ XXXVI. 141 Str. Bl. 254«— 260« = 5177-5317. 

„ XXXVII. 96 Str. Bl. 260'"— 265« = 5318-5414. 

„ XXXVIII. 98 Str. Bl. 265"— 269<= = 5415— 5511. 

„ XXXIX. 285 Str. Bl. 269*^-284« = 5512-5767. 

„ XL. 423 Str. Bl. 284«— 302^- = 5768-6141. 

„ XLI. 88 Str. Bl. 302-^-306 = 6142—6206. 

Hahns Ausgabe zählt 6207, der alte Druck 6410 Strophen, diesem 
fehlen aber, wie bemerkt, auch öfter Strophen, die jene hat, so daß 
sich die Gesammtzahl der Strophen noch höher stellt. Im Ganzen genom- 
men habe ich die Wahrnehmung gemacht, daß dem alten Drucke eine 
Handschrift zu Grunde liegt, welche die bei Hahn abgedruckte an 
Alter und Güte übertrifft. Bei einer kritischen Ausgabe dürfte dieser 
daher so wenig außer Acht zu lassen sein, als die leider lückenhafte 
Heidelberger Papierhandschrift (Cod. palat. No. 141), die, obwohl 
erst dem 14. Jahrh. angehörig, doch zu den besten Überlieferungen 
des j. Titurel zu gehören scheint. 



Ich knüpfe hieran eine Erörterung über Wolframs Titurel. Be- 
kanntlich war Lachmann der Ansicht, der Titurel sei Wolframs 
zweites Werk, er berief sich dabei (Wolfram S. XX VH) auf Str. 37, 
welche auf die zwei ersten Bücher des Parzivals verweisen, und 
stellte demgemäß in seiner Ausgabe die Bruchstücke zwischen diesen 



302 FRANZ PFEIFFER 

und den Wilhelm. Diese Ansicht ist die allgemein geltende gewor- 
den und es ist mir nicht bekannt, daß man jemals ein Bedenken 
dagegen erhoben hätte. Die Sache mag Manchem sehr unerheblich 
scheinen, für Wolfram und seinen dichterischen Entwicklungsgang, 
also für seine Beurtheilung überhaupt , ist sie es gewiss nicht. Be- 
trachten wir vor Allem die von Lachmann angezogene Strophe. 

Wie (der erennche) Gahmuret schiet von Belacänen, 

und wie werdeclichen er erivarp die sicester Sclioysidnen, 

und wie er sich enhrach der Franzoisinne, 

des wil ich hie gesivigen und künden iu von magtuomltcher minne. 
Daß Wolfram hier auf den Inhalt der beiden ersten Bücher 
des Parzival anspielt, das steht außer allem Zweifel. Nur scheint 
mir hiebci die Frage zu entstehen, ob er, wie Lachmann annimmt, 
wirklich auf seine Bearbeitung des Parzival, oder ob er nicht viel- 
mehr bloß im Allgemeinen auf seine französische Quelle hier hin- 
weise, die nach der gewöhnlichen Annahme für beide Werke , den 
Parzival wie den Titurel, eine und dieselbe war, in welcher die Er- 
zählung von Letzterem nur eine Episode bildete, die Wolfram 
herausgenommen und besonders behandelt hat. Vor Beantwortung 
dieser Frage kommt es wesentlich darauf an , wie man die Worte 
des teil ich hie gesivigen erklärt, oder eigentlich ergänzt. Lachmanns 
Erklärung und Ergänzung kann, nach den daraus gezogenen Folge- 
rungen, offenbar keine andere gewesen sein als die : davon Avill ich 
hier schweigen, das habe ich schon in meinem Parzival erzählt. 
Ich zweifle aber sehr, ob diese Deutung richtig, ob dies die Art und 
Weise ist , wie ein mhd. Dichter auf ein schon fertiges , großes, 
gewaltiges Werk würde hingewiesen haben. Ein ähnlicher Fall ist 
mir nicht bekannt, vielmehr kennen wir aus zahlreichen Beispielen, 
mit wie bestimmten Worten die deutschen Dichter auf ihre altern 
Gedichte hinzuzeigen pflegen. Ich übersetze und ergänze die Stelle 
anders : davon will ich hier, au dieser Steile schweigen, mit andern 
Worten : dies übergehe ich hier (um es ein andermal zu erzählen), 
davon schweige ich für dießmal (mir vorbehaltend später darauf 
zurück zu kommen), und berichte euch hier von jungfräulicher Liebe, 
von Sigune und Schionatulander. Es ist also nicht sein eigenes, 
es ist kein von ihm schon vollendetes, sondern ein erst beabsichtigtes, 
ein so zu sagen zukünftiges Werk, welches Wolfram hier ankündigt. 
Erwägen wir, ob sich für diese Deutung im Titurel selbst be- 
stätigende Gründe auffinden lassen. Wie mir scheint, fehlen sie 



ZUM TITUKEL. 303 

durchaus nicht : es sind vielmehr sowohl innere als äußere Clründe 
vorhanden , die den Titurel als eine Erstlings- als eine Jugendarbeit 
erscheinen lassen. 

Schon Simrock hat (Wolfram 3. Ausg. S. 762) darauf hinge- 
deutet, daü der Titurel, wäre er vollendet, einen seltsamen Gegen- 
satz zum Parzival bilden würde, dessen Held der höchsten Aventüre 
nachjagt, während Schionatulander sein Leben um den Besitz eines 
Brackenseils hinopfert. Das ist eine gute und feine Bemerkung, die 
ganz besonders von Seiten derjenigen alle Beachtung verdient, welche 
die tiefe Idee im Parzival als Wolframs Eigeuthum erklären. Aber 
auch wer dieser Meinung nicht beipflichtet, sondern die Frage über 
des deutschen Dichters Antheil an der Gestaltung der Sage bis zur 
Auffindung des Werkes von Kiot für eine offene hält, wird doch 
keinen Augenblick den gewaltigen Unterschied verkennen , der in 
dieser Beziehung zwischen dem Parzival und Titurel besteht. In der 
That wäre es schwer zu begreifen, ja ein großes ßäthsel, wenn 
Wolfram, nachdem er in seinem ersten Werke, gewiss mit vollem 
Bewusstsein und in offenem, feindlichem Gegensatz zu der Strömung 
der Zeit, die ganze Kraft seines Geistes und Talentes an die Lösung 
einer Aufgabe gesetzt, die seiner Innern Neigung, seiner strengen, 
ernsten Richtung so durchaus entsprach, auch nur den Versuch 
gemacht hätte, für sein zweites Werk einen Stoff zu wählen, dessen 
Angelpunkt ein Jagdhund und ein Halsband ist und dessen tragische 
Conflicte nicht aus innerer Nothwendigkeit, nicht aus dem Ringen 
und Kämpfen um die höchsten Güter, sondern aus der kindischen 
Laune eines Mädchens, aus den thörichten Wünschen der Geliebten 
entspringen , dergleichen wir aus den britischen Romanen zur Ge- 
nüge kennen, um dann, füge ich hinzu, in seinem dritten Werke, im 
Wilhelm, abermals in jene erste, nach höhern, ewigen Zielen stre- 
bende Richtung einzulenken. Wolfram scheint unter allen mhd. 
Dichtern am allerwenigsten der Mann, dem wir ein so unsicheres 
Hin- und Herschwanken, ein solches, auch nur versuchsweises Ab- 
weichen von der einmal mit Entschiedenheit eingeschlagenen Bahn 
zutrauen dürfen. 

Alle diese Bedenken schwinden, sobald man den Titurel vor 
den Parzival setzt und als eine Jugendarbeit betrachtet. Dann ist 
die Wahl des Stoffes eben so natüi-lich , als dessen Aufgeben vor 
der Vollendung erklärlich. Als Wolfram das franz. Gedicht des 
Kiot von Parzival und dem Gral kennen lernte, mochte ihn die schöne 



304 FRANZ PFEIFFER 

Episode von Sigune und Schionatulander vmd dem tragischen Ge- 
schicke des jungen Helden, eine Episode, die wohl einen ziemlichen 
Raum einnahm und die Erzählung von Parzival in störender Weise 
unterbrach, vorzüglich anziehen und zu gesonderter Darstellung reizen. 
Der Gegenstand war für einen jungen Dichter verlockend genug: 
die gemeinsame Erziehung der beiden Kinder, das allmähliche Er- 
wachen gegenseitiger Neigung, das schüchterne, verschämte Geständ- 
niss, die Trennung Schionatulanders, um Sigunen „unter schiitlichem 
Dache" zu verdienen, ihre Wiedervereinigung und abermalige Tren- 
nung wegen der Grille der Geliebten , die das kostbare Brackenseil 
nicht missen wollte , sodann endlose Fährlichkeiten , Gefechte und 
Heldenthaten , endlich der Tod des Helden , die Klage der Sigune 
und deren Treue über das Grab hinaus , lauter Momente , wie man 
sie zu einem Gedichte für die damalige höfische Welt und deren 
Geschmack nur wünschen konnte. Wolfram hatte sich mit jugend- 
licher Begeisterung an die Arbeit gemacht, und ich stimme Jenen 
gerne bei, die diese Schilderung jungfräulicher Liebe weit über Alles 
stellen, was das Mittelalter Ahnliches darbietet; auch W. hat später 
nichts mehr zu Stande gebracht, was Dem an poetischem Zauber an 
die Seite gestellt werden dürfte. Im Parzival und Wilhelm ist es 
nicht mehr die „magtuomliche minne", sondern die ehliche, die Gatten- 
liebe, die Kinder- und Elternliebe, die Wolfram vorzugsweise und 
mit Vorliebe schildert und preist. Mir scheint als deute das erste 
Titurelfragment , die Schilderung der beiden Kinder und ihrer kei- 
menden Liebe, der wundervolle Reiz, der über dem Bekenntniss der 
Sigune ausgebreitet ist, auf das noch jugendliche Alter des Dichters, 
auf eine frühere Zeit, wo dessen Herz selbst noch für die ersten 
zarten Regungen der Sehnsucht, des liebenden Verlangens offen und 
empfänglich war. Li allen andern Stellen, wo er ähnliche Herzens- 
zustände schildert, merkt man leicht, daß sein eigenes Herz bereits 
in ruhigerem Tacte schlägt. 

Einige Stellen lassen vermuthen, daß Wolfram damals erst we- 
nige Jahre verheirathet war. In der 18. Strophe, wo der Tod Schoi- 
sianens bei der Geburt von Sigune erzählt wird: 

sm loip in ze rehter zit geteerte eines kindes. 

daz mich got erluze in mtnem 1ms eins sollten ingesindes, 

duz ich also tiure miiose gelten! 

die wile ich hdn die sinne so wirt es von mir gewünschet selten. 
glaubt man die angstvolle Besorgniss über- den möglichen Verlust 



ZUM 'J'ITUKEL. 305 

des eigenen geliebten Weibes nachklingen zu hören, und nicht minder 
scheint das hübsche Bild fcJtr. 86 

sicä klnt lernt üf sten an stileln diu mllezen ie zern ersten dar kriechen 
auf Beobachtung bei seinem eigenen Kinde zu beruhen. Im Parz. 
war das Kind, das hier noch erste Versuche im Stehen und Gehen 
machte, schon herangewachsen ; ich bin nämlich geneigt , der schon 
öfter ausgesprochenen Meinung beizustimmen, daß zu der Schilde- 
rung der kindlichen Obilot, dieses „liebenswürdigen Backfisches," 
Wolframs eigenes Töchterlein gesessen hübe. Aus dem Spielzeug 
der Mädchen, den Tocken, dagegen lässt sich, da in allen drei Ge- 
dichten davon die Rede ist und Wolfram , nach Simrocks nicht un- 
wahrscheinlicher Vermuthung (S. 700), zwei Töchter und somit 
deren Puppen lange Zeit vor Augen gehabt, für vorliegende Frage ein 
weiterreichender Beweis nicht ziehen. 

Als Wolfram den Titurel zu dichten unternahm, hatte er ge- 
wiss die Absicht, ihn zu vollenden, eben so gewiss als Schiller den 
Geisterseher, Göthe den Prometheus und die Achillcis, Uhland den 
Fortunat. Und eben so wie diese muß er beim AVeiterschrciten 
auf Hindernisse gestoßen sein, die ihn von der Beendigung abhiel- 
ten, auf Hindernisse, die theils im Stoffe, thcils in ihm selbst, im 
Dichter, lagen. Dieser Art sind 1. die Erkenntniss der Unmöglich- 
keit, eine begonnene Arbeit in der ursprünglich beabsichtigten W^eise 
auszuführen, 2. Abnahme des Interesses am Gegenstände und 3. Ver- 
änderungen, die während der Arbeit in den Anschauungen, in der 
Denkart, in der künstlerischen oder ethischen Richtung des Dichters 
eintraten. Bei Wolfram mögen diese drei Momente zusammenge- 
wirkt haben. Von dem grellen Gegensatze, welchen Stoff und Idee 
im Titurel zu jenen im Parzival bilden , war eben die Rede. Er 
reichte hin^ um, nach vorhergegangener Veränderung in seiner geisti- 
gen Richtung, das Aufgeben der begonnenen Arbeit zu erklären. 

Auch die von Wolfram gewählte Form scheint darauf von 
Einfluß gewesen zu sein. Bekanntlich war Wolfram, was aus mehr- 
fachen Anspielungen im Parzival erhellt, mit dem deutschen Volks- 
epos vertraut wie kein zweiter höfischer Dichter; außer dem Nibe- 
lungenlied in seiner ältesten Gestalt (C) muß er auch die Gudrun 
gekannt haben. Das beweist, mehr noch als die Stelle im Parzival 
25, 3 ff., das Metrum im Titurel, das nicht anders denn als eine 
Erweiterung und Umgestaltung der Gudrunstrophe mit Recht be- 
trachtet wird. Aus diesen Gedichten scheint er die erste Anregung 

GERMANIA IV. '^0 



306 FRANZ PFKIFFEIJ 

zum Dichten empfangen zu haben. Darum wählte er für seine erste 
Arbeit, die in die letzten Jahre des 12. oder die paar ersten des 
13. Jahrhunderts fallen wird , die strophische Form , die Weise des 
Volksepos, aber mit einigen nothwendigen Veränderungen, da es 
unerlaubt war, sich das strophische Metrum eines Andern anzueig- 
nen. Es ist, wie gesagt, zunächst die Gudrunstrophe, die er nach- 
ahmte; wie mir scheint keine glückliche Nachahmung, denn ich ge- 
stehe offen, daß ich in ihr den Wohlklang nicht finde, den man ihr 
nachrühmt. Schon die langgestreckten Versglieder und die durch- 
wegs klingenden Reime geben ihr etwas Schwerfälliges, die freie Be- 
weglichkeit, wie sie dem Epos ziemt. Hinderndes. Man denke sich 
ein Gedicht von tausend und mehr Strophen in diesem Versmaß! 
Gewiss lag in dieser Wahl ein Missgriff, den Wolfram zu ver- 
decken oder gut zu machen nicht im Stande war. In der That 
sind die Verse, auch „für den, der scandieren kann", oft kaum zu 
lesen: selbst Lachmann hat die Verwahrlosung des Metrums nicht 
zu läugnen vermocht (Wolfram S. XXTX) ; nur ist er der Mei- 
nung, dieselbe liege in der mangelhaften handschriftlichen Überlie- 
ferung. Ich glaube vielmehr der Grund liege tiefer, er liege im 
Dichter selbst. Die künstlerische Behandlung der von ihm gewähl- 
ten schwierigen Strophe gieng über seine Kraft: Wohllaut der 
Sprache, Anmuth der Form und Gewandtheit in deren Handhabung 
besaß er jedenfalls in geringerem Grade, als viele andere, weit 
minder begabte Dichter. Veranlassung genug, auch aus diesem 
Grunde die Weiterführung des Titurcl fallen zu lassen. 

Aber noch andere Umstände mögen dazu mitgewirkt haben; wie 
mir scheint, vornehmlich das Auftreten Hartmanns von Aue mit dem 
Erek und Iwein, ferner die Bekanntschaft mit der Aneide Heinrichs 
von Veldeke und andern Epen , die in den zwar althergebrachten, 
aber erst durch diese Muster zur allgemein üblichen Form des 
(nichtvolksmäßigen) höfischen Epos erhobenen kurzen Reimpaaren 
gedichtet waren. Zu diesem weit einfachei'n und leichter zu hand- 
habenden Versmaß griff nun , nachdem er den Titurel aufgegeben, 
auch Wolfram im Parzival , und er verharrte dabei im ^\'ilhelm. 
Daß er zwischenhinein auf den verunglückten strophischen Versuch 
verfallen sei, scheint mir, ich mag es betrachten von welcher Seite 
ich will, im höchsten Grade unwahrscheinlich. 

Ich bin noch nicht fertig, sondern glaube einen weitern Um- 
stand in Betracht ziehen zu dürfen, der mir ebenfalls von nicht un- 



ZUM TrruREL. 307 

erheblichem Gewicht zu sein scheint. Gervinus fand es höchst merk- 
würdig und für Wolframs Genius ein grolies Zeugniss, daß er in 
den Titurel - Bruchstücken die Auswüchse seiner frühern Manier 
beseitigte. Er habe hier gelernt seine Person aus dem Gedichte zu 
entfernen , mit seiner Person zugleich seine ironische Behandlung 
und seine satirische Bitterkeit; selbst seine Bilder seien zwar noch 
so keck, aber nicht mehr so sonderbar, oder wenn doch noch son- 
derbar, dennoch schüchterner als sonst u. s. w. Diese Beobachtung 
halte ich für ganz richtig, nur ziehe ich daraus den entgegengesetzten 
Schluß. Erstens ist es weitaus der seltnere Fall , daß ein junger 
Dichter mit einer ausgebildeten, bestimmten Manier beginnt, sich 
dann allmälich davon losmacht und zu höherer Freiheit der Form 
erhebt. Weit häufiger finden wir es umgekehrt, die Manier bildet 
sich erst später, nach und nach ; Beispiele dafür, auch aus der neuern 
Zeit und aus der Gegenwart, ließen sich, wenn es nöthig wäre, in 
großer Zahl anführen. Aber die Möglichkeit des ersten Falls für 
Wolfram angenommen , wäre es dann nicht auffallend , daß die 
Auswüchse seiner Manier, von der sich Wolfram im Titurel befreit 
haben soll, in demselben Maße im Wilhelm wiederkehren, wo es 
eben so wenig als im Parzival an Ausbrüchen ironischer Bitterkeit 
und sonderbaren, barocken Bildern mangelt? Mit der Manier soll 
er angefangen, dann sie auf kurze Zeit abgelegt haben, um ihr bald 
darauf wieder von neuem die Zügel schießen zu lassen. Welche 
Widersprüche! Ich meine, gerade die Abwesenheit der Ironie, der 
Satire, der Sonderbarkeiten, kurz der ganzen, in den beiden andern 
Werken so scharf ausgeprägten Manier, nicht weniger der Inhalt, 
die Form und Behandlung, all das deute im Titurel auf das jugend- 
liche Alter des Dichters, auf eine Zeit, wo sein Herz noch von 
sanften Empfindungen erfüllt und durch trübe Erfahrungen noch nicht 
verbittert war, wo sein Geist noch nicht die spätere ernste Richtung 
genommen, wo er noch frei war von den Fesseln übler Angewöhnungen 
(Manier), und der Dichterstolz, der später überall seine Person hervor- 
treten ließ, sich seiner noch nicht bemächtigt hatte. Dieser Auffassung 
tritt jene oben gegebene Erklärung der 37. Strophe bekräftigend zur 
Seite und erhält umgekehrt durch die vorstehenden Erörterungen will- 
kommene Bestätigung: ich glaube, wir dürfen nicht zweifeln, daß der 
Titurel eine Jugendarbeit, daß er Wolframs erstes Gedicht ist. 

Ob diese Änderung in der Reihenfolge seiner Werke für die 
Beurtheilung Wolframs und seiner dichterischen Entwicklung günstig 

20* 



308 KARL BARTSCH 

ist oder nicht, darum haben wir uns, wo es die Ermittlung der 
Wahrheit gilt, nicht zu kümmern ; wie der Wilhehn im Ganzen weit 
gegen den Parzival zurücktritt, so kann sich dieser, wenn wir von 
der Idee und dem sittlichen Gehalt abschen , mit dem Titurel an 
frischer, überquellender Poesie in keiner Weise messen : wir finden 
also in Wolframs Werken einen stäten stufenmäßigen Rückschritt. 

WIEN. Februar 1859. FRANZ PFEIFFER. 



ZUR EÄTHSELLITTEPiATÜE. 



In meinen Denkmälern der provenzalischen Litteratur habe ich 
eine provenzalische Sammlung von Räthselfragen herausgegeben die 
in das Gewand einer Erzählung gekleidet ist. Ein junger Mensch 
aus Poitou empfiehlt sich einem Manne, und wird von diesem wei- 
ter an den Bischof, vom Bischöfe an den König und schließlich an 
den Kaiser Hadrian gesendet. Der Kaiser schickt ihn zu einem als 
sehr weise bekannten Herzoge. Nach einer andern Bearbeitung des- 
selben Gegenstandes wird ein kleiner Knabe an den Erzbischof und 
von diesem an den Patriarchen von Jerusalem empfohlen ; der Pa- 
triarch sendet ihn zu einem Herzoge , der für den weisesten Mann 
im Orient bekannt war. In ähnlicher Weise werden die Antworten 
des weisen Sydrac eingeleitet. Derselbe kommt an den Hof des 
Kaisers Friedrich (des Zweiten?) und setzt alle Leute durch sein 
großes Wissen in Erstaunen. Er giebt ihnen zu verstehen, er be- 
sitze in seinem Schatze ein Buch, das der König von Spanien sei- 
nen Vorfahren gesendet. Als der Kaiser von diesem Buche hörte, 
war er sehr begierig es zu besitzen und sandte einen Boten zum 
Beherrscher von Tunis. Dieser liel.^ ihm antworten, er möge ihm 
einen Mann senden, der sarrazenisch und latein verstehe: worauf 
der Kaiser ihm einen Mönch au.s Palermo schickte, der das Buch 
ins Lateinische übertrug. An dem Hofe des Kaisers lebte ein Geist- 
licher aus Antiochia, der Theodorus der Philosoph genannt ward, 
und den der Kaiser sehr liebte. Dieser Theodorus übersetzte das 
Buch (ins Romanische) und sandte es dem Patriarchen von Antiochia. 
Ich führe das im Älittclnltcr viel verbreitete Buch^ von dem es auch 



ZUR RÄTHSELLITTERATUR. 309 

eine provenzalische Bearbeituno; giebt (sieh mein Lesebuch S. XX.) 
hier an, weil es in der Anlage und in den Gegenständen eine große 
Ähnlichkeit hat und weil beide Erzeugnisse ein und derselben ency- 
clopädischen Richtung des Mittelalters angehören. 

Die Fragen nun, die der Kaiser in dem provenzalischen Werke 
dem weisen Manne oder Knaben vorlegt, erstrecken sich zum größ- 
ten Theil auf biblische Gegenstände und sind mehr eine Catechisa- 
tion als Räthsel: der Schluß geht auch wirklich in einen förmlichen 
Catechismus über. Unter den Fi-agen sind aber einige, die ihres 
allgemeinen Interesses wegen hervorgehoben zu werden verdienen. 
Die erste Frage gleich: 'woher kommst du?' mit der Antwort 'von 
Vater und IMutter' {iienir in der doppelten Bedeutung 'kommen' und 
'abstammen') erinnert an die neckenden Antworten, die der PfafF 
Amis giebt, so wie an die Räthseldichtung vom Trougemunt und 
andere. Auch die zweite will ich erwähnen, weil sie eine eigenthüm- 
liche Anschauung ausspricht. Der junge Mann wird gefragt 'hast 
du eine Religion?' und er erwidert 'wo eine Frau ist, da ist (meine) 
Religion.' In dieser kurzen Antwort spricht sich ein großer Theil 
der Lebensanschauung aus , die das höfische Leben im Mittelalter 
durchdringt. Die Frauen sind zu einem Gegenstande abgöttischer 
Verehrung geworden, ja der Mariencultus selber ist nur ein idealer 
Ausdruck für die weltliche Liebe, der in vielen Mariendichtungen 
des Mittelalters sogar eine ziemlich sinnliche Färbung trägt. Auf 
die Frauenliebe wurde das Leben bezogen, ja sogar die Wissenschaft 
hatte in den höfischen Kreisen nur insofern Werth , als sie zur Un- 
terstützung der die Frauen feiernden Dichtung beitrug. Haben doch 
südfranzösische Gelehrte des vierzehnten Jahrhunderts selbst ihre 
aus den alten Meistern gezogenen Regeln für Grammatik , Metrik 
und Rhetorik ein Gesetzbuch der Liebe (las leys d'amors) genannt! 

Auch unter den zunächst folgenden tragen einige Antworten 
wieder den neckenden, die Frage abwehrenden Geist an sich, den 
wir schon erwähnten : so die über die Erschaffung des Himmels 
handelnden. Auf die Frage 'was ist der Himmel?' giebt der Knabe 
zur Antwort 'ein ausgebreitetes Fell.' 

Ehe wir zu den folgenden Fragen, denen die früheren nur als 
Einleitung vorangiengen und mit denen das eigentliche Examen be- 
ginnt, uns wenden, müssen wir einige ähnliche Werke anführen, um 
die Verbreitung derartiger Erzeugnisse würdigen zu können. Die 
älteste mir bekannte Handschrift ähnlichen Inhaltes befindet sich in 



I 
i 



310 KARL BARTSCH 

Schlettstadt und ist im Serapeum 1845, S. 28, von Bethmann be- 
schrieben. Sie gehört dem Anfange de-s neunten Jahrh. an und 
enthält neben theologischen Sachen einen Abschnitt mit der Über- 
schrift „Incipiunt joca monachorum." Leider hat Bethmann nur 
sehr wenige von den darin enthaltenen Fragen mitgetheilt, aber schon 
diese reichen hin, um den Zusannnenhang und die Übereinstimmung 
mit der provenzalischen Keconsion zu erkennen. In wiefern eine 
Münchener Papierhandschrift (cod. chartac. germ. 4". Nr. 100) aus 
der Mitte des 15. Jahrh. (Anzeiger 2, 277), die biblische Räthsel in 
lateinischer Sprache enthält, mit der Schlettstädter Hs. übereinstim- 
mend oder verwandt ist, vermag ich nicht anzugeben. Dagegen kom- 
men dieselben Räthselfragen , die die provenzalischen Texte enthal- 
ten, in einer spanischen Bearbeitung vor, in einem von Mone (An- 
zeiger 1, 284) beschriebenen Drucke „Historia de la donzella Theodor 
Sevilla 1545." 4". 4 Bogen. Doch ist die Einkleidung abweichend, 
indem ein Wettstreit einer Christin Theodora mit den drei Weisen 
des Mohrenkönigs Miramamolin Almansor fingiert wird. Diese spa- 
nische Bearbeitung stinunt am meisten , so weit ich urtheilen kann, 
mit der in der Pariser Hs. 7693 enthaltenen pruvenzalischen. Einige 
Beispiele werden die Übereinstimmung der verschiedenen Bearbei- 
tungen zeigen. 

Schlettstädter Hs. Pariser Hs. 7693. 

Interr. Quid primum ex deo pro- Lo emperador demanda : que dis 
cessit? Resp. fiat lux. dieus premieyramens ? l'efan dis: 

fiat lux e facha es lus. 

La Vall. 14. 
Que issi premieramen de la boca de dieu ? Respos : paraula en co- 
messamen; und dann: Que paraulet a la segonda vetz? respos: sia 
faita lux. 

Schlettst. Hs. La Vall. 14. 

Interr. Quis est mortuus et non est Cal fo mort e no natz? respos: 

natus? R. Adam. ') Adam. 

Quot filius (so!) habuit Adam? (Jans filhs e cantas tilhas ac Adam? 

wo die Antwort nicht mitgetheilt respos : XX filhs e trenta filhas 

ist. et estiers Caym et Abbel e Seth. 

') Dieselbe Frage findet sich in einer Hs. des 17. Jhd. in Gent (Anzeiger 7, 50) 
'Quis mortuus est et nunquam natus? Adamus', und ip einer Tübinger Hs. (Nr. 1493) 
des 15. Jahrh. (Anzeiger 7, 50) heißt es ebenso 'Adam fuit moi'tuus. sed non natus'. 



ZIK RATHSELLITTERATrß 



311 



Cujus sepuk-rum quesitum et non 
invenUun ? Movsis. 



QuotgenorasuiitvoluerninV LIIII. 



Cal foii aquel estiersi Jhesu Crist 
que al sepulcre no fo trobatz? 
re.spos : Moyzen. 

Cantas manieyras suii de vola- 
terias? respos : LIIII. 

Die Ubereinstiunnung mit dem spanischen Texte zu zeigen, 
mögen folgende Beispiele dienen : 

Paris. Hs. 7693. Span. Druck. 

Lü eniperador demanda: que ta Que haze el sol de noelie V R. 
lo solelh de nuegz? Tefan dis : alumbra a los inliernos, alunibra 



o raja que dona lum en purgatori 
o raja que dona kim a la nuir e 
pueys en orien e torna elard.itz 
a totz. 

Li Vall. 14. 

Que sosten la terra? respos: aiga. 
Que sosten aiga ? respos : peira. 



da 



ib 



umbre al 



jnirgatorio. 



Sjian. Druck. 

Quien sostiene la tierra V los 
quatro elementos ') , fuego infer- 



Que soste peira? respos: catre nal, los abismos que son de baxo 

bestias que son catre evangelistas. de la tierra. Quien sostiene los 

Que soste las catre bestias? respos: abismos que son de yuso de la 

foc. Que sosten foc? respos: abis. tierra? R. el arbol que lue plan- 

Que soste abis? respos: l'albre tado en el parayso, que la rayz 

que del comensamen es jjauzatz, del yva en el inlierno ante de la 

que es Jhesu Crist. passion de Jhesu Cristo. 

Ausführlicher in der Pariser Hs. 7693. 'Lo emperador demanda: 
Que soste la terra? l'efan dis: ayga. Lo emperador demanda: Que 
soste l'ayga ? l'efan dis : peyras. Lo emperador demanda : Que soste 
las peyras? l'efan dis: Uli. evangelistas. Lo emperador demanda: 
que soste los IUI. evangelistas ? l'efan dis : fuoc esperital, en lo cal 
es la ymage dels angels e dels archangels e la iigura ^). Lo emperador 
demanda : Que soste fuoc esperital? l'efan dis : abis. Lo emperador 



') Wohl entstellt aus 'evangelistas". 

•) Vgl. damit die früheren Antworten auf die Frage: wie viel Himmel es gebe? 
wo gesagt w-ird 'autre (cel) n'i a que discen apres que es ayssi co fuoc esperital, 
en lo cal es la ymage e la semblansa de nostre senhor dieus e la figura . . . autre 
n'i a que dissen hunianal natural de Jhesu Cristz, en lo cal es la ymage dels 
angels e la figura'. Im Ganzen werden hier seclis verschiedene Himmel auf- 
geführt. 



312 KARL BARTSCH 

demanda : Que soste abis? l'efan dis: albres que fon plantatz en 
paradis, en aqucll albre ostan los patriarchas eis prophetas, e d'aquestz 
albre dis la sancta escriptura, que soste la terra e la mar c totz lo 
mon. Lo emperador demanda: que soste aquest albre? l'efan dis: 
am lo comandamen de nostre senlior Ihesu Christz et am la gracia 
del sant esperitz.' 

Die ganze Vorstellung von dem im Paradise gepflanzten Baume, 
der die Welt trägt, hat etwas Volksthümliches und erinnert unwill- 
kührlich an den Weltbaum Yggdrasil, auf dessen Wurzeln nach nor- 
discher Mythe die Welt ruht. — Diese zum größten Theil wört- 
liche Übereinstimmung in Handschriften vom 9. bis 17. Jahrh. und 
in verschiedenen Sprachen kann, da die meisten Fragen nicht volks- 
thümlich sind, kaum anders als durch Herleitung aus einer gemein- 
samen schriftlichen Quelle gedeutet werden. Die lateinische Bear- 
beitung ist jedenfalls die ursprüngliche, und der Zweck dieser Räth- 
selfragen war, wie aus der Überschrift der Schlettstädter Hs. her- 
vorgeht, die Mönche in ihren Mußestunden zu zerstreuen. Die 
provenzalischen Texte sind Übersetzungen aus dem Latein, und der 
spanische Druck könnte bei dem Einflüsse , den die provenzalische 
Litteratur auf die frühere spanische übte , aus dem Provenzalischen 
herstammen, wenn nicht aiich er unmittelbar aus dem Lateinischen 
geflossen ist. 

Aus den einzelnen Bearbeitungen will ich nun hervorheben, 
was durch seinen Inhalt von Interesse scheint. In der Schlettstädter 
Hs. 'Quis est' natus et non est mortuus? Helias et Enoch;' und 
ebenso in der erwähnten Tübinger Hs. 'Enoch fuit natus, sed non 
mortuus.' Ahnlich im provenzalischen Texte (Denkmal. 307, 22), 
nur auf Christus angewandt, er sei geboren worden und nicht ge- 
storben. 

Qui femina (so !) ante cognovit filium quam maritum ? S. Maria 
('cognovit' in doppelter Bedeutung gebraucht), womit das von Mone 
(Anzeiger 8, 41) aus einer Hs. in Douai unter Nr. 54 mitgetheilte 
Räthscl verglichen werden kaim : Qui femina dedit quod non accepit? 
Eva, lac. 

Qui prinnis dicit (1. didicit) litteras? Mercurius gigans et Enoch 
filius Jaret, ipse est scriba ante portas Hierusalem celestem nomina 
justorura. Damit vgl. die provenzal. Frage (308, 32) Cal fe pre- 
mieyraraen letra? respos : Seth. 

In der provenzalischen Bearbeitung : 



ZUR RÄTHSELLITTERATUR. 313 

Cals fon mortz doas vetz et mia vetz natz ? respos : Lazer. 
'Wer ist zweimal gestorben und nur einmal geboren? Lazarus.' — 
Cal canza es pus greu de traire? respos: cor d'ome et ira de rey. 

— Cal cauza es pus leugieira el mon? respos: pessier d'ome; und 
in der zweiten Bearbeitung: Cals es la pus laugieyra causa que sia 
en aquestz mon? l'efan dis : pesssamen d'ome. 'Was ist das leich- 
teste Ding auf der Welt? Der Gedanke des Menschen.' — Cals es 
la causa que es cominals a rics et a paures ? l'efan dis : naysser e 
morir. 'Was ist reichen und armen gemeinsam? geboren werden 
und sterben.' — Cal cauza toca hom e no ve hom? respos: anima. 
Cal cauza ve hom e no toca hom? respos: lo cel, und Cals es la causa 
que negun home non la potz tocar e neguna manieyra? l'efan dis : 
lo cel [e] ni vezer Farma d'ome. 'Was kann man berühren und 
doch nicht sehen? die kSeele. Was kann man sehen und doch nicht 
berühren ? den Himmel '). 'Tocar' ist doppelsinnig und heißt in der 
ersten Frage 'rühren', in der zweiten 'berühren.' — Cal cauza es 
delectabla? respos: nueg, car an may de repaus las gens. 'Was ist 
das angenehmste Ding? Die Nacht, dann haben die Leute Ruhe.' 

— Cal cauza va ad una et ad autra torna? respos: plueja. 'Wel- 
ches Ding geht auf eine Seite und kehrt auf die andere? der Re- 
gen.' — Cal cauza es que soste fais e nol sen? respos: cap d'ome, 
los cabelhs no sen nil nombre no sap. 'Welches Ding trägt eine 
Last und fühlt sie nicht? der Kopf des Menschen, die Haare.' — 
Cal causa es que met rams e non fuelhas ni flors ni portan frug? 
respos : lo cap de ser que a banas e no florisson ni granon ni por- 
tan fruch. 'Welches Ding setzt Zweige an und doch weder Blätter 
noch Blüthen und trägt keine Frucht? Das Haupt des Hirsches, 
sein Geweih blüht nicht und trägt keine Frucht.' — Cal cauza es 
que tira a se et ad autre dona mort? respos: arc. 'Welches Ding 
zieht an sich und gibt einem andern den Tod? Der Bogen.' Auch 
hier steht 'tirar' doppelsinnig. — Que son dos bevens e dos tensonens 
e catre estan dressadas vas lo cel ? respos : dos buous e dos senalhs 
e catre banas que tenon eis caps. 'Was ist das: zwei trinken, zwei 
tönen und vier sind gen Himmel gerichtet? Zwei Ochsen, zwei Schel- 
len und die vier Hörner der Ochsen.' — Cal cauza es qu' es en 
terra semenat e creys aissi com Libanus e pent en fust e nays en 
aiga et es aplombat a soleilh et estay ab ferre et es deromputz per 

') Damit vgl. das italienische Räthsel, Anzeiger 7, 384. Qual e qnella cosa che 
si vede e mai non si pnö prendere? Tombra. 



314 KAKL HAKTSCII, ZUR RÄTHSELLITTERATUR. 

homes e del cal son glieyzas adornadas? respos: so es gran de li. 
'Was ist das : es wird gesäet und wächst wie der Libanon , hängt 
am Holze und wird geboren im Wasser, wird gebleicht an der 
Sonne und ist beim Eisen, wird zerrissen von den Menschen und 
Kirchen sind damit geschmückt? das Leinkorn.' 

Diesen Fragen, die zum Theil wirkliche Räthsel sind, reihe ich 
noch einige an, die durch die ihnen zu Grunde liegende Anschauung 
Erwähnung verdienen. Que es luna? respos: resplandor de ten- 
ebras e doctrina de totz mals. 'Was ist der Mond? die Leuchte 
der Finsterniss und die Lehrerin alles Bösen.' — Cal cauza es verge? 
respos: letra en evangeli. 'Was ist eine Jungfrau? ein Buchstabe (?) im 
Evangelium.' — Que es femna pura ? respos : via bragoza. 'Was ist 
eine reine Frau? ein dorniger Weg.' — Cal cauza es femna bela? 
respos : mala cobezeza et embrassamen de luxuria. 'Was ist eine 
schöne Frau? eine verderbliche Reizung und Umarmung der Üppigkeit.' 
Zum Schluß noch eine Frage, die die Schöpfung des Menschen 
betrifft; aus Paris. 7G93. Lo emperador demanda: de cantas causas 
fo fagz Adam? l'efan dis, que de XII, de lima e de l'ayga, de la 
mar e del solelh , e de las nivols del cel e del ven e de peyras e 
del santz esperitz : del limo della terra fo facha la sia carn, el sanc 
de l'ayga de la mar, eis huells de sollelh, car enaysi coma lo sölelh 
es lums de la terra, enayssi so lo(s) huells del cors. e de la nivol fo 
facha la cogitatio e del vent, e de las peyras son los osses, el del 
santz esperitz l'arma. enayssi co fo fagz del limo de la terra, dec 
esser plus lis, e de l'ayga motz savis e del solelh motz nobles e de 
las nivols motz cars e del ven motz laugiers e de las peyras motz durs 
(vgl. Ovid, metamorph. I, 415) e dels santz esperitz, per que dec esser 
motz bos e motz hobediens a nostre senhor dieus et als cieus man- 
damens. Ahnlich wird die Schöpfung und Zusammensetzung des 
Menschen aus verschiedenen Elementen in dem deutschen Gedichte 
der Vorauer Hs. (bei Diemer S. 95, 96), und in Prosa in einem 
angelsächsischen Stücke, das in Ettmüllers scopas and boceras 
S. 42, 14 steht, angegeben. Vgl. auch Myth. 526. 

Noch will ich hier ein paar Räthsel beifügen , die eine Hand 
des 16. Jahrh. auf die letzte Seite der Nürnberger Hs. Cent. VI. 89 
geschrieben hat : 

Ich weiß mir eyn feßlin fein, 

dez muter ist eyn junckfrawlein : 

is sey foll oder 1er, 



ADOLF HOLTZ.MANN, NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 315 

SO yst is allewege gleich swer. 

Sund vnd boßhait hat mich beßessen, 

wann muterlich fleisch bin ich essen : 

ich soche myn bruder, myner muter son, 

vnd bekenne nicht myner frawen man. ') 

Der mein vater waß, 

dez pin ich worden muter: 

ich zouch mir eyn sehen son 

auß dem man meyner muter. 

KARL BARTSCH. 



NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 



DER NIBELUNGER LIET. 

Vor mehreren Jahren brachten Wiener Blätter die Nachricht, 
daß Herr Julius Feifalik eine neue .Nibelungenhandschrift gefunden 
habe. Aus Wien konnte ich keine nähere Auskunft erhalten. Zarncke 
in seiner Ausgabe des Lieds S. XXIII und Gödeke im Grundriß 
S. 102 gaben einige die Neugierde reizende Winke, zugleich erfuhren 
wir, daß die ganze Handschrift gedruckt bei Rümpler in Hannover 
erscheinen werde. Seither sind wieder Jahre verstrichen , und die 
Ausgabe ist noch nicht erschienen. Endlich bin ich durch Pfeiffers 
freundschaftliche Fürsorge in Stand gesetzt, meine Neugierde zu 
befriedigen '^). Was ich im Folgenden mittheile, Avird hoffentlich bis 
zum Erscheinen des vollständigen Abdrucks nicht unerwünscht sein. 
Ich kann jedoch nicht umhin zuerst einige kurze Proben aus ver- 
schiedenen Theilen des Gedichts abdrucken zu lassen. Die einge- 
klammerten Zahlen sind die Strophen der Handschrift, die anderen 
die Strophen meiner Ausgabe. 

Str. 1-8. 
(1) Was man von wunder saget von stürmen und von streit 
und die da sein geschehen bey kunig eczells zeit 
Der nam ein schone frawen als man noch hört sagen 
sich hub durch iren willen groß jamer unde clagen. 

') Aus dem Roman von ApoUonius v. Tyrus, vgl. Massmanns Denkmäler S. 10. 

^) Die Handschrift (Papier, Quart, 15. Jhd.) befindet sich auf der Bibliothek des 
Piaristen-Collegiums dahier. Eine ausführliche Beschreibung derselben werde ich 
später bei Darlegung ihres übrigen reichen Inhalts geben. Pfeiffer. 



316 ADOLF HOLTZMANN 

(2) Die fraw die ward erczogen dort in purgunderlant 
Eins edlen kuniges toebter krenhillt was si genant 
Es lebt bey helldes czeitten nie rainniglicber weib 
Durch si manch kuner degen verlos den seinen leib 

(3) Sie was gar wunder schone die kunigin lobesam 
Ir dint czwelfF kuniges kröne alls irem adell czara 
und manig edler furste der was ir undertan. 

kein schöner weib aufF erden das leben nie gewan 

(4) Die kunigin het drey bruder drey edell kunig reich 
gernot und auch gunther czAven degen lobeleich 
Der drit hies ge'selhere ein junger kunig czart 
krenhillt die was ir Schwester geporn aus kuniges art 

(5) Die herren waren millde von adell hochgeporen 
in stürmen und in streitten zu noten auserkoren 
In dienet an dem reine die leüt und auch die lant 
si czAvungen manig reiche mit hellanthaffter hant. 

(6) Zu Wurmes an dem reine sassen die hellde gut 
in dient in niderlande manch ritter hochgemut 
wann si vil hoher eren pflagen czu aller czeit 

sie rausten alle sterben durch czweyer frawen neit 

(7) Ir fater der his gibich ein edler kunig reich 
ir muter hies fraw ute die w^as so minigleich 
kunig gibich was in noten ein ritter unverczagt 

■wann er mit mannes kreffte manch hohen preis bejagt. 

(8) Darnach in kurczen czeitten der edell kunig starb 
gunther nach seinem tode die kröne da erwarb 
der was sein elltster sune dem ward da undertan 

die lant und auch die leutte manch wunderküner man 

(9) Im dient von throne hagen und auch der prüder sein 
Danckwart und auch von mecze der küne helt ortwein 
dar zu czwen kune ritter gundram und auch hanolt 
die dienten bed krenhillden umb iren reichen solt. 



Str. 11—29. 

(21) Der wuchs in niderlanden und waz eins kuniges kint 
sein vater hies Sigmunde sein muter hies Siglint 
seyfrit so hies der junge und ward ein starcker man 
Er warb nach breis und ere allezeit der junge man. 

(22) Er pflag vil grosser stercke der edel rytter gut 



NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 317 

Nach stürm und hartten streitten stund im sein sin und mut 
Dui'ch streit und abenteure durchczoch er manig laut 
bis er kam gen burgunden der wunderkun weygant. 

(23) Er rang nach kuniges wirde sein hercz waz unverzagt 
wann man in manchem lande von seiner manheit saat 
Es wuchs in hohen eren sein wunder stolczer leip 

in breysset in purgunden vil manig schönes weip. 

(24) Vnd da seyfrit der degen czu czweinzig jaren kam 
vil tugent czuclit und ere der helt da an sich nam 
Er hielt gar wol in hüte sein reich und als sein lant 
des lopt in in dem lande vil manig kün weygant. 

(25) Da er nun was gewachssen der degen unverczeit 
da pflag sein allezeit gerne vil manig schone meit 
In lopten auch di frawen den kunig hochgeporen 
im dint manch guter rytter di er het auserkoren. 

(26) In hilt gar wol in hüte sein fater kunig sigmunt 
und auch siglind sein muter wann im zu aller stunt 
gern dinet lant und leute sein lop waz weit erkant 
im wurden undertenig bürg stet und weitte lant. 

(27) Der helt nam zu an krefFte daz er wol waffen trug 
wann er in seiner jugent vil mangen tode schlug 
aufF stürmen und auff streitten legt er den seinen fleis 
mit seiner mannes kreffte bejagt er hohen preis. 

(28) Sein fater lies ausruffen ein hof und einen solt 

er sant nach mangem recken wer rytter werden Avolt 
daz er gen hofe keme dem wolt sein werde haut 
geben vil reiche gäbe silber und reichs gewant. 

(29) Di mer di kamen balde für mangen werden man 
für fursten und für herren wer im was undertan 
di saümpten sich nit lange und kamen alle dar 
und dintten all dem kunige ir waz ein grosse schar. 

(30) Der hoff der nam ein ende manch rytter unverczagt 
vil grosses lob und ere da auff dem hof bejagt 
durch schöner frawen willen mit helanthaffter haut 
manch wunder kuner degen kam auff den hof gerant. 

(31) Vir hundert oder mere di waren unverczeit 
kamen seyfrid zu dinste und manig schone meit 
di dinten im all gerne er gab in reichen solt 
von in laucht daz gestaine darzu das rote golt. 



>l8 ADOLF HOLTZMANN 

Str. 731-741. 

(719) Da dacht zu allen czeitten des kuiiig gunthers weip 
wv bricht sich also hohe der schon krenhilden leip 
lind ist doch unser eygen und auch seyfrid ir man 
daz er uns nit wil dinen wy sol ich daz verstan. 

(720) Das lag ir an dem herczen als ich hie han geseit 
daz si ir waren fremde daz waz brunhilden leit 
daz ir nit wolte czinsen seyfrit und als sein lant 
warumb er ir nit czinste daz waz ir unbekant 

(721) Brunhild versuchet dicke wy daz nun mocht geschehen 
das si di schon krenhilden mit äugen mocht ansehen 

si reifzt allezeit den kunig heimlich in zoi'nes niut 

daz gfil nit wol dem kunige und daucht den helt nit gut. 

(722) Wy kund wir si her bringen so sprach der kunig reich 
waz wolt ir ir czart frawe das dunckt mich wunderleich 
Si sein uns vil czu ferre und dars darumb nit bitten 
Des antwurt im brunhilde aus listen und mit sitten 

(723) So hoch ward nie geporen auch keines kuniges man 
waz im gepüt sein herre wy torst er daz gelan 

des lacht gunther ir herre da si das zu im sprach 
Er gert sein nit zu dinste wann er seyfriden sach. 

(724) Si sprach vil edler herre nun tut den willen mein 
und schicket nach seyfriden und nach der frawen sein 
daz si zu uns her kumen daz wir si kurczlich sehen 
so mag mir in der weite ie libers nit geschehen. 

(725) Eur schwester ist so schone czuchtig und hochgemut 
wenn ich denck an ir tugend wy sanffte mir daz tut 
ir trevv und ir enpfahen da ich kam in daz lant 

mir ward nie senffter grussen auff erden mer bekant 

(726) Si pat in also lange bis das der kunig sprach 

ir seit der pet gewert wann ich nie gerner sach 
kein gast in disem reiche und in dem lande mein 
ich peut in daz si kumen zu uns her an den rein. 

(727) Da sprach di landes frawe her kunig ir seit mir sagen, 
wen ir da hin wolt senden oder in welchen tagen 

so sollen unser freunde her kumen alle sant 
wen ir da hin wolt senden sagt wy ist er genant, 

(728) Er sprach ich wil hin senden wol dreissig meiner man 
Er sant nach seinen beiden und his si für sich gan 



NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 319 

di er hin wolte senden dem kunig aus niderlant 
den gab brunhilt zu lone gar kosperlich gewant. 
(729) Da sprach der kunig reiche ir held ich wil euch sagen 
waz ich euch dort heiß werben des solt ir nit vertagen 
heißt seyfrid mir her kumen imd auch di Schwester mein 
sagt in mein dinst und hulde waz ir dort mag gesein. 
Str. 1166-1173. 

(1153) Es was czu den geczeitten das sicli f'raw helche starb 
und das der kunig eczell umb andre frawen warb 

da rieten im die seinen in der purgunder laut 
zu einer werden witwen Kronhillt ist si genant 

(1154) Seit das gestorben were der schön fraw helche leib 
Sie sprachen wollt ir nemen icht mer ein edel weib 
Die hosten und die pesten die kunig ie gewan 

So ncmt die seilten witwen der seytridt waz ir man 

(1155) Da sprach der kunig eczell wie mochte das ergan 
seit das ich bin ein liaiden und taüffes nit enhan 
So ist die fraw ein cristin villeich si tut sein nicht 

es muß doch sein ein wunder ob es doch ie geschieht 

(1156) Da sprachen all die seinen villeicht sis aber tut 
Durch ewren hohen namen und durch ewr niichel ffut 
man sol es ie versuchen an das vil edell weip 

Nun mügt ir gerne werben umb iren stolczen leip. 

(1157) Da sprach der kunig eczell wem ist bei euch bekant 
Dort niden an dem reine die leut und auch die laut 
Da sprach von pechalare der margraf rudinger 

Ich hab erkant von jugent die edell kunigin her 

(1158) kunig gunther und kunig gernot di stolczen helde gut 
und geyselher der junge ir iglicher der tut 

in hohem lop daz pe.ste daz kunig ie began 
daz band ir allte mage vor czeittcn auch getan. 

(1159) Der kunig sprach edler degen ir solt mir eben sagen 
ob si ob meinem lande die kröne mochte tragen 
und ist ir leip so schone alls man uns von ir seit 
Da antwurt rudigere ein fürst gar unverczeit 

(1160) Si gleichet wol mit schone der edlen frawen mein 
heichen der kunigin reiche es moclit nie schoners sein 
kein kunig bey beides czeitten gewan nie schöner weip 
und wem si wurt zu taile dem tröstet si den leip. 



320 ADOLF HOLTZMANN 

Diese Proben zeigen hinlänglich, daß k, wie bereits durch Go- 
deke und Zarncke bekannt ist, nicht eine Handschrift des Liedes, 
sondern eine Bearbeitung oder Übersetzung desselben ist. Es ist 
zu verinuthen, daß die Handschrift von dem Verfasser selbst geschrie- 
ben ist : denn es ist nicht wahrscheinlich, daß diese Bearbeitung eine 
weitere Verbreitung durch Abschriften gefunden hat; auch finden 
sich keine solche Fehler , an denen Abschriften kenntlich sind ; 
(2280) =. 2285, 3 hatte der Verfasser am Ende des Verses geschrie- 
ben der ktmig gut: nun fand er aber im zweiten Vers ia wil uns got 
von himel nit langer leben lau keinen Reipi auf gut-^ er machte also 
einen Strich durch gut und schrieb daneben schon] daraus scheint 
zu folgen, daß der Schreiber und der Dichter eine Person sind. 

Geschrieben ist die Handschrift im fünfzehnten Jahrhundert. 
Auf die selbe Zeit weist die Sprache. Der Übersetzer hat zwar 
meistens die Reime des Originals beibehalten : aber öfters ist er doch 
genöthigt , seine eigenen Reime zu gebrauchen. Zwar reimt schon 
im Lied kurzer mit langem Vocal ; aber dennoch sind Reime wie 
hier (208) fUrsten her : hin und her, (1797) mer : tüer , oder (1870) 
tot : got im Lied unerhört. (1291, 3) =z 1304, 3 

daz gab si durch gotz willen seyfriden seiner sei 
der trew nam mangen wunder ir herzleid heimlich qwel. 
Länge und Kürze der vorletzten Silbe wird nicht mehr unterschieden. 
(1257) geschehen : es mag sich selde nehen {nahen), ei und i. (706) 
an den rein : gestein. u und «o nicht nur in sun, wie im Lied, son- 
dern auch stuont, (1325) daz si gen ir ab stund : ir tcart freude kund. 
(1368) er stunt : manch degen vor ir reiten gunt. Besonders bemerk- 
lich sind die a und o. (924) besetzet schon : kune man. (681) zu 
seiner frawen schon : der kune man. (1053) man : schon. (1512) si 
schieden dann : sein muter schon. (1362) schon : man. (1676) en- 
hoten hat : not. (1690) schon : getan. (1715) sprechen ja : so fro. 
(2027) rtifft den perner an : daz ich kum dervon:, ja sogar (1489) ich 
han : so tvil ichs tan (für t%ion), oder (1417) daz loolt ich gerne tan 
{tuon) : loann ich nie hoher freud geivan. Was die Consonanten be- 
trifft, so reimen z und s und ss. (37) gras : saz. (74) ivas : baz. 
(126) ivas : haz. (136) haz : las. (682) was : rergaz u. s. w. (206) 
groz : qut ross. Es reimen ferner moren (für morgen) : geporen. 
(1252) und (1777) si sein geioarnet looren {worden) : het verloren. — 
alle sant für samt öfters. — Kürzungen aller Art. (49) kint : man 
fmt. (1272) si sint : ir fint. (131) gemtd : in huf. (233) lobesam 



NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 321 

: aus kuniges stam. (402) daz pest : di gest. (584) er kunt : munf. 
(760) mocht : tocht. (1244) rudiger : herzen seh loer. (1388) breifz und 
er : ezels her. (1539) er hört (horte) : an einen ort. (1806) well 
: aus der hell u. s. w.; es reimt sein für sint, (1276) mein : die noch 
da heymen sein, palast für palas (1448) palast : gast, u. s. w. 

An diesen Reimen, die in Übereinstimmimg sind mit der Sprache 
des Ganzen, erkennt man leicht den Dichter des fünfzehnten Jahr- 
hunderts. Michel Beheim, Muskatblut, und die Dichter der in Augs- 
burg geschriebenen Handschriften, aus denen ich in dieser Zeitschrift 
3, 307 einiges mitgetheilt habe, reimen und sprechen ebenso. 

An sich ist diese Bearbeitung des alten Liedes ohne Werth. 
Es kann uns ziemlich gleichgültig sein , wie ein Meistersinger des 
fünfzehnten Jahrhunderts das Lied nach seinem und seiner Zeit Ge- 
schmack in die ungenießbare Sprache seiner Zeit umarbeitete, beson- 
ders da er weder mit Kenntniss der Sprache noch mit Geschmack, 
noch mit Treue und Sorgfalt verfuhr. Was sein Verständniss des 
Originals betrifft, so will ich nur drei Stellen hervorheben, 548 des 
küniges kome er eine : daraus macht er (536) des kuniges kamerere. 
2293, 3 sin wip von Grimhilde; er bezog sin auf Rüdiger, und lässt 
also Gotlinde sammt ihrer Tochter um Rüdiger weinen (2288). loi- 
der'spel 2331 war ihm unverständlich : aber er hilft sich leicht (2326) 
daz er nit mere daz federspil mag tragen. 

Er nennt das Gedicht di history, {501) 519 sagt di history fort. 
(262) 267 als di hystory seit. 

Es mag wohl sein, daß seine Auffassung einmal zufällig dem 
modernen Geschmack zusagt, wie 810 (797): 

mer dann eil(f)hundert recken waz in dem dinste sein 
mit im so sas zu tische brunhilt di kunigein 
si dacht in irem sinne solt er dein eygen wesen 
sie trug im heimlich hulde als man noch höret lesen. 
Was der Mann aus dem Wort eigenholde zu machen weiß ! 

Ein solches Werk der Unwissenheit und Geschmacklosigkeit 
verdient an sich kaum eine Beachtung, aber es fragt sich, ob die 
Handschrift, nach der die Übersetzung gemacht ist, eine der bekannten, 
oder ob sie vielleicht eine verlorene war, die für die Herstellung 
des ejhten Textes von Nutzen sein könnte. Nur in diesem Fall ist 
k nicht werthlos und zwar fast nur für den Strophenbestand, da für 
den Wortlaut aus der freien Bearbeitung wenig zu entnehmen ist. 

GEKMANIA IV. 21 



322 ADOLF HOLTZMANN 

Die Vorlage war eine gemischte Handschrift: sie hatte den ge- 
meinen Text von 1 bis 470 (458) und von 867 (854) bis 936 (923) ; 
"aber den alten Text von 471 bis 862 (849) und von 937 bis zu 
Ende. Von Str. 863 — 866 (850 — 853) ist es zweifelhaft, ob sie zum 
alten oder gemeinen Text gehören. Es war also eine Handschrift 
des alten Textes, von welcher aber der Anfang und in der Mitte 
etwa ein Doppelblatt verloren war: das Fehlende war aus einer Hand- 
schrift des geraeinen Textes ergänzt worden. 

So weit die Übersetzung dem gemeinen Text folgt, ist sie für 
uns ohne Werth : denn eine neue Handschrift des gemeinen Textes, 
zumal in einer freien Bearbeitung, kann uns nichts helfen. Doch 
wollen wir auch diesen Theil nicht unbetrachtot lassen. Die ersten 
Strophen sind oben abgedruckt. Str. (3) ist freie Umschreibung von 
2, 5 oder Lachm. 3; die in B fehlt aber in DJdA steht. Str. 4 (7) 
wie in N hinter 6 (6): Str. 7 (8) ist wesentlich geändert. Str. 12 
(13) beginnt eins nacktes da krimhilde an irem pette lag. Die Aus- 
legung des Traums 13 ist in zwei Strophen (14) und (15) erweitert, 
der traiun bracht ir gro(s) schwere der edel raagt gut 
si sagt es bald ir muter der kunigin hochgemut 
die legt ir aus den träume und sprach der falke dein 
daz ist ein stolzer rytter vil libste tochter mein 
Der selb kumpt um sein leben und bringt uns all in not 
Des mus manch guter rytter darumb auch sterben tot 
Es ist ein schwerer träume es muß also ergan 
czwen aren di in toten das sein czwen küno man. 
Es ist also 14 = (16). 16 z= (18). Aber 17 = (20) und 18 = (19): 
also 17 nach 18 wie A. 19 = (21). 19, 5 (Lachm. 21) aus A und J 
ist übergangen. 20 = (22). 21, nur C, fehlt. 22 = (23). 23 = (24). 
23, 5 = (25). So fort bis 37 = (39). 38 fehlt, wahrscheinlich durch 
Versehen. 39 = (40). 42 = (43) lautet : 

di weil noch lebt mein fater und auch die muter mein 
so ger ich nit der kröne ir stolczen ritter fein 
doch wil ich in dem reiche wol haben den gewalt 
daz ich die laut beschirme di meinen jung und alt. 
43 fehlt wie in N. 44 z= (44). Die letzte Zeile lautet: dei' weren 
undertenig icol XIH kunigreich. 59 iz (59) seih zicelft, also N. 61 
— (61); 4 vor allen recken, also schwerlich vianden wie AJ. 'oQ = 
((')6). Statt der vier Strophen 67 — 70 nur drei ganz abweichende 
(07 — 69). 71 =: (70). damacli am achten tage. 11 z= (76), 1 deutlich 



NIBELi:Nni:y. IIANDi^CHRIFT K. 323 

liiicli N ist ymant hie ir herren der mir kxinn recht gesagen u. s. w. 
83 — (82) er gund den kunig fregen : degen. 93 =: (92). 94 fehlt 
wie in N. 95 zz (93) starke risen. 95, 5 = (94) wie N. 96 — (95). 
97 = (9G), 3 

da seyfrid im mit kreften di torenkapen iiam, 
da ward des schaczes lierre seifrid dem bin ich gram. 
100 - (99), 3 und 4 nach N. 101 — (100). 102 und 103 fehlen 
wie in A , aber gewiss unabhängig von A , durch das gleiche Ve)-- 
irren von dö sprach 102 auf do sprach 104. 104 m (101). 131 zu 
(128). 132 fehlt wie in N. 133 = (129). 147 — (143). 148 ist 
durch ein Versehen ausgelassen; denn unter (143) am Ende der 
Seite steht noch als Verweisung auf die folgende Seite der Anfang 
nu beytet. 149 zz (144). 196 zz (191) 4 heim in Burgunder laut. 
also dießmal mit C gegen den offenbaren Fehler von N; während 
sonst überall die Lesarten von N zu erkennen sind. 270 (265), 3 
di sichen und gesunden , also wie ich gebessert habe. 273 zz (268). 
274 fehlt wie in N. 275 i= (269). 327 = (321). 328 fehlt wie in N. 
329 = (322). 332 fehlt wie in N. 335 und 336, die in A fehlen, 
ZI (327 und 328). 336, 5 iz (329), sonst nur in d : 

nun sey wy stark sy welle ich las der reyse nicht 
ich wil es mit ir wagen waz mir darumb geschieht, 
durch ir vil grosse schone wag ich das leben mein 
ich hoff ich woU si bringen zu uns her an den rein. 
337 z: (330). 342 und 343 fehlen wie in N. 344 =: (335). 392 fehlt 
wie in N. 393 zz (383). Nach 420 zz (410) eine neue Strophe (411) 
Sein fater haißt Sigmunde ein edler kunig reich 
im dint manch edler furste man fint nit sein geleich 
er ist so wunderkune gebreißt für ander man 
er hat bey seinen tagen vil hertter stürm getan. 
In (412) ist von Hagen, in (413) von Günther die Rede, also 
in unigekehrter Ordnung. Str. 423 und 424 sind in eine zusammen- 
gezogen, so daß wieder 425 zz (415). 452 fehlt mit N. 453 z: (442). 
458 fehlt mit N. 459 zz (447). 470 zz (458) 4 ist nach N daz es 
klang also helle daz all ir freud verschioant. Aber 471 (459) 2 sig- 
linden kint ist zuerst eine Lesart von C deutlich zu erkennen. 

Der zweite Abschnitt aus N beginnt 867 = (854). 878 zz (865) 
steht nach 879 (865) wie in N. 894, 5 die Strophe aus N = (882). 
913 fehlt wie in BDA. 919 = (906): 

21* 



324 ADOLF HOLTZMANN 

SO wir der grossen reyse hie ledig worden sein 
so well wir bin zu walde jagen die pern und schwein 
dort auff dem ottenwalde als wir oft haben tan 
den rat gab in her hagen der ungetrewe man, 
also nach N, aber merkwürdiger Weise mit dem richtigen Namen 
ottenioahh. 923 fehlt wie in N; dagegen die Strophe aus N 922, 5 
= (910). 934 = (921) : 

da zugen si von dannen gen einem finstern wald 
mit in nach abenteure reyt manig degen bald 
wol mit dem edlen kunig und mit seyfriden dan 
mit in fürt man di speise di si da selten han. 
der dritte Vers nach N, aber der vierte nach C. 
936 (923j ir zeit si da auffschlugen für einen grünen walt 
hin gen des wildes lanffe daz was da manigfalt 
und da si wolten jagen auff einem anger breit 
da kam seyfrid der kune daz ward dem kunig geseit. 
also nach N. Aber 937 (924), 4 iwl über daz (jepirge nach C und 
von da immer der alte Text. 

Ich habe meistens nur das Verhältniss fler Strophen angegeben; 
die zu erkennenden Lesarten zeigen ebenso, daü N zu (irund liegt, 
aber nicht A, wie auch die in A fehlenden Strophen alle vorhanden 
sind mit einer zufälligen Ausnahme. Z. B. 327 (321), 3. 4 

da hin umb eine werben dacht im der kunig gut 
dar nach stund im sein synne dem kunig hochgemut. 
nach N, aber nicht nach A. Nur in der Folge der Strophen 17 
und 18 zeigt k Verwandtschaft mit A. Die in B fehlenden Stro- 
phen, die aber in andern Handschriften der Noth stehen, finden sich 
auch in k; jedoch 19, o, die ganz wie in A, halb auch in J steht, 
fehlt. Die sonst nur in d bezeugte Strophe 336, 5 ist erhalten. 
Aber auffallend ist, daß 913 und 923, beide in Jd enthalten, fehlen. 
Die zwei neuen Strophen (15) u»id(411) sind schwerlich vom Bear- 
beiter von k gedichtet, sondern wahrscheinlicher einer altern Hand- 
schrift der Noth entnommen. 

Es ist ferner merkwürdig, daß k an zwei Stellen fehlerhafte 
Lesarten von N vermeidet. 196, 4 und der Nanie Ottenwalde 919. 
Ebenso war 934, 4 noch nicht durch Gernot und Griselher die wolten 
da keime hesidn ersetzt. Es war also die zur Ausfülluno; der Lücken 
gebrauchte Handschrift von N eine vollständige und gute, die einige 
Änderungen aller andern Handschriften noch nicht hatte. 



NIßELITNGEN. HANDSCHRIFT K. 325 

Viel wichtiger ist uns aber die zu Gruiul liegende Handschrift 
des alten Textes. Sie beginnt mit 471 = 459. Von hier im Stro- 
})henbestand und in erkennbaren Lesarten immer mit C. 484 (472) 1 
lautet : Ir habt uns ser hefriihet den nnseyn freien mut. Die Strophen 
518 und 519 (506 und 507) sind die ersten, C eigenthfimlichen, die 
nicht fehlen. 536 (524) lautet: 

auch wolt si nit des herren kunig ginithers auff der fart 
des -ward ir beider minne auch langer da gespart 
pis si gen Wurmes kamen da hub sich di hochczeit 
thurniren und auch stechen hub sich da widerstreit. 
56o (551) und het ich sprach seyfride vil mer dan tauseiit laut 
iedoch so het ich gerne von ewrer werden hant 
di ewren huld und gäbe ir edle kunigin reich 
si sprach daz tun ich gerne ein ritter lobeleich. 
(552) si hies nach reichem schacze irn kamerer hin gan 
daz rote golt hertragen Seyfrid dem kunen man. 
564, 1. wol vir und czweinzig marke und manchen edlen stein 

daz gab si im zu libe di edel maget rein 
564, 3. (553) 

er gab es alles wider dem hoffgesind czu haut 
u. s. w. ; es ist also durch Einschiebung von zwei Versen die Ord- 
nung der Strophen gestört. Es beginnen nun alle Stroplien mit einer 
dritten Zeile, 722 ist (710, 3, 4 und 711, 1, 2). 723 ist ausgelassen. 
724 — (711, 3). 730 iz (717, 3; 4. 718, 1. 2); dann zwei Zeilen 
eingeschoben sein top daz ging gar ferre durch alle loeitte lant, daz 
het der hell erfochten mit seiner loerden hant: damit ist die Ordnung 
wieder hergestellt. 731, 1 = (719, 1). 
762 (750) seit mir gotwilken alle des kunig gunthers man 

seit daz mein sun krenhilden zu einem weib gewan. 
Nach 774 die Strophe Lachm. 711 fehlt wie in C. 786 = (774). 
787 ist durch Versehen ausgelassen. 788 zz (775). Die Strophe 
S33, 5 (Lachm. 768) fehlt wie in C*a. In 862 (849) die letzten deut- 
lichen Spuren von C, w^ährend 867 (854) N zu erkennen ist. Nach 
der aus N ergänzten Lücke beginnt C wieder 937 (924); alle Stro- 
phen von C ohne Zusatz und ohne Auslassung bis 1379 (1366). 
943 zz (930), 3 ein heljfant starcke. 949 (936) ivol vier und zioeinzig 
rüden si hetten ahgelan. 973 zz (960). 

1013 (1000) wol von dem selben brunnen da seyfrid ward erraort 
Avil ich di warheit sagen als ich es han gehört 



326 ADOLF HOL'JZMANN 

dort auff dem otenwalde ein dorf heißt ottenlieyn 
da fleusset noch dei- bruiine khir lauter unde rein. 
1034 (1021) 2 si ivunden all ir hende als man noch höret sagen giebt 
keinen Aufschluß. 122() (1213) 1 bis an den vierden tag, also mit 
C gegen a und N. 

1271 (1258) da pat si crist von himel daz er ir gebe rat 
daz si zu geben hette golt silber reiche wat 
als si tet bey seyfriden di weil er waz gesunt 
da si seyfrides tachte groß jamer ward ir kunt. 
1284 (1271) er ist nit gar ein heyden der libste herre mein 
in hat gar fast verkeret hclche di kunigein 
wann er ein teil des glauben noch eytell nicht verstat 
Nenipt ir in edle frawe des sol wol werden rat. 
Es ist möglich, daß die Erwähnung der P'rau Helche an dieser Stelle 
nicht von dem Bearbeiter herrührt. Im Lied und in der Klage 
erfährt man nicht, daß Helche eine Christin war, Avohl aber im Bi- 
terolf. 1324 (1311) aber der Name Pledelingen kommt nicht vor. 
1355 (1342) 2 zu melck da aus dem kloster. 1358 (1345) zu der 
trasune und nachher bey der trasaune. 
1367 (1354) von sachssenund auclimeichssen manch ritter da man vant 

und auß persi der lande 
Bisher haben wir nichts gefunden, was ein Gewinn genannt werden 
könnte: aber nach 1379 giebt k eine neue Strophe. 

(1367) der edel kunig etzel nam si da bey der haut I. 

seit mir got wilkumen frawe ein krön über mein lant 
ich gib euch lant und leute als daz ich ie gewan 
daz sol bis an ewr ende euch wesen undertan. 
Ist die Strophe, abgesehen vom Wortlaut, echt? Wenigstens wird 
Jedermann ganz passend finden, dnß Etzel einige Worte spricht. Es 
kommt darauf an , ob k noch andre neue Strophen bringt. Es ist 
nun also 1380 — (1368). 

1396 (1388) wie auch 1373 (1360) heißt Blödel aufz kusperla.nt 
geporn. 1408 (1496) 4 Diticeines fochter. 
1446 (1434) und saget geyselhere das er gedenck daran 

das er durch meinen willen die reyse nit woU lan 
1482 (1470) mein fraw hat euch enpoten di edel kunigein 

im grüß und iren dienste und sant uns an den rein 
daz ir ir seit so ferre daz hört man si oft klagen 
darurab ist sy betrübet laßt euch krenhilde sagen. 



NIBELUisGEN. HANDSCHRIFT K. 327 

1496 (1484) ir habt di pesten speise so si ie kiiiiig liat 

di pest so mans mag finden ewr .sach in wirden stat 
der Hochzeit kunig ezels niugt ir euch wol verwegen 
und muget mit den ewren hy heim wol freuden pflegen. 

1497 (1485) weit ir hie heim beleiben so mugt ir sicher sein 

so gib ich euch gut speise und auch den pesten wein 
wilpret und gute fische her kunig daz ist mein rat 
kumpt ir dahin gen hewnen nit wol es euch ergat 

1498 (1486) ich weiß daz euch krenliilt auff erd wurt nymmer holt 

daz hört ich wol von hagen ob ir daz mercken wolt 
darumb beleibt hie heymen di reis di wurd euch leit 
ich forcht ir wurt sein innen waz ich euch lian geseit. 
Also die nur in a erhaltenen Strophen werden bestätigt. Ebenso 
1501 (1489; — 1503 (1491). In (1512) sind von 1524 die zwei 
ersten Verse mit Übergebung der zwei letzten mit 1525, 1 und 2 
verbunden, so daß (1513) 1 =: 1525, 3. 8o bleibt es bis (1525) 
zz 1537, 3 — 1538, 4, wodurch die Ordnung hergestellt, und 1539, 1 
= (1526) 1. Statt 1539-1541 giebt k (1526—1530); also 5 Stro- 
phen für 3. Sie lauten 

(1526) Da lassen wirs beleiben ich wil euch hören hin 
wy sich dort an dem reyne aufF rüstet manig man 
das vor nie wer der geste komen in kuniges laut 
in waz bereytet schone schilt waöen und gewant. 

(1527) man rieht sich auff di geste der kunig lobesam II. 
darnach man grossen jamer in hewnen da vernam 

und da di hehl dar kamen aus der purgunder lant 
Di wiu'den all erschlagen vil manig kün weygant 

(1528) Da bracht der fogkt vom reine mit im manch werden man 
wol dreyssig tausent beide als ich vernumen lian 

da hub sich grosser jamer daz schuff krenhilde neit 
Di reiß beweint manch frawe dai- nach vmd di hochczeit 

(1529) Man trug in her di Schilde zu wurmes über hoff 
da sprach der her von speyre ein wirdiger bischoff 
da zu der schon fraw uten ewr sunn wollen hin farn 
gen hewnen zu dem kuiiigc got wel si dort bewarn. 

(1530) Des pit ich got von himel wan ich in gutes gan III. 
ich turch(t) daz dise reysc kein gutes end werd han 
und mocht man daz gewenden daz wer uns allen gut 
mir ist mein hercz gar schwere ob man di reyse tut 



328 ADOLF HOLTZMANN 

Es ergiebt sich, daß (1527) und (1530) neu sind. (1527) ist ganz 
leer ; möglich bleibt aber, daß sie mit mehr Gehalt im Original stand. 
Aber (1530) ist wahrscheinlich echt; der Bischof von Speier musste 
mehr zu sagen haben, als 1541. Es ist also nun 1542 zz (1531). 
1543 (1532) beginnt wer glaubet an dy treyme scheint also den Text 
von a zu bestätigen. 1558 (1547) ohne Namen, weder Burgunden 
noch Nibelungen. 1559 (1548): 

Da zu den selben zeitten was cristen glaub noch kranck 
Si furtten ein kaplane mit in der messe sangk 
der kam gesunt her wyder iedoch er kaum entran 
Di andern all ir leben in hewnen musten lan, 
also wiederum Bestätigung von a. 1561 (1550) 1 da si aus franken 
kamen und durch schiaanfelde ritten. 

Nach 1570 (1559) eine neue Strophe: 
(1560) Di tunaw floß dem brunnen da allso nahend bey IV. 
dar ein si sprungen schnelle di ft-awen alle drey 
da forchten si nit mere hagen den kunen man 
er sprach di ewren kleyder wil ich zu pfände han. 
Die Strophe enthält kaum etwas eigenes. 1571 ist nun (1561) heid- 
hurg. 1575 (1565) icilint. Else heißt hier Illsung. 1590 (1580) 1 
so freysamglich gesit. 
1606 (1596) ich für euch wol an schaden über des wassers flut 

dar durch begunden schwimmen nach in di roß so gut 
das Wasser keinem rosse sein stercke nie benam 
etliches schwam gar ferre als im di müde czam. 
1610 — (1600). Es folgt eine neue Strophe 

(1601) er dacht ich wil wol finden und ob es also sey V. 

der kaplan muß ertrinken so bin ich sorgen frey 
als mir dort han gesaget di wilden wasserweip 
des het der selbig prister verloren na den leip. 
Die Strophe ist fast nur Wiederholung der vorhergehenden, deren 
letzte Zeile hier lautet des het des ktinigs kaplane verloren na den 
leip. Es ist nun 1611 — (1602). Vor 1613 (1604) merke ich Vers 3 
an : und oh daz tet ein ander es solt euch icesen leit, weil k in seiner 
Vorlage die wie mir scheint f(!hlerhafte Lesart iu für im vorfand, 
die auch alle andern Urkunden haben : Gernot soll ohne Zweifel 
sagen : hätte es ein anderer gethan, so würde ich es rächen, Strophe 
1769 ist ausgelassen, also 1770 = (1760). Ferner ist 1773 ausge- 
lassen, also 1774 = (1763); ebenso ist 1792 ausgelassen, also 1793 



NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 329 

— (1781); es fehlt ferner 1809, also 1810 =: (1797). 1838 (1825) 

lautet: Er und walther von spanigen cli tetten niangen streit 

da si bev kunis; eczell waren ein lanjre zeit 
und ritten im zu hoffe nier dan vir ganeze jar 
dar umb sagt man her hagen groß lob unde er furwar. 

Sollten die 4 Jahre eine Erfindung sein ? oder sind sie aus einer 

eigenthümlichen Lesart der Vorlage geflossen ? Nach der Thidriks- 

saga 241 war Walther 7 Jahre bei Etzel. 1841 (1829) lautet: 
Ein ding gar offt durch forchte man underwegen lat 
und wo ein freunt dem andern in noten bei gestat 
Es sein gar kluge sinne und wer ein solches tut 
es wurt oft grosser scliaden von synnen wol behut. 

(1849) nach 1861 ist neu: " VI. 

Nach tisch sach man beginnen da hubscher kurzweil vil 
man hört manch süß gedone von mangera seyttenspil 
dar under man krenhilden gar ser betrübet sach 
und auch etlich recken tichten auff ungemach. 

1862 (1850) Der tag der nam ein ende her trang di finster nacht 
di herren aus purgunden ir grosse sorg anfacht 
di herren woltten alle da hin zu pette gan 
ir hütet wol her hagen und auch der spileman. 

1891 (1879) da schrey der fidelere den heunen binden nach 

waz ist euch in dem s\nne wo ist euch hin so gach 
wolt ir mit uns hie streitten bejagen breiß und er 
so woll wir mit euch streitten mit ritterlicher wer. 

Nach 1913 (1901) eine neue Strophe 

(1902) Si reit da hin gen hofe di edel kunigin reich VIT. 

da kam mit seinen herren der kunig lobeleich 
Sein ritter kamen palde geritten auff di ban 
da hub sich ein thurniren von mangem werden man. 

Es ist nun 1914 = (1903). Eine neue Strophe nach 1953 (1942). 
(1943) daz wil ich underkumen so sprach di kunigin da VIII. 
daz ir nit turfiet furchten des kunig eczels tra 
und wann ein sach ist gschehen so ist es schir verkleit 
daz es nymant mag wenden sprach er daz ist mir leit. 

1954 = (1944\ 1960 (1950) 2 zivelff kimige. 1972 = (1962). Nach 

1977 (1967) eine neue Strophe 

(1968) auch waz er vor gewarnet der edel fürst danckwart IX. 
im sagt ein trewer hewne wy daz gelobet wart 



330 ADOLF HOLTZMANN 

blodlein di guten marcke und auch des ueydungs weip 
daz er si all erschlüge und bracht si umb den leip. 
Damit iu Verbindung steht, daß 1980 (1971) 3, 4 lautet: 
ich gib im morgengabe mit meinen waffen hie 
kein soldner von keim kunig solch gab enpfing vor nie. 
1991 (1982) adryamskint. 1992 (1983) I da zu dem hcms aussprang. 
2016 (2007) 4 des hob dir der potschefte. 2048 (2039) 4 anch gingn mit 
im von dannen di wulfing all geleich. 2060 (2051) 3 ich loas ie sein geselle 
so waz er auch der mein. Dieses ie, das allen andern fehlt, ist wohl 
aufzunehmen ; einer der sehr seltenen Fälle , daß k für die Wort- 
kritik Ausbeute giebt. 2077 (2068) 3,4. ee si euch ie gesach , di 
schnöde valentynne schafft dises ungemach. 2090 (2081) 4 ivi freischlich 
sei der hagen ich tar in tvol bestan. 

2091 (2082) da pat Iring di seinen durch aller frawen er 
daz si in hagen Hessen aloin bestan mit wer 
daz tetten si nit gerne wann in waz wol bekant 
des hagens stürm und streitte das forchten si all sant. 
Diese von mir aus N aufgenommene Strophe erhält also Bestätigung. 
2103 ist ausgelassen; folglich 2104 =(2094). 2129 (2119) Hagen, 
nicht etwa Dankwart, wie man nach der Klage erwarten könnte. 
Nach 2136 (2126) drei neue Strophen 

(2127) Da eylet auff di geste drey fursten weit erkant X. 
von polant waz der eine herczog herman genant 

und aus der walacheye sigher der küne degen 

und walach auß den turcken di woltten streittes pflegen. 

(2128) wol mit zweitausent recken si brachten mit in dar XL 
dar under manger ritter Avaz da in irer schar 

di maut di kuniginne und auch der kunig reich 
und klagten in mit trewen ir leit so klegeleieh. 

(2129) Da globten si zu fechten man ghis in Landes vil XII. 
und reichen schacz von golde als ich euch sagen wil 

si waren gewapnet feste und trungen in daz hauß. 

ir keiner mit dem leben kam nymmermer darauß. 
Diese drei Strophen sind entscheidend. Der Umdichter kann sie nicht 
erfunden haben , denn die drei Helden sind dieselben , die in der 
Klage genannt sind , Sigeher von Vldchen 325 , Herman herzöge üzer 
Polan 323, und Walber der vrie üz Türkie 334. 2137 ist nun 
=: (2130). 



NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 331 

2178 (2171) si fristet daz der sale avoI zu gewelbet was 
dar umb ir dester niere da in der not genas 
da nertten si ir leben als in ir helant bot 
wann daz si durch di fenster liden von fewre not. 

2226, 1 und 2 ist ausgelassen; also (2219) = 2226, 3. 2244, 3 = 

(2237) 1 es klinget sani ein glocke ist lauter unde glancz 

ich mein kein helt nie gäbe so reiche gebe gancz 

2245, 1 wolt ir des nit erwinden und wollet uns bestan 

so Schlacht drey oder fire und kerct wider dan XIII. 

(2238) So habt ir wol bewaret ewrn eyt und habt sein er 

und gand von uns an schände daz gschach nie helde mer 
wil euch daran nit gnugen so greiffend furebas 
2245, 2 scldacht ir zu vil der meinen so wurd ich euch gehas 

2245, 2 (2239) 

mit ewrem selbes Schwerte so nim ich euch den leip 
Also zwischen 2245, 1 und 2 eine neue Strophe von bedenklichem 
Inhalt, die aber doch echt sein könnte : denn wirklidi hält sich Ger- 
not zuerst von Rüdegcr fern, und erst als dieser zeigt, da(J er mit 
dem Tode einiger Burgunden nicht genug hat, tritt er ihm entgegen. 
Man sieht auch, wie das doppelte slalit eine Verirrung veranlassen 
konnte; Zeile 2245, 1 hat wirklicli das Ansehen, einen solchen Vor- 
schlag einleiten zu sollen. 

2281, 3 — (2275) 

mancher wer wol genesen ob im waixl solch getranck 
4 daz da mancher gesimder da in dem blut ertranck 

da geyselher der schnelle den grossen schaden kos XIV. 

sein hercz waz im betrübet sein jamer der ward groß 
(2276) Er kam da si tot lagen da er den jamer sach 

aus grossem herczenleide der junge kunig sprach 

2282, 1 owe nieins liben bruder der leit vor mir hie tot 

waz leid ich grosses jamers in diser grossen not. 

Der Mangel der Strophe war sehr fühlbar. 

2293, 3 =: (2288) 

gar jemerlichen waffen sclirey da sein schönes weip. 
si klagen alle beide des edlen fursten leip 
auch klagt sein schone tochter iren libsten fater ser 
daz si in het verloren und manchen rytter her. 



332 ADOLF HOLTZMANN 

Um beim Abschnitt auf den Anfang der Stroj^he zu kommen, mussten 
zwei Verse zugesetzt werden ; der Umdicbter lässt Rüdigers Tochter 
erscheinen , nachdem er shi (des Königs) irfp auf Gotlinde bezogen 
hatte. 2295 (2290) 4. sey iimh sein leben kamen. 
2303 (2298) ?) ja sprach der kune degen ich mag wol billich klagen 

den edlen rudigere gernot leit auch erslagen. 
könnte vielleicht auf das echte leiten ; etwa Ich mac lool balde klagen 
den guoten Rüedegeren ; er nnde onch Gernot lit erslagen. Daraus 
könnte leicht die Lesart von Ca entstehen, die in N verbessert wird. 
2310 (2305) 4 da statet sein der degen. 
2327 (2322) da sprach der iidelere der forcht ist gar zu vil 

waz man eim man gepeutet ders alles halten wil. 
2329 (2324) 4 wy ich halt hin gereitte in der purgunder laut. 
Nach 2382 (2377) die Strophe (2378), die in der Noth nach 2320 
steht, Lachnianns 2258, sie lautet hier : 

Nun saget mir noch mere getrewer Hildebrant XV. 
wer noch sey in dem sale er sprach ir kün weygant 
nyraant lebt dar inn mere wan di zwen kune man 
gunther imd ouch her hagen di nymant zwingen kan. 
Die Strophe steht hier offenbar an der rechten Stelle und muß, da 
sie durch k bezeugt ist, aufgenommen werden. 
Es ist nun (2379) — 2383. 

2392 (2388) wir sein an alle schulde sprach Hagen gar verwegen 
es kamen zu uns here di ewren stolcze degen 
gewapnet ritterleichen mit einer schar so breit 
si woltten mit uns streitten wer uns lieb oder leit XVI. 
(2389) Da musten wir uns weren als lieb uns waz der leip 

man schlecht uns nicht an were recht sam di armen weip 

wer noch wolt mit uns fechten des must im werden leit 

2392, 4 mich dunckt man hab di mere euch her nicht recht 

geseit 
Auch diese Strophe ist ein Gewinn : sie ist in (Ja und N auf ähn- 
liche Weise ausgefallen, wie in Ca 2091. Es ist nun 2393 = (2390). 
Schon nach 2394 begegnen wir wieder einer neuen Strophe: 
(2392) di red hört kunig eczel imd auch sein schönes XVII. 

weip 
si forchten daz si beide da komen umb den leip 



NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 333 

von des von perne czorne und gingen bald von weg 
si biltten sich in hüte und auch in guter pfleg. 

Es ist nun 2395 — (2393). 

2399 (2397) 1 ich gib eucli des mein trew euch beiden an dl hant; 

es wird also ich gib iu des min triuive nach a bestätigt. 

2408 (2406) Da west wol der von perne den seinen grynnnen czorn 
er fristet sich mit schirmen der fürst so hochgeporn 
und bot für sich den schilde vor seinen grymraen 

schlegen 
wann er kantwol den hagen den grymmiclichen degen 

(2407) Er lies Hagen verwüten bis im di müde kam 
daz waz da nit un bilde ob in macht müde czam 

2409, 1 her ditrich forcht palmungen sein starckes waffen klug 

wann er mit grossen listen hin aufF den hagen schlug. 

(2408) bis er den helt von throne mit starcken schlegen zwang 
er schlug im da ein wunden di waz weit unde lang 

2410 \vy sol ich hy mit schlegen dem folant angesigen 
Es ist mir ynnner schände sol er tot von mir ligen 

(2409) Ich wil es sust versuchen ob ich in czwingen kan 
zu einem eytgesellen wil ich in furbas han 

2411 sein schilt den lies er fallen sein stercke di waz groß 
mit seinen beiden armen den hagen er umbschloß. 

(2410) Er zwang in da mit krefften und nam im all sein wer 
des trawret von purgunden der edel kunig ser 

daz er im nit torst helffen daz waz sein groste klag 
her Ditrich czwang den hagen wol an dem selben tag. 
Es sind also zwei Halbstrophen, die eine nach 2408, die andre nach 
2411 hinzugekommen. Die erste könnte der Anfang einer echten 
Strophe sein : die zweite scheint, wie in ähnlichen Fällen, vom Um- 
dichter hinzugedichtet, um die Ordnung der »Strophen herzustellen. 
Es ist nun 2412 ~ (2411), 
2415, 1 (2414) sy lies hagen besunder füren in ein gemach 

2 da ward er eingeschlossen kein wort er nie gesprach 

vor grimm und auch vor czorne waz er gefraget wart 
in starcke eysen feste schloß man den ritter czart. 
2415, 3 (2415) Günther der kunig reiche laut ruflfen er began 

4 wo kam hin der von perne der mir hat leid getan 

er sol gen mir her keren zwingt er mich hie mit streit 
so ist sein lop gekronet in allen landen weit. 



334 ADOLF HOLTZMANN 

Also wiederum durch zwei Halbstrophen eine Strophe mehr, und 
2416 ist nun = (2416). (2419) ist neu: 

Docii nympt es mich nit wunder ob es im XVIII. 

misseging 
her diterich mit listen den streit da ane fing 
darzu waz er nit müde sein stercke di waz groß 
gunther der treib in umbe des er luczel genos. 
Diese Strophe wird einigermaßen durch die Klage l)ezeugt, wenn 
schon sie nicht ganz dasselbe enthält, was der Verfa.sser der Klage 
fi-elesen hatte, daß nämlich Dietrich dreimal von Gunther zu Boden 
geschlagen worden sei. 2419 ist nun (2420). 

2428 (2429) Er west daz in di fi-awe lies lenger nit genesen 

wy mocht an einem weihe so grosse untrew wesen 
Er t'orcht im wurd sein leben alein allda genumen 
und daz si iren bruder lies heim zu lande kumen. 

Es ist nicht unwichtig, daß diese Strophe, die von allen eigenen von 

Ca durch ihren Inhalt die bedenklichste ist, eine neue Bestätigung 

erhält. Nach 2436 (2437) eine neue Strophe 

(2438) Ililprant in grossem zorne dar zu krenhilden XIX. 

sprangk 
Er sprach ir müsset gelten den helt an allen wanck 
ir gehißt meinem herren ir wollt si leben lan 
dos muß hie ewer leben czu einem pfände stan 

2437 (2439) Sein schwert er ob dem weihe hoch in die lüfte wag 

er gab der kuniginne ein ungefügen schlag 

ir tet vor irem ende der grosse jamer wee 

es mocht si nit gehelffen wi laut sie waffen schre. 

2438 (2440) Hillprant schlug si zu tode des kunig eczells weip 

da het die hochzeit ende tot waz ir aller leip 
kunig eczell und der perner die weintten clegeleich 
Sie clagten disen jamer die edlen kunig reich. 

2439 (2441) Ir mag und peste freunde was alls geschlagen tot. 

man hört in manchem lande groß jamer unde not 
mit grossem herczen laide die hochzeit ende nam 
alls oft groß lieb mit leide zu einem ende kam. 
2439 (2441) Ich sag furbas nit mere waz ie darnach geschach 

wann man cristen und haiden cleglichen weynen sach 
weib man ritter und knechte und manig schone meit 



NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 335 

liden umb ire freunde jamer und herczenleit. 
2440 (2442) Nun sag ich euch nit mere von diser grossen not 
all die da sein erschlagen die las wir ligen tot 
wie sich ir sach erginge seit her der hewnen diet 
hie hat auch gar ein ende der Nibelung-er liet. 



Wir gewinnen also außer der schon aufgenommenen Strophe 
2091, mit Inbegriff der in N an anderer Stelle erhaltenen Strophe XV, 
neunzehn neue Strophen, von denen sicher einige, wahrscheinlich 
alle echt sind, natürlich ganz abgesehen vom Wortlaut. Von den 
neuen Halbstrophen sind einige sicher unecht und erst von dem 
Umdichter angeflickt ; aber einige sind nicht ohne Weiteres zu ver- 
werfen. Wir erhalten ferner eine neue Bestätigung für die Stroi)hen, 
die nur in Ca, mid für diejenigen, die nur in a erhalten sind. Auch 
für den Wortlaut ergab sich einiges; bei der großen Freiheit der 
Umschreibung ließ sich in diesei- Beziehung nicht viel erwarten ; 
vielleicht lässt sich, wenn der Abdruck des ganzen Werkes vorliegt, 
noch einiges gewinnen. 

Die Handschrift, aus welcher k geflossen ist , war eine vortreff- 
liche, noch vollständiger als Ca, und demjenigen Exemplar, aus 
welchem der Dichter der Klage schöpft, am nächsten kommend, wie 
insbesondere die Strophen X, XI, XII und XVIII zeigen. Zugleich 
erhält meine, wie ich glaube, hinreichend bewiesene Behauptung, 
daß das Buch, aus welchem der Dichter der Klage schöpfte, nichts 
anderes war als unser Nibelungenlied in älterer vollständigerer Fas- 
sung, eine neue Bestätigung. Jedoch war auch diese Handschrift 
nicht mehr das vollständige alte Lied, wie es dem Dichter der Klage 
vorlag. Auch hier erfahren wir nicht , wie Giselher die Helden 
Wolfwin, Nitger und Gerbart erlegt, wie Hildebrant vor Volker durch 
Helferich oder Gelpfrat gerettet wird, wie Günther den Wicnant, 
den Sigeher und den Wichart erlegt, und wie er den Dietrich drei- 
mal zu Boden schlägt 

Es bleibt noch übrig, zu betrachten, wie in k das Lied in Ab' 
schnitte getheilt ist. Deutlich ausgedi'ückt ist nur die Eintheilung 
in die zwei Haupttheile mit den Überschriften : das ist die erst hoch 
(zeit) mit seyfridt miß niderlandt und mit krenhillden und vor 1166 
(1153) das ist die ander hochczeit kiu dg. eczels mit krenhillden auß pur- 
gunderlant. Es ist auffallend, daß die beiden Überschriften nicht 



336 ADOLF HOLTZMANN 

recht zu einander passen ; sie niüssten lauten : erste Hochzeit der 
Grinihilde mit Siegfried , andre Hochzeit der Grimhilde mit Etzel. 
Der zweiten Überschrift würde eine erste entsprechen : erste Hoch- 
zeit König Etzels mit Helche. Ich finde wahrscheinlich , daß das 
wirklich die Überschriften der zwei ersten Theile des großen Werkes 
Konrads waren ; die zweite kam noch in die älteste, in k umschrie- 
bene, Handschrift des Liedes herüber, wurde aber natürlich auf den 
zweiten Theil des Liedes beschränkt. — Diese Handschrift hatte 
übrigens schon die Eintheilung in Abenteuer. Strophe 493 (481) 
beginnt mit etwas größeren Buchstaben. Vor 537 (525) ist durch 
ein Zeichen der Anfang des Abschnittes bemerklich gemacht. Bei 
585 (573, 3) keine Spur eines Abschnitts; ebenso wenig bei 699, 
aber wieder bei 731 (719) größerer Buchstab und das Zeichen 9; 
ebenso 785 (773). 823 (810). 885 (872). 924 (911). 1014 (1001). 
1084 (1071). 1112 (1099). 1166 Hauptabschnitt. 1316 (1303). 1363 
(1350). 1414 (1402). 1451 (1439). 1539 (1526). 1626 (1617). 1694 
(1685). 1758 (1749). 1799 (1787). 1862 (1850). 1894 (1882). 1973 
(1963). 2005 (1996). 2084 (2075). 2137 (2130). 2193 (2186). 2294 
(2289). Ferner findet sich auf dieselbe Weise der Abschnitt be- 
zeichnet in den Stücken, die aus der Noth genommen sind, bei 
Str. 19(21). 140(136). .329(322). 398(388), wo alle außer C einen 
Abschnitt haben. Es fehlt also das Zeichen des Abschnitts nur 44 
(3. Av.). 266 (5. Av.). .585 (10. Av.). 699 (11. Av., doch sieh unten), 
und 2383 (38. Av.). Es ist also nicht zweifelhaft, daß die Hand- 
schrift dieselbe P]intheilung in 38 Aventuren hatte, wie C, und daß 
die Stücke, die aus der Noth genommen sind, die Eintheilung der 
Noth hatten. 

Eine Zählung der Strophen nach Hunderten, die bei 499 be- 
ginnt n)it dei- Zahl V, verdient keine Beachtung. 

Es bleiben noch einige Einzelheiten zu besprechen. Merkwürdig 
ist, daß der Vater der Burgunder nie Dankrat, sondern immer Gibich 
heißt, zweimal a)i Stellen, avo ihn auch die andern Handschriften 
nennen, (7) und (1145), und einmal, wo die andern den Namen nicht 
haben (123) kvnig Gibichs kint. Es wäre von großer Wichtigkeit, 
wenn eine alte Handschrift der Nibelungen den echten Namen Gibich 
zeigte ; es würde daraus gefolgert werden können, daß der unerklär- 
liche Name Dankrat erst durch die Willkühr eines Abschreibers in 
das Gedicht gekommen wäre; allein es scheint, daß der Verfasser 
von k den Namen nicht in seiner Vorlage fand, sondern daß er ihn 



NIBELUNGEN. HANDSCHRIFT K. 337 

anderswoher, aus dem Lied von Siegfried oder aus dem Rosengarten, 
ivannte und an die Stelle von Dankrat setzte. 

Ebenso wird es mit dem Namen der Wülfinge sein, den das 
Lied und die Klage nicht kennen , der aber in K öfters erscheint, 
2408 (2039). 2316 (2311). 2332 (3347), 4. 2350 (2345), 4. 2352 
(2347), 4 kein xmdfing tet den, gesten so grosen schaden me. Er steht 
immer im Plural und ist ganz gleichbedeutend mit Dietriches man. 
Wie manche Namen entstellt sind, wird Niemand wissen wollen. Das 
Wort eilen war im fünfzehnten Jahrhundert schwerlich noch im Ge- 
brauch; der Bearbeiter umgeht es meistens, und daß er es nicht 
verstand, zeigt 409 (399) 4 , wo er als ez ir eilen in gebot übersetzt 
als in die kunigin bot ; doch behält er es einigemal bei in der Form 
helant 2002 (1993) 4 von. seinem starken helant , 2342 (2337) 1 als 
im sein helant riet; er hätte wohl schwerlich über dieses Wort helant 
Rechenschaft geben können. Ebenso übersetzt er ellenthaft mit 
helanthaft z. B. 2130 (2120) 3. Dieses Wort helanthaft kommt nun 
einigemal vor, wo es unsre Handschriften nicht zeigen (5) 4 mit 
hellanthafter hant. 28 (30) 3. Da man nicht annehmen kann , dai.'i 
der Bearbeiter ein ihm unverständliches Wort gebraucht habe ohne 
Veranlassung seiner Vorlage, so lassen solche Stellen auf eine Hand- 
schrift schließen, die zuweilen eigenthümliche Lesarten hatte. 

Die in dem Lied gewöhnliche Zeitbestimmung zen süneivenden 
genügte dem Bearbeiter nicht: er sagt 2142 (2135) zu sant johans 
sünewenden, oder zu sant Johannes tage 1517. 742, oder zu sant Jo- 
hannes messe 758. 

Es mag aber genug sein. Wenn dem Werk die Ehre zu Theil 
wird, der wir es kaum für würdig halten, vollständig gedruckt zu 
erscheinen , so wird vielleicht bei ruhiger Erwägung sich noch ein 
oder die andere Stelle finden, die für die Wahl der Lesart von Ein- 
fluß ist. Wünschen wollen wir aber, daß von der wichtigen Hand- 
schrift, nach welcher das Werk gearbeitet ist, und die also gegen 
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts noch vorhanden war, wenn auch 
nur noch ein Blatt irgendwo zum Vorschein komme. 

ADOLF HOLTZMANN. 



GERMANIA IV 22 



338 HERMANN WERNER 

KÜNZELSAÜEE FEONLEICHNAMSPIEL 

AUS DEM JA PIKE 1479. 

IM AUSZUGE MITGETHEILT 
VON 

HERMANN WERNER. 



Ein vollständiges Fronleichnamspiel scheint gedruckt noch nicht 
vorzuliegen. Und doch brachte es die Art dieser Spiele mit sich, 
daß gerade an diesem jüngsten der Kirchenfeste die Kunst am frei- 
sten sich entfalten konnte. Was die Geschichte für diesen Tag bieten 
konnte, war durch die Leidensgeschichte vorweggenommen; so musste 
hier die Glaubenslehre sich zu versinnlichen suchen. Sie thut es, 
indem sie einen Schritt weiter geht, als die Spiele auf Weihnachten, 
Karfreitag, Ostern schon gegangen waren. Auch diese hatten ziem- 
lich weit ausgeholt: das Fronleichnamspiel nun umfasst die ganze 
Offenbarung, ja es geht noch rückwärts über sie hinaus und stellt 
den vor der Schöpfung geschehenen Fall der Engel dar: vorwärts 
wird die geoffenbarte Zukunft, das Auftreten des Endechrists, sein 
Fall und das jüngste Gericht als Vergangenes vor Augen geführt. 

Diesen Inhalt umfasst unsere Handschrift, und vertheilt ihn in 
3 Theile, die sich den Stationen des Festumzugs anschließen. Der 
erste Theil geht bis auf Abraham ; der zweite enthält die Heils- 
geschichte, die im Volk Israel sich vollzieht, und endet mit dem 
Morde der Kinder Bethlehems ; der dritte Theil geht vom Auftreten 
Johannes des Täufers bis zum Weltgericht. 

Was die äußere Beschaffenheit der Handschrift betrifft, die, in 
Künzelsau aufgefunden , der dort im Hohenlohe'schen Schlosse auf- 
bewahrten Sammlung des historischen Vereins für das wirtember- 
gische Franken angehört, so ist sie den sonst beschriebenen ziemlich 
ähnlich. In, der Länge nach gebrochenen, halben Bogen enthält sie 
62 beschriebene Blätter. Die einzelnen Theile sind dm-ch Zwischen- 
räume leerer Blätter getrennt; der erste Theil, wovon näher unten, 
scheint unvollständig zu sein. 

Zu diesem Grundstock der Handschrift kommen noch Beilagen, 
die jetzt vornen und hinten angebunden sind. Diese sind nicht, wie 
es sonst vorkommt, ausgeschriebene Rollen, sondern Einlagen, be- 
stimmt, an einzelnen durch Zeichen bestimmten Stellen entweder in 
den Zusammenhang eingeschoben oder an . die Stelle des Ursprung- 



KÜNZELSAUER FEONLEICHNAMSPIEL. 339 

liehen Wortgefüges gesetzt zu werden. Der Art finden sich 4 klei- 
nere Stücke mit zusammen IG Blättern vornen, und hinten ein 
größeres Stück von 21 BLättern , das aber auf verschiedene Stellen 
des Spieles sich vertheilt. 

Was das Alter dieser Stücke betrifft, so trägt die Handsolirift 
am Schlüsse die Jahreszahl 1479; wenig jünger ist das größere, 
hinten angebundene Stück ; es hat mit dem Grundstock gemein, daß 
alle Anfangsbuchstaben der Zeilen roth angestrichen sind, und alles 
Lateinische in den Überschriften und in den Anführungen aus der 
lateinischen Bibel und aus Kirchenliedern durchweg roth unterstri- 
chen ist. Diese Eigenthümlichkeit fehlt den vorderen Stücken, die 
auch durch weniger eckige Buchstaben und flüchtigere Züge in spä- 
tere Zeit weisen. Kleinere Zusätze aus früherer und späterer Zeit 
finden sich auch oben und unten auf den Rändern. 

Außerdem enthalten sowohl die 3 Haupttheile als auch die 
Zusätze mehrere eingeklebte Zettel, welche sich als Verbesserungen 
des ersten Wortgefüges geben ; einmal , beim Kampfe Davids mit 
Goliath , zeigt der eingeklebte Zettel sogar eine doppelte Umarbei- 
tung des Zwiegesprächs zwischen beiden. Dieses Flicken am alten 
Zeuge ist meist minder gelungen. 

Das beweisen alle diese Zusätze, daß die Handschrift mehrfachen 
Aufführungen zum Grunde lag. Sie enthält zudem Randbemerkungen, 
durch welche manche Abschnitte unter sich umstellt, Auslassungen 
da und dort angedeutet, und einzelne Stellen andern als den ur- 
sprünglichen Personen zugetheilt werden. 

Auslassungen wurden bei der Aufführung um so nöthiger, als 
das an sich schon große in 3 „Stationen" abzuspielende Stück durch 
die Einlagen unverhältnissraäßig angeschwollen war; doch beziehen 
sie sich nie auf ganze Abschnitte, sondern immer nur auf kleinere 
Zwischenreden. 

In der nun folgenden Inhaltsangabe sind die Zusätze mitverar- 
beitet und jeder als solcher kenntlich gemacht. Wir bezeichnen die 
3 Theile mit A, B, C; die vier vorderen Zusätze mit a, b, c, d; 
den hinteren mit e. 

(A 1^) Eegisto-um processionis corporis Cristi sie ordinatnr: zwei 
Engel gebieten Stillschweigen und Aufmerksamkeit. Rector processionis 
vertat se ad sacramentum et dicat : 

Ach liber Got von himelreich 
herbarm dich hewt gai- genedigleich 

22* 



340 HERMANN WERNER 

vbei' vns alle mr sein berait 

dir zu diuen jn demiitickait 
10 vergib vns hewt schuld und pein 

durch dy bitter marter dein 

so mögen wir geeren wüI 

das sacrament gnaden vol 

das vns zu trost ist geben 
15 zu speisen jn das ewig leben 

das brat von liimel kernen ist 

dein warer leichnam her Jliesu Crist 

laß vns dein gnad erwerben 

das wir an dy speiß nit sterben 
20 so wurt vns für war gegeben 

nach diser tzeit das ewig leben 

vnd werden gespeißt ewigleich 

jn dem fron himelreich 

dar vmb liben herexi alle 
25 singent mit freihem schalle 

bigent ewer knye alda 

singent o vere dingna hostia 

Chorus cantat istum versum, ymni vere etc. Nun tritt der Eector 
processionis — das ist der Name des Anführers in unserem Spiel — 
hervor, mahnt aufzumerken, wie „vnser liber her Jhesus Crist an 
der letzsten frist" mit seinen Jüngern essen wollte, 

vnd von jn schaiden als er solt 

er befal jn mit rechtem fleiß 
35 zu haben hy mit gedechtniß 

seinen waren leichnam jn des brattes schein; 

(1'') den soll jeder Mensch gern ehren, weil wir damit viel Gnade 
erwerben. Dann fährt er unmittelbar fort: 

Nu sein wir alle gemenicklich 

dem heiligen sacrament lobelich 

zu even hewt her kamen 
45 Nu han ich wol vernumen 

das ewer ein tail nit versten 

was sy sehen vor jn gen 

nu wil ich euch mit reymen bedewtten 

euch ein feltigen lewtten 
50 das ir merckent destet baß 

was bedewt dises vnd das 

jn der alten ee vnd jn der neweu 

lasseut euch ewer sund rewen 

so wurt euch aplas geben groß 
55 vnd werdent der heiligen engel ^enaß 

das vns das alles widerfar 



KÜNZELSAUEß FROXLEICHNAMöPIEL. 341 

so nemeut meiner 1er war 
neygent uyder ewer knye 
mit andaeht vnd mit rewe 
60 ein jglich mensch sprech alda 
den engelisch grüß Aue Maiüa 

Hierauf leitet der Rector processioids auf die eigentliche Aufführunc; 
über: ihr sollt merken, wie „dy hoch Gotes myn" der Engel Schaar 
und die Menschheit geschaffen hat: 

66 er hat jn fi'eihen willen geben; 
wir sollen merken, daß uns Gott „nach jm gebildet'' hat; darauf 
sollen wir achten 

das wir Got vnsern heren 

mit dem selben willen eren. 

Nun tritt auf Saluator jn creacione und spricht : 

Dy eugel ich erschaffen han 

das sy mir wesen vuder than 

der aller schonst vnder meinem engelischen her 

ist gehaisen Lucifer 
80 vnd setz jm uff an diser stat 
(2*) schon ein krön von golt ratt. 

Dann zu Lucifer gewendet (Avenn wir, wie der Zusammenhang lehrt, 
hier der späteren ordnenden Hand Recht geben müssen, welche die 
Stelle von unten, wo sie zwischen der Aufforderung an die zum 
Abfall geneigten und an die guten Engel steht, hieher ziehen) : 

Ich bin aller weit licht 

der mir volcht der kompt nicht 

ymmer jn vinsterkait — — 

Der Rector pr. kündigt den Abfall Lucifers an: 
Ir sollent hewt mercken all 
wy dy hoffart ist ein gall 
das sy sei vnd leyp vertzei't 
85 wer jr nit betzeit wert 

das ist an Lucifer wol schein — — 

Dieser tritt nun auf jn forma angeli et dlcat ad socios stios : 
94 Nu wol her gesellen mein — — 
ein dinck wil ich greiffeu an ; 
Schon dar vnd wol getzirt 
bin ich vnd eben formirt 
100 mir gebricht ach nicht 

ich trag euch allen vor das licht — — — 
106 vnd setz mein stul eben vud fein 
jch wil selber got sein. 

Sathanas erklärt hiezu seine freudige Beistimmung. 



342 HERMANN WERNER 

(2'') Lucifer wendet sich nun auch an die „engel von cherubin" und 
„von seraphin", fragt, ob auch sie ihm „beistehen" wollen, erhält 
aber die Antwort: 

124 Wir wollen loben den waren Got — — — 
worauf sie vor der dominica j^ersona die Knie beugen, und laut das 
Sanctus sanctus sanctus anstimmen, in das der Chor einfällt. 
(3^) Saluator wendet sich zu Lucifer, und erklärt ihm: 

140 dein hoffart vnd vber mut 

sol dir nummer werden gut — — — 

des mustu werden vevstassen 
145 mit allen deinen genassen 

von himel jn der helle grünt — — — 
150 ewiglich an ende 

dir kans nymantz wende 

vnd solt haben kainen drost 

das du nummer werst erlost. 

Hierauf erhält Michael den Befehl : 

Michahel slag auß zu haut 
155 Luciper den laidigen valant — — — -, 

was dieser mit den Worten ausführt: 

Var auß du laidiger valant 
das gebewt dir der heilant 
du vnd dy dein genassen 
165 sollent sein ewiglich verstassen. 

Lucifer recedat deponens vestimenta angelica et jnduens vestimenta 
dyaholica et reveniens dicat lamentacionem suam. Diese stimmt ihrem 
Inhalt nach so ziemlich mit der Klage in dem Osterspiel bei Mone 
(2, 103), namentlich auch in dem auffallenden Gedanken, der auf 
die Betrachtung folgt, daß er nun ewiglich in der Hölle Pein lei- 
den müsse : 
(3*^) der mir ein sawl liß machen 

von scharffen schar schachen 
200 von dem himel jn der helle grünt 

an der wolt ich zu aller stunt 

aufF vnd nyder reitten — — — 

biß an das jüngste vrtail 
205 das mir den gesche das hail — — 

so mag es laider nit gesein 

jch muß ymmer leiden pein 

mit allen mein genasseu 

dy mit mir sein verstassen. 



KÜNZELSAUER FRONLEICHNAMSPIEL. 343 

Nun kündigt der Rector die Schöpfung der Welt an, wieder mit 
der ausdrücklichen Hervorhebung in Betreff des Menschen: 
21 G freihen willen er jm hat geben 

das er det jn seinem willen leben ; 

(4*) aber der Teufel „jn slangen weyß" habe die ersten Men- 
schen verführt, um das Paradies und in den Tod gebracht. Darum: 

das solt jr mercken eben 

halten Gotes gebot vnd jn seinem willen leben 
so wurt euch geben das himel bratt 
235 das speißt euch für den ewigen datt 

Der Herr führt die Menschen in das Paradies, weist sie, faclens 
matrimonimn , an einander, und indem er ihnen alles Andere über- 
giebt, warnt er sie : 

246 jr mocht essen aller der speiß 
dy da wechst jn dem paradeiß 
an der eßt nit zu kainer stunt — — — 

250 wen ir der speiß eßt so sterbt jr dat 
vnd kompt dar von jn groß nat. 

Adam verspricht alles Gute. (4'') Der Rector heißt aufmerken, wie 
der „boß dewffel" es angegriffen habe, um die Menschen in Unge- 
horsam zu bringen. Das geht so zu : Lucifer beruft seine Gresellen 
und sagt : — zway menschen hat gemacht Got 

265 wider vns dewfFel zu ainem spot 

ist ewer kainer so weiß 

der da mocht auß dem paradeiß 

mit allen seinen sinnen 

der lewt ains gewinnen ? 

Sathanas erklärt sich bereit , recedit , et venit jn forma serpentis ad 
Euam, fragt sie, warum Gott ihnen „das obs suß vnd lustigleich" 
verboten habe, erhält zur Antwort: daß wir nicht sterben, Gottes 
Ungnade und den Tod erwerben. Darauf sagt er, 2° temptans Euam : 

Das obs das vor euch hie stat 

versucht es das ist mein rat 
280 den es ist dy best speiß 

dy do stet jn dem paradeiß. 
Hier ist eine Lücke , äußerlich zwar nicht angedeutet , aber noth- 
wendig anzunehmen, wenn man nicht zu der Behauptung greifen will, 
es sei die Absicht des Verfassei-s gewesen, daß Eva durch beredtes 
Schweigen zu antworten habe. Der dritte Anlauf des Satans ist 
sichtlich Beschwichtigung von Bedenken, die Eva auf seine zweite 
Aufforderung hin vorgebracht hatte, und da mit den oben angeführten 



344 HERMANN WERNER 

Zeilen die Seite 4'' schließt, konnte der Abschreiber um so leichter 
einige Zeilen übersehen. (5^) Sathanas, o° temptans Enam, sagt : 

Eß das obs zu diser stunt 

ir kain vnrecht dar an dunt 

Got hat es euch verbotten vmb eiueu list 
285 jch sag euch das war ist 

er forcht ir wertt den gottcr geleich 

das geschieht sicherleich 

wen ir geßt diser speiß 

werdent ir ach alsot weiß 
290 das ir erkennent jn ewercm mut 

es sey boße oder gut. 
Hiemit ist Eva gefangen : 

Ob ich des obs gerne esse 

vnd Gotes gebot vergesse 

so kan ich es mit sinnen 
295 von dem bawm nit gewinnen 
Sathanas : Eua dar vmb bin ich hye berait 

vberheben dich der arbait — — 

et porrigens pomum dicens : 

300 Se Eua vnd beiß an 

gib Adam ach deinem liben man 
vnd haisen jn essen der besten speiß 
dy irgent wechst jn dem paradeiß. 

Sie nimmt, isst, giebt dem Adam, und er isst auch. Sathanas alta 
voce emittat risum : ho ho ho ho ! et dicat : 
Mein wil der ist volbracht 
305 dar nach ich lang han gedacht 

jr seint getretten jn meinen orden 
vnd seint nu mein aigen worden. 
Er verkündigt dem Lucifer seinen glücklichen Erfolg ^) , und wird 
— 5^ — höchlich belobt. 

Post hoc venu Saluator , vocat: Adam! Adam ahscondit se , und 
sagt auf die Frage: „wu bistu kumen?" 
327 — — ich forcht dich 

vnd det das uff ainen sin 
dar vmb das ich nackend bin. 



') Her dein wil ist volbracht 

recht als du selber hast gedacht 
310 ich han sy baid belogen 
yiv\ sy betrogen 
ich hau sy baide geschent • 
das weip hat den man gebleut. 



KÜNZELSAUER FRONLEICHNAMSPIEL. 345 

Die weitere Ausführung — 6 '^ — schließt sich fast wörtlich an die 
biblische Urkunde an. ((3^) Die Engel erhalten Befehl, die Menschen 
aus dem Paradies zu treiben. Adam dicat ad populum lamentabiliter : 

WaflPen hewt mir armen man 
ach was han ich gethan 
jch han verdint G-otes zoru 
(7*) 405 dar vmb so han ich verlorn 

dy fraid jn dem paradeyß — — — 
412 das ist mir junicklicheu laidt 
jch muß gen an dy arbait. 

Tunc accedimt dyahuli et Luciper assumit eos dicens alta voce: ho ro ho! 

Nu gent mit mir das ist mein rat 
415 jch wil euch füren vff den pfat 

vff dy erden jn das iamerthal 

da wertt jr sehen vber al 

jamer lait ach vnd we 

jr komt von mir nit me 
420 mit tawssent listen versuch ich euch wol 

vnd mach euch aller sunden vol 

dar nach komen ich vnd mein gesellen 

vnd füren euch mit vns jn dy helle 

da mussent jr Gotes amplick vermeiden 
425 vnd mussent mit vns ewiglich leiden 

ro ho i'O ho 

Im weiteren Verlauf von A treten nun Cain und Abel auf: 

Abel was ein rechter man 
dar vmb was jm der bruder gram 
er opffert Got des besten 
Cayn flaiß sich des hosten 
535 Cayn opffer was Got ein spot 

dar vmb erslug er seinen bruder zu dat ; 

an dieses „beyspil" knüpft der Rector die Ermahnung 
437 wolt jr nu ewiglichen leben 

opffer vnd zehent seit jr recht geben. 

(7'') Abel opfert ein Lamm, Cain manipidum flagellarum] Abel wird 
vom Saluator gelobt, zu Cain sagt er, daß sein Zehent und Opfer 
nicht gerecht sei, worauf dieser in Ai-ger ausbricht, von der dominica 
persona gewarnt wird, was ihn — 8 ^ — nur bestärkt in seinem Neid. 
Auf die Unthat folgt die Untersuchung, Strafankündigung und — 8^ — 
Beilegung des Zeichens auf der Stirne. Auch letzteres wird ihm 
zum Unsegen , wie er in seiner Klage , welche diesen Abschnitt 
schließt, es selbst ausspricht : 



346 HERMANN WERNER 

der schopfer von himelreich 
der wolt mir sein genedickleich 
535 vnd het mir alle mein schuld vergeben ; 

540 ein zaichen det ich tragen 

das mich nyman kennen det 

so haben mich des tewffels ret 

so gantz vnd gar durchkrochen 

das ich selber hab gesprochen 
545 mein missedat vnd boschait 
(9^) sein großer dan Gotes barmhertzickait 

vnd hau verdinet Gotes zorn 

vnd muß sein ewiglichen verlorn — — — 

Bei Noah, der cum archa accedit, berichtet die Einleitung des Rectors: 
dy archa bedewt vns wol 
560 dy rein Maria genaden vol 

jn dy vnser her Jhesus Crist kam 
vnd menschlich natur an sich nam ; 

er mahnt, das sündige Leben zu bessern, und die Maria anzurufen : 
sy wol vns rew vnd genad erwerben 
570 das wir an das sacrament nit sterben. 

Noah erhält Befehl, vor jähem Tod sich vorzusehen : 
(9**) 595 du macht nit lenger frist gehaben 

dy archen mach jn sieben tagen. 

Noah sagt, er könne das, und bittet auch für die Zeit, wann Gottes 
Zorn vergangen sei, um Gnade für sich und seine Nachkommen. 
Diese wird ihm zugesagt: 

Der regen bog vnd sein schein 
sol ein vestes worttzaichen sein ; 
615 jch han bei meiner rechten hant gesworn 
der mensch wurt nit mer verlorn 
mit dem wasser uflP der erden 
618 wau so das jungst gericht sol werden; 
620 himel vnd erden werden dan verbrant. 
Von Abraham sagt der Rector: 

623 Jr sollent dy figur ach mercken 
dy euch an geharsam sol stercken 
(10*) vnd jn rechtem glawben vestigen wol — — 

Hiefür wird besonders das befohlene und beabsichtigte Opfer Isaaks 
angeführt und dargestellt. (10*') Der Engel Gabriel, der dem Abra- 
ham in den Arm fällt, freut sich seiner Bereitwilligkeit, und erklärt: 
661 das ist zu gerechtickait dir getzelt 

zu ainem vatter vnd konig bistu erweit 



KÜNZELSAUER FRONLEICHNAMSPIEL. 347 

vnd jii dem gesiecht vud namen dein 
sol alles volck gesegent sein 
665 geharsam Got vil liber ist 
wan das opffer zu aller frist 

Wie die letzten zwei Zeilen mit der so oft und stark hervorgeho- 
benen Hauptforderung, Opfer und Zehnten reclit zu geben, zusam- 
menstimmen, darüber sich Rechenschaft zu geben, scheint der Ver- 
fasser zu unbefangen gewesen zu sein, eine Eigenschaft, die ja auch 
oben Zeile 616—18 vgl. 620 auffallen musste. 

Der Rector führt nun Abrahams Segnung durch Melchisedek 
ein : das Brot und der Wein, welche dieser geopfert, sei eine rechte 

„ligur" 

673 des lebendigen brats von himelreich 
das für vns wurt geopffert degleich. 

Melchisedek selbst weist von sich auf einen künftigen Priester hin, 
der ewig sein werde : 

dem wurt man opfi'ern brat vnd wein 
685 das wm-t ein newung ordenung 
vmb aller weit ei'losung. 

Mit diesen Worten bricht der erste Theil ab. Der zweite Theil 
fängt mit Mose an. Es bleibt eine große Lücke. Die Papierlage, 
auf welche A geschrieben ist, war zu Ende ; die sich anschließende, 
welche auf 14 Blättern den größten Theil von B enthält, hat vornen 
4 leere Blätter, welche auch durch die mit einem scharfen Werkzeug 
eingedrückten Linien bereits zur Aufnahme von Schrift vorbereitet 
waren. Ferner schließt B, denn von C als dem Schluß des Ganzen 
ist hier abzusehen, mit einer abschließenden Anrede der Engel und 
dem aaronitischen Segen; ja es heißt: et dant henediccionem ut supra. 
Wir haben also hier den Ausfall einiger Stücke aus dem Leben der 
späteren Erzväter, wo nicht zu beklagen, so doch anzunehmen. 

B. In secunda staccione tritt, wie gesagt, zuerst Mose auf. 
Der Rector erinnert an die durch ihn geschehenen Wunder, und 
führt namentlich aus : 

10 das brat jn von dem himel flaß 
do mit speißt er sy das ist war 
jn der wustung manig jar 
das himel brat ein figur gewest ist 
des waren leichnams heren Jhesu Crist 
15 da mit wir uff der erden 

gaistlich sollen gespeißt werden. 



348 HERMANN WERNER 

Dominica persona verkündigt dem Mose die Zehn Gebote, mit dem 
Auftrag, sie dem Volke zu geben. Er thut dieß, ad pueros [et] ad 
Sinagogam gewendet in lateinischen Hexametern : 

Solum cvede Deum nee vane jura per ipsiiin 
n*») Sabbata sanctifices habeas jn honore parentes 

Non sis oecisor fur mechus testis jniquus 

Nullius nuptam cupias nee res alienas. 

Daran knüpft sich eine Ermahnung an das Volk, worauf dieses Ge- 
horsam verspricht. Mose wird zu Gott auf den Berg berufen, über- 
giebt dem Aaron die Aufsicht über das Volk, und erhält von Gott 
die Gesetzestafeln, mit besonderer Einschärfung des Gebots, den 
„sabaoth" zu heiligen. Unterdessen — 2* — surgit Sinagnga contra 
Aaron : man könne nicht wissen, was aus Mose geworden sei, Aaron 
sei jetzt ihr „vorgener". Dieser wartet keine weitere Aufforderung 
ab, sondern sagt gleich: 

85 Hortt ir kinder lat euch sagen 

wolt ir ander Gotter haben 

so nempt ewer golt 

werfft das jn des fewers nat 

vnd was dar aus thut schein 
90 das sol ewer Got sein. 

Das Kalb wird auf eine Säule gestellt, und das Volk ruft: „Diß sein 
dein Gotter!" Dominica persona — 2'^ — unterrichtet den Mose 
von dem Vorfall, und spricht zuletzt: 

107 las mich sy straffen jn dem zoru mein 

sy verdilcken vnd pringen jn pein. 
Mose bittet den Herrn , um seinetwillen den Zorn „vnder wegen" 
zu lassen ; er kommt herab , und spricht ad pueros furiose et proi- 
ciens retro vitulum et proiciens ante eos tahidas: „O ir tewffelischen 
kint!" u. s. w. , (3*) zieht Aaron zur Verantwortung, der mit den 
obigen Worten und mit Berufung auf des Volkes „vnstümickait" sich 
entschuldigt. Mose wird wieder auf den Berg berufen, erhält die 
neuen Tafeln und verkündet dem Volke deutsch die Gebote. 

(3^) Josue cum hotro accedat. Der Rector erzählt die Ge- 
schichte und deutet sie : 

der trawb bedewt Jhesum Crist 

der an dem heiligen creutz gecruckt ist 
195 von jm floß sein blut rosen var 

das hat vns gewaschen gar 

von allen vnser sunden bant 

her hilff vns jn das gelobt lant — — — 



KÜNZELSAUER FRONLEICHNAMSPIEL. 349 

Nach Josua geht, gleichfalls stumm, über die Bühne Samjyson imr- 
tans ianuam, 

203 der dy mewer vnd thor zerbrach 
205 das bedewt vns wy Jhesus Crist 
von dem dat erstanden ist 
da vor was er zn der helle kamen 
vnd hat dem dewfFel seinen gewalt geuomen 
dy helle thur zerbrochen gar — — — 

(4^) Accedat Dauid et Golias. David, 

do er jm den sig an gewau 

des ward er ein werder man 

Cristus von seinem gesiecht ist geborn 
220 der versunt vns des vatters zorn 

ein iglich mensch noch alsus 

mit dem dewffel streitten muß 

der vns dag vnd nacht vichtet an 

das merckent frawen vnd man 
225 allen feinden ir an gesiebt 

vertzagt [ir] an rechtem glawben nicht. 

Goliath schilt den David, dieser erwidert, seine Stärke liege „an 
Gotes gut". Die Seite 4^ hört hoch oben auf, es könnten noch 
5 — 6 Zeilen dastehen. Ist vielleicht eine Andeutung ausgefallen, wie 
der Kampf selbst auf der Bühne vor sich zu gehen habe? 

Eine äußerst gedehnte, vielfach matte Darstellung findet — 4^ — 
— 7^ — das Urtheil Salomos, das auch der Verfasser nicht besser 
mit der Bedeutung des Festes, dem das Spiel gilt, zu verbinden 
wusste, als durch die Ermahnung, es solle Jedermann auch so ge- 
recht richten. Dafür liefert uns der Abschreiber einen der auffal- 
lendsten Beweise, wieviel er Latein verstand : der vielfach vorkom- 
mende procurator 8alonionis heißt durchweg procreator. 

Hier tritt zum ersten Mal der Fall ein, daß eine Kandbemer- 
kung auf die Zusätze verweist, und zwar gleich auf den nach Aus- 
dehnung und Inhalt bedeutendsten, den Anfang von e. Während 
ursprünglich an Salomos Urtheil Jesaja und seine Nachfolger sich 
anschließen , schien dieß später doch gar zu unvermittelt zu sein, 
und dem Versuch , Wesen und Bedeutung der Propheten zu er- 
klären , verdankt unsere Handschrift eine Bearbeitung der alten, 
handschriftlich vielfach vorhandenen, aber noch nie auslührlich ge- 
druckten Litigatio sororum mlsericordie ijcicis justicie et veritatis'^), 



*) Ein Druck dirses Stücks liegt jetzt vor in der Einleitung zu Bartsch's 
Ausgabe der Erlösung, Quedlinb. und Leipz. 1858. Was dort Erzähhuig , ist in 



350 HERMANN WERNER 

als deren Quelle neuestens Piper (evang. Jahrb. auf 1859. S. 17 fF.) 
eine Predigt des h. Bernhard über Psalm 85 (Vulg. 84) v. 11. nach- 
gewiesen hat. Nachdem dort Gott der Vater die beiden streitenden 
Schwestcrnj)aare an seinen Sohn, „der dy weißait ist", gewiesen, 
und dieser den Entschluß ausgesprochen hat, um beiden Forderungen, 
dem Recht und der Liebe zu genügen , sich selbst hinzugeben , so 
spricht er zu den Propheten (deren Anwesenheit vorher nicht erwähnt 
ist, die aber nach dem Zusammenhang als Zuhörer der Berathung 
im Himmel zu denken sind) : 

Seyt euch an diser stunt 

aller mein rat ist worden kuut 
655 so seit ir drast den lewtteu sagen 

660 Got wille kumen jn der tzeit 
vnd wil euch warleich 
erlosen alle gleich. 

Damit ist dem Auftreten der Propheten im ursprünglichen Stücke 
der Weg gebahnt. Jesaja, Jeremia, Daniel treten jeder mit einer 
Hauptweissagung auf — 7^'^ — ; unmittelbar darauf accedat Zaclia- 
rias Elizabeth et angelus Gahrihel"^. — 8^ — Von dem verkün- 
digenden Engel fordert Zacharias ungläubig ein Zeichen, und dieser 
sagt, er solle „vnsprech" sein, bis Elisabet das Kind gebäre. 

Der nun folgende Abschnitt hat die ausdrückliche Überschrift: 
Annunciacio Marie. Accedat Maria sine iniero sedens jn ftede 
versus sacramentnm , et angelus Gahrihel veniens stet ante eam. Der 
Rector spricht zum Volke: 

Hy hebt sich an zu hant 
745 als Gabriel der engel wart gesant 

zu Maria der rein mait 

ein gutten grüß er ir da sait 

das sy den enpfahen solt 

der alle weit erlosen wolt 
750 nu ruffent dy liben Maria an 



unserem Stück draniatisiei-t, und die Reden shid fast Wort für Wort gleich; die Be- 
nützung dieses Stücks bricht aber Z. 313 ab. Z. 1— .55 sj)richt der Redor proces- 
sionis. Folgende Lesarten aus e mögen bemerkt werden: Z. 44 — 46: „darvmb mir 
(= wir) noch alle | dy angeborne missedat | müssen tragen" u. s. w. Z. 86: — 
„menschen sein". Z. 89: „ewer bett ist". Z. 107: „geliarsamkeit". Z. 149 f : — 
„nicht ein wesen hat | dar vmb mog dy m. Z. 167 f.: „zwaywnge — ainwnge". 
Z. 188: „solt du es thun". Z. 189: „han ich vernmnen«. Z. 219 f. ist umstellt. 
Z. 230: „des zorns sein''. Z. 237: „baid vbel vnd arck". 



KÜNZELSAUER FRONLEICHNAMSPIEL. 351 

für dy sund, dy ir habt gethan 
das sy vnser für sprech wol sein 
gegen irem aller libsten kindelein. 

(8**) Der Verkündigung selbst folgt der Gesang Te Deum, den Gabriel 
et alij angeli ßectentes genua ante Mariam ausführen. (9^) Maria 
besucht die Elisabeth, und (^^) nach der Rückkehr ad locum 
suum stimmt sie jn sexto tono das lateinische Magniflcat an, das 
von ihr und dem Chore im Wechselgesang ausgeführt wird. 

Eine Randbemerkung: seqnitur Cesar Äugustus weist uns wieder 
in die Zusätze von e, dem hier als dritte Zugabe c zur Seite steht. 
Äugustus mit dem Befehl, „zu beschreiben alles menschlich gesiecht", 
giebt die Veranlassung, daü Joseph die Maria auffordert, mit ihm 
nach Bethlehem zu ziehen. Maria sagt, sie wolle gehorsam sein : 
auf den weck ist mir gacli 
885 ge mir vor ich ge dir nach. 

(10^) Gabriel tritt zu ihr, und apportat ei puerwn ad vlnas suas. 
Die Anbetung der Hirten — IC' — ist in c weitläufig ausgeführt. 
Die erste Bearbeitung selbst fällt — 10'' — 14* — in der Geschichte 
der anbetenden Könige, der Flucht Josephs mit der Mutter 
und dem Kinde, und des Kindermords in eine Breite, die mit dem 
Zweck eines Fronleichnamspiels in gar keinem Verhältniss steht, 
wie denn auch nicht einmal in den Einleitungen des Rectors ein 
hierauf hinweisendes Wort sich findet. Noch mehr geht die Umar- 
beitung in e und die spätere eng damit zusammenhängende in c 
über alles Maß hinaus. Hervorzuheben ist davon nur, wie die spä- 
tere Zeit für den zweiten Theil, der mit dem Kindermorde schließt, 
einen weicheren Ausgang suchte ; sie findet diesen in den Klagen 
der t7'es Racheies plorantes portantes pueros , die auch anderweitig 
vorkommen. Man kann sich hier des Gedankens nicht erwehren, 
daß der Verfasser des Spiels und noch mehr die späteren Benutzer 
der Versuchung unterlegen seien , aus dem gerade über die Geburt 
Jesu reichlich vorliegenden schon in die Form der Spiele gebrachten 
Stoff mehr als gut war, aufzunehmen. 

Wie schon oben bemerkt, hat der zweite Theil einen liturgi- 
schen Schluß. Zwei Engel stimmen an: et amhulahunt reges (Jesaj. 
60, 3), wobei der Chor sie begleitet, dann geben sie deutsch dem 
Volk die Ermahnung, an Maria und ihr liebes Kindelein sich zu halten, 
heißen alle den englischen Gruß anstimmen, et dant benediccionem*). 



*) ut supra, fügt, wie schon zum Schlüsse des 1. Theils bemerkt wurde, die Hs. bei. 



352 HERMANN WERNER 

C. In tercia staccione accedat Johannes baptista mit dem 

Spruche Ego vox clamantis (Jes. 40, 3), der verdeutscht und ange- 
wendet wird. Dann kommt Herodes mit Frau und Tochter und 
Gefolge, ad conviumm. Wie sie sitzen, tritt — 1 '' — Johannes auf, 
und straft den Herodes. Die Frau bittet ihn, ihr diese täglichen 
Auftritte zu ersparen , worauf — 2 ^ — Herodes den Johannes ins 
Gefängniss legen lässt. Ein neues Gastmahl findet statt; die Bitte 
der Tochter ■ — 2** , 3* — veranlasst den Befehl zur Hinrichtung des 
Johannes. Der „lictor" bittet diesen um Verzeihung, daß er gehor- 
sam sein müsse, — 3 ^^ — bringt das abgeschlagene Haupt, übergiebt 
es, und Alles ist froh über diesen Ausgang. Da tritt — 4* — Sa- 
than as auf, clamat Lucipero et dicat : 

210 Luciper das kumpt vns eben 

das weip dut jn vnserm willen leben 
dar vmb wollen wir jr geben zu lan 
jn der hell ein dewffelischen kran — — 

Lucifer stimmt damit überein: ich 

222 — wil jr ufF setzen dy kran 

dy ich selbs verdint han — — 

dann heißt es : et ducat eam ad jnfernum. Dem Zusatz d, der dem 
bisherigen Abschnitte von C zur Seite geht, thun wir alle gebüh- 
rende Ehre an , wenn wir wenigstens seine Erweiterung dieses 
Schlusses beistimmend herübernehmen : Et ducunt Herodem uxorem 
et filiam. 

Folgen wir der die 3 ersten Abschnitte dieses Theils umord- 
nenden Randbemerkung, so gehört hieher, oder eigentlich schon vor 
die decoUacio Johannis die temptacio jn deserto, 6*^, deren Dar- 
stellung ganz an die evangelische Erzählung sich anschließt. Hierauf 
folgt — 7^ — die Berufung der Jünger, und dann die zuerst zu 
weit vorgeschobene Geschichte der Maria Magdalena — 4%5'' — . 
Dieses Stück ist im Vergleich mit den sonst bekannten Darstellungen 
sehr einfach gehalten ; das Zureden der Martha bewirkt schnell die 
Sinnesänderung der Schwester, diese salbt den Herrn, findet Gnade 
und stellt sich selbst dem Volke vor als ein lockendes Beispiel der 
Bekehrung: ich 

412 — bin jn großen sunden gelegen 
dy tewffel haben mein gepflegen 
nu hat mich Got selber ernert 
das ich mich von solchen großen. sunden hab bekert 



KÜNZELSAUER FRONLEICHNAMSPIEL. 353 

Dem großen Sprung, mit dem C von hier ans oder nach der eigent- 
lichen Ordnung gleich von der Versuchung aus zur Leidensgeschichte 
Jesu übergeht , kommen die Zusätze a und b zu Hilfe. Letzterer 
hat die Geschichte der auf dem Ehebruch ertappten Frau und die 
Heilung des Blindgeborenen , a die letzte große Wunderthat Jesu, 
die Auferweckung des Lazarus, zum Gegenstand. In beiden Stücken 
ist die menschliche Ursache des Todes Jesu, der Gegensatz der 
Juden gegen seine Worte und Werke, deutlich hervorgehoben ; in b 
droht schon ein Judenoberster dem Herrn : 

gen dein weck du alter dor 
wir wollen dich nummer hörn 
oder wir wollen alle gemain 
dich werffen mit großen stain. 

Damit ist dann der Übergang zur Leidensgeschichte gut 
vermittelt. Diese bis zur Hinausführung auf den Richtplatz ist in C 
in kurzen Zügen — 7 * — ^ — dargestellt , in e auf 1 1 Blättern 
weitläufig ausgesponnen. Damit haben aber -auch die Zusätze ein 
Ende, wir sind wieder einzig an C gewiesen, wo fortan auch wieder 
die dem Feste ano-emessene eio-enthümlichc Anordnunjir und Darstel- 
lung erfreulich durchbricht. 

Der kreuztragende Heiland scheint im Hintergrunde verschwun- 
den zu sein. Die Kreuzigung selbst wurde hier nicht auf die Bühne 
gebracht. Dafür treten sinnbildliche Darstellungen , erläutert durch 
den Rector, ein. Äccednt nnus sacerdos de sacerdotihns et layciis vnus 
cum eo portans signum crucls. Tunc idem sacerdos tenens crticem jn 
manu et cantat: Ecce lignum crucls in qtio salus mundi i^ependit! 
Venite , adorennis ter. Choi'us respoudeat : Beati jnmacidati etc. 
(Psalm. 119, Vulg. 118, V. 1). Hierauf eine kurze Ermahnung. 
Tunc accedat Johannes apostohis cum Maria portans gladium, dessen 
Bedeutung zuerst der Rector, dann I\Iaria selbst erklärt. Timc rece- 
dunt omnes simul. 

W. W^nckernagel (Lit. Gesch. S. 311) berichtet, die Plöllen- 
fahrt werde aus scenischen Gründen überall hinter die Auferstehung 
verlegt; Hase (das geistl. Schauspiel S. 17) setzt statt „überall" 
v.'cnigstens „insgemein" ; dann bildet unsere Hs. die richtige Aus- 
nahme. Zwar steht in der Überschrift: Accedat dominica persona jn 
resurreccione • dieses ist aber zusammenzuhalten mit den oben ange- 
führten : Accedat Saluator jn creacione, jn temptatione, und kann doch 
nichts Anderes heißen , als : er tritt auf in der äußeren Ausrüstung 

GERMANIA IV. 23 



354 HERMANN WKI.'NKR 

als der Schöpfer, im Stande der Erniedrigung als der Versuchte, 
und zuletzt mit den Attributen des Auferstandenen. Anders kann 
er nach der Kirchenlehre auch nicht auftreten in der Hölle. Die 
Darstellung der Höllenfahrt selbst — 10^'' — weicht von den sonst 
bekannten unwesentlich ab. Die Auferstehung — 11* — wird 
eingeleitet durch den Vorläufer Johannes : 

Sehent der ist erstanden von dem dot 
der vns erlost hat auß aller not 
1670 dar an solt ir kainen zweifiel hau 
was ich euch vor verkunt hau. 

Dominica persona dicat: 

1672 Ich bin von dem dat erstanden 

vnd han euch erlost von allen banden. 

Der Chor und das ganze Volk stimmen an : Christ ist erstanden. 
Hierauf die Erscheinung vor Maria Magdalena und — 11'' — vor 
Thomas. 

Hiemit ist die irdische Geschichte Jesu erschöpft; unser Spiel 
sucht auch eine Darlegung des Reiches Gottes in der sicht- 
baren Kirciie zu geben, und thut dies zuvorderst in dem didacti- 
schen Stücke — 12'' — 17'' — das Mono unter der Aufschrift „Fron- 
leichnam" (Altt. Schausp. S. 145 — 164) herausgegeben hat, nur daß 
unsere Hs. seine Einleitung Z. 1 — 56 nicht und seinen Schluß von 
Z. 543 an anders hat*). Hierauf tritt — 17'' — 19 ^ — eine Anzahl 
von Heiligen auf, ihre Wunder erzählend und zur Nachfolge mahnend: 
Jeorius, der die Jungfrau vom Drachen erlöst, Cristofferus, Nicolaus, 
der der verstoßenen Töchter sich annimmt, Katherina, Margaretha, 
Barbara, Dorothea, Juliana cum dyabolo, Otilia, Appolonia. Diese 
Geschichten, welche wohl den Kampf des Christenthums mit dem 
Heidenthum darstellen sollen , stehen in ihrer Ausführung in ganz 
losem Zusammenhang mit dem Feste ; sogar bei der h. Barbara ist 
nur wie beiläufig erwähnt: 

2256 der da ert Got durch dy marter mein 

des gutter fursprech wil ich gegen Got sein 
das jm an seinem letzsten end wuit geben 
das heilig sacrament vnd das ewig leben. 



*) Mone's Text ist im Durchschnitt besser und vollständiger; doch bietet unsere 
Hs auch ihm einzelne Hilfen, z. B Z. 64: funff hundert jar; Z. 266: (gefangen) jn 
der vinsterni.ss gozwangen; 341: dem richter; 349: fert st. wert; 372: wainen vnd 
tzanclaffen; nach Z. 522 die Zähluner des zwölften 8tiicks des niaiiljciis. 



KÜNZELSAIJEK FRONLEICHNAMSPIEL. 355 

Eine ganz eigenthümliche Dai-stellung findet der Kampf des 
Cliristenthunis mit dem Jndenthum. Dem Rector processionis 
fällt hier eine ganz selbständige Stellung zu. Er führt ein Streit- 
gespräch über die Wahrheit der christlichen Hauptlehren mit Sina- 
gog i , dieser oft auftretenden, halb geschichtlichen (darum zuweilen 
als Archisinagoga eingeführten), halb symbolischen Gestalt, welche 
das ganze jüdische Wesen, die „Judischait", zur Erscheinung bringt. 
Sinagoga tritt auf cum pueris , eos jnformando et percuciendo cum 
virga , lässt einen Knaben hebräisch sein sollende Worte hersagen, 
und befiehlt ihm dann: „sage es zu deuscli das es dich ach versten.^ 
Tunc puer vertat se ad. itopidum et dicat 

(19^) O ir cristen o ir keyen (r:z <'OJim?) 

o ir groben vnselig leihen 
2320 ir seit sicher all thorn 

glawbt ir das ein junckfraw hab geborii 

den mein vetter haben gefangen 

gemartert, gecrewtzickt vnd gehangen 

vnd wer er rechter Got gewesen 
2325 er wer wol von jn genesen. 

Sinagoga facit alium puerum surgere jn tali modo : 
Ir cristen ir seint all äffen 
vnd volgent ewern pfaffen 
dy kuimen euch predigen wol 

2329 biß jn der bewtel wurt vol 

Ihnen entgegnet der Rector processionis : 

2330 Von der alten ee wollen wir lan 

vnd wollen fahen ein cristen glawben au 
dan das ist alles ein figur gewesen 
das wir jn der alten ee haben gelesen 
dy prophecey vnd figur sein erfüllet gar — — 
2342 jr Juden sehent ewer bucher i-echt an 
so findt ir das ich war vnd recht han. 

(20 ^) Sinagoga snrgat et respondeat furiose : 

2344 Sag an wur vmb sol ich sweigen dir 

wiltu auß der geschrifft antwortten mir 

ich beweise wol mit allem meinem gesiecht 

das mein glawb ist war vnd recht — — 

2349 du sprichst das dut mir gar zorn 

ein junckfraw liab ein kiut geborn — — — 

tunc Sinagoga cantat cum pueris: 

2355 Nunquam natura fi-egit sua janua 

ut virgo pariat et Dens homo fieret; 

23* 



356 HERMANN WKRXKK 

hierauf 6 Zeile« hebräisches, immer mehr in lateinische Klänge sich 
verlierendes Geschrei, und dann : 

2363 ein swartze ku geit weiße milch 
das duth ein graber innnch nit. 

Auch die andere Abtheilung der Knaben lässt ihren Widerspruch 
vernehmen ; der Rector pr. in seiner Entgegnung wendet auf die 
Juden zuerst Jesaj. ß, 10. (exceca cor jjopidi Inijvs etc.) an, und be- 
weist dann (2(>^) aus Jesaj. 7, 14. (virgo concipiet) und Jeremj. 31, 22. 
(femina circwmdabit virum), daß die Geburt (.hristi von einer Jung- 
frau geweissagt sei. Da Sinagoga sich hiedurch nicht überwunden 
bekennt, deutet der Rector den blühenden Stab Aarons (Num. 17) 
als 2421 — — ein recht fignr 

(21*) das wider dy gewonhait der natur 

Maria der licht morgen stern 

Messium Jhesum Cristum solt gebern ; 

auch der brennende Dornbusch, der nicht verzehrt ward (Exod. 3) 
2429 — bedewt dy rain keuschait 

dy an dy edelu Muria ist gelait — — . 
Hiedurch in die Enge getrieben : 

2438 du waist dy alten bucher gar wol 

jch main du seist der dewffel vol 

es ist war als du sagst mir 

aber dein glawb ist der warhait nit gleich, 
richtet Sinagoga den Angriff auf eine andere Lehre : 
2444 du sprichst wy das dein Got 

werd geseget jn ein weiß brot 

das ist tzu mal vnniuglich 

vnd ist mir nit glawblich 

wau nymant Got begreyfFen kan 

so ist er kainer creatur vnderthan. 
Hierauf der Rector: 

2452 — — dein großer vnglawb leßt dich nit verstan 

wen Got seiner creatur ist vnder than 

was er wirdickait vnd crafft 

geben hat der pristerschafft — — 
2458 — in dem buch exodus 

für war geschriben stet alsus — — 
2461 wy das der almechtig Got 

den vettern gab das himelbrot — — 
(21'') dabey vns betzaichet ist 

das vnser her Jhesus Crist 

mit seinem fronicichnain speißen wil 

dy cristenhait an endes tzil 

von der edel speiß gaistlich 



KÜNZELSAUER FRONLEICHNAMSPIEL. 357 

2470 her Danid schreibt gar aigentlich 

panem angclorum oianducauit hotno 

panem de celo prestitisti eis domine*) 

der mensch der isset der engel brat 

das speißet jn für den ewigen dat 
2475 über Jud nu las dawffeu dich 

so verstest du dan gar aigentlich 

vnd verkündest allem deinem gesiecht 

das cristen glawben ist gerecht. 

Sinagoga furiose respuaf dicens : 

— jch bin beschnitten nach der alten ee 
kaines dawflfes bedarff ich nit nie 
wir sein hie her Abrahams kint 
2485 dy cristenhait ist gar blint 

du sprichsf das vatter suu vnd gaist ain Got sey 
da beweise mich dy geschrilft bey 
wan ich hon ny gehört noch gelesen 
das drey mochten ainer gewesen. 

Rector processionis respondeat Sinagoge: 

2496 Abraham tres vidit et vnum adorauit. 
Sinagoga respondeat : 

2499 Vfi" mein judischait das ist war. 

Der Rector fährt dann unter Anführung von Psalm. 67 (Vulg. 66) 

V. 7. 8. fort: 

(22^) Her Dauid jn dem gaist wol hat bekant 

vnd dreistunt ain Got genant 
2505 das hab für ein rechtes gebot 

vatter sun heiliger gaist ain warer Got 

der gesegent vns alle an diser stat 

wan dein vnglawb kain end hat 

Sinagoga greift nun zur letzten Ausflucht: 

Ich muß bekennen der warhayt 
2510 was du hast gesayt 

stet alles geschriben jn der alten ee 

allain ich des dir nit geste 

das Meßias der gelobt sey kumen 

von meinen alten han ich vernumen 

das er noch zu künftig sey — — 

Messias kom es ist tzeit 
2520 wan aller meiner glawb an dir leyt 
Rector fängt lateinisch an mit Genes. 49, 10., legt die Stelle deutsch 
aus und sagt : 



*) Psalm 78 (Vulg. 77) V. 25. Sapient. 16, 20. 



358 HERMANN WERNER 

2531 wiltu dy prophecey recht verstau 
so soltu dein vnglawben lau 
wan Messias für war kuinen ist 
vnser her Jhesus Crist — — 

(22'') Sinagoga leugnet, daß Jesus der Messias sei; wenn es auch 
]rtzt schlimm mit den Juden stehe, so daß ihre Zerstreuung eine 
sclicinbare Erfüllung der Weissagung sei — — 
es ist wol geschehen ine 
2550 vmb vnser vetter missedat 
das sy Got gepeinigt hat; 

sie waren in Babylon, in Ägypten gefangen ; aber 

Got liß sy altzu leben 

vnd hat jn vil sund vergeben 

nu sein wir noch in hofiFnung 

wy lange sich verzeucht vnser erlosung 
2560 wir werden erlost tzu der frist 

so Messias kumen ist. 
Darauf führt der Rector Arnos 2, 6 an : 

Arnos der prophet geschriben hat 

du waist wol an welcher stat 

dem volck von Israel wil ich verlan 

drey große sund dy sy haben gethan 
2570 dy virt wurt ju vergeben numnier ; — — 
diese bestehe darin, wird lateinisch auseinandergesetzt, daß sie Jesum 
gekreuzigt haben — 23^ — und es knüpft sich daran die wiederholte 
Mahnung zur Bekehrung. Sinagoga gesteht : 

2595 das dir vnser bucher sein so kunt 

das clageu mein vetter zu aller stunt; 

aber darum haben doch die Juden Recht: 

2601 jch wil mich über brennen lau 
dan ich dir bey stan 
jn her Abrahams gartten 
wil ich meiner gesellen warten. 

Timc Sinagoga recedit cum pueris. Accedunt duo angeli et cantent: 

Nu fraw dich du heilige cristenhait 

das so groß wird an dich ist gelait 

du hast dy Juden vberwunden gar 
2610 vnd gehörst an der engel schar — — 

Got — — — 

— treuckt dich mit seinem rosenvarben blut 
2616 das er kaiuem andern volck thut — — 

dar vmb vertzage an deinem glauben niclit 
(23'') was widerwertickait dir geschieht' 



KÜNZELSAUEH FRONLEICHNAMSPIEL 359 

so gewinstu ewig fraide groß 
2624 vnd wurst der heiligen engel genoß. 

Hiemit ist der eigontliümlichste Tlieil unseres Spieles abgeschlos- 
sen. Der Yerfertiger desselben ist so wenig der Ansicht der Juden, 
daß es noch Zeit sei, auf den Messias zu warten, daß er nun un- 
mittelbar die Darstellung der künftigen Weltvollendung eintreten 
lässt. Er kann hiezu wieder mit Zusammenstellung älterer Stücke 
sich behelfen. 

Als solches erscheint zuerst — 23'' — 28 '' — die Geschichte 
der zehn Jungfrauen, von denen die fünf klugen sogleich in 
den Himmel aufgenommen, die fünf thörichten trotz wiederholter 
Fürbitten des Petrus und der Maria ausgeschlossen und von Lucifer 
in Empfang genommen werden. 

Als zweites Stück dieser letzten Reihe erscheint das Auftreten 
des Antechrists und das Gericht über denselben — 28 '^ — 31 "^ — 

Zuletzt erscheint (31*' — SS'') die Auferweckung der Todten 
und (33 ** — 37'') das allgemeine Weltgericht. Michahel dividetmortuos, 
assumatvnampartem et dyaholus al iam partem etLtcciferrespündeatangelo: 
(34^) Libev gesel du fugest mir eben 

3435 du hast mir das großer tail geben 
ob mir nit me werden so! 
so benugt mich an der tailung wol. 
Die auf der Rechten stimmen ihren Dank gegen Gott an, daß er 
sie für den Himmel bewahrt habe. 

Hier noch ein Zwischenspiel — 34'* — 3G'' — : Streitgespräch 
zwischen der Seele und dem Leib, von denen jedes dem andern die 
Schuld der Sünde aufbürden will, die aber, wie sie zusammen ge- 
sündigt haben, so nun zusammen der Hölle übergeben werden. 

Dann geht das Weltgericht ül)er die Bösen weiter — 31)'' — 
— 37 ** — ; der Rector ruft die Mutter der Barmherzigkeit zu Hilfe; 
diese beugt die Knie vor ihrem Sohne in Fürbitte für die zur Ver- 
dammniss Bestimmten; aber die Antwort lautet: 
(37^) Muter wer dir dinst hat gethan 

das wil ich jn gern genissen lan 
3605 wer aber gebitten hat biß an dise stat 
des mag nit wol werden rat — — ; 
und so werden denn die Verdammten dem Lucifer überlassen , der 
mit Hohngelächter sie mitnimmt tief in der Hölle Grund. 

An die Zuschauer gewendet tritt hierauf (37'' — 38*) der Pabst 
auf. Seine Rede — mit der bei Mone nur dem allgemeinen Sinn 



360 HERMANN WERNER, KÜNZELSAUER FRONLEICHNAMSPIEL. 

nach verwandt — beginnt mit ausführlicher Betrachtung des Werths 
des gesegneten Brotes, mahnt, dasselbe würdig zu gebrauchen, die 
Priesterschaft, der es übergeben sei (wo auf Matth. 8, 4: 

3789 gent hin, beweist eueh der pristerschafFt 
sich berufen wird) , zu ehren und so des ewigen Lebens sich theil- 
haftig zu machen. 

Die beiden Engel, welche das Spiel eröffnet hatten, wiederholen 
kurz noch einmal — 3S^^^ — die Mahnungen des Pabstes, et (hait 
beuediccionem. Chorus respondeat Amen. 

Was die Zerbster Procession (Haupt Ztschr. 2, 276 ff.) mehr 
als Schaustellung ist, das ist unser Stück, nur viel weiter aupgcführt, 
als Schauspiel. Der Theil , in dem die Heiligen auftreten , scheint 
der einzige zu sein, welcher dort eine breitere Darstellung erfuhr. 
Freilich ist unser Spiel nicht an den Aufzug der Zünfte gebunden, 
hat auch keine Absicht, Geld zu gewinnen , sondern stellt sich rein 
in den Dienst der Festfeier. 

Einen Fortschritt namentlich scheint unser Spiel vor älteren 
voraus zu haben. Es ist durchaus ernst gehalten. Keine prahlende 
Soldaten am Grabe, kein feilschender Salbenhändler, kein auf Spaß 
berechnetes Zwischenspiel. Denn was Sinagoga gegen das Christen- 
thum vorbringt, mag wohl uns heutzutage minder würdig vorkom- 
men, es konnte aber sicherlich im 15. Jh. nur ein ganz ernster Ver- 
such sein, die innere Unwahrheit des Judenthums darzustellen, das 
selbst nicht weiß, was es thut. 

So unvermittelt die einzelnen Theile und Abschnitte unseres 
Spiels neben einander stehen, so wenig kann verkannt werden, daß 
sie einem tief angelegten Gedankengang folgen. Und auch der 
Wortausdruck ist vielfach so gut gelungen, daß das Stück über die 
Stufe einer geschichtlichen Sonderbarkeit weit sich erhebt. 

Die Sprache ist die hochdeutsche. Im Allgemeinen ziemlich rein, 
trägt sie doch manche Spuren fränkischen Ursprungs. Dahin gehört 
die heute noch um Kocher und Jaxt übliche Gewohnheit, das lange a 
unrein, zwischen a und o auszusprechen ; daher wechselt , sogar im 
Reime, dat, brat, rat — mit dot, brot, 7'ot (i= roth und Rath) ; auch 
in der Kürze : genassen und genossen u. dgl. Daß die 1 . Pers. pl. 
loir oft mir lautet, hat Franken mit Schwaben gemein. Die frän- 
kische Eigenthümlichkeit, den Doppellaut ei mit hellem a auszu- 
sprechen , ist Ursache der Schreibart in der Nachsilbe kait und in 
vielen Stämmen: naigen, zaigen, aigen u. 's. w. ; eine feine Unter- 



I 



KARL BARTSCH, ZWEI LIEDER AUF ALBRECHT ACHILLES. 361 

Scheidung ist mit wenigen Ausnalimen durchgeführt bei dem Worte 
ein : als Zahlwort ist es ain, (vgl. kain), als Artikel ein geschrieben. 
Die fränkische Gewohnheit, den Kehllaut g asjiiriert auszusprechen, 
führt zu Formen wie : naichstu ; bezaichen z^ bezeugen, gesicht zzz ge- 
siegt n. s. w. 

Im Gebrauch der Consonanten herrscht beim Schreiber große 
Regellosigkeit. Da das Spiel als Sprachdenkmal wenig Bedeutung 
hat, so wurde in den oben mitgetheilten Stellen die Schreibung der 
Consonanten möglichst vereinfacht, namentlich wo eine vollere und 
die einfachere Form nebeneinander vorkommt. 

Von Unterscheidungszeichen ist im ganzen Stück nicht eines. 
Sie werden, da die Zeilen abgesetzt sind, auch selten vermisst. 

Es ward somit auch durch die Sprache , wie durch die übrige 
Beschaffenheit der Handschrift bestätigt, daß unser Spiel seiner 
letzten Entstehung nach seinem Fundort Künzelsau zuzuweisen ist. 

Überdieß ist die Handschrift noch durch eine äußere Spur als 
in Künzelsau entstanden nachzuweisen. Ihr früherer Einband war 
eine Pergamenturkunde, nach welcher „Hans von Bachenstein zu 
Tettingen gesessen" Güter in Mai-spach an Symon von Stetten ver- 
kauft. Morsbach liegt '/^ Stunde, Döttingen 3 Stunden den Kocher 
aufwärts von Künzelsau, dazwischen Kocherstetten , der alte Sitz 
derer von Stetten. Diese Herreu, und die gleichfalls erwähnten 
Wilhelm von Stetten und Jörg von Eltershofen, lebten am Ende des 
lö. Jahrh. Ob die Urkunde bloß Entwurf blieb oder in Gebrauch 
war, ist unsicher, sie bew^eist aber jedenfalls genug für uusern 
Zweck. 

DÖßZBACH im wirtenib. Franken. 



Zi;\i:i LIEDEE AUF ALBEECHT ACHILLES. 



In die Nürnberger Papierhandschrift Cent. VIL 80 des fünf- 
zehnten Jahrhunderts (in 4.) haben zwei Hände am Schluß zwei 
historische Volkslieder eingetragen, von denen ich das eine nirgends 
habe finden können. Beide beziehen sich auf die Fehden des Mark- 
grafen Albrecht Achilles mit den Nürnbergern und zwar auf das 
Treffen bei Pillenreuth , am S. Georgen-Abend 1450. Albrecht war 
von Schwabach, wo er lagerte, nach dem nur wenige Stunden 



362 KARL BARTSCH 

entfernten Kloster Pillenreiith gezogen , um in dem bei demselben 
gelegenen, den Nürnbergern gehörigen Weiher zu fischen, und soll — 
so erzählen die Chroniken — einen Boten nach Nürnberg geschickt 
und die Nürnberger zum Fischessen haben einladen lassen. Die 
Nürnberger zogen ihm mit gewaffneter Macht entgegen und schlugen 
ihn. Dieß die Veranlassung zu beiden Liedern, die offenbar von 
Nttrnbergischer Seite gesungen wurden und gleichzeitig entstan- 
den sind. 

Das erste Lied ist schon niehreremal gedruckt, aber in anderer 
Fassung, als es die Handschrift enthält. Die Abdrücke sind meist 
wieder nur aus einem Drucke entlehnt, nämlich aus Büttners Fran- 
conia (Ansbach 1813) 2, 19—23. Darnach in Hormayrs Taschen- 
buch 1837, S. 213 — 215; und nach diesem wieder bei Soltau S. 127 
bis 130. Die fehlerhafte Verbindung von Strophe 12. 13, die nach 
Büttner die andern Drucke wiederholen , beweist das zur Genüge. 
Die gedruckte und die handschriftliche Recension weichen aber so 
stark von einander ab, daß ein Abdruck durchaus nicht überflüssig 
scheint. 

Das zweite Lied, von älterer Hand geschrieben, ist noch unbe- 
kannt. Es ist in derselben Strophenform wie das erste ; doch haben 
die beiden ersten Strophenzeilen im ersten Liede- fünf Hebungen, 
im zweiten nur vier. Die Form des zweiten kehrt in vielen Volks- 
liedern wieder. Ich gebe keinen buchstäblichen Abdruck, am we- 
nigsten bei dem ersten Liede, dessen Orthographie schauderhaft ist, 
sondern eine nach Uhlands Grundsätzen gereinigte Schreibung. 

I. 

Was uns der winter lang hot hin genumen, 
daß wirt uns in dem sumer her wider kuraen, 
der füllet uns die kästen : 
wer in dem sumer nicht ein tregt, 
5 der muß im winter fasten, 

Dor vmb so woU wir singen unde sagen 
von hawen stechen unde slagen 
an sant Jörgen abent: 
do hat got die von Nüremberg 
10 mit großen eren begäbet. 



Die Handsclirift 5. in dem bintter. 6. 7. vnd. 7. um eine Hebung 
zu kurz, sllachen. 8. obentt. 9. Nwrmberg. 10. wegobett. 



ZWEI LIEDER AUF ALBKECHT ACHILLES. 363 

Markgraf Albrecht koni für sie gerant, 
clor an der rat gar aigentlieh erkant, 
daß er mit in wolt fechten : 
sie puten auf pakl irer gemain 
15 und auch irn gesehleehten. 

Sie zugen aus und eilten vil palde : 
der fürst der peitet ir in irem walde 
pei einem großem weier : 
dor inn wolt er gefischet haben ; 
20 gar kleine was ir feiern. 

Der Reus von Plawen sprach 'ir lieben gsellen, 
wer heut nach eren und gut wolle stellen, 
der sol seinn solt verdienen,' 
die Spießer legten ein ir gleven, 
25 die armbrustschützen die spienen. 

Der edel Reuß von Plawen und der von Kaufen 
die ließen menlich gen den feinten laufen 
und wurden mit in treffen : 
sie ruften an zu peder spit 
30 sant Jörgen und sant btetfen. 

Do sach man mangen ritterlichen reiten, 
der markgraf lerte die von Nurmberg streiten, 
dar zu Jiat ers genijtet : 
er hats gelert daß ritter und knecht 
35 von in wurden getötet. 

Got hat dem adeler geluck verlihen, 
daß graten und ritter Nüremberger flihen 
und von in sein gestochen : 
do sach man ligen auf der pan 
40 mang spitzigen schaft zuprochen. 

Der Reus von Plawen und der von Kaufen ranten, 
die feinte sie mit sechs pferden tränten 
mit stechen und mit hawen : 



12. Rott. 14. Sie Sye. 16. viljsye. palld : walld. 19. jueu. 20. klein. 
23. seinen. 24. glefen. 25. svczen 26. kawf. 28. bvrden. 29. peden 
seitten. 30. steflfan. 32. llertt. 33. 35. genott : gettott. 34. hott sie. 
37. Nvrmberger. 38. won. 40. mangen. 41. kawfi". 



364 KAKL BARTSCH 

sie gwunnen in dreu panier an ; 
45 die sweben zu unser Frawen. 

Von Hohenzoler weiß und swarz ich melde, 
von Pairn ein gelber lewe in swarzem felde, 
die sein gen Nurmberg kummen : 
die haben sie mit streitper hant 
50 ii-n feinten an gewannen. 

Der markgraf schol got loben und ser danken, 
man setzet im zwir hinten an sein anken 
mit einem scharfen spieße : 
vil manchen stolzen edelman 
55 er hinter im fachen ließe. 

Der markgraf sach sein offen panier sweben, 
er must die flucht mit seinen dienern heben, 
gen Swabach er ein rant : 
wer von eim offen panier fleucht, 
60 der hat sein er zutrant. 

Aus zwanzig gschlechten, die in turnen reiten, 
die stach man in die ruck und in die selten 
und nam sie do gefangen : 
die fürt man ein gen Nüremberg, 
65 gar kleine was ir prangen. 

Vor Swabacher tore wurden sie erritten : 
die Nüremberger swert sie erst do snitten 
durch panzer in ir heute : 
sechs und neunzig und hundert pferd 
70 gewunnen sie an der peute. 

Bei achzig wurden ir zu tod erslagen : 
got sei in gnedig und wolle ins dort vertragen 
und tail in mit sein sterben 
und laß sie an dem jüngsten tag 
75 sein große gnad erwerben. 



44. gebvnen. 45. sbeben. lliben fraven. 46. hochem cezoler. 47. leben. 
49. stieiper. 50. irn rechtten f. 52. secztt. 55. fochen llis. 56. Der 
fehlt. 51. heben fehlt. 58. sbobach. 59. einem, flewett. 60. ere. trent; 
oder rennet : zutrennet? 64. Nvrmberg. 65. klein. 66. tor. 67. Nwrm- 
berger. 68. dvrch dye. 69. vnd 1 <= pferd. 71. zu fehlt. 72, genedig. 



ZWEI LIEDER AUF ALBRECHT ACHILLES. 365 

Der markgraf hot gefischt mit seinem schaden; 

het er sie zu den fischen nit gehiden, 

er hets allein wol gessen : 

het er sie nit gelokt her aus, 
80 er wer mit frid gesessen. 

Er kan wol schreiben und in die fursten tragen, 

er hab pei Furt vil kleiner üsch erslagen, 

daß fidelt er und geiget: 

die großen liecht die er ferleust 
85 der selben er gesweiget. 

Der markgraf mag seins fischens wol erschrecken. 

sein edelleut die slufFen in die hecken, 

daß sie sich fristen wolten. 

daß sie zu Furt hin heten gelihen, 
90 daß wart in do vergolten. 

Es folgten wenigstens noch zwei Strophen , die aber abgerissen 
sind. Von der ersten ist noch, den Zeilen folgend, übrig 1. Dem 
markgrofFen . . 2. mordisch Ra . . . 3. daß sreyen . . 4. weissen 
vnd . . 5. kllagen j . . 6. vnd llebtt . . 7. nit ver . . Von der 
zweiten nur ein D. 

I — 10 Statt der beiden ersten Strophen hat B (so nenne ich die 

gedruckte Recension) zwei ganz verschiedene, beginnend: Der 
markgraf macht daß ich von im muß singen. Die zweite ist 
fehlerhaft: offenbar reimen in den beiden ersten Zeilen jar, das 
nach 1449 zu ergänzen ist, und zwar. Die zweite ist von der 
dritten Strophe bei Büttner nicht getrennt. 

II — 15 gleich Strophe 3 B. 
16—20 gleich Strophe 4 B. 

17 in irem walde] der Wald bei Pillenreuth gehörte der Stadt 
Nürnberg. 

20 in B *es stößt der adler den geier' wohl besser als die Hand- 
schrift. 

21 Reuß von Plauen ■v\%ar der Anführer der Nürnbergischen. B, 
wo 21 — 25 auch fünfte Strophe ist, liest 'Der Reuß von Graitz'. 

25 'die andern reiter ir lenen' B. 
26—30 gleich Strophe 6 B. 

76. seinem großen saden. 77. er heitt. 78. hett sie. 79. er hetf. 
82. fiscberlein. 86. Der fehlt, ficheus. 87, die vor sluflfen fehlt. 



3ß6 KARf. BAIITSCH 

26 der von Kaufen] der Kunz von Kaufen B, gewöhnlich Kunz 

von Kaufungen genannt, war neben Reuü von Plauen Anführer 

der Nürnbergischen. 
31 — 35 Nur die erste Zeile stimmt mit 7, 1 B; der übrige Theil 

dieser Strophe entspricht V. 43 — 45 unseres Textes. 
36 dem adeler] d. h. den Nürnbergern. 
45 die sweben zu unser Frawenj die eroberten Banner wurden in 

der Frauenkirche zu Nürnberg aufgehangen. Büttner a. a. 0. 16. 
46 — 50 entspricht Strophe 8 B. 
47 von Pairn ein gelber lewe] das Banner Herzogs Otto von 

Baiern. 
51—65 fehlen in B. 
6iy — 70 entspricht Strophe 12 B. 
60 B hat 283 Pferde. Die Nünbergischen Chroniken erzählen, 

136 mai'kgräf liehe Pferde wurden getödtet, 70 vom Adel und 

172 Knechte gefangen. Büttner 14. 
70 fehlerhafte Vers- und Strophenabtheilung in B; 13 B ist nur 

vierzeilig, offenbar ist 'dazu burger bauer reiter edelman' zur 

folgenden Strophe zu ziehen. 
71-80 fehlen in B. 

81 — 85 gleich 10 B; dagegen fehlt 11 B in unserem Texte. 
86—90 gleich 9 B. Die Strophen 13, 14, 15 B stehen nicht in 

der Handschrift, die an deren Stelle wenigstens zwei hatte, wie 

die Trümmer zeigen. 

H. 

Man hat gesagt und gesungen, 
in allen landen wol vernumen, 
Markgraf Albrecht der fürste 
kriegt das heilig reich wider recht 
5 mit hilf so manger fürsten. 

Den von Nürenberg ist er gram : 
si haben im doch kein leit getan, 
die stat des heiligen reiches : 
si haben im zucht und er erpoten, 
10 im und seim geleichen. 



Die Hs. 3. fürst. 



ZWEI LIEDER WF ALBREf'HT ACHILLES. 367 

Gewalt hat er begangen an in, 
vil schaden getan haben si im 
an rauben und an prennen : 
wo es alles geschehen sei^ 
15 wi lank wer es zu nennen ! 

Nun hört ir heri'en junk und alt, 
was geschach in einem walt 
zu Nürenberg in dem lande : 
am mitwoch vor mitter fast 
20 aldo hat sichs ergangen. 

Ich wil euch die warheit sagen, 
margraf Albrecht het mangen edeln geladen, 
er hete sich vermeßen, 
er wolt den purgeni von Nürenberg 
25 ir fisch mit gewalt eücn. 

Si fischten einn se, der ist der stat, 
margraf Albrecht reit also drat 
die weile für die schranken, 
mit großem folke für die stat : 
30 hochmutig warn sein gedanken. 

Das det er mit hilf herzog Otten : 

ir aller mag man wol spotten ; 

sie heten sich wol besunnen : 

ir gewalt des fischens 
35 hat in misselungen. 

Die purger gemein in der stat 

eilten in nach unbedacht, 

des gewalts weiten si nit leiden, 

den hochenmut des fischens 
40 mit ernste aldo vertreiben. 

Der margraf ward also zu rat, 

was in keme auß der stat, 

si nemen ir kein gefangen : 

das topelspel hat sich verkert, 
45 an in selbs hats anders ergangen. 



11. Gfbalt. wegangen. 17. halt. 20. sich. 23. het. 26. fysten einen. 
27. trat. 28. weil, sraiicken. 29. f'olek. 33. wesvnen. 35. iiiyßlvngen. 



368 KARL BARTSCH 

Nürenberger zugen auß geriten und gangen, 
der ad'el hat des so großen verlangen, 
frisohlich wolten sich wagen : 
ritter.schaft wolten si bejagen, 
50 das man von in must sagen. 

Der niargraf macht sein gschicht also 
mit eilen gen den von Nürenberg do 
so gar mit großem geschreie : 
des geschreis ward im gar schier gelegen 

55 und ir geschick zustreuet. 

Die von Nürenberg warn des Streites fro 
und verdruckten ritterlichen hin no, 
der adel was in großer not, 
man sach sein in kurzer frist 

60 mer den hundert ligen tot. 

Margraf Albrecht floch schentlich so drat 

gen Swabach eilent in die stat, 

vil wol tet im das sprengen : 

er achtet dein seiner ritterschaft, 

65 dor zu fürstenlicher eren. 

Graf von Leiningen floch im nach, 

gen Swabach was dem von Hochenloch gach, 

die zwen haben wol gefischet, 

das si den von Nürenberg 

70 mit irer flucht sind entwischet. 

Das panier fürt der graf von Gleichen, 
er hat oft beraubt das heilig reiche, 
das hört man von im clagen : 
zwen fischgret besteckten in im, 

75 die must er gen Swabach tragen. 
Nürenberger losung was unser frau, 
das must zalen Hans von Koczau, 
die fisch mocht er nit denen : 
dem margrafcn was er also geheim, 

80 das mochte in wol reuen. 



48. sies? 49. wcgagen. 51. geschicli. 53. geschrey. 57. hin noch. 
61. diot. G2. swochboch. ßG. 67. noch : goch. 67. swobach. 70. ent- 
byschrt. 72. weniiibt. reich. 74. westeckten. 75. swobach. 80. mocht. 



ZWEI LIEDER AUF ALBRECHT ACHILLES. 369 

Eustachius Schenk der was so sawr, 

er hat verderbt raangen armen p.iwrn, 

das kan ich euch wol sagen : 

die fische sniecken im so wol, 
85 zu Nürenberg ligt er begraben. 

Ist das nun * fiirstenlich, 

das einer fleucht so schentlich 

von seim panier auß dem felde? 

der flucht must manger reuter stolz 
90 des selben tages engelten. 

Manger edler ward aldo erslagen, 

man hot si hin und her begraben 

zu Peirn und in Franken : 

das mügen alle reichstet gemein 
95 den von Nürenberg wol danken. 

Der margraf ist zu eim fischer worn, 

des hat er mangen ritter und knecht verlorn, 

das sag ich euch fürware : 

von den fischen mag man wol sagen 
100 über hundert jare. 

Den von Nürenberg ist es wol ergangen, 

sie fürten heim mer den hundert gefangen 

zu fußen und zu roße : 

alle die mit in in einigung sein, 
105 di loben das werde sloße. 

Si peutten vil hübscher pferd so gut, 

dar zu harnasch, besprenget mit plut, 

und manig ritterlich targen, 

arnprust und maniges reuters heß 
110 sach man im plut umb walzen. 

Ich sing euch mer ritterlicher mer: 

si gewunnen dreu fursten paner, 

di fürten sie heim mit gewalte : 

des margrafen drumetter zwen 
115 musten do vor schallen. 



82. pawren. 83. fysch. 92. wegraben. 93. vnd in dem laud 
zu francken. 96. einem, worden : verloren. 99. 100. vielleicht: mag man 
sagen | sol. 104. die fehlt, einyvng. 107. wespreuget. 109. manyckes. 
110. balczen. 112. gebvnnen. 113. gebalt.e. 

GERMAXIA rv. 24 



370 KARL BARTSCH, ZWEI LIEDER AUF ALBRECHT ACHILLES. 

Margraf Albrecht panier ist das ein 
und das ander Hansen des prüder sein, 
das drit herzog Otten : 
menigleich mag wol mit ern 

120 der dreier fürsten spotten. 

Die panier hahen in Maria sal : 

got behütet die von Nürenberg all, 

ir keiner ward erslagen, 

des mugen die von Nürenberg gemein 

125 got wol lobe sagen. 



119. eren. 121. hochen. 122. wehüttet. 124. das. 

Dann ist ein Blatt ausgerissen , das noch etwa fünf Strophen 
enthielt. Übrig ist noch: 1. reich . . 2. Margr . . 3. pit got. Die 
folgenden Verstrümmer sind von der Hand, die das erste Lied schrieb, 
roth geschrieben. 1. Ich Nu . . . (enthielt also den Namen des Ver- 
fassers, oder ich Nuremberger?) 2. vnd ferg . . 3. ich hie e . . 
4. herczcn t . . 5. in vnd ky . . 6. frwmkeitt . . 7. ewn habtt . . 

8. keyserin . . 9. junckfrawn diser . . 10. gedencken daß . . *) 
11. pvschlein seitt jn . . Auf der Rückseite des Blattes ist noch 
übrig: 1. . , gste. 2. . . ngin ob 3. . . dyser statt. 4. . . keiserin 
daß. 5. . . e well ich. 6. . . vnd habtt. 7. . . wen vnd jvn (ir frawen 
und juncfrawen '?) 8. . . ollen Hob jr (wir wollen lob ir sagen?) 

9. . . vnd seitt mir. 10. . . Ein ffrid vmb. 11. . . So kwm wir woll 
aws. (aus nöten?) 

58. 60. Der stumpfe Reim mit vier Hebungen entspricht nach altem 
Gesetze dem klingenden mit drei Hebungen, der in den übrigen 
Strophen steht. 

66. Siegmund von Leiningen. Büttner 14. 

76. Der Nürnberger Feldgeschrei war 'Nürnberg!', ihre Losung 
'Unsre Frau!' Büttner 13. 

77. Jacob von Kolzau nennt ihn Büttner 15. 

110. vielleicht 'umb wargen' ? Vgl. wargeln, Schmeller 4, 153. 
114. die zwei markgräflichen Trompeter waren nach den Nürnberger 
Chroniken Walther von Schwabach und Paul von Roth. Büttn. 15. 



"j 9. 10. etwa: ir edclu juiicktiawn diser etat 
ir solt dar an gedenken. 

KARL BARTSCH. 



FELIX LIEBRECHT, KLEINE MITTHEILIJNGEN. 371 

KLEINE MITTHEILUNGEN. 

VON 

FELIX LIEBRECHT. 

1. BRAÜTLAÜf. 

Daß der zweite Theil dieses Wortes von laufen (currere) und 
nicht von loben (spondere) herstamme, scheint jetzt ziemlich allge- 
mein angenommen ; s. z. B. d. WB. s. v. Brautlauf und Brautlauft 
(vgl. RA. 434). Doch ist, so viel ich weiß, noch kein Beispiel von 
einem Lauf bei Hochzeitsfesten beigebracht worden; desto über- 
raschender war es mir, unlängst ein solches anzutreffen, und zwar 
bei einem weitentlegenen Urvolke, weshalb ich die betreffende An- 
gabe hier mittheilcn will. 

Hinsichtlich der Völkerschaften , die das Innere der malaischen 
Halbinsel in Hinterindien bewohnen , sagt nämlich der katholische 
Missionar Bigandet in einem Schreiben von dort (März 1847) Folgen- 
des (siehe Annales de la Propagation de la Foi , t. XX, p. 427) : 

„II est certain que ces peuplades sont les debris des races in- 
digenes qui furent graduellement refoulees vers l'interieur des le 
XIP siecle, ä mesure que les Malais formerent des etablissements 
sur les cotes." Dann berichtet er weiter: „Ici les noces sont pre- 
cedees d'une singuliere ceremonie. Un vieillard presente les deux 
futurs epoux aux nombreux convies, et, suivis de leurs familles, il 
les conduit pres d'un grand cercle, autour duquel la jeune fille se 
met ä courir a toutes jarabes. Si le jeune homrae parvient a 
l'atteindre, eile devient sa compagne ; si non, il perd tous ses droits; 
ce qui arrive surtout quand il n'a pas le bonheur de plaire tx sa 
fiancee." 

2. ZU REINHART FUCHS. 

Aus den oben (4, 109 ff.) von Höfler mitgetheilten Angaben 
ersieht man , daß der betreffende Thierfabelkreis auch in Spanien 
bekannt war''^). Weitere Spuren hiervon scheinen sich aus etwas 
späterer Zeit (um 1350) in den Poesias del Arcipreste de Hita zu 



*) Wie ich zu spät erst bemerkte, ist das Schreiben, und zwar aus den Brieten 
des Petrus de Vineis, schon von Pertz im Archiv 5. 374 mitgetheilt worden (vergl. 
Grimm, Reinh. Fuchs S. CCV). Pfeiffer. 

24* 



372 FELIX LEEBRECHT 

finden. Dort wird nämlich in der Fabel, welche den Process des 
Wolfes und der Füchsin vor dem Affen als Richter erzählt (eine 
sehr erweiterte Umarbeitung von Phädrus 1, 10), auch erwähnt, daß 
der Schäferhund, der Advokat der verklagten Füchsin, in seiner 
Vertheidigungsrede außer andern Gegenbeschuldigungen wider den 
Wolf auch folgende anführt (copla 327 f. Sanchez vol. IV p. 60) : 

„Otrosi le opongo, que es descomulgado 
De raayor descomunion por costitucion de Llegado, 
Porque tiene barragana publica, h es casado 
Con SU muger Dona Loba, que mora en Vil Forado. 

Su manceba es la mastina, que guarda las ovejas: 
Por ende los sus dichos non valen dos arvejas etc." 
Wenn ich mich nun nicht täusche, so ist an dieser Stelle, von 
der sich bei Phädrus durchaus keine Spur findet, eine Verwirrung 
eingetreten, indem nämlich statt der Schändung Hersents durch Rein- 
hart (vgl. R. F. S. LXXV. CV. CXXII. CLIII. CCLXX) hier viel- 
mehr der Wolf als Buhlerei mit der Schäferhündin treibend darge- 
stellt wird. Daß hier eine Verwirrung, oder vielleicht, weil die 
ursprüngliche Version für den spanischen Dichter unbrauchbar war, 
eine absichtliche Abänderung stattgefunden hat, wird mir auch durch 
den Wohnort der Wölfin wahrscheinlich, der bei ihm Vil Forado, 
d. i. Übelloch, heißt, was eine wörtliche Übersetzung von Malper- 
tuis ist, der bekannten Bui'g des Fuchses (R. F. S. CXLII)*), jeden- 
falls aber dürfte hieraus wenigstens erhellen, daß der Erzpriester 
von dem auf Reinhart Fuchs bezüglichen Fabelkreis Kenntniss hatte. 
Da ich hier gerade von jenem alten Dichter rede, so will ich 
noch die Bemerkung hinzufügen, daß sich bei ihm auch (copla 866 ff.) 
die bekannte Fabel von dem gefressenen Herzen findet (s. R. F. 
S. XLVIII ff.; Massmann Kaiserchronik S. 805 ff., wo S. 806 Anm. 2 
zu lesen ist: Grimm Reinh. Fuchs S. CCLXXVI), und zwar tritt 
hier wie in den orientalischen Versionen ein Esel statt des Hirsches 
ein (s. hierüber Grimm an der letztangeführten Stelle, Wagener Essai 
sur les rapports qui existent entre les apologues de l'Inde et les 
apologues de la Grece p. 66 ff., und gegen letztern W^eber: Über 
den Zusammenhang indischer Fabeln mit griechischen in den Indi- 

*) Sanchez im Glossar s. v. Forado will in vil forado (so schreibt er nämlich 
mit kleinen Anfangsbuchstaben) eine Anspielung auf Belhorado , einen Orf im Bis- 
thum Burgos, sehon ; gewiss mit Unrecht. 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 373 

sehen Studien 3, 338 f.). In dem 'Libro dell' Origiue de' volgari 
Proverbii' des Cintio dei Fabrizii (Vinezia 152(5) finden wir statt des 
Esels sogar einen Affen (s. Eberts Jahrbuch der roman. und engl. 
Litterat. 1,311 no. 3. Lettere non danno senno) ; diese Abänderung 
ist jedoch leicht erklärlich, da nach dem Glauben des Alterthums 
kranke Löwen sich durch den Genuß von Affenfleisch heilten; sieh 
R. F. S. CCLX. und vgl. Weinuir. Jahrb. 1, 411 f. 

3. KINE ENGLISCHE PRIAMEL. 

Li Percy's Reliques English Romance Poetry (Series the second 
Book II , no. 9) findet sich aus dem Paradise of dainty Devises, 
einer poetischen Anthologie der zweiten Hälfte des 16. Jahrb., ein 
kurzes Gedicht mitgetheilt, welches, abgesehen von seinem poetischen 
Werthe*), schon seiner priamelartigen Form wegen auch für deutsche 
Leser Interesse haben muß. Da mir nicht bekannt ist, daß schon 
darauf hingewiesen worden, so lasse ich es hier zur Bequemlichkeit 
der letztern folgen. Es ist überschrieben: 

THE STURDY ßOCK. 
1. 
The sturdy rock for all his strength 

By raging seas is rent in twaine : 
The marble stone is pearst at length, 
With little drops of drizling rain : 
The oxe doth yeeld unto the yoke, 
The steele obeyeth the hammer-stroke : 

2. 
The stately stagge, that seemes so stout, 

By yalping hounds at bay is set: 
The swiftest bird, that flies about, 

Is caught at length in fowler's uet: 
The greatest fish, in deepest brooke, 
Is soon deceived by subtill hooke : 



*) In Betreff der genannten Sammlung bemerkt Percy bei früherer Gelegenheit 
(Einleitung zu Gascoigne's Praise etc. ; Reliques Ser. II. B. I. no. G) : „In the Para- 
dise ot" dainty Devises (printed in 1578 etc.), the Dodsley's Miscellany of those times, 
will hardly be found one rough or inharmonious line etc.' 



374 FELIX LIEBRECHT 

3. 

Yen man himselfe, unto whose will 

All things are bounden to obey, 
For all his wit and worthie skill, 

Doth fade at length and fall away : 
There is nothing but time doetli waste, 
The heavens, the earth consame at last: 

4. 
But vertue sits triumpliing still 

Upon the throne of glorious fame : 
Though spiteful death man's body kill, 

Yet hurts he not his vertuous name : 
By life or death what so betides, 
The State of vertue never slides. 

4. EINE SCHWEDISCHE MAISTANCtE. 

In einem Roman der Frau Carlen (Pal Värning) ist von einer 
in einem Dorfe in Smäland errichteten Maistange die Rede, die fol- 
gendermaßen beschrieben wird : „En hög majstang, som är efter ar 
under en lang tydrymd tronat pa samma stora plan, stod idag ((]. h. 
zum Johannisfest) äter högtidssmyckad i sida kläder af björklöf. 
Armarna, omlindade med skiftande blomsterkransar böjde sig i 
stolta halfcirklar mot den smärta midjan, medan den sa kailade halsen 
lyste af bladguU och stora perlband, tillverkade af urblästa ägg; en 
krona, nog väldigt tilltagen, prydde hufvudet och fullbordade kläd- 
seln."' 

Offenbar nun soll diese Maistange, die, wie wir sehen, mit Ar- 
men, Leib, Hals und Haupt nebst entsprechendem Kleiderschmuck 
versehen ist, eine menschliche Figur vorstellen, und daß sich hier- 
unter eine alte Gottheit birgt, scheint mir eben so Avenig zweifelhaft; 
doch will ich auf weitere Untersuchung zuvörderst hier nicht ein- 
gehen , sondern mich damit begnügen , auf den in Rede stehenden 
Gegenstand hingewiesen zu haben, mich zunächst auf Gervas. 177 ff. 
beziehend. 

5. DAS GRAB UND SEINE LÄNGE. 

Zu Gervas. S. 87 f. habe ich einige Stellen gesammelt, welche 
sich sämmtlich auf den Gedanken beziehen, wie der Mensch nach 
seinem Tode von Allem, was er besessen, doch nur einen kleinen 



KLEINE MITTHEILUNGEN. 375 

Fleck Erde übrig behalte, dessen Maß dann gewöhnlich durch vier 
Ellen und sieben oder acht Fuß u. s. w. ausgedrückt wird. Seit- 
dem ist mir noch mehi'eres der Art aufgestoßen, dessen Mittheilung 
hier nicht unwillkommen sein dürfte. 

Zuvörderst bemerke ich nun, daß meine a. a. O. ausgesprochene 
Vermuthi;ng, die Stelle cap. ult. §. 6 der Historia Alexandri Magni 
de preliis, welche lautet: „Heri totus non sufficiebat ei mundus; hodie 
quatuor solae telae sufticiunt ei ulnae" sei wahrscheinlich auch in 
die Alexandreis des Gautier von Chatillon übergegangen , sich mir 
seitdem als richtig erAviesen hat, denn Nyerup Morskabsläsning 
S. 51 Anm. führt die betreffenden Verse Gautier's an ; sie lauten : 

cui non suffecerat orbis, 

Sufficit exciso defossa marmore terra, 
Quinque pedum fabricata domus. 

Jean d'Outremeuse (f 1399) erzählt in seiner (noch ungedruck- 
ten) Chronik von Lüttich vol. II fol. 48 v". (Biblioth. de Bourg.): 
„Salhadin roy de Babylone avoit XXX roys a justichier desous ly 
et fist I varlet monteir sour I destrier et aleir par toutes les 
bonnes vilhes et portoit III alnes de toile sour une lanche et crioit 
a cascon au tournant des rues : „„Plus n'enporterat Salhadin de tous 
ses rengnes ne tos son tresoir."" 

In den Gesta Romanorum wiederholt sich außer dem bereits zu 
Gervas. a. a. O. angeführten c. 31 der in Rede stehende Gedanke 
auch noch c. 70 in folgenden Worten : „Miles . . . famulum suum 
vocavit et ait ei: In terra jaeeas! Cum vero sie jaceret, miles a 
capite usque ad pedes mensuravit. Hoc facto ait regi : Ecce domine 
in quatuor elementis vix ultra septem pedes invenio etc' 

In der Anthol. Gr. 11, 28 beginnt eine Autforderung des Marcus 
Argentarius an seinen Freund Cinciu.s zum Lebensgenuß mit den 
Worten : 

Tlhrf &av(X)r xiiar^ Huri-j^^ojv nöda^, ovÖt t« rhonva 
^carig, ovd' ai'yag oiptai r/t/Jov. 

Hierher endlich gehört dem Gedanken nach, was der tödtlich 

verwundete Hialmar singt (Hervararsaga c. 5) : 

Attak at fuUu fimm tun saman 

En ek thvi aldri unda rädhi, 

Nu verd ek liggja lifs andvani 

Sverdhi sundradhr Säms i eyju. 
LÜTTICH. 



376 IGNAZ PETTERS, ÜBER DEUTSCHE ORTSNAMEN. 

ÜBEE DEUTSCHE ORTSNAMEN. 

1. ORTSNAMEN MIT DEM STAMME TEGAR. 

Im altdeutschen Namenbuch Förstemanns 2, 1361 ist zur Erklä- 
rung des Stammes TP2GAR nichts Sicheres beigebracht. Nach Graff 
5, 379 und Meyer (in den Mittheilungen der antiquar. Gesellsch. in 
Zürich 1848) ist aus den angeführten Ortsnamen ein Personenname 
Tegaro zu erschließen ; Zeuß erinnert an keltisch (gal.) tigJiearna 
dominus; Meyer bringt ein keltisches tegarn bei, permagnus, worauf 
auch Förstemann die deutschen Ortsnamen dieses Stammes beziehen 
will. Die Ortsnamen sind folgende : Tegarinmoa (jetzt Tegernau in 
der Schweiz und in Süd-Baiern) , Tegirinpah (4 Orte) , Tygirinvelt 
(jetzt Tigerfeld), Tegerenheim (j. Tegernheim), Tegerenmos (j. Tegern- 
moos), Tegarascahe (j. Tägerschen in der Schweiz), Tegarinseo (Ort 
und See in Baiern), Tegirslath (j. Degerschlacht), Tegardorf (j. Te- 
gerndorf), Tegirimvac oder Tegirimvach (entweder Tegernbach oder 
Degerbach). Alle diese Namen gehören Süddeutschland an, beson- 
ders Baiern und der Schweiz. Die ziemlich große Häutigkeit dieser 
Art von Ortsnamen und die fast nirgends gestörte Form des ersten 
Theiles scheint dafür zu sprechen , daß hier echt deutsche Namen 
vorliegen und Herleitung aus dem Keltischen unnöthig und unrichtig 
sei. Ich erkenne in ihnen ein Adjectivum tegar, das mit dem aus 
digrei (2. Kor. 8, 20) zu folgernden goth. digrs übereinstimmt, wie 
mit altn, digr , crassus, tumidus, superbus, schwed. diger , dick, 
schwanger, groß u. s. w. (Diefenbach , goth. Wörterbuch 2, 626). 
Das Wort scheint dem Hochdeutschen abhanden gekommen zu sein, 
in niederdeutschen Mundarten tritt es allenthalben auf, hie und da 
als Adverbium mit der Bedeutung von sehr, gänzlich, völlig, z. B. 
in Fallersleben : dat is deger gut (Frommanns Mundarten 5, 53). 
Allem Vermuthen nach wird tegar in unsei'n Ortsnamen groß be- 
deuten. Digrs, tegar gehört mit deigan, fingere, zusammen; die 
Wurzel dig mag ursprünglich die Bedeutung 'zusammendrücken' 
haben, woraus sich weiter die von 'stärken, verstärken, verdichten, 
vergrößern' entwickelt haben könnte. Das ndd. Adverbium deger 
lässt sich in dieser Weise am besten dem mhd. vaste vergleichen. 

2. ORTSNAMEN MIT HÜVIL. 

Zu den mit ahd. huoha, Hufe (dessen Et}^mologie Leo Meyer in 
Kuhns Zeitschrift 7 , 275 ff. entwickelt) uneigentlich componierten 



LITTERATUR. 377 

Ortsnamen, wie Adalolteshuha , Otkereshoha , Winnimanneshuba u. a. 
stellt Förstemann im Namenbuch 2, 751 solche auf — Imuila : Astram- 
masJmuiJa, Auonhuuila, Vorstliuuila , Gesthiuila, Rammashuuila, Judi- 
nashiniila , Langonhimila , Xethubila und Westjudinashuuila: cv sieht 
in liuuila eine Weiterbildung von huoba, also wohl ein Diminutivum. 
Gegen diese Zusammenstellung spricht zunächst das entschieden 
gewahrte u. Diese Ortsnamen finden sich fast nur in der Gegend 
von Münster , die Freckenhorster Heberolle ist ftir sie fast die 
einzige Quelle; sie gehören also ganz bestimmt dem niederdeutschen 
Sprachgebiete an. Huoba ist aber regelrecht ndd. höva , das dimi- 
niiiert hovila ergäbe. Ferner entsprechen den altwestphälischen 
Formen die neuwestphälischen : Ostramshövel , Forsthövel, Rams- 
hövel , Jonsthövel (der Personenname Judino zum Stamme JUD 
Förstem. 1, 812), Langenhövel — für die übrigen Ortsnamen fehlen 
neue Formen — und die andern niederd. Ortsnamen auf -hövel. 
Huvil, dessen Dativ liuvila jene Namen enthalten (langon hucila zz 
Langonhuuila), bedeutet Hügel und lautet mitteldeutsch hübel , sieh 
Weinholds Beitr. zu einem schlesischen Wörterb. 37. Hoffmanns 
Gloss. belg. 45. Frommnnns Mundarten 2, 552, 30. 4, 200. 5, 474. 
Schmeller 2, 141. In Böhmen: Gieshübel, Gishübel, Gießhübel, 
Hemmehübel , Purkhybl (verschollen) , Schnauhübel , Steinhübel ; in 
Schlesien: Krumml.fibel, Steinhübel, GieLUiübel; in Sachsen: Berg- 
gießhübel, Hundshübel u. s. w. Die Ortsnamen Gieshübel stimmen 
vielleicht überein mit jenem altwestphäl. Gesthuvil {gest, das trockene 
hochgelegene Land) oder sie sind Composita mit gieze ahd. giozo 
(Gießen, zi den giezon, ad amnes Grimm 3, 420. 423). Fürs Go- 
thische wird hubils anzusetzen sein ; huoba wäre nach Leo Meyer 
a. a. O. koba. 



LITTERATUR. 



Jahrbuch für romanische und englische Litteratur, unter besonderer 

Mitwirkung von Ferd. Wolf herausgeg. von Dr. Adolf Ebert, Prof. 

an der Universität Marburg. 1. Band^ 1. 2. Heft. Berlin, F. Dümm- 

lers Verlagsbuchhandlung und A. Asher & Comp. 1858. 1859. 

246 Seiten. 8. 

Deutschland ist die Wiege der romanischen Studien als Wissenschaft, 

in Deutschland ist nun auch die Idee einer Zeitschrift für die romanische 

und die nahe verwandte englische Litteratur entstanden und zur Ausführung 



378 LITTERATUR, 

gekommen. Daß aber ein solches Organ längst Bedürfniss war, wird Jeder, 
der den romanischen Studien nahe stand , lebhaft empfunden haben. Von 
vornherein also ist der Gedanke ein glücklicher und dankenswerther zu nennen. 
Über den Zweck des 'Jahrbuches' spricht sich ein dem ersten Hefte voi'aus- 
gesendetes Programm eingehend aus. Wir heben daraus folgende Sätze her- 
vor: 'Der Geschichte der romanischen und englischen Litteratur soll unsre 
Zeitschrift gewidmet sein und in dem umfassendsten und strengsten Sinne 
des Wortes Geschichte. Keine bloß ästhetischen Betrachtungen und Dar- 
stellungen, mögen solche an sich noch so werthvoll sein, können dem Kreise 
dieser Zeitschrift angehören. — Die eine Hälfte des Raumes der Zeitschrift 
•wird Monographien umfassen, welche auf Grund von Quellenforschungen theils 
Specialuntersuchungen über einzelne Schriftsteller und einzelne Werke, theils 
die geschichtliche Entwickelung ganzer Perioden und Dichtuugsarten bringen 
werden.' Dabei findet keine Beschränkung in Bezug auf die Zeit statt, son- 
dern die Litteratur von der ältesten bis auf die neueste Zeit werden die 
Abhandlungen umfassen. Ein Theil der Zeitschrift ist dazu bestimmt, unge- 
druckte Texte zu veröflfentlichen. Natürlich kann dieß nur in beschränktem 
Maße geschehen , da umfangreichere Publicationen der Art nicht in ein 
Zeitschrift gehören. Auch in Bezug auf die Auswahl findet eine Beschrän- 
kung statt: es sollen hauptsächlich litterarisch wichtige Texte sein, und die 
sprachliche Interesse allein noch nicht zur Aufnahme genügen. Endlich 
wird das Jahrbuch eine kritische Abtheihmg enthalten, die die bedeutenderen 
Erscheinungen der Neuzeit auf dem Gebiete der romanischen und englischen 
Litteratur ausführlich bespricht, und, um nichts zu vergessen, wird ein jähr- 
licher Bericht am Schlüsse jedes Bandes die vollständige Bibliographie des 
letzten Jahres bringen. 

Gewiss kann man sich mit den Grundsätzen einverstanden erklären, die 
hier ausgesprochen sind , und der Name Ferd. Wolfs und des Herausgebers, 
so wie das Verzeichniss der Mitarbeiter, welches schon jetzt 50 Gelehrte in 
Deutschland und im Auslande umfasst, sind genügende Bürgschaft für die 
wissenschaftliche Ausführung. Doch können wir einen Wunsch nicht ver- 
schweigen, nämlich den, es möchte das Jahrbuch sich nicht ausschließlich auf 
litterarische Untersuchungen beschränken , da bei der nicht allzugroßen Zahl 
fähiger Mitarbeiter zuweilen der geeignete Stoff" mangeln könnte, sondern ein 
Gesammtorgan für die romanischen und englischen Studien überhaupt wer- 
den. Der Herausgeber hätte sich hier die auf verwandten Gebieten thätige 
'Zeitschrift für deutsches Alterthum', sowie die 'Germania' zum Vorbilde neh- 
men können. Wiewohl die Zahl Derer, die sich mit der altern deutschen 
Litteratur beschäftigen, im Ganzen größer ist als die der Pfleger romanischer 
und englischer Studien, und wiewohl das Gebiet der germanischen Sprachen 
ebenso umfangreich, wenn nicht noch größer ist, so haben doch beide Zeit- 
schriften es für nothwendig und zweckmäßig erkannt, das ganze Gebiet der 
deutschen Alterthumskunde: Sprache, Litteratur, Metrik, Mythologie, Sitten- 
geschichte u. s. w. zu umfassen. Das Programm des 'Jahrbuches' hat in 
dem Satze 'die historische Grammatik aber ist die erste Voraussetzung litte- 
rarischer Forschung' die Bedeutung grammatischer Forschungen vollständig 
erkannt. Hier hätte sich die Gelegenheit geboten, eine Menge der inter- 



LITTERATÜR. 379 

essantesten Einzeluntersuchungen aus den verschiedenen Sprachgebieten zu 
wecken und zu vereinigen , deren Ausschluß , wie er durch das Programm 
bedingt ist , weder zum Vortheil der Wissenschaft , noch zu dem des Jahr- 
buches gereicht : deun es könnte sein , daß der Herausgeber sich dadurch 
manche Kraft entzogen hat, die ihm sonst zugefallen wäre. Nicht Jeden, 
der Lust und Liebe zu den romanischen Studien hat , führen gerade seine 
Neigungen und Arbeiten auf litterarische Fragen. Selbst unser Altmeister, 
der Gründer der romanischen Studien in Deutschland, Fr, Diez, dessen Namen 
wir freudig unter den Mitarbeitern finden, hat sich seit längerer Zeit von den 
litterarischen Forschungen ab- und ausschließlich den grammatischen und lexi- 
calischen zugewendet. Ein anderes reiches , fast noch unbebautes Gebiet ist 
das der Sittengeschichte, welche aus den Denkmälern der Litteratur die reichste 
Nahrung schöpft. Im Interesse der Sache scheint es daher nicht gut gethan, 
das Jahrbuch lediglich auf romanisehe und englische Litteratur zu beschrän- 
ken. Wir hotlen, daß den Herausgeber die von uns gegebenen Winke, sowie 
die Einsicht in die Umstände selbst veranlassen werden, seiner Zeitschrift 
einen weiteren Umfang zu geben. 

Die Zeitschrift wird eröffnet durch eine französische Abhandlung von 
Edelestand du Meril 'la vie et los ouvrages de Wace' (S. 1 — 43): es werden 
darin manche früher«- Irrthümer über den Verfasser des 'Roman du Ron' be- 
seitigt , so z. B. die Behauptung Huets , daß der Dichter Robert Wace ge- 
heißen , die auf dem Missverstand einer Stelle im Leben des heil. Nicolans 
beruht (S, 4), ferner Lebeufs, der dem Dichter eine 'vie de S. Georgf' bei- 
legt (S. 10), dagegen wird Wace mit Wahrscheinlichkeit ein Leben der heil. 
Margarete (S. 12) vindiciert. Au.sführlicb werden die Quellen, namentlich 
des 'Roman du Ron' bf^handelt , and die Selbständigkeit des Werkes , das 
hauptsächlich aus nn'indlicher Überlieferung schöpfte, gegenüber den Behaup- 
tungen jüngerer Handschriften, daß es aus dem Latein übersetzt sei, verfoch- 
ten; ferner ist glücklich nachgewiesen (S. 34), daß nur der dritte Tlieil des 
Romans dem Dichter angehöre. — A. Ebert hat eine umfassende Unter- 
suchung über 'die englischen Mysterien, mit besonderer Berücksichtigung der 
Towneley-Sammlung' (S. 44 — 82) beigetragen, deren Schluß das zweite Heft 
(S. 131 — 170) bringt. Es ist allerdings nicht zu läugnen , und der Ver- 
fasser hat dieß selbst gestanden , daß , was er über den Ursprung und die 
erste Entwickelung der englischen Mysterien sagt, zum Theil unsichere Hy- 
pothese ist und noch des Beweises bedarf: allein dieser möchte bei dem 
Mangel an Nachrichten schwer zu führen sein. Dem Verfasser ist es haupt- 
sächlich darum zu thun, an einem der Collectiv-Mysterien, dem der Towneley- 
Sammlung, die ganze Gattung zu charakterisieren, wir erhalten interessante 
Mittheilungen über die Aufführung und die stehenden Costüme , sowie eine 
'Analyse der Towneley Mysterien', die sehr ausführlich ist (S. 74 — 82, 131 
bis 149), vielleicht sogar, wenn wir den Grundsatz des Programms festhalten, 
zu sehr ins Einzelne gehend, um so mehr, als es sich hier nicht um ein 
ungedrucktes, sondern ein schon herausgegebenes Werk handelt, dessen Inhalt 
jedem Kenner der englischen Litteratur bekannt sein sollte. Doch wer wird 
hierüber mit dem Verfasser rechten , der seiner Analyse manche trefi'liche 
Bemerkung eingestreut hat ! Einige Stellen sind in metrischer Übersetzung 



380 LITTERATUR 

mitgetheilt, theils in Reimen, theils in reimlosen fünffüßigen Jamben (S. 79), 
was allerdings, wie der Verfasser selbst bemerkt, 'der Darstellung einen etwas 
modernen Charakter giebt'. Doch lässt sich zur Entschuldigung das Beispiel 
Byrons im 'Cain' anführen. Wir möchten aus dem Umstände, daß fast nir- 
gends Originalstellen mitgetheilt sind , das Bestreben des Herausgebers , die 
Zeitschrift möglichst allgemein verständlich zu machen, erkennen : der Grund- 
satz an sich scheint lobenswerth, da einer jungen Wissenschaft am wenigsten 
der abgeschlossene Kastengeist frommt, doch sollten wir meinen, daß Jedem, 
der diese Zeitschrift liest, die nöthige Kenntniss der altern englischen Sprache 
zu Gebote stehe. — Die Geschichte des Pilatus (S. 143), die dieser in halb 
lateinischen, halb englischen Hexametern erzählt*), mit der fabelhaften Genea- 
logie des Pilatus, scheint Ebert als eine Erfindung des englischen Mysterien- 
dichters zu betrachten : aber sie ist ungleich älter, wie das mhd. Gedicht des 
12. Jahrh. und das noch ältere von Mone herausgegebene lateinische bewei- 
sen. Die Erklärung von 'Mittelerde' (S. 147) ist nicht gelungen: der Aus- 
druck entspricht genau dem altnordischen mipilgard. — Ein dritter Artikel 
des ersten Heftes von Mahn handelt über den 'Troubadour Cercamon' (S. 83 
bis 100): als der in den Handschriften so genannte Lehrer Marcabruns, den 
schon eine Pariser Hs. (2701, la Vall. 14) als den ältesten Troubadour be- 
zeichnet, hat Cercamon eine hohe Bedeutung. Er wird in der kurzen Bio- 
graphie Jongleur genannt , der Schäfergedichte (die Vermuthung Mahns , es 
sei 'pastorelas zu lesen , ist unnöthig , da pastoretas eine vollkommen richtig 
gebildete Form ist, vgl. haladeta) nach alter Art gedichtet habe. Leider hat 
sich von diesen ohne Zweifel noch volksthümlichen Gedichten nichts erhalten, 
sondern wir besitzen unter seinem Namen nur fünf Lieder, darunter eine 
Tenzone, die sämmtlich 'im höfischen Stil' gedichtet sind. Es ist aber frag- 
lich, ob diese Lieder echt sind, oder ob sie nicht ihm später untergeschoben 
wurden : in dieser Vermuthung bestärkt mich der Umstand , daß fast alle 
auch anderen Dichtern beigelegt werden. Von einigen lässt sich auch äußer- 
lich die Unechtheit nachweisen. Von besonderem Interesse ist die Tenzone 
(S. 97 — 100), deren Anlage einfacher als die der spätem, und die somit wohl 
als echt nicht zu bezweifeln ist. 'Was der erste Troubadour vorträgt, wird 
von dem zweiten entweder bestätigt, oder widerlegt , oder derselbe wird von 
ihm auf eine Art getröstet, die eher Scherz und Ironie, als Ernst und Ubei"- 
zeugung ist.' Außerdem hat diese Tenzone noch das Merkwürdige , daß in 
den drei letzten Strophen jeder Sprecher nicht eine ganze Strophe spricht, 
sondern 'daß ein jeder derselben in jeder Strophe zweimal seine Meinung 
vorträgt, worauf der andere zweimal Antwort giebt'. Denselben Fall, den 
Mahn in keiner Tenzone angetrofiPeu, finden wir bei Albertet (Bartsch, provenz. 
Lesebuch 95, 35.) und auch das Gedicht von Aimeric von Pegulhan (ebenda 
73, 37.) ist hierher zu rechnen. Zu den Liedertexten habe ich Einiges zu 
bemerken. 1, 7, 5 per qiies, die Übersetzung giebt 'weshalb'; es ist zu schrei- 
ben per qu'es, denn ques für que begegnet nur vor Vocalen in der Mitte des 
Verses, um den Hiatus zu vermeiden. 1, 9, 4 o trehalhiers o ab gran deman: 



*) Andere lateinisch-englische Hexameter sieh in Th. Wright und J. Halliwell 
reliquiae antiquae. London 1841. 1, 91. 



LITTER ATUR. 381 

die Verschleifung o ab in öine Silbe darf man einem Dichter aus der ersten 
Hälfte des 12. Jahrh. nicht zutrauen, sie erweckt Zweifel an der Echtheit, 
wenigstens dieser Lesart. Daß man das Lied Cercamon zuschrieb, kann sei- 
nen Grund in der folgenden Zeile haben. — Das zweite Lied ist in meiner 
Ausgabe des Peire Vidal, dem es in der Oxforder Hs. beigelegt wird, unter 
den unechten Liedern Nr. III (S. 132) bereits abgedruckt. Auch Cercamon 
ist es wohl nicht zuzuerkennen. In der zweiten Strophe Z. 1 ist statt Per 
so zu lesen Pero , denn pero hat doppelte Bedeutung 'deswegen' und 'aber', 
per so dagegen nur die erste , dem Sinne nach muß es 'aber' bedeuten. 2, 
2, 7 veia'l pel: der Herausgeber hat die irrige Schreibung Raynouards, die 
auf einem nicht nachweisbaren Artikel el beruht , beibehalten , während er 
zwei Zeilen vorher doch sernhla-rn und dann qiie-l schreibt; auch hier liiitte 
consequent veia-l geschrieben werden müssen. 2, 3, 5 quäl voilla m'am o so 
lais , in der Übersetzung 'was sie auch wolle, sie liebe mich, sie lasse es': 
dem Verse fehlt eine Silbe, ich schlage vor, zu lesen quäl volha m'am o s'o 
vol lais. 2,3,9 hat eine Silbe zu viel : es ist d'aondansa zu schreiben, 
wobei die beiden ersten Silben in eine verschleift werden, aber eben diese 
Verschleifung ist gegen den Gebrauch von Cercamons Zeit, und auch wohl 
dieß Lied ihm untergeschoben. 2,5,3 e celar quo sajjchon phisor, die Über- 
setzung bietet 'und Heimlichkeit, wie die meisten wissen', aber dann könnte 
nicht der Conjunctiv stehen; es ist zu lesen e celar qu'o sapchon phisor 'son- 
dern ich liebe mehr den Vortheil als die Ehre und Verheimlichen (mehr) 
als daß es die Menge wisse'. 2,6,8 hat eine Silbe zu wenig : am ein- 
fachsten wäre die Änderung ni no vos au. In der Übersetzung ist 2, 5, 5 
unrichtig , ni s'en feing trop gais , 'und gar verliebt sich stellt' : es ist von 
demjenigen Liebhaber die Eede, der sein läebesglück und die Freude darüber 
nicht zu verbergen weiß : also muß es heißen 'fröhlich" statt 'verliebt' ; auch 
2, 5, 9 ist ungenau 'den Ruf eines Thoren, der eitler Schein ist', es muß 
heißen 'den Lärm eines Thoren (nämlich das Gerede, das er von seiner Dame 
und seiner Liebe macht), der Prahlerei ist'. — Im dritten Liede ist 1, 4 
queil jorn für que il jorn zu schreiben, denn il ist keine Artikelform zu jorn\ 
in der folgenden Zeile fehlt eine Silbe , man lese chansos ni lais. 3, 2 , 6 
lies des Reimes wegen conquerir. 3,5,3 que si mais soll nach der An- 
merkung si eine Licenz für sia sein , des Metrums wegen : aber eine solche 
wäre nicht gestattet. Ist sia zu lesen, was nach jüngerer Messung dann eine 
Silbe bildet, so gehört das Gedicht nicht Cercamon. 3, 5, 5 dinz la cititat 
del pais für das handschriftliche del bais:, aber pais (Land) reimt niemals 
auf mais, sondern ist zweisilbig zu sprechen. Das Handschi-iftliche ist bei- 
zubehalten , bais bedeutet 'Erniedrigung'. In der Übersetzung ist 2 , 6 un- 
richtig jje»' t^enblan mit 'durch Verstellung' ausgedrückt : es muß heißen 'dem 
Anschein nach, der Wahrscheinlichkeit nach'. Im vierten Liede ist 1, 7 um 
eine Silbe zu lang, man lese e'?i mou son sonet pus fort ; ebenso die folgende 
Zeile, wo vielleicht sa zu streichen, oder zu lesen ist que-l cove fenir sa vida. 
4, 4, 4 ebenfalls um eine Silbe zu lang, es ist ne zu streichen. 4, 4, 9 
can vos m'ufretz : can mit Beziehung auf tal esperansa ist auffallend , wahr- 
scheinlich ist cal für can zu schreiben. 4,5,8 die Ergänzung brau stört 
den Vers und ist unnöthig : nur muß mau nicht fort als Adverb. , sondern 



382 LITTERATUR. 

als Adject. fassen. 4, 6, 3 liest die Handschrift Guilhalmi , hen par pauc 
vos Costa, der Herausgeber hat par gestrichen, wie mir scheint, mit Unrecht, 
vgl. 4, 6, 8 , wo Guilhalmi auch nur zwei Silben bildet : an beiden Stellen 
ist Girilhelm zu lesen, par aber nicht anzutasten ; auch pagara 4, 6, 7 hätte 
stehen bleiben können. Auffallend ist eseosta, wie der Herausgeber des rich- 
tigen Reimes wegen für das hs. escoia geschrieben hat : vielleicht ist in allen 
Reim Worten u für s zu schreiben, und mundartliche Formen hrouta couta 
paniacouta neben dem gewöhnlichen escouta anzunehmen. — S. 101 — 130 
folgen kritische Anzeigen, von denen die letzte von F. Wolf im zweiten Hefte 
fortgesetzt wird und besonderen Werth hat, ja fast den Umfang einer eigenen 
Abhandlung erreicht, die manches Beachtenswerthe aus dem Wissensschatze 
des v(>rohrten Mannes bringt. 

ü;is zweite Heft enthält nebst dem Schlüsse des Aufsatzes von Ebert 
über lue englischen Mysterien eine Abhandlung von dem Referciuten über 
'die Reimkunst der Troubadours' (S. 171 — 197), worin viele handschriftliche 
Quellen benutzt wurden. Es ist ein einzelner Abschnitt aus einer Gesammt- 
darstellung der provenzalischen Metrik, die, da ein Hauptreiz der provenza- 
lischen (und auch der altdeutschen) Lyrik in der Form liegt, in ihrer überaus 
reichen Entwiikclung nicht unerwünscht sein wird. — Paulin Paris giebt 
eine 'Notice sur la chanson de geste intitulee : le voyage de Charlemagne 
ä Jerusalem et a Constantinople (S. 198 — 212), die von Fr. Michel heraus- 
gegeben worden : es ist eine Darlegung des Inhaltes mit dankenswerthen Be- 
merkungen über die Sage und einigen Besserungen des Textes, die mir ge- 
lungen scheinen. Endlich giebt A. Tobler (gegenwärtig in Rom) in einem 
'Nachtrag zu Mahns Artikel über Cercamon' (S. 212 — 214) den Abdruck des 
fünilen Cercamon zugeschriebenen Liedes aus der vaticanischen Hs. 3208, 
zu (Im ich einiges bemerke. In der zweiten Zeih- nimmt der Herausgeber 
nach lue eine Lücke an, die doch nur durch ein Adverbium, etwa mout, er- 
gänzt werden könnte ; allein es war besser gethau, eanti für cant zu schreiben. 
Die Vermuthung zu 1 , 6 , es könne das hs. solei für das richtige in den 
Text gesetzte fohl doch beizubehalten sein , ist unstatthaft, (i . 2 die Hs. 
jueiafz, der Text veiatz , aber es ist wohl jutjatz oder jujalz zu lesen. 6, 3 
ist gardatz mit Unrecht in gardefz verwandelt; auch die Übersetzung von e non 
gardatz ief> (warum der Herausgeber ies und nicht jes schreibt, sehe ich nicht 
ein, da er doch e7ijan jauzen schreibt) durch 'und zaudert nicht' ist unrichtig. 
— Die kritischen Anzeigen (S. 215 — 246) bringen eine von A. Pey , dem 
tüchtigen Kenner nicht nur der altfranzösischen , sondern auch der altdeut- 
schen Litteratur, über die 'Nouvelles franyaises en prose du XIV. siecle', die 
so wie auch die folgende von A. Ebert über A. Fabres 'etudes historiques 
sur les clercs de la Bazoche", ,viel TreJRPliclies enthält. Den Schluß bildet 
eine Anzeige Dietrichs von Leos Abhandhing über Cynevulf. 

Von Herzen wünschen wir der Zeitschrift guten Fortgang und Theil- 
n;ihnie von Seiten der Mitarbeiter wie des Publicums ; namentlich möchte das 
'Jahrbuch' zur Anschaffung für Gymnasialbibliotheken zu empfehlen sein , da 
von Seiten der Gymnasiallehrer bei dem jetzt sorgsamer betriebenen Unter- 
richt in den neuern Sprachen ein Interesse dafür vorauszusetzen ist. 

ROSTOCK. . KARL BARTSCH. 



LITTERATUR. 383 

Die Edda. Eine Sammlung altnordischer Götter- und Heldenlieder. Ur- 
schrift mit erklärenden Anmerkungen , Glossar und Einleitung , altnor- 
discher Mythologie und Grammatik. Herausgegeben von Hermann 
Lüning, Professor an der Cantonsschule in Zürich. Zürich. Meyer 
& Zeller. 1859. gr. 8. 

Der Zweck dieser schön ausgestatteten Ausgabe ist nicht eine kritische 
Bearbeitung des Textes , sondern Denen , welche die Edda in der Ur.sprache 
lesen wollen , drn Weg zu ihr zu ebnen und so diesen Dichtungen , die zu 
den bedeutsamsten Denkmälern germanischer Sprache und germanischen Gei- 
stes gehören, einen größeren Leserkreis als bisher zu verschaffen. Das Be- 
dürfniss eines solchen Buches war längst fühlbar, längst ist es auch, wie der 
Verfasser mit Recht bemerkt, eine bekannte Thatsache , daß in Deutschland 
das Studium der Edda und der altnordisclien Sprache überhaupt keineswegs 
mit dem der übrigen germanischen Dialecte gleichen Schritt gehalten hat, 
und daß diese Sprache selbst von der vergleichenden Sprachforschung ver- 
hältnissmäßig wenig in den Kreis ihrer Betrachtung gezogen worden ist. Daß 
der Grund davon nicht in der größeren Schwierigkeit der altnordischen Sprache, 
sondern darin liegt, daß die Zugänge zu ihren Denkmälern und luuiientlich 
zur Edda nicht so gebahnt und bequem sind, als unsere Eisenschienenzeit es 
zu verlangen geneigt ist , steht fest , eben so sicher ist es aber auch , daß 
die vorliegende Ausgabe dieser Dichtungen dem vom Verfasser angestrebten 
Ziele in erfreulicher Weise entspricht. 

Was vorerst die Edda selbst betrifft, so kann nur gebilligt werden, daß 
der Verfasser, anstatt einen aus den bisherigen Bearbeitungen eklektisch zu- 
sammengesetzten , wiederum anders aussehenden und im Wesentlichen doch 
nicht viel besseren Text in die Welt zu senden, einen der vorhandenen Texte, 
und zwar den von Munch bearbeiteten unverändert angenommen hat, abge- 
rechnet ganz vereinzelte Falle, wo eine andere Lesart bevorzugt wurde, und 
mehrere orthographische Abänderungen, die nach Grimuis Vorgang durchge- 
führt und S. 11 der Einleitung näher bezeichnet sind. Als Hauptverdieust 
des Verfassers muß aber betrachtet werden das vollständige , gut gearbeitete 
Glossar und die gedrängte Darstellung der nordischen Mythologie, namentlich 
der altnordischen Tjaut- und Plexionslehre ; alle diese Beigaben entsprechen 
vollkommen dem Bedürfniss des Anfängers und zeigen den Verfasser gleich 
tüchtig als Gelehrten, wie als Pädagogen. Veruiisst hat nur Referent im 
grammatischen Theile Angaben über die Flexion der Eigennamen und über 
jene adjectiveu Comparative und Superlative, die des Positivs entbehren und 
aus einem Adverb oder einer Piäposition gebildet sind, und er muß auch 
bezüglich des über Brechung und Umlaut Beigebrachten bedauern , daß der 
Verfasser sich Holtzmanns scharfsinnige Abhandlungen über den Umlaut hat 
entgehen lassen ; sie erst haben die nöthige Klarheit in diese Abschnitte der 
Vokallehre gebracht. 

Sehr verdienstlich und dankenswerth ist das Namensverzeichniss am 
Schlüsse des Werkes, das, von dem in Munchs Ausgabe völlig unabhängig 
ausgearbeitet, durch die Art der Citierung wie durch die beigefügten Erklä- 
rungen vor diesem den Vorzug verdient. In der Einleitung gedenkt der 



384 LITTERATUR. 

Verfasser der Sammler und der Sprache , der Handschriften , Ausgaben und 
des Verses der Eddalieder, und diese Mittheilungen sind ebenso willkommen 
wie die folgenden Erörterungen über die Heimat der Nibeluugensage und 
über die dunkeln und daher vielfach gedeuteten Lieder Grogaldr uud Fiöls- 
vinnsmCd. Als zwi'ckmäßig darf die jedem Liede vorgesetzte kurze Inhalts- 
angabe angesehen werden ; das aus Munchs Ausgabe herübergenommene Va- 
riantcnverzeichniss aber, wenn auch dem Gelehrten wünschenswerth, erscheint 
für ein Lehrbuch, und das wollte der Verfasser bieten, durchwegs entbehrlich. 
Auch über den Umfang der Anmerkungen, in denen der Verfasser dasjenige', 
was bisher für die Erklärung der Edda gewonnen ist, übersichtlich zusammen- 
stellen , vergleichen und hinzufügen wollte , was er selber zu geben wusste, 
lässt sieh eine von der Anschauung des Verfassers abweichende Meinung gel- 
tend machen. Dieser zufolge dürfte ein Theil des dort Gegebenen in das 
Glossar gehören, anderseits in den mythologischen Abschnitt aufzunehmen 
sein ; kurze Verweisungen auf die betreffenden Stellen würden im letzten Fall 
unter dem Text genügen. Bei einem solchen Vorgehen hätte der Text der 
Edda, in Munchs Ausgabe 12, hier 24 Bogen umfassend, nur einer mäßi- 
gen Bogenzahl bedurft, namentlich wenn er dreispaltig gedruckt worden 
wäre , was bei dem angewendeten Format bequem thunlich war , ohne die 
Schönheit und Deutlichkeit des Druckes zu beeinträchtigen. Auch ist Refe- 
rent der Ansicht, daß die Edda als Lesebuch eine handlichere Gestalt ge- 
wonnen hätte, wäre nur das mit ihr in unmittelbarem Zusammenhang Stehende, 
d. i. die Anmerkungen, das Glossar und Namensverzeichniss, in einem Band 
vereinigt, Grammatik und Mythologie aber als zweiter Band gesondert wor- 
den. Die Paragraphe 4 und 5 der Einleitung waren dann zweckmäßiger 
dem li'tzten Theile anzureihen. Je aufrichtiger nun die Kritik der vorlie- 
genden verdienstvollen Arbeit eine weite Verbreitung wünscht, je mehr muß 
sie beklagen, daß Verfasser und Verleger bei der Abfassung und dem Drucke 
dieses Buches sich nicht von dem Grundsatze der möglichst größten Raum- 
ersparniss haben leiten lassen, um so für dasselbe einen Preis zu ermöglichen, 
der Lehrern wie Studierenden erschwingbar ist. Der Ladenpreis von 6 Tha- 
lern wird dieses vortreffliche Buch gewiss nur Wenigen als ein leichtes und 
bequemes Hilfsmittel erscheinen lassen , um das Studium der Edda und der 
altnordischen Sprache in weite Kreise einzuführen. 

FRANZ STARK. 



Wien. Buchdruckerei von JacoLi & nol-zliausen. 



DIE INSEL DER jS'EETHUS, 

EIN HISTOEISCH-ANTIQUARrSCHEE VERSUCH 

VON 

KARL MAACK. 



,KIar und licht erbaut sich wieder. 
Was in Schutt und Nacht versank.' 

1. Es möchte vielleicht gewagt erscheinen, die bereits nicht 
unansehnliche Litteratur über die Lage der Nerthusinsel mit einem 
weitern Schriftstücke zu vermehren, da diesem Gegenstande eine 
neue Seite abzugewinnen von Manchem für unmöglich gehalten 
werden dürfte. Seit Jahren aber in meinen Mussestunden beschäftigt 
mit den Vorarbeiten zu einer Urgeschichte der schleswig-holstein'schen 
Lande bis auf die Zeiten des großen Karls, als einem Beitrage zur 
Ethnographie des Nordens, führten meine Studien mich nothwendig 
auch auf diese Frage und ließen mich eine von allen vorgetragenen 
Hypothesen verschiedene Antwort ganz ungesucht ßnden. Es drängte 
sich mir nämlich alsbald die Erkenntniss auf, daß eine Urgeschichte 
Schleswig-Holsteins gar nicht möglich sei, bevor nicht die in historischen 
Zeiten stattgefundenen so bedeutendenVeränderungen seiner physischen 
Bodenbeschaflfenheit aus den zurückgebliebenen geologischen Spuren 
und Thatsachen erkannt worden wären. So wie die Flüsse des Lan- 
des ihren Lauf verändert, und das Meer einerseits ausgedehnte Eilande 
und Landstrecken theils zerrissen^ theils verschlungen, so waren 
andererseits wieder Inseln durch Verschmelzung mit dem Festlande 
völlig verschwunden. Nachdem daher mittelst der Geologie und To- 
pographie der urgeschichtliche Schauplatz der schleswig-holstein'schen 
Lande erst wieder restauriert worden war, ergab sich die Antwort 
auf die Frage nach der Nerthusinsel ganz von selbst und erhielt 

GERMAXIA IV. 25 



386 KARL MAACK 

überdielJ, wie wir sehen werden, durcli einige ganz schlagende 
Nebenumstände die unverhoffteste Bestätigung. 

2. Wir gehen von Tacitus aus. Nachdem dieser in seiner Ger- 
mania (Cap. 28 — 37), dem Laufe des Rheins folgend, die verschie- 
denen westgermanischen Völkerschaften aufgerechnet und namentlich 
an der Küste der Nordsee der Friesen, Chauken und Kimbern er- 
wähnt hat, geht er (Cap. 38) zu den Sueven über, von denen er zuerst 
das Hauptvolk der Senmonen und demnächst die Langobarden be- 
spricht. Dann fährt er fort (wir müssen die bekannte Stelle hier 
abschreiben, weil einzelne Worte und Ausdrücke des Tacitus in der 
Folge besprochen werden): Reudignl delnde , et Aviones et Angli, et 
Varini, et Eudoses , et Suurdones , et Nuithones ßumirubus ant sihls 
ynuniuntur ; nee quldquam notah'de in sirnjidis , nisi rpiod in commune 
Nerilium , kl est, Terram matrem colunt , eamque intercenlre rebus 
Jiominnm, invelii poindls arhitrantur. Est in insida Oceani castum 
nemus , dicatumqiie in eo vehiculum, veste contectum, attingere uni sa- 
cerdoti concessitm. Is adesse jyenetrali deam intelligit, vectcvnque buh^is 
feminis midta cum veneratione proseqnitur j laeti tunc dies, festa loca, 
quaecunque adventu liospitioque dignatur , non bella ineunt, non arma 
sumunt] clausuni onine ferrum; jjax et quies tunc tantum nota, tunc 
tantum amata; donec idem sacerdos satiatam conversatione mortaliüm 
deam templo reddat. Mox vehicidum et vestes , et si credere velis, mi- 
men ipsum secreto lacu abluitur ; servi ministrant, quos statim idem 
lacus hauritj arcanus hinc terror, sanctaque ignorantia, quid sit id 
quod tantum jperituri vident. Et liaec quidem 'pars Suevorum in secre- 
tiora Germaniae jporrigitur. 

3. Der alte Anchersen machte bereits vor 100 Jahren in seiner 
„Vallis Herthae Deae" die richtige Bemerkung, daß, weil das ge- 
meinsame Heiligthum der Nerthus auf einer Lisel gelegen, die 7 
von Tacitus genannten Völker in der Nähe gewohnt haben müssen, 
weil Tacitus sonst nicht die Worte invehi jjoj^ulis von der Göttin 
hätte gebrauchen können. Sie sind also an der Meeresküste und 
auf Küsteninseln zu suchen und können folglich nur nördlich von 
den Semnonen und Langobarden ihre Wohnsitze gehabt haben und 
nicht im Innern von Ostgermanien. 

4. Die Insel der Nerthus muß aber nothwendig in der Ostsee 
gelegen sein. Denn einmal hat als Anwohner der Nordsee Tacitus 
bereits die Friesen, Chauken und Kimbern genannt, so daß hier 
kein Platz mehr für jene 7 Völkerschaften zu finden ist; sodann 



DIE INSEL DER NERTHUS. 387 

kann man Helgoland nicht als Insel der Ncrthus ansehen, wie so 
oft geschehen, weil seine jetzige wie vormalige (s. Wiebel) Beschaf- 
fenheit — der ]\[angel eines „castum nemus" nnd eines „lacus secre- 
tus" — dieser Hypothese widerspricht, wie denn auch historisch 
feststeht, daß der Cultus des Gottes Forseti auf Helgoland ein ganz 
andrer gewesen, als die hier völlig unbekannte Verehrung der Göttin 
Nerthus. Das Bedenken Einiger, Tacitus könne die Ostsee nicht als 
'oceamis' bezeichnet haben, ist unbegründet. Er sagt z. B. Cap. 43, 
nachdem er von den Gothonen gesprochen : 2^^'<^f^'ii^s deinde ah 
Oceano Rugü et Lemovii, und gleich nach dem , Cap. 44 : Suionum 
liinc civitates ipsae in Oceano, avo in beiden »Stellen nur von der 
Ostsee die Rede sein kann. 

5. Es giebt aber der fernere Bericht dos Tacitus (Cap. 41 — 44) 
die Mittel an die Hand, die Sitze dieser Völker an und folglich die 
Lage der Nerthus-Insel in der Ostsee noch etwas genauer zu be- 
stimmen. Tacitus geht nämlich von den Nerthus-Völkern , die sich 
in secretiora Germaniae erstrecken, zu der (den Römern) propior Her- 
mundurorum civitas über und zählt den Donaulauf verfolgend — 
nunc Danuhium sequar — die Narisker, Marcomannen und Quaden 
auf. Hinter (j-etro) diesen sitzen die Bergvölker (saltus et vertices 
montium jugumque insldentes) der Marsigni, Gotini, Osi und Burii, 
qid (von Rom aus gesehen) terga Marcomannorum Quadorumque 
claudunt. Jenseits, d. h. nördlich der Gebirge (ultra continuum 
montium jugum , quod dirimit scinditque Sueviam) hausen die lygi- 
schen Völker, trans Lygios, d. h. nördlich von ihnen die Gotones 
und endlich protinns deinde ah Oceano Rugii et Lemovii. Der Sitz 
der Rugier an der Ostsee ist aber nicht zweifelhaft. Die Insel Rü- 
gen mid die Stadt Rugenwalde in Hinterpommern bezeichnen ihn 
deutlich. Es müssen nun aber die 7 Ostseevölker der Nerthus-Ver- 
ehrer westlich von den Rugiern gewohnt haben (wobei wir als 
hier unwesentlich es dahin gestellt sein lassen können, ob die räth- 
selhaften Lemovii östlich oder westlich von den Rugiern ihre Sitze 
gehabt haben), weil Tacitus, welcher, wie er selbst ausdrücklich 
bemerkt (quomodo paido ante Rlienum, sie nunc Danuhium secqua)-), 
eine gewisse durch die Ortlichkeit bedingte Reihenfolge in der Auf- 
zählung der deutschen Völkerschaften beobachtet, unmöglich von 
den Langobarden an der Elbe, welche unmittelbar vor den Nerthus- 
Völkern genannt werden, zu diesen an der Ostsee östlich von Rü- 
gen und von hier wieder zu den Donau- Völkern überspringen konnte. 

25* 



388 KARL MAACK 

Wir sind also genothigt, die Sitze dieser 7 Völker wie nördlich von 
den Langobarden und Semnonen (un und östlich von der Mittelelbe) 
so westlich von den Rugiern zu suchen, d. h. im heutigen Meckeln- 
burg und Holstein und möglicherweise in den Landen und Inseln 
nördlich von den letzteren. Von diesen Gegenden im Norden der 
Elbe passen auch ganz die Worte des Tacitus : haec quidem pars 
Suevorum in secretiora Germaniae porr'ujitur , da derselbe von der 
Elbe selbst sagt: flumen inclytuvn olim , nunc tantwn anditur. Als- 
dann wird man auch finden, daß Tacitus in der Aufzählung dieser 
Völkerschaften eine bestimmte Ordnung innegehalten: denn von dem 
Hauptvolke der Sueven, den Semnonen, ausgehend, führt er die 
benachbarten Langobarden und dann die 7 Nerthus-Völker auf und 
geht nun, weil er hier das Meer erreicht, zu den Donau -Völkern 
über, um mit den Rugiern zum zweiten Male ans Meer zu gelangen. 

6. Das sicherste Mittel zur noch genaueren Bestimmung der Lage 
der Nerthus-Insel ist die Feststellung der Wohnsitze jener 7 tacitei- 
schen Völkerschaften, da man von dem Grundsatze auszugehen be- 
rechtigt ist, daß die Insel in deren Nähe muß belegen gewesen sein 
(3). Es tritt nun aber bei der Bestimmung der Wohnsitze dieser 
Völker, eben weil es Suevcn sind, die Schwierigkeit hinzu, daß 
man im Laufe der Zeiten den Namen eines und desselben Volkes 
in ganz verschiedener, bisweilen weit von einander entfernt liegen- 
der Ortlichkeit vorfindet, so daß über die Richtung der Wanderung 
des Volkes Zweifel obwalten können. Hier sind nun Nebenumstände, 
namentlich die Beachtung der zeitlichen Verhältnisse, an denen das 
Auftauchen der Völkernamen hier oder dort gebunden ist, im Stande 
eine Entscheidung zu liefern, die bisweilen auf eine bloß größere 
oder geringere Wahrscheinlichkeit sich beschränken muß. 

7. Die Ursitze der Angeln, soweit dieselben historisch festge- 
stellt werden können, sind nördlich von der Schlei an längs der 
Ostseite und im Norden Schleswigs zu suchen, wo gegen Abend 
friesische Völkerschaften, gegen Mitternacht die Jütcn ihre Nachba- 
ren waren. Wahrscheinlich erstreckten sie sich auch — abgesehen 
von der dem Festlande so nahe gelegenen Insel Alsen — über 
Fühnen und die benachbarte Inselgruppe bis an den großen Belt 
(Dahlmann), denn die 3 aloecischen Inseln des Ptolomaeus — allem 
Anschein nach Alsen, Fühnen und Aeroe — waren einst anglisch, 
da in einem uralten anglischen Geschlechtsregister (Chronic. Saxon. 
ed. Ingrams p. 23) als Stammheld ein Aloe vorkommt. Bis auf den 



DIE IXSEL DEI? NERTHT^S. 389 

heutigen Tag hat sich des Volkes Gedächtniss und sein Name in der 
kleinen Landschaft Angeln zwischen der Schlei und dem Meerbusen 
von Flensburg erhalten. Der Angelsachse Beda (Histor. eccles. I. 
c. 15) erklärt aber Angidus d. h. Ängid oder OngJiid , qvi ab eo 
tempore icsque hodie manere desertus inter 2^'>"ovincias Jntarum et Sa- 
xonum ijerhihetur , für die Heimat seines Volkes. Gegen diese An- 
sicht, daß hier die Urheimat der Angeln zu suchen sei, hat sich 
Dahlmann ausgesprochen, welcher (Geschichte Dänemarks B. I, S. 15) 
bestimmt erklärt, da(,^ das Volk der Angeln von Süden der Elbe 
nach Schleswig gekommen sei, und in einer Note hinzufügt: Ptolo- 
maeus fand die Angeln dort noch (nämlich im Süden der Elbe), 
während Tacitus (Germania 40) sie ohne genauere Bestimmung auf- 
führt. Um nun diese Frage zur Entscheidung zu bringen , haben 
wir uns zuvörderst an den Ptolomaeus zu wenden. Nachdem dieser 
die Völkerschaften des kimbrischen Chersonesus, sowie diejenigen 
aufgeführt, welche von dem Chalusus (der Schwartau) bis zur Weich- 
sel hin längs der Küste der Ostsee wohnen, ftihrt er (lib. 11, c. 10) 
fort: Vcöy 81 ivzoi^ xai iitßoytibiv s&väv ^tyiga niv ^V' ^^ 7* ^wr ^ovrißtov 
rar ^AyyiXäv, oi ti(n nvaroXixMrfQOt rööv Aayyoßäodcov , avatihovng nqbg 
rag ccQxrovg f'tXQ' ^^^ fitcfcov rov "AXßiog TTora^wv neu ro täv ^ov^ßmv 
rar ^Sfivoycov , oi'rtvfg dnqxovffi fisra r6v"Alßtv anu rov HQr]invH ^tQOvg 
TToog draroXug fn'xQ' '^^^' ■^ovi]ßov noTafiöv etc. Später heißt es: 'Eläcraova 
81 s&rrj xäi fura^v y.thrai Kav/wr idv tmv fiiHQMv (nach Ptolomaeus zwi- 
schen Ems und Weser) y.äi tmv ^Lovr^ßcor *) BovrrüxrfQOt oi fHiLopeg. 
Ferner: Kaviar 8t rcSr fin^önor (zwischen Weser und Elbe) xca rm> 
JEov^ßcor *) 'AryQioväoioi , iha Aay.y.oßäo8oi etc. Aus diesen Stellen 
folgt, daß das im Gegensatz zu den vorhergehenden Küstenbewoh- 
nern im Inneren und mitten im Lande wohnende große Volk der 
Angeln sich gegen Osten bis an die Mittelelbe erstreckte ; gegen 
Westen dehnte es sich wenigstens bis an die Weser aus, wo die 
großen Bructerer sie von den kleinen Kauchen schieden, während 
zwischen Weser und Elbe im Norden die Angrivarier sie von den 
großen Kauchen trennte. Die Worte des Ptolomaeus sind hier klar, 
nur allein über die Sitze der Langobarden schwebt ein gewisses 
Dunkel. Die Angeln sollen östlicher als die Langobarden im 
Norden bis an die Mittelelbe sich erstrecken. Unmöglich können 

*) Die Sueven, von denen Ptolomäus hier spricht, können nur die Angeln sein, 
denn das zweite Volk der Sueven, das er erwähnt, die Seninonen, wohnten nach ihm 
jenseits der Elbe, gen Osten hin. 



390 KARL MAACK 

aber die Langobarden westlich von den gegen Westen bis an die 
Weser sich erstreckenden Angeln gewohnt haben, wo ja die Sitze 
der großen Brncterer waren, und ebenso unpassend wäre der Aus- 
druck, daß die Angeln sich im Norden bis an die Mittelelbe er- 
streckten. Erinnert man sich aber der Ansicht der Alten und nament- 
lich des Ptoloniaeus , wonach der Norden gegen Nordosten hin zu 
liegen kommt, so erklären sich die gebrauchten Ausdrücke von 
selbst und es kommen die Langobarden neben den Angrivariern — 
denn Ptoloniaeus, AaxxoßäQdoi und AayyoßaQ^oi sind dasselbe Volk — 
in ihre alten Sitze im Bardengau und Laingau im Norden der An- 
geln. Hier in diesen alten Sitzen der Angeln finden wir an der 
Unstrut ein Angelagowe und, was höchst merkwürdig, ganz diesel- 
ben Ortsnamen wieder, welche uns im nördlichen Schleswig begeg- 
nen: Abbenrode, Tundern, Harsleben, Kolding und Ripen *). Es 
fragt sich nun, welche Orte, ob die schleswig'schen oder südelbischen 
die Mutter- und welche die Tochterortschaften sind. Bei den Namen 
Abbenrode, Tundern, Harsleben und Kolding kann diese Frage nicht 
entschieden werden, dagegen führt der Name Ripen, der nach Dank- 
werth (p. 77) im Altfriesischen Ufer bedeutet — ein zweites Ripen 
lag auch einst am Heverstrom — zu dem nothwendigen Schlüsse, 
daß das jetzt jüt'sche Ripen die Mutter-, das scliauenburgische die 
Tochterortschaft gewesen. Denn wie sollte man mitten im Lande 
dazu gekommen sein , einen Ort nach dem Ufer zu benennen, wenn 
nicht die ersten Anbauer einst einen gleichnamigen Ort, der am 
Ufer gelegen, bewohnt hätten? Sind aber die Bewohner von Ripen 
von Norden nach Süden gezogen, dann müssen es auch die Bewoh- 
ner der übrigen gleichnamigen Orte, und folglich wird Schleswig 
die Urheimat der Angeln gewesen sein. Wir finden aber die Angeln 
noch an andern Orten. So sagt Adam von Bremen (Histor. eccles. 
Lc. 3): Igitur Saxones primo circa Rhenum secles hahebant , et vocati 
sunt Ängli, quoruvi pars inde veniens in Britanniam Romanos ab illa 
depulit insida : altera pars Thuringiam oppugnans tenuit eam regionem. 
Enthält nun freilich der gute Wiener Codex des Adam die Worte : 
et vocati sunt Angeli nicht und mögen sie daher ein späteres Einschieb- 
sel sein, so geben sie dennoch nichts desto weniger den Beweis ab. 



') Der Chronik zufolge zogen die Eimvohner von lüttjen Harsleben nacli llalber- 
stadt und erbauten die Harslebener .Stral^e. Bischof Rudolf I. von Halberstadt be- 
stätigte 1145 die Stiftung des Klosters von Abbenrode. Über Kolding und Ripen 
cfr. v. Axen's Dijdomatar der Grafschaft Schauenburg. 



DIE INSEL DER NERTHUS. 391 

daß auch hier einst Angehi gesessen, denn wie wäre sonst eine 
solche Glosse möglich? Ein Theil der Angeln schloß sich den Ale- 
mannen an und wohnte am Oberrhein, südwestlich von Heidelberir 
im s. g. Anglachgau. Endlich gab es auch Angeln in Belgien. Auf 
diese bezieht sich das Gesetz^ welches den Titel führt: Lex Anglo- 
rum et Werinorum h. e. Tliuringorum, das nach H. Müller um das 
Jahr 55G verfasst, von Karl dem Großen revidiert wurde. Da es nun 
im Vin. Jahrhundert keine selbständige Angeln und Warner an 
der Elbe mehr gab , so kr)nnen nicht die Ostthüringer es sein, deren 
Gesetz uns hier vorliegt. Daß es aber belgische Thüringer damals 
gab, werden wir bei den Warnern nachweisen. Es ist demnach 
klar, daß die später in der Geschichte auftretenden rheinischen und 
belgischen Angeln Abkömmlinge sind der südelbischen. Wenn diese 
letzteren nun nicht aus Schleswig in die südelbischen Lande einge- 
wandert, sondern umgekehrt, wenn wir mit Dahlraann annehmen, 
daß sie von Süden nach Norden gezogen , so werden wir dadurch 
in unlösliche Widersprüche verwickelt rücksichtlich der Zeitrechnung. 
Denn da, wie wir oben bewiesen haben , zu Tacitus Zeiten (zu Ende 
des ersten Jahrhunderts) die 7 Nerthus -Völker, zu denen die Angeln 
ja gehörten, bereits Küsteubewohner der Ostsee gewesen, so muß 
diese angebliche Einwanderung aus dem Süden schon vor Tacitus 
Zeit stattgefunden haben. Unter Augustus aber und Tiberius^ wo 
die Römer ihre vielen Feldzüge zwischen Weser und Elbe machten, 
finden wir hier in diesen Gegenden keine Spur der Angeln ; folglich 
müßten sie in den ungefähr (30 — 70 Jahren , welche zwischen jenen 
Feldzügen und des Tacitus Zeit liegen, aus ganz unbekannten Wohn- 
sitzen und aus unbekannten Ursachen L in die südelbischen Lande, 
2. aus Südalbingien nach der Ostseeküste gezogen sein. Wie un- 
wahrscheinlich, ja unmöglich ist ein solcher doppelter Umzug in so 
kurzer Zeit! Es können aber nicht alle Angeln gegen Norden ge- 
zogen sein , weil dann Ptolomaeus sie nicht noch an der Mittelelbe 
als ein großes Volk hätte aufführen können. Warum spricht nun 
aber Tacitus nicht auch von südelbischen, und warum Ptolomaeus 
nicht von meeranwohnenden Angeln ? Es ist unbegreiflich und un- 
erklärlich. Jene hypothetische Wanderung nach dem Norden kann 
sich aber nicht auf die Angeln allein beschränkt haben, denn un- 
denkbar ist es , daß, falls die übrigen 6 Nerthus -Völker schon früher 
ihre Sitze an der Ostsee eingenommen hatten, dem eindringenden 
zahlreichen Volke der Angeln friedliche Wohnsitze — der schönste 



392 KARL MAACK 

Theil des Landes — eingeräumt und es aufgenommen worden sei 
in ihre Cultusgcmeinscliaft. Noch unmöglicher ist in diesem Zeit- 
räume aber die Gesammtwanderung aller dieser 7 Völker gegen 
Norden ; denn einmal wissen wir nichts von südelbischen Sitzen der 
übrigen G Nerthus -Völker und dann ist uns das vordrängende, 
treiben de Volk völlig unbekannt, welches diese Völkerwanderung 
zuwege gebracht. Dieß müßte uns aber bekannt sein; denn wenn 
der Völkerzug nach Norden ging, so muß das drängende Volk von 
Süden her gekommen sein, von dem aber die Geschichte in diesem 
Zeitraum — von Tiberius bis Tacitus — gar nichts weiß. Hat man 
sich dagegen überzeugt, daß das zu Tacitus Zeiten au der Ostsee 
seßhafte Volk der Angeln nach seiner Zeit, um die Mitte des zwei- 
ten Jahrhunderts, als Ptolomaeus schrieb, von Norden nach Süden 
zur Mittelelbe gewandert sei, so fallen alle diese Schwierigkeiten 
und Widersprüche hinweg und wir können uns sogar Rechenschaft 
geben von dem treibenden Volke, welches den Bund der Nerthus- 
Völker sprengte. Es ist dieß das zuerst von Ptolomaeus genannte 
Volk der Sachsen. Es würde uns zu weit abführen, wollten wir 
auf die Urgeschichte dieses Volkes specieller eingehen und seine 
Verschiedenheit von den 7 Nerthus -Völkern, mit denen man sie 
identificiert hat, nachweisen; nur so viel können wir noch bemer- 
ken, daß durch die Einwanderung der Sachsen in Holstein und die 
Vertreibung der 7 Nerthus -Völker der erste Anstoß gegeben ward 
zu jener Völkerwanderung, die sich dem Römerreiche durch die 
marcomannischen Kriege fühlbar machte, von dem Jul. Capitolinus 
in der vita Marci Antonini, Cap. 14, sagt: Profecti itaque sunt pa- 
ludati amho imperatores, Victovalis et Marcomannis cuncta turbanti- 
hus; aliis etiam gentibus, quae pidsae a stqyeriorihns harharis fucferant, 
nisi recijjerentur , bellum inferentibus. 

8. Die Warner oderWeriner kommen in der Geschichte fast 
immer zusammen genannt mit den Angeln voi'. Es sind Ptolomaeus' 
^OviQOvvoi , von denen er sagt : {(itTa^v y.Hvttu) I^a^orcar dl y.al rcör 
Uovrjßbjv TiVToroKQoi xal VviQovioi. Unter den Sueven sind hier wohl 
die Semnonen zu verstehen. Die Virumen saßen also am rechten 
Elbeufer nördlich von den Semnonen und erstreckten sich etwa bis 
über das Havelland nach Osten, wohin sie von den Sachsen ver- 
drängt worden waren. Zu Tacitus Zeiten saßen sie nördlicher am 
Meeresufer an dem nach ihnen benannten Plusse Warnow. Es giebt 
in Meckelnburg noch mehrere Ortsnamen , die ■ auf die Warner zu 



DIE INSEL DER NERTHUS. - 393 

deuten scheinen : die Städte Waren und "Warin , die Dörfer Warnitz, 
Warnow und Warnikow — auch in Holstein , in der Probstei , giebt 
es ein Warnow, in Schleswig, in Sundewitt ein Warnitz; doch 
erregen sich Bedenken ;, diese Ortsnamen von dem Volksnamen ab- 
zuleiten , weil im Wendischen — bekanntlich nahm später diel5 sla- 
vische Volk das Land ein — Svarnowasch' befestigen heißt und jene 
Orte ihren Namen daher wahrscheinlich von Befestigungen (Wart- 
thürmen) erhielten. Der Flui.> Warnow konnte aber nicht nach die- 
sen Vertheidigungswerken benannt worden sein. Ob er aber von 
den suevischen Warnern oder von den slavischen Warnabi des Adaras 
von Bremen, den Warnavi des Helmolds genannt, sie, die zwischen 
den Hevellern und Obotriten ihre Wohnsitze hatten, ist noch die 
Frage. Jedenfalls müssen einst Sueven an dessen Ufern gewohnt 
haben, denn beim Ptolomaeus heißt der Fluß Suebos. Wenn wir 
aber am Ausflusse der Warnow einen Ort Warnemünde finden und 
damit die Thatsache in Verbindung bringen, daß in Holland, eine 
halbe Meile von Leiden, ein Dorf Wärmend liegt, d. h. ein Name 
mit holländischer t-Endigung, dem Namen Warnemünde vollkommen 
entsprechend, so folgt daraus einmal, daß im Laufe der Zeit ein 
Theil der Warner nach Holland hin verschlagen ist, eine Folgerung, 
die auch noch durch anderweitige Thatsachen bestätigt wird und 
sodann , daß diese Warner vormals einen Ort Namens Warne- 
münde bewohnt haben müssen, Aveil es sonst unerklärlich wäre, wie 
sie ihrem neuen Wohnsitz einen solchen Namen hätten geben können, 
da dieß Dorf an gar keinem Flusse liegt. Es wohnten einst War- 
ner an der Warnow bis gegen die Ostsee hin. Die Warner kommen 
noch mehrmals in der Geschichte vor: hier besprechen wir nur die 
Stellen, aus denen ein Schluß in Betreff ihrer Sitze zu ziehen ist. 
Theodorich, der König der Ostgothen, schrieb nach Cassiodorus 
einen Brief an die Könige der Heruler, Warner (Guarni) und Thü- 
ringer, sie auffordernd, mit ihm und den Burgundern gemeinsame 
Gesandten an den Frankenkönig Chlodowig zu schicken, daß er 
ablasse von seinem Grimme gegen die Westgothen. Dieser Brief ist 
wahrscheinlich aus dem Jahre 506. Es ist kein Circularschreiben, 
sondern ein Sendschreiben an die drei Brüder, welche damals das 
Königsgeschlecht der Thüringer bildeten. Daraus folgt, daß die Sitze 
der Warner in der Nähe der Thüringer gewesen sein müssen. 

Procop erzählt (de hello Gothico H, 15), daß, als die Heruler 
in der Donaugegend [d. h. nördlich der Donau] unter der Regierung 



394 KARL MAACK 

des Kaisers Anastasius [491 — 518] von den Langobarden überwun- 
den wurden [wahrscheinlich 494 zwischen der Donau und Theiß], 
einige südlich über die Donau zum Kaiser Anastasius flüchteten, 
der sie (512) Avohl aufnahm [uiunlich in die Umgegend von Singe- 
don (Belgrad)], während andre unter Häuptlingen vom Königsge- 
schlecht [gegen Nordwesten] nach den äußersten Gegenden der Erde 
zogen. Sie durchzogen die Völker der Sclavinen (Slaven) , darauf 
öde Gegenden (wohl zwischen Weichsel und Oder), bis sie die s. g. 
Warner erreichten ; darauf zogen sie durch der Dänen Völker {Javäv 
ta i&vT]) [d. h. nicht die Dänen , sondern die von den Dänen unter- 
worfenen Völker], ohne daß die Barbaren sie hier bezwingen konn- 
ten. Nachdem sie das Meer [das Kattegat] erreicht, schifften sie 
sich ein und landeten auf der Insel Thule [Scandinavien] , wo sie 
sich bei den dort zahlreich wohnenden Gauten [Westgothen] nieder- 
ließen. Auch diese Stelle deutet auf den Sitz der Warner in der 
Nähe der ölittelelbe, jedoch zu unbestimmt, um genauer denselben 
festzustellen. 

Wichtiger ist die Nachricht des Gregors von Tours und des 
Paulus Diaconus, daß als 2G,000 Sachsen mit den Langobarden nach 
Italien zogen, „Sueven jenseits der Elbe" die von den Sachsen ver- 
lassenen Landstriche [das Gebiet von Anhalt, Mannsfeld und Hal- 
berstadt] und zwar mit Bewilligung der fränkischen Könige Sigebert 
und Chlotar besetzten. Da der letztere 561 gestorben ist, so muß die- 
ser Einzug vor diesem Jahre stattgefunden haben. Diese Sueven 
jenseits der Elbe müssen Warner gewesen sein ; sie bewohnten den 
ScliAvabengau, Suevon, zwischen Säle, Bode und Unterharz, einen 
District, den vor den ausgewanderten Sachsen nach Zeuß die An- 
geln besessen hatten. Und als nun die mit den Langobarden gegen 
Welschland gezogenen Sachsen nach Italiens Eroberung wieder heim- 
kehrten, kamen sie im Kampfe mit jenen Sueven um, die indessen 
ihre alten Wohnsitze besetzt hatten. Sie hießen fortan Nordschwa- 
ben , die ihre Rechtseigenthümlichkeiten bewahrten und sich den 
Sachsen anschlössen. 748 unterwarf Pipin diese sächsischen Nord- 
schwaben. 

Zu Procops Zeiten linden wir Warner in Holland an der Nord- 
see, wo der Rhein sie von den Franken schied (Bellum Gothic. IV, 
20). Nach demselben waren Hermegisclus (d. h. Ermingisil) und 
sein Sohn Radiger Könige der niederrheinischen Warner. Hier ist 
auch das niederländische Thüringen zu suchen. Denn Gregor von 



DIE INSEL DER NERTHUS. 395 

Tours (II, 12) berichtet: als die Franken ihren König Chiklerich 
verjagten, floh er über den Rhein in ein Land Namens „Thoringia," 
dessen Königin, Basina, Childericli entführte und mit ihr den gro- 
ßen Chiodowech zeugte, von dem es heißt (II, 27): Thoringis hel- 
tum intnllt eosdemqne suis (litionlhns snhjugavlt. Dieß kann aber 
unmöglich Ostthüringen sein , von dem er durch viele Völkerschaf- 
ten getrennt war. Dieß Tliüringen am Niederrhein zerstörte der 
Frankenkönig Childebert IL 595, der mit den Warnern kämpfend, 
sie bis auf wenige Reste vernichtete. Endlich theilt Procop die 
merkwürdige Nachricht mit, daß Augustus den Thüringern eine Nie- 
derlassung gestattet habe, welche östlich gelegen von dem vereinten 
Reiche der Franken und Armoriker. Dieß können nicht die Ost- 
th